Betrogen und doch nicht
Betrogen und doch nicht

Intergeschlechtliche Menschen, Crossdresser, Transgender, Transidente: Diskussionen über partnerschaftliche Aspekte, Rat und Tat für PartnerInnen und Familie
AnnaJo

Betrogen und doch nicht

Post 1 im Thema

Beitrag von AnnaJo »

Hi,

Mein Mann hat sich in den Flitterwochen geoutet. Ich fühlte mich sofort betrogen und belogen und habe einfach nur noch geweint. Für mich war es ein Gefühl von "in der Falle sitzen". Vor ein paar Tagen hatte ich den wundervollsten Menschen hier auf Erden geheiratet und verbrachte paradiesische Flitterwochen auf einer traumhaften beinahe einsamen Insel mit einem Menschen den ich glaubte in und auswendig zu kennen und dann kam da dieser unerwartete "Schlag". Mir wurde plötzlich bewusst, ich kannte ihn doch nicht. Zumindest nicht so wie ich es dachte. Tief im Inneren unterstellte ich meinem Mann sogar, alles geplant zu haben, damit ich ihn nicht so einfach verlassen kann, was absoluter Schwachsinn war.
Jetzt, ein Jahr später, fühle ich mich noch immer betrogen und ständig habe ich das Gefühl es kommt nochmal so ein "Schlag". Ich wurde noch nie in meinem Leben betrogen und plötzlich muss ich mich mit Gefühlen herumschlagen, die ich noch nie zuvor verspürt hatte.
Lässt dieses Gefühl irgendwann nach? Ich vertraue ihm noch immer, wenn auch nicht mehr ganze 100 Prozent. Dafür brauchte es einige Jahre ... echt komisch ... wie lange man zum Aufbau von Vertrauen braucht und wie schnell davon eine gewaltige Ecke fehlen kann. Wir Menschen sind doch wirklich eine seltsame Spezies.

Liebe Grüße
AnnaJo
Anabelle
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 2 im Thema

Beitrag von Anabelle »

Hallo liebe AnnaJo,
ich kann gut nachfühlen, daß das eine sehr schwierige Situation für Dich war. Du wurdest aus heiterem Himmel mit Wesenszügen Deines Mannes konfrontiert,
die im diesem Augenblick kaum nachvollziehbar waren. Noch dazu in den Flitterwochen, in die man ja doch schon mit etwas anderen Erwartungen geht.
Dann noch der Schock, bzw. das unangenehme Gefühl jemanden doch nicht so gut zu kennen, wie Du zuvor geglaubt hast. Puh. Ganz schön heftig.

Ich weiß nicht, ob Dir das hilft, doch im Grunde hat er nur Deine Erwartungen betrogen und nicht Dich als seine Frau.
Er hat Dich auch ungefragt in eine Situation ohne wirkliche Entscheidungsalternativen gebracht. Ich kann mir gut vorstellen,
daß Du da von widersprüchlichen Gefühlen und Ängsten förmlich herumgewirbelt wirst. Damit umzugehen finde ich schon sehr schwierig.
Ich wünsche Dir viel Kraft, da hindurch zu gehen, ohne das Vertrauen in die Liebe zu verlieren.

Letztendlich hast Du durch diese, für Dich sehr schmerzhafte Situation, die Möglichkeit bekommen,
Dich selbst und Deinen Mann noch besser kennenzulernen.

Ganz liebe Grüße,
Anabelle

Ich möchte Dir noch dein Gedicht mitgeben, das mir sehr gefällt:
Von der Liebe
(aus: "Der Prophet" von Kahlil Gibran)

Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr. Sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
auch wenn das unter dem Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.

Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie.
Auch wenn ihre Stimme Deine Träume zerschmettern kann, wie der Nordwind den Garten verwüstet.
Denn so wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich.
So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich.
So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern,
steigt sie hinab zu deinen Wurzeln und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit.

Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.
Sie drischt dich, um dich nackt zu machen.
Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien.
Sie mahlt dich, bis du weiß bist.
Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist. Und dann
weiht sie dich in ihrem heiligen Feuer, damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.

All dies wird die Liebe mit dir machen, damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herz des Lebens wirst.
Aus dem Herzsutra: Gate, gate, paragate, parasamgate, bodhi, svaha !
(Gegangen, gegangen, hinübergegangen, vollends hinübergegangen, sein wahres Wesen verwirklicht !
Jasmine
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 3 im Thema

Beitrag von Jasmine »

Ein schwieriges Thema. Es gab hier im Forum bereits ein Thema dazu: viewtopic.php?f=35&t=17645&hilit=Betrogen .
Auch ich habe in diesem Thema Beiträge geschrieben. Ebenso hat sich auch meine Partnerin "Menalee" zu diesem Thema geäußert.
Liebe Grüße Jasmine
Anja
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 4 im Thema

Beitrag von Anja »

Moinsen (moin)
AnnaJo hat geschrieben: Mi 4. Sep 2019, 21:10 Mein Mann hat sich in den Flitterwochen geoutet.
Also ich hätte mir ganz sicher einen anderen Zeitpunkt ausgesucht. Aber vielleicht hatte er es auch vor, dir vor der Hochzeit davon zu erzählen, hat sich aber nicht getraut? Bestimmt hattet ihr vor der Hochzeit auch ganz andere Dinge im Kopf und auf der To-Do Liste und er hat so lange gewartet bis er keinen passenden Moment mehr gefunden hat.
AnnaJo hat geschrieben: Mi 4. Sep 2019, 21:10 Ich fühlte mich sofort betrogen und belogen
Das höre ich nicht zum ersten Mal von einer Partnerin. So abwegig sind deine Gefühle also nicht.
Das es Zeit braucht, Vertrauen wieder aufzubauen, ist auch klar. Aber ob es wieder so werden kann wie vorher? Ich persönlich glaube das nicht.
AnnaJo hat geschrieben: Mi 4. Sep 2019, 21:10 ständig habe ich das Gefühl es kommt nochmal so ein "Schlag".
Wenn das Vertrauen erstmal einen Knacks hat, fragt man sich natürlich, was er eigentlich noch so an Geheimnissen mit sich herumträgt.
Auch wenn da eigentlich garnichts mehr ist, die Angst muss ja nicht rational sein.
Vielleicht findet ihr gemeinsam einen Weg, das Vertrauen wieder herzustellen, aber vergessen wirst du es nicht können, es bleibt im Hinterkopf. Daher wird es wohl nicht mehr wie vorher werden.

