Melissas Memoiren
Melissas Memoiren - # 11

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

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Beitrag von manchmal_melissa »

CSD, aber diesmal richtig - Teil 1

Der Sommer kam mit großen Schritten immer näher - und damit auch der CSD 2024 in München. Das Datum war schon seit Ewigkeiten in meinem Kalender markiert, denn ich hatte fest vor, wieder hinzugehen. Und dieses Mal wollte ich mehr von meiner weiblichen Seite zeigen als nur lackierte Fingernägel.

Entsprechend lange hatte ich mich auf den Termin vorbereitet. Dabei stand gar nicht unbedingt das Optische im Vordergrund, sondern meine Outing-Pläne. Beim letzten CSD waren wir in einer kleinen Gruppe von fünf oder sechs Leuten unterwegs gewesen. Mit einer ähnlichen Gruppengröße rechneten wir erneut. Das hätte allerdings ein Outing bei vielen Leuten gleichzeitig bedeutet. Nur die eine Freundin, der ich bereits nach dem vorigen CSD von Melissa erzählt hatte, wusste schon Bescheid.

Sie war es auch, die ich in der Angelegenheit um Rat fragte. Ich war mir nicht sicher, wie ich dieses große Outing angehen sollte. Einfach so als Frau auftauchen? Am gleichen Tag per Chatnachricht vorwarnen? Oder doch Einzelgespräche im Vorfeld führen, um am CSD selbst keine böse Überraschung zu erleben? Wie so oft zerdachte ich das vermeintliche Problem. Ihre Ratschläge dagegen überraschten mich und waren gerade deshalb sehr wertvoll. Sie ging zunächst gar nicht auf meine Optionen ein, sondern machte mir sehr ruhig, aber bestimmt klar, dass ich niemandem etwas schuldig war. Dass ich mich überhaupt nicht erklären musste, wenn ich das nicht wollte. Und obwohl ich meinen Plan natürlich trotzdem weiterverfolgte, änderte das meine Wahrnehmung der Situation. Ich legte meine erlernte Verteidigungshaltung ab und begann, deutlich befreiter und positiver über mein Vorhaben nachzudenken. Ich war die, die am Steuer saß und das Geschehen lenken konnte. Von dieser Erkenntnis profitierte ich aber leider nur kurz: Noch bevor ich einen Entschluss fassen konnte, erledigte sich das Thema quasi von selbst.

Denn unsere Gruppe traf sich gar nicht so geschlossen wie im Jahr zuvor. Meine Frau und ich hängten uns zum Brunchen an unsere Freunde von den Pizzaabenden, bei denen ich sowieso schon geoutet war. Und beim Rest unseres Freundeskreises war unklar, ob wir überhaupt jemanden treffen würden und wenn ja, wen, wann und wo. Sämtliche Überlegungen, mich vorab zu outen, waren damit hinfällig und ich beschloss, den Tag einfach auf mich zukommen zu lassen.

Was mich allerdings weiterhin beschäftigte, war die Outfitplanung. Diese folgte einer klaren Hauptmotivation: den Temperaturen. Es sollte sehr warm werden, über 25 Grad. Während das als Mann noch gerade innerhalb meiner Komfortzone lag, brachten solche Temperaturen unter meiner Perücke bereits das Make-up zum Schmelzen. Das Outfit musste also luftig werden, wenn ich darin Spaß haben wollte. Ich entschied mich für eine Kombination, die ich um ein schönes Paar Schuhe herum geplant hatte: Blau-braune Keilsandaletten mit moderatem Absatz, dazu ein dunkelblauer Faltenrock, der auf der Taille sitzt und dabei trotzdem knielang ist. Obenrum ein schlichtes weißes T-Shirt mit etwas verspielterem Ausschnitt und eine braune Handtasche. Ich war mit meiner Auswahl sehr zufrieden: Kühl und schick genug, ohne unbequem zu sein oder durch fehlende Polster meine männlichen Proportionen zu stark zu betonen. Damit würde ich keinen Hitzschlag bekommen und mich trotzdem trauen, mich neuen Leuten zu zeigen.

Am Morgen des CSD stand ich früh auf, um mich in Ruhe vorbereiten zu können. Ich wollte ja sowieso immer alles perfekt machen, aber an diesem Tag war es nochmal schlimmer. Meine Beine rasierte ich zum Beispiel nicht nur wie üblich am Vorabend, sondern erst morgens, damit sie so glatt waren wie möglich. Am Ende lag ich trotzdem gut in der Zeit, weil ich beim Schminken keinen großen Fehler machte und meinen großzügig geplanten Puffer gar nicht brauchte. Auch die Temperaturen machten mir beim Fertigmachen noch weniger zu schaffen als befürchtet, denn in unserem nach Westen ausgerichteten Wohnzimmer war es morgens noch angenehm kühl. Bis dahin lief alles nach Plan.

Umso wärmer wurde mir allerdings, als ich zusammen mit meiner Frau das Haus verließ. Auf dem Weg zur S-Bahn kam ich schon ordentlich ins Schwitzen, doch das war nichts im Vergleich zu dem, was mir bevorstand. Denn in den Bahnhof rollte - wie sollte es anders sein - eine alte S-Bahn. Klimaanlage? Fehlanzeige! Ab diesem Zeitpunkt machte ich mir ernsthafte Sorgen, schon komplett verschmiert in der Stadt anzukommen. Zu allem Überfluss saß uns im Vierer auch noch ein Mann gegenüber, der mir nicht ganz geheuer war. Ich verortete seine Herkunft auf dem Balkan, also war er tendenziell konservativ und uns nicht gerade wohlgesonnen. So dachte ich, leider. Parallel schwitzte ich wirklich stark und fächerte mir immer wieder unbeholfen mit der Hand Luft zu. Als der Mann mich dann nach kurzer Zeit ansprach, hatte ich schon die schlimmste Zugfahrt meines Lebens vor Augen. Doch er hielt mir ein Prospekt entgegen, das neben ihm gelegen hatte. Es war nicht seins, sondern von einer anderen Person zurückgelassen worden, und er bedeutete mir mit einem Lächeln, dass ich damit ja besser fächeln könne. Ich bedankte mich verdutzt bei meinem Retter und schämte mich für meine Vorurteile. Die Zugfahrt hatte sich in nur einem Moment von einer Tortur in ein schönes Erlebnis entwickelt. Wenn das mal kein denkwürdiger Start in diesen besonderen Tag war…
manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 152 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

