Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...
Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ... - # 14

Lebensplanung, Standorte
Antworten
Sophia69
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 376
Registriert: Sa 17. Feb 2018, 19:12
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Essen
Hat sich bedankt: 423 Mal
Danksagung erhalten: 76 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 196 im Thema

Beitrag von Sophia69 »

Knäckebrötchen hat geschrieben: Mo 2. Jun 2025, 11:50 Und jetzt die Frage an Euch: Ist Euch bewusst, dass ihr das allgemein bestehende binäre Denken unterlauft, aber Euch gleichzeitig genau den Standards und Normen unterwerft, die damit verbunden sind ? Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn alle Menschen Einheitskleidung z.B. a la Mao tragen würden und keine Geschlechtsunterschiede äußerlich erkennbar wären ? Was bedeutet Weiblichkeit jenseits der Normen ?
Hallo Vicky,
ebenfalls wie du sehe ich die Welt vielfältiger als nur binär! Was aber bedeutet Weiblichkeit jenseits der Norm für mich? Vorweg verorte ich mich als Frau, was auch immer dies heißen mag, ähnlich wie du nachfragst, was bedeutet Weiblichkeit? Um diese Frage zu beantworten müsste ich mir m.E. aber auch die Fragen stellen was Männlichkeit und alles innerhalb und außerhalb des binären Denken bedeutet. Oder anders noch gedacht, wenn ich die Binärität aufhebe, macht es dann noch Sinn nach typisch weiblich zu fragen??? Kann ich so gar nicht beantworten.
Da ich eine Frau bin kann ich aber für mich klar beantworten was für mich in Weiblichkeit steckt. Dies ist keine Abgrenzung zu irgendetwas, sondern nur mein empfinden. Weiblich ist für mich die Freiheit aus dem Leben mir das zu greifen was meiner Fasson entspricht. Gerne bin ich ein sozialer, fürsorglich Mensch der gerne gibt aber auch auf sich selbst achtet. Ich mag es verspielt in jeder Art und Weise, egal ob es um die Wohnungseinrichtung, die Kleidung oder Sex (he) etc. geht.
Dies bedeutet aber auch, dass ich somit gerade bei der Kleidung häufig dem Rollenklischee entspreche. Röcke, Stay Ups, High Heel zum flanieren genauso mag wie häuslich bequeme Hoodykleider, oversized Jogginganzüge etc.. Auch schminke ich mich gerne ein wenig dezent für den Alltag und auch mal auffälliger für besondere Anlässe. Lackiere ständig meine Nägel, alles Stereotypen der Weiblichkeit. Dabei fühle ich mich aber nicht als "Larissa", sondern als selbstbewußte, emanzipierte Frau die das tut was sie mag.

Liebe Grüße
Sophia
Knäckebrötchen
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 604
Registriert: So 6. Okt 2024, 16:48
Geschlecht: Weiblich
Pronomen: Sie/ihr
Wohnort (Name): Marburg
Hat sich bedankt: 227 Mal
Danksagung erhalten: 624 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 197 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Liebe Vicky,
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 4. Jun 2025, 17:33 Deshalb war mein Fazit: Ich kann mich nicht hinter vermeintlichen Ablehnungen verstecken. Was mich zögern lässt, ist ausschließlich die Angst, abgelehnt und verlassen zu werden. Und jeder Zweifel in mir kommt aus dieser Angst. In archaischen Gesellschaftssystemen kommt ein Ausschluss aus der Gemeinschaft einem Todesurteil gleich. Vielleicht steckt das in mir ? Oder hat das mit Sozialisation zu tun ? Egal was es ist, ich habe es in der Hand, zu leben, wie es mir zusteht. Das mich Gefühle nach Weiblichkeit "überfallen", ist vielleicht Teil meiner Persönlichkeit. An welcher Schraube versuche ich also zu drehen ? Kann man von seiner Persönlichkeit "ferngesteuert" werden. Oder sind es nicht eben die Lebensumstände, die ich anpassen kann ?
Vermeintlich würde ja bedeuten, Du erfährst Ablehnung durch Menschen, die eigentlich keine ist. Ich glaube, vermutete Ablehnung würde es besser treffen. Denn Du vermutest ja, das Menschen Dich ablehnen, weißt es aber nicht - oder?

Was den Rest, die Angst vor der Ablehung und Ausgrenzung angeht... das ist schon ein großer Brocken. Ich weiß auch nicht so genau, was mir damals diesen Mut gegeben hat, aber ich weiß das mein Herz so doll gepumpt hat wie lange nicht, als ich mich geoutet habe. Es wurde mit jedem Mal, bei jeder Person, leichter - aber trotzdem geht das nicht weg. Und es bleibt auch noch für eine ganze Weile, weil Akzeptanz einfach nie selbstverständlich ist.

Letztendlich hatte ich aber keine große Wahl. Und das ist vielleicht auch etwas, worin wir uns sehr stark unterscheiden. Ich habe damals 4 Optionen für meinen weiteren Weg identifizieren können:

1. Ich bleibe nach außen wie ich bin, kein Outing, keine Weiblichkeit. Vorteil: es bleibt nach außen alles wie es ist, ich gehe keinerlei Risiko ein. Nachteil: ich gehe Stück für Stück kaputt, weil ich diese Empfindung, dieses Bedürfniss "ich zu sein" nicht aus dem Kopf und aus dem Herzen bekomme. Perspektive: Depression, Drogenmissbrauch, zerstörtes Leben (gegebenenfalls mit Verlust der Familie, Arbeit, Freunde...)

2. Ich "oute" mich als nicht-binär/fluide und kombiniere einfach nach Lust und Laune. Die Basis bliebe aber männlich gelesen. Vorteil: ich darf Akzente setzen, mich etwas ausdrücken. Vermutlich keine großen Auswirkungen auf das soziale Umfeld und die Flexibilität, bei Menschen wo es Schwierigkeiten gibt, auch aus Deeskalationsgründen zurück zu stecken. Nachteil: es ist permanent Erklärungsbedarf, besonders im beruflichen Kontext. Außerdem würde vermutlich der feminine Anteil immer stärker werden, ich müsste das aber unterdrücken und das wäre schon auch deprimierend. Und dann wäre ich vermutlich irgendwann bei Nummer 4 gelandet, aber insgesamt die zweitbeste Lösung.

