Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?
Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Lebensplanung, Standorte
Luna
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 270
Registriert: Do 3. Mai 2018, 20:40
Pronomen: sie
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 1 im Thema

Beitrag von Luna »

Hallo ihr Lieben, ich hätte mal eine Frage an Euch, die mich immer wieder beschäftigt, wobei es mir ausschließlich um Beziehungen geht, und zwar primär solche, in denen das "Thema" nicht von Anfang an offen auf dem Tisch lag.
In vielen Threads, die ich lese, geht es (immer wieder auch) um Reaktionen der Partner(in) (ich lasse alle anderen Gruppen, wie Kinder, Familie, Kollegen, Nachbarn usw mal außen vor) auf ein Outing oder Coming Out.
Diese decken bekanntlich das gesamte Spektrum von Akzeptanz, vielleicht sogar Unterstützung, bis hin zu totaler Ablehnung ab.
Es kommen (emotional vorgetragene) Fragen wie: Steckst Du in der Midlife Crisis? Kann man das nicht therapieren? oder Statements wie: "Du machst Dich ja lächerlich!, Ich bin hier die Frau!, Ich werde nie mit Dir als Frau ausgehen/zusammenleben! Das ist ja pervers! usw.
Vielfach werden solche Reaktionen von unsereins als verletztend, abwertend oder als mangelnde Zuneigung bzw Liebe, zumindest aber enttäuschend aufgenommen; vor allem, wenn unseren ersten (oft mehr gestammelten) Erklärungsversuchen nicht relativ rasch ein entsprechendes Verständnis und Einlenken folgt. Man fühlt sich vielleicht missverstanden, verletzt oder einfach traurig.

Jetzt frage ich mich: Sind solche Reaktionen von Menschen, die mit dem Thema Transgender (in welcher Form auch immer) nie etwas zu tun hatten und daher keine Ahnung davon haben, die vielleicht zugleich mit sozialen und wirtschaftlichen Ängsten zu kämpfen haben, und deren gesamtes Lebensgefüge gerade ins Schwanken gerät, nicht geradezu zwingend zu erwarten?
Wir leben damit oft schon seit Jahrzehnten, haben uns über Trans* schlau gemacht, unsere Persönlichkeit weiterentwickelt (oftmals allerdings ohne sagen zu können was wir tatsächlich sind oder eines Tages sein werden), haben berufliche und soziale Risiken wieder und wieder abgewogen, bereiten uns mitunter lange Zeit auf den Moment der Wahrheit vor, versuchen uns die richtigen Worte in der passenden Situation zurechtzulegen; tja, und dann kommen wir (ob nun freiwillig oder nicht) wie die Sintflut mit unserer Besonderheit über unsere Partnerinnen. Das scheint mir eine recht ungleiche Ausgangslage für eine konstruktive Diskussion zu sein.

Ich stelle mir vor, wie ich nach Hause komme und meine Frau sehe. Sie sitzt auf dem Sofa, trägt eine Kurzhaarperücke, eine megacoole Sonnenbrille und hat sich einen modischen Schnauzer aufgeklebt. Sie trägt Lederjacke (Schultern ausgepolstert), T-Shirt (Busen flach zum Körper gebunden), Jeans und Cowboyboots, hält eine Zigarre in der Hand und erklärt mir, sie müsse mir etwas sagen. Eigentlich sei sie (zumindest teilweise) ein Mann. Sie habe schon immer so gefühlt, sich aber nie etwas zu sagen getraut. Sexuell werde sich (vorerst) aber nichts ändern (auch wenn sie gern mal den männlichen Part übernehmen würde), und es wäre doch wirklich cool wenn wir auch mal so als boys um die Häuser ziehen könnten. Wir könnten über Bikes und Fußball quatschen und überhaupt sei dies nur eine Bereicherung der Beziehung....

What!? Falscher Film? Hast Du Fieber? Hey, ich steh auf girls, immer schon und exklusiv. Ich bin ja nicht schwul oder bi! Was werden die Familie und die Nachbarn sagen? Ganz zu schweigen von meinen Kumpels? Wie geht das im Job? Ich mein', Du arbeitest in einer Boutique für Damenmode? Verdammt, ich will mit Dir als Frau zusammen sein. Ich will lange Haare, rote Nägel und Dessous!!! Ich will mein Supergirl!!!

Wie würde ich wirklich reagieren? Wieviel Zeit würde ich brauchen? Würde Zeit überhaupt eine Veränderung bringen? Wie weit könnte ich mitgehen?

Wie wäre das bei Euch?

Sorry, dass es so lang geworden ist. Das musste mal raus. Vielleicht mag ja doch die eine oder andere antworten.
Alles Liebe
Luna
Frannie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 85
Registriert: So 22. Jul 2018, 11:54
Geschlecht: eher Transfrau
Pronomen: Sie
Wohnort (Name): Bad Salzuflen
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 2 im Thema

Beitrag von Frannie »

HI Luna!
Das ist schwer ... von Anfang an und akzeptiert ist's besser...
Ich, für meinen Teil, liebte meine Frau als Menschen/Seele/whatever ...
Sie fragte mich nach dem Outing lustigerweise, was ich täte, wollte sie Mann sein und hätte Tennisbälle in der Hose.
Ich meinte nur, daß A Socken die bequemere und passendere Lösung wären und B ich würde Ihr zeigen, wie man als Bauarbeiter ordentlich an den Wegesrand spuckt...
Aber jeder ist da anders und ich denke nucht, daß man da eine, wie auch immer geartete, allgemeingültige Antwort geben kann ...
Aria
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1474
Registriert: Do 14. Jun 2012, 20:56
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Frankfurt am Meer
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 3 im Thema

