MichiWell hat geschrieben: Mo 17. Jan 2022, 16:42
Ich habe große Probleme damit, wenn Leute derartige platte Erklärungen "finden", dass Menschen angeblich aus anderen Gründen die entgegengesetzte Geschlechterrolle "nur nachspielen".
In der Tat. Entweder wir spielen alle oder keinein, je nachdem wie Spiel und Rolle definiert werden, und das kann ja sehr verschieden sein, abhängig davon, worüber geredet wird.
Ich würde einen anderen Ansatz nehmen, entlehnt von "doing gender": Wir haben individuelle Verhaltens- und Wahrnehmungs-Merkmale. Wir mögen bestimmte Dinge. Das hat sicherlich ein paar biologische Ursachen und sicherlich auch viele biografische. Nicht nur was andere von uns erwarte(te)n, sondern auch wann wir was erlebt haben.
Nicht alles davon können wir ausleben. Oder wenigstens nicht jederzeit oder mindestens nicht ohne Konsequenzen, die wir vermeiden wollen, denn unsere Umwelt reagiert auf uns. Wir müssen uns also anpassen, die Reaktionen der Mitmenschen voraussehen und unser Verhalten so einrichten, dass wir mit einem annehmbaren Komrpmiss zwischen unseren Bedürfnissen und den Beschränkungen durch andere durchs Leben kommen.
Sprich: Wir sind alle in einem "Spiel" mit anderen. Einem äusserst komplexen System mit (variablen, ständig neu verhandelten) Regeln und anderen Mitspielenden, die ihre Züge machen und auf unsere reagieren. Spiel im Sinne von Spieltheorie und es sind eher mehrere, parallele und_oder temporäre Spiele. Das Familienspiel, in dem wir unterschiedliche Figuren einnehmen, das Arbeitsspiel, die Vereinsspiele, usw.
Unsere Umwelt - das Spielfeld - ist aber auch stark zweigeteilt in -hm- Set A und Set B, was Verhaltensmuster und Vorlieben angeht. Es ist zeitlich und räumlich tw sehr unterschiedlich, was in A und was in B fällt und wie damit umgegangen wird, wenn Menschen sich nicht nur wie A oder wie B verhalten. Und A und B sind an körperliche Erscheinung geknüpft: Hast du einen ∆-Körper, sollst du dich nach A verhalten (so wie zu deiner Zeit an deinem Ort gerade gültig); hast du einen ∇-Körper, sollst du dich nach B verhalten.
Spieltechnisch wird der Möglichkeitsraum unserer Züge quasi willkürlich beschränkt. Ein zusätzliches Regelset, das keine rationalen Grundlagen hat, sondern eher "Gewohnheitsrecht" ist. Wir bekamen ein Set zugewiesen, und wenn wir nicht dessen Züge verwenden, gibt's häufig Nachteile.
Aber viele Menschen fühlen sich mit der ausschliesslichen und alldurchdringenden Zuordnung nicht wohl. (Neueste Studien: ~3-4% berichten eine merkbare Unzufriedenheit; weltweit ziemlich einheitlich) Das ist kein Wunder, denn wie gesagt ist diese Zweiteilung ziemlich willkürlich - aber so tief verankert und so früh schon geprägt, dass sie wie "natürlich" erscheint.
Diese Menschen spielen häufig bewusst. Weil sie es müssen. Zum Beispiel als Selbstschutz. D.h. sie erkennen die Diskrepanz zwischen den äusseren, erwarteten Regeln und ihrem inneren Set. Das heisst aber nicht, dass die anderen 96% nicht spielen. Sie haben nur die Regeln besser verinnerlicht, bzw. kommen scheinbar besser damit klar. Scheinbar deshalb, weil auch die erstaunliche Flexibilität des menschlichen Hirns kaum erklären kann, wie so viele Menschen seit Anbeginn der Menschheit mit so unterschiedlichen Sets klargekommen sind. Meiner Ansicht nach könnten mindestens 80% aller Menschen eine gute Therapie brauchen, um diese Diskrepanzen zwischen aussen und innen konstruktiv zu klären.
Ich finde es auch sehr logisch, dass die Fähigkeit, die jeweils gültigen Regeln zu erkennen und umzusetzen, nicht bei allen Menschen gleichmässig stark ausgeprägt ist. Das ist ja nirgends richtig aufgeschrieben und je nach Spielkontext auch durchaus unterschiedlich. Das "Regelbuch" wäre dicker als das Internet-Adressbuch und würde sich mindestens genauso schnell ändern. Und wenn du wegen eines unbekannten Grundes das nicht so intuitiv erfassen und dich drauf einstellen kannst, kriegst du irgendwelche Labels verpasst.
tl;dr meiner Ansicht nach "spielen" wir alle; sofern Spiel als generelle Bezeichnung für mehr oder weniger regelbasiertes und auf Konsequenzen bedachtes Verhalten verstanden wird. Die einen können sich besser auf die Regeln einlassen und andere haben Schwierigkeiten, sich dran zu halten, oder die die Regeln überhaupt zu verstehen. Alles nix ungewöhnliches, sondern eher ein gleitendes Spektrum individueller Herausforderungen.
Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich formalisierte Spiele hasse? Brettspiele, Gesellschaftsspiele, Gruppenspiele? Ätzend. Absolut fürchterlich für mich. Vielleicht bin ich deshalb aus solchen formalen Dingen raus. Inklusive dem Genderspiel
*brrr* *schüttel*