Heimat - Heimatlosigkeit
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Marlene K.
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Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 1 im Thema

Beitrag von Marlene K. »

Durch einen Post von Anne-Mette, unserer liebenswerten Gastgeberin, der sich nur als Unterthema mit dem Thema Geschlechtergrenzen beschäftigt wieder Mal auf eine Frage gestoßen worden, dass mich immer wieder eineholt: Heimat, beheimatet sein, heimatlos sein, mehrere Heimaten haben...
https://www.ardmediathek.de/video/nacht ... E0NDY1MTY/

Meine Lebensrealität ist, dass ich in Aachen geboren wurde, dort das erste Schuljahr absolviert habe und dann "umgetopft" wurde mit sieben Jahren.
Ich erinnere mich aber auch daran, dass ich mich als anders als die ungefähr zehn Kinder in unserem Haus, als heimatlos, bindungslos empfunden habe. Ich habe mit meinen Freundinnen gespielt und als Vater die gemeinsamen Kinder gewickelt und für die Familie gekocht, um 1965 herum...
Ein Jahr in einer rheinischen Kleinstadt brachten eine Liebe, die ich nie vergessen habe. Mein Freund Martin ging zwar in die richtige Schule, weil er Katholisch war. Ich als Protestant ging in die beiden Baracken, die auf dem durch ein kniehohes Mäuerchen standen und den Evangelischen als Schule dienten. Während der zeitgleichen Pausen durften wir nicht miteinander reden, danach waren wir unzertrennlich.
Ein Jahr im pietistischen Dorf mit rollendem "R" und unverständlichem Dialekt in einer großen Schule, ein Jahr in einer Zwergschule mit gemeinsamen Unterricht für je zwei Jahrgänge im selben Landstrich haben mein Zugehörigkeitsgefühl zu anderen Menschen außerhalb der Familie endgültig zerstört.

...Heimat, Familie, Zugehörigkeit waren für mich nur Fantasien, Träumereien... und wurden weiter Infrage gestellt.

Kennt Ihr ähnliche Gefühle?
Marlene

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Anne-Mette
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 2 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

das wurde mindestens teilweise gestern im Nachtcafé thematisiert: viewtopic.php?p=310897#p310897

Herzliche Grüße
Anne-Mette
Marlene K.
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 3 im Thema

Beitrag von Marlene K. »

Anne-Mette hat geschrieben: Sa 17. Apr 2021, 12:18 Moin,

das wurde mindestens teilweise gestern im Nachtcafé thematisiert: viewtopic.php?p=310897#p310897

Herzliche Grüße
Anne-Mette
Genau dieser Post hat mich ja wieder auf dieses, mich begleitende, Thema aufmerksam gemacht.

Ich habe eine tiefe Sehnsucht in mir nach Bindung, beheimatet sein.

Es war fast körperlich schmerzhaft für mich zu hören wie gerade Frau Gloria Gray ihr Zurück zur Heimat, die ja auch beengend und feindlich war, beschreibt.

Meine Frage ist, ob es auch andere Menschen gibt die so gar keine Heimat mit allen Menschen, Wiedersprüchen, Aggressionen aber auch erkanntem Bezugsrahmen fühlen können, dies aber bei anderen wahrnehmen und selbst oft als fremd wahrgenommen werden?

Wie kam es dazu? Was macht das mit Menschen? Was für Chancen eröffnet das aber auch für die eigene Wahrnehmung?

Ich sehe zum Beispiel eine meiner Chancen darin, dass ich nachfühlen kann, wie es anderen Menschen mit gemischtem kulturellen Hintergrund geht. Ich nehme durch meine Not, mich oft erklären zu müssen für meine Besonderheiten abseits vom queer sein wahr, wie wichtig es ist, Menschen zuzuhören und ihre Brüche und Chancen zu erkennen.

Ich würde mich freuen, wenn ich hier einige Geschichten unter dem Aspekt Heimat und heimatlosigkeit hören und aus diesen lernen dürfte.
Marlene

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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 4 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2021-04-19 »

Hallo Marlene,

ich denke, ich kann zu dem Thema beitragen. Ich muss meine Gedanken dazu aber noch ein wenig ordnen. Ich hatte schon einen Beitrag formuliert, fand ihn dann aber doch zu unausgegoren.

