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2.11.2013
Ein neuer Andrea-Tag begann, zunächst wieder mit Schminken und Frühstück im Hotel. Ich trug mein beiges Strickkleid, anthrazitfarbene Strumpfhosen und schwarze Stiefel. Draußen zog ich meinen cremefarbenen Anorak darüber. Das Foto in meiner Galerie stammt von einem früheren Ausflug in diesem Outfit:
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Für den heutigen Vormittag hatte ich mir einen Besuch im Asisi-Panometer vorgenommen. Dort wird zur Zeit das angeblich weltgrößte Panoramabild "In den Wirren der Völkerschlacht" gezeigt. Das historische Ereignis dazu jährte sich ja erst vor wenigen Tagen zum 200. Mal.
Nach etwa 30 Minuten mit der Straßenbahn und 5 Minuten Fußweg stand ich plötzlich vor einer riesigen Menschenschlange. Mit so einem Andrang hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Aber was soll"™s, wenn ich einmal da bin! Mit dem Wetter hatte ich übrigens Glück. Es gab zwar einige Regenschauer, aber immer dann, wenn ich irgendwo drin war. So blieb ich auch trocken, als ich etwa 20 Minuten vor dem Panometer warten musste.
Vor mir war ein Mann an der Kasse, der nur große Geldscheine bei sich hatte. Während die Kassiererin noch nach Wechselgeld suchte, sagte ich, dass ich wechseln könne. Sie ließ sich dadurch aber nicht beirren, bis der Mann vor mir wiederholte, dass "der Herr" wechseln kann, ohne sich nach mir, die damit wohl gemeint war, umzudrehen. Auweia! Hatte er mich schon erkannt, als wir zeitweise nebeneinander in der Schlange standen oder hat ihn nur meine Stimme zu dieser Aussage gebracht? Es war natürlich auch dumm von mir, jemanden von hinten anzusprechen. Wie dem auch sei, die Kassiererin hatte inzwischen ihr Wechselgeld zusammen und die Sache sich erledigt.
Ich wollte eine Führung mitmachen, aber die nächste, in der noch ein Platz frei war, begann erst in über einer Stunde, obwohl wegen des Andrangs deutlich mehr Führungen als sonst angeboten wurden. Ich konnte die Zeit aber nutzen, einen ersten Blick auf das Panoramabild und die begleitende Ausstellung zu werfen. Mindestens genauso interessant war ein Film über die Entstehung des Bildes. Kaum vorstellbar, welche Sisyphusarbeit dahintersteckt, alle Details an der richtigen Stelle ins rechte Licht zu rücken. Mein Respekt vor dem Künstler und seinem Team stieg dadurch ungemein.
Die Führung brachte auf unterhaltsame und anschauliche Weise einige historische Hintergründe und Details der Leipziger Völkerschlacht näher. Erst danach hatte ich Zeit, das Panoramabild mir etwas genauer anzusehen. Der beste Blick bietet sich von einem Podest in der Mitte des Raumes. Klar, dass bei dem Andrang an diesem Tag auch hier etwas Geduld gefragt war, um diesen Blick mal nach allen Seiten zu haben.
Das Bild stellt übrigens keine Szene der Völkerschlacht dar, sondern deren Auswirkung auf die Stadt Leipzig, genauer gesagt, die chaotischen Zustände nach der Schlacht von der Thomaskirche aus betrachtet, als zig-tausend Soldaten (etwa das Vierfache der damaligen Einwohnerzahl) teilweise schwer verletzt in die Stadt strömten. Obwohl Leipzig von direkten Kampfhandlungen verschont blieb, waren die Auswirkungen für die Stadt verheerend.
Nach diesem ausgiebigen Exkurs in die Geschichte, war die Mittagszeit schon wieder so gut wie vorbei. Ich fuhr zurück ins Stadtzentrum und fand zum Glück eine Gaststätte für ein richtiges Mittagessen. Danach blieb gerade noch etwas Zeit für einen kurzen Spaziergang um den Markt, bevor ich wieder zurück ins Hotel fuhr.
Jetzt galt es, mich für den nächsten großen Opernabend vorzubereiten. Da am Vorabend einige Frauen sehr schöne festliche Kleidung trugen, entschloss ich mich, diesmal mein langes rotes Abendkleid anzuziehen. Das sollte sich später als gute Entscheidung erweisen.
Wegen des milden Wetters verzichtete ich diesmal auf einen Wechsel der Schuhe und ging gleich in meinen schwarzen Sandaletten los. Darüber zog ich nur meinen cremefarbenen Anorak. In der Straßenbahn bin ich mit diesem Outfit, außer beim Einsteigen, wahrscheinlich nicht allzu sehr aufgefallen, da ich auf meinem Sitzplatz größtenteils nur obenherum zu sehen war.
