Ostwind
Ostwind - # 5

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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Joe95
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Re: Ostwind

Post 61 im Thema

Beitrag von Joe95 »

Puh...
Ich konnte garnicht anders, habs durchgelesen...



Bitte bring das zu einem Verlag, bevor es noch ein anderer tut.
Ein wirklich tolles Buch und der Titel ist einfach genial.
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 62 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

danke für das Lob ---)))

Magda liegt oft wach, so auch heute.
So schön es mit einem Gast ist, der bezahlt, sie fühlt sich auch ein wenig eingeschränkt.
Sie denkt viel an ihren Bruder, ist sich sicher, dass man ihm helfen könnte und müsste, seine Dämonen loszuwerden.
Aber wie?
Sie denkt aber auch an ihren "starken Bruder" und ihr nächtliches Treiben.
Seit der Professor bei ihnen wohnt, war er überhaupt noch nicht wieder da.
Sie entschließt sich, in den nächsten Tagen einmal bei ihm vorbeizuschauen.
Ihre Gedanken beschäftigen sich mit dem Professor und sie stellt ihn sich als Mann vor;
schließlich liegt er nur wenige Meter von ihr entfernt — nur durch eine dünne Wand getrennt.
Aber ihre Gedanken driften so schnell wieder ab wie ein Wasserball bei Westwind.
Nein, der Professor wäre kein Mann für sie, der mit ihr das Bett teilen darf.
Sie denkt wieder an Hein.
Ein wohliges Gefühl durchströmt sie.
Sie nimmt ihre Hand und ihre Finger und sorgt dafür, dass das Gefühl noch schöner wird.
Allerdings fühlt sie sich noch nicht ausgefüllt.
Ihre Augen machen sich auf die Suche nach einem geeigneten Ersatz.
Kann sie es dann noch Fleischeslust nennen? Der Gegenstand, der ihr einigermaßen geeignet erscheint, ist hart und aus Holz.
"Wenn ich den Teil mit den Borsten als Griff nehme", denkt sie, "dann kann ich den so schön geformten Griff"¦".
Schnell hat sie ihre Haarbürste geholt und versucht, das schöne Gefühl wieder hervorzurufen.
Es gelingt.
Mit den Fingern und der Bürste kommt sie zu dem Punkt, von dem es kein Zurück gibt.
Sie muss lachen, als sie die Bürste mit dem Stoff ihres Nachthemdes abwischt und auf die Kommode zurücklegt.
"Dich nenne ich jetzt Hein!"
Wenn sie durchschlafen will, muss sie noch einmal auf die Toilette gehen.
Die Spülung macht aber immer so einen Lärm — und sie will den Gast nicht wecken.
So schleicht sie sich auf bloßen Füßen nach draußen und erleichtert sich hinter dem Friesenwall mit der Wildrosenhecke.

Ein Nachbar ist gekommen.
Er war auf dem Bahnhof, um seine Frau vom Zug abzuholen.
Der Eisenbahner hat ihm eine Nachricht für den Professor mitgegeben: seine Express-Fracht ist da und kann abgeholt werden.
Der ist sehr erfreut, muss aber los, um seine Messgeräte abzulesen, die er in den Dünen installiert hat. Er bittet Hedwig: "machen Sie das bitte" — und übergibt ihr den Frachtbrief.
Sie geht zu Willi mit dem Auftrag, aber der hat keine Zeit.
Die Wanderfischer wollen ihm günstig ein Krabben-Fanggeschirr verkaufen. Die Gelegenheit kann er nicht ungenutzt verstreichen lassen.
"Fahr Du doch!"
Hedwig freut sich über sein Vertrauen, aber sie war bisher noch nicht so oft alleine mit dem Wagen unterwegs. Ob das gut geht?
"Warum nicht", brummt Willi, "ob ich nun danebensitze oder nicht, das ist doch egal".
Er geht zum Hafen.
Hedwig ist noch unentschlossen, aber steigt dann doch in den Lieferwagen.
Der Schlüssel steckt — wie immer.
Willi war bestimmt schon unterwegs; denn der Motor springt auch ohne Choke und Pumpen mit dem Gaspedal gleich an.
Bis zum Bahnhof ist es nicht weit. Sie kennt den Weg gut; denn sie ist ihn schon sehr oft gelaufen.
Mit dem Auto ist es bequemer.
Sie hält direkt vor der Laderampe.
Ein wenig überrumpelt ist sie vom Umfang der Ladung.
Alleine wird sie die Holzkisten nicht auf den Lieferwagen heben können.
Sie fängt aber schon mal mit den leichteren Kisten an und "leiht" sich die Transportkarre des Bahnhofsvorstehers.
Nun stehen die Kisten aufgereiht vor dem Wagen.
Ein Mann in Arbeitskleidung taucht auf. Der kommt wie gerufen.
Sicherlich soll der mit dem Zug auf"™s Festland fahren; aber der kommt erst in einer halben Stunde.
Hedwig fragt ihn: "können Sie bitte mit anfassen?"
"Aber Autofahren kannst Du schon alleine, was?" grummelt der Mann, doch dann lacht er und sagt: "na klar, aber das "Sie" lass mal stecken — und wenn wir uns beeilen, kannst Du noch einen ausgeben!"
Hedwig ist einverstanden.
Etwas Geld hat sie mit. Für ein Bier wird es reichen.
Sie müssen sich anstrengen; der Arbeiter schnauft nicht weniger als Hedwig.
Er staunt, wie kräftig sie ist.
"Sieht ja auch aus wie"™m Kerl", denkt der Mann.
Endlich haben sie es geschafft und gehen in die Bahnhofskneipe.
Es riecht nach Rauch und verschüttetem Bier — und nach Erbsensuppe.
Hedwig bestellt für ihren Helfer ein Bier und für sich selbst eine Brause.
Sie stoßen an.
Der Mann guckt auf die Uhr, die über dem Tresen hängt.
Es wäre Zeit für noch ein Bier, doch Hedwig will ihre Fracht abliefern und den Wagen zurückgeben.
Als sie ins Freie tritt, sieht sie den Dorfpolizisten, der gerade seine Runde macht.
Schnell verschwindet sie wieder in der Kneipe.
Ihr Helfer freut sich über ein zweites Bier.
Er wischt sich den Schaum aus dem Gesicht; denn weil er das Klingeln gehört hat, dass das Schließen der Schranke ankündigt, ist er wohl aus Eile ein wenig zu gierig gewesen.
Überstürzt rennt er auf den Bahnsteig.
"Zeit genug", schüttelt der Wirt den Kopf.
Der Zug hält mit quietschenden Bremsen.
Wenige Türen öffen sich - wenige Türen werden geschlossen.
Kaum jemand steigt aus oder ein.
Schnaufend setzt der Zug sich in Bewegung.
Hedwig schaut vorsichtig "umme Ecke".
Der Polizist ist wieder verschwunden.
Sie kann losfahren.

Karl hat auf sie gewartet, weil sie verabredet sind, mit den Reusen ins Watt zu gehen.
So kann er gleich mit anpacken und die Kisten zusammen mit Hedwig vom Auto heben.
Ordnungsgemäß liefert Hedwig den Wagen wieder bei Willi ab.
Sie verspricht, mit der Bezahlung vorbeizukommen, wenn der Professor bezahlt hat.
Das ist Willi recht; denn er hat das Krabben-Fanggeschirr gekauft und kann jede Mark gebrauchen.
"Ging alles gut?" erkundigt er sich.
Hedwig erzählt von ihrem Helfer und dem Polizisten.
Willi muss lachen über ihre List, weiß aber auch: "Du brauchst doch mal irgendwann einen Führerschein!"
"Jaja, das Auto fährt aber auch so!"
Schon ist Hedwig verschwunden. Karl hat auf sie am Netzschuppen gewartet.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 63 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Sie freut sich auf die Arbeit im Watt.
Karl hat alles vorbereitet. Sie staunt über die Karre mit den großen Rädern, die er irgendwo organisiert hat.
Erst will sie sich lustig machen; aber sie stellt schnell fest, wie nützlich die Karre ist. Sie können die ganzen Reusen und etliche Ofenrohre,
die sie im Priel auslegen wollen, damit transportieren. Fast will sie sich selbst auch noch auf die Ladefläche setzen; Platz wäre genug!
Die eisenbeschlagenen Räder sind so groß, dass die Karre viel Bodenfreiheit hat.
So ein nützliches Gerät!
Die Rohre versenken sie direkt im Priel.
Karl muss schmunzeln; denn Hedwigs Sammelwut ist sogar in den Nachbardörfern bekannt, wo sie "Ofenrohr-Hedwig" genannt wird.
Die Reusen machen etwas mehr Arbeit; die befestigen sie in der Nähe der Lahnung an einem Nebenpriel.
Nun müssen die Aale nur noch kommen — und möglichst wenige Krebse.
Sie machen Feierabend.

Hedwig spielt mit Ulli.
Der Professor kommt und freut sich, dass es mit dem Abholen seiner Kisten geklappt hat.
Sie sind nicht alle nur mit Arbeitsmaterial gefüllt; es ist sogar ein "Fresspaket" dabei, wie er es nennt. Bald sitzt er auf einer der größeren Kisten und schneidet mit seinem Taschenmesser kleine Stücke von einer Mettwurst ab — und isst sie mit Vergnügen.
Er bittet um ein Glas und schenkt großzügig ein aus einer Flasche, die kein Etikett hat.
"Willst Du auch einen Schluck Obstler?"
Nein, das will Hedwig nicht.
Dabei ist der "schwarz gebrannt", sieht aber ganz klar aus.
Herr Kleinmann bezahlt großzügig für den Transport seiner Sachen.
Willi und Hedwig teilen sich abends das Geld — und beide sind zufrieden.

