Die Ärzte haben den Tod des Fötus abgewartet.
Die Ärzte haben den Tod des Fötus abgewartet.

Antworten
Blossom
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3963
Registriert: Sa 18. Jan 2020, 21:09
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Waltrop
Hat sich bedankt: 180 Mal
Danksagung erhalten: 46 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Die Ärzte haben den Tod des Fötus abgewartet.

Post 1 im Thema

Beitrag von Blossom »

Hallo ihr Lieben,

was aktuell in Polen los ist, macht mich sprachlos ...

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ ... e-100.html

Grüße von einem nachdenklichen
Blümchen (na)
Jeder hat in seinem Leben Menschen um sich, die schwul, lesbisch, transgender oder bisexuell sind.
Sie wollen es vielleicht nicht zugeben, aber ich garantiere, sie kennen jemanden.
Billie Jean King (*1943)
Patricia
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 928
Registriert: So 13. Okt 2019, 21:55
Geschlecht: Ökotantenazubine
Pronomen: sie
Hat sich bedankt: 52 Mal
Danksagung erhalten: 82 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Ärzte haben den Tod des Fötus abgewartet.

Post 2 im Thema

Beitrag von Patricia »

Ich verteidige dieses Gesetz definitiv nicht, aber in diesem Fall sind die Ärzte und nicht das Gesetz schuldig. Das Gesetz und die Rechtsprechung in Polen hätten den Schwangerschaftsabbruch in diesem Fall definitiv ERLAUBT.
Nach der derzeitigen Auffassung dürfen Schwangerschaften in Polen abgebrochen werden wenn
a. Die Schwangerschaft die Folge einer Gewalttat ist
b. Die Gesundheit oder das Leben der Mutter gefährdet sind.

Im Falle von Izabella war die Gefährdung des Lebens der Mutter eindeutig und die verantwortlichen Ärzte haben klare Fehler begangen. Aus welchen Gründen auch immer.
Beide diensthabenden Ärzte wurden vom Dienst suspendiert und die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Ich befürworte definitiv weder die aktuelle Rechtsprechung, noch das Abortionsgesetz in der jetzigen Fassung noch die regierende Partei. Ich möchte lediglich klarstellen, dass die Lage etwas anders ist als sie zu scheinen mag.

Es mag sein, dass die Entscheidung der Ärzte durch eine völlige Fehlinterpretation der Rechtslage entstanden ist, allerdings lässt sich in diesem Fall auch erkennen, dass die Ärzte ihre Pflichten deutlich vernachlässigt haben und über Stunden den schlechten Zustand von Izabella ignoriert haben.
Bereits gegen 11:50 schrieb Izabella ihrer Mutter, dass sie sich krank fühlt, wie bei einer Erkältung, was auf den Anfang eines septischen Schocks zurückzuführen sei an dem sie schliesslich 20 Stunden später verstarb. Zu diesem Zeitpunkt war den Ärzten bereits deutlich bewusst, dass Izabella einen septischen Schock bekommen kann.



Ich erlaube mir das zu übersetzen was Izabelle ihrer Mutter schrieb...
Izabella hat geschrieben: 09:31 - Das Kind wiegt 485 gramm. Dank dem Abtreibungsgestz muss ich erstmal liegen bleiben. Sie dürfen nichts tun. Sie warten ab bis das Kind stirbt oder irgendetwas anderes passiert und falls nichts passiert, dann darf ich einen Sepsis erwarten

11:50 - Es kann passieren, dass ich jeden Moment eine Sepsis bekomme. Ich warte weiterhin auf eine stationäre Aufnahme. Ich wurde noch nicht auf ein Zimmer gelegt. Sie können nichts unternehmen weil es als Absicht gewertet werden könnte
Ich fühle mich nicht gut. Wie bei einer Erkältung. Meine Knochen tun weh, mir ist kalt. Irgendwie seltsam als ob ich krank werden würde...

<Die Mutter fragte ob sie ihr irgendwelche Medikamente geben können um die Geburt einzuleiten>
Nein, dürfen sie nicht. Sie müssen abwarten bis es von alleine los geht. Und falls nichs passiert, dann warten wir bis das Herz des Kindes aufhört zu schlagen.

20:;55 - Sie haben mir einen Tropf gegeben weil ich Schüttelfrost habe. Gut dass ich mein Fieberthermometer dabei habe, denn niemand hat meine Temperatur gemessen. 39,9-°C

22:41 Es ist so schlimm, sowas habe ich noch nicht erlebt

<Zu diesem Zeitpunkt hat Izabella nicht mal eine Notfallklingel am Bett und die Bettnachbarin muss den Arzt rufen>

Mein CRP-Wert ist erhöht. Morgen messen sie noch mal Sie sagen der Wert sei nicht so schlimm.