Auf dem Spielplan stand "La Traviata", eins der berühmtesten und meistgespielten Werke von Giuseppe Verdi. Und es handelte sich, wie ich erst vor Ort erfuhr, um eine besondere Aufführung: Erstmals nach über einem Jahr Zwangspause wurde eine seit vielen Jahren beliebte und oft gespielte Inszenierung wieder aufgeführt, nachdem zwischenzeitlich eine Instandsetzung des Bühnenbildes erforderlich war. Die Instandsetzung wurde durch Spenden finanziert und dieser Umstand sorgte für ein gewisses (lokales) Medieninteresse und einige (mir nicht näher bekannte) prominente Gäste.
Erstaunlicherweise hatte das auch entscheidenden Einfluss auf die Kleiderordnung der "normalen" Besucher. Abgesehen von einigen wenigen "Ausrutschern" habe ich noch nirgendwo so viele exklusive Abendkleider gesehen, wie an diesem Abend in der Leipziger Oper. Hinzu kamen noch einige Damen und Herren vom Opernchor, die sich, unübersehbar durch die extrem weiten Reifröcke der Damen, vor Beginn der Vorstellung und in der Pause unter das Publikum mischten und für zahlreiche Fotomotive herhalten mussten. Ich habe mir diese Gelegenheit auch nicht entgehen lassen:
gallery/image_page.php?album_id=677&image_id=8190 Ich weiß nicht, ob man mir ansieht, wie wohl ich mich in dieser Atmosphäre gefühlt habe.
Das Bühnenbild, von dem ich schrieb, besteht übrigens nur aus dem Bühnenboden, aus dem in einer Szene (künstliche) Blumen "wachsen", die später "gepflückt" werden. Mehr war nicht dazu. Braucht es auch nicht! Verdis Musik spricht sowieso für sich, und dazu die herrlichen (eigentlich die damenhaften) Kostüme in zwei großen Ballszenen — ein Genuss, wie ich ihn gar nicht in Worte fassen kann!
Die Handlung und Entstehungsgeschichte der Oper können Interessent(inn)en hier nachlesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/La_Traviata
Die Vorstellung war übrigens so gut wie ausverkauft und der Beifall danach wollte nicht enden. Zum Abschluss gab es noch eine Autogrammstunde mit den Hauptdarstellern. Ich habe mich zwar für diese "Kritzelei" noch nie interessiert, aber heute sah ich darin eine gute Gelegenheit, den schönen Abend noch etwas zu verlängern. Erstaunlicherweise waren nur sehr wenige Autogrammsammler unter den Besuchern, sodass ich ohne Drängelei zu den Darstellern kam und mit denen noch ein paar Worte wechseln konnte.
Einen kleinen Wermutstropfen dieses überaus erlebnisreichen Tages gab es auf der Fahrt zurück ins Hotel, als ich zum zweiten Mal an einem Tag erkannt wurde: In der Straßenbahn setzte sich ein Mann (ca. Mitte 40) mir gegenüber und schaute mich permanent an. Nur wenn ich zurücksah, wandte er seinen Blick von mir ab. So wartete ich, bis ich aussteigen konnte um diese unangenehme Situation zu beenden. Doch der Mann stieg auch aus und sprach mich noch an der Haltestelle an.
Er duzte mich gleich und wollte wissen, wie ich heiße. Nach einigem Zögern nannte ich meinen weiblichen Namen. Er sagte daraufhin: "Nein, du bist nicht Andrea." Ich entgegnete ihm: "Gut, wenn das so ist, was möchtest du von mir?" Er erklärte mir dann, dass er Friseur sei und meine Haare gern anders gestalten würde. Er fragte auch, ob das meine echten Haare wären und hatte schon ziemlich genaue Vorstellungen, wie meine Frisur danach aussehen könnte. Ich erwiderte, dass ich an derartigen Veränderungen kein Interesse habe.
Wir unterhielten uns noch kurz über das, was mich in diesem Outfit hierher treibt, aber sehr ergiebig war das Gespräch nicht. Auf meine Erklärung, dass ich von außerhalb komme, hier im Hotel übernachte, in der Oper war und das alles als Frau viel Spaß macht, kam mehrmals nur ein zweiflerisches "Ich glaub"™s nicht!" Als ich fragte, was er nicht glaube oder ob er noch etwas wissen möchte, blieb er sprachlos. So trennten sich unsere Wege. Ich hatte nur noch wenige Meter bis zum Hotel.
Das war das Ende eines Andrea-Tages, den ich wohl so schnell nicht vergessen werde. Was für eine Mischung aus kulturellem Hochgenuss, interessantem Geschichtsunterricht, aber auch Momenten, die mich nachdenklich stimmten!