CSD, aber diesmal richtig - Teil 2

Am Treffpunkt angekommen, einem Café mit Terrasse direkt an der Demostrecke, bot sich uns ein freudiges Bild. Wir saßen an einer langen Tafel in der ersten Reihe, einige unserer Freunde waren schon da, hatten den Tisch mit Fähnchen dekoriert und Fächer mit Trans-Flagge verteilt. Bei mir stellte sich sofort das bekannte CSD-Gefühl ein. Die Straßen waren voll mit bunten Menschen, viele Balkone waren dekoriert, alle freuten sich auf das große Fest. Ich fühlte mich umarmt von meiner Stadt, von Fremden und Freunden, denn alles gab mir das Gefühl, hier richtig zu sein. Das Frühstück schmeckte ausgezeichnet, und als wir gerade fertig waren, ging auch schon der Demozug los. An der frischen Luft war auch die Mittagshitze erträglich, und wenn es mal zu viel wurde, hatten wir ja unsere Fächer. Wir tanzten, lachten, führten gute Gespräche. Am frühen Nachmittag brachen meine Frau und ich dann auf, um den Rest des Tages mit unserer anderen Freundesgruppe zu verbringen.

Diese hatte doch noch zusammengefunden, in leicht anderer Zusammensetzung als im Jahr zuvor. Das bedeutete mindestens ein spontanes Outing bei einem gemeinsamen Freund und einigen Arbeitskolleginnen meiner Frau, die sie allerdings nicht so gut und mich bisher gar nicht kannten. Das machte mir aber nichts aus, weil ich von meiner Frau wusste, dass sie alle sehr liebe und offene Menschen waren. Auf dem Weg zu dieser Gruppe wollte meine Frau unbedingt noch bei einer anderen Freundin vorbeischauen. Es war die, die im Jahr davor schon meine lackierten Nägel gesehen, aber nicht weiter kommentiert hatte. Meine Frau wollte zuerst allein zu ihr gehen, aber ich entschied mich spontan, mitzugehen. Zum Glück, denn ich wurde mit einer unglaublich schönen Reaktion belohnt.

Als meine Frau sie von hinten antippte, sah sie mich zuerst nicht und begrüßte nur meine Frau. Die sagte dann sowas wie: „Schau mal, ich hab dir jemanden mitgebracht!“ Unsere Freundin sah mich an, erkannte relativ schnell, wer ich war, und flippte völlig aus. „Oh mein Gott! Oh mein Gott! Oh mein Gott!“, rief sie mehrfach ganz aufgeregt und fing tatsächlich an, Freudentränen zu weinen. Dann umarmte sie mich und sagte, wie sehr sie sich für mich freue. Sie hatte sofort verstanden, dass das kein Witz war, sondern eine ernsthafte Sache, und was es für mich bedeutete, mich ihr so zu zeigen. Leider mussten wir relativ schnell weiter, weshalb ich ihr am Abend noch eine Nachricht schrieb und ihr anbot, Fragen zu stellen. Sie bedankte sich daraufhin nochmal für mein Vertrauen und fragte mich tatsächlich nur, ob meine Pronomen ab jetzt immer „sie/ihr“ wären und ich immer als Melissa angesprochen werden möchte. Allein dass sie das in Erwägung zog, machte mich sehr glücklich.

Meine Frau und ich zogen weiter, zum eigentlich aufregenderen, weil größeren Outing. Aber ich schwebte auf Wolke sieben und war zu allem bereit. Wir sahen die Gruppe schon von weitem, und sie stand etwas verstreut, was unserem Vorhaben entgegenkam. Die Freundin, die seit dem letzten CSD schon von Melissa wusste, bemerkte uns und kam auf uns zu. Und gleich in der Nähe stand unser gemeinsamer Freund Felix, der unser nächstes Ziel war. Auch er sah erst meine Frau und begrüßte sie, dann sah er auch mich. „Das ist Melissa“, stellte mich meine Frau vor. Er streckte mir seine Hand entgegen und sagte: „Hi, ich bin Felix!“ Ich nahm seine Hand, schüttelte sie und sagte erst mal nichts. Innerlich jubelte ich, denn er hatte mich tatsächlich nicht erkannt. Ich weiß nicht wie lange der Moment dauerte, vermutlich nur wenige Sekunden, aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Unsere Freundin, die Bescheid wusste, begann zu kichern, dann prustete meine Frau los. Und gerade als Felix verwirrt hin und her schaute und fragen wollte, was so lustig war, machte es bei ihm Klick. Er riss die Augen auf, sagte laut „NEIN!“, und drehte sich weg. Wir schütteten uns alle aus vor Lachen, ihn eingeschlossen, während er immer wieder seine Ungläubigkeit ausdrückte und sich an den Kopf fasste. Auch er freute sich offensichtlich sehr, denn er sagte Dinge wie: „Ich dachte schon, ich hätte einen guten Tag, aber das toppt alles.“ Und: „Eigentlich können wir jetzt auch heimgehen, besser wird es nicht mehr.“ Mich wunderte das etwas, denn wir waren gar nicht so eng befreundet. Dass mein Outing diese Menschen so berührte, berührte auch mich.