Grüße
die Anja
Fällt der Apfel weit vom Stamm, kommt wenigstens mal Sonne dran!
AnnaJo

Re: Betrogen und doch nicht

Post 5 im Thema

Beitrag von AnnaJo »

@ Jasmine

Danke für den Hinweis, ich wälze mich gerade durch jeden Beitrag zu dem Thema. Es tut gut, diese Erfahrungen auch von Anderen zu lesen, sowohl aus der Sicht eines CD/Trans als auch aus der Sicht deren Partnerinnen bzw. Ex-Partnerinnen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass das Thema schon mächtig nervt, wenn man es immer und immer wieder durchkauen muss. DANKE!
Liebe Grüße
AnnaJo

@ Anabelle
Anabelle hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 00:00 Ich weiß nicht, ob Dir das hilft, doch im Grunde hat er nur Deine Erwartungen betrogen und nicht Dich als seine Frau.
Er hat Dich auch ungefragt in eine Situation ohne wirkliche Entscheidungsalternativen gebracht. Ich kann mir gut vorstellen,
daß Du da von widersprüchlichen Gefühlen und Ängsten förmlich herumgewirbelt wirst. Damit umzugehen finde ich schon sehr schwierig.
Ich wünsche Dir viel Kraft, da hindurch zu gehen, ohne das Vertrauen in die Liebe zu verlieren.
Mir ist durchaus bewusst, dass es kein Betrügen im eigentlichen Sinne war. Ich habe auch lange nach einem geeigneteren Wort für dieses Gefühl gesucht, wurde aber leider nicht fündig. Das er mir keine Entscheidungsalternative gelassen hat wiegt bei mir fast am schwersten. Er sagte dann noch "ich bin doch noch immer die gleiche Person" - das tat auch sehr weh, obwohl er es zu meiner Beruhigung gesagt hatte, denn, wer war er denn? weiß ich das wirklich? Klar, war/ist er noch immer die gleiche Person, aber aus einem komplett anderen Blickwinkel.

Danke für deinen Zuspruch, ich vertraue auf die Liebe, auch wenn es in manchen Fällen bedeutet loslassen zu können. (Hoffe das muss ich nicht)
LG
AnnaJo


@Anja


Anja hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 09:36 Also ich hätte mir ganz sicher einen anderen Zeitpunkt ausgesucht. Aber vielleicht hatte er es auch vor, dir vor der Hochzeit davon zu erzählen, hat sich aber nicht getraut? Bestimmt hattet ihr vor der Hochzeit auch ganz andere Dinge im Kopf und auf der To-Do Liste und er hat so lange gewartet bis er keinen passenden Moment mehr gefunden hat.
Ich hoffe, er wird mir eines Tages erzählen können, warum er es gerade zu diesem Zeitpunkt gesagt hat.

Anja hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 09:36 Das höre ich nicht zum ersten Mal von einer Partnerin. So abwegig sind deine Gefühle also nicht.
Das es Zeit braucht, Vertrauen wieder aufzubauen, ist auch klar. Aber ob es wieder so werden kann wie vorher? Ich persönlich glaube das nicht.
:(
Anja hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 09:36 Wenn das Vertrauen erstmal einen Knacks hat, fragt man sich natürlich, was er eigentlich noch so an Geheimnissen mit sich herumträgt.
Auch wenn da eigentlich garnichts mehr ist, die Angst muss ja nicht rational sein.
Vielleicht findet ihr gemeinsam einen Weg, das Vertrauen wieder herzustellen, aber vergessen wirst du es nicht können, es bleibt im Hinterkopf. Daher wird es wohl nicht mehr wie vorher werden.
Ich glaube, genau da liegt einfach der Unterschied zwischen frühes und spätes Outing. Man kannte kein anderes Vorher :cry: Wir kennen uns schon 20 Jahre, sind heuer 14 davon ein Paar und ein Jahr davon verheiratet. Es vermittelt einfach das Gefühl eine Illusion gelebt/geheiratet zu haben. Er ist und bleibt ein wundervoller und liebenswürdiger Mensch, egal wie er oder auch ich mich weiter entwickle. Mir war das Heiraten auch nie so wichtig (meinem Mann mehr), hatte mich aber in den 2 Jahren wo wir verlobt waren intensiv damit auseinandergesetzt, was ich mir für ihn, für mich, für die Kinder und vor allem für uns als Familie davon erwarte/wünsche. Und kaum hatte ich das zu ende gedacht ... ist die Seifenblase auch schon wieder zerplatzt.

Danke dir, für deine geduldige, liebevolle Antwort.
AnnaJo
sbsr
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 6 im Thema

Beitrag von sbsr »

Hallo AnnaJo,

ich weiß nicht, ob Du meine Beiträge zu Thema Partnerinnen gelesen hast, falls nicht möchte ich kurz zusammen gefasst versichern, ich habe volles Verständnis für Eure Situation, und Partnerinnen wie Dir, die den Mut haben sich mit der Situation auseinander zu setzen, gilt mein größter Respekt und Dankbarkeit.

