Re: Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Verfasst: Di 26. Apr 2016, 11:20
Er war sichtlich verdattert und nahm die Schlüssel und Papiere wortlos entgegen. Er fragte mich nicht, wie die Aktion gelaufen war. So ein Feigling!
"So, ich muss dann mal wieder", er verabschiedete mich und drängte mich förmlich hinaus.
Aber so leicht sollte er nicht davonkommen.
Ich schaute kurz bei der alten Dame vorbei, die sich freute, obwohl ich noch keine Fotos dabeihatte. "Ist nicht schlimm", sagte sie, "aber kannst Du mir einen anderen großen Gefallen tun?"
"Natürlich" sagte ich, ohne nachzudenken.
"Es ist aber ein wenig intim!"
Ich wunderte mich.
"Du müsstest mit mir ins Schlafzimmer kommen."
Sie wollte doch wohl nicht"¦
""¦ und könntest mir helfen, das Bett zu beziehen; ich kann so schlecht über die Matratze rübergreifen, um das Laken ordentlich in die Ecke zu stopfen! Früher habe ich das immer mit meinem Mann gemacht. Zu zweit geht es besser"
"Kein Problem!"
Im Nu hatten wir die Aufgabe erledigt.
Ich machte mich auf den Rückweg. Mit der alten Dame hatte ich mich für die nächsten Tage verabredet, um weitere Fotos zu machen und die ersten Abzüge vorbeizubringen.
Ich schaute in meinem Stamm-Kiosk vorbei, um nach neuen Zeitschriften zu fragen und Pfeifenfilter zu kaufen. Mir fielen gedruckte Plakate auf, die auf dem Tresen lagen und neben einem Logo der Zeitung auch noch ein großes "ZU VERKAUFEN" und einige Felder zum Selbsteintragen zeigten.
"Is"˜ vonner Zeitung", sagte der Kioskmann, "es fahren doch so viele in die Autokinos und wollen da ihre Karre zum Verkauf anbieten. So kann die Zeitung gleich ein wenig Werbung für sich machen.
kannst Du so etwas brauchen?"
"Ja", antwortete ich, "gib mal zwei, drei mit; ich glaube ein Bekannter von mir kann die brauchen!"
Er rollte die Plakate ein und streifte ein Gummiband über die Rolle.
"Kann ich sonst noch etwas für Dich tun?"
Das neue Foto-Magazin war noch nicht da, so verließ ich den Kiosk, ohne etwas zu kaufen. "Bis morgen oder übermorgen!" — die Türglocke übertönte seine Antwort.
Antje war nicht in meiner Wohnung — und das war auch gut so. Ich rührte in der Küche Entwickler und Fixierer für die Filme an und zog mich dann, als die Chemie gut aufgelöst war und die Flüssigkeiten die richtige Temperatur hatten, in mein kleines Bad zurück, das ich ganz verdunkeln konnte. Die Wohnungstür hatte ich abgeschlossen und den Schlüssel von innen steckengelassen. So konnte wohl niemand ohne Gewaltanwendung in die Wohnung kommen. Schließlich brauchte ich meine Ruhe. Das Einspulen der Filme war in völliger Dunkelheit eine etwas fummelige Angelegenheit und gerade der Film meiner Tante war aus widerspenstigem Material und sträubte sich zunächst gegen eine Aufnahme in die Spirale und rutschte immer wieder aus der "Mitnehmernase", wo man ihn einhaken sollte. Zuletzt klappte es dann doch noch.
Ich wählte eine mittlere Entwicklungszeit und hoffte, dass beide Filme damit gut und richtig bedient waren. Ich hatte einen kurzen Schlauch auf den Dosendeckel geschoben, der mit dem Wasserhahn verbunden war. So konnte ich nach dem Entwickeln gut spülen, bevor ich den Fixierer einfüllte.
Das abschließende Wässern der beiden Filme versüßte ich mir mit einem Kaffee und einer Zigarette.
Danach legte ich sie kurz in ein Bad, das die Filme widerstandsfähiger machen sollte und streifte die Nässe ab, indem ich die Filme zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurchzog.
Ich hatte es eilig; deshalb nahm ich den Fön und blies die beiden Filme bei geringer Wärme trocken. Ich hatte sie auf einen Bügel gehängt und die unteren Enden mit einem Gewicht beschwert.
Entwickler und Fixierer füllte ich in die bereitstehenden Kanister; denn ich wollte sie aufheben, falls ich in den nächsten Tagen noch einmal darauf zurückgreifen sollte.
Nun musste ich alles für die Vergrößerungen vorbereiten. Ich ärgerte mich darüber, dass es so beengt war und ich improvisieren musste.
Einm war mir sogar eine volle Entwickler-Schale in die Duschwanne gedonnert.
