In Kapitel 10 habe ich bereits über meinen Science-Fiction-Roman berichtet. Nun ist das Problem mit dem gigantischen Übergewicht meiner Astronauten aufgrund der relativistischen Masse nach Einstein und Lorentz schon lange gelöst, aber mit dem Schreiben will es nicht so recht weiter gehen. Meine Astronauten haben ihr Ziel - einen ziemlich merkwürdigen Planeten in einem seltsamen Sonnensystem (um einen lichtschwachen Neutronenstern herum) in der Nähe der Sterns Aldebaran (das Auge des Stieres im Sternbild Stier, 50 Lichtjahre von der Ede entfernt) - erreicht und mit der dort lebenden Zivilisation, die unserer weit überlegen ist, Kontakt aufgenommen.
Und wenn die Außerirdischen dort uns weit überlegen sind, gibt es dort bestimmt auch nicht so fest genagelte Geschlechterrollen wie bei uns. Bei entsprechendem Verstand sollte man da doch darüber stehen können. Also lernen meine Astronauten ein "Transtopia" kennen, in dem das Geschlecht - männlich, weiblich, beides oder irgendwie anders - nicht mit einer festen Rolle in der Gesellschaft verknüpft ist.
Beim Versuch diese außerirdische Gesellschaft zu beschreiben hänge ich nun immer wieder mit unserer im Hirn fest betonierten Mann-Frau-schwarz-weiß-Denkweise fest. Kann es so etwas wie Trans* ohne feste Geschlechterrollen überhaupt geben? Ich selbst sehe mich als nicht-binär. Also fühle ich mich nicht im falschen Körper und möchte diesen auch nicht vollständig an das weibliche Geschlecht anpassen. Nur mit der von mir erwarteten Rolle als Mann habe ich nie wirklich etwas anfangen können. Wie wäre es also, wenn es eine solche Rolle gar nicht gäbe? Woher kommt dieses Gefühl im falschen Körper zu stecken? Ist es wirklich vor allem genetisch bedingt, oder resultiert es eher aus einer extremen Ablehnung der dem biologischen Geschlecht zugeordneten Rolle?
Einen Aspekt soll es in meiner außerirdischen Gesellschaft nicht geben: eine Möglichkeit mit einer angleichenden Operation und der Herstellung von künstlichen Hormonen Geld zu verdienen. Es gibt also keinerlei wirtschaftliches Interesse an einer Transition. Wer bei uns an Transitionen Geld verdient, dürfte schon einmal kein Interesse daran haben, dass Männer in Frauenkleidern oder umgekehrt vollständig in der Gesellschaft integriert und akzeptiert sind, und folglich konservative Ansichten vertreten. Dann ist doch - zumindest aus meiner Sicht - zu erwarten, dass meine Außerirdischen gar keine Transition brauchen. Wie viel macht also der Druck aus endlich in dieser Gesellschaft irgendwo hin zu passen? Was würde ich machen, wenn ich noch jung wäre und den ganzen Weg mit Beruf und Familie noch vor mir hätte? Würde ich vielleicht, obwohl ich mich als nicht-binär einstufe, den ganzen Weg der Transition gehen, nur weil ich die Chance sehe endlich ohne ständiges Outing als Frau glücklich zu leben?
Ich habe mein ganzes Leben nicht in diese Gesellschaft gepasst. Und jetzt muss es nicht mehr passen. Wenn ich mich also so, wie ich jetzt herum laufe, wohl fühle, kann ich doch zufrieden sein. Muss ich da das Risiko einer Operation und der Nebenwirkungen der Hormone auf mich nehmen? - Ich denke nicht. Wäre also Trans* in meiner außerirdischen Gesellschaft überhaupt ein Thema? Und haben wir es vor allem wegen wirtschaftlicher Interessen so schwer als Mensch, der sich irgendwo zwischen den Geschlechtern sieht, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden?
Ich frage mich immer wieder, was ich gemacht hätte, wenn ich nicht - letztlich nur widerwillig und Zähne knirschend - den Weg gegangen wäre, den man von mir erwartet hatte. Irgendwo war da immer in meiner Fantasie der Gitarrist in einer Rockband - Ritchie Blackmore von Deep Purple. Und wie er wollte ich lange Haare haben - mit denen es dann bei der Bundeswehr vorbei war. Also übte ich Gitarre und versuchte in einer Band unterzukommen. Ich machte es aber nur neben dem Studium. Und als dieses zum Abschluss kam, wählte ich den einfacheren und vermeintlich sichereren Weg als Ingenieur. Als Künstler geht aber vieles, was normalerweise in der Gesellschaft nicht geht. So gab es auch schon in der Zeit, als ich noch Schüler oder Student war, einen Mann im Kleid, der als Sänger großen Erfolg hatte. Hier ein Video - auch wenn es nicht gerade mein Musikgeschmack ist:
So viel Unterschied zu dem Bild, das ich heute abgebe, gibt es da doch gar nicht. Ich müsste nur die Haare noch länger wachsen und den Bart stehen lassen. Und vielleicht wären meine Schuhe bei Demis Roussos das Tüpfelchen auf dem i gewesen
Wie sollen also die Bewohner meines "Transtopia" da beim Aldebaran aussehen? Was für eine Kleidung sollen sie tragen? Wie sollen sie miteinander umgehen? - Alles, was mir dazu einfällt, ist mir am Ende immer noch viel zu spießig und ähnelt zu sehr den Zuständen auf unserem Planeten. Wie wäre es aber, wenn Homo oder Trans* überall einfach nur ganz normaler Alltag wäre? - doch ganz bestimmt nicht wie hier bei uns beim CSD. Aber genau dieses Bild habe ich im Kopf. Und deshalb hänge ich bei meinem Roman mal wieder fest.
Zur Erklärung: Meine Aldebaraner sollen uns Menschen sehr ähnlich sein - die Folge eines universellen biologischen "Bauplanes", der sich in einem drahtlosen intergalaktischen Netzwerk nach dem Prinzip der Resonanz über das ganze Universum verbreitet (ein gläubiger Mensch nennt so etwas Gottes Schöpfung).
Eure Nicole
PS: Ich wollte hier eigentlich ein Foto rein stellen, das ich letztes Jahr beim CSD in Koblenz gemacht habe. Es zeigt einen Travestie-Künstler. Darf ich das gemäß dem neuen Datenschutz-Gesetz überhaupt?