Dennoch stören mich ein paar Dinge an Deiner Geschichte, und da ich nun mal ein Freund offener Worte bin, möchte ich mir diesen Beitrag nicht verkneifen. Bitte sei versichert, auch wenn man manches so auffassen könnte, ich will Dich in keinster Weise angreifen. Wir haben hier nur das geschriebene Wort, mit dem sich leider nur schlecht Emotionen vermitteln lassen, zumindest kann ich das nicht besonders gut. Alles was ich möchte ist, Dir Denkanstöße zu liefern, und hoffentlich die ein oder andere Antwort. Es wird langsam schwierig, den passenden Deiner Threads auszuwählen, ich denke dieser hier ist wohl der geeignete. Es tut mir leid, meine Texte werden gerne etwas länger, aber ich schaffe es nicht mich kürzer zu fassen, ohne dass der Sinn verloren geht von dem, was ich vermitteln möchte.

Damit Du das Grundproblem verstehst, will ich Dir die "Gegenseite" aufzeigen. Crossdressing und Trans* ist immer noch ein Randthema in der Gesellschaft, wenn es drauf ankommt ist von der vorgeblichen Toleranz nicht mehr viel übrig. Das wissen wir, deshalb verstecken wir uns. Irgendwann, mal früher, mal später, bei manchen nie, kommt der Punkt, an dem wir das Versteck Spielen nicht mehr ertragen. Deshalb ist das Outing natürlich ein Befreiungsschlag, der in erster Linie uns selbst hilft. Hinter dem Outing steckt auch immer die Hoffnung, auf echte Toleranz und im Idealfall auf Akzeptanz zu stoßen.

Das wirft freilich die Frage auf, warum dann nicht schon früher, ja gleich von Anfang an outen. Die Frage selbst beinhaltet die Antwort, sich für etwas outen zu müssen heißt, es ist nicht "normal", entspricht nicht den gesellschaftlichen Konventionen. Warum also das Risiko eingehen, ein Date oder eine sich anbahnende Beziehung zu ruinieren, das nette Mädchen verschrecken in das man sich gerade verliebt, für etwas, von dem man sich selbst noch überhaupt nicht sicher ist, was es eigentlich ist. Vielleicht hast Du das Thema in den letzten Tagen hier verfolgt, wo es genau um eine solche Entstehung einer Beziehung geht, ein wunderbares Beispiel dafür, warum nur die wenigsten insbesondere in jungen Jahren direkt mit offenen Karten spielen.

Wir alle haben anfangs gedacht, wir können es kontrollieren und bei Bedarf beiseite packen. Später, wenn man merkt, die andere Seite drückt immer stärker, gibt es keinen richtigen Zeitpunkt mehr für ein Outing. Für ein rechtzeitiges Outing ist es immer zu spät, also bleibt nur einen Zeitpunkt zu wählen, in dem wir selbst dazu bereit sind und zu hoffen ist, dass unsere Partnerin emotional möglichst ausgeglichen ist.

Wie gesagt, das alles hier soll kein Angriff sein! Du selbst beschreibst Dich als tolerant, konkret im Bezug auf Crossdressing. Trotzdem bricht für Dich sprichwörtlich die Welt zusammen, als Dein Mann sich als Crossdresser outet. Genau das ist, was uns vom Outing abhält, weil die Hoffnung auf Akzeptanz in den meisten Fällen enttäuscht wird. Denkst Du, Dein Mann hätte sich früher geoutet, wenn Du ihm diese Toleranz klar signalisiert hättest? Wie hättest Du reagiert, wenn er die Gelegenheit genutzt hätte, sich auf ein solches Signal hin zu outen?

Das alles hilft aber sowieso nichts, denn man wird nicht von sich aus Toleranz für etwas zeigen, was gar nicht relevant ist. Du hättest nie damit gerechnet, dass Dein Mann Crossdresser ist, hattest deshalb gar keine Gelegenheit Dich diesbezüglich tolerant zu zeigen. Wie soll Dein Mann also wissen, wie Du zu dem Thema stehst, es bleibt ihm nur die Angst vor negativen Reaktionen, um das Kind beim Namen zu nennen die Angst davor, dass Du ihn verlässt. Vermutlich deshalb hat er nicht schon früher etwas gesagt.

Von Deiner Seite sieht das alles danach aus, als hätte er Dich hintergangen, weil Du wärst ja tolerant gewesen, wenn er nur früher etwas gesagt hätte. Verstehst Du den Teufelskreis? Der gleiche Teufelskreis zeichnet sich derzeit ab. Deine Reaktion ist nachvollziehbar, Partnerinnen wollen ihren Mann behalten, der ihr Grundbedürfnis nach Geborgenheit und Sicherheit bedient, noch dazu der Gesellschaftliche Druck, wenn raus kommt dass der eigenen Mann in Frauenkleidern rum läuft. Von der Seite Deines Mannes betrachtet sieht das nach Ablehnung aus, seine Angst vor eben jener negativen Reaktion hat sich bestätigt. Es ist deshalb auch verständlich, dass er nicht noch einmal so gegen die Wand fahren will und deshalb weitere Gespräche verweigert. Letztlich sehen wir jetzt Frustration auf beiden Seiten, obwohl niemand etwas falsch gemacht hat gibt man sich gegenseitig die Schuld.

Auch im Bezug auf Deine anderen Threads, was jetzt zu tun ist, bin ich mit Ratschlägen eher zurückhaltend. Nur so viel, ihr werdet wohl beide über Euren Schatten springen müssen, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Da Du diejenige bist, die hier Kontakt sucht, bedeutet das für Dich konkret, zeig ihm, dass Du damit leben kannst, versuche für Dich selbst heraus zu finden, wie weit Du damit leben kannst, und teile ihm dies auch verständlich mit. Mach aber auch keine falschen Zugeständnisse zu etwas, was Du später doch nicht hinnehmen kannst. Offenheit und Ehrlichkeit von Euch beiden sind jetzt gefragt.
LG, Svenja

Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Aubergine
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 7 im Thema

Beitrag von Aubergine »

Hallo AnnaJo,

meine Frage an dich: brauchst du auch mit andern Schwierigkeiten und Problemen auch so lange um sie zu verarbeiten?

