Ralf-Marlene hat geschrieben: Fr 7. Aug 2020, 11:20Es sind für mich eher solche Situationen, die mich im Alltag belasten und einschränken.
[...]Ich möchte keinen neuen "Lockdown", den wir ja nie hatten und möchte nicht ausprobieren, ob ich zur Risikogruppe gehöre und beatmet werden müsste...
Genau da sehe ich das große Problem: Situationen, in denen individuelle Vorsorge nicht ausreicht, sondern wir auf solidarisches Handeln angewiesen sind, auch derer, die das ganze für Blödsinn halten oder für sich selbst wenig Risiko sehen. Wenn je nach Problemstellung bereits eine geringe Quote an Verweigernden ausreicht und der Mechanismus unerbittlich ist, weil z.B. durch unverhandelbare Naturgesetze gegeben, dann wird es schief gehen.
Es wäre anders, wenn wir alle unser individuelles Risiko selbst bestimmen könnten. Wenn bspw alle, die wollen sich schutzimpfen lassen könnten, oder mindestens Schutzmasken vor allem uns selbst schützen würden.
So aber sind wir darauf angewiesen, dass andere sich solidarisch und respektvoll verhalten und allein deshalb Infektionsschutz beachten - aber sich auch zB weniger umweltbelastend verhalten. Ein bisschen ist es analog zu respektvoller Sprache. Klar schränkt es objektiv ein, bestimmte Wörter nicht zu verwenden. Oder nicht mit dem SUV Vollgas durch die Wohnstrasse zu brettern. Oder anderen aus 50cm ins Gesicht zu husten. Oder einer anderen Person ungefragt auf den Po zu hauen oder nachts in einsamer Strasse auf die Pelle zu rücken.
Die Frage ist aber, warum sich Menschen trotzdem so verhalten, obwohl sie wissen, dass andere sich verletzt, beleidigt, angegriffen, verängstigt fühlen. Eigentlich ist das dissozial bzw. antisozial und unempathisch, also nicht das "natürliche", mitfühlende Verhalten.
Ich denke, wir haben eine Respekt- und Wertschätzungsdebatte, die sich quer durch das ganze Leben zieht und ganz wesentlich dadurch beeinflusst wird, dass eine relativ kleine Gruppe von Menschen sich als Maß aller Dinge definiert hat und alle anderen als weniger beachtenswert. Einfach weil sie es konnten und weil sie stark, gewaltbereit (in jeder Form von Gewalt) und laut genug agiert haben. Ihre Normen wurden sogar Zielvorstellung für viele, die eigentlich nicht dazu gehörten, sondern im Gegenteil darunter zu leiden hatten. Lieber selber Bully werden, als von anderen gebullied werden.
Ein ständiger Kampf zwischen Gruppen, wer gerade die Vorherrschaft hat und sich unumschränkt durchsetzt, kann aber nicht wirklich funktionieren. Es wird sehr spannend, wie das gelöst werden wird, Stichwort Toleranz-Paradox.