Psychologin Niobe Way hat 40 Jahre entwicklungspsychologisch geforscht und beschreibt die „Männlichkeitskrise“ als Verbindungskrise: Kulturelle Normen behindern die emotionale Entwicklung von Jungen. Quasi analog zu Simone de Beauvoirs Satz, werden Männer nicht als solche geboren, sondern dazu gemacht - logisch. Das (die ganze Kindheit) wirkt sich aus ab der Pubertät, also der Selbstverortung in der Gesellschaft unter dem stärkeren Erwartungsdruck.
Way kritisiert die vor allem amerikanisch geprägte "boy culture", die Stoizismus über Gefühl und Unabhängigkeit über Verbundenheit stellt. Das Problem sei nicht die Männlichkeit an sich, sondern deren enge Definition. Diese Entfremdung führt zu Einsamkeit, Depressionen und Angstzuständen bei beiden Geschlechtern. Sie wirkt sich sogar auf Mädchen aus:
Patriarchat und zugehörige Ideologien wie Kapitalismus und Hierarchien (="manche Menschen zählen mehr als andere") sind gleichzeitig Ursachen und Folgen. Ein selbsterhaltenes System. Deshalb greifen die Forderung nach mehr männlichen Vorbildern oder die Schuldzuweisung an den Feminismus zu kurz. Es geht nicht um das Geschlecht der Vorbilder, sondern um die gelebten menschlichen Werte.In diversen Umfragestudien geben Mädchen an, sich genauso stark oder noch stärker an Männlichkeitsnormen zu orientieren als Jungen. Ein Mädchen sagte mir mal: «Du musst aussehen wie ein Mädchen und dich verhalten wie ein Typ.» Wird das Männliche als das eigentlich Menschliche gewertet, verinnerlichen Mädchen diese Normen auch. Das ist nicht überraschend. Das Problem sind nicht die Jungen und Männer selbst, sondern dass wir Eigenschaften bevorzugen, die wir mit Männlichkeit assoziieren. Wer verletzlich wirkt oder sensibel redet, ist zu empfindlich, zu emotional, zu dramatisch.
Statt Härte zu trainieren oder neue Männlichkeitsbilder zu konstruieren, sollten die angeborenen Fähigkeiten zur Fürsorge und Empathie genährt werden.
„Jungen sitzen in der Falle: Zeigen sie, was sie fühlen, will niemand mit ihnen befreundet sein. Zeigen sie es nicht, wollen sie nicht mehr mit sich selbst befreundet sein.“
Läuft im Kern darauf hinaus, mehr auf die tatsächlichen eigenen Bedürfnisse zu hören, mehr eins selbst zu sein, statt äusseren Normen entsprechen zu wollen. Das ausgerechnet in einer Zeit, in der autoritäre Kräfte die gesellschaftliche Normierung und Hierarchisierung wieder intensivieren wollen... Ambitioniert. "Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein" (Kurt Tucholsky).
Es könnte aber funktionieren, wenn sich die "boy culture" Verweigernden vor allem untereinander zusammenfinden. Ceterum censeo omnes therapia indigere (im übrigen bin ich der Ansicht, dass alle eine Therapie benötigen).