Danke Céline und Sternchen. Diese Diskussion, was bezahlt wird und was nicht setzt meiner Ansicht nach an der falschen Stelle an, wenn dabei stillschweigend vorausgesetzt wird, es gäbe nicht genug für alle. Das wird uns seit 40 Jahren zunehmend eingeredet, ist aber mit Blick auf den großen Rahmen mehrfach falsch.
Falsch ist, dass Massen von Menschen "die Kassen" auf Kosten anderer ausplündern würden. Selbst mit doppelt so hohen Fallzahlen wären die Summen gegenüber anderen Aufwendungen im Gesundheitssystem - der Vergleich mit Risikosportarten und ungesunder Lebensweise - gering(1).
Falsch ist, nur die direkten Ausgaben der Kassen zu betrachten. Die gesellschaftlichen Gesamtkosten durch die psychische Beeinträchtigung und folgende Sozialleistungen nicht nur für direkt betroffene, sondern auch für Angehörige und Umfeld müssten da mit rein.
Falsch ist auch die Vernachlässigung der Prävention und frühzeitig rechtzeitigen Behandlung.
Die Mangeldenke wurde im Zuge des Neoliberalismus Anfang der 1980er Jahre so richtig in das Gesundheitssystem eingeführt. Die gesetzlichen KV wurden in ihren Möglichkeiten so eingehegt, dass die privaten überhaupt konkurrenzfähig werden konnten. Etwas später begann die Privatisierungswelle der Krankenhäuser, dann kamen die Fallpauschalen und die Quartalsbudgets für Ärzt_innen.
Wir wurden an Minimalversorgung gewöhnt und dass ausgerechnet jene, die aufgrund von körperlichen oder seelischen Problemen nicht voll für die Gesamtwirtschaft Mehrwert erwirtschaftend leistungsfähig sind, für ihre Bedarfe selbst zahlen sollen: Körperbehinderungen, Unfälle, psychische Leiden, Pflege, ... Das System wurde optimiert für die Gewinnabsichten privater Investoren, politisch begründet mit Verbesserung durch Wettbewerb unter privatisierten Unternehmen. Dass es ein Wettbewerb der Gewinnerzielung ist, aber die Kunden gar keine direkte Entscheidung treffen können, weil KK-Wahl und Eintrittsfall nicht zusammenhängen und die Leistungen gesetzlich strikt geregelt sind, sind nur die herausragendsten Schwachpunkte speziell des Gesundheitssytems.
Die Gesetzgebung hat übrigens einen tollen Regler für die verfügbaren Mittel der KV, den Gesundheitsfond. In den vergangenen 5 Jahren hat der Bund 14,5 Mia€ pro Jahr an die KK gezahlt. Mit nur ein bisschen mehr könnten flächendeckend Psychotherapie, Zahnersatz, neue Brillen und jede Menge angleichende OPs bezahlt werden.
Die Einnahmeausfälle durch Steuerbetrug im großen Stil belaufen sich auf ein mehrfaches davon und diese Beträge fliessen im Gegensatz nicht wieder in unsere heimische Wirtschaft.
Also bitte rechnet nicht Bedarfe gegeneinander auf, sondern kritisiert das System der künstlichen Mangelwirtschaft.
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(1) ca. 2000 Transitionen pro Jahr. Angenommene 50k€ pro Fall = 100 Mio€/Jahr. Schutzimpfungen: 1,1 Mia€, Schwangerschaften: 1,3 Mia€. D.h. Transitionen kosten so um
0,05% der gKV-Leistungen.