Liebe Vicky,
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 4. Jun 2025, 17:33
Deshalb war mein Fazit: Ich kann mich nicht hinter vermeintlichen Ablehnungen verstecken. Was mich zögern lässt, ist ausschließlich die Angst, abgelehnt und verlassen zu werden. Und jeder Zweifel in mir kommt aus dieser Angst. In archaischen Gesellschaftssystemen kommt ein Ausschluss aus der Gemeinschaft einem Todesurteil gleich. Vielleicht steckt das in mir ? Oder hat das mit Sozialisation zu tun ? Egal was es ist, ich habe es in der Hand, zu leben, wie es mir zusteht. Das mich Gefühle nach Weiblichkeit "überfallen", ist vielleicht Teil meiner Persönlichkeit. An welcher Schraube versuche ich also zu drehen ? Kann man von seiner Persönlichkeit "ferngesteuert" werden. Oder sind es nicht eben die Lebensumstände, die ich anpassen kann ?
Vermeintlich würde ja bedeuten, Du erfährst Ablehnung durch Menschen, die eigentlich keine ist. Ich glaube,
vermutete Ablehnung würde es besser treffen. Denn Du vermutest ja, das Menschen Dich ablehnen, weißt es aber nicht - oder?
Was den Rest, die Angst vor der Ablehung und Ausgrenzung angeht... das ist schon ein großer Brocken. Ich weiß auch nicht so genau, was mir damals diesen Mut gegeben hat, aber ich weiß das mein Herz so doll gepumpt hat wie lange nicht, als ich mich geoutet habe. Es wurde mit jedem Mal, bei jeder Person, leichter - aber trotzdem geht das nicht weg. Und es bleibt auch noch für eine ganze Weile, weil Akzeptanz einfach nie selbstverständlich ist.
Letztendlich hatte ich aber keine große Wahl. Und das ist vielleicht auch etwas, worin wir uns sehr stark unterscheiden. Ich habe damals 4 Optionen für meinen weiteren Weg identifizieren können:
1. Ich bleibe nach außen wie ich bin, kein Outing, keine Weiblichkeit. Vorteil: es bleibt nach außen alles wie es ist, ich gehe keinerlei Risiko ein. Nachteil: ich gehe Stück für Stück kaputt, weil ich diese Empfindung, dieses Bedürfniss "ich zu sein" nicht aus dem Kopf und aus dem Herzen bekomme. Perspektive: Depression, Drogenmissbrauch, zerstörtes Leben (gegebenenfalls mit Verlust der Familie, Arbeit, Freunde...)
2. Ich "oute" mich als nicht-binär/fluide und kombiniere einfach nach Lust und Laune. Die Basis bliebe aber männlich gelesen. Vorteil: ich darf Akzente setzen, mich etwas ausdrücken. Vermutlich keine großen Auswirkungen auf das soziale Umfeld und die Flexibilität, bei Menschen wo es Schwierigkeiten gibt, auch aus Deeskalationsgründen zurück zu stecken. Nachteil: es ist permanent Erklärungsbedarf, besonders im beruflichen Kontext. Außerdem würde vermutlich der feminine Anteil immer stärker werden, ich müsste das aber unterdrücken und das wäre schon auch deprimierend. Und dann wäre ich vermutlich irgendwann bei Nummer 4 gelandet, aber insgesamt die zweitbeste Lösung.
3. Ich lebe im Grunde so wie viele hier: geoutet im kleinsten Kreis, ab und an mal ein Wochenende oder Ausflug en femme. Vorteile: keine Auswirkungen auf Arbeits- und soziales Umfeld. Nachteil: es hätte mir auf Dauer nicht gereicht. Das Zurückkehren in den männlichen Alltag erschien mir zu grausam. Ständig die Angst, doch mal entdeckt zu werden - Ausflüge immer weit weg und das heißt: nicht für die Familie da sein, reine "Ego-Zeit". Das könnte ich nicht genießen. Und ich bliebe ja immer unvollständig, nie wirklich ich. Ich hätte das dann vermutlich irgendwann aufgegeben und wäre in Option 1 gerutscht.
4. Vollständiges Outing, soziale und körperliche Transition. Nachteil: maximales Risiko. Keine Ahnung, wie mein Umfeld reagiert, ob ich meinen Arbeitsplatz behalten kann, oder zeitnah AGG-konform entlassen werde, wie verhalten sich meine Freunde? Meine Familie? Es ist der Bungee-Sprung mit verbundenen Augen, wo man nicht weiß, ob das Seil wirklich befestigt wurde. Dieser "Ich vertraue Dir Moment", wo man sich rückwarts in die Arme einer anderen Person fallen lässt - nur das man nicht mal weiß, ob da überhaupt jemand steht. Vorteil: ich darf ich sein.
Also: alles risikieren, nur um "ich" sein zu dürfen?
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 4. Jun 2025, 17:33
Aber eines ist klar, ich bin für mich selber verantwortlich und keine Gesellschaft und keine Sozialisation und auch keine Partnerschaft oder Arbeitgeber.
Nein, das seh ich anders. Natürlich bist Du am Ende verantwortlich für deine Entscheidung. Aber dein Umfeld, dein Arbeitgeber, deine Partnerperson - sie alle tragen auch Mitverantwortung, in dem sie einen Raum schaffen, der dich ermutigt und unterstützt - oder eben einschüchtert und verunsichert. SIe haben einen sehr großen Anteil daran, ob Du in deiner neuen Lebenswelt ankommen kannst, oder es ein dauernder Kampf bleibt. Die Entscheidung darüber, ob Du diesen Schritt letztendlich gehen möchtest - klar, die liegt bei dir. Sollte sie zumindest.
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 4. Jun 2025, 17:33
Wenn ich hier schreibe, will ich das auch nicht als Gejammer verstanden wissen. Es ist eine ernsthafte Auseinandersetzung.
Glaube mir, das ist weit weg von Gejammer. Deine Worte zeigen sehr deutlich, wie groß dieser Zwiespalt ist, in dem Du steckst. Und das Du dich hier so dazu äußerst, so offen darüber kommunizierst ist ein Zeichen großer Stärke und erfordert eine Menge Mut und Vertrauen in die Menschen hier im Forum. Darum an dieser Stelle auch nochmal ein riesengroßes Danke, für Deine Offenheit, deine Ehrlichkeit und dein Vertrauen, ich fühle mich geehrt.
Das Selbe gilt auch für Dich, Lana - und alle anderen, die sich hier so öffnen. Ich habe großen Respekt vor euren Hürden und den Wegen, wie ihr damit umgeht. In meinem Fall war der Schritt in die Öffentlichkeit eine reine Verzweiflungstat aus Selbsterhaltungstrieb. Sorry.