Du hattest ein Jahr Zeit und bedauerst dich noch immer selbst? Hast du mal an deinen Mann gedacht, der das schon sein ganzes Leben vor allen und jedem verstecken muss weil er sich dafür vielleicht schämt? Jetzt hat er endlich einen Menschen gefunden dem er sich anvertraut, weil es der Mensch ist, dem er sein ganzes Vertrauen und seine ganze Liebe schenkt. Er hat es ein einziges Mal gewagt sein innerstes zu offenbaren und vermutlich auf ein kleines bisschen Verständnis gehofft. Aber die einzige Reaktion die kommt : "Du hast mich betrogen!"

Natürlich war der Zeitpunkt für dich nicht gerade toll, aber für ihn war es vielleicht die Zeit der größten Nähe zu dir und er konnte seine Ängste endlich mal überwinden um mit dir zu reden.
Statt immer nur an dich selbst zu denken solltest du dich vielleicht mal etwas mehr mit dem Thema und mit dem was dahinter steckt beschäftigen. Niemand hat sich das ausgesucht und niemand hat es für sich entschieden. Wenn jemand trinkt, trifft er diese Entscheidung allein. Ist jemand *trans* in welcher Form auch immer, wurde ihm das in die Wiege gelegt, ohne dass er in seinem Leben Einfluss darauf nehmen konnte.
Ja, es kann schwer sein über seinen Schatten zu springen und das eigene Ego etwas zurück zu nehmen, aber vielleicht solltest du es mal versuchen. Es ist der Mann, den du dir auf Grund seines Charakters und seiner Wesenszüge ausgesucht hast und wenn er diese weiblichen Züge nicht schon immer gehabt hätte, auch wenn du es nicht gewusst hast, wäre es vermutlich nie der Mann deiner Träume gewesen, der er ist und den du liebst. Lass dich ein Stück weit auf ihn ein, redet über das Thema, finde heraus was seine Bedürfnisse sind und findet zusammen einen Weg, damit umzugehen.

Liebe ist nicht immer nur die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen, sondern ebenso die Befriedigung der Wünsche des Partners. Das wird nicht immer einfach, aber dass ist ja das Wesen einer Beziehung. Lernen und entwickeln. Je besser ein Paar das kann, um so besser wird die Beziehung werden.

LG Aubergine
Dir geht's nicht gut? Du fühlst dich mies? So was kommt schnell mal vor.
Geteiltes Leid ist halbes Leid, ich leih dir gern mein Ohr.
AnnaJo

Re: Betrogen und doch nicht

Post 8 im Thema

Beitrag von AnnaJo »

@ Svenja

Vielen Dank für deine offenen Worte und ich bin dir in keinster Weise böse. Im Gegenteil. Mir ist durchaus bewusst, dass ihr unsere ganze Geschichte, unser gemeinsames Leben, usw. ebenfalls nicht kennt und somit müsst/könnt ihr nur zu dem hier gelesenen Stellung beziehen.

Sei dir versichert, meine Toleranz wurde immer klar kommuniziert und ich stehe voll und ganz hinter meinem Gesagten. Ich habe es eventuell auch falsch ausgedrückt - mit WELTbild meinte ich unsere kleine Beziehungswelt. Wenn man schon so viele Jahre Seite an Seite lebt und mit dem geliebten Menschen über Themen wie "Was ist wenn ein Kind von uns homosexuell ist?" oder so ähnlich spricht und ich ständig verteidigen musste, dass das doch normal ist und mein Kind immer mein Kind sein wird, dann wirkt das Outing einfach so unreal. Ich kann mir sehr gut vorstellen (nach heutigen Erkenntnisstand), dass es kleine Tests waren. Frei nach dem Motto "Wie reagiert sie darauf?" (wobei dass jetzt reine Unterstellung ist, denn ich weiß noch nicht, ob er so dachte!)

Ich bin noch immer seine Frau und werde das auch bleiben, solange es für uns beide gut ist. Nicht weil ich mich anpassen werde, sondern weil ich einfach weiter der Mensch sein werde, der ich schon immer war. Ein Mensch der keinen anderen Menschen und schon gar nicht seinen Partner in eine Rolle oder Norm stecken möchte. Ich schäme mich ungemein, dass ich bei seinem Outing nicht so reagiert hatte, wie er es sich gewünscht hatte. Es war emotional notwendig von mir, aber ja, ich schäme mich dafür, mein natürliches einfühlungsvermögen in diesem Moment wohl für einen Moment der Schwäche verloren zu haben. Wir haben danach ein paar mal darüber gesprochen und es ging auch darum, dass er sich krank oder gar pervers fühlte. Das ist er nicht!
Er ist mir wirklich sehr wichtig und das weiß er - ich sage es ihm auch immer wieder und er mir ebenfalls.

So, jetzt bin ich wieder mega wirr. :(
Um zum Thema zurück zu kommen, jeder Mensch hat Gefühle. Jeder sollte dazu stehen können. Ich gebe ihm Raum um das auch zu tun, er verfällt nur sehr oft in sein bisheriges Verhalten. Meine Aufgabe sehe ich, als Stütze zu fungieren, ihm zu zeigen, es ist ok. Manchmal denke ich nur, ich könnte irgendetwas tun (unbewusst) dass er in sein altes Verhalten zurückfällt und genau das möchte ich nicht. Eine Beziehung sollte dazu da sein, um zu wachsen und sich frei zu fühlen. Gleichzeitig möchte ich ihn nicht überfordern und versuche, nur auf ihn zu reagieren, habe aber gleichzeitig unendlich viele Fragen und Gedanken. Er hat sich Stückchenweise an dieses Leben gewöhnen können (wenn auch versteckt), mir wurde ein fertiges erstes Zwischenergebnis präsentiert und auch erwartet, dass meine große Toleranz dazu beiträgt, gleich alles zu verstehen. Auch ich bin nur Mensch und muss mich umgewöhnen.
Mit dem "Betrogen und doch nicht" möchte ich nur sagen, es ist 1 Gefühl das ich habe - ich hatte so eines noch nie zuvor und versuche damit adäquat umzugehen OHNE ihm einen Vorwurf zu machen. Und wie bei vielen unbekannten Themen/Gefühlen, macht man auch Fehler. Es musste raus, das ist auch gut so und ich bin unendlich dankbar, dass er dieses Vertrauen in mich hat.

