Äh, ja. Offenbar konnte ich die Tragweite der Idee nicht so vermitteln, dass der Bezug zu Deiner Biografie klar wird.Wally hat geschrieben: Do 20. Sep 2018, 19:13Glaubst Du wirklich, eine solche Lebenssituation könnte man einfach bloß mit individueller Freiheit bewältigen?
Du beschreibst ja sehr gut, wie Du in Deiner Vergangenheit ständig mit einem Konzept namens "Mann" kollidiert bist. Also mit Erwartungen bezüglich Aussehen und Verhalten, und der Forderung, dass Menschen mit einer bestimmten körperlichen Ausstattung ("männlicher Körper") sich diesen Ewartungen zu fügen haben.
Diese Erwartungen sind Dir schon früh beigebracht worden, ohne Alternativen offenbar, was zu den Punkten 1 bis 5 führte. Du musstest Dich erst nach dem Heranwachsen mühsam herauskämpfen, statt schon in jüngerem Alter die Freiheit zur Entfaltung zu haben.
Und diese Erwartungen werden immer noch an Dich gestellt, von potenziellen Partnerinnen und Deinem sozialen Umfeld, so dass Deine einzige Möglichkeit der Selbstverteidigung war, Dich körperlich per OP aus der Zuschreibung wegen Deines Geburtskörpers zu befreien. Das sind Punkt 6 und 7 und Deine Beziehungsbiografie.
Alles nur, weil andere Dich wegen äusserer Merkmale einsortieren und Anforderungen stellen, statt sich nach Deinem Wesen zu erkundigen. Bescheuertes System, oder?
Also noch mal zurück zum Anfang. Hätte Deine Umwelt Dir von Anfang an die Freiheit gelassen, Deine Vorlieben und Interessen so zu entfalten, wie es Dir entspricht, statt aufgrund Deiner körperlichen Erscheinung etwas anderes zu verlangen, wären Dir Jahre an Selbsttherapie und vermutlich auch Diskussionen mit Gutachtern, Krankenkassen und die OPs erspart worden.
Mit der rechtzeitigen Aufklärung, dass Menschen ihr innerstes Wesen unabhängig von ihrer biologischen Äusserlichkeit leben dürfen, hätten Du und die potenziellen Partnerinnen wohl früher geklärt, dass ihr Männerbild eben nicht Deines ist, oder Du Dich eh nicht als Mann siehst, sondern vielleicht als eine der nicht-binären Identitäten oder als Frau oder was auch immer.
Ich habe einiges davon ja selbst erlebt. Glücklicherweise hatte ich eine sehr neutrale Erziehung. Klar hatten meine Eltern auch ihre Ideen, was aus mir werden sollte, aber irgendwelche klassischen Männlichkeiten waren da nicht bei. Ich bin natürlich trotzdem in der Schule, bei Partnersuche, im Job und dergleichen mit Männerklischees konfrontiert worden und habe genauso festgestellt, dass ich das nicht bin und auch nicht sein will. Geschlechterklischees waren allerdings nicht das einzige, was mich von anderen unterschieden hat. Da ich eh irgendwie nicht dazu passte - eine passende peer group habe ich erst mit 13 gefunden - war ich an das Gefühl gewöhnt. Hat es nicht einfacher gemacht und ich würde es niemandem wünschen.
Ich denke, die soziale Umgebung meiner Kindheit und Jugend hat mich widerstandsfähig gegenüber diesen Klischees gemacht und mir wenigstens den selbstgemachten Druck erspart. Trotzdem habe ich erst nach Jahrzehnten begriffen, dass "weder-noch" nicht zwischen den Stühlen, sondern ein eigenes bequemes Sitzmöbel für mich ist.
Bei meinen Partnerschaften gibt es auch Parallelen. Meine jetzige ist meine dritte und längste. Nach den ersten beiden habe ich mich auch für beziehungsunfähig erklärt - wer will mit jemand wie mir schon zusammenleben... - die Suche aufgegeben und mich einfach ins Getümmel gestürzt. Sechs Monate später habe ich meine jetzige Frau kennengelernt. Das war 1996. Sie ist selbst genderqueer, wir haben uns von je her nicht gegenseitig auf Geschlechterrollen festgelegt, sondern die Aspekte so hin und her geschoben, wie es uns eben entspricht.
Also, Punkt 1-6 sind mir erspart geblieben. Punkt 7 nervt mich auch immer wieder und ich bastle auch seit Jahren an persönlichen Lösungen, per Kleidung, wie ich mich äussere, etc. Letztlich ist auch die Hormonumstellung teilweise dadurch motiviert, dass ich nicht mehr automatisch auf eine Seite eingeordnet werde (aber auch nicht auf die andere). (Zweitens finde ich einen weichen, flauschigen, unbehaarten Körper einfach viel toller)
Übrigens hatte ich mit überzeugten FeministInnen bisher keine Probleme. Im Gegenteil. Ich vermute, Du meinst da eine bestimmte Extremgruppe, die genau der gleichen ideologischen Verknüpfung von Körper und Wesen anhängt, und zum Beispiel Transfrauen nicht als Frauen akzeptieren will.
Meine persönlichen Erfahrungen, die Deinen ja nicht unähnlich sind, führen mich also zu fast dem gleichen Ergebnis. Wenn ich allerdings davon abstrahiere, komme ich zu dem Schluss, dass das Kernproblem diese blöde Verknüpfung von Verhaltenssets mit körperlichen Merkmalen ist. Das funktioniert vielleicht bei 80% der Menschen ohne nennenswerten Leidensdruck, aber das ist noch lange kein Grund, dass wir 20% unser Leben lang darunter leiden sollen.
Deshalb weg damit. Identität und Wesen kommt von innen. Wie ist erst mal egal. Es kann nicht verordnet werden und wenn versucht wird, es aufzuprägen, entsteht Leid. Damit jeder Mensch das für sich finden und erfühlen kann, müssen Zuschreibungen und Vorurteile aufgrund von Merkmalen so weit wie möglich geächtet und über Möglichkeiten und Freiheiten aufgeklärt werden. Gilt nicht nur für Geschlechterrollen.