Wir haben in den bisherigen Kapiteln erfahren: Valerie ist älter geworden und hat sich ihr neues leben inzwischen eingerichtet. Dass es ein Leben ganz ohne Männer und ohne Sex ist, hat indes niemand behauptet. Dass allerdings nach den sieben Jahren ihres Zusammenlebens mit Thierry Elouard, die für Valerie sieben sehr intensive Jahre waren, hier, in ihrem Sexleben aber erstmal so etwas wie eine Pause eintritt, wird niemanden verwundern.
Was auch nachvollziehbar ist: Sie ist jetzt Anfang vierzig, trägt ein paar überflüssige Pfunde mit sich herum (eigentlich sind es mehrere Kilos, auf die sie wahrlich verzichten könnte) und sie kämpft um ihre Linie, aber ihr Interesse an Männern hat sie keineswegs verloren. Sie ist immer noch eine attraktive Frau und tut viel, damit das auch so bleibt.
Deshalb verbringt sie jetzt eigentlich sogar mehr Zeit als früher mit dem Styling des eigenen Bodys, mit Körper- und Hautpflege, sie macht auch ein wenig Sport, wenn sie mag, aber vor allem verbringt sie viel Zeit vor dem Spiegel mit dem was die Engländer "make up" nennen und die Franzosen "maquillage". In ihrem Alter nichts Besonderes, eigentlich ein "Muss".
Sollte also bei ein paar Lesern / Leserinnen bisher der Eindruck entstanden sein, Valerie käme mit ihrer neuen Welt ohne Ehemann nicht zurecht, sie lebe so dahin, planlos und ziellos in den Tag hinein, habe im Übrigen nichts im Kopf außer ihre diversen Aushilfsjobs, ihr Auto, ihre Klamotten, ihre Schuhe und vielleicht so ganz am Rande noch ihre Katze, so täuscht sich dieser. In Valeries Welt ist Platz für vieles anderes, zum Beispiel interessiert sie sich immer noch sehr stark für die schönen Dinge im Leben.
Die mittelmeerische Küste im Süden Frankreichs war immer voll mit kreativen Menschen, die als Maler, Bildhauer oder allgemein als Künstler dort gearbeitet haben. Schon Vincent Van Gogh, als er damals in Arles war, lobte das helle Licht dieser südlichen Sommertage und es stimmt ja auch, die Sonne steht dort einfach höher am Himmel.
Die Gegend um Narbonne ist eigentlich nichts, was man ein kulturelles Zentrum nennen kann, aber das Meer und die südliche Landschaft haben viele Maler hierher an die Küste gezogen, ein paar echte kulturelle hotspots gibt es dort auch, und Kunstausstellungen gibt es sogar zweimal, dreimal im Jahr, nicht nur mit etablierten Malern, nein, auch der Nachwuchs wird gefördert und wird durch Ausstellungen unterstützt.
Denis Jardinier, ein in der Region etablierter Maler stellte in der Poudrière in Narbonne aus, einem historischen Pulverturm, der jetzt als Kulturzentrum genutzt wird. Valerie entdeckte die Annonce im Internet, und die Bilder von Denis, von denen sie meinte, ein paar schon vorher gesehen zu haben, schienen ihr gleich seltsam vertraut. Er malte gegenständlich, viele Landschaften, die alten Dörfer und Plätze der Umgebung, die Menschen auf den Marktplätzen, die alten Häuser, Männer beim Pétanque-Spiel unter alten schattigen Platanen. Dabei war sein Stil keineswegs naiv, sondern im Gegenteil eher frech und karikaturenhaft, sie mochte diese Bilder auf den ersten Blick und beschloss, sich die Ausstellung einmal genau anzusehen.
Sie erwischte noch eine Karte für die Vernissage, die an einem frühen Freitagabend angesagt war. Der Saal der Poudrière war gut gefüllt, zwei Menschen vom Kulturamt der Stadt hielten ihre Ansprachen, die wie stets ganz witzig waren und zum Glück auch kurz, so dass die Gäste nicht zu lange stehen mussten, Valerie hatte zu diesem besonderen Anlass wie die meisten Damen natürlich ihre schicksten high Heels angezogen, das ist doch normal. Beim späteren smalltalk kam sie mit dem Künstler kurz ins Gespäch.
Monsieur Jardinier war ein großgewachsener schlanker Lockenkopf, zwar grauhaarig, aber mit lustigen Augen, er war ihr sofort sympathisch. Und er war etwa in ihrem Alter. Irgendwie kam es Valerie so vor, als habe sie den Maler schon mal irgendwo gesehen.
"Excusez monsieur"¦mais je pense on s"™a vu déja une fois mais je ne peux pas dire òu c"™était"¦" sagte sie.
(Ich kenne sie irgendwoher aber ich weiß nicht mehr genau woher)
Keine besonders geschickte Anmache, aber es war die genaue Wahrheit. Er stutzte, schaute ihr dann in die Augen, dachte kurz nach und antwortete:
"Oui c"™est bien possible, madame"¦ c"™était probablement au Somail, où j"™ai eu un atélier auprès du canal" (gut möglich, wahrscheinlich waren Sie mal in meinem Atelier in Somail, dort am Kanal")
Und Valerie fiel es wie Schuppen von den Augen. Klar, sie kannte sein Atelier in Somail, dort am Kanal, ein kleiner romantischer Marktflecken am Canal du Midi, ein paar Künstler hatten sich dort angesiedelt um dort zu malen und ihre Bilder gleich dort an die Touristen zu verkaufen.
"Mais appelez-moi Denis, justement Denis. s"™il-vous-plait"
(Aber sagen Sie doch bitte nur Denis zu mir)
Setzte er noch hinzu, und wieder dachte sie, dass er wirklich lustige Augen hatte, und irgendwie auch eine sympathische Art.
Kapitel 9 folgt dann wie üblich etwa in einer Woche
Lieben Weihnachtsgruß,
Valerie