Normvariante, Normabweichung, egal wie man es nennt, mir gefällt es nicht, denn es enthält den Begriff "Norm". Aus meiner Sicht ist genau das das wesentliche Problem für Menschen wie uns. Wir halten mit dem Begriff "Norm" genau das hoch, was uns eigentlich stört. Es geht doch nicht um die Frage, ob wir zur "Norm" gehören oder nicht. Sondern der Begriff Norm suggeriert, dass es eine Norm gibt. Und zu einer Norm gehört dann auch die Ab- und Ausgrenzung von Menschen.
Ich stelle die rhetorische Frage, wen wir denn auf diese Weise ausgrenzen wollen, die nicht zur Norm gehören ?
Wir sind doch Leidtragende des Begriffs "Norm". Warum halten wir ihn mit beschönigenden Worten wie "Normabweichung" hoch ? Wenn wir uns als gesunde Menschen verstehen, die tolerant und akzeptierend in der Welt stehen, dürfen wir andere Menschen nicht ausgrenzen.
Zurück zum Titelthema. Wenn ich lese, "Reiz der Verwandlung" kommt mir zunächst in den Sinn, dass es auch für mich reizvoll ist, mich in einer Weise auszudrücken, in der ich üblicherweise (ich vermeide den Begriff "NORMalerweise

) nicht auftrete. Aber warum ist das so ? Und vor allem, wäre das auch so, wenn es nicht etwas besonderes wäre ?
En femme schenke ich mir die Aufmerksamkeit, die ich mir üblicherweise nicht schenke. Es ist eine Ausnahmesituation. Was aber wäre, wenn es keine Ausnahmesituation wäre und ich täglich so leben würde, wie ich es gerade fühlte ? Ich würde mir damit aber zu jedem Augenblick die mir gemäße Aufmerksamkeit schenken, die ich brauche. Ich würde auf diese Weise keine Ausnahmesituationen erleben. Der Reiz wäre in der Form, in der ich ihn heute erlebe, nicht mehr vorhanden. Mein Leben wäre wahrscheinlich zufriedener (hier steckt das Wort "Frieden" drin), aber sicher weniger spannend. Ich erinnere mich in diesem Kontext an ein Wort von Lou Andreas Salomé, die einmal sinngemäß sagte, dass das Glück der Frau in ihrem Frieden läge. Ich würde das auf Menschen im Allgemeinen erweitern. Aber damit geben wir Menschen uns nur selten zufrieden. Oder wie Kurt Tucholsky einmal sagte: "Nichts ist schwerer zu ertragen, wie eine Reihe von guten Tagen". Wir gehen dann auf die Suche nach Spannung und Reizen.
Damit sehe ich den Reiz als Selbstzweck. Wäre En-femme-sein kein Reiz, sondern alltäglich, müssten wir uns den Reiz an anderer Stelle suchen bis wir endlich zur Ruhe kommen. Manche finden sie im Alter, manche scheinbar nie. Für mich ist TG eine Art Rebellion. Das kann eine Rebellion gegen äußere Umstände oder aber gegen Dinge im eigenen Inneren. Die Frage ist, was erreiche ich mit dieser Rebellion ? Welche Probleme/Themen kann ich damit lösen ? Finde ich damit inneren Frieden ?
Ich sehe die Thematik vor allem vor dem Hintergrund innerer Konflikte. Es ist eine wichtige Triebfeder unseres Handelns. Was wäre, wenn wir diese inneren Konflikte nicht hätten ? Wäre das nicht eine Art ewiger Frieden ? Wollen wir das wirklich ? Warum ist es denn so wichtig in die Öffentlichkeit zu streben ? Geht es wirklich um die Anerkennung durch Dritte oder geht es nicht mehr um die Anerkennung unseren Selbst durch uns selbst ? Ich weiß, dass jetzt sicher einige von sich sagen, dass sie sich selber akzeptiert haben, aber was treibt uns denn dann zur "Verwandlung" und warum leben viele es nicht ständig ? Die Ursache dafür wird ja gerne im Außen gesucht, aber für mich ist das eine Ausrede. Und ich beziehe mich damit explizit ein. Wie oft kann man ein "Ich kann nicht, weil ..." lesen.