Beitrag von Aria »

Luna hat geschrieben: Do 27. Sep 2018, 20:23 What!? Falscher Film? Hast Du Fieber? Hey, ich steh auf girls, immer schon und exklusiv. Ich bin ja nicht schwul oder bi! Was werden die Familie und die Nachbarn sagen? Ganz zu schweigen von meinen Kumpels? Wie geht das im Job? Ich mein', Du arbeitest in einer Boutique für Damenmode? Verdammt, ich will mit Dir als Frau zusammen sein. Ich will lange Haare, rote Nägel und Dessous!!! Ich will mein Supergirl!!!
Jetzt hast du das ganze mal aus der anderen Perspektive betrachtet, was ich schon mal gut finde. Aber ist dir dabei was aufgefallen? Du sagst immer nur was DU willst! Ich will, das du so und so bist, ich will mein Supergirl! Ist das wirklich Liebe oder ist das nur Liebe zum Selbstzweck? Verstehe mich nicht falsch, das ist keine Provokation, sondern eine berechtigte Frage.
Wir alle sind immer dazu geneigt uns an Dinge zu klammern, die uns Beständigkeit und Sicherheit versprechen, doch geht das wider die Natur. Das ganze Leben besteht aus Veränderungen aber wir versuchen immer wieder die zeit anzuhalten. Warum? Damit wir in unserer Comfort-Zone bleiben können und uns nicht auf die neuen Gegebenheiten einstellen müssen, denn das kostet Kraft.
Du kannst entweder versuchen, damit klar zukommen, dass deine nun ein Mann sein möchte oder du kannst es lassen. Kommst du damit klar, ist alles bestens, kommst du damit nicht klar, gibt dir niemand das Recht sie ändern zu wollen. Und, wenn du sie wirklich liebst - nicht zum Selbstzweck - sondern wahrhaftig, dann gibst du sie frei und suchst dir eine neue Liebe ;)
¡no lamento nada!
Luna
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 270
Registriert: Do 3. Mai 2018, 20:40
Pronomen: sie
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 4 im Thema

Beitrag von Luna »

Hallo Frannie,
danke für Deine Gedanken.
Ich weiß natürlich, dass es keine allgemein gültige Antwort gibt.
Ich stelle mir einfach die Frage: Kann ich von meiner Frau etwas verlangen oder erwarten, was ich vielleicht nicht könnte?

Alles Liebe
Luna
Luna
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 270
Registriert: Do 3. Mai 2018, 20:40
Pronomen: sie
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 5 im Thema

Beitrag von Luna »

Hallo Aria,
ich habe die von Dir zitierten Reaktionen nur als abstrakte Möglichkeiten von Mr. John Doe in den Raum gestellt. Ich weiß ehrlich nicht wie ich tatsächlich reagieren würde.
Aber Dein Einwand hat was. Ich hab diesen Beitrag ja auch nur geschrieben um die eigene Egozentrik und die damit verbundene Kritik an der Reaktion der Partnerin, die ich manchmal spüre zu hinterfragen.

Alles Liebe
Luna
Michelle_Engelhardt
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 4016
Registriert: Mi 27. Aug 2014, 14:15
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Dortmund
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 6 im Thema

Beitrag von Michelle_Engelhardt »

Huhu Luna,
Luna hat geschrieben: Do 27. Sep 2018, 20:23 Jetzt frage ich mich: Sind solche Reaktionen von Menschen, die mit dem Thema Transgender (in welcher Form auch immer) nie etwas zu tun hatten und daher keine Ahnung davon haben, die vielleicht zugleich mit sozialen und wirtschaftlichen Ängsten zu kämpfen haben, und deren gesamtes Lebensgefüge gerade ins Schwanken gerät, nicht geradezu zwingend zu erwarten?
Ich sag mal kurz und knapp: Ja. Nicht immer, aber schon sehr häufig. Ich kann diese Partnerinnen auch sehr gut verstehen. Natürlich verstehe ich auch, das man traurig und niedergeschlagen ist wenn das Outing nicht so verläuft, wie man es sich gewünscht hat. Aber mal ehrlich, man kann nicht erwarten das die Ehefrau "Hurra" schreit und bereitwillig ihren Kleiderschrank öffnet. Das gibt's sicher auch, dürfte aber nicht sooo oft vorkommen. Wenn man dann vielleicht auch noch unter Umständen jahrzehntelang alles im Verborgenen gemacht hat, ist ein Outing umso schwieriger. Die Gattin fühlt sich dann sehr häufig hintergangen, verarscht, betrogen. Und mal Hand auf's Herz....die wenigsten Ehemänner würden in Begeisterungsstürme ausbrechen, wenn eines Abends der hier beschriebene coole Macker auf der Couch sitzen würde statt der hübsch zurecht gemachten Ehefrau.

Liebe Grüße
Michelle
Brauchst Du Hilfe oder einfach jemanden zum quatschen? Schick mir 'ne PN!