3. Ich lebe im Grunde so wie viele hier: geoutet im kleinsten Kreis, ab und an mal ein Wochenende oder Ausflug en femme. Vorteile: keine Auswirkungen auf Arbeits- und soziales Umfeld. Nachteil: es hätte mir auf Dauer nicht gereicht. Das Zurückkehren in den männlichen Alltag erschien mir zu grausam. Ständig die Angst, doch mal entdeckt zu werden - Ausflüge immer weit weg und das heißt: nicht für die Familie da sein, reine "Ego-Zeit". Das könnte ich nicht genießen. Und ich bliebe ja immer unvollständig, nie wirklich ich. Ich hätte das dann vermutlich irgendwann aufgegeben und wäre in Option 1 gerutscht.

4. Vollständiges Outing, soziale und körperliche Transition. Nachteil: maximales Risiko. Keine Ahnung, wie mein Umfeld reagiert, ob ich meinen Arbeitsplatz behalten kann, oder zeitnah AGG-konform entlassen werde, wie verhalten sich meine Freunde? Meine Familie? Es ist der Bungee-Sprung mit verbundenen Augen, wo man nicht weiß, ob das Seil wirklich befestigt wurde. Dieser "Ich vertraue Dir Moment", wo man sich rückwarts in die Arme einer anderen Person fallen lässt - nur das man nicht mal weiß, ob da überhaupt jemand steht. Vorteil: ich darf ich sein.

Also: alles risikieren, nur um "ich" sein zu dürfen?
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 4. Jun 2025, 17:33 Aber eines ist klar, ich bin für mich selber verantwortlich und keine Gesellschaft und keine Sozialisation und auch keine Partnerschaft oder Arbeitgeber.
Nein, das seh ich anders. Natürlich bist Du am Ende verantwortlich für deine Entscheidung. Aber dein Umfeld, dein Arbeitgeber, deine Partnerperson - sie alle tragen auch Mitverantwortung, in dem sie einen Raum schaffen, der dich ermutigt und unterstützt - oder eben einschüchtert und verunsichert. SIe haben einen sehr großen Anteil daran, ob Du in deiner neuen Lebenswelt ankommen kannst, oder es ein dauernder Kampf bleibt. Die Entscheidung darüber, ob Du diesen Schritt letztendlich gehen möchtest - klar, die liegt bei dir. Sollte sie zumindest.

Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 4. Jun 2025, 17:33 Wenn ich hier schreibe, will ich das auch nicht als Gejammer verstanden wissen. Es ist eine ernsthafte Auseinandersetzung.
Glaube mir, das ist weit weg von Gejammer. Deine Worte zeigen sehr deutlich, wie groß dieser Zwiespalt ist, in dem Du steckst. Und das Du dich hier so dazu äußerst, so offen darüber kommunizierst ist ein Zeichen großer Stärke und erfordert eine Menge Mut und Vertrauen in die Menschen hier im Forum. Darum an dieser Stelle auch nochmal ein riesengroßes Danke, für Deine Offenheit, deine Ehrlichkeit und dein Vertrauen, ich fühle mich geehrt.

Das Selbe gilt auch für Dich, Lana - und alle anderen, die sich hier so öffnen. Ich habe großen Respekt vor euren Hürden und den Wegen, wie ihr damit umgeht. In meinem Fall war der Schritt in die Öffentlichkeit eine reine Verzweiflungstat aus Selbsterhaltungstrieb. Sorry.
Sapphic | Trans* | Femme
Lana
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1697
Registriert: Fr 8. Jan 2021, 01:29
Pronomen: sie
Hat sich bedankt: 796 Mal
Danksagung erhalten: 1277 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 198 im Thema

Beitrag von Lana »

Liebe Alice, ich glaube, an dieser Stelle ist mal ein ausdrückliches dickes Dankeschön an dich fällig, für den halbtransparenten Spiegel, den du uns vorhältst, durch den schemenhaft deine Gedanken und dein Weg durchscheinen.
(he)
Knäckebrötchen hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 09:49 Ich weiß auch nicht so genau, was mir damals diesen Mut gegeben hat, aber ich weiß das mein Herz so doll gepumpt hat wie lange nicht, als ich mich geoutet habe. Es wurde mit jedem Mal, bei jeder Person, leichter - aber trotzdem geht das nicht weg. Und es bleibt auch noch für eine ganze Weile, weil Akzeptanz einfach nie selbstverständlich ist.
Das ist für mich eine große Ursache von Stress und Unruhe - dass Akzeptanz nicht selbstverständlich ist, und ich das genau so wahrnehme.

Schon sehr schnell nach meinem ersten Coming-Out wurde mir klar, dass genau das mein Ziel sein musste: Selbstverständlichkeit in der eigenen Anerkennung meiner Bedürfnisse, sie also nicht als etwas Besonderem aus dem Alltag herauszuheben. Das geht natürlich besser, wenn mich das Umfeld irgendwann ganz selbstverständlich so akzeptiert, wie ich eben bin.

Wenn das in zentralen Bereichen nicht klappt, und das ist in meiner Partnerschaft so, dann bleibt erstmal nur Möglichkeit 2 von deinen vier Optionen übrig. Vielleicht verbunden mit der Hoffnung, dass es (steter Tropfen höhlt den Stein) irgendwann zu Möglichkeit 4 übergeht, die ich auch ohne medizinische Eingriffe als vollständige Transition beschreiben würde. Aber das ist ein Aspekt, der an dieser Stelle erstmal keine Rolle spielt.

So, da kann ich also im Rahmen der Möglichkeiten das sein, was ich bin, aber eben immer unvollständig, im Rahmen der Kompromisse, die ich zwangsläufig eingehe. Vicky hat vor längerer Zeit mal was zu Kompromissen geschrieben, wo ich bis heute hin- und hergerissen bin:
Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 19. Aug 2024, 13:30Das was oftmals unter Harmonie verstanden wird, ist nur ein Ausweichen von Problemen und Krisen. Der Kompromiss ist die Vermeidungsstrategie dazu. Das Problem dabei ist die Einengung beider [Partner] auf das "kleinste gemeinsame Vielfache", weil man ja gerade die Differenzen in den Sichtweisen vermeidet. Es ist ein Geschacher im Sinne von "gibst Du mir, gebe ich Dir". Tiefe Beziehungen funktionieren mMn so nicht. Sie werden erarbeitet, in dem man sich intensiv mit den Unterschieden beschäftigt und daran wächst. Und der allererste Schritt ist für mich, mich selber ernst zu nehmen.
In der Theorie ist das alles fein. Im realen Leben gibt es Abhängigkeiten, Arbeitsteilung und unterschiedliche Prioritäten in jeder Beziehung. Die Grenze, zwischen "mich selbst ernst nehmen" und Egoismus ist ein sehr schmaler Grat, von dem man leicht runterfallen kann. Auf die eine oder die andere Seite.