AnnaJo
AnnaJo

Re: Betrogen und doch nicht

Post 9 im Thema

Beitrag von AnnaJo »

Liebe Aubergine,

Kurz: JA, ich brauche für Neues generell immer etwas länger.

Und ich bin dir sehr dankbar für deine Worte - muss dir aber widersprechen. Ich bedaure mich nicht selber, ich bedaure, dass er sich mir nicht früher öffnen konnte.

Ich schäme mich für das Gefühl des "Betrogenwerdens". Kann es aber auch nicht abstellen. Ich habe das versucht und auch mit ihm darüber schon gesprochen. Wir arbeiten beide daran. Meine Intension es hier zu schreiben war einfach, um Erfahrungsberichte zu lesen, die es für mich einfacher machen, dieses Gefühl zu verarbeiten. Würde ich es verdrängen, dann würde es irgendwann wieder hochkommen und der Mensch bin ich einfach nicht. Jedes Gefühl gehört verarbeitet.

Ich habe ihm nur ein einziges Mal gesagt, dass es sich für mich wie Betrug anfühlt und das war auch mein Recht. Ich habe lange nach einem anderen Ausdruck dafür gesucht, nur keinen passenderen gefunden. Hättest du einen für mich?

Wir lassen uns gegenseitig aufeinander ein - im Moment stagniert sein Verhalten wieder etwas, weil er sich wieder zu sehr in frühere Verhaltensweisen zurückzieht. Und es kommt die Frage hoch, bedränge ich ihn zu sehr? Mein Mann verneint das, aber stimmt das denn?
Fakt ist, wir müssen beide daran arbeiten und mein Teil ist es, Gefühle die ich habe und die mir ungerecht erscheinen los zu werden. Mein Weg ... es hier aufzuarbeiten.
Aubergine hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 11:24 Lass dich ein Stück weit auf ihn ein, redet über das Thema, finde heraus was seine Bedürfnisse sind und findet zusammen einen Weg, damit umzugehen.
Genau hier liegt im Moment auch mein Problem. Er möchte über das Thema momentan nicht so gerne reden ich aber umso mehr - deshalb bin ich hier bei euch und hoffe auf genau so ehrliche Worte, wie du sie mir geschrieben hast.

Liebe Grüße
AnnaJo
Jasmin_35
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 10 im Thema

Beitrag von Jasmin_35 »

Hi AnnaJo,

nun möchte ich auch mal was dazu sagen, auch bei mir verstehe bitte nichts als Angriff, sondern wenn überhaupt als Punkt zum nachdenken, denn verschrecken, verstören, angreifen oder verjagen ist eine schlechte Methode, um das Thema generell voran zu bringen.

zunächst möchte ich auf das u.g. eingehen:
sbsr hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 10:33 Wie gesagt, das alles hier soll kein Angriff sein! Du selbst beschreibst Dich als tolerant, konkret im Bezug auf Crossdressing. Trotzdem bricht für Dich sprichwörtlich die Welt zusammen, als Dein Mann sich als Crossdresser outet. Genau das ist, was uns vom Outing abhält, weil die Hoffnung auf Akzeptanz in den meisten Fällen enttäuscht wird. Denkst Du, Dein Mann hätte sich früher geoutet, wenn Du ihm diese Toleranz klar signalisiert hättest? Wie hättest Du reagiert, wenn er die Gelegenheit genutzt hätte, sich auf ein solches Signal hin zu outen?
Das ist nicht nur in Bezug auf Crossdressing oder Trans* so. Ich glaube das viele leute tolerant sind, bis zu dem Punkt, an dem sie selbst betroffen sind, dann hört die toleranz bei einigen leider ganz schnell auf. Es hat auch was mit der Mentalität zu tun: "Es passiert immer nur den anderen, aber nicht mir/uns". Davon muss man sich lösen, die Wahrscheinlichkeit, ganz grundsätzlich gesprochen, das jedem alles passieren kann, ist bei jedem Menschen praktisch gleich.

Es ist auch immer eine Sache, was wir nun daraus machen, du schreibst, das das ganze nun ein Jahr her ist und dich das Thema immer noch schockiert und hier ist es auch so, das man selber drüber nachdenken muss, woran das nun bei einem selbst liegt, das man nicht drüber hinweg kommt. Meine Freundin sagt immer, jeder ist für seine Gedanken selbst verantwortlich und da ist was dran, du wählst (mehr oder weniger), ob du mit dem Thema voran kommen willst. Daher finde ich es sehr gut, das du dich hier angemeldet hast, weil das zeigt, das du mit dem Thema vorankommen willst und andere Dinge im letzten Jahr offenbar leider nicht (viel) geholfen haben. :)

Eines ist auch absolut wichtig zu berücksichtigen: Du hast dein Mann irgendwann einmal kennengelernt und dich in ihn verliebt und das so wie er ist/war. Fakt ist jedoch auf jeden Fall eins: Das war schon immer ein Teil von ihm, also auch als ihr euch kennengelernt habt und er sich dadurch auch irgendwie von der "grauen" Masse abgehoben hat. Das er sich outet ist also, so könnte man es sehen, nur eine Tatsache, die nun ausgesprochen wurde, aber irgendwie schon mal mehr mal weniger sicher in irgendeiner Weise in erscheinung getreten ist. Denn sind wir mal ehrlich, so absolut 100%ig verstecken kann sich keiner.
Ich habe penibel auf Dinge geachtet, das NICHTS davon zu merken oder sehen ist. Meine Freundin hat mir vor einem Jahr gesagt, als (mir) klar wurde, was mit mir ist, das jetzt alles einen Sinn ergibt und darüber war ich schon sehr erstaunt, denn offenbar lässt man doch irgendwie immer brotkrumen irgendwo liegen, die als einzelnes betrachtet keinen Sinn ergeben, aber zusammengesetzt einen Sinn ergeben.