Mutter von Izabella: Weil du eine Entzündung hast. Schade, dass sie nicht mehr tun.
Izabella: Ja. Sie dürfen nicht. Wir müssen warten
Mutter von Izabella: Nicht dass Dir was passiert...
Izabella: Bis das Herz aufhört zu schlagen
Mutter von Izabella: Es ist schrecklich was sie tun.

22:56 - Mein Leben ist in Gefahr und ich soll warten
23:02 - Ich gehe schlafen Mama
Um 4:20 Uhr wurde der diensthabende Arzt benachrichtigt, dass Izabella Unterleibschmerzen ohne Blutungen hat. Um 4:39 Uhr setzten Kontraktionen ein. Es gibt kein Fruchtwasser... Man entscheidet sich zu einem Kaiserschnitt...

"Die Schwangere ist um 7:39 Uhr verstorben..."

In tiefer Trauer
Patricia
Blossom
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3963
Registriert: Sa 18. Jan 2020, 21:09
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Waltrop
Hat sich bedankt: 180 Mal
Danksagung erhalten: 46 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Ärzte haben den Tod des Fötus abgewartet.

Post 3 im Thema

Beitrag von Blossom »

Liebe Patricia,
Patricia_cgn hat geschrieben: Mo 8. Nov 2021, 11:05 Ich verteidige dieses Gesetz definitiv nicht, aber in diesem Fall sind die Ärzte und nicht das Gesetz schuldig.
unabhängig davon, ob die Mediziner "versagt" haben ... so bleibt für mich die gesetzliche Lage gleichwohl Mitschuld. Denn die hat eine Atmosphäre der Unsicherheit geschaffen.
Und ganz abgesehen davon greift es in die Selbstbestimmung jeder Frau in Polen ein, die sich aus persönlichen Gründen für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet. Eine Entscheidung, die sich ganz sicher keine Frau leicht macht. Ganz persönlich halte ich das Einschreiten der Staatsanwaltschaft für eine Farce, die von der eigentlichen Problematik ablenken und das Ausland zum Stillhalten bewegen soll.

Was glaubst du, wie oft ich in der Versorgung Kranker in Konflikt mit unseren Gesetzen gerate? Nahezu jeden Tag. Und jedes Mal muss ich entscheiden, mache ich das dennoch oder unterlasse ich es besser, um mich nicht strafbar zu machen.

Ich gebe dir mal ein Beispiel:

Erst Vorgestern musste ich die Tür eines Mitbewohners einer Wohngruppe blockieren. Das ist eine freiheitsentziehende Maßnahme, für die es eine richterliche Genehmigung braucht. Die lag aber nicht vor und hätte in der Kürze der Zeit niemals erfolgen können. Allerdings war die Dringlichkeit dieser Maßnahme geboten. Warum? Die Wohngruppe steht infolge eines Corona-Ausbruchs unter Quarantäne und dieser Bewohner muss von den übrigen isoliert werden, da nicht impffähig. Allerdings ist er so verwirrt, dass er die Lage nicht versteht. Die Tür seines Zimmers bleibt offen, wird aber durch ein vorgeschobenes Pflegebett blockiert. Dessen Räder waren nicht eingerastet. Infolge dessen hat er es immer wieder zur Seite geschoben und ist in den Gruppenraum gelaufen. Da ich zu diesem Zeitpunkt allein war, andere Bewohner meine Hilfe benötigten, ich also die Aufsicht ihm gegenüber vorübergehend nicht führen konnte, habe ich die Räder geblockt, was ein Wegschieben unmöglich machte. Damit habe ich gegen besseres Wissen seine Freiheit eingeschränkt. Nur, was soll ich machen? Ich muss ihn gleichzeitig schützen. Du siehst, hier entsteht eine Grauzone. Was darf ich noch, was nicht, was ist gerade noch hinzunehmen, was nicht? Ich entschuldige damit nicht das Verhalten der Ärzte, von denen ich erwartet hätte, sich im Zweifel auch über das Gesetz zu erheben.

Ein anderes Beispiel:
Ich bin ausgebildete Intensivschwester und verfüge im Kofferraum über Ringer-Lösung und ein Infusionsbesteck. Sollte ich an eine Unfallstelle kommen, an der eine Infusion infolge hohen Blutverlustes und zum erforderlichen Offenhalten der Vene erforderlich ist, so bin ich durch meine Ausbildung zwar fähig den Eingriff vorzunehmen und wäre in der Lage Leben zu retten. Rein rechtlich obliegt dieses Tun aber dem Notarzt und einem speziell ausgebildeten Rettungsassistenten. Mein Handeln ist dementsprechend Körperverletzung. Niemand wird es etwas sagen, wenn ich den Verletzen dadurch retten - ja, mich möglicherweise sogar für mein umsichtiges Handeln loben - doch andererseits kann es auch auf eine Anzeige mit all ihren Folgen hinauslaufen. Wie also soll ich mich verhalten? Soll ich es tun, weil ich es kann oder darauf im Hinblick auf mögliche Strafe unterlassen? Sprich das Leben des Verletzten riskieren und auf rechtzeitiges Eintreffen des Notarztes warten?

