Also dann wollen wir einmal wieder.
Und du kennst das schon von mir, es wird länger dauern, bereite dich halt darauf vor

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Nach sehr langer Zeit und sehr vielen Terminen hatte ich Anfang des Jahres endlich mal wieder Zeit für mich. Rausgehen wollte ich schon lange, aber um das Ganze richtig zu machen, brauche ich wirklich ein ganzes Wochenende, und sehr viel Planung. Ich hab es dann gemacht, weil meine Frau zu mir gesagt hat: „du wirst langsam etwas anstrengend, ich glaube es ist mal wieder Zeit, dass du rausgehst.“
Und sie hatte natürlich recht. Als erstes habe ich meinen Lieblingsvisagisten angefragt, ob er am übernächsten Wochenende für mich Zeit hat. Wir kennen uns schon lange und quatschen auch so zwischendurch einmal per WhatsApp. Wir sind beide große Bastler und er baut unter anderem Requisiten für Musikvideos. Da ich im 3-D drucken, relativ bewandert bin, helfe ich öfter aus.
An dem Wochenende hatte er eigentlich einen Termin, den er aber extra für mich verschoben hat, was mich sehr happy gemacht hat.
Als Nächstes galt es im Umfeld von Dorsten (da wohnt er), einen Club und ein Hotel zu finden. In der letzten Zeit sind im Ruhrgebiet offensichtlich sehr viele Queere-Bars und Clubs verschwunden. In Münster zum Beispiel gab es früher drei, heute soweit ich weiß, keinen einzigen mehr. Ich habe dann in Essen das „GentleM“ gefunden.
Die dritte Sache, die ich neben einem Date mit meinem Visagisten und einem Club brauche, ist ein Hotel in der Nähe des Clubs mit Tiefgarage. Habe keine Lust komplett geschminkt, aber ansonsten noch im Männermodus von meinem Auto zum Hotel zu laufen, eine Tiefgarage und eine Fahrt mit dem Fahrstuhl auf meine Etage Ist da doch deutlich komfortabler.
Zu meinem Glück gab es in der Nähe des Clubs ein passendes Hotel in nur 99 m Entfernung.
Alles gebucht, Koffer gepackt und am Freitag losgefahren. Nach dem Einchecken habe ich mich im Hotelzimmer ausgebreitet, zum Glück hatte ich ein Upgrade auf eine Suite gebucht, das war bei drei Koffern auch mehr als nötig.


. Ich weiß, dass kein Mensch für zwei Abende drei Koffer braucht aber bei solchen Sachen bin ich gerne übermäßig gut vorbereitet. Beim Packen der Koffer hatte ich, sehr unüblich für den Mann, der ich normalerweise bin, schon Schwierigkeiten, mich von acht auf sechs Paar Schuhe zu reduzieren

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Und dass ich zwei Abende vorher bis früh am Morgen in den verschiedensten Outfits in meiner Garage auf und ab spaziert bin, und mich dabei gefilmt habe, um zu sehen, wie das Ganze wirkt, das möchte ich hier auch nicht verschweigen


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Nach dem Einchecken bin ich zusammen mit dem üblichen Geschenk, welches ich Kami immer mitbringe, nach Dorsten gefahren. Wir quatschen dann immer viel zu lange, was für mich ein absolut wichtiger Teil dieser Ausflüge ist, essen Pizza, und tauschen uns über die neuesten Bands und Musikvideos aus.
Nach drei sehr schönen Stunden bin ich komplett geschminkt (Freitags-ProbemakeUp) und frisiert zurück zum Hotel gefahren. Auf dem Zimmer habe ich dann wieder alle Outfits (insgesamt fünf) durchprobiert, um am nächsten Abend damit nicht so viel Zeit zu verschwenden.
Ich hab am Samstagmorgen lange geschlafen, lange geduscht, darauf geachtet, dass an mir kein einziges unnötiges Haar ist (insbesondere im Gesicht) und bin wieder für Pizza , Musik , ausgiebiges Quatschen und das finale Make-up nach Dorsten gefahren. Für insgesamt 6 Stunden zwei Make-ups , zwei Frisuren habe ich 300 € + 2 mal Pizza plus Nachtisch bezahlt

, ein sehr angemessener Preis, wie ich finde,
Nach der Rückkehr ins Hotel habe ich mich umgezogen und mich sehr lange im Spiegel angeschaut.


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Ich glaub, man sieht das ganz gut: Ich war sehr glücklich . Der Look war dieses Mal ganz in schwarz, und ja ich weiß : das Kleid ist etwas kurz.

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Und wie das halt so ist, bevor man dann wirklich rausgeht packt einen die Panik. Tief durchatmen , den Inhalt der Handtasche 20 mal prüfen , die Tür öffnen, raus auf den Gang und die Tür zuziehen. Ich hab das wirklich schon relativ oft gemacht, aber in dem Moment war mein Puls doch sicher im oberen Bereich. Ich musste mir dann wiederholt sagen, dass ich mich doch sehr auf diesen Ausflug gefreut habe und dass ich es mir jetzt nicht versauen sollte.