Sicher ist auch folgendes: Trans* zu sein und dies irgendwann zu äußern, ist für viele, die einen wenig oder nicht ganz gut kennen (wie Nachbarn oder andere bekannte) erstmal eine Wahnsinnsnachricht und es kommen Sprüche wie: Damit hätten wir bei dir nie gerechnet. (ich glaube, das sind auch teilweise schutzbehauptungen)
Jedenfalls hab ich hier bei uns festgestellt, das es am Ende doch kein riesen Ding ist und alle einfach normal weiter behandeln, inkl. meiner Familie und meiner Freundin.

Um auf den Titel noch einzugehen. Ich sage, er hat dich nicht betrogen, denn insbesondere wenn es "nur" Crossdressing ist und kein Transthema dahinter steckt, ist es ja eher so, das das gelegentlich mal ausgelebt wird und mehr so (und dafür werde ich gleich gesteinigt, ist aber keinesfalls abwertend gemeint, aber ich habe gerade keinen besseren vergleich, für jemanden der es schwer nachvollziehen kann) als "Hobby" zubetrachten ist (bitte das Wort nicht auf die Goldwaage legen).

Und wie schon geschrieben wurde, manchmal gibt es den richtigen Zeitpunkt für sowas nicht, wobei die Flitterwochen, vielleicht auch nicht der beste Zeitpunkt ist, aber ich weiß auch nicht, wie "voll" und stressig euer Leben sonst so ist. Am Anfang sagt man sowas kaum, nach 6-12 Monaten wäre eine Gelegenheit, man ist sich dennoch unsicher, vor der Hochzeit ist es zu stressig und dann quählt man sich irgendwann von tag zu tag und fragt sich, wie es wohl weitergehen soll, bis man es endlich gesagt hat und es endlich raus. Will meinen, es gibt keinen richtigen Zeitpunkt, leider dafür aber den einen oder anderen falschen, bzw ist es auch nur eine Sache, was man draus macht. Das der Schock groß ist, kann ich nur zu gut nachvollziehen.

Aber vielleicht ist es auch etwas, woran du halt an dir arbeiten musst, die erste Phase der 5 Phasen der "Trauerbewältigung" hinter dich zu bringen, um für dich auch weiter zu kommen. Genauso ist es auch an ihm dir dabei zu helfen, dazu wirst du dich aber drauf einlassen müssen, auch wenn es am Anfang schwer fällt, es wird ab dann nur noch leichter. Irgendwelche "Geheimnisse" werden immer ans Tageslicht kommen, jeder Mensch hat welche, das ist fakt, ob nochmal so was für dich "krasses" dabei sein wird: ich denke nicht.

Ab hier gehts nur noch vorwärts und nicht mehr rückwärts :)
Liebe Grüße Jasmin
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 11 im Thema

Beitrag von Nicole Fritz »

Hallo AnnaJo,

einen ungünstigerer Zeitpunkt als die Flitterwochen kann man sicherlich für ein Outing kaum wählen. Aber: Es ist bei einem Outing immer falsch - egal wann es stattfindet.

Das Problem ist für uns CD, TV, TS oder was auch immer, dass wir lange keine Alternative zu der Rolle sehen, in die wir uns hinein gedrängt fühlen. Bei mir gingen die Beziehungen immer auseinander, als ich nur zeigte, dass ich nicht der starke Mann und Draufgänger - erfolgreicher Ingenieur, dickes Motorrad, usw. - war und bei der Partnerschaft eher Geborgenheit und eine vertraute Person zum Ausweinen suchte als vielleicht eine Gelegenheit für hemmungslosen Sex. Schon da war immer die Enttäuschung riesengroß - obwohl die Partnerin von meinem "Frauenkleider-Fetisch" nichts wusste.

Es mag zwar so aussehen, als ob der Zeitpunkt irgendwie geplant war, aber ich denke es war einfach die Entfernung vom Alltagsstress, bei der es mit dem Geheimnis unerträglich wurde. Da muss es durch den Kopf geschossen sein: "Mit dieser Lüge halte ich eine Ehe nicht durch; es muss etwas geschehen, egal wie es endet; wenn es so weiter geht, macht es mich kaputt."

Bei mir war es wohl so, dass ich glaubte die Einsamkeit irgendwie leichter ertragen zu können, als meine Partnerin ständig zu belügen oder ihr etwas vorzuspielen, und gab immer schnell enttäuscht und frustriert auf, wenn sich wieder einmal ein Ende abzeichnete. Echtes Selbstwertgefühl kannte ich nicht. Also war mir klar, dass es niemanden gab, der dieses kleine, unselbständige, ständig zweifelnde Muttersöhnchen jemals lieben konnte. So weit, dass ich nur auch nur entfernt daran dachte mich mit meinem "Fetisch" zu outen, kam es gar nicht erst.

Für meine Partnerinnen war es sicherlich so einfacher. Da gab es bald einen anderen, bei dem es besser passte. Nur ich ging daran kaputt. Nichts war mehr wichtig: Beruf, Haus, Auto, Motorrad, ... . Wozu arbeitete ich noch? Mit dem Geld, dass ich verdiente, konnte ich nichts mehr anfangen - außer Alkohol kaufen. Aber besoffen ist die Welt auch nicht wirklich schöner. So brach schließlich in dem tiefen Loch einer Depression alles zusammen.