Genannt werden dann Gründe wie Kinder, Partner, Gesellschaft etc. Aber ist das wirklich wahr ? Oder handelt es sich hierbei nicht eher um die Suche nach Gründen etwas nicht zu tun, obwohl man es tun möchte ? Ich denke, das baut innerlich eine Spannung auf, die immer größer wird und die sich dann im "Reiz des Verbotenen" entlädt. Das ist mMn auch einer der Gründe, weshalb wir nicht davon lassen können. Wir wollen den Reiz spüren, weil er uns lebendig fühlen lässt. Wir verdrängen unser wahres Leben und brauchen den Reiz des Besonderen. Was wäre unser Leben ohne diesen Reiz ? Es ist der Ausbruch aus der Tristesse, weil wir uns nicht erlauben, unser echtes Leben zu leben. En-femme-sein ist eine Ablenkung von der Tatsache, dass wir es uns nicht erlauben zu leben. ich sehe es als ein Ersatz für ein nicht gelebtes Leben. Warum sind denn so viele Trivialitäten, wie Schuheinkauf in der Damenabteilung so besonders ? Das macht die Hälfte der Bevölkerung regelmäßig. Wir sind es, die es als spannend und außergewöhnlich empfinden. Deshalb tun wir es.
Meine Frau wundert sich, warum es mir so wichtig ist, gelegentlich als Frau auf die Straße zu gehen. Ich verstehe heute, dass sich das Wundern nicht auf "Frau sein" bezieht, sondern auf die Frage, warum mir das wichtig ist. Es ist der Teil, der mich lebendig fühlen lässt. Das ist der Antrieb und Reiz. Wäre das nicht etwas besonderes, mein Leben würde mir trist und unbedeutend vorkommen. Deshalb kann ich auch nicht darauf verzichten. Aber es gibt mir keinen Frieden.
Und hier liegt der Widerspruch in meinem Leben. Ich suche den Frieden und fürchte ihn. Das ist aus meiner Sicht der Motor, der mich nervös umtreibt. Und as ist auch der Motor für den o.g. Satz von Tucholsky. Das Glück des inneren Friedens halten wir nicht aus. Manche ziehen Kleider des anderen Geschlechts an, manche springen an einem Gummiseil von einer Brücke. Letztlich ist es das gleiche: der Reiz sich zu spüren. Das macht ja auch Sexualität aus. Deshalb wird Trans und Sex ja auch gerne in einem Atemzug genannt. Aber eine Freundin sagte mir einmal, dass sie manchmal bei der Schußabfahrt auf Skiern einen Orgasmus erlebt. Was ist das anderes, wenn sie genau das immer wieder sucht ? Ich wage die These, dass wir all diese Dinge überwinden können, wenn wir uns darauf einlassen, den inneren Frieden zu suchen.
Buddhistische Mönche machen genau das, wenn sie die Erleuchtung suchen. Sie brauchen dann nicht mehr die Dinge der Welt. Es gibt bestimmt auch andere Wege. Ich glaube, das machen nur wenige Menschen, weil sie, wie ich auch, Angst davor haben, sich nicht mehr lebendig zu fühlen. Wir sind (noch ?) nicht wirklich bereit, auf die Dinge zu verzichten, die uns lebendig fühlen lassen. Aber ich würde nicht ausschließen, dass es ein Leben ausserhalb unserer vordergründigen Bedürfnisse gibt. Und vielleicht ist es erfüllender als wir uns vorstellen können.
Oder anders gefragt, was ist am Tragen eines BH denn so weltbewegendes, dass wir darauf nicht verzichten wollen oder können ... ?
P.S. Mir ist bewusst, dass ich entgegen meines üblichen Schreibens in diesem Text öfters "wir" geschrieben habe. Ich möchte damit anregen, darüber nachzudenken. Ich möchte damit niemanden verletzen, der/die das anders sieht und akzeptiere jede andere Meinung. Wenn ich hier das Trans-sein in einem Licht erscheinen lasse, dass es eher oberflächlich sei, so tue ich dies in dem Bewusstsein, dass es für viele einen wesentlichen Bestandteil des Lebens darstellt und es leicht missverstanden werden kann. Mir geht es nur darum, eine radikal andere Position einzunehmen, um durch Turbulenz im Kopf, und sei es nur in meinem eigenen, zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Ich bin davon überzeugt, dass auch ein Leben mit Trans zu einiger Freude führt und dass das für viele Menschen auch ausreicht. Dann sollte man meine Gedanken zur Seite schieben und vergessen. Mir persönlich reicht das nicht und deshalb höre ich nicht mit meiner Suche auch innerhalb dieses Forums auf. Ich respektiere aber ausdrücklich jeden anderen Menschen und jede andere Sichtweise.