Aber immerhin: hier konnte ich meine Abzüge machen, ohne dass mich jemand störte.
Die Fotos, die ich mit der Kamera meiner Tante gemacht hatte, waren von überraschend guter Qualität. Obwohl sie unter widrigen Umständen gemacht wurden, zeigten sie alle Details.
Sehr zufrieden war ich auch mit meinen Fotos, die ich vom Balkon der alten Dame gemacht hatte.
"Hinterhofidylle" fiel mir dazu ein.
Einige Abzüge machte ich doppelt, schließlich hatte ich versprochen, ihr Fotos mitzubringen.
Meine ganze Ausbeute legte ich auf Zeitungen zum Trocknen.
Bei einem Feierabendbier und einem Blick in meine Zeitungen und Zeitschriften hatte ich dann eine gute Idee für den nächsten Tag. Allerdings war ich mir durchaus bewusst, dass etliche Gefahren auf mich lauerten. Immer wieder war nachzulesen, welche geringen Anlässe dazu führten, nach dem Radikalenerlass "ausgemustert" zu werden.
Dabei mussten diese Anlässe nicht einmal der Wahrheit entsprechen — und oftmals waren sie konstruiert und kamen aus dem Reich der Fantasie.
So sind einige groteske Prozesse geführt worden; denn die "Angst" vor der "Gefahr von links" trieb seltsame Blüten, während das rechte Auge weitaus unempfindlicher war und oftmals durch zusätzliches Vorhalten der Hand absichtlich blind gemacht wurde. Ich musste endlich dafür sorgen, Braun loszuwerden, ohne selbst Schaden zu nehmen.
Lachen musste ich über einige Artikel aber auch. So schrieb der Stern, dass die DDR doch tatsächlich vorhatte, die "Sommerzeit" einzuführen. Dann hätten wir nicht nur zwei deutsche Staaten, sondern sogar unterschiedliche Zeiten.
"So"™n Quatsch", ich musste lachen.
Ich schaute mir noch einmal meinen kleinen Sender an und hatte kurz die Idee, Braun mit eigenen Waffen zu schlagen und abzuhören.
Mir fiel aber keine Methode ein, das kleine Gerät bei ihm unterzubringen. Den Gedanken, eine Tasche mit dem Sender bei ihm zu "vergessen"
verwarf ich recht schnell wieder; denn er rechnete vermutlich mit solchen Angriffen — nicht nur von mir und würde regelmäßig sein Umfeld kontrollieren.
"So, ich muss dann mal wieder", er verabschiedete mich und drängte mich förmlich hinaus.
Aber so leicht sollte er nicht davonkommen.
Ich schaute kurz bei der alten Dame vorbei, die sich freute, obwohl ich noch keine Fotos dabeihatte. "Ist nicht schlimm", sagte sie, "aber kannst Du mir einen anderen großen Gefallen tun?"
"Natürlich" sagte ich, ohne nachzudenken.
"Es ist aber ein wenig intim!"
Ich wunderte mich.
"Du müsstest mit mir ins Schlafzimmer kommen."
Sie wollte doch wohl nicht"¦
""¦ und könntest mir helfen, das Bett zu beziehen; ich kann so schlecht über die Matratze rübergreifen, um das Laken ordentlich in die Ecke zu stopfen! Früher habe ich das immer mit meinem Mann gemacht. Zu zweit geht es besser"
"Kein Problem!"
Im Nu hatten wir die Aufgabe erledigt.
Ich machte mich auf den Rückweg. Mit der alten Dame hatte ich mich für die nächsten Tage verabredet, um weitere Fotos zu machen und die ersten Abzüge vorbeizubringen.
Ich schaute in meinem Stamm-Kiosk vorbei, um nach neuen Zeitschriften zu fragen und Pfeifenfilter zu kaufen. Mir fielen gedruckte Plakate auf, die auf dem Tresen lagen und neben einem Logo der Zeitung auch noch ein großes "ZU VERKAUFEN" und einige Felder zum Selbsteintragen zeigten.
"Is"˜ vonner Zeitung", sagte der Kioskmann, "es fahren doch so viele in die Autokinos und wollen da ihre Karre zum Verkauf anbieten. So kann die Zeitung gleich ein wenig Werbung für sich machen.
kannst Du so etwas brauchen?"
"Ja", antwortete ich, "gib mal zwei, drei mit; ich glaube ein Bekannter von mir kann die brauchen!"
Er rollte die Plakate ein und streifte ein Gummiband über die Rolle.
"Kann ich sonst noch etwas für Dich tun?"
Das neue Foto-Magazin war noch nicht da, so verließ ich den Kiosk, ohne etwas zu kaufen. "Bis morgen oder übermorgen!" — die Türglocke übertönte seine Antwort.
