Joe95 hat geschrieben: Mi 20. Mär 2019, 19:45
Ich bin vor diesem Fehler wohl nur durch mein extrem schlechtes Passing bewahrt geblieben, obwohl das Endergebnis etwa das gleiche ist.
Eine Frau zu sein habe ich immer für unmöglich gehalten, daher habe ich versucht mein Leben so zu gestalten, wie ich es gerne leben möchte. Erst viel später habe ich realisiert das es das Leben einer Frau ist.
Mein Passing schien anfangs auch nicht gut gewesen zu sein, oder sagen wir, überzeugend genug, dass jemand zu hundert Prozent sagen konnte 'Oh das ist definitiv ein Mann'. Ich wollte allerdings auch nicht dazu beitragen, mich besonders 'männlich' zu geben (was auch immer das eigentlich heißen mag; das Bild wird einem ja mehr oder weniger von der Gesellschaft vorgegeben), weil das zum Beispiel auch kleidungstechnisch überhaupt nicht meinem Geschmack entsprach. Ich war da doch mehr Unisex und meine Psychologin betrachtete das als äußerst kritisch, sagte Sachen wie 'Männer dürfen keine Stiefel tragen' oder 'der Mantel sieht jetzt aber doch eher feminin aus, finden Sie nicht?' Erst, als ich meine 'Surfer-Boy' Frisur abgelegt und mir einen wirklich kurzen und 'trendigen' Haarschnitt habe verpassen lassen, war sie begeistert und meinte, das würde schon eher für mein Passing hinhauen und Alltagstauglich sein. Dazu kamen die weiter geschnittenen Klamotten, die wirklich keinen Hauch des feminin seins mehr besaßen. Wirklich wohl gefühlt habe ich mich dabei allerdings nicht... und ich empfand ihre Aussagen auch teilweise als eher fragwürdig und sehr altertümlich, denn auch Männer können Stiefel tragen, sowie auch Mäntel oder Schmuck. Dazu gibt es genügend Angebote in Otto Katalogen, in Werbungen und auch Filialen. Vielleicht war das aber auch einfach nur ihr persönlicher Geschmack bei Männern; die mussten durch und durch 'maksulin' sein. Ich glaube sie war da auch schon ein wenig arg erpicht, mich zu überzeugen, dass wenn ich ein Passing als Mann möchte, ich dafür auch von alten Interessen und Gewohnheiten loslassen muss, die irgendwo zwischen den Geschlechtern liegen.
Aria hat geschrieben: Mi 20. Mär 2019, 20:47
Man hat alles, was man braucht aber dennoch ist da was, dass einen nicht mehr schlafen lässt und sich das Gedankenkarussell in Dauerschleife dreht. So war es jedenfalls bei mir. Erst durch die Erkenntnis, dass ich trans bin hat sich das beruhigt. Und die Beruhigung ging weiter, nachdem ich die HET beginnen konnte. Dies war ja in deinem Fall nicht so. Du beschreibst es ja förmlich so, als ob du dir Gift gespritzt hättest.
Nein nein, das muss ich falsch formuliert haben. ^^ Die Hormontherapie war für mich damals auch etwas ganz besonderes und definitiv ein großartiges Event, ein erster Schritt in meine bessere Zukunft mit einem wahren Ich, ohne mich verstecken zu müssen. Ich habe jede Spritze auf's neue genossen (abgesehen von den Schmerzen aber die erduldet man liebend gerne, wenn es bedeutet, seinem Traum einen Schritt/Stich näher zu kommen) und mich noch während der einen bereits auf die nächste gefreut. Ich konnte es jedes Mal kaum abwarten, war gespannt auf die Veränderungen, die die Hormonumstellung mir bringen würde und war endlos glücklich. Wenn ich nun drüber nachdenke und versuche, mir zu erklären, warum ich sie JETZT nach 6 Jahren verabscheue und mich so fühle, als würde ich meinem Körper und meiner Seele nicht länger etwas Gutes tun, so vermute ich, dass es mit meinen kleinen Veränderungen damals und der wirklich stark andersartigen Erscheinung zutun hat. Meine Schritte der 'Transformation' begonnen klein, doch gewannen über die Jahre immer mehr an Substanz, wurden ausgeprägter und das sah man dann auch deutlich. Natürlich wusste ich ja, dass diese Veränderungen stattfinden würden, ich habe mich mit dem Thema Testo ja auseinandergesetzt - doch so, wie ich nun bin und erscheine, für mich selbst und andere, ist es letzten Endes nicht die Erfüllung, die ich mir erhofft hatte. Ich war überzeugt, im falschen Körper zu stecken und eigentlich ein Mann sein zu wollen aber womöglich steckte noch mehr dahinter und meine Emotionen haben mich stur und eilig handeln lassen. Nun bin ich fast 30 und sehe die Dinge anders, nicht mehr mit den Augen eines jungen Erwachsenen, der irgendwie noch in der Pubertät festzustecken schien und vielleicht auch viele emotionale Krisen nie richtig überwinden konnte. Ich blicke in den Spiegel mit nüchternem Blick und sehe abermals eine Fassade, eine Erscheinung, die nun doch nicht das preisgibt, was ich im Inneren eigentlich bin und sein möchte, und muss meine Tränen zurückhalten, weil ich mein altes Ich vermisse.