Der Rest der Gruppe hatte zwar aus der Ferne unseren Lachflash mitbekommen, aber war nicht weiter darauf eingegangen. Ich stellte mich den anderen einfach als Melissa vor und wurde behandelt, als wäre ich eine ganz normale neue Bekanntschaft. Was ich ja auch war, aber das musste erst noch in meinen Kopf. Ab diesem Zeitpunkt verbrachten wir einen typischen CSD: Wir hängten uns irgendwann an einen Wagen mit guter Musik, zogen und tanzten durch die Stadt. Am Ende der Strecke bogen wir auf einen kleinen Platz ab, auf dem eine Nebenbühne aufgebaut war. Wir setzten uns auf den Boden, aßen mitgebrachte Snacks, jemand holte Bier im Supermarkt. Und ich war ein ganz normaler Teil der Gruppe, führte Gespräche mit zuvor Fremden über alle möglichen Themen, aber es ging nie um mich oder meine Transidentität. Es war schön, so angenommen zu werden und auf diese Weise gespiegelt zu bekommen, dass alles an mir normal war.

Irgendwann flüchteten wir vor einem herannahenden Gewitter in die S-Bahn und schafften es gerade, als die ersten Tropfen fielen. Glücklich und müde fuhren wir mit der vollen Bahn nach Hause, um uns herum jede Menge Make-up, Glitzer und schöne Menschen. Ich war in meine große Pride-Flagge gehüllt und strahlte. Es war eine Reise ins Ungewisse gewesen, aber ich war mit zwei wunderschönen Outings belohnt worden.
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kathrin84
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Re: Melissas Memoiren

Post 153 im Thema

Beitrag von kathrin84 »

Wow (smili) (smili) (smili)

Danke für diesen super ausführlichen Bericht über diesen tollen Tag den du erleben durftest. Du kannst dich überaus glücklich schätzen so viele offene Menschen zu kennen und so eine offene Frau zu haben. Genieße die Zeit in vollen zügen. Ich freue mich riesig für dich.

Liebe Grüße
Kathrin
--make it shine--
Alexandra S.
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Re: Melissas Memoiren

Post 154 im Thema

Beitrag von Alexandra S. »

Hallo Melissa (888)
Was für ein toller Bericht (ap)
Das war ja super spannendes Erlebnis für Dich.
Freut mich sehr für Dich )):m
Liebe Grüße
Alexandra ))):s
Daniela04
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Re: Melissas Memoiren

Post 155 im Thema

Beitrag von Daniela04 »

Liebe Melissa

Ein wunderbarer spannender Bericht hast Du uns geschrieben! Ich lebte mit und habe mitgelacht!

Ich wünschte ich könnte so gut schreiben wie Du!
Herzlicher Gruss
Daniela
Ich will einfach der sein, der ich wirklich bin: ein Mann, der seine mittlerweile erkannte sehr bedeutende Weiblichkeit vertieft kennenlernen möchte.
ChristinaF
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Re: Melissas Memoiren

Post 156 im Thema

Beitrag von ChristinaF »

Liebe Melissa,
ein wunderbar schöner Bericht über dein Outing. Ich freu mich mit dir, dass alles so gut verlaufen ist. Aber bei deinem phantastischen Aussehen wundert es mich nicht, dass du als Frau wahrgenommen wurdest.
LG Christina
manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 157 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Offenheit & Lockerheit

Die nächsten Monate verliefen weitgehend ruhig und ohne besondere Events. Ich ging regelmäßig en femme essen und zu den Pizzaabenden. Dadurch gewann ich immer mehr Sicherheit in meinem Auftreten.

Diese Sicherheit zeigte sich auch in einem offeneren Umgang meinerseits. Ich nahm mir vor, mich nicht mehr ständig zu verstecken und diesen Teil von mir zu verheimlichen. Bei einem Einkauf bei DM wurde ich dann prompt auf die Probe gestellt. Ich war allein als Mann unterwegs und kaufte einen Kajal und zwei Lipliner. Mittlerweile machte mir so etwas nichts mehr aus und ich war auch nicht besonders aufgeregt. Auch weil ich, entgegen meiner schlimmsten Vorstellungen, beim Einkaufen von Make-up oder Nagellack bisher nie auf irgendetwas angesprochen worden war. Doch die Kassiererin, vielleicht Anfang 20, war angetan von meiner vermeintlichen Selbstlosigkeit und sagte gerührt: „Aww, kaufst du für deine Frau ein?“ Und da ich nicht mehr lügen wollte, sagte ich nur kurz „Ne…“ und musste lächeln. „Oh, für dich?“, fragte sie, bevor ich mehr sagen konnte. „Ja“, antwortete ich wieder knapp und war kurz überrascht über meine eigene Offenheit. „Wow, du kannst dich schminken? Cool!“, war ihre erstaunte Antwort. Ich bejahte wieder, und auf ihre Rückfrage, ob ich mich gut schminken könne, sagte ich überrascht in etwa: „Joa, denke schon, muss ich ja irgendwie, damit es nach etwas aussieht…“ Dann war sie auch schon fertig mit dem Scannen und ich zahlte. Leider war die Schlange an der Kasse ziemlich lang und wir hatten keine Gelegenheit, das Gespräch zu vertiefen. Was die anderen Leute dachten, war mir in dem Moment ziemlich egal. Wir verabschiedeten uns sehr freundlich voneinander. Leider habe ich die nette Mitarbeiterin seitdem nie wieder gesehen.

