Hallo meine Lieben,
heute Nachmittag schrieb ich noch, daß der Drang, en femme rauszugehen, wohl bald stärker sein würde, als die Angst, die mich zurückhält. Tja, manchmal geht es schneller als man denkt
Den gesamten Nachmittag über kämpften die "Angst" und "Desiree will raus" gegeneinander. Das klang in etwa so:
Desiree: Ich will en femme in die Stadt. Ich halte das Dasein als Stubentranse nicht mehr aus. Ich will in die weite Welt. Als Desireeeeeeeee!
Angst: Bist Du wahnsinnig? Was ist, wenn Dich ein Nachbar beim Weggehen oder Heimkommen erwischt?
Desiree: Ich richte schon mal das Outfit zurecht und krame das violette Strickkleid hervor. Und hole auch gleich die Makeup Produkte heraus.
Angst: Was willst Du denn damit? Das bist Du nicht! Das ist doch alles nicht normal!
Desiree: Ruhe! Ich fahr mal das Auto vom Parkplatz raus auf die Straße. Dann ist der Weg durch die Wohnhausanlage nicht so weit und die Wahrscheinlichkeit, daß Du jemanden triffst, den Du kennst, ist kleiner.
Angst: Na gut. Meinetwegen. Wir können ja immer noch abbrechen. Dann steht das Auto eben draußen. Egal.
Desiree: Ich beginne mich mal zu schminken.
Angst: Was ist eigentlich, wenn Dich jemand auf der Straße blöd anmacht?
Desiree: Papperlapapp. In der Wiener Innenstadt sind immer viele Menschen auf der Straße unterwegs. Da kann Dir nichts passieren.
Angst: Hmpf.
Das ging noch eine Weile so hin und her, bis ich fertig angezogen und geschminkt war und an der Wohnungstür stand.
Angst (sieht durch den Türspion): Ahhhh - im Treppenhaus brennt Licht, da ist sicher grade ein Nachbar draussen *bibber*
Desiree: Ok ok, dann warte ich eben bis das Licht aus ist. Und dann? Ich muß es ja wieder einschalten, um nicht die Treppe runter zu plumpsen - ach egal. Ich warte.
Und dann ging es los. Kennt Ihr die Weisheit "Das, wovor Du Dich am meisten fürchtest, kommt als erstes in Dein Leben". An der Haustüre ist mir wieder, wie beim letzten mal, als ich zum Trans*/CD-Treffen fuhr, ein Nachbar begegnet (ein anderer). Der sah mich groß und verwundert an, bedankte sich fürs Tür aufhalten, was ich mit einem kurzen und gepressten "Bitte" beantwortete und bevor er noch "piep" sagen konnte, "stürmte" ich schon Richtung Auto.
Meine Idee war es, in die Wiener Innenstadt zu fahren und dort ein wenig durch die etwas weniger belebten Gassen zu spazieren. Gesagt - getan. Nachdem ich dort viele Jahre in die Schule ging, kenne ich die Gegend recht gut, fand schnell einen Parkplatz in einer ruhigen Gasse und marschierte vom Auto in Richtung Kärtner Straße los. Diese ist eine beliebte Fußgängerzone und Flanier- bzw. Shoppimgmeile. Allerdings überquerte ich die Kärtner Straße nur zwei mal und erfreute mich am Windowshopping in den ruhigeren Gässchen. Wenn mir Menschen entgegenkamen, die mir nicht geheuer erschienen, drehte ich mich einfach zu einer Auslagenscheibe, um mich einer genaueren Betrachtung zu entziehen. Und bei manchen Menschen, die mir entgegenkamen, gab ich mir einen inneren Schubs und ging ganz normal an ihnen vorbei. Nicht alle Menschen, die mir entgegenkamen, sah ich auch an - bei manchen war ich aber so mutig. Dabei ist mir genau das aufgefallen, was ich schon so oft von Euch hier im Forum gelesen habe - die Menschen nehmen kaum Notiz wer ihnen da entgegenkommt. Und wenn, dann sind es meist so flüchtige Blicke, daß sie höchstwahrscheinlich eine entgegenkommende Frau wahrnehmen.
Der einzige "Wermutstropfen" an meinem ersten richtigen Ausgang en femme, falls man das überhaupt so sagen kann, ist, daß ich ihn im Schutz der Dunkelheit unternommen habe und auch kein Lokal besuchte. Aber hey - besser als wieder nur daheim schön gekleidet und geschminkt rumsitzen und sich darüber Gedanken machen, daß man jetzt gerne draußen unterwegs wäre.
Beim Heimkommen ist mir zum Glück niemand begegnet und ich konnte erleichtert die Wohnungstüre hinter mir schließen.
Was danach noch kam, war einfach nur mehr hoch emotional. Ich kann gar nicht beschreiben wie glücklich ich war. Ich wollte mich gar nicht mehr "zurückverwandeln". Bitte fasst das jetzt nicht als eitel auf - ich betrachtete mich eine Weile im Spiegel und sah eine vor Glück strahlende Desiree. Beim letzten Blick in den Spiegel sagte ich mir plötzlich ganz laut "Jetzt bist Du bei Dir angekommen. Jetzt passt es." Laura Naomis Worte standen hier wohl Pate

Und dann flossen die Glückstränen. Es ist unfassbar - so starke Gefühle habe ich schon lange nicht mehr verspürt.
Ich danke Euch allen, die mich auf meinem Weg bis hier her begleitet haben (und das hoffentlich noch weiter tun) und mir Mut gemacht haben durch ihre eigenen Erzählungen und Erfahrungen. Im Grunde genommen ist mit diesem ersten Ausflug die Angst ja noch nicht "gegessen". Ich vermute allerdings, daß es mit jedem Ausflug und jedem unternommenen Schritt ein wenig leichter wird
Da ich nicht sonderlich auffallen wollte, habe ich in der Stadt nur mal schnell ein Selfie vor einer Auslage als Beweisfoto gemacht:
Quelle: https://up.picr.de/49224052rm.jpg
Kurz bevor die Tränen kamen:
Quelle: https://up.picr.de/49224053pg.jpg
Ich wünsche Euch eine gute Nacht und schöne Träume.
Alles Liebe
Desiree
"Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige." (Seneca)