Der Dorfpolizist erscheint in der Firma, in der Hein immer noch Vormann ist.
Er sagt, er ist gekommen, um Hein zu holen.
Das ist ein wenig lächerlich; denn er ist mit dem Moped gekommen — und das hat nur einen Sitzplatz.
Die ganze Sache ist ein wenig lächerlich, aber Hein hat die Vorladung nicht ernst genommen und den Termin versäumt.
Mehrere Zeugen haben schon ausgesagt, dass Hein nicht der Übeltäter war, aber der Polizist bleibt dabei:
eine Anhörung ist eine ernste Sache — und der ist Folge zu leisten!
Inzwischen haben sich die Arbeiter drohend vor ihm aufgestellt, aber er hält sich wacker:
"wo kommen wir hin, wenn ihr die Gesetze und Anordnungen immer so auslegt, wie ihr es gerade braucht?"
Ein Arbeiter reinigt sich demonstrativ mit seinem viel zu großen Arbeitsmesser die Fingernägel.
Seine Kollegen murren: er soll verschwinden und sie ihre Arbeit machen lassen.
Der Chef hat inzwischen bemerkt, dass die Arbeiter immer noch nicht den Hof verlassen haben und dass es unten Getümmel gibt.
Ärgerlich schaut er nach, was da ist.
Zuerst staucht er die Arbeiter zusammen: sie sollen endlich zu den Baustellen ausrücken.
Dann nimmt er den Polizisten beiseite.
Schnell ist geklärt, um was es geht. Der Chef verspricht, auf Hein einzuwirken, "umgehend und freiwillig" seine Aussage zu machen.
"In den nächsten Tagen, wenn es mit der Arbeit passt", fügt er noch hinzu und erinnert den Polizisten daran, dass dieser eigentlich noch drei Säcke Zement zu bezahlen hat.
Das scheint ihn milde zu stimmen und er gibt sich versöhnlich: "eigentlich ist die Sache ja auch schon abgeschlossen!"
Er knattert vom Hof.

Es ist spät geworden.
Hein will nur noch den Wagen in der Firma abstellen.
Er hat Überstunden gemacht und ist froh, dass er jetzt Feierabend hat.
Der Chef ist noch da, dabei kommt es selten vor, dass er so spät noch im Büro ist.
Er wird doch nicht auf ihn gewartet haben?
Hein ist sich keiner Schuld bewusst, hat sich auch heute wieder ordentlich reingehängt bei der Arbeit.
"Hein, kommst Du bitte mal?!"
Das klingt ernst.
Trotzdem gibt es erst einmal ein Feierabendbier.
Der Chef kommt auf den Polizisten zu sprechen und will, das Hein die Sache in Ordnung bringt.
Hein verspricht es.
"Und sonst?"
Was soll Hein auf diese Frage antworten?
Er erzählt, dass Mechthild zu ihm ziehen möchte, aber dass er Sorge hat, dass es in der Hütte direkt in der Einflugschneise viel zu laut für Mutter und Kind sein wird.
Das sieht der Chef auch so.
Sie überlegen hin und her.
Schließlich erzählt der Chef von einem Grundstück, das er im Norddorf besitzt.
"Das Haus da ist praktisch eine Ruine", fügt er hinzu, "aber schau es Dir mal an!"
Er schlägt ein Tauschgeschäft vor; denn er kann die Hütte an Fliegerhorst mit ihrem großen Grundstück gut für Lagerzwecke gebrauchen, weil es genau zwischen dem Firmengelände und der Kiesgrube liegt.
"Und bring das in Ordnung mit dem Polizisten", gibt er ihm mit auf den Heimweg.
Hein kann nicht schlafen.
Lange überlegt er, ob er sich so festlegen soll.
Aber es führt wohl kein Weg daran vorbei: er muss Mechthild heiraten, und zwar recht bald.
Er beschließt, am nächsten Tag bei der Arbeit einen Umweg zu machen und sich das Grundstück anzusehen, das der Chef ihm im Tausch angeboten hat.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 64 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Es ist noch früh.
Hein ist gleich ins Norddorf gefahren.
Das Grundstück liegt ein Stück abseits vom Weg in einem sanften Tal.
Ein herrlicher Blick auf die Nordbucht und auf die Fahrrinne bietet sich ihm.
Wenn er sich leicht nach rechts dreht, hat er einen Blick bis zur Kirche und bis zum Eisenbahndamm.
Kann man schöner wohnen?
Ja, man kann; denn die nördliche Seite des Grundstücks ist der Kiesgrube zugewandt, die immer noch in Betrieb ist und ausgebeutet wird.
Die Planierraupen, Bagger und Lastwagen machen längst nicht so viel Lärm wie die Flugzeuge in der Einflugschneise; von daher wäre es schon eine große Verbesserung.
Ein wenig Furcht hat Hein vor dem Sand, der vom Wind überall verteilt wird.
Oft landet der sogar auf der Straße, was schon zu schlimmen Stürzen mit Motorrädern und Mopeds geführt hat.
Nach Süden und Osten ist das Grundstück von Heideflächen eingerahmt.
Hein muss an die Beeren denken, die sie als Kinder immer gepflückt und mit Milch gegessen haben.
Er besieht sich das Haus.
Es ist mehr eine Ruine.
Hier sollen nächtliche Gelage stattgefunden haben; gemütlich ist es hier nicht. Erst einmal müsste aufgeräumt werden.
Es riecht nach Pi"¦
Hein tritt mit seinem Arbeitsstiefel gegen einen Haufen Unrat.
Mehrere Ratten machen sich quiekend aus dem Staub.
Hein überschlägt, was er in das Haus stecken müsste, um es bewohnbar zu machen.
Vielleicht gibt der Chef ihm Baumaterial zu einem günstigen Preis? Dann könnte es ein gutes Geschäft für ihn werden.
Er fühlt sich frisch und voller Tatendrang.
Die Gespenster der Vergangenheit verhalten sich ruhig; aber sie sind schlau. Sie werden dafür sorgen, dass ihnen immer eine feste Unterkunft bereitsteht.

Bevor Hein in die Firma fährt, hält er kurz beim Dorfpolizisten.
Er will die Anhörung endlich ganz schnell hinter sich bringen.
Der Polizist hat noch nicht mit so frühen Besuchern gerechnet.
Er ist noch nicht einmal fertig angezogen.
Trotzdem bittet er Hein in die Küche und stellt ihm ein paar Fragen.
Hein erklärt, dass er in der fraglichen Nacht bei den Wanderfischern an Bord war und mit ihnen gefeiert hat.
Später hat er sich auf dem Boot eines Bekannten schlafen gelegt.
So ähnlich haben es die Wanderfischer dem Polizisten schon kundgetan.
Hein muss seine Aussage unterschreiben: reine Formsache.
Er gibt ihm noch einen Rat für Hedwig mit: die Deern sollte mal gelegentlich einen Führerschein machen — oder lieber zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sein.
Er hat sie mehrmals mit Willis Transporter herumfahren gesehen.
Er zeigt sich versöhnlich, ist heute ganz der "gute Polizist".

Nach Feierabend bespricht Hein mit dem Chef den Grundstückstausch.
Beide sind zufrieden mit dem, was sie aushandeln und schriftlich festlegen.
Hein bekommt das gewünschte Baumaterial teilweise geschenkt und teilweise zu einem sehr günstigen Preis. Außerdem darf er sich Werkzeuge und die benzinbetriebene Mischmaschine an den Wochenenden ausleihen, an denen sie in der Firma nicht benötigt werden.
Ein Handschlag besiegelt ihren Handel, aber der Chef kündigt an, dass sie auch noch zum Notar gehen müssen.
Hein ist stolz. Das ist doch eine riesige Verbesserung: statt einer Hütte mit einem großen, fast unnützen Grundstück in der Einflugschneise besitzt er nun ein Grundstück mit Meeresblick.
Am liebsten würde er sofort mit den Bauarbeiten beginnen, aber er darf seine Arbeit nicht vernachlässigen. So fährt er jeden Tag nach Feierabend hin und mistet erst einmal aus.
Bald kommen die ersten Zuschauer.
Es sind zuerst die "das wird nie was Nörgler", die alles besser wissen, auch dass "auf dem Haus keine gute Strahlung liegt".
"Da ist im Krieg eine Frau zu Tode gekommen", weiß einer, "der Mann hat aus Verzweiflung alles kaputtgehauen!"
Aber es gibt auch Freunde und Nachbarn, die mit anpacken.
Schon nach einer Woche sehen Grundstück und Haus ganz anders aus und Hein kann mit den Reparaturen beginnen.
Die Ratten haben sich verzogen.
Die Fallen, die er aufgestellt hat, bleiben leer.
Hein hat weder seiner Schwester noch Mechthild von seinem Handel erzählt.
Das nächste Treffen mit ihr zögert er hinaus.
Er will sie überraschen.
Der Lehrjunge, der in der Stadt wohnt, wird mit einem Brief zu Mechthild geschickt.
Hein fasst sich kurz:
"Ich muss die nächsten Wochenende leider arbeiten!"
Das ist nicht gelogen, aber Mechthild ist trotzdem enttäuscht.
Simone 65
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Re: Ostwind

Post 65 im Thema

Beitrag von Simone 65 »

Hallo Anne-Mette. Ich lese während der Nachtschicht pause deine Geschichte. Immer spannend. Als Buch , das wäre schön. Aber auch so , ich war noch nie dabei ,wie eine Geschichte , ein Buch entsteht. TOLL und danke . Liebe Grüsse Simone.
Ich weiss ,ich bin ein Mensch und nur Das zählt.
Ich bin nur ein kleines Licht , aber ich leuchte .
Alle Menschen sollen mich sehen .
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 66 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hein hat ein Zelt aufgestellt; so kann er abends so lange arbeiten, bis er müde "ins Bett" fällt.
Sogar vor der Arbeit legt er Hand an sein Haus.
Wenn es so weitergeht, dann kann er bald Mechthild zu einer Besichtigung einladen.