Nicht nur im Männermodus, auch en femme wurde ich lockerer. Während ich zuvor immer einen großen Bogen um sämtliche Läden in meinem Wohnort gemacht hatte, um Zufallsbegegnungen zu vermeiden, traute ich mich irgendwann einfach. Ich fuhr im Auto von einer Shoppingtour mit Freunden nach Hause und musste noch etwas zu essen einkaufen. Aber nach Hause fahren, abschminken, duschen, umziehen und dann nochmal losfahren war mir einfach zu aufwändig. Also ging ich im luftigen Sommerkleid und mit Ballerinas in den heimischen Edeka und machte ein paar Besorgungen. Reaktionen gab es wie so oft keine und ich war im Nachhinein froh, auch diese kleine Mauer eingerissen zu haben.

Die schönste Erinnerung aus dieser Zeit bleibt aber ein gemeinsamer Kinobesuch mit meiner Frau. Der war deshalb besonders, weil ich zum ersten Mal mit meiner Frau allein en femme unterwegs war. Und weil es zum ersten Mal keinen richtigen Anlass dafür gab, Melissa zu sein. Kein Treffen unserer Gruppe, kein Pizzaabend, keine Verabredung, bei der klar war, dass ich als Frau hingehe. Meine Frau und ich hatten einfach nur geplant, einen schönen Tag zu verbringen. Und ich hatte am Vortag spontan Lust auf Melissa-Zeit. Zu meiner Freude war es für meine Frau kein Problem, wenn ich sie en femme begleitete. Den Tisch fürs Abendessen reservierte ich sogleich auf den Namen Melissa. Es fühlte sich gut an, mir so spontan die Zeit und den Raum für meine weibliche Seite zu nehmen - und ihn auch zu bekommen.

Über den Kinobesuch selbst hatte ich hier bereits kurz berichtet: viewtopic.php?t=23098&start=105#p392780
Worauf ich an dieser Stelle noch eingehen möchte, ist mein Styling, vor allem mein Make-up. Ich hatte mich selbst ein bisschen herausgefordert mit dem Ziel, möglichst alltagstauglich unterwegs zu sein. Also nicht mal so wie sonst, wenn wir uns beispielsweise zum Abendessen trafen, sondern wirklich so dezent wie es mir möglich war: hellerer Lippenstift, kaum Lidschatten, Jeans und Pullover. Ich denke, das ist mir insofern gelungen, als dass ich nichts auffälliges an mir finden konnte - bis auf die Länge der Fingernägel vielleicht, aber auch die waren zurückhaltend in hellem Rosa lackiert. Rückblickend finde ich, dass mein Passing darunter ein kleines bisschen gelitten hat. Mein Gesicht wirkt auf mich männlicher als sonst. Das kann aber auch damit zu tun haben, dass ich meiner männlichen Variante einfach nur mehr gleiche und ich deshalb eher den Mann sehe. Und wer weiß, vielleicht haben mich unterm Strich sogar weniger Leute wahrgenommen, eben weil ich unauffällig aussah und sie nicht genauer nachgesehen haben. Passing ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Beim Abendessen in einem unserer Lieblingswirtshäuser erwartete mich dann eine schöne Überraschung. Zunächst ging ich selbstbewusst auf die Kellnerin zu und sprach sie selbst auf meine Reservierung an. In den Monaten zuvor hatte ich mich das noch nicht getraut und immer eine Begleitperson reden lassen, um nicht durch meine Stimme aufzufallen. Dann führte sie uns zu unserem Tisch, der von einem kleinen Täfelchen reserviert wurde. Darauf stand, neben Uhrzeit, Tischnummer und Personenzahl, groß „Melissa“. So trivial das war, es machte mich mächtig stolz. Mein Name, auf meinem Tisch. Und ich hatte ihn nicht nur selbst reserviert, sondern auch selbst in Anspruch genommen. Diesen Moment, wie auch den ganzen Tag, hatte ich nur meiner Eigeninitiative zu verdanken. Es war eine schöne, kleine Belohnung dafür, dass ich mit der Zeit mutiger, aber vor allem lockerer wurde.
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Beatrixtg
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Re: Melissas Memoiren

Post 158 im Thema

Beitrag von Beatrixtg »

Hallo
Zu dezent schminken möchte ich anmerken, das klappt so gut, dass ich immer gleich geschminkt aber als Mann mit Lipgloss, als Frau mit Lippenstift ausgehe.
Das Ergebnisse das ich jeweils je nach Kleidung entsprechend erkannt werde.
Wurde mir schon ein paar mal bestätigt.
Ich wurde von Leuten die mich näher kennen, auch gefragt, wie Sie mich ansprechen sollen. Als Peter oder als Beatrix. Meine Antwort. Bitte genau so wie ich gerade unterwegs bin.
Meine Erfahrung, weniger ist oft mehr. Bei besonderen Anlässen darf es dann auch mal mehr sein.

Liebe Grüsse Beatrix
Ich bin nicht Mann, ich bin nicht Frau, ich bin einfach ich. Und das ist gut so.
laura_naomi
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Re: Melissas Memoiren

Post 159 im Thema

Beitrag von laura_naomi »

Hallo Melissa, dein letzter Bericht liest sich sehr schön.
Danke dafür.
Ich habe mich in vielem wieder gefunden.
Gerade was Lockerheit, Selbstsicherheit und Offenheit angeht, geht es mir ähnlich. Ich durfte das an mir in den letzten Monaten erleben, wenn ich zusammen mit meiner Frau unterwegs war.
Ich wünsche dir und uns, dass es so positiv weiter geht.
Ganz liebe Grüße von Laura Naomi
NicoleCH
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Re: Melissas Memoiren

Post 160 im Thema

Beitrag von NicoleCH »

dein Bericht hat mich wirklich berührt – du beschreibst so einfühlsam, wie sich Offenheit und Lockerheit langsam in deinem Alltag eingeschlichen haben. Es ist unglaublich schön zu lesen, wie du Schritt für Schritt mehr Sicherheit in deinem Auftreten gewinnst und dabei immer sanfter zu dir selbst wirst.

