Joan Autumn hat geschrieben: Di 20. Aug 2024, 07:55
Meine Frau geht diesen Weg, und wenn ich bisher noch gezögert habe, diesem, meinem, zu folgen, werde ich ihn gehen müssen.
Hallo Joan,
ich habe Deine Situation nicht vor Augen, aber der Satz kann doch voller Hoffnung gelesen werden, oder ? Wenn Deine Frau diesen Weg geht, heißt das doch, Eure Beziehung ist auf dem Weg. Oder meinst Du damit, dass Deine Frau ihren Weg alleine geht ? Wenn Du Dich auf den Weg machst, stehen Euch doch alle Türen offen. Brauchst Du da wirklich professionelle Hilfe ? Sicher ist das hilfreich und nützlich. Aber Deine Frau ist vor Ort und Du kannst jederzeit darauf einsteigen, wenn Du es willst.
Ich lese gerade das genannt Buch von Schnarch zum zweiten oder dritten Mal. Und wieder finde ich für mich neue Ansätze. Aktuell lese ich von einem Fall, in dem der Mann seine Männlichkeit ablehnt, da er sie u.a. wegen der Aggression schlecht findet. Er hat deswegen z.B. Probleme, mit seiner Frau zu schlafen, obwohl er gerne seine Sexualität lebt und auch alleine keine Probleme hat. Mich elektrisiert der Fall, da es mir in Teilen ähnlich geht. Meiner Frau sagte ich einmal, dass ich das Mannsein ablehne und zwar auch deshalb, weil ich die damit verbundene Aggression nicht für mich annehmen kann. Als Jugendlicher war ich auch eher ein "Weicher", obwohl ich denke, dass ich tougher bin als viele Männer.
Fühle ich mich deswegen weiblich ? Mag sein. Die Schwierigkeit, die ich für mich sehe, ist die Frage, was an mir denn nun wirklich "ich" ist ? Das was ich nicht sein kann oder das, was ich sein will ? Was kommt aus meinem Inneren und was wurde in mich hineingesteckt, so dass es aussieht als käme es von innen ? Ich hoffe, ich drücke mich verständlich aus.
Nachdem ich vier Wochen in der Reha 24/7 en femme gelebt habe, weiß ich, dass ein Leben als Frau für mich möglich ist. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass ich das auch bin, auch wenn die Gefühle dafür sehr tief sind. Was ist denn schon "real" ?
Ich glaube, wenn Du mit Deiner Frau noch zusammen bist und sie sich bereits bewegt, ist das für Dich doch eine große Chance, mit Hilfe Deiner Frau in Dein Leben zu einer größeren Tiefe zu kommen. Du musst nur in den "fahrenden Zug" einsteigen. Klar macht das Angst, u.U. ganz massiv sogar. Ich stelle mir die Frage, was von mir übrig bliebe, wenn mich meine Frau verließe ? Was bliebe von mir übrig, wenn ich auf meine Weiblichkeit verzichtete ? Ich sehe da für mich nur Riesenlöcher. Aber nach Schnarch bedeutet das, dass ich der "Verschmelzung" nachhänge, was bedeutet, dass ich nicht auf eigenen Füßen stehe. Ich stecke in der (gefühlten?) Zwickmühle: Weiblichkeit oder Beziehung ! Kommt das nicht auch Anderen hier bekannt vor ?
Ich bewege mich unaufhörlich auf diesen Punkt zu. Es ist wie auf einem Fluss, der auf dem Weg zu einem Wasserfall ist und wir sitzen als Paar in einem Boot. Aussteigen können wir nur an getrennten Ufern, gemeinsam müssen wir da durch. Gibt es für mich eine Alternative, als den Mut zu haben und mich den eigenen Ängsten zu stellen ? Gäbe es den sprichwörtlichen Strohhalm, ich würde wahrscheinlich alles tun, um die Kernfrage zu umgehen. Aber es gibt ihn nicht ... Erfreulicherweise, denn so bin ich gezwungen, mir ein Stück mehr auf den Grund zu gehen.