Vielleicht habe ich die Transition benötigt, wie eine Art Schutzschild, um mich vor meiner Jugendkrise zu schützen (Schulstress, familiäre Auseinandersetzungen, Unverständnis, Ignoranz, Vernachlässigung, Mobbing usw. ) und sie hat mich auch bestärkt, hat mir Freude und neuen Mut geschenkt. Aber letzten Endes fürchte ich, dass das eben kein Ergebnis zustande gebracht hat, das ich mir erhoffte. Ich bin kein Mann, will nicht länger versuchen einer zu sein, sondern zu meinem Ursprung zurückkehren. Zumindest sagt mir das meine innere Stimme, mein Herz, es sehnt sich danach, aber mein Verstand blockiert mich, will mich keinen Entschluss ziehen lassen, weil er weiß, dass ich einmal einen Fehler gemacht habe und eben dieser wieder passieren kann - bis ich mich vielleicht irgendwann selbst vollkommen in einer Geschlechterkrise verliere, was ich definitiv vermeiden möchte. Also horche ich weiter in mich hinein, wäge weiter die Optionen ab, die ich HÄTTE, wenn ich mich denn für den Rücktritt entscheide, und denke ebenso über meine Anlässe nach, die mich zu einer Transition bewegt haben, um zu wissen, ob ich noch immer so denke oder mein Sehnen nach meinem biologischen Geschlecht doch stärker ist.
Fakt ist, dass ich die Transition aus voller Überzeugung wollte. Ich hatte das Gefühl, im falschen Körper zu stecken und das ich mich, in meiner biologischen Rolle, nicht zurechtfinden würde. Jetzt aber, wo das nicht mehr der Fall ist, kommt mir meine Transition mehr wie eine Rolle vor und mein wahres Ich, das hinter der Maske, habe ich abgelegt, vergraben und zur Ruhe gebettet. Aber ich möchte es nicht loslassen, will es wieder ausgraben und dieses Mal mit Stolz und Würde tragen.
Für eure lieben Worte bin ich euch sehr dankbar und es freut mich, dass meine Beiträge einen solchen Eindruck hinterlassen. Um ehrlich zu sein, hätte ich nicht erwartet, dass mein Problem auf so viel Verständnis stoßen würde und darüber bin ich sehr erleichtert. Es hilft, darüber zu schreiben, sich mit anderen auszutauschen und auch Ratschläge zu bekommen, denn dann fühlt man sich mit der inneren Schwere nicht mehr ganz so alleine. Ich hatte auch die Befürchtung, dass meine Erklärung vielleicht nicht deutlich ist, oder viel zu verworren klingt, weil ich eben selbst verwirrt war und es teilweise auch immernoch bin. Ich danke deswegen allen, die mir Gehör schenken und ihre Hilfe anbieten, mir Ärzte vorschlagen, an die ich mich eventuell wenden könnte und mir auch viele gute Ratschläge gaben. Das bedeutet mir wirklich sehr sehr viel.

* Who are you to call me abnormal? Who are you to say ugly? If you only knew how much it hurts me, it hurts me. I could ask have you seen yourself in the mirror? I'd rather keep my dignity cause it is my right to feel happy, happy. *