Yvette hat geschrieben: So 26. Jun 2022, 00:34
Auf mich wirken solche Ansichten äußerst intellektuell (?) arrogant und als sprachliche Totschlagkeule. Solltest du die Möglichkeit haben, mit anderen als nicht binären Menschen in der Realität zu sprechen, könntest du vielleicht, nur vielleicht, feststellen, dass diejenigen, die deinen Ansichten und Forderungen nicht gleich und völlig euphorisch begegnen, u. U. trotzdem nicht borniert sind oder eine reaktionäre Agenda pflegen.
Oder zählt eine Svenja Flaßpöhler, die ich nun wirklich für intellektuell halte, Chefredakteurin des renommierten Philosophi-Magazins und mehr oder weniger Dauergast im Olymp philosophischer Sendungen, dem SRF "Sternstunde Philosophie" ist, dazu? Nur, weil sie das Gendern als sprachlichen Unfall ansieht?
Ist dir vielleicht schon in deinen nicht binären Sinn gekommen, dass die Hauptprobleme, die du für dich und andere nicht Binäre (nebenbei: einem Bevölkerungsanteil von gewaltigen 0,25 %) siehst, evtl. im Gendern liegen könnten? Als dies noch nicht Thema war und das generische Maskulinum alle Menschen gleichwertig beinhaltete (und, entgegen deiner und anderer Propaganda, eben nicht nur "mitmeinte"), bestand das Problem sprachlich doch wohl nicht in der Brisanz, oder?
Mal abgesehen vom bewussten misgendern bei René_, das eigentlich schon jede Reaktion verbietet, sehr kurz zu den bekannten Gegnys genderinklusiver und genderneutraler Sprache:
1. Da sind einige wenige Hardliner, die einfach prinzipiell nicht wollen und das auch nicht schönreden oder rationalisieren. Ich hab es mit Argumenten versucht, mit Beispielen und Studien, hab an ihre Fairness und Respekt appelliert, aber da hilft einfach nichts. Sie wollen nicht, die betroffenenen Menschen sind ihnen egal. An der Stelle ist es auch egal, was dem zugrunde liegt, welche Verletzung oder Verletzlichkeit, welche Unsicherheit oder Anspruch. Deshalb sage ich aus meinen Erfahrungen mit diesen Leuten, sind sie im Diskurs höchstens als schlechtes Beispiel für unfaires soziales Verhalten dienlich.
2. Einige sind merkbar politisch reaktionär eingestellt. Wortwahl und Rhetorik machen ziemlich schnell klar, dass sie ein Welt-, Menschen- und Geschlechtsrollenbild der 1950er wollen. Männliche Männer regeln die Welt und haben das Sagen über Frauen, Kinder und alles andere. Cis, hetero, mono - naja, mit männlichen Freiheiten zu Eskapaden. Parteipolitisch reicht das so ab ca. Mitte SPD bis nach ganz rechts aussen. Es gibt allerdings auch extrem patriachale, genderbinäre Enklaven in der extremen Linken. Und natürlich bei extrem religiösen Gruppen.
Die wenigsten davon werden ihre Haltung zu genderinklusiver Sprache ändern oder gar dem eigentlichen Ziel Gleichstellung aller - mehr als zwei - Gender, denn die binäre Hierarchie und eindeutige Rollenzuweisung ist ja essenziell für die vermeintliche Ordnung und Sicherheit ihrer Welt. So ein zentraler Stützbalken des Selbst lässt sich nicht wegdiskutieren.
Also was tun? Bildlich gesprochen neben ihr Weltbild ein liberales, buntes stellen, das einfach mehr Menschen glücklich macht und deshalb insgesamt friedlicher ist. Nicht eigentlich um jene zu konvertieren, sondern um andere zu gewinnen.
3. Die meisten Menschen scheinen nämlich nur reaktionär, sind aber eigentlich nur bisher unterinformiert und haben das Problem einfach noch nie gesehen. Weil es sie (scheinbar) nicht betrifft. Häufig sind sie mehr irritiert und verunsichert. Sie wollen "gute Menschen"(tm) sein, aber diese neuen Dinge sind verwirrend, kompliziert, kosten Zeit und Nerven und wenn eins dann mal Fehler macht gibt's gefühlt gleich die Keule. "Warum lassen wir nicht einfach alles beim alten". Hier kann Diskussion schon etwas bewirken.
