Bon soir ma chere Aschenputtel!
Du hast das wunderbar beschrieben!
Und es ist sooo bekannt, alles was Du beschreibst. Sehr viele von uns haben genau diese oder eine sehr ähnliche Geschichte zu erzählen. Und auch das mit dem Alter passt mal wieder perfekt dazu - sehr viele beginnen sich endlich zwischen 35 und 45 zu befreien - genau wie Du
Und insofern kann ich nur bestätigen und bekräftigen, was Du auch schon rausgefunden hast: Du bist keinesfalls alleine!
Und auch die, die Du öffentlich gefunden hast, sind noch eine winzige Gruppe im Vergleich zu denen, die es vermutlich dort draußen gibt, die sich aber nur nicht trauen, sich zu zeigen - weder öffentlich, selbst unter Pseudonym, noch privat vor Ihren Partnern und schon gar nicht vor Freunden. Das dies sehr viel Mut und auch einen gewissen Leidensdruck erfordert, hast Du ja auch schon festgestellt

Ich habe dies mal versucht in einem Text etwas zusammenzufassen, vielleicht kannst Du damit ja etwas anfangen:
https://sites.google.com/site/nicolebea ... erkenntnis
Jula Böges Homepage hast Du ja auch schon gefunden, hast Du auch, bzgl. Deines Forums Namens, ihre Erklärung dazu gelesen?
http://www.julaonline.de/aschenputtel.htm
Fiel mir nur gerade wieder ein
Allgemein kann ich die Texte in Julas Leseecke grundsätzlich nur wärmstens empfehlen, oder auf Papier in ihrem Buch.
Aschenputtel hat geschrieben:Hallo,
nur wenige Monate ist es her, da war "en femme" noch ein Fremdwort für mich. "Bartschatten"? Nie gehört.
Heute klingt "en femme" für mich süß und schön; etwa so wie frische Cup-Cakes. Das Wort "Bartschatten" hat eine düsteren, beklemmenden Klang bekommen; so als hauchte mir jemand mit kalter Stimmer "Lord Voldem...psst..." ins Ohr.
Spannend!
Wie hast Du das so lange ausgehalten?
Aschenputtel hat geschrieben:
Ich bin froh, dass es dieses Forum hier gibt. Viel Ermutigendes und Nützliches habe ich hier gelesen. Das hat mir weiter geholfen. Jetzt würde ich gerne ein bißchen mitreden, um zu spüren, dass ich auf dieser Welt nicht alleine bin mit meiner Leidenschaft.
Wie zuvor schon erwähnt, damit bist Du keinesfalls alleine!
Selbst vorsichtigste Schätzungen gehen von Millionen von uns aus. Nur leider sieht man davon viel zu wenige, nicht einmal versteckt hinter Pseudonymen. Das Internet, und gerade Foren wie dieses, haben hier aber schon extrem geholfen! Wenn ich mich etwas zurück erinnere an meine Zeit Anfang 20, da gab es gerade mal Mailboxnetze per Modem und Telefon, das Internet fing da gerade erst an. Wenn ich damals schon zur Verfügung gehabt hätte, was es heute an Informationen und Plattformen gibt, um sich auszutauschen etc., was wäre dann wohl alles schon viel früher passiert?
Insofern ist es schon viel besser, als es noch in Deiner und meiner frühen Anfangszeit war.
Und es wird ständig besser - langsam, aber es wird.
Aschenputtel hat geschrieben:
...
Und jetzt bin auch hier.
Übrigens, ich bin das Aschenputtelchen. Mitte Vierzig. Glücklich verheiratet mit
der besten Ehefrau von allen. Ich habe eine bezaubernde kleine Tochter, einen coolen Job und ein klitzekleines Genderproblem.
"Klitzeklein" - wie süß
Aschenputtel hat geschrieben:
...