Nach ausgiebiger selbst-Überredung bin ich dann den Gang herunter gegangen, habe den Fahrstuhl gerufen, sehr tief durchgeatmet und auf „E“gedrückt.
Es war Samstagabend mitten in Essen und das Hotel hat eine sehr gut besuchte Bar, davon konnte ich mich am Freitagabend schon überzeugen.
Als der Fahrstuhl aufgegangen ist, ist mir das Herz noch etwas tiefer in die Hose / die Corsage gerutscht, es war brechend-voll. Zurück aufs Zimmer konnte ich nicht. Also bin ich einfach durch die Lobby spaziert und hab so getan, als wüsste ich genau wo ich hin wollte. Als ich gerade aus dem Haupteingang auf die Straße gegangen bin, kamen zwei jüngere Männer durch die Tür rein, der eine hat auf sein Handy geschaut, der andere hat mich angesehen , kurz gelächelt und höflich genickt. Das war in dem Moment sehr wichtig und hat dem Selbstvertrauen den nötigen Boost gegeben. Den Weg zum Club hatte ich mir ungefähr zehnmal auf der Handy-Karte angeschaut, ich musste nur über eine Straße ,einmal rechts abbiegen und war schon da. Vor dem Club habe ich mir in Ruhe eine Zigarette angemacht, ja ich weiß ; man soll nicht rauchen aber im Mädel-Modus mache ich das, da hat man was zu tun.

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Ich bin dann einfach reingegangen, habe meine Getränkekarte bekommen und mir wurde sehr nett erklärt, wie das Ganze funktioniert. Ab dem Zeitpunkt war es einfach nur noch ein toller Abend. Ich kannte dort niemanden und bin trotzdem in einer Tour angequatscht worden. Ich habe mit circa 20 verschiedenen Leuten über den Abend verteilt an irgendwelchen Tischen gesessen und mich jedes Mal toll unterhalten. Auf die immer wieder aufkommende Frage „ob denn mein Freund nicht wüsste, wo ich wäre“ , habe ich immer wahrheitsgemäß geantwortet, dass meine Frau zu Hause ist und sich freut gerade mal Ruhe vor mir zu haben.

. Die grundsätzlich folgende Frage „ deine Frau?“ habe ich dann immer mit der Aussage beantwortet, dass nicht jede/jeder, die/der sich in hohen Schuhen auf eine Party traut, auch zwangsläufig auf Männer stehen muss. An dem Abend war Karaoke, und die Laune war durchweg super. Am besten war Selina, die kleinste, coolste, kommunikativste,lustigste, höflichste Kellnerin, der ich je begegnet bin. Wir haben dann noch ein gemeinsames Foto gemacht, für welches sie unbedingt auf einen Hocker steigen wollte, um größer zu sein als ich

. Das andere Foto ist auf der Damentoilette entstanden, ich fand das lila Licht einfach super.
Da ich mir niemals eine Beule unter dem Kleid erlauben würde, wird weiter unten alles mit Kinesiologie-Tape fixiert. Dazu kommen drei Strümpfe, ein Body und eine Shapeware. Ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich, sollte ich einmal die Toilette besuchen um einen der vielen Drinks (von denen ich nicht einen einzigen habe bezahlen müssen

) wegzubringen, ich dieses Meisterwerk aus Tape und Stoff nicht mehr wieder instandsetzen könnte. Deshalb habe ich den ganzen Tag über (wie immer)nichts getrunken,. Meine Blase hält das dann ganz gut durch, aber irgendwann merkt man doch, dass es Zeit wird.
Ich bin dann gegen 4:00 Uhr zurück zum Hotel gegangen, habe mich ausgezogen,abgeschminkt, geduscht, meine Koffer gepackt und um 5:00 Uhr früh ausgecheckt. Schnell die Koffer ins Auto und über die Autobahn nach Hause . Da ich neben zu viel Flüssigkeit auch nicht zu viel Essen im Magen haben möchte (eine Corsage kann schließlich auch nicht zaubern) lag im Auto noch eine dreiviertel Pizza. Das war ein wirklich ausgezeichnetes Frühstück während der Fahrt.


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Zu Hause habe ich meine Koffer in den Keller gebracht, den Hund begrüßt und sehr zufrieden meine Frau in den Arm genommen, die der Hund wach gemacht hatte

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Es war ein absolut tolles Wochenende, sehr viel Vorbereitung, nicht ganz so überschaubare Kosten, aber ich würde es genau so wieder machen.
Das war schon die ganze Geschichte, danke, dass du bis zum Ende durchgehalten hast.
Ganz liebe Grüße,
Lexi