gerda joanna hat geschrieben: Di 24. Jul 2018, 10:37
Nun aber auch zu dem im Betreff erwähnten TS.
Für mich ist da der Unterschied zwischen CDs und TS der Reiz der Verwandlung.
Liebe Gerda-Joanna,
Da möchte ich Dir als Mann-zu-Frau-Transsexuelle widersprechen: der Reiz der Verwandlung ist gerade das, was wir TS (jedenfall sehr viele von uns, wenn nicht sogar die große Mehrheit) mit Transvestiten GEMEINSAM haben! Nur gehen unsere Bedürfnisse darüber hinaus noch weiter und reichen tiefer, die bloße Änderung des äußerlichen Outfits genügt uns nicht, wir wollen auch unseren Körper selber dem weiblichen Muster angleichen, und das alles dauerhaft, nicht bloß zeitweise: da liegt dann der Unterschied zu TV.
Es heißt ja oft, Transvestiten hätten sexuelle Motive für ihr Crossdressing (fänden es also "geil" und würden es als Mittel zur sexuellen Erregung als Mann, also als sexuellen Fetisch benützen - und Transsexuelle würden das nicht tun und nicht so empfinden. Das ist m. E. in mehrfacher Hinsicht falsch bzw. missverständlich.
Was ist sexuelle Erregung? Ist das, was ein Transvestit beim Rollenwechsel empfindet, wirklich (männliche) Sexualität? Da es sich um Gefühle handelt, kann ich da jetzt zwar nur von mir selber reden - und ich bin definitiv TS, nicht TV. Aber mich hat die Verwandlung, das Hinüberschlüpfen und mich Zeigen in der weibliche Rolle, schon als Jugendlicher, also vor über 50 Jahren, sehr "gereizt" - und das hat sich auch nie geändert, das ist heute für mich als 70-Jährigen immer noch so! Dieser "Reiz" war für mich immer ein wesentlicher Teil der Motivation; dass für mich in der weiblichen Rolle dann auch vieles andere leichter wird, dass ich mich da auch weitab sexueller Gefühle generell freier, weniger eingeengt, weniger überfordert fühle - dass ich mich als Frau einfach rundum wohler fühle und deshalb am liebsten ständig en femme leben möchte, das kam mit der praktischen Erfahrung dazu und unterscheidet mich tatsächlich von einem Transvestiten, der das Weiberzeugs jedesmal schon nach kurzer Zeit einfach nur wieder loswerden und in sein gewohntes, männliches Leben zurückkehren will. Und natürlich schleift sich der "Reiz" mit der Zeit ab, wenn man's ständig macht, und verliert in Relation zu den anderen Aspekten des Rollenwechsels an Gewicht; trotzdem ist er bei mir nie ganz verschwunden, er bildet bis heute immer noch einen wesentlichen Teil meiner Motivation.
"Reiz"? Ich spreche da jetzt bewußt erst mal nicht von (männlicher) Geilheit, sondern von etwas, was deutlich mehr umfasst. Es ist ziemlich schwer zu beschreiben, was ich eigentlich genau empfinde, wenn ich mich en femme kleide und herrichte; aber jedenfalls ist es ein äußerst lustvolles Gefühl! Da läuft mir so ein undefinierbares, wohliges Kribbeln vom Scheitel über den Nacken den Rücken hinunter, breitet sich durch Arme und Beine bis in die Finger- und Zehenspitzen aus und findet dann doch wieder sein Zentrum irgendwo im Dreieck zwischen Brüsten und Unterleib, begleitet von einer irgendwie unruhigen, leicht zappeligen, herzklopfenden Euphorie. Ich habe noch nie so richtig begriffen, was das Wort "wuschig" eigentlich bedeutet; aber vom reinen Wortklang her könnte es diese Mischung aus kribbelnder Lust, Aufgeregtheit, Sehnsucht und Vorfreude (keine Ahnung, auf was eigentlich...

) ziemlich genau treffen. Seltsamerweise mischt sich in das Ganze dann oft auch noch sowas wie ein bisschen Angst - was die Sache aber keineswegs weniger lustvoll macht, ganz im Gegenteil! In der Psychologie kennt man ja das Begriffspaar "Angst vor..." / "Lust auf..." recht gut als einen scheinbaren Gegensatz, dessen Pole sich gegenseitig verstärken.
Diese "Wuschigkeit" ist - obwohl eindeutig AUCH ein höchst lustvolles, erotisches Gefühl - etwas total anderes als männlich-sexuelle Geilheit! Die kenne ich schon auch von meinem männlich gewachsenen Körper und meiner männlichen Sozialisation als junger Mann; als TS bin ich ja emotional keineswegs NUR Frau, da sind schon auch noch männliche Anteile in mir, nur eben längst nicht so dominant wie bei einem normalen Mann. Und diese spezifisch männliche Geilheit spielte zumindest in meiner Jugend (später dann allmählich immer weniger, aber ein kleines bisschen sogar noch bis heute) durchaus auch in das Crossdressing mit hinein und führte bei meinem damaligen, heftigen Triebdruck auch gelegentlich zur Entladung - was jedenfalls nach der vor 25 Jahren noch gültigen, strengen, reinen Lehre der hohen Wissenschaft nur beim TV, nicht aber beim TS vorkommen sollte

Das Ganze bildete für mich einen überwältigenden, verwirrenden Gefühlsmix, dessen grundverschiedene, teils sogar miteinander interagierende, einzelne Komponenten ich damals noch gar nicht auseinanderdröseln konnte. Dass das gar kein einheitlicher Trieb, sondern eine pikante Mischung höchst unterschiedlicher Lustempfindungen (männliche/weibliche Sexualität?) war und ist, wurde mir erst sehr viel später klar.
Ich weiß es nicht, ich kann ja nun mal nicht in anderer Leute Köpfe gucken; aber ich könnte mir gut vorstellen, dass sich mancher Transvestit in meiner obigen Beschreibung dessen, was ich als TS beim Crossdressing fühle, ganz gut wiedererkennt. Mir fällt jedenfalls kein Grund ein, warum Transvestiten diese "Wuschigkeit", wie ich sie oben beschrieben habe, nicht auch kennen und fühlen sollten; und ich als TS kenne ja durchaus auch - wenn auch vielleicht weniger ausgeprägt - die "männliche" Geilheit beim Crossdressing, die bei uns TS angeblich doch gar nicht vorkommen soll. Ich vermute, dass TV und TS innerhalb dieses eng eingegrenzten Crossdressing-Bereichs sogar ziemlich weitgehend dasselbe ist. TS reicht allerdings weit über diesen Bereich hinaus, greift tiefer und ist beständiger - darin unterscheiden wir uns dann.
Herzliche Grüße
Wally