Episode 32: Eine unvollständige Frau.
Eigentlich ist dieses keine Episode, denn es geschieht darin nichts von Bedeutung, keinerlei Handlung oder Aktion, nichts, was des Erzählens Wert wäre. Stattdessen hing Valerie wieder mal ihren Gedanken nach. Ware es Gedanken? Oder soll man es eher "Emotionen" nennen? Sie hatte sozusagen mal wieder ihre blaue Stunde, ließ die Gedanken baumeln, pflegte ihre Erinnerungen..
In ihrem Berufsleben oder ganz allgemein im Alltag neigte sie ja eher wenig zu diesen ungesteuerten, frei fließenden Reflexionen und Träumereien, bzw. sie versuchte, diese wegzudrücken, wenn solche Gedanken oder Erinnerungen in bestimmten Mußestunden an sie heranflogen. Aber das lange Telefonat mit Erica hatte ein Stichwort zutage gefördert, das alle Tore zu den rationalen Schleusen öffnete. Es war das Stichwort "Gunnar", und damit im Zusammenhang stand die Frage, die immer noch nicht beantwortet war: Warum sich die beiden damals eigentlich getrennt hätten.
Sie habe es nie verstanden, so hatte Erica gesagt, weshalb Valerie damals so mir nichts, dir nichts nach Frankreich gezogen war und ihren Gunnar quasi verlassen hätte. So stellte es sich offensichtlich für Erica dar: Sie hatte Gunnar verlassen. Valerie wußte, es war anders, nein, diese Sache war damals nicht so einfach gewesen.
Nicht ohne Grund habe sie ihn verlassen, nein, alles hat seine Ursache und seine Vorgeschichte.
Ja klar, man hat sich eben etwas auseinandergelebt damals, nicht jeder Tag war voller Liebe und eitel Sonnenschein. Irgendwann war das Stichwort gefallen, dass er Kinder haben wollte, irgendwann, aber für sie war das das Stichwort, das ihr klar wurde: Es geht nicht, es geht wirklich nicht, so wie wir es uns auch erträumen. Sie würde nie Kinder bekommen können von einem Mann, nicht von Gunnar und nicht von irgendjemandem sonst, denn sie war nur eine unvollständige Frau.
Eine unvollständige Frau?
Lange Zeit hatte sie den Gedanken verdrängt, aber er saß ihr immer noch in ihrem Inneren versteckt wie ein verborgener Stachel im Fleisch. Eine alte Wunde. Und der Name Gunnars hatte alle alte Wunde wieder aufgerissen. Ja, sie war immer noch keine vollständige Frau, auch heute nicht.
Heute war sie etwas über fünfundvierzig, und es hatte sich nichts geändert. Es ist heute noch so wahr wie es damals war, vor zwanzig Jahren, dachte Valerie, und starrte gedankenverloren aus dem Fenster ihres kleinen Appartements auf den Narbonner Höhen. Eigentlich ist es der wahre Grund für ihre vielen vergeblichen Versuche, sich an einen Mann zu binden, die ihr doch seither allesamt permanent misslungen waren.
Ja, sexuell war sie heute richtig gut drauf, so war das immer gewesen. Sextechnisch war sie heute sozusagen richtig gut. Sie verstand es, einen Mann anzumachen, wie man wohl sagt. Du bist interessant, dachte sie, aber vielleicht nur für eine bestimmte Art von Männern. Solche, die sexuell schon vieles ausprobiert hatten und denen der Sinn stand nach Abwechslung. Mal eine Transe vögeln, eine Zeitlang vielleicht, das reizt manchen. Und es war wohl der Beweggrund vieler Männer, die ihr schöne Augen machten. Klingt vielleicht brutal, aber war es nicht die Wahrheit?
Ihre ganzen Männerbekanntschaften seither schienen diesen Gedanken zu bestätigen. Keine hatte länger gehalten als ein paar Monate, die meisten Beziehungen waren schon nach wenigen Wochen auseinandergegangen, oder oft auch schon nach Tagen, und wie viele davon waren eigentlich nur one night stands gewesen? Valerie versuchte nicht, sie zu zählen.
Sie versuchte auch nicht, sich an Namen zu erinnern. All diese Männer... Erst kürzlich mit diesem Maler"¦ wie war doch sein Name gewesen? Denis? "¦ oder Jan?
Sie gab es auf, sie war wieder einmal völlig verwirrt und verstrickt in ihre schlimmen Gedanken. Da saß sie nun, eine Frau von mehr als fünfundvierzig Jahren, und war völlig übermannt von ihren Emotionen und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Warum war es ihr nicht gelungen, ein normales Leben zu führen wie andere Frauen?
Jetzt kam auch schon ein wenig Selbstmitleid auf. Kann man ja verstehen, eigentlich.
Valerie war jedoch nicht der Typ, der in Selbstmitleid versinkt, also fasste sie sich bald. Erica hatte Gunnar ja als Überraschungsgast angekündigt. Vielleicht würde sie ja bald konfrontiert sein mit einem ihrer Ex-Partner, dem es gelungen war, ein anderes Leben zu führen. Ein bürgerliches Leben, mit Haus, Frau und Kind.
Hinter den vorletzten Satz stellen wir mal ein großes Fragezeichen.
Fortsetzung, wenn ihr wollt, am kommenden Wochenende (ca. Do /Fr/Sa)
Lieben Gruß,
Valerie