Aber zurück zum Thema:
Wenn ich bei meiner Zuordnung zu Möglichkeit 2 bleibe, dann wird viel Unruhe durch die Suche nach Kompromissen und Hoffnung auf langsame Änderungen erzeugt. Nämlich immer dann, wenn ein Kompromiss zu meinen Ungunsten ausfällt oder die Veränderungen zu langsam gehen oder gar nicht stattfinden.

Da habe ich dann wieder die Wahl, mich entsprechend dazu zu verhalten, also mich den Gegebenheiten zu fügen, in der Hoffnung damit klarzukommen, oder mich selbst wirklich ernst zu nehmen und mich auf den Bungee-Sprung mit ungewissem Ausgang einzulassen. Wobei der Ausgang zumindest hinsichtlich meiner Partnerschaft nicht sehr ungewiss wäre...

"Partnerschaft" kann natürlich auch für andere wichtige Aspekt stehen, etwa "Beruf", "Freundeskreis", "finanzielle Situation" etc. Etwas, das eben essentielle Bedeutung in meinem Leben hat und das ich nicht ohne gravierende Nachteile aufgeben könnte.

Das ist so in etwa meine Zustandsbeschreibung, wie sie sich aus mir heraus darstellt. Mit der offenen Frage, ob das dauerhaft tragfähig ist, oder ob ich nicht besser der Realität ins Auge blicken sollte und mich endlich daran mache, diese Kompromiss hinter mir zu lassen, zu einem sehr hohen Preis?

Auch das soll kein Jammern sein. Ich "entscheide" mich im Rahmen der Möglichkeiten ja selbst dafür. Und trotzdem bin ich auf der Suche, ob es innerhalb dieses Rahmens andere Möglichkeit gibt, damit umzugehen. Zu aller erst, um mehr Ruhe und Selbstverständlichkeit für mich selbst reinzubekommen, aber auch, um dieses Konstrukt von Beziehungen zu anderen Menschen zu stabilisieren.

In gewisser Weise weigere ich mich zu akzeptieren, dass es nur "ganz" oder "gar nicht" gehen soll, wenn dieses ständige In-Frage-Stellen oder In-Frage-gestellt-werden endlich mal aufhören soll.

LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 199 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Knäckebrötchen hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 09:49 Vermeintlich würde ja bedeuten, Du erfährst Ablehnung durch Menschen,
Hi Knäckebrötchen,

vermeintlich bedeutet "irrtümlich", "fälschlicherweise", aber Du kannst auch "vermutet" lesen. Ich teile in vielen Punkten Deine Ansicht. Auf die relativ kleinen Unterschiede will ich jetzt nicht eingehen.
Knäckebrötchen hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 09:49 Also: alles risikieren, nur um "ich" sein zu dürfen?
Richtige Frage, aber was ist "ich" ? Da sind wir an dem Punkt, den Du in einem Deiner früheren Posts nicht nachvollziehen konntest. Werden wir "ich", in dem wir etwas aktiv tun oder sind wir "ich" und wir müssen das nur erkennen ? Letztere Position bietet die Möglichkeit, dass ich mich auf die Suche begeben kann und es als Ausrede benutze, um nicht aktiv zu werden... Andererseits, wenn "ich" gesetzt ist, birgt die Lösung 4.) Deines Beitrags ein enormes Risiko für ein Scheitern. Ich versuche das für mich auf eine Weise zu lösen, in dem ich weder das Eine noch das Andere annehme und beide Wege beschreite. Ich schiebe meine Grenzen immer weiter hinaus. Die Reha war ein Höhepunkt dabei. Jedes Mal habe ich mehr über mich erfahren. Andererseits vermeide ich das vollständige Outing. Die Angst ist zugleich Selbsterhalt wie auch übertriebene Bremse. Der tägliche Balanceakt liegt darin, die Angst als sinnvolle Schutzmaßnahme zu nutzen, ohne sich davon beherrschen zu lassen. Das Problem dabei: kann ich das bewusst leisten oder übernimmt das Unbewusste die Steuerung ?

Wenn ich so darüber nachdenke, merke ich, wie ich mein ganzes Leben so ähnlich gehandelt habe, aber strukturell nur begrenzt weiter gekommen bin. Im Prinzip kann ich ewig so weiter machen, wenn ich das physisch und psychisch durchhalte, d.h. es mir einigermaßen gut geht. Und das erreiche ich mit mehr oder weniger intensiven Erlebnissen en femme. Der Druck steigt in mir bis es zu einem Ausbruch kommt und sich danach wieder beruhigt. Dadurch verschiebt sich die Perspektive und die Antwort auf die Lebensfrage verschiebt sich durch die andere Bewertung. Wer bin ich ? Aber unterschiedliche Antworten auf die gleiche Frage verunsichern mich. Also werde ich das wohl anders angehen müssen.

Das ist das, was ich mit "Verantwortung für mich selber übernehmen" meine. Da spielen Dritte keine Rolle. Ich bin der Mensch, der für sich selber die Dinge in die Hand nehmen muss. Andere Menschen kommen erst dann ins Spiel, wenn ich den ersten Schritt gemacht habe. Sie müssen mir nicht den Raum schaffen, in dem ich mich wohl fühle. Sie tun es im besten Fall. Wenn nicht, sind es die falschen Personen für mich. Das kann sehr schmerzhaft werden. Die Angst versucht mich davor zu bewahren, der Mut versucht mich aus einer möglichen Angststarre zu befreien.