Ein paar Jahre später:
Habe dann gelesen, wahrscheinlich in der Bravo, den Wunsch nach andersgeschlechtlicher Kleidung gäbe es gar nicht so selten. Meist wäre es "so eine Phase" in der Pubertät, in der man sich über seine sexuelle Identät klar wird. Ich dachte mir dann: "Also gut. Abwarten, Tee trinken. Dann geht das schon irgendwann weg.".
ca. drei Jahrzehnte später:
Erkenntnis bisher: Tut es nicht. Habe hartnäckig versucht, es zu ignorieren.
Diese Erkenntnis ist schon sehr viel wert!
Ich habe das auf meiner oben beschrieben Seite mal so zusammengefasst:
Es gibt fünf wichtige Erkenntnisse, die jede Transidente Person verinnerlichen sollte:
1. Es ist nicht falsch / verboten / schlimm!
Menschen, die sich dem anderen als dem Geburtsgeschlecht zumindest teilweise zugehörig fühlen, gibt und gab es in fast allen Kulturen und Epochen. In einigen genossen sie sogar ein erhöhtes Ansehen - bspw. die Bishounen in Japan oder die Two-Spirits der Indianer Nord-Amerikas. In den industriellen westlichen Kulturen ist diese Eigenart nur leider nicht sehr hoch angesehen. Zumindest aber werden wir mehr und mehr toleriert - immerhin. Doch von wahrer Akzeptanz sind wir noch weit entfernt.
2. Wir können nichts dafür!
Transidentität ist kein selbstgewähltes Schicksal. Die Ursachen sind nach wie vor unklar. Klar ist aber, wir können nichts dafür und es gab nie eine Möglichkeit, dass wir es hätten verhindern oder aufhalten können. Es ist einfach so wie es ist und wir müssen damit lernen zurecht zu kommen.
3. Andere können nichts dafür!
Für Eltern, Familie und Partner wird dies vielleicht etwas beruhigend oder tröstlich sein - niemand hat etwas "falsch" gemacht, niemand ist Auslöser, siehe 2., die Ursachen sind unklar.
4. Es war immer da und es wird immer da sein.
Dies ist mit 1. die wohl wichtigste Erkenntnis. Trotz aller Versuche, und die kennt sicherlich jede(r) von uns, werden wir diese Eigenschaft niemals los. Es ist nicht therapierbar, es ist nicht entwöhnbar und wir können es auch nicht bewusst ablegen. Wir müssen damit als Teil unserer Persönlichkeit leben und leben lernen.
5. Wir sind nicht allein!
Die Dunkelziffer ist hoch und eines ist sicher, wir sind keinesfalls eine verschwindende Minderheit. Es gibt aktuell praktisch keine Studien darüber, wieviele, gerade M2F, transidente Menschen es wirklich gibt. Schätzungen schwanken zwischen 1% und 10% der männlichen Bevölkerung. Da die meisten aber versteckt leben, aus purer Scham und Angst entdeckt zu werden, gibt es keine genaueren Zahlen.
Aschenputtel hat geschrieben:
Nichts ausprobieren, nie Klamotten kaufen. Naja, fast nie. Nur in Phantasien, nur Nachts, da konnte ich es nicht verdrängen. Also redete ich mir ein, es wäre alles nur so eine sexuelle Sache. Einen kleinen Fetisch hat doch wohl jeder. Mit dem Rest meines Lebens hat das nichts zu tun. Kein Problem. Ich bin ja stark. Ich kann das trennen.
Oder doch nicht?
Vor ein paar Monaten. Späte Nacht, Vollmond:
Schlaflos im Netz herumsurfend bleibe ich an einem Video hängen. Google herum. Lande bei Vera Wylde und bin fasziniert, dass die total positiv zu ihrer weiblichen Seite steht. So hatte ich das noch nie gesehen. Bald entdecke ich dann auch Jessica Who, Jula Böge, Frau Babsner, mysvenja, Lynn Conway, Liliana Saupe und viele andere. Und auch dieses Forum hier.
Mir wurde klar: So geht das nicht weiter. Ich kann nicht das ganze Leben vor mir selbst weglaufen. Doch. Kann ich schon. Will ich aber nicht. Echt nicht.
Was ich hier spannend finde ist, dass Du ja eher sagen müsstest, "nicht mehr", oder? Du bist doch schon gut 40 Jahre lang davor weggelaufen?