Ich muss übrigens sagen: Anhand des Fotos wäre ich nie im Leben darauf gekommen, dich männlich zu lesen und zu nennen. Du strahlst da so viel Natürlichkeit und Weiblichkeit aus – das ist einfach bewundernswert! Klar wie es in einem Aussieht, das sieht man nicht,. (wie nervös , usw)

Besonders beeindruckt hat mich, wie du diese kleinen, scheinbar unscheinbaren Momente zelebrierst – der Einkauf bei DM, der spontane Besuch im Edeka, die einfache, aber mutige Reservierung unter deinem Namen. All diese Momente wirken wie kleine Siege, die sich zu einem großen Gefühl von Freiheit und Selbstannahme summieren. Es ist wunderbar, wie du erkennst, dass Offenheit nicht nur im großen Rahmen, sondern in genau diesen alltäglichen Situationen wächst.

Ich finde es sehr berührend, wie liebevoll du die Kinobesuche mit deiner Frau beschreibst. Dass du dir spontan die Zeit für Melissa nimmst und dass dies ohne Hürden angenommen wird, zeigt, wie viel Vertrauen und Freude in eure Beziehung steckt – und wie schön es ist, wenn man einfach man selbst sein darf, ohne Grund, ohne Anlass, einfach nur aus Lust an der eigenen Weiblichkeit.

Auch dein Selbstreflexionsvermögen finde ich bewundernswert: dass du Passing, Make-up, Styling und Selbstwahrnehmung so ehrlich hinterfragst, aber gleichzeitig anerkennst, wie gut dir das alles gelungen ist. Du zeigst damit, dass Lockerheit und Selbstbewusstsein Hand in Hand gehen können – und dass man sich nicht verstecken muss, um sich wohlzufühlen.

Danke, dass du diese Einblicke teilst. Dein Text ist wie ein kleines Geschenk: sanft, inspirierend und voller Wärme. Ich freue mich sehr für dich über all die kleinen Erfolge und die Freiheit, die du dir Schritt für Schritt erarbeitest.

Mit ganz viel Bewunderung und einem Lächeln,
manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 161 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Mein Besuch bei Schwesternzeit

Gegen Ende des Jahres stieg dann meine Vorfreude auf das nächste große Highlight: mein Besuch bei Schwesternzeit in Hamburg.

Meine Frau und ich hatten schon länger überlegt, mal wieder zusammen nach Hamburg zu fahren und Melissa mitzunehmen. Ende 2024 bot sich dann eine gute Gelegenheit dazu: Meine Frau musste beruflich nach Hamburg, und wir hängten ein paar Tage Urlaub dran, um dort gemeinsam Silvester zu feiern. Nach einigem hin und her entschied ich mich, am 29.12. anzureisen und den 30.12. en femme zu verbringen. Der Plan war, in der ersten Nacht bei meiner Frau im Hotel zu übernachten, von dort zu Schwesternzeit zu gehen und dann en femme in unser AirBnB einzuchecken.

Sobald die Planung stand, meldete ich mich bei Karin von Schwesternzeit per Mail und fragte einen Termin an. Ich hatte vor, mir ein Tages-Make-up zu buchen und meine Perücke etwas auffrischen zu lassen. Mich schminken zu lassen war nicht nur praktisch, sondern auch notwendig, denn ich hätte gar nicht genug Platz im kleinen Koffer gehabt, um die ganze Schminke inklusive Spiegel mitzunehmen. Meine Perücke hatte ein paar Gebrauchsspuren, außerdem wollte ich ihr ein paar Locken verpassen lassen. Eigene Klamotten würde ich dabei haben und ein Shooting oder sonstige Zusatzleistungen buchte ich auch nicht. Ich wollte einfach nur einen Tag en femme in Hamburg verbringen, mich schminken lassen und dabei Karin und das Umfeld von Schwesternzeit mal näher kennenlernen. Die Kommunikation mit ihr war super unkompliziert und ließ meine Vorfreude weiter steigen.

Ich bereitete mich morgens im Hotel so gut es ging vor, indem ich mich rasierte und schon meine Unterwäsche bis auf den BH anzog. Meine Augenbrauen hatte ich bereits am Vorabend gezupft, die Nägel zum Kleben hatte ich dabei. Als ich fertig war, schnappte ich meinen Koffer und ging zum Bahnhof. Meine Bahn hatte Verspätung, aber ich kam nur wenige Minuten zu spät im Atelier an. Karin begrüßte mich ganz herzlich und meinte, ich sei bestimmt ganz aufgeregt. Ich verneinte das leicht schulterzuckend. Klar war das alles spannend, aber so richtig aufgeregt war ich nicht. Ich hatte ja mittlerweile schon etwas Routine en femme, auch allein. Vielleicht dachte Karin aber auch, ich würde an dem Tag zum ersten Mal nach draußen gehen. Nach der freundlichen Begrüßung zeigte sie mir die Räume des Ateliers: eine Küche, ein Bad, ein Flur voller Schuhregale, ein Zimmer voller Kleider und die Räume zum Schminken und fotografieren. Ich war beeindruckt: Alles war zwar etwas kleiner als damals bei Elli Hunter, aber durch den Wohnungscharakter war es irgendwie gemütlich. Jedenfalls fühlte ich mich auf Anhieb wohl.