Verantwortung bedeutet für mich, auch mit den Konsequenzen zu leben. Aber es bedeutet aktiv zu leben. Verweigere ich mich einer Entscheidung, mus ich mit anderen Konsequenzen leben. Entscheidung heißt dabei nicht männlich oder weiblich, das würde ja eine Binarität bedingen, sondern ist die Antwort auf die Frage, wie will ich leben ?

Ich bin Euch allen sehr dankbar für Eure Erfahrungen und Perspektiven. Ich habe jetzt diesen Post einfach so herunter geschrieben, wie er mir in den Sinn kam. Die letzte Frage ist vielleicht entscheidend. Dabei kann ich jedes Wort unterschiedlich betonen:

Wie will ich leben ?
Wie will ich leben ?
Wie will ich leben ?
Wie will ich leben ?

(moin) ---))) (na) :)p
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Knäckebrötchen
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 604
Registriert: So 6. Okt 2024, 16:48
Geschlecht: Weiblich
Pronomen: Sie/ihr
Wohnort (Name): Marburg
Hat sich bedankt: 227 Mal
Danksagung erhalten: 624 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 200 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Hey Lana,
Lana hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 12:49 Selbstverständlichkeit in der eigenen Anerkennung meiner Bedürfnisse, sie also nicht als etwas Besonderem aus dem Alltag herauszuheben. Das geht natürlich besser, wenn mich das Umfeld irgendwann ganz selbstverständlich so akzeptiert, wie ich eben bin.
Hier stimme ich Dir zu: was auch immer Du lebst, es muß zur Selbstverständlichkeit werden. So wie Zähneputzen. Jetzt ist es halt so (so zumindest meine Erfahrung, auch in anderen Kontexten), dass dein Umfeld um so sicherer/konstanter/selbstverständlicher reagiert, desto sicherer/konstanter/selbstverständlicher DU dich gibst. Umgekehrt verunsicherst Du dein Umfeld, wenn Du selbst mal so und mal so bist und nie klar wird, was denn ansteht.
Lana hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 12:49 In gewisser Weise weigere ich mich zu akzeptieren, dass es nur "ganz" oder "gar nicht" gehen soll, wenn dieses ständige In-Frage-Stellen oder In-Frage-gestellt-werden endlich mal aufhören soll.
Und warum sollte nur "ganz oder gar nicht" gehen? Natürlich gibt es Zwischentöne, Graustufen, Mischformen. Die aus meiner Sicht wichtigste Sache, egal wie, ist wie oben erwähnt: Du mußt dir sicher sein, dass das was Du präsentierst auch DU bist. Und dann ist das heute so und morgen so, mal gemischt und mal relativ eindeutig. Wenn klar ist, dass Du diese Fluidität lebst, dann wirst Du von deinem direkten Umfeld auch nicht mehr in Frage gestellt werden. Aber Du musst aufhören, dich selbst andauernd in Frage zu stellen. Anders wird es - das wäre meine Vermutung - echt schwierig.

Ich bin mir ziemlich sicher: hätte ich Option 2 gewählt, es wäre ebenso zur Selbstverständlichkeit geworden. Einfach weil ich für mich und dementsprechend in meiner Kommunikation dazu eindeutig gewesen wäre: ich bin fluide und schöpfe voll aus diesem Kontinuum an Möglichkeiten. Kein Zweifel in mir und kein Zweifel nach außen und damit auch kein Zweifel "im Außen". Natürlich wäre es nicht die volle Wahrheit gewesen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Aber, und das ist natürlich wirklich ein enormer Hemmschuh: Du steckst in einer Beziehung, die dir diese Freiheit, zu entscheiden, nicht läßt. Du nimmst dein Umfeld so wahr, dass es dir nicht die Entscheidungsfreiheit gewährt, die Du vielleicht bräuchtest. Darum bin ich ja so froh, nicht mehr in meiner Beziehung zu stecken. Ich würde auch darunter leiden, dass da ein Mensch ist, der meine Veränderung richtig :poop: findet und wo ich quasi nichts "richtig" machen kann. Und darum möchte ich auch aktuell keine Beziehung.

Auch hier, hey Vicky,
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 13:13 Werden wir "ich", in dem wir etwas aktiv tun oder sind wir "ich" und wir müssen das nur erkennen?
Ich würde sagen: Ich bin.

Und was ich bin ist eine Mischung aus dem, was ich an Eigenschaften und Interessen und Fähigkeiten mitbringe - und dem, was mir die Gesellschaft (auch: mein Umfeld) an Vorbildern gibt, welchen Rahmen sie setzt. Ich kann an "Ich bin" arbeiten, mich aktiv darum bemühen, neue Kompetenzen zu erlangen oder bestimmte Eigenschaften. Ich muss aber auch nicht und bin ja trotzdem deswegen nicht weniger ich. Und Erkenntnis brauche ich ja, um meine Fähigkeiten und meine Grenzen zu kennen und daran wieder zu arbeiten (wenn ich möchte).
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 13:13 Der tägliche Balanceakt liegt darin, die Angst als sinnvolle Schutzmaßnahme zu nutzen, ohne sich davon beherrschen zu lassen. Das Problem dabei: kann ich das bewusst leisten oder übernimmt das Unbewusste die Steuerung ?
Kleine mentale Übung: ich habe für mich schon lange die Phrase "ich habe Angst vor..." durch "ich habe Respekt vor..." ersetzt. Angst ist mit wenigen Ausnahmen nie hilfreich. Aber der Respekt vor Konsequenzen, damit kann ich gut arbeiten. Als Beispiel, was ich damit meine: ich arbeite im Labor. Da sind viele Sachen, die mich schwer schädigen können, wenn ich nicht aufpasse und aufmerksam bin. Das kann auch Angst verursachen - das Risiko, mich zu infizieren und schwer zu erkranken, Kontakt mit ätzenden Flüssigkeiten, heißer Dampf... aber wenn ich Angst habe, werde ich nervös und fahrig und fange an, Fehler zu machen. Behalte ich aber den Respekt vor den Viren und den Säuren und den Geräten, werde ich im Umgang fokussiert und aufmerksam.