Wenn es dir recht ist, komme ich bei Gelegenheit drauf zurück.

Liebe Grüße

Katja
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Nicole Fritz
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 5 im Thema

Beitrag von Nicole Fritz »

Hallo Marlene,

Heimat war in meiner Familie immer ein schwieriges Thema. Bei Mutter und Großmutter war "zuhause" immer ein Bauernhof bei Lodz in Polen, von wo sie als Deutsche im Krieg geflohen sind. Mein Vater ist wie ich in Essen geboren, sah aber Leipzig, wo mein Großvater her stammte, mehr als Heimat. Dort verbrachte er als Kind oft die Ferien. Die andere Großmutter stammte aus Wetter an der Ruhr, von wo aus deren Familie wegen der Arbeit beim Bergbau nach Essen zog.

Ich habe lange in Essen gewohnt, in Gladbeck und Bochum als Ingenieur gearbeitet, aber so richtig Heimat war das für mich nie. Es hat einfach mit dem sozialen Umfeld nicht gepasst. In der Enge des Ruhrgebiets mit einer großen Stadt neben der anderen fehlte mir ein Ort, wo ich meine Ruhe finden konnte.

Als meine Eltern ein Ferienhaus im Hunsrück gebaut hatten, wurde das für mich zu einem Zufluchtsort, an dem ich mich in den Ferien und später im Urlaub wohl fühlte. Da bin ich dann schließlich hin gezogen. Ein Stück weit ist der Hunsrück jetzt für mich Heimat. Aber sicher ist es anders, wenn man dort eine schöne Kindheit in einer Dorfgemeinschaft hatte. Eine solche Verbundenheit kenne ich nicht. Die prägt einen sicherlich immer noch, wenn man schon lange fort gezogen ist.

Die Erinnerungen an meine Kindheit in Essen habe ich weitgehend verdrängt. Es gibt da wenig Schönes, das im Gedächtnis blieb. Da gibt es mehr Erinnerungen an die Urlaube mit den Eltern in Bayern, im Schwarzwald und am Meer in Holland.

So viel erst einmal.

Liebe Grüße
Nicole
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 6 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

Knut Hamsun hat es in seinen Werken gut beschrieben: wer sich einmal von seiner Heimat löst, aus welchen Gründen auch immer, der könnte ganz heimatlos werden, zu einem getriebenen Menschen.
Ich bin vor vielen Jahren von einer norddeutschen Insel nach Berlin gezogen. Die Stadt wurde aber nicht so richtig Heimat für mich, eher ein "spannendes Lebensumfeld".
Nach etlichen Jahren wollte ich zurück in den Norden. Eine Rückkehr auf die Insel war allerdings ausgeschlossen; denn dort sind die Preise für Wohnraum explodiert, falls überhaupt etwas zu finden ist.
Außerdem wollte ich nicht gerne von einer "Insel" (Berlin damals noch) auf eine weitere ziehen.
Nach einigen Stationen im Norden fühle ich ein leises Gefühl von Heimat für den Ort, in dem ich seit mehreren Jahren lebe.
Ich fühle mich im näheren und weiteren Umfeld anerkannt und angenommen.
Einiges musste ich mir über Jahre hart erarbeiten; aber inzwischen ist es mir etwas wert, gerade hier zu wohnen.
Allerdings kann sich die Wohnsituation noch einmal ändern, was ich sehr bedauern würde.

In einer FB-Gruppe fühle ich mich allerdings in der Gemeinschaft der ehemaligen und aktuellen Inselbewohner sehr wohl, wenn es um alte und teilweise gemeinsame Zeiten geht.
Trotzdem ist das Gefühl nicht so stark, dass ich dorthin zurückgehen würde, selbst wenn es möglich wäre. So denke jetzt jetzt, hier und heute (smili)

Gruß
Anne-Mette
Marlene K.
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 7 im Thema

Beitrag von Marlene K. »