Solche Beispiele kennen alle, die in medizinischer und pflegerischer Funktion arbeiten und jeden Tag müssen sie Gewissensentscheidungen treffen.

Mich macht das weiter nachdenklich und sorgt dafür, dass ich mich und meine Arbeit jeden Tag aufs Neue hinterfrage.

Liebe Grüße vom
Blümchen (na)
Jeder hat in seinem Leben Menschen um sich, die schwul, lesbisch, transgender oder bisexuell sind.
Sie wollen es vielleicht nicht zugeben, aber ich garantiere, sie kennen jemanden.
Billie Jean King (*1943)
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 27264
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 196 Mal
Danksagung erhalten: 2221 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Ärzte haben den Tod des Fötus abgewartet.

Post 4 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
Blossom hat geschrieben: Mo 8. Nov 2021, 11:43 so bleibt für mich die gesetzliche Lage gleichwohl Mitschuld
das ist nicht nur in dem Land so, sondern auch in einigen anderen.

WDR Mediathek: Abtreibung in Europa: Verachtet, verheimlicht, verboten
https://www1.wdr.de/mediathek/video/sen ... n-100.html

Das ist mit ein Grund dafür, dass ich mich nicht nur bei uns uns und regional, sondern auch an anderen Stellen dafür einsetze, dass endlich andere Lösungen als Verbote erarbeitet werden.

Gruß
Anne-Mette
Michi
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 5959
Registriert: Mo 19. Dez 2016, 09:45
Pronomen: sie
Forum-Galerie: gallery/album/11
Hat sich bedankt: 688 Mal
Danksagung erhalten: 852 Mal
Kontaktdaten:

Re: Die Ärzte haben den Tod des Fötus abgewartet.

Post 5 im Thema

Beitrag von Michi »

Blossom hat geschrieben: Mo 8. Nov 2021, 11:43 Ich bin ausgebildete Intensivschwester und verfüge im Kofferraum über Ringer-Lösung und ein Infusionsbesteck.
Hallo Blümchen,

darf ich mal (off topic) fragen, warum du (zumindest in Teilen) eine Notarzt-Austattung mit dir führst, wenn es dir rechtlich nicht erlaubt ist, diese einzusetzen? Bei allem Verständnis, helfen zu wollen, aber das verstehe ich nicht. Du bringst dich doch damit selbst und vorsätzlich in eine Konfliktsituation!


Liebe Grüße
Michi
Wenn dir jemand auf den Fuß tritt, schreist du "Aua" und erwartest eine Entschuldigung.
Mir treten andere dauernd auf die Füße und erwarten, dass ich mich dafür entschuldige, dass es mir weh tut.
Blossom
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3963
Registriert: Sa 18. Jan 2020, 21:09
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Waltrop
Hat sich bedankt: 180 Mal
Danksagung erhalten: 46 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Ärzte haben den Tod des Fötus abgewartet.

Post 6 im Thema

Beitrag von Blossom »

MichiWell hat geschrieben: Mo 8. Nov 2021, 20:30 Du bringst dich doch damit selbst und vorsätzlich in eine Konfliktsituation!
Weil ich sie im Notfall einsetzen würde. Abgesehen daon gab es schon mal eine Situation, in der ein Arzt (privat unterwegs) und ich gleichzeitig zu einem schweren Unfall kamen. Der war dankbar, dass ich aushelfen konnte.
Jeder hat in seinem Leben Menschen um sich, die schwul, lesbisch, transgender oder bisexuell sind.
Sie wollen es vielleicht nicht zugeben, aber ich garantiere, sie kennen jemanden.
Billie Jean King (*1943)
Magdalena
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2717
Registriert: Di 4. Feb 2014, 10:17
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Dresden
Hat sich bedankt: 387 Mal
Danksagung erhalten: 484 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Ärzte haben den Tod des Fötus abgewartet.

Post 7 im Thema

Beitrag von Magdalena »

Hallo,

es ist für mich unfassbar, was da in unserem Nachbarland passiert ist. Ärzte haben doch die Aufgabe Leben zu erhalten. Ideal wäre es sicherlich das Leben der Mutter und des Kindes zu erhalten. Doch hier hat das Leben und die Gesundheit der Mutter in den Vordergrund gestellt werden müssen. Was nützt einem Kind eine verstorbene Mutter. Damit ist nicht den Neugeboren geholfen. Und bei Gefahr durch eine Sepsis gilt es eine Entscheidung zu treffen.

Der politische Wille einer Regierung setzt einen ganzen Berufsstand unter Druck. Wo bleibt da die Menschlichkeit.

Mit nachdenklichen Grüßen Magdalena
Lebe jeden Tag.
Antworten

Zurück zu „Nachdenkliches - Trauer - Erinnerungen“