Antje war nicht in meiner Wohnung — und das war auch gut so. Ich rührte in der Küche Entwickler und Fixierer für die Filme an und zog mich dann, als die Chemie gut aufgelöst war und die Flüssigkeiten die richtige Temperatur hatten, in mein kleines Bad zurück, das ich ganz verdunkeln konnte. Die Wohnungstür hatte ich abgeschlossen und den Schlüssel von innen steckengelassen. So konnte wohl niemand ohne Gewaltanwendung in die Wohnung kommen. Schließlich brauchte ich meine Ruhe. Das Einspulen der Filme war in völliger Dunkelheit eine etwas fummelige Angelegenheit und gerade der Film meiner Tante war aus widerspenstigem Material und sträubte sich zunächst gegen eine Aufnahme in die Spirale und rutschte immer wieder aus der "Mitnehmernase", wo man ihn einhaken sollte. Zuletzt klappte es dann doch noch.
Ich wählte eine mittlere Entwicklungszeit und hoffte, dass beide Filme damit gut und richtig bedient waren. Ich hatte einen kurzen Schlauch auf den Dosendeckel geschoben, der mit dem Wasserhahn verbunden war. So konnte ich nach dem Entwickeln gut spülen, bevor ich den Fixierer einfüllte.
Das abschließende Wässern der beiden Filme versüßte ich mir mit einem Kaffee und einer Zigarette.
Danach legte ich sie kurz in ein Bad, das die Filme widerstandsfähiger machen sollte und streifte die Nässe ab, indem ich die Filme zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurchzog.
Ich hatte es eilig; deshalb nahm ich den Fön und blies die beiden Filme bei geringer Wärme trocken. Ich hatte sie auf einen Bügel gehängt und die unteren Enden mit einem Gewicht beschwert.
Entwickler und Fixierer füllte ich in die bereitstehenden Kanister; denn ich wollte sie aufheben, falls ich in den nächsten Tagen noch einmal darauf zurückgreifen sollte.
Nun musste ich alles für die Vergrößerungen vorbereiten. Ich ärgerte mich darüber, dass es so beengt war und ich improvisieren musste.
Einm war mir sogar eine volle Entwickler-Schale in die Duschwanne gedonnert.
Aber immerhin: hier konnte ich meine Abzüge machen, ohne dass mich jemand störte.
Die Fotos, die ich mit der Kamera meiner Tante gemacht hatte, waren von überraschend guter Qualität. Obwohl sie unter widrigen Umständen gemacht wurden, zeigten sie alle Details.
Sehr zufrieden war ich auch mit meinen Fotos, die ich vom Balkon der alten Dame gemacht hatte.
"Hinterhofidylle" fiel mir dazu ein.
Einige Abzüge machte ich doppelt, schließlich hatte ich versprochen, ihr Fotos mitzubringen.
Meine ganze Ausbeute legte ich auf Zeitungen zum Trocknen.
Bei einem Feierabendbier und einem Blick in meine Zeitungen und Zeitschriften hatte ich dann eine gute Idee für den nächsten Tag. Allerdings war ich mir durchaus bewusst, dass etliche Gefahren auf mich lauerten. Immer wieder war nachzulesen, welche geringen Anlässe dazu führten, nach dem Radikalenerlass "ausgemustert" zu werden.
Dabei mussten diese Anlässe nicht einmal der Wahrheit entsprechen — und oftmals waren sie konstruiert und kamen aus dem Reich der Fantasie.
So sind einige groteske Prozesse geführt worden; denn die "Angst" vor der "Gefahr von links" trieb seltsame Blüten, während das rechte Auge weitaus unempfindlicher war und oftmals durch zusätzliches Vorhalten der Hand absichtlich blind gemacht wurde. Ich musste endlich dafür sorgen, Braun loszuwerden, ohne selbst Schaden zu nehmen.
Lachen musste ich über einige Artikel aber auch. So schrieb der Stern, dass die DDR doch tatsächlich vorhatte, die "Sommerzeit" einzuführen. Dann hätten wir nicht nur zwei deutsche Staaten, sondern sogar unterschiedliche Zeiten.
"So"™n Quatsch", ich musste lachen.
Ich schaute mir noch einmal meinen kleinen Sender an und hatte kurz die Idee, Braun mit eigenen Waffen zu schlagen und abzuhören.
Mir fiel aber keine Methode ein, das kleine Gerät bei ihm unterzubringen. Den Gedanken, eine Tasche mit dem Sender bei ihm zu "vergessen"
verwarf ich recht schnell wieder; denn er rechnete vermutlich mit solchen Angriffen — nicht nur von mir und würde regelmäßig sein Umfeld kontrollieren.