Aber, und das ist so ein wenig das, was ich mit "esoterisch" meinte: dieses ganze Fragen nach "was ist "ich"" und "wer bin ich" - das ist so metaphysisch und hat auf meinen Alltag einfach gar keine relevanten Auswirkungen. Weil ich mich nicht andauern bewusst steuern möchte. Warum sollte ich das tun wollen? Das ist viel zu anstrengend!
Sapphic | Trans* | Femme
Diana.65
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1309
Registriert: Mo 2. Mai 2016, 00:27
Geschlecht: TG MzF
Pronomen: du
Wohnort (Name): Rudolstadt
Hat sich bedankt: 476 Mal
Danksagung erhalten: 178 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 201 im Thema

Beitrag von Diana.65 »

Hallo Vicky, hallo Lana und alle anderen Mitlesenden.

Ich bin immer wieder über eure und ach die weiteren tiefgründigen Postings erstaunt. Ich hab ja für mich die Entscheidung getroffen und bin, trotz das es gerade mal ein Problem deswegen gibt, mit der Entscheidung glücklicher als früher.
Die Frage ist ja, wie weit die eigene Energie reicht, um sich wieder und wieder selber zu hinterfragen. Gerät da nicht eventuell das eigene Leben leben ins Hintertreffen?
Ich hab mir 2019 therapeutische Hilfe geholt, unter anderem auch um etwas über meine Gedanken und Hintergründe zu erfahren. Im Laufe der Therapie kam es dann auch zur Frage: Was nützt es mir vieles noch und noch zu hinterfragen? Mir hat es immer wieder gut getan, mich aus endlosen Gedankenspiralen zu befreien, indem ich mir die Fragen dazu gestellt habe, was es mir bringt da unbedingt ein Ergebnis zu finden.
Ich kann es bis heute nicht schlussendlich sagen, ob es nun mehr weibliche oder männliche Facetten in meinem Leben gibt. Ich kann nur sagen, dass mir jeder Schritt vorwärts, so schwer er mir auch manchmal gefallen ist und auch wenn so einige Schritte rückwärts dabei waren, mich meinem Ziel ein unbeschwerteres und glückliches Leben und zu führen näher gebracht hat.
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 13:13 Wenn ich so darüber nachdenke, merke ich, wie ich mein ganzes Leben so ähnlich gehandelt habe, aber strukturell nur begrenzt weiter gekommen bin. Im Prinzip kann ich ewig so weiter machen, wenn ich das physisch und psychisch durchhalte, d.h. es mir einigermaßen gut geht. Und das erreiche ich mit mehr oder weniger intensiven Erlebnissen en femme. Der Druck steigt in mir bis es zu einem Ausbruch kommt und sich danach wieder beruhigt. Dadurch verschiebt sich die Perspektive und die Antwort auf die Lebensfrage verschiebt sich durch die andere Bewertung. Wer bin ich ? Aber unterschiedliche Antworten auf die gleiche Frage verunsichern mich. Also werde ich das wohl anders angehen müssen.
Ich kann es auch nicht genau sagen, wer ich bin. Aber ich kann nach den Jahren meiner Transition sagen, was mich im positiven Sinne ausmacht und welche negativen Aspekte mich früher behindert haben.
Lana hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 12:49 Das ist so in etwa meine Zustandsbeschreibung, wie sie sich aus mir heraus darstellt. Mit der offenen Frage, ob das dauerhaft tragfähig ist, oder ob ich nicht besser der Realität ins Auge blicken sollte und mich endlich daran mache, diese Kompromiss hinter mir zu lassen, zu einem sehr hohen Preis?
Die Frage ist doch auch ist der Preis im Nachhinein wirklich so hoch, wenn wir leben können, wie wir nun mal im Inneren sind?

Ich habe meine Ehe auf's Spiel gesetzt und dabei verloren und musste im Nachhinein feststellen, dass wir schon längst keine normale Beziehung mehr hatten, sondern mehr nebeneinander her gelebt hatten und ich immer wieder Kompromisse eingegangen bin. Inzwischen geschieden bin ich jetzt viel freier.
Die zweite Sache, die anfangs für mich einen zu großen Verlust darstellte war mein Haus, in welchem ich fast 30 Jahre am Schaffen war. Im Nachhinein war es oftmals auch ein dran arbeiten um nicht über mich selbst nachzudenken zu müssen und hab auch da immer wieder Kompromisse gemacht, nur um nicht wieder in Diskussionen mit meiner Ex zu kommen.
In Nachhinein hab ich jetzt mein eigenes kleines Reich, in dem ich mich entfalten kann, wie ich es gerne möchte.

Ich hab jetzt nur mal diese kleinen Gedanken zu euren Postings geschrieben, die meine Erfahrungen darstellen und sicherlich auch sehr individuell sind. Ich könnte noch viel mehr dazu schreiben, es wird mir aber gerade etwas zu schwer

Grüße, Diana. 🙋🏼‍♀️
Ich bin und bleibe ich.
Und ... genieße mein neues Leben.
Knäckebrötchen
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 604
Registriert: So 6. Okt 2024, 16:48
Geschlecht: Weiblich
Pronomen: Sie/ihr
Wohnort (Name): Marburg
Hat sich bedankt: 227 Mal
Danksagung erhalten: 624 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 202 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Liebe Diana,

erstmal wünsche ich Dir alles Gute, und das sich die Probleme - ich vermute in Zusammenhang mit deiner OP? gut lösen!
Diana.65 hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 22:11 Ich habe meine Ehe auf's Spiel gesetzt und dabei verloren und musste im Nachhinein feststellen, dass wir schon längst keine normale Beziehung mehr hatten, sondern mehr nebeneinander her gelebt hatten und ich immer wieder Kompromisse eingegangen bin. Inzwischen geschieden bin ich jetzt viel freier.
Ohne das irgendwie beziffern zu können, aber ich habe manchmal den Eindruck, dass die Beziehungen, die an einer Transition scheitern auch früher oder später aus anderen Gründen gescheitert wären. Oder eigentlich sehr unglücklich waren.