Danke für das Teilen Eurer Geschichten. Ich merke, dass sich beim Lesen und Bedenken für mich ganz viele Verbindungen ergeben.
Nicole Fritz hat geschrieben: So 18. Apr 2021, 14:52 ...
Zum Beispiel finde ich es spannend das Du, Nicole, den Begriff Heimat, ähnlich wie ich, auch auf die Vorfahren bezogen erlebst.
Auch bei mir liegen ein Teil der Wurzeln jenseits der Oder.
Anne-Mette hat geschrieben: So 18. Apr 2021, 16:13 ...
Du, liebe Anne-Mette, triffst bei mir zwei Denkansätze.
Dein Rückbezug auf Deine Geburtsinsel durch Facebook bestätigt meine Beobachtung, dass da etwas ist, was ich nicht erleben kann. Ich sage bewusst nicht Neid. Ich sehe, dass es sich für die, die es erleben gut anfühlt und kann es so aus zweiter Hand genießen, ähnlich wie die Elternschaft meiner Verwandten und Freunde.
Mein Gefühl zu Berlin als Heimat liegt vermutlich an der gemischten und immer wieder neuen Bevölkerungsstruktur. Viele der Berliner werden immer wieder hinterfragt als Migranten aus dem Inland und dem Ausland, auch generationsübergreifend.

Bei mir im Kopf entstehen ganz viele neue Ideen und Fragen.
Hat Heimat auch mit Geschichte und innerfamiliärer Geschichte, in Deutschland oft Geschichtslosigkeit, zu tun?
Ist das der Grund für eine gewisse Heimatlosigkeit/ Bezugslosigkeit von Nachkriegsdeutschland?

Wie soll ich, wie sollten wir mit diesen Fragen umgehen?

Wie erleben Flüchtlinge dies?
Wieso sind Auslandsdeutsche oft deutscher und Auslandstürken oft türkischer als die Menschen in den Herkunftskulturen?
Marlene

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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 8 im Thema

Beitrag von Christiane »

Hallo Marlene,

ich werde bei Gelegenheit gerne etwas zu diesem Thema beitragen.
Ich brauche da aber ein wenig Zeit zum ordnen der Gedanken.

LG
Christiane
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Nicole Fritz
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 9 im Thema

Beitrag von Nicole Fritz »

Ralf-Marlene hat geschrieben: Mo 19. Apr 2021, 09:36 Wieso sind Auslandsdeutsche oft deutscher und Auslandstürken oft türkischer als die Menschen in den Herkunftskulturen?
Nur kurz dazu: Die originalsten Italiener leben im Schweizer Kanton Tessin. Für den*die Köch*in vielleicht interessant: Deren Pizza ist die beste, die ich jemals gegessen habe - sogar besser als meine selbst gemachte*.

LG Nicole

*Das könnte an meinen speziellen Sorten liegen :mrgreen: :
Radicale, Infernale, Al Vesuvio, Fuoco del diavolo, ... . (moin)
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 10 im Thema

Beitrag von Christiane »

Nicole Fritz hat geschrieben: Mo 19. Apr 2021, 15:47
*Das könnte an meinen speziellen Sorten liegen :mrgreen: :
Radicale, Infernale, Al Vesuvio, Fuoco del diavolo, ... . (moin)
(yes)
Wie viele Umdrehungen auf der nach oben offenen Chili-Skala?
Du hast "a la Skandale, de Brutale und a la Randale" vergessen. :mrgreen:

LG
Christiane
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 11 im Thema

Beitrag von AlexLyrics »