Mitten in der Nacht, Hein ist gerade eingedöst, da schlägt jemand gegen die Schnur, die die vordere Zeltstange hält, als wäre es eine Bass-Saite.
Hein wühlt sich aus seinem Schlafsack und öffnet die Drehknöpfe der Eingangsseite.
Magda ist draußen und leuchtet ihm mit einer Funzel ins Gesicht.
"Ich möchte mal sehen, was Du hier machst! Die Nachbarn haben erzählt, dass Du Tag und Nacht zugange bist".
"Du kommst zu spät", entgegnet Hein, "nun ist es dunkel — und mit Deiner kleinen Lampe wirst Du nicht viel sehen können und Dir höchstens die Arme und Beine brechen!"
Magda ist enttäuscht, aber meint, "dann komme ich ein wenig zu Dir!"
Sie muss sich ziemlich anstrengen, um ihn wieder munter zu machen. Dabei möchte der arme Kerl doch einfach nur ein paar Stunden schlafen.
Als er aufwacht, ist Magda verschwunden.
Hat er nur geträumt?

Drei weitere Wochenenden hat Hein mit mehreren Helfern am Haus geschuftet. Nun kann er es guten Gewissens vorzeigen: das Dach ist dicht, die Mauern ausgebessert, die Fenster repariert — und die Tür kann sogar abgeschlossen werden, was hier im Dorf eigentlich keiner macht.
Alles ist sauber. Nur die Möbel fehlen noch.
Er freut sich schon auf das erstaunte Gesicht, das Mechthild machen wird.
Soll er sie über die Schwelle tragen, oder ist das albern?
Wenn sie kommt, haben sie viel zu besprechen. Auch muss der Umzug organisiert werden.
Mechthild wird sich freuen!

In seinen Sonntagssachen fühlt Hein sich fremd — so lange hat er sie nicht anziehen können.
Fast fühlt er sich nackt, wenn der nicht die Träger seiner Latzhose auf den Schultern spürt.
Nur mit Mühe kommt er in die guten Stiefel hinein.
Hedwig hatte sie für ihn aufgehoben, nachdem er sie am Watt zurückgelassen hatte.
Hein ist übermütig und bester Laune.
Sogar eine Flasche Sekt hat er besorgt, obwohl er selbst so ein "Rülpswasser" nicht gerne trinkt.
Aber Frauen mögen das doch?
Er schmückt seine Jacke mit einer Blume, die sich ihm im Dorf keck entgegenstreckte — durch eine Lücke in einem Lattenzaun.
Mit dem Fingernagel konnte er sie abknipsen.

Den Firmenwagen hat er etwas sauber gemacht; Mechthild soll nicht ihr schönes Sonntagskleid beschmutzen.
Artig klingelt er, hat sich schon passende Worte zurechtgelegt — und will mit einem Handgriff die Blume aus der oberen Tasche seiner Jacke lösen und sie galant seiner Liebsten überreichen.
Doch sie macht nicht auf.
Hein klingelt noch einmal.
Endlich hört er schlurfende Schritte.
Ein ihm unbekannter Mann öffnet ihm und fragt mürrisch: "was wollen Sie?"
"Ich möchte zu Fräulein Mechthild!"
Der Mann schüttelt mit dem Kopf: "die ist zu ihren Eltern auf das Festland gereist. Sie kommt wohl so bald nicht wieder!"
Hein fragt nach der Adresse, aber der Mann ist nicht sehr kooperativ, "da müssen Sie meine Frau fragen, aber die ist erst Montag wieder da!"
Die beiden Männer stehen immer noch vor der Tür — und Hein hat nicht das Gefühl, dass er ins Haus gebeten wird.
Es zieht.
Eine Tür im hinteren Teil des Hauses wird vom Wind zugeschlagen.
Der Mann dreht sich kurz um, sagt: "Moment bitte!"
Er verschwindet im Haus.
Holt er die Adresse?
Auf der ersten Stufe der Treppe, die nach oben ins Mädchenzimmer führt, liegen ein paar Briefe.
Hein kann nur das Wort "nachsenden" auf dem Umschlag des Briefes entziffern, der ganz oben liegt.
Schnell nimmt er den Brief an sich, gerade rechtzeitig; denn der Mann ist schon zurück.
"Ist noch was?"
"Nein!"

Als Hein im Auto sitzt und er sich den Briefumschlag näher anschaut, tanzen die Buchstaben vor seinen Augen.
Seine Tränen tropfen auf den Umschlag und verwischen das Wort FLENSBURG.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 67 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hedwig und Karl sind gut in Gange mit ihrer Fischerei.
Sie haben sich schon so oft bei Otto zum Räuchern angemeldet, dass er nicht mehr so richtig begeistert ist, wenn sie mit den Aalen kommen.
Dabei profitiert er selbst davon.
Wie soll das erst werden, wenn die Makrelenzeit da ist?
"Wir müssen einen eigenen Räucherofen haben!"
Hedwig ist überzeugt davon, dass sie die Räucherei auch selbst hinbekommen können.
Sie hat sich genau eingeprägt, wie Otto es mit seinem Ofen macht. Obwohl er immer sehr geheimnisvoll tut, ist doch nicht viel Kunst dabei. Man muss nur ein gutes Händchen für geeignete Späne haben und die Fische ordentlich vorbereiten.
Hedwig spart eisern.
Immer wieder fährt sie mit einer Ladung Räucherfisch in die Stadt.
Ganz wohl ist ihr dabei nicht, aber Willi hat keine Zeit, für solche Lappalien seine Zeit zu opfern.
So fährt sie immer wieder an Stellen, wo etwas los ist.
Die geräucherten Fische sind appetitlich und fein säuberlich in kleinen Holzkisten auf der geöffneten Ladefläche ausgerichtet und sehen so gut aus, dass der Verkauf sich ganz von allein erledigt.
Sie hat keine Preisschilder und keine Waage.
Der Verkaufspreis ergibt sich im Gespräch — und nie ist ein Kunde unzufrieden.
Spätestens wenn jemand danach fragt, ob sie denn eine Genehmigung für so einen Straßenverkauf braucht, bricht sie ihre Zelte an der Stelle ab und fährt an einen anderen Ort.
Meistens verkauft sie restlos alles, sodass Magda unzufrieden ist; denn sie isst auch gerne Fisch.
Doch Hedwig klimpert mit den Markstücken; das ist die Musik, die sie zum Feierabend braucht.
Immer wieder muss Sie Karl auf Distanz halten; denn der meint schon wieder, wenn sie gut zusammen arbeiten, dann könnten sie doch auch"¦
Nein, das will Hedwig nicht!
Karl versucht es immer wieder, aber "mehr als Freundschaft ist nicht", sagt sie ihm immer wieder, doch Karl meint, "aus Freundschaft kann auch mehr werden".
Wie der Junge jetzt reden kann, das ist ein Wunder!

Sie hat Mauersteine besorgt. Die sollen für den Räucherofen sein.
Beim Schrotthändler kann sie eine kleine eiserne Tür mit Rahmen kaufen — wunderbar geeignet für ihren Ofen.
Der Schlachter besorgt ihr über den Großhandel ein geeignetes Thermometer; denn die Temperatur muss beim Räuchern stimmen.
Sie ist so oft mit Willis Auto unterwegs, dass er selbst nicht mehr viel von seinem Fahrzeug sieht.
Hedwig möchte ihn dafür bezahlen, aber Willi nimmt nichts an, sagt, sie solle sich lieber um einen Führerschein kümmern, sonst würde sie noch eines Tages im Gefängnis enden.
Das macht Hedwig nachdenklich.
Willi hat ihr ein Buch mitgebracht, in dem sich lustige Zeichnungen befinden.
Ein Polizist hält den Arm mal nach oben und mal beide Arme quer. Man soll raten, was das zu bedeuten hat.
Natürlich soll man, wenn man die Prüfung bestehen möchte, nicht raten, sondern WISSEN, was das zu bedeuten hat.
Weiterhin sind Schilder abgebildet, deren Bedeutung sie aber schon von Willi erfahren hat.
Oben im Nachbarort ist so ein lustiges Schilde: "HALT — VORFAHRT ACHTEN".
Es steht noch einiges darüber im Buch, wer an einer Kreuzung zuerst fahren darf; aber die meisten Regeln findet Hedwig überflüssig; denn "Hauptsache es klappt — und irgendwie wird man sich schon einig!"
Ganz so einfach sollte sie es sich nicht machen, meint Willi dazu.
Er sagt, sie solle bei Gelegenheit mal zum Fotografen gehen und Passfotos machen lassen, er hätte eine Idee.
Wenn Willi eine Idee hat, dann ist es meistens nicht weit zu irgendwelchen Handlungen, die sich daraus ergeben. Deshalb geht Hedwig gleich am nächsten Tag zum Fotografen.
Schon in einer Woche sind die Fotos fertig und können abgeholt werden.
Hedwig ist gespannt; sie hat noch nie ein Foto von sich gesehen.

