Episode 24: Vor der Operation
Valerie war ungeduldig. Die Wochen bis zu ihrer Brust-OP kamen ihr sehr lang vor, obwohl der Termin gleich 2 Monate nach ihrer ersten Besprechung in der Clinique Causse angesetzt worden war. Privatpatienten kommen eben schneller dran. Zeitgefühl, das lernen wir jedenfalls daraus, ist eine sehr subjektive Empfindung, was nichts anderes besagt als dass die Ereignisse, welche wir stark herbeisehnen, uns oft noch ganz weit weg erscheinen, dann dreht sich die innere Uhr sozusagen im Schneckentempo und die Zeit will uns kaum vergehen.
Sie wollte diese Operation wirklich, sehnte sie herbei, hätte sich lieber heute als morgen unters Messer des Operateurs gelegt.
Obwohl Valeries Tage also langsam vergingen, verliefen ihre ersten Arbeitswochen als gestionnaire immobilière (Immobilienmaklerin oder Repräsentantin der Immobilienfirma) durchaus arbeitsreich, wie bereits geschildert. Sie erwarb sich bald einen gewissen Ruf bei den Handwerkern der Stadt, denn sie vergab viele kleine Aufträge an die zahlreichen Installateure, die menuisiers (Schreiner) und électriens (Elektriker) und auch an die Fernsehtechniker der Stadt. Irgendetwas war immer zu reparieren. Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung, Handwerker seien heutzutage kaum zu kriegen, fiel es ihr nicht schwer, an gute Handwerker zu kommen, was wohl weniger an ihrem bestimmten Auftreten am Telefon lag als vielmehr daran, dass ein Handwerker wohl stärker geneigt ist, zuzuhören und die Ohren zu spitzen, wenn der Kunde gleich zu Anfang des Gesprächs durchblicken lässt, dass er kein Einzelkunde ist sondern Hunderte von Objekten verwaltet. Valerie hatte bei ihren Handwerkern bald den Ruf weg, dass sie genau hinschaut aber auch wiederkommt, wenn jemand gut gearbeitet hatte, und natürlich auch umgekehrt. Nachlässigkeiten oder Schlampereien mochte sie nicht, einfach so durchgehen ließ sie jedenfalls nichts.
Bald schien der Winter vorbei zu sein. Mit der Zeit änderten sich die Temperaturen, es wurde draußen wärmer, und plötzlich war der Frühling da.
Dieser fängt im Mittelmeerraum ein paar Wochen früher als in nördlicheren Breiten, und dieses Jahr kam er mit Macht. Plötzlich, von einer Woche auf die andere war zu draußen bemerken, wie die Natur sich regte, die Blumen zu blühen begannen und die Knospen überall zu sprießen anfingen.
Draußen in der Stadt änderte sich das Straßenbild, die Straßencafés machten wieder auf, die kleinen Plätze füllten sich mit mit Sonnenschirmen, Tischen und Stühlen, die Winterklamotten verschwanden im Kleiderschrank, die Röcke der Mädchen wurden kürzer, Hosen schienen bei den Mädels mit einem Mal fast ganz verschwunden zu sein, die Damenwelt zeigte wieder Bein.
Auch bei Valerie schien sich der Körper auf die neue Jahreszeit einstellen zu wollen. Besonders im Brustbereich spürte sie jetzt öfter wieder öfter dieses Ziehen oder Kitzeln, kein wirklicher Schmerz, sondern eher eine Art erhöhte Empfindlichkeit, die sie vor allem in den Brustwarzen lokalisierte.
Ein Gespräch mit ihrem behandelnden Arzt, Dr. Herriau, am Telefon brachte keine zufriedenstellende Erklärung er bat sie in seine Sprechstunde. Aber auch die intensivere Untersuchung durch den Arzt mit anschließendem Bluttest erbrachte nur die Vermutung, dass es sich wohl um eine hormonelle Störung oder Überschussreaktion in ihrem Körper handle. Seine Empfehlung lief darauf hinaus, sie solle es weiter beobachten und sich melden, wenn die Reizung stärker würde.
Da dieses aber nicht der Fall war, wartete sie weiter ab, dass die Zeit vergeht, es waren ja nur noch wenige Wochen bis zu ihrer OP, und dann, so hoffte sie, würde wohl alles anders, das heißt, dann würde sie ja künstliche Hormone bekommen womit die Sache hoffentlich in geregelten Bahnen verliefe. Sie behalf sich mit neuer, weiterer Unterwäsche, trug ab dann unter ihren Pullis und Blusen nur noch einen ganz leichten Soft-BH der nicht mehr so eng anlag und vor allem ohne Bügel war, das verschaffte ihr auch Erleichterung.
In der Nacht vor der OP schlief sie schlecht, was wohl niemanden verwundert. Am Abend vorher schon hatte sie einen kleinen Koffer gepackt, wie es hieß, wäre nur ein kurzer Klinikaufenthalt angesagt, was das konkret bedeutet, wäre wohl vom Verlauf der Heilung abhängig. Am Morgen nahm sie überhaupt nichts zu sich, verzichtete sogar auf ihren geliebten Kaffee, denn sie sollte nüchtern erscheinen.
Bei der Fahrt nach Colombiers in die Klinik dachte sie noch einmal an die Implantate, die sie heute bekommen würde, sie hatte sie bereits gesehen auf Fotos, die ihr Dr. Causse gezeigt hatte. Groß, breit und schön tropfenförmig waren sie ihr erschienen, etwas hängend, aber das war für eine Frau in ihrem Alter wohl auch angebracht, dachte sie, als sie ihr Auto abschloss und die Kliniktür passierte, den kleinen schwarzen Rollkoffer am ausgestreckten rechten Arm hinter sich herziehend.
Fortsetzung wie üblich in etwa einer Woche, (Do / Fr / Sa)
Lieben Gruß
Valerie