Da ist vermutlich bei Deinem Mann mehr Selbstwertgefühl. Er kämpft ein gutes Stück für sich. Und nun liegt es an Dir, ob Du ihn verlieren lässt oder ihm eine Chance gibst zu gewinnen.

@Mina_35: Wo bitte ist die Grenze zwischen "nur" Crossdressing und TS? Wäre es nur so etwas wie ein Hobby und kein ernstes Problem mit der Identität, konnte ich es einfach lassen oder vielleicht ab und zu mal im stillen Kämmerlein ausleben. Hier ist doch eher die Frage zu beantworten, ob ich mich nur teilweise oder vollständig als Frau fühle.

Liebe Grüße
Nicole
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 12 im Thema

Beitrag von sbsr »

Hallo AnnaJo,

Du brauchst Dich absolut für nichts zu schämen. Denn wie Du selbst vollkommen richtig schreibst, kam die Sache für Dich komplett unerwartet. Es ist nicht zu viel verlangt, Zeit von Deinem Mann zu verlangen, um das Thema erst einmal zu verarbeiten. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass durch eine solche Reaktion, obwohl sie nicht ungewöhnlich war, Dein Mann gleich zu Beginn eine erste negative Erfahrung gemacht hat.

Inzwischen hattest Du etwas Zeit, mit dem Ergebnis, dass Du inzwischen rational Gedanken gemacht hast, dabei tauchen unabdingbar viele Fragen auf, auf die Dein Mann scheinbar nicht bereit ist Dir zu antworten.

Wie im echten Leben auch gibt es verschiedene Kommunikationswege. Vielleicht erinnerst Du Dich noch daran, früher haben wir kleine Zettelchen während des Unterrichts geschrieben, weil eine verbale Unterhaltung nicht möglich war. Manchmal mögen wir auch keine direkte Kommunikation, weil wir uns bedrängt fühlen. Es ist nur ein Vorschlag, aber wenn Du den Eindruck hast, es ist kein Gespräch möglich, ist es vielleicht besser alle Deine Fragen und Gedanken aufzuschreiben und Deinem Mann in die Hand zu drücken, ohne dass er unmittelbar darauf reagieren muss. Wie gesagt, nur eine Idee.

Natürlich kennen wir Deinen Mann und Euer Umfeld nicht, aber wir sind gerne bereit, Dir hier so gut es geht Fragen aus unserer Erfahrung zu beantworten. Das gilt für "unsere Seite", und ich bin mir sicher auch für die hier im Forum aktiven Partnerinnen. Stellen musst diese Fragen aber Du!
AnnaJo hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 12:33 Mit dem "Betrogen und doch nicht" möchte ich nur sagen, es ist 1 Gefühl das ich habe - ich hatte so eines noch nie zuvor und versuche damit adäquat umzugehen OHNE ihm einen Vorwurf zu machen.
Hast Du diesen Satz schon einmal genau so zu ihm gesagt?

Nicole Doll hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 13:21 Wo bitte ist die Grenze zwischen "nur" Crossdressing und TS? [...] Hier ist doch eher die Frage zu beantworten, ob ich mich nur teilweise oder vollständig als Frau fühle.
Nicole, Du weißt doch genau, wie Mina es gemeint hat. Begrifflichkeiten sind notwendig, um komplexe Sachverhalte möglichst treffend zu beschreiben. Und auch wenn wie wir alle wissen die Übergänge fließend sind, ist es für Partnerinnen wie AnnaJo doch ein großer Unterschied, ob es nur um Crossdressing geht, oder man erfährt mit einer Trans*frau verheiratet zu sein. Nicht jeder Mann, der gerne weibliche Kleidung trägt, fühlt sich (teilweise oder vollständig) als Frau, sondern trägt einfach nur gerne schöne Sachen.
LG, Svenja

Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Anja
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 13 im Thema

Beitrag von Anja »

Moinsen (moin)
AnnaJo hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 10:18 Mir war das Heiraten auch nie so wichtig (meinem Mann mehr), hatte mich aber in den 2 Jahren wo wir verlobt waren intensiv damit auseinandergesetzt, was ich mir für ihn, für mich, für die Kinder und vor allem für uns als Familie davon erwarte/wünsche. Und kaum hatte ich das zu ende gedacht ... ist die Seifenblase auch schon wieder zerplatzt.
Die Seifenblase ist nicht zerplatzt, es ist vielleicht eine weitere hinzugekommen?
Anhand deiner Beiträge kann ich mir deine momentane Situation ganz gut vorstellen. Du kannst irgendwie weder vor noch zurück. Du steckst fest. Du musst drüber reden, er möchte das aber nicht.
Mit dem Forum hier hast du erstmal eine kompetente Anlaufstelle gefunden um dich auszutauschen.
Vielleicht bekommst du hier genug Anregungen und Informationen um einen Weg zu erkennen, den du gerade nicht sehen kannst...
Die Ehe, das Leben, wie du es dir vorgestellt hast, muss von dem Crossdressing doch garnicht beeinflusst werden.
Ich hatte z.B. eine Partnerin, die damit ziemliche Probleme hatte. Sie wollte es mir nicht verbieten, sie wollte es aber nicht sehen. Das war ein Kompromiss mit dem ich leben konnte. Wenn ich eine Verwandlung brauchte, zog ich mich halt zurück in ein freies Zimmer... Soll jetzt nur als Beispiel dienen. Ich finde den Vergleich mit einem Hobby garnicht so abwegig.
Ob er sich jetzt in den Keller zum Schrauben zurückzieht oder ins Schlafzimmer zum Umziehen, macht ja erstmal keinen Unterschied für denjenigen, der im Wohnzimmer einen Film schaut.
Möchte er das Crossdressing gelegentlich ausleben, findet ihr auch einen Weg, mit dem ihr euch beide wohl fühlen könnt.
Setzt natürlich voraus, das ihr es schafft, darüber miteinander zu sprechen.