Als sie das Auto bei Willi abgeliefert hat, und die wenigen Schritte bis nach Hause geht, kann sie das salzige Wasser des Wattenmeeres intensiver als in den letzten Tagen riechen.
Leichtes Kopfweh stellt sich ein.
Ostwind!
Der Professor hat einen großen Fehler gemacht.
Die Bücher, die er über einen Kollegen bestellt hat, sind gekommen.
Er drückt sie Hedwig mit den Worten in den Hand, "da hast Du schon mal was zum Lesen, wir sprechen dann mal gelegentlich darüber, was mit Ulli ist!"
Eigentlich will sie noch einmal in das lustige Buch für Fahrschüler gucken, aber dann wird sie doch neugierig und blättert in den Büchern, die der Professor ihr gegeben hat.
Das, was sie sieht und liest, verstört sie so nachhaltig, dass sie kaum in den Büchern weiterblättern kann.
Sie muss weinen und kann überhaupt nicht mehr damit aufhören.

In den Büchern sind grimmig dreinblickende Menschen zu sehen; sie haben so etwas, zu dem der Fischerjunge gesagt hat, es wäre sein Aal. Außerdem haben sie Brüste.
Viele haben einen wirren Gesichtsausdruck oder gucken furchteinflößend.
Einige werden auf dem Jahrmarkt oder im Zirkus gezeigt und herumgeführt.
Noch mehr verletzen sie die Worte, die dort tatsächlich geschrieben stehen: "unwertes Leben" versetzt ihr einen solchen Dolchstoß ins Herz, dass sie sich kaum beruhigen kann.
Sie liest von medizinischen Überlegungen zu Häufung von "Intersexualität" unter Juden und einer "biologischen Minderwertigkeit" von Hermaphroditen.
Kaum zu verstehen: "ein Mannweib hat feminine Zeichen nur schwach ausgebildet. Die Behaarung ist übermäßig und atypisch, die Züge sind männlich, die Stimme ist tief.
Hedwig kann kaum klar denken. Was sind feminine Zeichen?
Bedeutet das, was sie gesehen und gelesen hat, dass Ulli auch so sein wird, wenn er groß ist? Ist er auch ein Hermaphrodit? Was ist das eigentlich?
Sie kann es sich nicht vorstellen: Ulli später als völlig behaarter Mensch, von dem keiner weiß, ob Frau oder Mann.
Erschöpft sinkt sie auf ihr Kissen und schläft ein.
Sie bemerkt nicht einmal, dass ihre Mutter kommt und Ulli nach dem Abendbrot ins Bettchen legt.
Magda wundert sich, dass Hedwig so einen Haufen Bücher in ihrem Bett hat, aber geht gleich wieder; denn Ulli ist müde und sie will das Kind nicht beim Einschlafen stören.
Hedwig träumt wild durcheinander: ihr selbst wachsen überall Haare und sie sieht aus wie ein Mensch aus den Büchern.
Schweißgebadet wacht sie auf und ist froh, dass die Nacht vorbei ist.
In der Küche trifft sie den Professor, der sich Stullen für seinen Arbeitstag zubereitet.
Er sieht gleich, dass Hedwig eine schreckliche Nacht gehabt haben muss und ihm dämmert, dass die Bücher etwas damit zu tun haben können.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 68 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Sie stehen sich wortlos gegenüber.
Der Professor möchte erklären, was er damit bezwecken wollte, ihr die Bücher zu geben.
Hedwig will so viel fragen — aber sie fühlt sich so verletzt, dass sie kaum ein Wort hervorbringt!
Es klopft an die Tür.
Die kleine Schwester von Karl ist gekommen.
Sie war noch nie bei ihnen.
"Karl krank!"
Auch sie spricht nicht gut, aber kann immerhin die Botschaft vermitteln: Karl wird heute nicht kommen. Ausgerechnet heute: sie hatten so viel vor.
Das Mädchen bekommt einen Apfel mit auf den Weg und soll viele Grüße bestellen.
Ob sie das verstanden hat?

Herr Kleinmann will wieder gut machen, was er mit den Büchern angerichtet hat, er will Hedwig bei der schweren Arbeit entlasten.
Vielleicht können sie dabei ins Gespräch kommen und er kann ihr vermitteln, was er eigentlich vermitteln will.
Er macht den Vorschlag: "wenn Karl heute nicht kommen kann, nehme ich mir einen Tag von meiner Arbeit frei und helfe Dir!"
Hedwig will den Vorschlag vom Tisch wischen, aber das wäre ihr Schaden. Heute ist sie auf eine helfende Hand angewiesen. Alleine wird sie die Arbeit nicht schaffen.
"Ist gut", sagt sie wenig begeistert.
Der Professor krempelt seine Hosen hoch — und dann machen sie sich auf den Weg. Sie sind schon spät dran. Es ist kurz vor Niedrigwasser.
Herr Kleinmann schiebt den schweren Wagen mit den Gerätschaften durch den tiefen Schlick.
An manchen Stellen versinken die Räder so tief, dass Hedwig helfen muss, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.
Auch bei der Arbeit stellt sich ihr neuer Helfer überraschend gut an; sie können "Hand in Hand" arbeiten.
Den Inhalt der Ofenrohre schütten sie in einen Beutel.
Wenn das Wasser abgelaufen ist, begutachten sie ihren Fang.
Schnell sortiert er mit geübtem Griff die Krebse aus. Er weiß, wo man sie anfassen muss, damit sie ihn nicht mit den Scheren erwischen und zwicken.
Auch bei den Reusen zeigt er sich durchaus anstellig. Er kann sogar gescheite Knoten machen.
Schwieriger fällt es ihm mit der Wortwahl; er will doch mit ihr ins Gespräch kommen!
Im Priel donnert ein Butt gegen sein Bein.
"Festhalten", ruft Hedwig, doch da ist es schon zu spät und der Butt ist wieder unterwegs.
"Schade", ruft sie, aber dann verbessert sie sich: "macht nichts!"
Sie unterhalten sich darüber, dass diese Butt nicht so besonders gut schmecken, eher nach Schlick. Da sind sie sich einig!
Der Professor setzt an: ""¦ es gibt so viele verschiedene Tiere im Watt — und auch"¦".
Nein, wenn er jetzt Ulli auch noch mit "Tier" in Verbindung bringt, dann ist es ganz aus.
"kann man nicht behaupten, dass hier nichts los ist bei Ebbe", fügt er schnell hinzu.
Sie sind einen Moment ganz ruhig und hören, dass überall Bewegung ist.
Nicht lange, dann kommt die Flut und wird das Landschaftsbild neu komponieren.

Sie sind fertig.
Ihre Ausbeute befindet sich in der Fischkiste.
Hedwig bedankt sich.
Irgendwie fühlt sie sich sicher in "ihrem Revier", hier ist sie Professor.
Sie fasst allen Mut zusammen, wagt sich mit einer Frage vor, sagt: "die Bücher"¦".
Weiter kommt sie nicht; denn wieder erscheinen ihr die bedrohlichen Worte und die fremden Bilder und sie verstummt.
Der Professor ist ihr dankbar, dass sie das Thema begonnen hat, ergreift gleich das Wort und bittet um Entschuldigung.
Er sagt, er muss ihr etwas ausführlich erklären.
Sie setzen sich auf den Wagen und lassen die Beine nach unten baumeln.
Schmutzige Füße sehen bei einem Studierten genauso aus wie bei einem Fischermädel.
Er spricht davon, dass er gleich zuerst hätte mit ihr reden müssen.
Die Bücher hält er für äußerst negative Beispiele. "So darf es nicht sein", wiederholt er immer wieder.
"Aber warum haben Sie mir die Bücher gegeben?"
Er muss eine ganze Weile überlegen; schließlich soll es einigermaßen verständlich sein.
Weit holt er aus, spricht von Experimenten mit Menschen und von der "reinen Rasse", die sich entwickeln sollte. "Da hatten Menschen, die anders sind, keinen Platz", wiederholt er immer wieder.
"Aber wir müssen von den Menschen ausgehen", sagt er mit fester Stimme, "das Wohl der Menschen ist wichtig, nicht ihre Rasse oder ihr Aussehen oder eine Besonderheit.
"Und warum habe ich die Bücher bekommen?", möchte Hedwig nun endlich wissen.

"Die haben mit Dir selbst und Ulli nicht viel zu tun!"
Sie ist erstaunt über die Antwort und fragt noch einmal: "warum nicht?"
Der Professor muss noch einmal weit ausholen, gerät so tief ins Geschichtliche und Politische, dass Hedwig denkt, er will ausweichen.
"Ich will damit sagen, dass diejenigen, die die Verbrechen begangen haben, schon wieder an vielen Schaltstellen sitzen. Das ist bei den Ärzten nicht anders als bei den Richtern!"
Darüber hat Hedwig sich noch keine Gedanken gemacht; aber hat das überhaupt etwas mit ihr zu tun?
"Diese Leute machen heute schon wieder die Regeln", setzt der Professor nach, "oder immer noch".
"Regeln?"
Hedwig ist neugierig.
"Die Dich und Ulli betreffenden Regeln besagen, dass es eben nur Männer und Frauen gibt und dass die Eltern Kinder, das nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, mithilfe ärztlicher Kunst passend machen sollen; denn schließlich muss die Gebursurkunde stimmen, die nur männlich oder weiblich kennt".
"Wollen die das denn?"
"Die Frage ist gut", entgegnet der Professor, die Kinder sind noch klein und können noch nichts dazu sagen — und den Eltern wird gesagt, das sei notwendig".