Weihnachtsmarkt ist das Wacken für Büroangestellte!
Frannie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 85
Registriert: So 22. Jul 2018, 11:54
Geschlecht: eher Transfrau
Pronomen: Sie
Wohnort (Name): Bad Salzuflen
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 7 im Thema

Beitrag von Frannie »

Luna hat geschrieben: Do 27. Sep 2018, 20:52 Hallo Frannie,
danke für Deine Gedanken.
Ich weiß natürlich, dass es keine allgemein gültige Antwort gibt.
Ich stelle mir einfach die Frage: Kann ich von meiner Frau etwas verlangen oder erwarten, was ich vielleicht nicht könnte?

Alles Liebe
Luna
Hey Luna!
Eben ... das darfst Du nicht.
Jedem Tierchen sein Pläsierchen... Aber jedem seine persönlichen Grenzen und die sollte man akzeptieren, entweder wie Aria sagt, gib sie frei, damit sie fliegen kann, oder Du nimmst es so hin ... dazwischen ist nichts.
Jede Beziehung besteht aus Kompromissen - Eine gute erst recht - oder man läßt es ...
Jeder geht, soweit er/sie kann. Aber ist der Punkt erreicht, ist eine Trennung (auch zum Wohl des Anderen) besser...
Lorelai74
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 746
Registriert: So 7. Jan 2018, 21:14
Geschlecht: Abgeschafft
Pronomen: Xier
Wohnort (Name): Raum Leonberg -Stgt
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 1 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 8 im Thema

Beitrag von Lorelai74 »

Hallo Luna,

Zuerst einmal Danke für den tollen Perspektivwechsel. Richtig schön und plastisch geschrieben.

Ich denke die Reaktion über die Zeit würde von deiner Persönlichkeit abhängen.

Jemand der einfühlend und offen ist würde sich vielleicht über Trans informieren und nach ein paar Wochen als erste Reaktion vielleicht eine Duldung ins Spiel bringen- wie es viele von uns kennen. Manche würden als Kumpels um die Häuser ziehen und zum Fußball gehen, aber Sex rausnehmen, manche würden es komplett ausschließen und in die Scheidung gehen.

Aber :
Eine Beziehung ist ein System.
Eine Aktion von dem einen Partner früher meist zur Reaktion vom anderen und das kann neue Aktionen hervorrufen.

Während du also am erforschen bist mag der andere die Ruhe als Ablehnung oder Einwilligung deuten und reagiert schon währenddessen darauf.

Letztlich gibt es kein vollständiges Modell was passieren würde - das hängt von den beiden Menschen in der Beziehung und ihren Umfeld ab.
VLG
Lorelai
Männlich / Weiblich: das sind doch bürgerliche Kategorien.
Luna
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 270
Registriert: Do 3. Mai 2018, 20:40
Pronomen: sie
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 9 im Thema

Beitrag von Luna »

Lorelai74 hat geschrieben: Do 27. Sep 2018, 22:00
Jemand der einfühlend und offen ist würde sich vielleicht über Trans informieren und nach ein paar Wochen als erste Reaktion vielleicht eine Duldung ins Spiel bringen- wie es viele von uns kennen. Manche würden als Kumpels um die Häuser ziehen und zum Fußball gehen, aber Sex rausnehmen, manche würden es komplett ausschließen und in die Scheidung gehen.

Aber :
Eine Beziehung ist ein System.
Eine Aktion von dem einen Partner früher meist zur Reaktion vom anderen und das kann neue Aktionen hervorrufen.

Während du also am erforschen bist mag der andere die Ruhe als Ablehnung oder Einwilligung deuten und reagiert schon währenddessen darauf.

Letztlich gibt es kein vollständiges Modell was passieren würde - das hängt von den beiden Menschen in der Beziehung und ihren Umfeld ab.
VLG
Lorelai
Hallo Lorelai,

danke für Deine Worte.
Ja, ich denke, dass ich wohl am ehesten so reagieren würde, wie Du es oben beschrieben hast. Mich informieren und step by step sehen, wie weit ich mitgehen kann.
Auch bei Deinen weiteren Zeilen stimme ich Dir voll zu. Daher wird es wohl am Wichtigsten sein immer wieder miteinander zu reden und längere Phasen des Totschweigen des Themas zu vermeiden. Ich versuche auch meine Frau nicht täglich damit zu konfrontieren aber dennoch immer wieder mal darüber zu reden und mich mit ihr über Gefühle und Gedanken auszutauschen.
Daher tut es mir auch weh, wenn ich manchmal lese, dass Partnerinnen sogar das bloße Gespräch über Trans kategorisch ablehnen. Manche mögen vielleicht Angst haben, dass ein Gespräch Argumente zu Tage fördern könnte, die dann zu einem nächsten Schritt führen, sodass die Sache dann quasi irgendwann "aus dem Ruder läuft". Wie auch immer, in einer funktionierenden Partnerschaft sollte kein Thema tabu sein, schon gar nicht, wenn es für einen Teil ein so wichtiges ist. Ist diese Fähigkeit, in Ruhe miteinander zu sprechen und für die Gefühle des Anderen offen zu sein, nicht (mehr) vorhanden, dann gibt es wohl ein grundlegendes Problem in der Beziehung, und zwar ganz unabhängig vom Thema Trans*.

