Ich habe in einem Leserinnenbrief wie folgt darauf geantwortet:....
Kurzum: Ich bin ein Feind geworden. Ein Weißer, das ist schon anstößig an und für sich. Und außerdem ein Mann, schlimm obendrein. Schwul? Nicht mehr opferig genug. Verübelt wird das, was man als erfochtene Bürgerlichkeit bezeichnen könnte. Und bekämpft wird es ohnehin. Ein weißer Mann ist der Kontrahent schlechthin, die weiße Frau, die einfach nur lesbisch sein will, ist nach dieser Moral kaum besser.
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Was nützt es überhaupt, die Tatsache zu ignorieren, dass die allermeisten Menschen ziemlich zufrieden sind mit ihrem sexuellen Leben, sei es in Familie, mit heterosexueller Frau oder Mann, in der Ehe ohne Kinder? Wem dient es, alle geschlechtlich-biologischen Verhältnisse für entscheidbar zu halten, für ungefähr so verhandelbar wie die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Zahnpastasorten? Verspricht es nicht nur keine Mehrheit, sondern verbreitet es nicht auch Furcht vor dem "Du musst!"? Überfordert die sexuelle und identitäre Moral von Interessantheit und Originalismus ("Sei anders als alle anderen - Jetzt!") nicht jene, die das nicht wollen? Und bewirkt dies nicht Identitätsrülpser, die einem Mann wie Donald Trump zum Sieg verholfen haben?
Ich kenne Herrn Jan Feddersen persönlich und bei der letzten, sehr guten, Veranstaltung mit Frau Livia Prüll hat er mich geduzt, daher die vertrauliche Ansprache an einen Menschen, mit dem ich gerne diskutiere...Lieber Jan, lieber Herr Feddersen,
ich finde Ihre Zuspitzung genau so falsch wie die Positionen, die sie angreifen. Es waren schon in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und auch bei Stonewall die "schrillen", nicht unauffälligen Menschen, die in vorderster Reihe für dass recht darauf als normal wahrgenommen zu werden mit erkämpften.
Keiner nimmt einem weißen Cis-Menschen etwas weg, wenn auch das "schrill-sein", offensichtlich anders sein, nicht mehr als Manko empfunden wird.
Das Du es leider als reinen Kampf um die Fleischtöpfe siehst, wenn Menschen, die nichts anderes als ihre Transidentität von anderen Menschen egal welchen Begehrens, welcher Hautfarbe und welcher Religion oder Nichtreligion genau so selbstverständlich leben wollen wie Menschen ohne auffällige äußere Merkmale.
Kein Mensch wird entrechtet, wenn die Diskriminierung aufgrund von Aussehen, Herkunft, Überzeugung, Identität, Behinderung und deren Potenzierung durch mehrfache Betroffenheit mitgedacht wird.
Ich habe anfangs auch gedacht Deine Kollegin Hengameh Yaghoobifarah schießt über Ihr Ziel hinaus. Wenn ich Deine Jammerei über Dein nicht ernst genug genommen werden als Mensch mit nur einem Diskriminierungsgrund lese, weiß ich, dass Frau Yaghoobifarah eher zu vorsichtig formuliert.
Eure Marlene