Sie sitzen immer noch auf dem Wagen.
Die Füße platschen schon ins Wasser, wenn sie sich bewegen. Selbst Hedwig ist so vertieft in das Gespräch, dass sie die herannahende Flut nicht bemerkt hat.
Nun wird es aber Zeit! Sie beeilen sich, aber trotzdem werden die Hosen nass.
Unterwegs ans Ufer erklärt der Professor ihr, dass aus den Kindern, bei denen das Geschlecht nicht eindeutig festgestellt wird, in den meisten Fällen "ein Mädchen gemacht wird,
sie operieren einfach das weg, was ihnen zu viel oder zu groß erscheint!"
Hedwig ist wieder ganz entsetzt: "dann sind auch die Ärzte nicht besser als diejenigen, die die Bücher verfasst haben!"
Das ist zwar etwas vereinfachend gesprochen, aber der Professor muss ihr Recht geben.
Nein, so etwas wird Hedwig nie und nimmer zulassen.
"Und was wird mit den Kindern, die nicht operiert werden?"
Mit der letzten Frage erreichen sie das Ufer.
Beim Abladen und Verstauen schlägt ihr der Professor vor: "Ihr solltet Ulli jedenfalls untersuchen lassen. Ich habe einen guten Kollegen, der könnte das machen. Du müsstest mit Ulli in die Klinik kommen!"
Nein — das will Hedwig auf keinen Fall, auch nicht, wenn es nur um eine Untersuchung geht.
"So lange Ulli klein ist, wird es keine Schwierigkeiten geben; denn ihr habt es schlau vorgehabt mit der Eintragung in die Geburtsurkunde, aber was ist, wenn es in die Schule geht?"
Dann werden die Lehrer fragen: "Junge oder Mädchen?"
Aber bis dahin ist noch viel Zeit.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 69 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hein ist auf dem Weg nach Flensburg.
Die Adresse, die auf dem Briefumschlag steht, hat er sich auf einen Zettel geschrieben und er hofft, Mechthild dort anzutreffen.
Sie hat, soweit Hein weiß, keine Freunde und Verwandte auf der Insel — und die "gnädige Frau" wollte keine genaue Auskunft geben, sondern sagte nur: "die Eltern wohnen in Flensburg, mehr weiß ich nicht!"
Hein hat eine silberne Kette gekauft. Eigentlich wollte er einen Ring kaufen.
Als die Verkäuferin nach der Größe fragte, konnte er nur sagen: "für 'ne Frau!"
Er hat nicht darüber nachgedacht, dass es sehr unterschiedliche Größen gibt. Die Verkäuferin hat ihm zu einer silbernen Kette geraten, "da kann man mit der Größe nicht so viel falsch machen".
Bei Koreinke hat Hein einen Blumenstrauß gekauft. Der ist schön und man sieht ihm überhaupt nicht an, dass er in einer Friedhofsgärtnerei gekauft wurde.
"Na, auf Brautschau?"
Hein ist die Antwort schuldig geblieben, zahlt und geht.
Nun sitzt er im Zug, der gerade über den Damm rumpelt.
In der Ferne sieht er den Leuchtturm und kann einige Häuser seines Dorfes erahnen. Mit einem Fernglas müsste er auch sein Haus sehen können.
Aus dieser Perspektive sieht das Dorf ganz anders aus, fast fremd — und wie gemalt.
Träge liegt das Watt zu beiden Seiten des Dammes.
Es ist Ebbe.
Wenn die Hamburger das erste Mal auf die Insel reisen und sie sehen kein Wasser, sondern den Schlick, dann rufen sie entsetzt: "schade — das ist ja gar keine Insel!"
Hein ist auch schon bei Sturm über den Damm gefahren; da war es, als wären die Wellen im Wettstreit, wer als erste die Geleise erreichen würde.
Hein ist auch schon heimlich über den Damm gefahren — mit dem Fahrrad.
Das ist eigentlich verboten; aber er hatte Glück und wurde nicht erwischt.
Hein rutscht unruhig auf der harten Holzbank hin und her. Beim Fahrpreis hat er gespart; schließlich hat er für die Kette und die Blumen genug Geld ausgegeben.
"Die Fahrkarten bitte!"
Gleichzeitig mit dem Einspannen der Karte in die Zange sagt ihm der Schaffner: "in Niebüll umsteigen bitte!"
Das weiß Hein schon längst, sagt trotzdem "danke!"
Er ist so oft auf der Strecke unterwegs gewesen, dass er auch mit verbundenen Augen an der richtigen Stelle umsteigen und später aussteigen könnte — und das ganz ohne Hilfe oder Ansage.
Die ersten Ausläufer des Festlandes sind schnell erreicht.
Schafe grasen auf dem Deich; ein Bild, das Frieden verbreitet.
Wie gut, dass die Zeit vorbei ist, in der die Tiefflieger Mensch und Tier in Panik versetzten.
Die Zeit darf nie wiederkommen!
Hein ist ganz in Gedanken versunken, muss sich fast gewaltsam in das Hier und Jetzt zurückholen.
Nein, er ist nicht auf dem Weg zur Marineschule und auch nicht auf dem Weg zum Schiff!
Mit jedem Bahnhof steigt seine Anspannung.
Das Wort "Bahnhof" ist bei manchen Haltestellen leicht geprahlt. Schließlich sagen die Leute nicht umsonst über den Bummelzug: "der hält an jeder Milchkanne!"
Endlich ist Niebüll erreicht.
Quietschend hält der Zug; Dampf entweicht zischend irgendwelchen Rohren der Lokomotive und Wasser tropft ins Gleisbett.
Hein muss durch die Unterführung, um das andere Gleis zu erreichen.
Misstrauisch und vorsichtig bewegt er sich. Dabei macht die Unterführung keinen baufälligen Eindruck, aber alles, was "unter Tage" ist, versetzt Hein in Angst und Schrecken.
Er ist froh, als er wieder nach oben steigen kann. Er nimmt zwei Stufen auf einmal.
Eine Weile muss er warten.
Endlich geht es weiter.
Hein hat wieder einen Sitzplatz und schaut aus dem Fenster.
Langweilig und öde findet er die Strecke — und nicht einmal das Watt ist zu sehen.
Die meisten Leute sind im Sonntagsstaat wie er.
Wochentags sieht das ganz anders aus.

In Flensburg ist wieder eine Unterführung zu überwinden.
Hein ist tapfer.
Immer noch sitzt ein Bahnbeamter in dem kleinen Holzkabäuschen und kontrolliert die Bahnsteig- und Fahrkarten, bevor man den Bahnhof verlassen kann.
Draußen warten einige Taxifahrer auf Fahrgäste.
Einem hält Hein seinen Zettel unter die Nase und fragt, wie er da am besten hinkommt.
"Am besten mit mir — und am billigsten zu Fuß!"
Hein entscheidet sich für die billige Lösung.
"Oben an der Glücksburger muss das sein!"
Der Fahrer verliert nicht viele Worte.
Kein Wunder; da kommen Fahrgäste, die schon von weitem winken und rufen "Taxi bitte!"
Hein ahnt, wo sich sein Ziel befinden könnte; schließlich war er im Krieg etliche Male in der Stadt.
Er wählt eine ihm von früher bekannte Abkürzung hat recht schnell den Hafermarkt erreicht.
Ganz so schnell sollte er nicht den Berg hinaufrennen; er beginnt schon zu schwitzen und zu schnaufen.

Nun hat er "Witterung" aufgenommen, die Glücksburger Straße erreicht.
Gleich müsste er an der richtigen Adresse angekommen sein.
Ja, stimmt!
Er hat noch einmal auf seinen Zettel gesehen.
Hier ist es.
Er steht vor einem kleinen Einfamilienhaus. Der Name auf dem Türschild ist der gleiche wie die gnädige Frau immer zu "Fräulein" hinzugefügt hat.
Hier gibt es keinen Klingelknopf zum Drücken, sondern zum Drehen.
Später wird er sehen, dass sich an der Türinnenseite eine Glocke befindet, die einer Fahrradklingel ähnlich ist.
Sein Herz schlägt bestimmt lauter als die Klingel klingeln kann.
Schlurfende Schritte.
"Ja bitte?!"
Das muss die Mutter von Mechthild sein.
Die Wortwahl fällt Hein schwer; nur mühevoll kann seinen tausendmal geübten Satz aufsagen: "Ich würde gern ihre Tochter sprechen!"
Mechthilds Mutter will eigentlich gleich die Tür zuschlagen, ahnt sie doch, dass Hein ihre Tochter geschwängert und dann sitzengelassen hat, aber sie ist höflich. Sie hat noch nie jemandem die Tür vor der Nase zugeschlagen, nicht einmal den Braunen, die die Familie "überzeugen" wollte, in die Partei einzutreten.
Sie ließ sich nicht überzeugen — und auch Hein hat es schwer.
Immerhin: Er darf hineinkommen.
Mechthilds Vater kommt hinzu.
Sie reden etwas in dänischer Sprache. Hein kann es nicht verstehen und sich keinen Reim darauf machen.
Sie gehen in die gute Stube.
Er überreicht die Blumen.
Mechthild Mutter zeigt keine Freude und legt den Strauß auf den Tisch.
Stürmen Frauen in der Regel nicht sofort los und holen eine Vase und sagen dann "oh, wie schön!"
Da hat Hein sich wohl verkalkuliert und hätte das Geld doch lieber für die zweite Klasse ausgeben sollen. Immerhin hat sie ihm die Blumen nicht um die Ohren gehauen.