Alles Liebe
Luna
Laila-Sarah
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3296
Registriert: Di 16. Jan 2018, 23:39
Geschlecht: TG
Pronomen: kontextuell bitte
Hat sich bedankt: 12 Mal
Danksagung erhalten: 40 Mal
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 10 im Thema

Beitrag von Laila-Sarah »

Hallo Luna,
Luna hat geschrieben: Do 27. Sep 2018, 20:23 Hallo ihr Lieben, ich hätte mal eine Frage an Euch, die mich immer wieder beschäftigt, wobei es mir ausschließlich um Beziehungen geht, und zwar primär solche, in denen das "Thema" nicht von Anfang an offen auf dem Tisch lag.
In vielen Threads, die ich lese, geht es (immer wieder auch) um Reaktionen der Partner(in) (ich lasse alle anderen Gruppen, wie Kinder, Familie, Kollegen, Nachbarn usw mal außen vor) auf ein Outing oder Coming Out.
Diese decken bekanntlich das gesamte Spektrum von Akzeptanz, vielleicht sogar Unterstützung, bis hin zu totaler Ablehnung ab.
Es kommen (emotional vorgetragene) Fragen wie: Steckst Du in der Midlife Crisis? Kann man das nicht therapieren? oder Statements wie: "Du machst Dich ja lächerlich!, Ich bin hier die Frau!, Ich werde nie mit Dir als Frau ausgehen/zusammenleben! Das ist ja pervers! usw.
Vielfach werden solche Reaktionen von unsereins als verletztend, abwertend oder als mangelnde Zuneigung bzw Liebe, zumindest aber enttäuschend aufgenommen; vor allem, wenn unseren ersten (oft mehr gestammelten) Erklärungsversuchen nicht relativ rasch ein entsprechendes Verständnis und Einlenken folgt. Man fühlt sich vielleicht missverstanden, verletzt oder einfach traurig.

Jetzt frage ich mich: Sind solche Reaktionen von Menschen, die mit dem Thema Transgender (in welcher Form auch immer) nie etwas zu tun hatten und daher keine Ahnung davon haben, die vielleicht zugleich mit sozialen und wirtschaftlichen Ängsten zu kämpfen haben, und deren gesamtes Lebensgefüge gerade ins Schwanken gerät, nicht geradezu zwingend zu erwarten?
Wir leben damit oft schon seit Jahrzehnten, haben uns über Trans* schlau gemacht, unsere Persönlichkeit weiterentwickelt (oftmals allerdings ohne sagen zu können was wir tatsächlich sind oder eines Tages sein werden), haben berufliche und soziale Risiken wieder und wieder abgewogen, bereiten uns mitunter lange Zeit auf den Moment der Wahrheit vor, versuchen uns die richtigen Worte in der passenden Situation zurechtzulegen; tja, und dann kommen wir (ob nun freiwillig oder nicht) wie die Sintflut mit unserer Besonderheit über unsere Partnerinnen. Das scheint mir eine recht ungleiche Ausgangslage für eine konstruktive Diskussion zu sein.

Ich stelle mir vor, wie ich nach Hause komme und meine Frau sehe. Sie sitzt auf dem Sofa, trägt eine Kurzhaarperücke, eine megacoole Sonnenbrille und hat sich einen modischen Schnauzer aufgeklebt. Sie trägt Lederjacke (Schultern ausgepolstert), T-Shirt (Busen flach zum Körper gebunden), Jeans und Cowboyboots, hält eine Zigarre in der Hand und erklärt mir, sie müsse mir etwas sagen. Eigentlich sei sie (zumindest teilweise) ein Mann. Sie habe schon immer so gefühlt, sich aber nie etwas zu sagen getraut. Sexuell werde sich (vorerst) aber nichts ändern (auch wenn sie gern mal den männlichen Part übernehmen würde), und es wäre doch wirklich cool wenn wir auch mal so als boys um die Häuser ziehen könnten. Wir könnten über Bikes und Fußball quatschen und überhaupt sei dies nur eine Bereicherung der Beziehung....

What!? Falscher Film? Hast Du Fieber? Hey, ich steh auf girls, immer schon und exklusiv. Ich bin ja nicht schwul oder bi! Was werden die Familie und die Nachbarn sagen? Ganz zu schweigen von meinen Kumpels? Wie geht das im Job? Ich mein', Du arbeitest in einer Boutique für Damenmode? Verdammt, ich will mit Dir als Frau zusammen sein. Ich will lange Haare, rote Nägel und Dessous!!! Ich will mein Supergirl!!!

Wie würde ich wirklich reagieren? Wieviel Zeit würde ich brauchen? Würde Zeit überhaupt eine Veränderung bringen? Wie weit könnte ich mitgehen?

Wie wäre das bei Euch?

Sorry, dass es so lang geworden ist. Das musste mal raus. Vielleicht mag ja doch die eine oder andere antworten.
Alles Liebe
Luna
Ich denke mal, du hast diesen Beitrag aus der sich keines Crossdressers geschrieben. Denn ein Crossdresser sollte kein Probleme haben, dass die Partnering auch mal/permanent den Cowboy machen will.