Zum einen trennen sich dadurch die Uninformierten von den politischen Reaktionären und den anti-intellektuellen Hardlinern. Das ist nützlich.
Zum anderen braucht es manchmal nur ein paar praktische Tipps, wie sie in Zukunft die meisten Konflikte vermeiden können. Sozusagen das Hinayana oder Cheatsheet der genderinklusiven Sprache, das sie ohne viel Nachdenken anwenden können und damit wieder zu den "guten Menschen"(tm) aufschliessen. Unsere Enby-Flyer scheinen so zu wirken. Und geschicktgender.de, genderleicht und andere Sites wurden von gutwilligen Menschen in der Regel positiv und als hilfreich bewertet.
4. Dann gibt es die sprachtheoretische Gruppe, die eine Art abstrakte, reine Sprache möchten, mit klarer Grammatik, eindeutig "richtigen" Formen, konstruiert am Reissbrett anhand linguistischer Forschung. Sie wehren sich gegen alle neuen Vorschläge die nicht aus ihrem Bereich kommen, dabei hängen sie dem eigentlichen Sprachgebrauch zig Jahre hinterher und ignorieren auch gerne die hunderte Jahre vor ihrem Referenzzeitraum. Da hab ich manchmal das Gefühl, dass sie eigentlich lieber gar keinen alltäglichen Gebrauch ihrer reinen Sprache durch profane Menschen möchten

Da diese Leute in der Regel ausschliesslich auf Grammatik gucken, kann ich sie im Zusammenhang mit Gleichstellung und zwischenmenschlichem Respekt nicht ernst nehmen. Meine Prio ist letzteres, die Grammatik kriegen wir dann schon hin.
5. Sympathischer und für erkenntnisgewinnende Diskussion zugänglicher sind dann die Intellektuellen, die, zumeist aus einer scheinbar sehr bequemen eigenen Situation heraus, schon eine Gleichstellung wollen, aber quasi eine aufschliessende. Sie möchten, dass mit gen.masc. sich nicht nur auf der Empfangsseite alle gemeint fühlen sollen, sondern - Achtung! - auch auf der Sendeseite alle gemeint sein sollen. Also bei "Arzt" auf beiden Seiten im Hirn eine genderneutrale Idee einer medizinischen Fachperson (m, w, d, _, *) erscheint. Das wäre prima. Leider fehlen dann häufig die konkreten, auch kleinen Schritte, wie wir zu dieser Vision kommen können.
Wie Svenja Flaßpöhler nämlich auch sagt
Ich finde tatsächlich, dass man, wenn man von "Professoren" spricht, dass man eben nicht die Professorin vor dem geistigen Auge sieht. Insofern ist dieses generische Maskulinum schon sagen wir mal verstellend oder auch in gewisser Weise ausschließend, weil wir im Augenblick, glaube ich, in einer gesellschaftlichen Realität auch leben, die immer noch sehr, sehr stark von diesen alten patriarchalen Strukturen sagen wir mal beeinflusst ist. Das heißt also, es gibt immer noch realiter sehr viele Bereiche, in denen Frauen unterrepräsentiert sind. Und deshalb ist es so, dass wir, wenn wir "Professoren" hören oder "Ärzte" hören, dass wir uns tatsächlich nicht vor dem geistigen Auge eine Frau vorstellen. Und das ist ein Problem.
(
Quelle)
Mit dem folgenden Absatz hat sie aber nur bedingt recht:
Die Frage, die sich aber daran anschließt, ist tatsächlich die nach dem Verhältnis von Sprache und Realität. Weil es wird ja immer wieder von Befürwortern der genderkorrekten Sprache gesagt, Sprache bringt Wirklichkeit hervor. Und das finde ich wirklich zu stark, weil meines Erachtens bringt es noch nicht mehr Frauen in Lehrstühle hinein, wenn ich von "Professorinnen" rede. Das ist nicht ursächlich der Grund dafür, dass dann mehr Frauen tatsächlich angestellt werden. Das heißt, die Realität ist weitaus komplexer als das. Aber nichtsdestotrotz hat natürlich schon die Art und Weise, wie wir Sprache verwenden, auch eine Funktion der Festigung.