Warum auf einmal jetzt nicht mehr?
Nicht falsch verstehen, ich finde das ja super! Mich würde nur interessieren, worin für Dich jetzt der qualitative Unterschied zu früher besteht?
Einfach nur darin, dass Du gesehen hast, dass es auch andere gibt?
Oder geht diese Erkenntnis tiefer?
Aschenputtel hat geschrieben:
Bald darauf:
Endlich habe ich es meiner Frau erzählt. Hatte echt Schiss davor. Und schlechtes Gewissen nach all den Jahren. Die beste Ehefrau von allen hat es mit Fassung und vor allem sehr liebevoll aufgenommen: <3
Das ist ganz super und auch ganz wichtig, dass Du es Deiner Partnerin sagst und sie auch in diese Entwicklung mit einbeziehst:
https://sites.google.com/site/nicolebea ... -partnerin
Das sie es dann auch noch so gut aufgenommen hat, ist spitze!
Dennoch wäre ich an Deiner Stelle weiterhin vorsichtig und achtsam, wie sie auf was reagiert. Es gibt sehr viele Berichte, in denen es auch so begann, aber dann doch bald umschlug. Der Hintergrund ist wohl, dass sich viele Partnerinnen, wenn man es ihnen erstmal nur sagt, sich noch nicht so recht vorstellen können, wohin das führen wird. Wir wissen es ja meist selbst noch gar nicht! Mit etwas gutem Willen und des Partners wegen wird dann schnell gesagt, dass sie damit kein Problem hätten. Doch es nagt trotzdem an vielen.
Mit der Zeit wird auch Dein en-femme größere Ausmasse annehmen. Es kommen mehr Bekleidungsteile hinzu, Schmuck, vielleicht leichte körperliche Veränderungen wie rasierte Beine, Brust und Arme? Vielleicht mal beidseitige Ohrringe? Make-Up? Alles das gehört für viele einfach dazu und die Freiräume dies alles zu tun, lassen wir uns selbst gegenüber auch nur langsam zu. Für die Partnerin erscheint es dann oft so, als wenn es immer und immer mehr würde, was viele verängstigt. Und dann kommen die Ängste hinzu, wohin das schlussendlich führen wird - ist mein Mann vielleicht transsexuell? Oder schwul? Oder ich lesbisch, weil ich ihn auch als Frau liebe?
Was ich damit nur sagen möchte ist, bleib mit ihr im Gespräch. Rede mit ihr über Veränderungen und Neues. Nimm sie mit und gib ihr die Sicherheit, dass sich an Deiner Person nichts ändert und ändern wird. Du bist und bleibst Du, nur es kommt jetzt eine neue Facette ans Tageslicht, die aber schon immer da war.
Aschenputtel hat geschrieben:
Habe mit inzwischen ein paar schöne Anziehsachen gekauft. Erst im Internet, später auch in diesem "Real Life". Erfreue sehr mich daran, obwohl ich bisher kaum Zeit zum Dressen hatte.
Hier und jetzt:
Die Garderobe ist auch noch recht unvollständig. Einiges muss ich noch improvisieren. Die empfindsameren unter Euch mögen bitte kurz weghören. Unter meinen süßen grünen Rock trage ich noch eine Männerunterhose. Nennt frau das dann HWT?
Das ist einfach grossartig! HWT!
Aschenputtel hat geschrieben:
Und überhaupt. So viele Fragen. Was bin ich wirklich? Was möchte ich ausleben? Wie passt das in mein Leben rein? Möchte ich einen weiblichen Namen? Und wenn ja, welchen? Möchte ich ein Coming-Out auch gegenüber anderen Personen? Wie erkläre ich es meiner Tochter? Und, wie werde ich den verdammten "Bartsch...psst..." los?
Freue mich auf den Austausch mit Euch
Aschenputtelchen
Ich mich auch, sei herzlichst willkommen!
Und drücke mal Deine Frau von uns! Alles wird gut - genau genommen sogar besser!
Cordialement
nicole