Cybill hat geschrieben: Di 12. Nov 2019, 21:39Ich für meinen Teil möchte es auf jeden Fall nicht erleben, in einen erfolgreichen Suizid involviert zu sein.
Dir ist auch klar, dass viele sich vor dieser Begutachtung fürchten? Nicht die TSG-Gutachten. Die sind eh für den Eimer, sondern die bange Angst, die Indikation nicht zu bekommen, keine Hilfe sondern nur Zurechtweisung und "Du bist gar nicht trans"? Ganz abgesehen von etlichen schlecht informierten, teils strikt stereotypisch orientierten Thearpeut"¢innen? "Wenn sie sich so anziehen (kein Hemd / kein Rock), sind sie kein Mann / keine Frau" (mehrfach so in meinem Bekanntenkreis). Viele Therapeutxe haben nicht mal eine Ahnung, dass es andere Geschlechtlichkeiten als Männchen und Weibchen gibt und nicht so wenige sind vollkommen aussen vor, wenn sich eine trans Person als nicht hetero entpuppt. Das System, das Du (und heike) gutheisst, produziert sichtbar mehr Leid, als es eurer Meinung nach verhindert. Das steht in quasi jeder Studie zur Situation von trans Personen in D. Und ich wäre sehr gespannt auf die gegenteiligen Fakten, die eure Idee unterstützen.
Es fehlt ausserdem ausreichende Peer-Beratung. Natürlich auch mit der Aufklärung, dass körperliche Maßnahmen keine anderen Probleme lösen, also keine Akzeptanz, keine Beziehung, keine Konflikte in Familie, Job, sonstwas. Aber auf der anderen Seite ist gerade eine HET noch lange reversibel und vergleichsweise unproblematisch. Fragt erfahrene Endos.
Das eigentliche Problem aber ist die Ausgrenzung des Phänomens Transgender und die betroffenen Menschen systematisch und systemisch zur Abnormität zu erklären, die diagnostiziert, begutachtet und fremdbestimmt nach festen Prozeduren behandelt werden. Leider ist das genau der Effekt, den dieses Gatekeeping und "Alltagstests" erzeugen.
Und es ist gut, dass diese alte Denke wenigstens zum Teil mit der neuen Leitlinie aufgebrochen wird. Ich empfehle euch, Cybil und heike, dringend, euch mal anzugucken, wo der Konsens der Fachwelt inzwischen angekommen ist.
Wenngleich die Entscheidung für ein Leben in der individuellen Geschlechtsrolle und der Beginn sowie die Ausgestaltung eines Rollenwechsels den Behandlungssuchenden überlassen werden sollte, sind Alltagserfahrungen eine wichtige Orientierung für die Planung des weiteren Entwicklungsprozess.
Allerdings führen häufig ein Bartschatten bei feminisierender Transition, ein weibliches Brustprofil bei maskulinisierender Transition zu diskriminierenden Alltagserfahrungen.
Die Entscheidung für eine Hormonbehandlung sowie für die Entfernung der Gesichtsbehaarung oder für eine Mastektomie sollten daher nicht von Alltagserfahrungen abhängig gemacht werden. Transitionsunterstützende körpermodifizierende Behandlungen können auch vor einem Wechsel in eine individuelle geschlechtliche Rolle gesundheitsfördernden Wert haben, solange keine klinischen Gründe gegen die Umsetzung der jeweiligen körpermodifizierenden Behandlung sprechen (z. B. Kontraindikation gegen eine Hormonbehandlung, u. a. Gerinnungsfaktoren).
Übergeordnete Ziele von Alltagserfahrungen können sein, sich sowohl in der angestrebten, individuellen geschlechtlichen Rolle sowie in Ausprägung und Zielrichtung der Transition zunehmend sicher zu fühlen als auch einen differenzierten und voll informierten Entscheidungsprozess der Behandlungssuchenden für oder gegen körpermodifizierende Behandlungen im Zuge der Transition zu fördern
(S3-Leitlinie, S.45f, "6 Zur Vorbereitung körpermodifizierender Behandlungen", "6.1 Alltagserfahrungen", "Empfehlungen", 138-001l_Geschlechtsdysphorie-Diagnostik-Beratung-Behandlung_20181005_01.pdf)
Und weiter:
Alltagserfahrungen mit dem Wechsel von der bisherigen Geschlechtsrolle in eine an- dere stellen keine notwendige Voraussetzung für den Beginn körpermodifizierender Be- handlungen zur Unterstützung einer Transition dar.
Konsensbasierte Empfehlung
Konsensstärke: Starker Konsens
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Alltagserfahrungen, bei denen sich Behandlungssuchende in der gewünschten Rolle erfahren, können aufschlussreich für die weitere Transition, für Entscheidungen für o- der gegen transitionsunterstützende Behandlungen sowie für die Wahl der geeigneten Zeitpunkte sein.
Konsensbasierte Empfehlung
Konsensstärke: Konsens
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Für eine voll informierte soziale und medizinische Transition sind möglichst vielfältige Alltagserfahrungen zu empfehlen. Es sollte sich um ein individualisiertes Vorgehen handeln, das bei Vorliegen einer Indikation mit Beginn bspw. einer Hormonbehandlung, einer Entfernung der Gesichtsbehaarung oder einer Mastektomie einhergehen kann. Rücksicht genommen werden sollte auf Diskriminierungspotentiale.
Evidenzbasiertes Statement (Evidenzgrad III)
Quellen: (Barker & Wylie, 2008; S. J. Ellis et al., 2014)
Konsensstärke: Konsens
Eingeleitet wird der Abschnitt übrigens mit den Worten
Im Zuge des Paradigmenwechsels in der Gesundheitsversorgung für trans Menschen, der sich schrittweise seit Beginn der 2000er Jahre vollzogen hat [...] ist der Nutzen sogenannter Alltagserfahrungen, in den deutschen "Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen" noch Alltagstest genannt, kritisch zu bedenken. Die Entscheidung, Alltagserfahrungen durchführen zu lassen, basierte in diesen Standards auf der Überlegung, modifizierende Behandlungen körperlicher Geschlechtsmerkmale sicherer indizieren zu können, wenn Alltagserfahrungen stattgefunden haben und psychotherapeutisch begleitet wurden. Dies umso mehr, da das soziale Umfeld trans Menschen zu dieser Zeit vorwiegend kritisch bis diskriminierend gegenüberstand, was oft mit erheblichen psychischen Belastungen verbunden war.
(ebd. S.44)
Und weiter, zu Beginn der Empfehlungen:
In den letzten Jahren hat sich die gesellschaftliche Akzeptanz von geschlechtlich non-konform lebenden Menschen erhöht. Dies hat insofern Auswirkungen auf die Be- handlungspraxis, als heute ein weitaus größerer Teil der Behandlungssuchenden bereits vor Beginn einer transitionsunterstützenden Behandlung die angestrebte geschlechtliche Rolle im sozialen Umfeld lebt und Alltagserfahrungen mitbringt
(S.45)
Das ist, wenn ich mich nicht sehr irre, genau meine Argumentation: Je präsenter und alltäglicher trans Menschen sind und je unspektakulärer die Tatsache, möglicherweise trans zu sein ist, bzw. vom Therapie/Medizinsystem gemacht wird, umso weniger Verzögerungen und Verhinderungen sind da noch sinnvoll.