(ebd.)
Die psychologinguistische Forschung ist inzwischen nämlich weiter und ziemlich einig, dass in und wegen der strukturellen Diskriminierung nach Geschlecht, Sex und Gender, sprachliche Repräsentation einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, wenigstens eine inklusive, wenn schon nicht neutrale Idee in den Hirnen auf beiden Seiten zu erzeugen.
Sehr ausführlich ist das nachlesbar in "Genderlinguistik" von Helga Kotthoff, Damaris Nübling und Claudia Schmidt, ePub-ISBN 978-3-8233-0152-3.
D.h. aktuell verfestigt das gen.masc. weiter die bisherigen Bilder und Stereotypen. Geschlechtergerechte, -inklusive Sprache sorgt nicht automatisch für eine Verbesserung, aber öffnet den Denkraum der Möglichkeiten. Beides kann aktuell als gesicherter Stand der Forschung angenommen werden.
Genderinklusive Sprache kann also dazu beitragen, dass zukünftig nicht mehr am Klinikbett der Pfleger als "Arzt" und die Stationsärztin als "Schwester" angesprochen werden, weil diese Bilden eben so in den Hirnen stecken, und die Jungärztin auch von der Etage drüber als potenzielle Chefärztin in Betracht gezogen wird.
Und bei der Genderinklusion möchten nichtbinäre Menschen eben auch berücksichtigt werden, weshalb "Beidnennung" - die eh schon reichlich mehr Platz braucht - eben nicht ausreicht.
Ebenfalls wissenschaftlich gut abgesichert sind die sehr praktischen Auswirkungen der einseitigen "Mensch = Mann" Hirnidee beim
gender data gap. Da hab ich auch schon mehrfach Beispiele erwähnt. Weshalb Frauen bei Autounfällen proportional häufiger schwer verletzt werden oder sterben. Weshalb Pianistinnen mehr orthopädische Probleme als Pianisten haben. Warum Medikamente höchstens für Männer optimal wirken. Usw. Diese und viele weitere Beispiele, ebenfalls wissenschaftlich unterfüttert, sind zu lesen in "Unsichtbare Frauen", Caroline Criado-Perez, ISBN 978-3-641-22377-9.
Ursache: Die meisten Konstrukteure, das muss ich nicht neutral schreiben, sind Männer, die für männliche Standards bauen. Sobald die Teams diverser werden, erledigt sich viel gefährlicher Unfug von Anfang an. Und was brauchen wir dafür? Siehe oben: Menschen ständig drauf aufmerksam machen.
Also noch mal zusammengefasst: Eine einfache Sprache, die auf beiden Seiten tatsächlich inklusiv gedacht und gemeint ist wäre super. Noch besser wäre, wenn in den Hirnen wirklich genderinklusiv gedacht und tatsächlich alle Gender und Körper berücksichtigt würden. Das ist aber noch lange nicht so und deshalb braucht es - nachweislich - auch sprachliche Mittel, um in den aktuellen, genderbinär und patriachal geprägten Hirnen diese Achtsamkeit immer wieder anzustossen.
Ich finde Sternchenformen auch nicht perfekt und die amtliche Sammelbezeichnung "divers" auch nicht, aber solange ich nur darin vorkomme und sonst gar nicht berücksichtigt werde, lebe ich bis zur Entwicklung besserer Formen besser mit diesen Workarounds.
Die Lesbarkeit und Verständlichkeit von zweigeschlechtlich und_oder inklusiv gegenderten Texten wurde übrigens getestet. Zusammenfassung: Die Unterschiede sind subjektiv und im Leseverständnis praktisch nicht nachweisbar. In gen.masc. Texten fühlten sich Männer besser informiert und Frauen weniger gemeint. Irgendwie keine Überraschung, oder?