Ich wurde im Münsterland geboren, meine Mutter stammt daher, in den Ferien war ich dort oft und habe es lieben gelernt. Mein Vater stammte vom Bodensee, eine Gegend und Menschenschlag, der mir in Ermangelung von Erfahrung fremd geblieben ist. Ich weiß, dass Menschen dort als liberaler gelten. Aufgwachsen bin ich in Köln und dann mit zehn nach Hannover gezogen. Das war ein Schock für mich. Erst später habe ich den Menschenschlag zu schätzen gelernt und nicht nur deren gute deutsche Aussprache, dort habe ich die wichtigste Zeit meines Erwachsenenwerdens verbracht. Einige male war ich noch dort und habe jeweils geweint, ich weiß nicht, warum ich immer noch so gerührt bin, wenn ich da bin. Die letzten eineinhalb Jahre meiner Schulzeit war ich in einem norddeutschen Internat weil meine Eltern im Nahen Osten gearbeitet hatten. Beirut ist in diesen Jahren zu einem Sehnsuchtsort geworden. Am Anfang hatte ich Angst vor den Menschen, sie waren sehr viel kürzer als ich und hielten sich oft in Gruppen auf und da ich am Anfang ihre Sprache nicht verstand, fürchtete ich mich so, wie vor den Menschen in Mailand. Ich habe gelernt die Menschen im Libanon zu lieben... Als ich später in England lebte, fühlte ich mich immer wieder an meine münsterländische Herkunft erinnert, die Hecken, die die Felder begrenzen und bei uns leider alle verschwunden sind (was für die Landwirtschaft heute von Nachteil ist), die Backsteinarchitektur lösten und lösen bei mir Heimatgefühle aus. Heute in den Niederlanden erkenne ich wieder Heimat in den Backsteinbauten. Nicht nur die langen Menschen hier, sondern ihre direkte Art erinnert mich wieder an Norddeutschland. wenn ich es mir leisten könnte würde ich im Herbst, Winter Beirut oder einer der großen yeminitischen Großstädte Taiz, Aden oder Sana'a wohnen wollen, im Sommer in Amsterdam und wenn es politisch mir möglich wäre, würde ich ab und zu nach Münster kommen weil da viele meiner Vorfahren begraben sind oder noch leben. Ich hätte gerne eine Heimat. Aber das ist mehr als eine Geburtsstadt oder Stadt, in der man lange gelebt hat, dazu gehört auch ein Freundeskreis und alte Geschichten und wo man begraben sein möchte... Eigentlich bin ich heimatlos. Dies umso mehr als dass vor drei Jahren fünf der wichtigsten Menschen in diesen Städten gestorben sind, wegen derer ich zurück gekommen wäre. Nun sind diese mir vertrauten Städte Trauerzonen geworden. Ich sehne mic nach den Strassen des Nahen Osten, seinem jungen Leben, seiner Fremdheit für mich, siner unendlichen Farbenpracht, seiner Würde, seinen mir so fremden Ordnungen, genau so wie ich mich nach dem trockenen Humor der Briten sehen, nach den Backsteinhäusern, der kalten Ständegesellschaft dieses Landes, seinen jahrtausend bestehenden Unzulänglichkeiten, nach einem englischen Bier in einem Pub an der Theke und den Gesprächen, die sich daraus ergeben, dass ich alleine dort stehe und andere auch alleine dort sind. Ich sehne mich nach einer gewissen Unverbindlichkeit, wenn nach zwei Stunden mein Gegenüber erklärt, er sei mein Freund. Aber deshalb wollte ich da auch nicht länger als 1,5 Jahre bleiben weil ich nicht wußte, ob man da so tiefe Freundschaften schließen kann wie in Italien, dem Nahen Osten oder Deutschland. Eigentlich sind viele Menschen dort, wie ich es nenne, unauffällig einsam.... Ob ich hier in NL alt werden werde, weiß ich noch nicht. Ich werde im Herbst mich wieder in UK umsehen... Die Reise geht weiter, so oder so....
Christiane
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 12 im Thema

Beitrag von Christiane »

Heimat ein echt schweres Thema

Wenn ich nun ehrlich zu mir bin — muss ich mich als heimatlos, treibend, Halt suchend bezeichnen.
Zumindest, wenn ich den Begriff als geographischen Punkt betrachte.
Ist es der Ort, an dem ich geboren wurde?
Oder ist es der Ort, von dem meine "Altvorderen" stammen, bzw. der Ort, an dem sie beerdigt sind?
Oder ist es ein Sehnsuchtsplatz von mir?
Oder ist Heimat nur ein Gefühl?
Alleine das Thema an sich, ist ein heißes Eisen, dass immer wieder kontrovers diskutiert wird.
Es ist ja auch ideologisch nicht unbedingt unbelastet. Ich sage nur mit einem gewissen Gruseln : Heimatfilm ;-)