Aber was Du schreibst, die Freiheit danach - ich habe jedenfalls nur gewonnen.
Diana.65 hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 22:11 In Nachhinein hab ich jetzt mein eigenes kleines Reich, in dem ich mich entfalten kann, wie ich es gerne möchte.
Und das ist so wichtig und bestärkend! Ist das nicht eines der größten Geschenke - über die eigene Welt entscheiden zu können, jede Freiheit zu haben und durch nichts und niemanden eingeschränkt zu werden, einfach ausprobieren und entwickeln können :)
Diana.65 hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 22:11 Die zweite Sache, die anfangs für mich einen zu großen Verlust darstellte war mein Haus, in welchem ich fast 30 Jahre am Schaffen war.
Ich challenge das: einer der Gründe, warum ich eigentlich gegen Immobilien bin, ist diese "Verwurzelung". Was wir oft nicht begreifen, ist, dass es vor allem die Menschen sind, die den Ort besonders machen. Der Ort selbst fesselt uns genauso effektiv, wie eine toxische Beziehung. Und die Freiheit, die Du jetzt genießt sehe ich (frech, ich weiß) in gewisser Hinsicht als Bestätigung dieser These.
Sapphic | Trans* | Femme
Diana.65
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1309
Registriert: Mo 2. Mai 2016, 00:27
Geschlecht: TG MzF
Pronomen: du
Wohnort (Name): Rudolstadt
Hat sich bedankt: 476 Mal
Danksagung erhalten: 178 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 203 im Thema

Beitrag von Diana.65 »

Knäckebrötchen hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 23:31 .... das sich die Probleme - ich vermute in Zusammenhang mit deiner OP? gut lösen!
Dankeschön für deine Antwort. 😊

Ja, da hast du leider recht. Bei mir hatte sich, jetzt ca. 10 Wochen nach dem 1.Schritt der GAOP der Ausgang der Harnröhre verengt. Die eigentliche Blockade wurde heute endlich behoben, es muss aber noch was gemacht werden, damit es nicht wieder passiert. Wahrscheinlich wird die Korrektur-OP vorgezogen und das damit verbunden.

Mit deinen Restlichen Kommentaren zu meinem Post hast du teilweise recht.
Wie ich schon geschrieben habe, war meine Ehe schon vorm Outing nicht mehr das Wahre. Ich wollte es nur nicht wahr haben. Als dann meine damalige Noch-Partnerin keinerlei Kompromisse eingehen wollte, blieb schlussendlich nur die Trennung. So ähnliche Fälle hab ich auch schon von anderen mitbekommen.

Bei der Sache mit dem eigenen Haus bin ich nicht ganz bei dir. Klar legt man sich örtlich sehr fest. Das kann aber auch von Vorteil sein. Ich hatte dort ein recht stabiles Umfeld, das gibt Sicherheit. Allerdings dings wurde ich auch nach meinem Outings zum größten Teil weiter respektiert. Auch hat ein eigenes Haus den entscheidenden Vorteil, dass man vieles an Kosten selbst beeinflussen kann und auch mal Änderungen an der Substanz vornehmen kann, was in einer Wohnung nicht geht. Allerdings bin ich beim Haus für alles selbst verantwortlich, was ich bei einer Wohnung nicht habe.
Das Allein Leben hat sicherlich den Vorteil, dass ich niemanden fragen muss, was ich wann, mit wem oder wie mache. Es hat aber auch den Nachteil, gegenüber einer funktionierenden Partnerschaft, dass ich, wenn's mir mal danach ist, niemanden zum anlehnen hab..

Jetzt sind wir aber hier schon etwas auf Abwegen von Vicky's ursprünglichen Thema. Es zeigt aber auch, wie Vielfältig die Auswirkungen rundherum sind.

Liebe Grüße, Diana
Ich bin und bleibe ich.
Und ... genieße mein neues Leben.
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 204 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Diana.65 hat geschrieben: Fr 6. Jun 2025, 00:14 Jetzt sind wir aber hier schon etwas auf Abwegen von Vicky's ursprünglichen Thema.
Nein, seid Ihr nicht. Für mich passt das, denn es geht mir ja gerade um ernsthafte Auseinandersetzung. Ich schrieb ja, dass es bei mir um die Angst, pardon Respekt, ;-) vor Ablehnung geht. Auch ein eigenes Häuschen, an dem ich viel gemacht habe, ist vorhanden.
Knäckebrötchen hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 23:31 Was wir oft nicht begreifen, ist, dass es vor allem die Menschen sind, die den Ort besonders machen. Der Ort selbst fesselt uns genauso effektiv, wie eine toxische Beziehung.


Da stimme ich Dir zu, und auch wieder nicht. Mir ist klar, dass dieses Haus ohne meiner Frau die "Seele" für mich verlieren würde. Ich habe fast mein ganzes Leben zur Miete gewohnt und die Wohnsituation meiner Kindheit war fast ärmlich zu nennen. Das hat etwas mit mir gemacht, obwohl ich nicht unglücklich war. Für mich bedeutet ein kleines Haus zu haben, Freiheit. Dazu muss ich aber die Verantwortung dafür übernehmen. Ob ein Ort oder eine Beziehung toxisch ist, kann ich mitentscheiden, denn ich entscheide ja auch mit, wo und mit wem ich leben will. Es gibt nicht mMn nicht den Ort oder den Menschen, der mich glücklich macht. Das muss ich selber tun. Alles andere kann mich dabei unterstützen uder einschränken.

Ob eine Beziehung hält, hängt mMn vor allem davon ab, ob die Partner bereit sind, sich aufeinander einzulassen, auch wenn das Leben seine Haken schlägt. David Schnarch hat das einmal schön beschrieben. Krisen kommen in jeder Beziehung vor. Die Frage lautet, ob man selber bereit ist, sich die Täuschung, die man sich von seinem/r Partner/in macht zu befreien. Wenn einen der Mensch enttäuscht, also nicht den eigenen Vorstellungen entspricht, muss ich mich damit auseinander setzen. Suche ich die Schuld beim Anderen oder übernehme ich Verantwortung für mein Denken und gebe mir die Chance, das zu revidieren. Schnarch nennt das "differenzieren".