Interessant war ein Experiment mit Stromverträgen, die ja traditionell häufig überkomplex und schwer verständlich sind. Sternchen machten dort keinen Unterschied, aber eine echte Überarbeitung zur Verständlichkeit schon. Egal ob mit Sternchen oder nicht. Hier sollte also die Mühe eher dem echten Problem - überkomplexe Texte - gelten und die Inklusion einfach mitgemacht werden. Dafür gibt es Textprofis
So. Erzeugt genderinklusive Sprache also erst den Konflikt? Nope. Die Konflikte hab ich täglich an anderen Stellen. Bei jedem öffentlichen zweigegenderten Raum. Toiletten, Umkleiden, Sport, und natürlich in Formularen, Webshops, Anschreiben. Implizit bei gegenderter Kleidung und anderen Produkten.
Wenn ich nicht sprachlich darauf aufmerksam machen kann, weil andere Menschen nicht mal inklusive Formen kennen, kann ich diese Konflikte auch nicht thematisieren.
Sprache ist deshalb ein einfacher Lackmustest für die Bereitschaft zu respektvollem Umgang. Sehe ich einen zweigegenderten Text oder Schild und mache auf fehlende Inklusivität aufmerksam, gibt es drei prinzipiell verschiedene Reaktionen. Entweder "Nein, will ich nicht" (Gruppe 1 und 2 oben), "Danke für den Hinweis, ich kümmere mich drum" (da brauch ich nichts weiter zu diskutieren) oder "Wieso das denn?" (Gruppe 3 und 5), wo ich dann aufklären kann.
Sind Text bzw Schild aber schon neutral oder inklusiv, freut mich das und ich kann mich schöneren Dingen widmen.
Ach ja, das gen.masc. und seine gute alte Zeit, wo noch alle mitgemeint waren - ist eine Mär.
Zitat dazu aus "Genderlinguistik" (5.1.11)
Der maskuline Vertretungsanspruch für Menschen jeglichen Geschlechts ist Folge jahrhundertelanger männlicher Vorherrschaft, wo Philosophen, Professoren, Ärzte, Wissenschaftler, Wähler etc. tatsächlich nur Männer waren, oft schon aus dem einfachen Grund, weil Frauen weder studieren noch wählen durften (Gorny 1995; zur Geschichte des GM s. Doleschal 2002; Irmen/Steiger 2005).
Hausen (1986) beschreibt, mit welch abstrusen (damals weithin geteilten) biologistischen Einlassungen Ende des 19. Jhs. Wissenschaftler Frauen vom Studium und erst recht von der Wissenschaft fernhielten (z.B. der Physiker Max Planck: "Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig"; ebd., 34). Ähnlich wie heute die Geschlechtersegregation im Sport, so diente früher der Ausschluss von Frauen in der Wissenschaft der Herstellung von Männlichkeit, die sich am eindeutigsten (negativ) durch die Abgrenzung von der Frau definiert (außerdem bangten die Wissenschaftler um ihre Gehilfin zuhause).
Inwieweit nun Maskulina wie Wissenschaftler, Physiker, Philosoph, Mediziner die seit dem 20. Jh. an diesen Berufen zunehmend partizipierenden Frauen einschließen bzw. assoziieren lassen, ist nur graduell erfassbar und scheint in dem Maße zuzunehmen, in dem es dem Beruf an Prestige mangelt.
Es gab niemals einen (wenngleich immer wieder vermuteten) "šunschuldigen Urzustand"˜, in dem das GM geschlechtsübergreifend war. Dieses Ideologem entstand, wie Doleschal (2002) anhand der frühesten Grammatiken im 16. Jh. bis heute nachweist, erst ab den 1960er Jahren, verfasst von (männlichen) Grammatikern. Es ging schnell in weitere Grammatiken über, auch in die Duden-Grammatik von 1995, während schon die nächste Auflage von 1998 die Einschränkung hinzufügt, dass "die Verwendung des generischen Maskulinums immer mehr abgelehnt" werde (200).
Die Behauptung der Existenz eines generischen Maskulinums, das Frauen mitvertreten bzw. geschlechtsindifferent sein soll, ist somit jung und ohne Tradition. Sie hat von Anfang an Widerspruch erfahren. Nachfolgende Duden-Grammatiken haben diesen Passus entschärft und empfehlen Alternativen (Duden-Grammatik 2016, -§-§ 237, 238).
Wenn irgendwer die zahlreichen Quellen und Verweise nachlesen möchte, sende ich gerne die Bibliografie zu den Verweisen zu