Aber eher generell gesprochen denke ich, ist jede Beziehung anders. Bei manchen Partnerschaften geht es eher um Äußerlichkeiten, daher man leibt den PartnerIn nicht als Mensch sondern man liebt die äußeren Erscheinungen: Körperliche Attraktivität, die Rolle die dieser Mensch spielt, der Sinn für Mode und Stil, der Job, das Auto, das gemeinsame Haus, Boot, Ansehen in der Nachbarschaft. Das klingt grausam, ist aber mMn sehr oft vertreten. Bei solchen Partnerschaften nimmt man der PartnerIn all diese Sachen (oder viele davon) Weg. Und eine Welt bricht zusammen. Dann gibt es noch die Ideologische Schiene. Sprich lässt die z.B. konservative Erziehung oder Religion der PartnerIn so etwas überhaupt zu. Wenn nein. Sind wir wieder am Start: Ein Weltbild bricht zusammen. Dann gibt es aber auch Beziehungen, wo Menschen in den anderen Menschen (also das menschliche Wesen) verliebt sind. Nicht, das bei solchen Partnerschaften all die anderen Faktoren keine Rolle spielen aber sie sind nicht auf Platz 1. Die letztere Art der Beziehung kann das Outing eher verkraften, denn der Mensch den du liebst ist noch da und vor dir. Also ist doch die Frage, wie schätzen wir unsere Partnerschaft und unsere Partnerinnen ein und daraus resultiert die Antwort auf deine Frage. Zumindest sehe ich es so für mich.

VlG
The trick is to keep breathing

I have big dreams and a small world in between
Luna
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 270
Registriert: Do 3. Mai 2018, 20:40
Pronomen: sie
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 11 im Thema

Beitrag von Luna »

Hallo Laila,
danke für Deine Zeilen. Kann Dir nur zustimmen. Ich denke eben, dass es gerade die Vielzahl der betroffenen Faktoren ist, die ein Coming Out für die Partnerinnen oft so schwierig machen. Es werden alle Faktoren tangiert, die Du aufgezählt hast. Von der rein körperlichen Anziehungskraft, die auch für eine funktionierende Partnerschaft wichtig ist, über die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte bis hin zur eigenen Sozialisierung in einem strikt binären Geschlechtermodell und ihre Selbstwahrnehmung in einer heterosexuellen Beziehung. Da kann man letztlich nur hoffen, dass Dein letzter Punkt, die Liebe zum Partner als Mensch, die anderen Faktoren überwiegt. Bis jetzt ist das bei mir der Fall und dafür liebe ich meine Frau umso mehr.

Alles Liebe
Luna
Viggy
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 451
Registriert: Mi 17. Feb 2016, 14:06
Geschlecht: 60/40 m/w
Pronomen: er
Wohnort (Name): Nähe Ingolstadt
Hat sich bedankt: 10 Mal
Danksagung erhalten: 28 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 12 im Thema

Beitrag von Viggy »

What!? Falscher Film? Hast Du Fieber? Hey, ich steh auf girls, immer schon und exklusiv. Ich bin ja nicht schwul oder bi! Was werden die Familie und die Nachbarn sagen? Ganz zu schweigen von meinen Kumpels? Wie geht das im Job? Ich mein', Du arbeitest in einer Boutique für Damenmode? Verdammt, ich will mit Dir als Frau zusammen sein. Ich will lange Haare, rote Nägel und Dessous!!! Ich will mein Supergirl!!!
Ja, das wäre schon hart. Rein demokratisch gesehen, ist die Umkehrung unserer Situation und unser möglicher Umgang damit natürlich zulässig und richtig.

Andererseits, rein statistisch gesehen: wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Männer damit konfrontiert werden? Abgesehen von den Fällen, wenn Jungs im Körper eines Mädchens auf die Welt kommen, dies schon im Kindergartenalter auffällt und spätestens beim jungen Erwachsenen korrigiert wird (ich kenne selbst jemanden im näheren Umfeld), wieviele Frauen werden diesen Drang wirklich spüren?
Frauen werden, von Ausnahmen abgesehen, nicht als Alphatiere erzogen, nicht von Anfang an in ein hellblaues Korsett gesteckt und ihr Leben lang mit 'sei eine richtigere Frau' konfrontiert. Gefühle zu zeigen gehört dazu, bei Männern wird das nur rudimentär geduldet und wenn dann bei allen Gefühlen, doch immer schön Mann bleiben. Als ich das letzte Mal weinte, war das vor fast 30 Jahren, als bei unserer jüngsten der Verdacht einer Leukämie bestand, was sich dann gottseidank nach 3 Tagen als verschleppter Infekt mit krassem Eisenmangel herausstellte. Jungs weinen nicht, auch ich tu mich noch schwer damit. Obwohl meine Eltern, da gar nicht so rigide waren, sonst wäre ich wohl auch heute nicht so, aber die Umwelt färbt hier kräftig mit.
Noch zur Kleidung: Es gibt Männer, die fordern, dass ihre Frau tagtäglich als Püppchen rumläuft, aber beim Großteil der Frauen ist das heute doch anders. Wenn ihnen mal nicht nach Schminken ist, dann lassen sie es, wenn sie gerne flache Schuhe tragen, dann tragen sie welche, wenn Hose gerade mal praktischer ist, dann halt Hose. Da wird nicht mehr gefragt ob das nun nicht schon etwas sehr ins burschikose geht.
Frieda
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1411
Registriert: Mo 27. Aug 2018, 15:57
Geschlecht: Bio-Frau
Pronomen: Sie
Hat sich bedankt: 227 Mal
Danksagung erhalten: 94 Mal
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 13 im Thema

Beitrag von Frieda »

Luna! Ich finde es so wundervoll, was du mit diesem neuen Thema uns zeigst! Bravo dafür!👍
Ist dir bewusst, wie toll dieses Denken (in meiner Wahrnehmung) von dir ist?