Nach dem kleinen Rundgang musste ich mich schon umziehen. Kleidungsmäßig setzte ich in ungewohntem Umfeld auf Bewährtes: schwarzes Strickkleid, Thermostrumpfhose und Stiefeletten. Durch die schon vorhandene Unterwäsche war das Umziehen entsprechend schnell erledigt: „Tarnkleidung“ aus, BH und Strickkleid an, fertig. Ich bekam einen Umhang wie beim Frisör, dann startete Karin schon mit dem Make-up. Spätestens ab diesem Moment fühlte es sich nur noch nach Wellness an und ich konnte es richtig genießen, mal wieder geschminkt zu werden. Einige Kleinigkeiten konnte ich dabei auch lernen: Karin benutzte einen tollen Foundationpinsel (ich bisher nur Schwämme), trug den Lidschatten etwas anders auf und nutzte mehr Highlighter als ich. Am Ende wurde es doch eher ein Abend-Make-up, was aber völlig in Ordnung war, weil Karin jeden Schritt vorher mit mir abgesprochen hatte: relativ dunkler Lidschatten, roter Lippenstift, künstliche Wimpern. Ich glaube, wir wollten beide wissen, was man aus meinem Gesicht so rausholen kann, wenn man tief in die Trickkiste greift.

Parallel zum Schminken wurde meine Perücke von einer Friseurmeisterin, die extra für mich gekommen war, etwas aufgepeppt. Damit die Haare natürlicher fallen, wurden leichte Locken eingearbeitet. Die fertige Perücke bekam ich dann noch fachmännisch aufgesetzt und war damit ausgehfertig. Ich klebte noch meine Kunstnägel an, dann schlüpfte ich schnell in meine Schuhe und packte meine Sachen zusammen. Der nächste Termin von Karin war nämlich schon da, und weil der aus einem gemeinsamen Perückenkauf bestand, musste ich mit ihnen das Atelier verlassen. Ich verabschiedete mich und ging zur S-Bahn. Nächste Station: in unser AirBnB einchecken.

Ich fühlte mich ziemlich businessmäßig, als ich in Strumpfhose und Mantel meinen Koffer hinter mir her zog. Die Fahrt mit der Bahn war nicht weiter spannend, nur beim Warten auf den Zug fühlte ich mich etwas fehl am Platz. Aber es ist eigentlich immer so, dass ich eine kurze Eingewöhnungsphase brauche, um mich wohl zu fühlen. Zu unserer Ferienwohnung lief ich erst einen unfreiwilligen Umweg, dann fand ich sie aber problemlos und konnte dank Schlüsselbox schnell und kontaktlos einchecken.

Dann stellte sich die Frage, was wir mit dem Tag überhaupt anfangen wollten. Abends wollten wir zum Italiener, aber es war erst ca. 13:00. Meine Frau lieferte prompt den Plan: Sie war früher fertig mit der Arbeit als gedacht und würde sich zeitnah mit einer Freundin treffen, die in Hamburg lebt. Von dem Vorhaben hatte sie mir schon im Vorfeld erzählt, es war aber noch unklar gewesen, wann das Treffen stattfinden sollte. Deshalb war es auch nicht gänzlich spontan von mir, mich einfach dranzuhängen und mich damit bei dieser Freundin zu outen. Sie war schon zweimal bei uns zu Besuch gewesen und ich kannte sie gut genug, um mir sicher zu sein, dass sie positiv reagieren würde.

Genau so kam es dann auch. Zwei anstrengende Busfahrten (mit voll aufgedrehter Heizung) später trafen wir sie dann vor einem Cafe, und ihre Reaktion bestand aus einem schönen wie schlichten: „Du siehst heute aber gut aus!“ Nach einem Heißgetränk machten wir einen ausgedehnten Spaziergang, bei dem unsere Freundin sich dann auch traute, ein paar Fragen zu stellen. Sie dachte erst, ich würde transitionieren, was ich einfach mal wieder als Kompliment nahm. Wir hatten eine gute Zeit zusammen und redeten über alles mögliche.

Nachdem wir uns trennten, fuhren meine Frau und ich zurück zu unserer Wohnung, um uns fürs Abendessen frisch zu machen. Dabei stellte ich leider fest, dass das Make-up unterhalb meiner Augen ganz schön gelitten hatte. Das war schon immer eine schwierige Stelle gewesen, was die Haltbarkeit meines Make-ups anging, und ich hatte vergessen, Karin darauf hinzuweisen. Wahrscheinlich hatte einfach nur ein bisschen Puder gefehlt. Erst überlegte ich, drauf zu pfeifen, entschied mich dann aber doch dazu, mich zum Abendessen abzuschminken. Ich hätte mich sonst nicht mehr wirklich wohl gefühlt. Aber auch so waren es tolle Stunden en femme, die jeden Cent wert waren.

Einen Tag später, zu Silvester, machte ich mir ein paar Gedanken zu meinem aktuellen Innenleben. Mir fiel dabei auf, dass ich mich immer mehr als zweigeschlechtlich wahrnahm. Als ich an das alte Jahr zurückdachte und daran, was ich mir vom neuen Jahr erwartete, dann dachte ich an meine männliche und meine weibliche Seite. Aber wenn ich dann überlegte, wozu ich wohl eher gehörte, kam ich zu keinem Ergebnis. Mir wurde klar: Ich bin beides, manchmal abwechselnd, manchmal gleichzeitig. Ich mag mich gar nicht für eine Seite entscheiden, und ich muss es auch nicht. Mein Leben ist um viele Erfahrungen reicher, seit ich die Vielfalt meiner Geschlechtsidentität zulasse. Und ich hatte nicht vor, daran so schnell etwas zu ändern.
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NicoleCH
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Re: Melissas Memoiren