Als meine Tochter vor zwei Wochen heiratete, kam mir der alte Spruch in den Sinn: "In der Ehe hat man Probleme, die man alleine nicht hat." Das ist richtig, aber nicht die ganze Wahrheit. Für mich ist die Beziehung der Ort, an dem ich durch den Anderen auf meine eigenen Probleme stoße. Setze ich mich mit dem Problem auseinander, komme ich zu einer Entwicklung, die ich sonst nicht haben könnte. Die Krise ist der Motor dafür und Kommunikation der Treibstoff. Das Lenkrad ist meine Bereitschaft, mich darauf einzulassen. Ohne diese Bereitschaft von beiden Seiten, landet das Fahrzeug im Graben. Natürlich kann man auch die Probleme umgehen, in dem man sie ausklammert. Der Preis ist eine oberflächige Beziehung.
Knäckebrötchen hat geschrieben: Do 5. Jun 2025, 21:50 ich habe für mich schon lange die Phrase "ich habe Angst vor..." durch "ich habe Respekt vor..." ersetzt
Das ist eine coole Übung. Nein, es ist mehr als eine Übung, es relativiert die Angst. (yes)
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 205 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Ich bleibe jetzt beim Thema Stereotype. Einmal fand ich im Netz den folgenden Text, leider weiß ich nicht mehr wo:
Der afroamerikanischer Psychologe Claude Steele [...] fand heraus, dass die Angst, negativen Stereotypen zu entsprechen, dazu führen kann, dass genau das Prophezeite eintritt. Soziale Identität beeinflusst schulische Leistungen und Erinnerungsvermögen, sie wirkt sich darauf aus, unter welchem Beweisdruck Menschen stehen und wie entspannt sie sich in einer bestimmten Umgebung fühlen. [...] Der Einfluss von Stereotypen auf Menschen ist unabhängig von der Anwesenheit Einzelner, die diese Stereotypen für richtig halten. Sie wirken einfach deshalb, weil sie in der Gesellschaft existieren und weil die davon Betroffenen das wissen.
Anm.: Steele ist kein Unbekannter und man findet viel über ihn im Netz, z.B. hier: https://www.gender-glossar.de/post/stereotype-threat

Die These ist nicht ganz neu und wurde auch in anderen Situationen als der unseren entdeckt. Aber ich finde, sie passt sehr gut hierher. Ich übersetze meine Eindrücke hier anhand von Beispielen:

"dass die Angst, negativen Stereotypen zu entsprechen, dazu führen kann, dass genau das Prophezeite eintritt."

Ist es nicht so, dass die Angst als Freak gesehen zu werden uns zu Freaks werden lässt ? Meine Erfahrung: Als ich mich en femme in der Öffentlichkeit noch ängstlich umgesehen habe, um so seltsamer wirkte ich auf andere. Je selbstverständlicher ich meine Weiblichkeit lebe, um so eher werde ich als weiblich akzeptiert.

"Soziale Identität beeinflusst schulische Leistungen und Erinnerungsvermögen, sie wirkt sich darauf aus, unter welchem Beweisdruck Menschen stehen und wie entspannt sie sich in einer bestimmten Umgebung fühlen."

Meine These: Wenn ich mich ständig unter Beweisdruck sehe, um so mehr wird meine Gedankenwelt und Aufmerksamkeit gebunden. Je selbstverständlicher en femme leben kann (wenn ich mir das wünsche), um so eher werde ich zu einem "normalen", sprich lockerem Leben kommen.

"Der Einfluss von Stereotypen auf Menschen ist unabhängig von der Anwesenheit Einzelner, die diese Stereotypen für richtig halten. Sie wirken einfach deshalb, weil sie in der Gesellschaft existieren und weil die davon Betroffenen das wissen."

Ich lebe definitiv ein Klischee von Weiblichkeit, auch und gerade zuhause, weil ich Weiblichkeit, die mir viel bedeutet, mit den Mitteln der Klischees, die ich als eine Art Stereotyp ansehe, ausdrücken kann. Sei es vor dem Spiegel stehend oder in der Öffentlichkeit. So weit so gut. Es gab vor längerer Zeit hier im Forum Statements, in denen behauptet wurde, weil die Autorin sich weiblich fühle, sei sie schlechter in Mathematik. Als Folge von Steeles Entdeckungen wurde aber gezeigt, dass Mädchen genau so gut in Mathematik sind, wenn ihnen das zugehörige Stereotyp "ausgeredet" wurde. D.h. die Anwendung des Stereotyps "Mädchen sind schlechter in Mathematik" führte zu einer schlechteren Selbsteinschätzung einer Betroffenen. Steele und andere kamen zu dem Schluss, dass man seinen negativen Stereotypen, positive Selbsteinschätzungen entgegensetzen sollte.

Fazit: Wenn ich das Stereotyp "Transmenschen sind seltsam" oder "Transmenschen sind abartig" auf mich anwende, werde ich mich mich auch so fühlen und verhalten. Wenn ich aber dagegensetze, dass ich als Transmensch (im weitesten Sinne) völlig normal und mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet bin, von dem auch die Gesellschaft profitieren kann, nehme ich das auch für mich an und kann das frei leben. Dann werden die Klischees über Frauen für eine Art Sprache, mit der ich mich ausdrücken kann. Dann werde ich mich mit diesem Bewusstsein auch entsprechend positiv sehen.

Oder anders gesagt: Was wir in unsere Birne hineinstecken (lassen), wird auch wieder heraus kommen. In diesem Sinne: lasst Euch nicht unterkriegen ... (flo) :)p :()b ))):s
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Alicia
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 721
Registriert: Sa 9. Mär 2024, 11:21
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Mittelfranken
Hat sich bedankt: 1621 Mal
Danksagung erhalten: 979 Mal
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 206 im Thema

Beitrag von Alicia »

Liebe Vicky, liebe hier Diskutierenden,

das Thema begeistert mich und ich lese die Beiträge mit viel Interesse. Allerdings überfordert es mich derzeit, die Thematik im Detail auf mich zu beziehen und auf meine Situation herunter zu brechen. Da merke ich ganz deutlich, dass ich mich erst im zweiten Lehrjahr meiner Selbstfindung bin. Welche Art der Weiblichkeit ist für mich eigentlich zutreffend?
Den allerersten Beitrag mit all den Zweifeln und Fragen hätte ich auch schreiben können. Schon ein Blick auf das Entstehungsdatum lässt mich erkennen, dass eure Entwicklung schon länger gärt und immer noch nicht abgeschlossen ist.
Manches zuletzt geschriebene könnte ich gerne unterschreiben, an manchem würde ich verzweifeln. Doch mitzudiskutieren übersteigt derzeit noch meine Fähigkeiten und Erfahrungen. Da liegt wohl noch ein weiter Weg vor mir.
Aber ich kann die Beiträge nutzen, um sie auf mich zu spiegeln und in meine Entwicklung einfließen zu lassen. Nicht jede braucht das Rad neu zu erfinden, frau kann gerne auch von anderen lernen. Um der Realität ins Auge zu blicken und nach seinem inneren Ich zu suchen ist es nie zu spät, auch wenn ich persönlich spät damit begonnen habe. Aktuell im Urlaub lebe ich meine Weiblichkeit 24/7, fühle mich sauwohl und werde auch immer selbstsicherer. Mal sehen, wohin die Reise noch geht.