Sry, weil meine Gedanken jetzt springen (werden). Ich erinnere mich gerade an einen Moment zwischen Michi und mir, wo sie zu mir sagte...."Schatz, ich bin immer noch ICH!". Ich weiß es noch, es war an meinem Anfang mit dem für mich ganzen neuen Thema hier. Und diese Aussage von ihr, hatte so viel Positives auf mich, wie das von mir Folgende jetzt auch, was ich euch gern bitte zeigen möchte. Ich weiß es ist vielleicht Blödsinn dies so zu tun, weil ich keine von euch bin und nur am Rande dabei stehe und dann auch noch alles aus einem (so scheint es mir langsam) selten anderen Blickwinkel sehe. Ich mute euch jetzt trotzdem sry einfach meinen Blickwinkel zu, auch wenn er höchstwahrscheinlich so gar nicht zu Luna's Anfangsgedanken passt.
Ein kleiner Zusatz vorher von mir noch. Das Folgende ist von mir nicht (nur) klugscheißend dahin geworfen, sondern mein Denken und mein Tun (dieses übe ich immer immer wieder) sind wirklich so, vor allem vom Denken ticke ich schon laaange Zeit so (ähnlich wie bei euch, ist es einfach in mir!)

- "Bedenke! Das die beste Beziehung die ist, in der jeder Partner den anderen mehr liebt, als braucht."
(Ich selbst habe mich mit diesen Worten, weit bevor ich Michi kennenlernte, sehr intensiv auseinander gesetzt. Diese Worte wahrhaftig zu verstehen und wahrhaftig dazu bereit zu sein danach zu leben, ist in meiner Wahrnehmung die bedingungslose Liebe, die man niemals nicht nur vom Partner sich erhofft, sondern man selbst 100%-ig ohne wenn und aber, bereit sein sollte zu geben!)

- "Jede schwierige Situation die du jetzt meisterst, wird dir in der Zukunft erspart!"
(Diese Worte sind so schwer doch nicht zu verstehen!? Den Mut und den dauerhaften Willen dafür ernsthaft aufbringen zu wollen, ist ein ganz anderes Thema! Es liegt an jedem selbst, in welche Richtung er sich wendet, welchen Weg er wählt, den leichten oder den schweren, anspruchsvollen!? Jeder Weg wird den Charakter formen, darüber sollte man sich klar sein, bevor man den ersten Schritt geht!)

- "Nichts ist entspannender, als das anzunehmen was kommt!"
(Auch damit habe ich mich auseinander gesetzt und ernsthaft begonnen mich immer wieder aufs neue selbst daran achtsam zu erinnern und zu leben. Und ich kann von meinem bisherig erlebten bestätigen, das es stimmt!)

- "Wer alles mit einem Lächeln beginnt, dem wird das meiste gelingen!"
(Der Moment, als mir Michi zum aller esten mal gezeigt wurde, machte mir Anfangs Angst...und trotzdem lächelte ich, auch wenn ich in diesen Sekunden die Tränen im Anschlag hatte! Es machte mir aber aus einem anderen Grund Angst, als ihr womöglich jetzt evtl vermutet. Zu diesem Zeitpunkt war es um mich schon längst geschehen, mir war da schon längst klar verliebt zu sein in das Wesen, was mir da sein Tablet vor meiner Nase hielt. Und mein erster Gedanke der mir in den Sinn kam und mich bis zum zu Bett gehen nicht mehr los lies, ich diesen Gedanken, diese Frage, wie ein Mantra immer und immer wieder leise vor mir her sprach, war....."Warum zeigt er mir das?" Die Frage ist für mich deswegen so wichtig gewesen, weil ich befürchtete das Micha jetzt nur einer von vielen sein könnte, die den Kontakt zu mir suchen, weil sie mit mir über ihre Gedanken, ja auch Sorgen quatschen wollen, denn ich erlebe dieses seit Jahrzehnten so. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt richtig Angst davor, dass Micha niemals meine Gefühle erwidern würde. Am nächsten Morgen hatte ich einen Entschluss gefasst. Ich werde Micha niemals bestimmen, befehlen, erbetteln können mich zu lieben, aber ich kann ihm und auch ihr (Michi) zeigen, dass ich ihn genauso liebe, wie sein Wesen ist, oder gerade auch deswegen!

- "Das -nicht wahrnehmen- von etwas beweist nicht dessen Nichtexistenz!"
(Egal wann, auch in X-Jahren, möchte ich gern wissen wollen, was in meinem Leben und im Leben meiner Liebsten von Bedeutung ist, auch wenn derjenige sich erst spät mir anvertrauen möchte....denn dann erst recht!)

- "Geduld bedeutet nicht, alles zu ertragen bis der Kragen platzt. Geduld ist die Kunst, mich von emotionalen Belastungen zu befreien und meinen Frieden zu erhalten."
(Der einzige Unterschied zwischen mir und den Worten die ich jetzt zitierte ist der, als ich mich von diesen emotionalen Belastungen endgültig befreite (ICH trennte mich bewusst und unwiderruflich von einigen Menschen, die absolut nicht zu meinem Wesen passten), erlebte ich zum aller ersten mal in meinem Leben inneren Frieden!!!)

