Martina-NB hat geschrieben: Mo 19. Dez 2022, 11:14
Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 19. Dez 2022, 10:27
Was ist denn mit der emotionalen Seite ? Wie drückt sich die aus ? Ohne die wird man (!) immer wie ein verkleideter Mann oder ein Schauspieler wirken.
Was meinst Du damit?
Wenn ich mir hier einiges so durchlese habe ich das Gefühl, dass manchmal zu viel theoretisiert wird oder zu viel Gedanken gemacht wird. Glaubt ihr wirklich, dass der Durchschnittsmensch auf solche Details achtet, die hier teilweise erwähnt werden? Oder ist das eher ein vermeintlicher Perfektionswahn in der Blase, den ansonsten gar niemand wahrnimmt.
Und ganz ehrlich, man weiß doch nicht wirklich, wie man "auf andere" wirkt. Erstens in Anführungszeichen, weil verschiedene Menschen einfach ganz unterschiedlich wahrnehmen und denken. Und außerdem, um dem Einwand zu vor zu kommen: Klar man bekommt Feedback von Freundinnen usw., aber das ist nicht objektiv. Denn die WISSEN ja von dem trans Hintergrund.
Dieses Argument, "glaubt ihr wirklich, dass der Durchschnittsmensch auf solche Details achtet ..." höre ich ständig, in diesem Zusammenhang, bei designmäßigen (meist graphisches Design) Sachen, und vielen anderen Zusammenhängen.
In allen diesen Fällen zeigt es, dass man nicht ganz begriffen hat, wie Menschen ticken oder Dinge wahrnehmen.
Nehmen wir um es erst zu vereinfachen das Beispiel mit dem Grafik Design: Jemand zeigt mir einen Werbeflyer, den er selber gemacht und bei Flyeralarm drucken lassen hat. Für eine recht einfache Mitteilung hat er drei verschiedene Schriftarten benutzt und die Farbe in seinem Logo ist zwar blau aber weicht deutlich von dem Blau auf seinem Lieferwagen ab. Ich mache darauf aufmerksam und erwähne dabei, dass die Wahl, Times und Garamond Schrift zusammen zu benutzen keine Gute Idee ist, weil sie oberflächlich und Grob betrachtet zwar ähnlich sind, aber doch grundverschieden.
Typische Antwort: "Darauf achtet doch keiner, wenn er nicht Fachmann ist ..."
Nein, EBEN!! Genau das ist doch das Problem. Ein Mensch achtet auf ca. 1% von dem was er alles unbewusst wahrnimmt. Die Farbe des Logos hat nicht den gleichen Wiedererkennungs wert wegen der abweichenden Farbe zu dem Logo auf dem Lieferwagen, das Schriftbild sieht zu unruhig aus weil irgendetwas nicht harmonisch aussieht, das ganze liest sich nicht leicht - und die 10-15 Sekunden die man hat, das Interesse des potentiellen Kunden zu fangen, ist evtl. verpasst.
Und das nur bei etwas, was relativ un-emotional und aus der Kultur geschaffen ist.
Und jetzt zur eigentlichen Sache - Menschen und wie sie Menschen betrachten: Das ist etwas, was Menschen gemacht haben, hunderttausende Jahre bevor Klempner daruf kamen, auf dem Computer ihre eigenen Werbeflyer zu erstellen. Menschen sind extrem gut drin, UNBEWUSST kleine Signale, körperliche Regungen, Variationen in der Stimme wahrzunehmen - und IRGENDETWAS daraus interpretieren. Ob es das Richtige ist, werden wir mal sehen.
Man kann geometrisch z.B. die typischen Merkmale männlicher und weiblicher Gesichter messen und daraus ein komplett geschlechtsneutrales Gesicht ohne Kleidungsstücke, Makup oder haar Computergrafisch erstellen. (Hat man auch gemacht) Das Gesicht wird dann mit unterschiedlichen emotionalen Regungen erstellt und 100 Studenten vorgelegt. Ihre Aufgabe ist, innerhalb wenigen Sekunden ob das dargestellte Gesicht männlich oder weiblich ist. Sie haben nicht mal die Zeit "auf so was zu achten". Ihre unterbewusten "Programme" sollen einfach beantworten, Mann oder Frau.