Puuuh! Marlene — da hast Du bei mir schon was losgetreten — und es ist leider auch mit vielen, schlechten Gefühlen durchsetzt.
Ist es das Elternhaus?
Das Elternhaus, dem ich im zarten Alter von 5 Jahren mehrmals versucht habe, mit meinem Teddy unter dem Arm zu entfliehen? 2 x von der Streife aufgegriffen und überstellt. Statt Fragen, gab es Prügel.
Das Elternhaus, in dem behauptet wurde, es vergreift sich keiner an Jungs und das mich (unwissend) direkt mehrmals in die Hände meines "Peinigers" geschickt hat?
Das Elternhaus in dem ich mit 13/14 Jahren vor allen Familienmitgliedern wegen meiner "gebunkerten" Frauensachen gedemütigt wurde? Die dann anschließend im Extra-Sack direkt der Müllabfuhr mitgegeben wurden, um ja zu vermeiden, dass ich die Tonne wieder leere?
Ich glaube, daraus kann man durchaus auf mein Vertrauensverhältnis zu meinen Eltern schließen.
Wenn das Heimat sein soll, verzichte ich dankend.
Wenn ich auf die bisherigen Stationen meines Lebens zurückblicke, muss ich schweren Herzens eingestehen, dass ich eigentlich nur an einem dieser Orte irgendeine Heimatverbundenheit entwickelt habe, bzw. entwickeln konnte.
Ich war eigentlich nie da, wo ich sein wollte. Unsere 21-jährige Wochenendbeziehung war da bestimmt auch nicht hilfreich. Obwohl meine Frau immer behauptet, dass gerade meine Standorttreue für sie Heimat bedeutete.
Und als ich dann mal nach fast 10 Jahren am selben Fleck ein Gefühl der Verwurzlung spüre, löst sich mein bisheriges Leben von heute auf Morgen in Rauch auf. Betriebsteil wird geschlossen — Entlassung (850 Mitarbeiter) — und ich 40 Jahre alt. Aussicht auf einen gleichwertigen Job = 0!
Das waren die einzigen 10 Jahre in meinem Leben in denen ich ein Heimatgefühl entwickeln konnte.
Mein momentaner Wohnsitz (beachte die Wortwahl ;-)), an dem ich nun auch schon mehr als 10 Jahre verweile ist für mich keine Heimat — wird es auch nie werden.
Die Menschen hier, sind mir zu fremdartig — vermitteln einem immer unterschwellig das Gefühl unerwünscht zu sein, nicht dazu zu gehören.
Wir sind ja nur scharf auf den roten Pass. LOL! Darauf sch** ich!
Ich betrachte mich derzeit als heimatlos.
Ich muss hier noch 10 Jahre abreißen, dann liegt die Entscheidung der Wohnortwahl endlich mal bei mir. Und — in Kiel werde ich wohl nicht mehr richtig sesshaft werden. Auch das wird wohl nur ein weiterer Wohnsitz in meinem Leben werden — hoffentlich vielleicht dann mal der letzte.
Natürlich könnte mir noch der unverhoffte und schier undenkbare Lotto-Jackpott in der Quere kommen. 8)
Dann kaufe ich mir meine Heimat einfach. :mrgreen: :mrgreen:

LG
Christiane
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 13 im Thema

Beitrag von Marlene K. »

Christiane hat geschrieben: Do 22. Apr 2021, 12:12 Heimat ein echt schweres Thema

Wenn ich nun ehrlich zu mir bin — muss ich mich als heimatlos, treibend, Halt suchend bezeichnen.
...
LG
Christiane
Danke, liebe Christiane, für Deine offene Darstellung. Genau durch die von Anne-Mette eingestellte SWR-Sendung wurde mir wieder bewusst, was Dein erster Satz, den ich bewusst zitiere, ausdrückt. Für mich trifft er nicht nur räumlich zu.

Ich kenne auch dass agressive "Deine Hände sehen aus wie von einem Weib!" von meiner Mutter, als ich mir mit ungefähr 14 jahren die Fingernägel wachsen ließ und feilte...
Auch in anderen Zusammenhängen verweigerten mir Eltern die einzige mögliche Heimat, die mir nach den jährlichen Umzügen geblieben war.

Als ich, als dickes Kind, von einem Lehrer vor versammelter Klasse mit den Worten: "Na, Ralf, Du bist ja mein Fetter!" zum Abschguss freigegeben wurde bekam ich zuhause nur zu hören: "Sei nicht so empfindlich!". Da war ich acht Jahre.
Als ich von vier Mitschülern jeden Tag auf dem Heimweg verprügelt wurde bekam ich mit sieben Jahren zu hören: "Dann lern Dich zu wehren. Wir können Dir nicht helfen."