- "Wenn du in der Welt etwas siehst, das du für nicht akzeptabel hälst, kannst du dir sicher sein, das dein Verstand verwirrt ist!"
(Nicht viele haben die wahrhaftige Einsicht, dass wahre Akzeptanz innerlichen Frieden schenkt! sry)

- "Wenn du deinen eigenen Verstand verstehst, begegnest du jemanden, der weiser ist, als du es jemals erwartet hättest."
(Nun ja....dazu muss man bereit sein wollen. Weil Selbstkritik nicht sehr einfach ist, obwohl man sich ja selbst (eigentlich) nicht belügen kann!)

- "Jede Tat von dir, aber auch jeder einzelne Gedanke, verändert die Welt in der du lebst."
(Wir verstehen alle diese Worte, dass weiß ich! Sie aber wahrhaftig und achtsam zu leben, ist so oft eine Herausforderung für uns. Oft genug neigen wir dazu in unseren Gewohnheiten gefangen zu bleiben.
Natürlich hat Luna recht, wenn sie aufzählt, was viele von euch bisher erlebten. Trotzdem seid ihr Pioniere/Pionierinnen die einen vollkommen neuen Weg durch ein Dickicht schlagen, den vorher in der Außenwelt noch Niemand ging. Dieser Weg ist kein Spaziergang, aber für die Nachwelt werdet ihr die Mutigsten von allen bleiben, weil euch die Strapazen, die Unsicherheiten, die Ängste, das Ungewisse, die Sorgen und Nöte, die Verletzungen trotzdem nicht aufgehalten haben❗....ICH GANZ PERSÖNLICH RESPEKTIERE JEDE EINZELNE DAFÜR UND HABE HÖCHSTE ACHTUNG VOR EUCH, DIES SAGTE ICH AUCH SCHON MEHRFACH IN DIESEM FORUM! sry)


Ich habe keine Ahnung, wie ich "diesen Roman" den ich euch wiederholt zugemutet habe, beenden soll.
Deswegen entscheide ich mich nur für mein
Namaste🙏
und verkrieche mich schleunigst in mein Mäuseloch!


PS: verzeih es mir bitte Luna, weil ich in meinem Schreibwahn um Welten an deinem Eröffnungsthema vorbei gerauscht bin...ich bin mir dessen selbst bewusst! Sry🙏🙁
Zuletzt geändert von Frieda am Fr 28. Sep 2018, 09:38, insgesamt 1-mal geändert.
•Liebe & Mitgefühl sind die höchsten Formen von Intelligenz.
•Du musst selbst zu der Veränderung werden, die du in der Welt sehen willst. Mahatma Gandhi
•Irgendwo ist Jemand glücklich mit weniger als du hast!

*Wer mag, ich bin gerne da mit 💖,👂und📝*
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 14 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Hmm, der Perspektivwechsel ist sicherlich sehr hilfreich, wenn es darum geht, den/die Partner/in ernst zu nehmen. Aber die beschriebene Reaktion ist eine mögliche Reaktion, aber bei weitem nicht eine zwingende Folge.

Wenn Worte fallen wie z.B. "Kann man das nicht therapieren? ", "Du machst Dich ja lächerlich!" oder "das ist ja pervers!" zeigen deutliche Potentiale hinsichtlich einer Verbesserung der Kommunikation. Oder anders gesagt, sie sind übergriffig. Wenn diese nach dem Abflauen der ersten emotionalen Reaktion bestehen bleiben, zeigen sie auch Probleme in der Beziehung auf, denn sie sind schlichtweg respektlos.

Die Reaktionsspannweite spiegelt mMn nur die Betroffenheit des/r Partner/in wider. Ist Trans ein Problem in der Partnerschaft deutet das auf ein anderes Problem hin. Eine Reaktion wie z.B. "was sollen die Nachbarn denken" könnte auf eine starke Fremdbestimmung hindeuten. Aufkommende Ängste deuten auf tiefer liegende Probleme in der Persönlichkeit hin.

Damit will ich nicht sagen, dass man Trans toll finden muss, aber eigene Emotionen haben Ursachen im eigenen Selbst. Trans des Partners/in ist dann der Hebel an den eigenen Themen zu arbeiten. Wenn also meine Partnerin den Macker markiert und ich Probleme damit habe, frage ich mich als erstes, warum ist das so ? Was sagen mir meine Emotionen ?

Mein Problem ist für mich fruchtbar. Die Kommunikation mit meiner Partnerin wäre also geprägt von Aussagen, was das mit mir macht. Nicht die Partnerin muss sich ändern, sondern ich mich selber. Natürlich kann zusätzlich auch meine Partnerin zu ähnlichen Gedanken kommen, was wiederum zu Änderungen bei ihr führen kann. Das ist im Kern der Wachstumsprozess, der durch Beziehungen initiiert werden kann. Deshalb gibt es Bücher, die sich mit diesen Prozessen beschäftigen, wie z.B. Die Wahrheit beginnt zu zweit (Michael Lukas Möller) oder Liebe Dich selbst und freu Dich auf die nächste Krise (Ehepaar Zurhorst).