Und natürlich haben sie weitgehend die gleichen geschlechtsneutralen Gesichter als jew. Mann und Frau markiert.
Genau so wird es auch gehen wenn man Menschen begegnet. Irgend etwas Unterbewusstes in Gehirnteilen, die mega-schneller arbeiten, als die Teile, wo rationelles Denken abgeht, entscheidet soweit möglich, ob es sich um einen Mann oder einrer Frau handelt. Ob richtig geschätzt, ist was Anderes. Natürlich gibt es eine großer kultureller Oberbau auf den jeweiligen Geschlechtsmerkmalen, die diese unterbewussten Programme gelernt hat zu lesen - aber der wichtigste Teil des Prozesses läuft unbewusst ab. Und kommt in der Regel zu einem Ergebnis. Jedoch, aus denselben Gehirnteilen werden auch die Alarmsignale ausgesendet, wenn etwas ungewohnt, unsicher, uneindeutig oder in anderer Weise unklar ist. Z.B. wenn nicht klar ist ob die Person m oder w ist. Einigen ist das natürlich so egal, dass ihr Unterbewusstsein keine Alarmsignale aussendet.
Aber genau "die Durchschnittsperson, die nicht auf so was achtet" ist daher auch die Person, die am ehesten durch uneindeutigkeit verunsichert wird.
und in dem o.g. Experiment (leider habe ich nicht die Muse gehabt, die Quelle heute wieder auszusuchen) - in dem Experiment waren einzig die Gefühlsmimiken für die geschlechtliche Einschätzung entscheidend.
Viele Regungen der 43 Gesichtsmuskeln können gar nicht gefaked werden. Als Paul Ekman - Entdecker der Micro Expressions - das Handbuch über diese erstellte, wurden viele der Mimiken zusätzlich mit Elektrostimulation erzeugt. Nur "mach mal, du bist so ein guter Schauspieler" reichte einfach nicht. Nur so, oder reale Gefühle.
Dann stellt euch vor, dass euer Gegenüber nicht nur das Gesicht sondern den ganzen Körper sehen kann.
Und nun hoffe ich nicht, dass jemand glaubt, ich würde sagen, dass 100% Passing nicht möglich ist und damit "forget it, Baby".
Nein, ich sage 100%es Passing ist nicht möglich - und dass ist vielleicht auch nicht so schlimm, wenn etwas anderes 100% stimmt: Wenn alles zusammen - also Kleidung, Makeup + Körpersprache und all die anderen Anteile, die eine Persönlichkeit, also auch die Gefühle, ausmachen - wenn sie alle zusammen ein so starkes Übergewicht Richtung "weiblich" haben, dass sieses ultra-schnelle unterbewusste Programm "weiblich" sagt, dann hat man eigentlich schon gewonnen. Selbst wenn die Personen, mit denen man interagiert, rationell später wissen, dass man physiologisch männlich oder inter ist, macht das meistens auch keinen Unterschied mehr. Die sofortige Einschätzung ist immer die Wichtigste.
Dieses Phänomen kennt ihr vielleicht auch in umgekehrter Richtung - ich kenne es sogar in beiden Richtungen: Leute, die mich von Anfang an in männlicher Präsentation kennen, finden immer etwas was nicht passt in der weiblichen Präsentation. Irgend etwas, was zu männlich ist oder so. Und Leute, die mich erst in weiblicher Präsentation kennen gelernt haben, finden, dass die männliche Präsentation überhaupt nicht zu mir passt - einige sagen sogar "völlig falsch" und haben Probleme, normal mit mir zu reden - als wäre ich plötzlich eine fremde Person.
Das kennt ihr bestimmt auch irgendwie. Den Grund habe ich ja gerade beschrieben.