Liebe Pippilotta,
ich finde, manche Teilnehmende des Forums wie auch gerade Chrissie drängeln einfach zu stark in die Richtung des totalen Outings, können sich zu wenig in euer Umfeld einfühlen und haben es wohl auch vergessen, dass manches in der heutigen Praxis auch bei Ihnen und in ihrer Partnerschaft auch erst der Stand nach einer jahrelangen Entwicklung ist. Ihr beiden müsst die Form finden, den Umgang mit dem Umfeld und der Öffentlichkeit, der euch angemessen ist.
Ich schreibe das, weil ich mich mit Inga sich in meinem alltäglichen sozialen Umfeld auch nicht geoutet habe. Damit bin ich zwar derzeitig zunehmend unzufrieden und es mag sich auch irgendwann ändern, aber ich habe für diese Zurückhaltung jetzt auch meine guten Gründe. Ähnlich geht es vielen anderen hier Forum ja auch.
Marielle schrieb u. a.
"Dieses ständige Aufpassen, sich 'Erklärungen' ausdenken müssen, ist eine Belastung für meine Frau; Wohl eine größere als mein Crossdressing an sich."
Ich denke, durch die Geburt des Kleinen seid ihr in einer neuen Situation. Zum einem kommst du selber nicht so aus dem Haus. Da bietet es sich an, dass zur Wahrung der sozialen Kontakte die Leute mehr zu dir ins Haus zu Besuch kommen, und sei es auf den Sprung für eine Tasse Kaffee (die u ja als offenherzige Gastgeberin auch nicht einfach verwehren magst). Daneben wollen sicher auch noch alle möglichen Leute aus dem Verwandten-, Bekannten- und Freundeskreis euch zur Geburt der Kleinen gratulieren und den Kleinen endlich mal sehen. Das war so bei allen Geburten, die ich im Bekanntenkreis erlebt habe - und warum soll es bei euch anders sein? Wie natürlich dass sich die Nachbarin, die ja schließlich auch deine Arbeitskollegin in einem netten Team ist, danach erkundigt, auch wie es dir jetzt nach der Geburt geht, und sicher mit dem ganzen Team neugierig ist, zu schauen. Da bieten sich die arbeitsfreien Wochenenden inkl. Sonntags besonders gut an, und das sind genau die Tage, die mit Anja im Hause kollidieren.
Ich denke, ihr müsst euch klar sein, dass ihr schnelle eine ziemlich grundsätzliche Entscheidung fällen müsst: Entweder das plötzliche, schnelle totale Outing von Anja in eurem Umfeld einschließlich deiner Arbeitskollegen. Ich kann nicht absehen, was das für Konsequenzen haben kann, ob dir die Arbeit und das Verhältnis zu den Arbeitskollegen dadurch so schwer gemacht wird - vielleicht so schwer, dass du zur Kündigung gedrängt wirst und in deiner Branche evtl. erst mal nichts findest. Also kein Schritt, den man so locker machen kann.
Oder Anja tritt in ihrem auftreten erst mal deutlich kürzer, hält sich zurück, verschwindet zumeist in Karton oder Kiste, kommt zu Hause vielleicht erst wieder in einige Jahren hervor und lebt sich auf besonderen Männertagen im "fernen" Hamburg oder im Urlaub aus.
Was aber m. E. auf die Dauer gar nicht geht, und weder dir noch eurer Familie irgendwie gut tun wird, ist, dass du deine alltäglichen sozialen Kontakte in Art und Umfang zu sehr beschränkst.
Wie auch immer, die Entscheidung ist für dich nicht leicht, und es gibt da kein allgemein gültiges "richtig" oder "falsch".
Ich wünsche dir eine weise Entscheidung
und euch einen guten Start ins Neue Jahr.
Liebe Grüße
Inga