Post 162 im Thema

Beitrag von NicoleCH »

Wünsche dir morgen viel positive wohltuende Blicke, wenig ärger und Stress und vorallem geniess Hamburg! Du packst es...
manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 163 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Zeitmangel, Zwanglosigkeit und positives Desinteresse

Das Jahr 2025 begann zumindest für meine weibliche Seite sehr schleppend. Erst im März ging ich das erste mal en femme raus. Das klingt allerdings schlimmer, als es sich tatsächlich angefühlt hat. Oft hatte mir einfach die Zeit gefehlt. Im Februar war ich beispielsweise für zwei Wochen auf Dienstreise, da war an Melissa nicht zu denken. Trotzdem war das eine schöne Zeit für mich, in der ich viel gelernt und beruflich viel erreicht habe. Außerdem war es gar keine so lange Pause, unterm Strich waren seit unserem Trip nach Hamburg nicht einmal neun Wochen vergangen. Und ich wusste ja die ganze Zeit, dass es irgendwann wieder soweit sein würde. Mit diesem Gedanken fühlte ich mich sehr wohl und ich versuchte, mich nicht unter Druck zu setzen. Es schwankte nicht nur mein Bedürfnis, Melissa zu sein, sondern auch die Frequenz dieser Schwankung war nicht konstant. Und das war okay so.

Was ich bei meinem ersten Ausflug des Jahres erlebt habe, habe ich an anderer Stelle bereits aufgeschrieben, deshalb möchte ich es hier nicht mehr wiederholen:
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Glücklicherweise dauerte es bis zum nächsten Melissa-Tag nicht nochmal so lange. Bereits Anfang April verabredete ich mich mit Felice zum Pizzaessen. Es war ein schöner Frühlingstag und ich wollte unbedingt meine neue Wildlederjacke anziehen, für die ich kurze Zeit zuvor auch passende Stiefeletten gefunden hatte. Statt mit dem Auto zu fahren, ging ich zu Fuß durch unseren Park und genoss das gute Wetter. Dass ich zu Fuß gehen konnte bedeutete auch, dass ich mich in ein Restaurant in meinem Wohnort traute. Noch wenige Monate zuvor wäre das für mich unvorstellbar gewesen, jetzt machte ich es einfach.
Auf dem Weg fühlte ich mich aber leider nicht immer wohl. Das lag nicht mal daran, dass mir mein Augen-Make-up nicht so gut gelungen war, denn das konnte ich hinter meiner Sonnenbrille verstecken. Was mich störte, war mein eigener Schatten. Die Sonne stand tief und ich konnte meinen Schatten dadurch sehr gut sehen, leider fand ich meinen Gang dabei ziemlich steif. Ich verkrampfte dadurch noch mehr, was den Anblick sicher nicht verbesserte. Irgendwie fand ich keinen Flow, keine Haltung, obwohl die Stiefeletten nicht wirklich hoch waren. Ich nahm mir vor, mich meinem Gang noch einmal gesondert zu widmen und hakte das Thema für den Moment ab. Im Restaurant selbst war alles entspannt, die junge Italienerin bediente uns sehr zuvorkommend, und nach einem schönen Abend fuhr Felice mich nach Hause.

Vier Wochen später waren meine Frau und ich zum Grillen eingeladen. Es war warm an dem Tag, aber weil ich nochmal Lust hatte und es in einem privaten Rahmen war, wo mich alle so kannten, ging ich en femme hin. Ich entschied mich für den Rock, das T-Shirt und die Sandalen vom letztjährigen CSD, und weil es abends immer noch kühl wurde, kam meine braune Jacke gleich zu ihrem nächsten Einsatz. Leider war meine Frau kurzfristig verhindert, also fuhr ich alleine hin. Ich brachte einen Kartoffelsalat mit, und auch wenn es vielleicht albern klingt: Es fühlte sich schon etwas mehr nach „echtem Leben“ an, mit einer Salatschüssel zum Auto zu laufen, statt sich in der Stadt zum Essen zu treffen. Außerdem brauchten wir noch ganz alltägliche Sachen aus dem Drogeriemarkt, also fuhr ich dort auch noch vorbei. An der Kasse war ich kurz aufgeregt, denn ein Kind hinter mir rief laut: „Mama, Mama!“, so als wollte es fragen, warum der Mann da vorne aussieht wie eine Frau. Kinder sind da ja sehr wachsam und direkt. Aber es interessierte sich gar nicht für mich und wollte irgendwas anderes. Es waren wieder so kleine Schritte in den Alltag und ich genoss es unglaublich, bei solch belanglosen Aktivitäten weiblich unterwegs zu sein. Irgendwie paradox, denn gleichzeitig hatte ich manchmal das Bedürfnis, mich nach dem ganzen Stylingaufwand auch sichtbar draußen zu zeigen, in einem Restaurant oder in der Fußgängerzone. Da pendelte sich also gerade etwas ein: Nachdem ich mich erst gar nicht nach draußen getraut hatte, konnte ich erst gar nicht genug kriegen und empfand einen Melissa-Tag zu Hause als verschwendet. Jetzt änderte sich das wieder langsam und ich machte mich zunehmend frei von Zwängen, indem ich unabhängiger vom Anlass so auftrat, wie ich es fühlte und wollte. Auch ohne den Einkauf bei DM wäre ich mit dem Tag mehr als zufrieden gewesen.
Auf dem Heimweg holte ich meine Frau an der S-Bahn ab. Als ich nach dem Einparken aus der Garage kam, sagte sie: „Du siehst süß aus!“, und machte ein Bild von mir. Trotz des schlechten Lichts meine ich, auf dem Bild ein besonderes Strahlen zu erkennen, denn so ein schönes, überraschendes Lob von ihr war selten und damit umso wertvoller.