"Was wollen Sie hier?"
Mechthilds Mutter kommt gleich auf den Punkt.
Hein muss ein wenig ausholen.
Erst stocken seine Worte; dann wird seine Erzählung flüssiger.
Mechthilds Eltern gucken langsam freundlicher.
Als er endlich seinen Bericht mit der Fertigstellung seines eigenen neuen Hauses abschließen kann, nimmt die Mutter die Blumen und sagt: "Sie trinken doch bestimmt eine Tasse Kaffee? Wir haben echten Bohnenkaffee!"
Als sie draußen ist, ruft sie: "Mechthild, Besuch für Dich!"
Die beiden Männer unterhalten sich darüber, dass "Flensburg nicht so viel abbekommen hat, während von Kiel nicht mehr viel übrig geblieben ist".
Dabei war doch Flensburg die letzte Reichshauptstadt, aber nur sehr kurz.
In der Küche pfeift der Kessel.
Hein betrachtet die große Standuhr, die lautstark jede Sekunde zählt und sich jede halbe und volle Stunde mit durchdringendem Getöse zu Wort meldet.
Vier Mal hat sie gerade laut geschlagen. Hein ist ganz erschrocken.
Fasziniert betrachtet er die großen Gewichte, die die Uhr am Laufen halten.
"Daran gewöhnt man sich — und man kann im ganzen Haus hören, wie spät es ist; wir brauchen eigentlich nur eine Uhr!"

Die beiden Frauen kommen.
Sie müssen draußen gesprochen haben; denn Mechthild begrüßt ihn freundlich, macht sogar einen Knicks und sagt: "das ist aber nett, dass sie uns besuchen!"
Nach einer Weile sagen Mechthilds Eltern, dass es Zeit wäre, die Hühner und das Schwein zu füttern und lassen ihre Tochter mit dem netten und fleißigen Mann ein paar Minuten alleine.
"Hühner und Schweine?" Hein vertut die wertvolle Zeit fast mit Nebensächlichkeiten.
"Ja, das ist ein Siedlungshaus und es durfte nur gebaut werden, wenn Gemüse angebaut wird und Tiere gehalten werden".
So etwas hat Hein noch nie gehört.
Endlich rafft er sich auf, greift in die Innentasche seiner Jacke und überreicht Mechthild die Kette.
"Komm wieder auf die Insel, lass uns heiraten!"
Mechthild strahlt, hat aber auch ein wenig Angst. Was ist, wenn Hein wieder so eigenartig wird? Dann redet er tagelang nichts. Schnell wischt sie den Gedanken beiseite. Schließlich ist er der Vater ihres Kindes.
Sie wollen sich gerade küssen, da kommen die Eltern aus dem Stall zurück.
Wie schnell sich Schweinegeruch in der Kleidung festsetzt und sich in der Stube ausbreitet.
"Wann geht Ihr Zug?"
Das soll wohl eine Aufforderung zum Gehen sein.
"Ja, ich muss langsam los", Hein nimmt den Faden ohne Widerspruch auf.
Er verabschiedet sich von den Eltern.
Mechthild bringt ihn zur Tür und flüstert ihm ins Ohr: "ich schreibe Dir!"
Dann haucht sie ihm noch einen Kuss auf die Wange.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 70 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hein scheint fast von allein die Glücksburger Straße hinunterzufliegen. Er hat das Gefühl, eine riesige Last ist von ihm abgefallen.
Er muss nicht lange warten; denn der Zug nach Niebüll steht schon bereit.
Vergnügt pafft er eine Zigarre, die er sich geleistet hat.
"Ja, ich weiß, in Niebüll umsteigen"; Hein hält dem Schaffner seine Fahrkarte entgegen.
Je näher sie der Insel kommen, desto schneller scheint der Zug zu fahren, es ist so, als würde er magnetisch angezogen werden.
In seinem Haus fühlt er sich ziemlich allein. Es wäre schön, wenn Mechthild nun hier wäre.
Es klopft an der Tür.
Nein, das ist natürlich nicht Mechthild, sondern Magda.
Eigentlich will er stark sein — wollen sie beide stark sein, aber dann bleibt Magda doch über Nacht. Erst zeigt sie ernstes Interesse an seinen Erlebnissen in Flensburg, aber dann will sie recht schnell zum gemütlichen Teil des Abends übergehen. Eifersucht flammt in ihr auf.
Am nächsten Morgen haben beide ein schlechtes Gewissen.
"Das war das letzte Mal!" sichern sie sich gegenseitig zu — wie schon so oft.

Hedwig hat sich entschieden. Es ist zwar ein "heimlicher Entschluss", aber ihr fester Wille: "nein, ich fahre nicht mit Ulli in eine Klinik!"
Ein paar Tage später sagt sie das dem Professor.
Der nickt nur und meint: "vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit".
Allerdings sagt er nichts darüber, was ihm eingefallen ist.
Für ein paar Tage muss er zurück zur Universität fahren und dort Proben in einem Labor analysieren lassen. Das hört sich hoch wissenschaftlich an, aber Hedwig ist es fast wichtiger, dass er das Zimmer auch für die Zeit bezahlt, in der er nicht anwesend ist.
Immerhin: seine Sachen stehen in der Kammer und er hat ihr eingeschärft, dass sie tunlichst unter Verschluss zu halten sind.
Als er nach ein paar Tagen zurückkehrt, hat er einen Kollegen dabei, einen jungen Arzt.
"Der könnte fast sein Sohn sein", denkt Hedwig.
Der junge Mann bittet, im Garten ein Zelt aufstellen zu dürfen.
Magda und Hedwig haben nichts dagegen.
Als sie am Abend zusammensitzen, kommt das Gespräch auf Ulli.
Es stellt sicher heraus: der junge Kollege des Professors ist Kinderarzt und hat sich spezialisiert auf "Kinder mit unterschiedlichen Ausprägungen des männlichen und weiblichen Geschlechts".
Hedwig versteht nicht alles, war er ihr zu erklären versucht, aber sie gibt sich Mühe; denn schließlich geht es um ihr Kind, es geht um Ulli.
"So ein Zufall, dass ausgerechnet er ein Freund des Professors ist", denkt Hedwig.
Der junge Arzt fragt, ob er Ulli untersuchen soll.
Als er Hedwigs entsetztes Gesicht sieht, fügt er schnell hinzu: "hier und in ihrem Beisein — und nur schauen!"
Nein, dagegen hat Hedwig nichts.
Sie verabreden, dass der Arzt am nächsten Tag dabei sein darf, wenn Ulli in der kleinen Zinkwanne badet.
Ostwind.
Eigentlich wäre es an der Zeit, mal zu schauen, ob die Makrelen schon da sind.
Kaum hat Hedwig diesen Gedanken zu Ende gedacht, da klopft es an der Tür. Willi ist gekommen.
"Ich habe noch nichts davon gehört, dass sie da sind", sagt er, "aber ich hätte nichts dagegen, wenn wir dieses Jahr wieder die ersten Makrelen aus dem Wasser holen!"
Heute hat er noch zu tun.
Morgen soll es ganz früh losgehen. "Das Wetter wird bleiben", hat er gehört.
Hedwig ist zufrieden; so kann sie sich heute um ihre Netze kümmern und ein wenig mit Ulli spielen.
Jetzt, wo der junge Arzt da ist, der einfach mal schauen will, denkt sie anders an ihr Kind, aber es hat sich doch nichts geändert?
Sie wischt ihre Gedanken beiseite und stapft ins Watt.
Ihre Mutter war wieder lange bei Hein, ist noch schläfrig, aber verspricht, sich um Ulli zu kümmern.
"Wie immer!" ruft sie ihr hinterher.
Das sagt sie in einem leicht vorwurfsvollen Ton.
Hedwig kann doch Ulli schlecht mitnehmen ins Watt.
Da zumindest die Aussicht auf Makrelen besteht, tut sie sie nur das Nötigste, spielt dann mit Ulli auf der Decke, die sie draußen ausgebreitet hat.
"Pass auf, dass es ihm nicht zu kühl ist von unten!"
Ja, Hedwig passt auf.
Die Ermahnung hat sie nicht gebraucht.
Ulli freut sich über die kleinen bunten Holzbausteine und eine selbst gebastelte Rassel.
Immer wieder schweifen Hedwigs Gedanken ab.
Sie sieht sich die Bausteine genauer an.
Die sind auch nicht alle gleich!
Sie denkt an die Menschen, die sie kennt und wie sie sich unterscheiden.
Auf einmal ist Aufregung im Haus!
Willi ist gekommen.
Er hält sich ein Tuch vor sein Auge.
"Fährst Du mich eben ins Krankenhaus?"
Beim Entrosten mit der rotierenden Drahtbürste hat sich ein Draht gelöst und ist ihm ins Auge geflogen. "Wie oft habe ich Dir gesagt, Du sollst die Schutzbrille aufsetzen!"
Das Schimpfen seiner Frau hilft ihm ebenso wenig wie ihre Versuche, den Draht zu entfernen.
Da ist es besser, sie fahren eben in die Klinik. Willi kennt da einen Arzt, der ist ihm noch einen Gefallen schuldig. Der wird das eben machen.
"Ich habe keine Zeit, den ganzen Tag bei unserem Dorfarzt zu sitzen!"
Hedwig kann ihn verstehen; schließlich wollen sie morgen mit dem Kutter los.
Magda schnappt sich Ulli - und Hedwig und Willi fahren los.
Die ganze Sache scheint ihn mehr mitzunehmen, als er zugeben will. Er ist ziemlich schweigsam.
Auch wenn er nur auf einem Auge sehen kann — das ist kein Nachteil für seinen Orientierungssinn.
Als die die Nordseeklinik erreichten, geht Willi mit festem Schritt voran.
Hedwig kann ihm kaum folgen.
Sie soll draußen warten und er geht alleine in ein Behandlungszimmer.
"Sie können hier nicht so einfach hereinkommen", hört Hedwig eine empörte Frauenstimme rufen.
"Doch, er kann!" Was die tiefe Stimme ausdrückt, ist besser als jeder Krankenschein.
Hedwig schaut auf das Türschild: Professor Doktor"¦
Noch so einer!
Sie geht ein wenig auf dem Gang spazieren.
Auch die anderen Schilder sind interessant zu lesen.
Auf einem Schild steht sogar "Badearzt". Sie muss innerlich lachen. Brauchen die Leute einen Arzt zum Baden?
Vor einer anderen Tür bleibt sie stehen.
Erregte Stimmen drinnen.
Eine klingt fast so wie die des jungen Arztes, aber was sollte der hier in der Nordseeklinik machen?