Grüße
die Anja
Fällt der Apfel weit vom Stamm, kommt wenigstens mal Sonne dran!
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 14 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
Aubergine hat geschrieben: Do 5. Sep 2019, 11:24 Du hattest ein Jahr Zeit und bedauerst dich noch immer selbst? Hast du mal an deinen Mann gedacht, der das schon sein ganzes Leben vor allen und jedem verstecken muss weil er sich dafür vielleicht schämt? Jetzt hat er endlich einen Menschen gefunden dem er sich anvertraut, weil es der Mensch ist, dem er sein ganzes Vertrauen und seine ganze Liebe schenkt. Er hat es ein einziges Mal gewagt sein innerstes zu offenbaren und vermutlich auf ein kleines bisschen Verständnis gehofft. Aber die einzige Reaktion die kommt : "Du hast mich betrogen!"
Nun ja - ich denke, es sollte nicht "Partei ergriffen werden" für jemanden, wenn wir nur eine Seite (mehr oder weniger) kennen. Es war sicherlich in der Situation und gerade zu dem Zeitpunkt ein besonderer Schock.

Die Zeit des Loslassens und der Trauer ist für jede(n) sehr unterschiedlich lang - und es geht hier um das Loslassen der Situation, die sie als "amtlich gesichert" wähnte - und auch um die Trauer, das zu verlieren, was noch bis zur Amtshandlung als sicher galt.

Das soll die Sorgen und Nöte des Partners nicht kleinreden. Ich denke auch nicht, dass man in dieser Form
Du hattest ein Jahr Zeit und bedauerst dich noch immer selbst? Hast du mal an deinen Mann gedacht, der das schon sein ganzes Leben vor allen und jedem verstecken muss weil er sich dafür vielleicht schämt?
gegenrechnen sollte.

Nun fragt nicht, ob ich die Seiten gewechselt habe )))(:
Ich möchte nicht "Partei" ergreifen; aber ich finde nicht gut, der Partnerin auf so eine Art und Weise ein "schlechtes Gewissen" zu machen.

Gruß
Anne-Mette
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Re: Betrogen und doch nicht

Post 15 im Thema

Beitrag von Viggy »

Hallo AnnaJo,

vielleicht war sich Dein Mann ja auch selbst lange nicht klar genug über seinen 'Zustand'.
Ich bin jetzt 61 und war bis vor wenigen Jahren selbst noch ahnungslos über mein kleines zweites weibliches ICH. Gut, im Nachhinein werden mir nun schon ein paar Wesenszüge, Eigenschaften und Vorlieben an mir klarer oder verständlicher, aber Gedanken habe ich mir nie gemacht, dazu war ich viel zu sehr in meiner anerzogenen und gewohnten Rolle als Ehemann und Familienvater eingebunden. Erst mit Erreichen der Altersteilzeit, 2 Kinder aus dem Haus, damit verbunden viel Zeit, die ich mir selbst widmen konnte, kamen diese kleinen einzelnen Punkte an den Tag und gaben so langsam ein Bild ab, zuerst natürlich noch heimlich. Ständig stellte ich mir selbst Fragen, warum mache ich das, ich steigere mich doch nur selbst in was rein, usw., 3-mal hatte ich alle Klamotten weggeworfen ... und wieder neue gekauft. Irgendwann fand ich in dieses Forum und mir wurde klar, dass ich nicht alleine bin, dass diese Eigenschaften Teil der Persönlichkeit sind und in Summe ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Es gibt zwischen sich als Mann fühlen und sich als Frau fühlen, nicht nur 100%ig so oder so, wie bei anderen Charaktereigenschaften gibt es Zwischenausprägungen. Damit war dann ein Punkt erreicht, an dem mein Entschluss reifte, dem Verstecken ein Ende zu machen und meine Frau einzuweihen.
Du kannst Dir nun natürlich vorstellen, welch ein Schock mein Outing auch für meine Frau darstellte. Ob sie sich betrogen fühlte, weiß ich jetzt nicht, aber ich denke die Bandbreite ihrer Gefühle dürfte dem sehr nahekommen, was Du in diesem Jahr durchgemacht hast.
Ich glaube, am meisten hat ihr geholfen, über die Möglichkeit nachzudenken, ob sie mich vielleicht nicht gerade wegen dieser Eigenschaften vor 43 Jahren ausgewählt hatte. Meine damaligen engsten Jugendfreunde jedenfalls, der eine ein Hallodri und Draufgänger, der andere eher der stille Macho, wären für sie nicht in Frage gekommen, irgendwas muss an mir anders gewesen sein, das für sie anziehend war. Inzwischen weiß auch mein im Haus lebende Tochter bescheid und ich sitze hier in Jeansrock und Shirt und schreibe. Und ich bin immer noch derselbe und ich will nach wie vor keine ganze Frau werden. Im Gegenteil, seit ich ungezwungen damit leben kann, hat sich vieles eher 'normalisiert' und eingepegelt, die allzu femininen Sachen gefallen mir gar nicht mehr und sind praktischen Basics gewichen.

Dass sich solche Wesenszüge irgendwann auf diese Art akzentuieren, mag auf den ersten Blick verrückt, tragisch und für manche auch unakzeptierbar sein, aber wie schon gesagt, es kann auch eine logische Folge sein.
Ich finde Du bist auf einem guten Weg, und versuchst dich objektiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Zeig Deinem Mann unauffällige Akzeptanz, ich hoffe, dass er dann auch einen Schritt tut und Gespräche sucht. Denn das Eine ist klar, es darf nicht in ein einseitiges Einlenken münden, Ihr müsst beide damit klarkommen und eine Basis finden, die euch beiden gerecht wird.
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