Es folgte eine zweimonatige Sommerpause für Melissa, denn oft war es zu heiß und im Urlaubsgepäck war nicht genug Platz. Nach unserem Sommerurlaub lud uns die Partnerin von Felice zum Geburtstagsbrunch ein. Meine Frau war leider schon wieder anderweitig unterwegs, also ging ich allein hin und fragte das Geburtstagskind, ob sie sich die Gesellschaft meiner männlichen oder meiner weiblichen Seite wünschte. Sie entschied sich für Melissa, und weil es ein recht milder Sommertag wurde, konnte ich ihr den Wunsch erfüllen. Ich trug wieder meine Keilsandalen sowie ein weites Sommerkleid mit Blumenprint. Beim Brunch passierte nichts außergewöhnliches, es war jedoch eine Person dabei, die ich zuvor nicht kannte und die mich ganz selbstverständlich als Frau akzeptierte. Sie stellte mir nicht mal eine Frage zu meiner Transidentität. Das war eine Art von Gleichgültigkeit, die neu war und mir überraschend gut tat. Es wunderte mich immer wieder, wie bedingungslos andere mich als Frau wahrnahmen und behandelten, wenn sie mich auch so kennengelernt hatten. Und auch wenn es mich bei mir näherstehenden Menschen manchmal enttäuschte, so war ihr Desinteresse dieses Mal erfrischend und angenehm. Denn es zeigte mir: Ich nehme dich so an, wie du bist und deine Geschlechtsidentität ist mir egal bzw. geht mich nichts an. Es fiel mir langsam leichter, das zu erkennen und auch so stehen zu lassen.
Im Anschluss holten wir uns noch ein Eis. Es war nicht mein erstes en femme, aber aus Gewohnheit bestellte ich es aus Versehen in der Waffel und hatte so meine Mühe, mein Make-up nicht zu verschmieren. Aber auch diese Aufgabe meisterte ich, es dauerte nur etwas länger als sonst.

So sammelten sich bis zur Jahresmitte doch noch einige Ausflüge an, auch wenn ich mir ein paar mehr gewünscht hätte. Ich beschloss, das in der zweiten Jahreshälfte zu ändern. Insgesamt setzte sich aber ein Trend fort: Meine Melissa-Tage wurden unspektakulärer, aber nicht weniger schön - im Gegenteil: Ich hatte immer mehr das Gefühl, eine innere Ruhe zu finden. Und aus dieser Position der Sicherheit heraus traute ich mich, neue Dinge zu wagen und langsam meine Komfortzone zu erweitern.
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Julia Lacourt
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Re: Melissas Memoiren

Post 164 im Thema

Beitrag von Julia Lacourt »

Liebe Melissa,
ich bin erst jetzt auf deine Memoiren gestossen und bin begeistert. Über deine Art zu schreiben und die Entwicklung die Du nimmst. Ich freue mich weitere Kapitel deiner Meoiren zu lesen. Es macht auch mir Mut Julia ein wenig mehr ins Leben außerhalb des Hauses zu holen.

LG
Julia
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Re: Melissas Memoiren

Post 165 im Thema

Beitrag von Violetta-TransFlower »

Liebe Melissa,

Danke für Deine Erinnerungen.
manchmal_melissa hat geschrieben: Mi 18. Feb 2026, 08:32 Noch wenige Monate zuvor wäre das für mich unvorstellbar gewesen, jetzt machte ich es einfach
Ähnlich wie bei mir damals, innerhalb weniger Wochen von der Stubentranse zur selbstbewußten Violetta, die sich auch zeigt.
Anfänglich noch ein leichtes Austesten der Reaktionen Deiner Umgebung, wirst Du immer sicherer werden...
manchmal_melissa hat geschrieben: Mi 18. Feb 2026, 08:32 Irgendwie fand ich keinen Flow, keine Haltung, obwohl die Stiefeletten nicht wirklich hoch waren.
... auch wenn kleine Problemchen manchmal die Sache etwas hakelig gestalten.
Bei mir ist es immer so, umso höher der Absatz, umso weiblicher mein Gang.
manchmal_melissa hat geschrieben: Mi 18. Feb 2026, 08:32 Irgendwie paradox, denn gleichzeitig hatte ich manchmal das Bedürfnis, mich nach dem ganzen Stylingaufwand auch sichtbar draußen zu zeigen,
Da kommt die liebe Eitelkeit, die uns Allen innewohnt, zum Vorschein.
manchmal_melissa hat geschrieben: Mi 18. Feb 2026, 08:32 Es wunderte mich immer wieder, wie bedingungslos andere mich als Frau wahrnahmen und behandelten, wenn sie mich auch so kennengelernt hatten.
Es ist nicht verwunderlich, daß Du vollkommen als Frau durchgehst.
Ich habe Dich persönlich kennengelernt und sehe Deine Bilder, Du siehst einfach top aus.
Es ist auch schön, daß die Geschlechtsidentität auch in Deinen Gesprächen keine große Rolle spielt.
Auch ähnlich wie bei mir.

Ab und zu fragen mich Menschen, die sich wirklich für mich interessieren, wie denn dieses und jenes so sei und wie mein weiterer Weg aussieht und sie bekommen von mir auch eine Antwort.
Vorher haben sie sich oft für ihre Fragen entschuldigt, aber ich antworte immer gerne, weil ich auch keine Missverständnisse möchte.
Manchmal entwickelt sich daraus auch ein längeres Gespräch.

Alles Gute 🍀für Dich
wünscht Dir
Deine Violetta 💜🌺
🌺 Das Glück 🍀 wohnt wieder in meinem Herzen 💜🙏
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