Liebe Vicky und all die anderen,
jetzt, im Urlaub, habe ich etwas Zeit, um mich an diesem interessanten Thema zu beteiligen. Bisher habe ich nur mitgelesen. Vielleicht ist es auch nur Harmoniesauce, die ich in die Diskussion einschütten kann.
Bis zum März diesen Jahres habe ich meine Weiblichkeit im Dunkeln, also geheim und nur in den eigenen vier Wänden ausgelebt, sprich, immer wenn meine Frau nicht daheim war. Unsere (kinderlose) Beziehung lief ganz harmonisch und normal. Jede(r) machte ihr/sein Ding, wir gingen Tanzen und machten auch sonst so einiges zusammen - wie es halt läuft nach fast 30 Jahren.
Dann kam der große Tag, auf den ich mich, wie schon öfters erwähnt, auch mit Hilfe des Forums vorbereitet habe. Der Druck in mir wurde mittlerweile so groß in mir, dass ich alles auf eine Karte gesetzt habe, um ihn abzulassen. Ich wollte nicht mehr weiter mit der Geheimniskrämerei leben, es ging einfach nicht mehr. Ich war auf alles gefasst, vielleicht nicht auf eine schnelle Trannuung, dafür kannte ich meine Frau gut genug. Aber evtl. einige Wochen Kommunikationsstörung, wie jemand auch schon berichtete, waren eingepreist.
Doch ihre Reaktion auf das Outing hat mich dann schon umgehauen. Cis-Frauen haben einen siebten Sinn für unausgesprochene Wahrheiten und auch meine ahnte etwas. Nach einer herzlichen Umarmung meinte sie, dass sie gewusst hat, mit mir stimmte etwas nicht, aber in diese Richtung hat sie nicht gedacht. Eher hatte sie eine verheimlichte Krankheit oder andere Frau in Verdacht. Letzteres war zumindest nicht ganz falsch.
Kurz und gut, unsere Beziehung hat seitdem ein weiteres Standbein, eine Beziehung zu dritt würde ich es aber nicht nennen. Sie liebt weiterhin den Menschen, den sie auch vorher schon lieb hatte, und der hat sich ja nicht grundlegend verändert. Und ich liebe sie, so wie sie ist und natürlich auch dafür, dass sie die äußere Änderung mitträgt.
Ich kann nun Alicia zu Hause offen ausleben, auch in ihrer Anwesenheit. Sie motiviert mich sogar zwischendurch, etwas neues auszuprobieren. Im Sommer haben wir fast jede Gelegenheit genützt, um eine andere Stadt aufzusuchen, ich natürlich en femme.
Andererseits hat sie volle Hochachtung vor mir, wenn ich auf alles weibliche verzichte, solange Besuch im Haus ist. Ich glaube fast, sie leidet dann schon etwas mit. Bei gemeinsamen Unternehmungen in der näheren Umgebung erscheinen wir optisch in den angestammten Rollen, wobei sie mich immer mehr hin zu einem androgyneren Erscheinungsbild motiviert. Beim Thema "stylisch sicher Einkaufen" ist sie meine beste Beraterin, wobei sie immer wieder erstaunt und manchmal auch begeistert ist über meine spontanen, aber zielgerichteten Griffe in die Kleiderständer oder Schuhregale.
In diesem Urlaub habe ich noch keine Minute lang Männerklamotten getragen. Wir gehen gemeinsam shoppen, ins Cafe und Restaurant, wandern und genießen Kulturveranstaltungen. Entspannter Urlaub halt. Für mich ist es gesteigertes Lebensgefühl, mich in weiblicher Kleidung bewegen zu dürfen und ich genieße es gerade in vollen Zügen. Auf den Campingplätzen lasse ich auf dem Weg zu Dusche/WC auch gerne Oberweite und Kopfbedeckung weg und bin schon von Weitem als Mann in Frauenkleidern erkennbar. Die fragenden Blicke halten sowohl ich als auch meine Liebste aus. Mehr kommt dann eh nicht. Sie schätzt das Zusammenleben mit mir als Mensch, egal wie ich herumlaufe (solange gepflegt und nicht abgerissen).
Beziehungsratgeber haben wir gemeinsam nicht gelesen, obwohl meine Frau mir früher mal das eine oder andere Exemplar ans Herz gelegt hatte. Ich hab's immer wieder abgebügelt, das hat sie dann zähneknirschend akzeptiert. Sie ist mit der neuen Situation auf sich allein gestellt, kommt aber offensichtlich gut mit ihr zurecht. Sie kann sich auch schlecht bei ihren Freundinnen Rat holen, das käme einem indirekten Outing gleich. Also versuchen wir, Alicia gemeinsam weiter zu entwickeln. Wer weiß schon, welche Überraschungen und Wendungen das diesbezügliche Leben noch bereit hält.
Liebe Grüße, Alicia, derzeit tiefenentspannt.

Eine Lebensweise zu erfinden ist nichts. Sie zu verinnerlichen, ein Anfang. Sie zu leben ist alles.
(Frei nach Otto Lilienthal)