Willi wird vom Professor hinausbegleitet: "ein wenig Schonung solltest Du dem Augen noch gönnen!"
So so, er ist mit dem Professor sogar "per DU".
"Sehr vernünftig — Du hast einen Fahrer mitgebracht!"
Hedwig hat sich die Haare wieder kurz geschnitten. Auch hat sie ihre Arbeitssachen noch an.
Später im Spiegelbild in der großen Glastür sieht sie tatsächlich einen Kerl.
Auch egal.

Sie setzt Willi vor seinem Haus ab und fährt gleich weiter, um etwas Proviant einzukaufen.
Als sie an der Polizeistation vorbeifährt, fällt ihr ein, dass es vielleicht doch gut wäre, sich um den längst fälligen Führerschein zu kümmern, aber das Auto beherrscht sie auch wunderbar ohne.
Zügig erledigt sie ihre Einkäufe.
Als sie wieder im Dorf ist, stellt sie das Auto bei Willi ab und lässt den Schlüssel stecken.
Sie hofft, dass ihre Mutter nicht wieder fast die ganze Nacht fortbleibt. Sie wundert sich, dass sie so oft so viel mit Hein zu besprechen hat.

Sie haben Wasser warm gemacht. Ulli soll baden.
Erst ist er erschrocken. Ist das Wasser zu warm? Dann freut er sich, hat sich an das Wasser gewöhnt.
Der junge Arzt guckt aus der Entfernung, sagt aber nicht viel. Hedwig ist froh, als er sich endlich zurückzieht und sie Ulli in ein großes Handtuch einwickeln kann.
Auch am Abend, als sie noch zusammensitzen, sagt er nicht viel, aber Hedwig hat das Gefühl, dass er sehr nachdenklich ist.
Sie will früh ins Bett. Wenn sie die günstigste Strömung ausnutzen wollen, müssen sie um fünf Uhr los. Sie fragt ihre Mutter noch einmal: "geht das in Ordnung?"
"Ja" antwortet sie etwas gequält.
"Ich bin ja auch noch da!"
Komisch — den jungen Arzt hat sie überhaupt nicht gefragt.
Sie hat ein eigenartiges Gefühl, als sie im Bett liegt und an den nächsten Tag denkt.
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Re: Ostwind

Post 71 im Thema

Beitrag von online52 »

Das war jetzt aber eine lange Pause, schön das es weitergeht, Danke Dafür
Gruß
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Bianca D.
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Re: Ostwind

Post 72 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

(moin) Anne-Mette,

schön,daß die Pause nun zu Ende ist. Hab die Tage noch gedacht,wie es auf Sylt bei Hedwig weiter geht...Meine Gedanken wurden wohl erhört :)

LG Bianca
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Re: Ostwind

Post 73 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Moin Anne-Mette,

...endlich geht es weiter mit der Geschichte - spannend, danke :wink:

LG, Ulrike-Marisa
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Re: Ostwind

