Danke für den Link!Anne-Mette hat geschrieben: So 3. Mär 2019, 13:47 Moin,
darüber bin ich gerade gestolpert:
"Warum es für trans* Frauen so wichtig ist, wirklich als Frau wahrgenommen zu werden"
https://www.refinery29.com/de-de/trans- ... ANQTO2_7OQ
... passt vielleicht zum Thema (?)
Gruß
Anne-Mette
Ein sehr sehr schwieriges Thema. Schlussendlich läuft es für mich auf die Frage nach dem Passing hinaus. An anderer Stelle schrieb ich dazu
Ich glaube, jede trans* Person kennt das Problem aus der eigenen Selbstfindung. Was bin ich? Wie bin ich? Was stimmt aktuell (noch) nicht? Die wichtige Frage, die sich meiner Meinung nach zu wenige stellen ist aber auch "Warum meine ich, dass etwas (noch) nicht stimmt?". Bei der trans* Tagung in Bern vor einigen Jahren war ich bei einem Workshop, wo es um die Frage von Selbstbild, Wunschbild und Fremdbild ging. Das ist für mich hier eine der zentralen Fragen.Passing ist die Beschreibung eines Konzepts, das zur Zeit der Rassentrennung entstand[8]. Es beschreibt das Erlangen von Privilegien, indem eine Person durch Dritte als zugehörig zu einer bestimmten priviligierten Gruppe erachtet wird. Zu Zeiten der Rassentrennung bspw. in den USA war dies der Zugang von Schwarzen zu vornehmlich Weißen vorbehaltenen Räumen und Möglichkeiten - Zugang zu Bildung, Bürgerrechten etc. Auch heute noch findet Diskrimierung auf Basis der Hautfarbe statt, weshalb das Passing bzgl. Hautfarbe noch immer eine Rolle spielt und darüber entscheiden kann, welche Privilegien einem Menschen zu- oder abgesprochen werden. Das gleiche gilt aber auch für das Passing von trans* Personen. In dem Moment, in dem eine trans* Person als solche erkennbar wird, sie also kein "Passing" hat, werden ihr ganz grundlegende Rechte und Privilegien abgesprochen oder zumindest eingeschränkt...
Wir alle haben diese Bilder über uns im Kopf. Diese Bilder sind auch nicht statisch, sie verändern sich im Laufe der Zeit anhand von Erfahrungen. Alle drei Bilder können fatal für uns sein. Oft haben, gerade trans* weibliche Personen, ein gruseliges Selbstbild von sich im Kopf, welches auch noch Meilen von ihrem Wunschbild entfernt ist. Der Ursprung des Wunschbildes ist sehr oft extern geprägt, durch Rollenklischees und Bilder, die in den Medien transportiert werden. Die durch die Medien geprägten Bilder von Weiblichkeit sind nicht nur für uns trans* Personen ein Problem, sondern werden auch immer wieder von cis Frauengruppen kritisiert. Denn was dort als Ideal gezeigt wird, ist selbst für die meisten (cis) Frauen nicht erreichbar. Für cis Frauen ist ihre Weiblichkeit meistens aber keine Frage, wohl aber für trans* Frauen, weshalb für sie diese überzogenen Idealbilder viel öfter zu Wunschbildern werden, an denen das Selbstbild zerbricht. In der Folge manifestiert sich im Kopf ein Fremdbild von sich selbst, welches verstörend und verunsichernd ist und bishin zur Selbstaufgabe gehen kann.
Es ist extrem schwierig, ein "gutes" Selbstbild zu finden, welches realistisch ist. Doch ich denke, wenn das einmal geschafft ist, schafft man damit auch maximale Authentizität und die ist, meiner Erfahrung nach, viel wichtiger, als irgendwelchen Rollen Klischees entsprechen zu wollen, weil man meint, damit ein bessere Passing zu erreichen. In dem Moment, in dem ich nicht authentisch sein kann, werde ich angreifbar und verletzlich. Ja, authentischer und weniger angepasst zu sein kann dazu führen, öfter als trans* erkannt zu werden. Doch mal Hand auf's Herz, wir sind trans* und das wird keine Anpassung auf der Welt jemals ändern können. Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir jemals ein 100%iges Passing erreichen könnten. Wer dieses Wunschbild hat, muss sich auf viel Frustration einstellen. Jedes "clocking" (als trans* erkannt werden), wird zu einem Stich ins Herz.
Hoffentlich wird es eines Tages normal sein, als trans* erkennbar und sichtbar zu sein. Dann wird Passing keine Rolle mehr spielen, das Anpassen an Rollenbilder und Klischees wird aufhören und der Druck auf trans* Personen nachlassen. Erst dann sind authentische Selbst- und Wunschbilder möglich. Doch bis dahin? Kann man eigentlich nur zur größtmöglichen Vorsicht und maximaler Selbstreflektion raten.
Liebe Grüße
nicole
PS: Änderung, Wort vergessen, grmpf...