Solche Geschichten ziehen sich bis zu meinem Auszug durch meine Jugend.

Selbst mit ungefähr vierzig Jahren gab meine Mutter noch dem Kind, dass sie nicht verstanden hat die Schuld dafür, dass sie nicht fähig war ihm zu helfen ...und wollte von mir hören, dass sie keine Fehler gemacht hätte.

Ich gebe ihr, die vor ein paar Jahren gestorben ist, immer noch nicht die Schuld für ihre Unfähigkeiten. Ich weiß, wie sie als Mitte der 30er Jahre geborene, als Kriegskind das Ende des zweiten Weltkrieges mit allen Schrecken erleben musste. Das selbe gilt für meinen Vater, bei dem zudem die Flucht aus Schlesien zu noch größerer Abspaltung der eigenen Ängste geführt hat. Beide haben auch spürbar die Erziehungsideale der dreißiger Jahre verinnerlicht, die besagt, dass Mensch Kinder nur mit Härte erziehen kann. Nein, Schläge bekam ich nicht, nur Gefühlskälte, so die Weigerung einen sechsjhäriges Kind in den Arm zu nehmen mit den ernstgemeinten Worten: "Dafür bist Du zu alt."
Als Jugendliche habe ich und mein Bruder meine Mutter und meinen Vater gezwungen liebevolle Umarmungen zu akzeptieren. Es hat ungefähr zwei Jahre gebraucht, bis sie nicht mehr verkrampften, wenn ihre Kinder sie mit Umarmung begrüßt haben...

...und seit ungefähr zehn Jahren habe ich gelernt mir nicht die Schuld zu geben für das Geschehene und den Schmerz zuzulassen. Bis dahin habe ich meine Kindheit als eine wohlbehütete sehen müssen, um nicht zu zerbrechen.
Marlene

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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 14 im Thema

Beitrag von Lorelai74 »

Sehr interessantes Thema,

Vor allem wenn es den Bezug zur Örtlichkeit verlässt und den Bezug zu den Menschen in der Herkunftsfamilie herstellt.

Heimat ist für mich weniger ein Ort, denn ein Gefühl.
Es ist ein Gefühl der Geborgenheit das man hat oder nach dem man sich sehnt - wie so viele hier.

Ich habe letztes Jahr dazu mal einen Text gelesen (ich meine von Rainhard Burger) der passt denke ich auch gut auf das Gefühl:

Heimat identifiziert Orte personal und Personen über Orte.
Der Effekt ist schlagend: Diese Operationen heben nicht nur die Umgebungsspannung auf, sondern auch die zeitliche Spaltung der Existenz in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Man ist im glücklichen Jetzt: Hier, wo ich bin, ist es, wie es immer sein sollte.

Das gelingt freilich nur kurz.
Das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh.
Heimat ist eine Leerstelle.
Denn die Differenz zwischen uns und allem anderen kann man gestalten, nie aber wirklich aufheben.

Wir sind aus der ursprünglichen Geborgenheit geworfen, spätestens seit wir aus dem Schoß unserer Mütter hinausgetrieben wurden.
Wahrscheinlich ist das Leben ein einziger nie endender Versuch der Wieder-Beheimatung.
Es ist eine der zentralen Aufgaben
menschlicher Existenz, beides zu akzeptieren:
die tiefe Sehnsucht nach Heimat —
und dass sie nie wirklich erfüllt wird.


Ihr alle die ihr eure Schmerzend und Sehnsucht ins Auge sehr und euch zeigt : danke für eueren Mut. Ihr seid auf einem guten Weg denke ich in euch Heimat zu finden

VLG
Lori
Männlich / Weiblich: das sind doch bürgerliche Kategorien.
Marlene K.
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Re: Heimat „ Heimatlosigkeit

Post 15 im Thema

Beitrag von Marlene K. »

Lorelai74 hat geschrieben: Do 22. Apr 2021, 14:52 ...
Ein guter Text, auch wenn er uns ...fast... heimatlos lässt...
Marlene

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