Erst danach komme ich an den Punkt, an dem überhaupt die Beziehung zur Diskussion steht. Wie geht man weiter damit um. Erkenne ich die Unterschiede an und kann/will ich damit leben ? Auch hier gibt es nennenswerte Autoren (David Schnarch, Ulrich Clement), die einem Hilfestellung geben können. Ob die Beziehung bestehen bleibt, ist dadurch nicht gewährleistet, aber sollte man sich trennen, weiß man wenigstens warum. Die Alternative wäre ein simples Verdrängen oder davon laufen. Damit ist niemandem geholfen.

Klar ist das etwas theoretisch und nicht jede/r ist an dem Punkt, das so zu erkennen. Für mich ist es aber der einzige Weg, etwas aus der Situation mitzunehmen. Mir stellt sich eher die Frage, wie kann man den/die betroffene/n Partner(in) überzeugen, auch an sich selber zu arbeiten ? Für viele ist an dieser Stelle eine Beratung hilfreich. Wichtig wäre es aus meiner Sicht, dass klar ist, dass es nicht um eine Manipulation geht, um Trans zu akzeptieren. Es geht darum, die eigenen Verstrickungen aufzulösen und dann einen Weg zu finden, der für beide als der tragfähigste angesehen wird.

Dabei ist eine mögliche "Schuldfrage", egal ob ich mich selber oder den/die Partner/in verantwortlich mache, äußerst hinderlich. Sie verschließt nämlich den Blick auf die eigenen Themen und damit auf mögliche Lösungen. Es ist ein Weglaufen vor sich selber. Nur wo meine eigenen Probleme, nicht die des Partners, liegen, liegt auch mein Wachstumspotential.

Die Beziehung ist das Vehikel, auf meine Probleme gestoßen zu werden. Vor den eigenen Problemen haben aber viele Menschen Angst. Deshalb werden sie gerne verdrängt und verschoben. Muss man aber nicht ...
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Luna
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 270
Registriert: Do 3. Mai 2018, 20:40
Pronomen: sie
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Wie verletztlich/tolerant dürfen, sollen, können wir sein?

Post 15 im Thema

Beitrag von Luna »

Viggy hat geschrieben: Fr 28. Sep 2018, 09:14
Andererseits, rein statistisch gesehen: wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Männer damit konfrontiert werden? Abgesehen von den Fällen, wenn Jungs im Körper eines Mädchens auf die Welt kommen, dies schon im Kindergartenalter auffällt und spätestens beim jungen Erwachsenen korrigiert wird (ich kenne selbst jemanden im näheren Umfeld), wieviele Frauen werden diesen Drang wirklich spüren?
Frauen werden, von Ausnahmen abgesehen, nicht als Alphatiere erzogen, nicht von Anfang an in ein hellblaues Korsett gesteckt und ihr Leben lang mit 'sei eine richtigere Frau' konfrontiert. Gefühle zu zeigen gehört dazu, bei Männern wird das nur rudimentär geduldet und wenn dann bei allen Gefühlen, doch immer schön Mann bleiben. Als ich das letzte Mal weinte, war das vor fast 30 Jahren, als bei unserer jüngsten der Verdacht einer Leukämie bestand, was sich dann gottseidank nach 3 Tagen als verschleppter Infekt mit krassem Eisenmangel herausstellte. Jungs weinen nicht, auch ich tu mich noch schwer damit. Obwohl meine Eltern, da gar nicht so rigide waren, sonst wäre ich wohl auch heute nicht so, aber die Umwelt färbt hier kräftig mit.
Hallo Viggy,

die Wahrscheinlichkeit ist natürlich viel geringer. Ich denke aber, dass es - ganz unabhängig von der äußerst geringen Wahrscheinlichkeit eines Coming Outs wie ich es beschrieben habe - da auch eine relativ große Dunkelziffer gibt, gerade weil es Frauen (bei allen sonstigen geschlechtsbezogenen Nachteilen) leichter fällt, in ihrem Habitus, ihrer Bekleidung usw. auch allenfalls vorhandene männliche Züge zum Ausdruck zu bringen. Wieviele Frauen, die sich besonders burschikos kleiden und geben würde man im männlichen Fall als CD, nonbinär oä bezeichnen? Keine Frau muss große Diskussionen führen oder gar ihre Beziehung aufs Spiel setzen, um sich mal rein "männlich" zu kleiden. Sie können sich, ohne sich groß erklären zu müssen, in den sog. "Männerdomänen" bewegen. Wenn sich dabei Widerstand regt, dann nicht weil sie sich vielleicht maskulin geben und verhalten, sondern weil sich die Männer von ihnen als Frau bedroht fühlen. Ich würde mich daher nicht einzuschätzen trauen, wieviele Frauen es tatsächlich gibt, die (auch) nennenswerte männliche Anteile besitzen, wobei ich in puncto Identität aber sowieso das strikt binäre Modell ablehne.

Im Übrigen habe ich natürlich bewusst versucht überspitzt und klischeehaft zu formulieren, um deutlich zu machen, wie es ihr (vielleicht) geht. Es ging mir darum, mich in "die andere Seite" zu versetzen, um mögliche, als negativ empfundene Reaktionen plausibler zu machen.

Alles Liebe
Luna
Antworten

Zurück zu „Körper - Gefühle - Empfindungen“