Vielen Dank an Alle und vielleicht sehe ich mich auch irgendwann in der Lage, hier sinnvolle Beiträge zu liefern.

Liebe Grüße, Alicia. (ki)
Eine Lebensweise zu erfinden ist nichts. Sie zu verinnerlichen, ein Anfang. Sie zu leben ist alles.
(Frei nach Otto Lilienthal)
Daniela04
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1029
Registriert: Do 1. Aug 2024, 11:04
Geschlecht: Teilzeitfrau
Pronomen: Er/Sie
Wohnort (Name): Thurgau nahe Konstanz
Hat sich bedankt: 3514 Mal
Danksagung erhalten: 1524 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 207 im Thema

Beitrag von Daniela04 »

Meine Lieben

Ich schliesse mich voll an das Gesagte von Alicia an, ohne es zu wiederholen, lese schon länger fleissig mit und bin gespannt auf weitere Beiträge von Euch: Ich kann nur lernen und es hilft mir sehr, an meiner Selbstfindung zu arbeiten.
Vielen Dank Euch allen und an Vicky, die das Thema aufgeworfen hat.

Liebe Grüsse

Daniela
Ich will einfach der sein, der ich wirklich bin: ein Mann, der seine mittlerweile erkannte sehr bedeutende Weiblichkeit vertieft kennenlernen möchte.
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 208 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Hi Alicia,
Alicia hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 18:08 Welche Art der Weiblichkeit ist für mich eigentlich zutreffend?
Deine eigene Weiblichkeit ? Sie ist so individuell wie Du es selber bist.
Alicia hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 18:08 Aktuell im Urlaub lebe ich meine Weiblichkeit 24/7
Das klingt nicht nach Lehrjahre ... ;-) Rede Dich nicht klein, sonst bist Du klein. Und das bist Du nicht ...
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Knäckebrötchen
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 604
Registriert: So 6. Okt 2024, 16:48
Geschlecht: Weiblich
Pronomen: Sie/ihr
Wohnort (Name): Marburg
Hat sich bedankt: 227 Mal
Danksagung erhalten: 624 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 209 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 11:20 Je selbstverständlicher en femme leben kann (wenn ich mir das wünsche), um so eher werde ich zu einem "normalen", sprich lockerem Leben kommen.
Liebe Vicky,

wünschst Du dir das denn überhaupt? Du klingst sehr unentschlossen... Nur, Du wirst kein lockeres Leben führen können, wenn Du weiterhin davor zurück schreckst, diesen einen Schritt zu gehen.

Also ich verstehe die Unsicherheit von Lana. Da wo so viel konkret oder vermutet auf dem Spiel steht, da wird eine solche Entscheidung wirklich zu einem ziemlich harten Einschnitt im Leben. Bei dir Vicky, hatte ich den Eindruck nicht, was die Partnerschaft angeht? Aber vielleicht habe ich das auch nur inzwischen vergessen, das tut mir leid. Ich müsste es nachlesen.

Ich weiß, ich habe leicht reden. Wie einigen anderen hier hatte ich nicht viel Wahl. Das macht es manchmal doch leichter, diesen Sprung zu wagen, weil viel zu verlieren hat man dann nicht.
Sapphic | Trans* | Femme
Knäckebrötchen
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 604
Registriert: So 6. Okt 2024, 16:48
Geschlecht: Weiblich
Pronomen: Sie/ihr
Wohnort (Name): Marburg
Hat sich bedankt: 227 Mal
Danksagung erhalten: 624 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 210 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

Alicia hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 18:08 Da merke ich ganz deutlich, dass ich mich erst im zweiten Lehrjahr meiner Selbstfindung bin. Welche Art der Weiblichkeit ist für mich eigentlich zutreffend?
Hey Alicia,

Vicky hat das ja schon geschrieben: Du wirst am Ende selbst definieren müssen, welche "Weiblichkeit" deinem Charakter am ehesten entspricht. Wobei ich nach wie vor große Probleme damit habe, wie ihr mit dem Begriff "Weiblichkeit" umgeht. Als ob das eine sinnvoll abgrenzbare Eigenschaft wäre.
Alicia hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 18:08 Doch mitzudiskutieren übersteigt derzeit noch meine Fähigkeiten und Erfahrungen. Da liegt wohl noch ein weiter Weg vor mir.
Nah. Schau mal, ich bin ehrlich gesagt hauptsächlich ignorant. Ich stelle immer wieder fest, dass auch scheinbar simple Fragen zu wirklich tiefen Diskussionen führen können. Ja, manchmal hat man eine Frage schon zig-mal beantwortet, aber selbst dann ist die Antwort nie gleich, weil der Mensch, der die Antwort gibt, ja nicht mehr derselbe ist, wie damals (frei nach Vera F. Birkenbiehl).

Vieles von dem, was Vicky hier so umtreibt finde ich zu kopflastig. Nicht, das es mir "zu hoch" wäre, oder ich die Diskussion nicht prinzipiell spannend finde - ich finde nur, sie hat wenig mit dem konkreten eigenen Leben zu tun und ist eher etwas für Elfenbeintürme.
Alicia hat geschrieben: Mo 9. Jun 2025, 18:08 Aktuell im Urlaub lebe ich meine Weiblichkeit 24/7, fühle mich sauwohl und werde auch immer selbstsicherer. Mal sehen, wohin die Reise noch geht.
Und Du behauptest, am Anfang zu stehen :D Wenn ich deine Bilder so sehen, besonders die auch jetzt aus dem Urlaub, da ist so viel Freude und so viel Persönlichkeit zu sehen, es ist echt kaum zu glauben, dass Du dich im Alltag wieder in einen "Mann" verwandelst.
Sapphic | Trans* | Femme
Antworten

Zurück zu „Körper - Gefühle - Empfindungen“