Post 74 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Ostwind
Es ist noch kalt, als Hedwig sich auf den Weg zum Hafen macht.
Es bläst mehr als gestern.
Willi hat den Motor des Kutters schon angeworfen. Sie sieht schon von weitem, dass er aus dem Rohr oberhalb der Wasserlinie Kühlwasser zurück ins Wasser spuckt. Es fließt mal mehr und mal weniger stark, als müsste der Motor immer wieder Spucke sammeln.
Aus einem zweiten Rohr kommt auch Wasser, etwas unregelmäßig pulsierend. Willi ist bestimmt am Pumpen und befördert das Bilgewasser aus dem Schiff. Der Muschelfischer, der seine Muschelkisten zum Aussanden an der gegenüberliegenden Kaimauer liegen hat, hat schon gerufen: "pass bloß auf, dass nicht wieder so viel Öl dabei ist!"
Sie begrüßen sich kurz.
Hedwig packt ihren Proviant und ein paar Sachen, die sie mitgebracht hat, in die kleine Kajüte.
Sie hat ein dickes Schulheft dabei — und sie hofft, dass es am Ende des Sommers wohl gefüllt ist mit ihren Fang-Ergebnissen.
Noch bevor Willi das Kommando "Leinen los" gibt, hat er den Hebel des Wendegetriebes umgelegt und Gas gegeben. Das Schiff macht einen Satz vorwärts, wird durch eine größere Welle angehoben und dann abrupt durch die Leinen gestoppt, die noch belegt sind — und knallt gegen die Kaimauer.
Der Autoreifen, der immer dort hängt, wird vollkommen zusammengepresst und schreit dabei wie ein Schwein, das gerade geschlachtet wird.
Die Festmacherleinen knirschen und ächzen. Die vordere Leine qualmt sogar ein wenig.
Hedwig kann sich im letzten Moment an einem Wantenspanner festhalten, sonst wäre sie gegen die Ecke des Kajütaufbaus geschlagen und hätte sich verletzt.
Wieder rollte eine größere Welle heran.
Willi hat inzwischen ausgekuppelt. Entschuldigend ruft er: "der Gashebel hat geklemmt!"
Hedwig ist einen Moment unaufmerksam und lässt den Wantenspanner los. Erst dann sieht sie die größere Welle, die das Schiff erneut gegen die Kaimauer wirft.
Sie schaut nicht hin — und statt des Wantenspanners greift sie erst ins Leere und dann das Stahlseil oberhalb des Spanners. Natürlich hat sie nicht gesehen, dass sich einige Drähte gelöst haben, von den anderen abstehen und sich nun in ihre Hand bohren.
Sofort fließt Blut über ihre Handinnenfläche und dann in den Ärmel.
Das fängt ja gut an.
Sie müssen endlich ablegen! Wenn sie noch länger hier auf der Luvseite liegen bleiben, gibt es Kleinholz. Hedwig wickelt ein Handtuch um ihre Hand und geht kurz nach achtern, um sich mit Willi über das Ablegemanöver zu verständigen.
Hedwig legt die vordere Leine auf Slip.
Dann löst Willi die Achterleine und drückt das Schiff achtern mit dem Bootshaken ab, was ihm nur zum Teil gelingt.
Er hat aber schon rückwärts eingekuppelt und Gas gegeben. Hedwig bleibt keine andere Möglichkeit, als die Leine zu lösen.
Sie schrammen mit dem gesamten Bugbereich an der Kaimauer entlang, sodass sie diese mit der hellblauen Farbe des Kutters verzieren; aber dann gewinnen sie endlich einen besseren Winkel und können endgültig in die Fahrrinne schwenken.
Das war eine "schwere Geburt".
Es ist nicht nur windig, sondern Willi ist auch etwas "durch den Wind".
So ein schlechtes Ablegen hatten sie noch nie. Hedwig glaubt nicht so recht an den klemmenden Gashebel.
Willi wirkt nervös.
"Du blutest ja!"
Stimmt, Hedwig hat das Handtuch nicht fest genug auf die Wunde gepresst. Blut ist nach außen getreten.
Sie knüppeln gegen die kurzen, harten Wellen des heftigen Ostwindes.
Nass werden sie — und der Kutter wirft sich den Wellen entgegen, so, dass unten in der Kajüte alles durcheinanderfliegt, was nicht festgezurrt ist. Selbst die schwere Werkzeugkiste, auf der MUNITION I steht, ist längst nicht mehr auf ihrem Platz. Einen Moment überlegt sie, hinunterzugehen und die Kiste festzusetzen, aber sie entscheidet sich, das später zu machen, "wenn es ruhiger ist".
Immer wieder werden sie von den Wellen vollkommen eingedeckt. Die Speigatten können das Wasser kaum schnell genug wieder nach außen befördern. Hier im Watt ist es bei Ostwind und ablaufender Tide fast schlimmer als auf der Nordsee, auf der die Wellen zwar höher, aber wesentlich länger sind.
Sie sehnen den Wendepunkt herbei, an dem sie endlich abdrehen können und den Wind von achtern haben.
Ein gutes Stück kommt der Wind genau von der Seite. Das Schiff poltert nicht mehr so, aber es rollt ohne Erbarmen und schüttelt Hedwig und Willi ziemlich durcheinander.
"Ich wollte schon längst ein Stützsegel besorgen und anschlagen!" Willi grummelt, aber nun ist es zu spät. Auch die Arbeit an den Wanten wollte er schon längst mal erledigt haben.
Endlich erreichen sie die Tonne, die ihnen den Kurswechsel erlaubt.
Der Wind kommt nun fast von achtern.
Als Hedwig vorne am Bug steht, hat sie fast den Eindruck, als würde der schwere Kutter auf den Wellen reiten. Manchmal "bockt" das Schiff allerdings - nur, um dann um so schneller das nächste Wellental hinabzugleiten.
So ähnlich muss es auf einem Pferd sein, denkt sie.
Zu gerne steht sie vorne und hält sich am Vorstag fest und schaut ins Wasser.
Es ist ungewohnt, sie muss sich mit der linken Hand festhalten; die rechte ist heute nicht zu gebrauchen. Wenn sie nass wird, beißt sich das Salzwasser förmlich in die Wunde.
Sie fragt Willi nach einem Pflaster, aber da muss er passen.
Allerdings haben sie ein weiteres sauberes Handtuch, das sie in Streifen reißen. Willi macht ihr einen provisorischen Verband.
Mit Sicherheitsausrüstung scheint es nicht weit her zu sein auf dem Kutter.
Was wäre wenn"¦
Hedwig traut sich erst nicht, dann fragt sie doch "so ganz nebenbei" nach Schwimmwesten.
"Da müssten zwei vorne in der Kajüte liegen". Willi ist sich nicht ganz sicher.
Hedwig schaut nach.
Tatsächlich — im Stauraum unter der einen Bank befinden sich zwei Schwimmwesten.
Feucht und schwer fühlen die sich an. Und die sollen Leben retten?
Hedwig fragt Willi, was das für Westen sind, aber Willi hat sie mal geschenkt bekommen und kann nicht viel darüber sagen. Er hat sich auch noch keine Gedanken darüber gemacht.
Er ist immer noch nicht "der alte Willi"; die Sache mit dem Auge wird ihn doch nicht so mitgenommen haben?
Hedwig macht sich Gedanken darüber, was wäre, wenn Willi plötzlich ausfallen würde durch einen Unfall oder durch eine Krankheit nicht mehr das Boot führen könnte.
Sie wäre nicht einmal in der Lage, Hilfe zu holen oder das Schiff ganz allein in den nächsten Hafen zu steuern.
Sie geht nach vorn und holt das Schulheft, das sie extra mitgenommen hat, um den Fang jeder Fahrt einzutragen. "Makrelenbuch" seht vorne, wo man eigentlich seinen Namen und seine Klasse aufschreiben soll.
"Du musst mir einiges beibringen", sagt sie zu Willi, "wie man das Boot fährt, wie man die Tonnen und anderen Seezeichen findet — und auf was man achten muss!"
"Willst Du mich ablösen als Schiffsführer?" Willi lacht endlich mal wieder.
"Nein, ich will einfach Bescheid wissen, falls mal etwas mit Dir ist und Du das Schiff nicht zurückbringen kannst.
Willi wirkt ganz nachdenklich.
Schließlich sagt er: "daran habe ich auch schon gedacht. Wenn ich über Bord falle, kannst Du schließlich nicht weiterfahren, bis der Brennstoff alle ist. Da könntest Du heute weit fahren; denn die Tanks sind voll!"
Mit sehr viel Geschick hat Hedwig den Hafen aufgemalt, als würde man ihn von oben betrachten.
Die Baken, die das Fahrwasser markieren, platziert sie aus der Erinnerung an der richtigen Stelle.
Sie muss allerdings Willi fragen, wo die erste Tonne des "richtigen Fahrwassers" liegt.
Willi erklärt es ihr.
Sie fragt ihn, wie er die Tonne jedes Mal findet, obwohl sie von der letzten Barke noch nicht zu sehen ist. Willi zeigt auf den Kompass und nennt die Zahlen, die sie "in Auge behalten" soll.
"Du musst einen leichten Bogen fahren — und Dich zurechtschummeln!"
So richtig kann Hedwig nichts damit anfangen, aber sie wird es bei der nächsten Fahrt genau beobachten, wie er sich zurechtschummelt.
Aber nun sind sie auf der Nordsee.
Hier kommt es ihr auch sehr kompliziert vor, aber sie hat schon gesehen: genau nach Westen können sie nicht laufen; denn da befindet sich eine Sandbank.
Schon bei wenig Wind toben dort die Wellen und Brecher.
Heute ist da die Hölle los. Willis Worte: "da wären wir in 5 Minuten kaputt" sind nicht sehr beruhigend.
Sie müssen entweder südwestlich durch das "Landtief" fahren oder nördlich an der Sandbank vorbei. Willi verspricht, es ihr auf einer Seekarte zu zeigen, wenn sie zurück sind.
Endlich erreichten sie die Stelle, an der sie bisher immer Erfolg gehabt haben.
Möwen sind keine zu sehen; also werden auch keine Heringe da sein.
Und die Makrelen?
Ja, die lassen auf sich warten.
Sie fahren an eine andere Stelle, wo die Ströme sich teilen.
Die ersten Fische beißen.
Es wird nicht der ganz große Fang. Manchmal ist eine Makrele an der Angel, mal zwei.
Sie haben eine gute Stunde zu tun; dann haben sie kein Glück mehr.
An einer anderen Stelle ist es auch nicht besser.
Einen Vorteil haben sie: recht schnell sind sie mit dem Ausnehmen und Waschen fertig.
Hedwig zählt.
"60 Makrelen" kann sie in das Schulheft eintragen.
Sie sind enttäuscht, hatten mit mehr gerechnet.
Wie gut, dass sie noch nicht wissen, dass sie auch in den nächsten Wochen keinen großen Fang machen werden — ebenso wie die anderen Fischer. Es wird ein ganz schlechtes Makrelenjahr.
Sie fahren zurück. Nach der letzten Tonne orientiert sich Willi an Landmarken und zeigt Hedwig, dass sie nur auf die verlängerte Linie der Dorfstraße zuhalten müssen, um schließlich auf die Kopfbarke zu treffen. Hedwig ist fasziniert: es ist genau wie Willi es ihr erklärt hat. Genau im richtigen Moment erscheint die Kopfbake im Sichtfeld.

Schweigsam teilen sie sich die Fische.
Wie gut, dass am Hafen keine Leute herumlungern, die etwas von dem Fang abhaben wollen.
Hedwig stapft nach Hause.
Sie ist immer noch nass — und müde.
Ihre Hand schmerzt, aber nicht mehr so schlimm.
Die beiden Eimer mit den Fischen setzt sie vor der Haustüre ab.
Sie freut sich auf Ulli, will ihn gleich in die Arme schließen.
Im Haus ist es merkwürdig ruhig.
Von Ulli ist nichts zu hören und nichts zu sehen.
Magda sitzt in der Küche, hat ihren Kopf auf ihren Arm gelegt, der wiederum auf dem Küchentisch liegt.
Schläft sie?
Hedwig tritt dicht an sie heran und weicht gleich wieder entsetzt zurück.
Das kennt sie überhaupt nicht: Magda riecht nach Schnaps!
Hedwig rüttelt sie, fasst an ihren Oberarm und ruft: "wo ist Ulli?"
Magda blinzelt, als sie sich mühsam aufrichtet.
"Im Krankenhaus", lallt sie. Dann sinkt ihr Kopf wieder auf den Tisch.
Hedwig will sie schütteln, aber es ist zwecklos. Sie schreit, bekommt keine weitere Antwort.

Schnell macht sie sich auf den Weg die Straße hinauf zu Willi.
Das Auto steht noch vor der Tür.
Der Schlüssel steckt.
Schon ist Hedwig unterwegs.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 75 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

So spät am Tag ist der Haupteingang des Krankenhauses für Besucher verschlossen, aber Hedwig hat auch nicht vor, "offiziell" vorstellig zu werden.
Sie wird nicht nach dem Pförtner läuten.
Eigentlich hat sie auch nur einen Verdacht, aber sie ahnt Böses.

Sie weiß, dass von den meisten Räumen des Sanatoriums ein Zugang zur Gartenanlage vorhanden ist.
Als sie einmal ihre Tante dort besuchte, sah sie, dass sogar einige Kranke mit ihren Betten "an die gute Nordseeluft" geschoben wurden.
Wie selbstverständlich biegt sie um die Hausecke und schreitet die lange Gebäudeseite mit den vielen Fenstern und Terrassentüren ab.
Es ist niemand draußen zu sehen.
In ihrer Kluft würde man sie bestimmt für einen Hausmeister halten, und wer kümmert sich schon um einen Hausmeister, der über das Gelände schlurft?
Ja, sie schlurft; denn der Tag und der Schrecken stecken in ihren Knochen.
Sie ist unendlich müde.
Die Rückseite des alten Gebäudes hat sie erreicht.
Nun müsste sie ungefähr dort sein, wo sie auf Willi gewartet hat und wo sie meinte, die Stimme des jungen Arztes gehört zu haben.
Sie bewegt sich vorsichtiger; denn wieder hört sie eine laut und erregt geführte Unterredung.
"Das kannst Du nicht machen!"
Die Antwort ist genauso laut: "Dann sollte ich mal mit Deinem Chef über Deinen Nachtdienst vor drei Wochen reden!"
Hedwig kann sich keinen Reim darauf machen, aber es klingt so, als würden die beiden Männer ihre ganze Konzentration auf das Gespräch richten.
Zigarettenrauch dringt durch das halb geöffnete Fenster.
Im Nebenraum hustet ein Kind.
Ulli?
Hedwig muss am Fenster vorbeischleichen.
Sie dreht sich ein wenig, sodass man von drinnen ihr Gesicht nicht sehen kann.
Geschafft!
Sie hat sogar Glück; ein Blick durch die Scheibe des nächsten Raumes zeigt, dass dort ein Kinderwagen steht, der ihr sehr bekannt vorkommt.
Sie hat sogar noch mehr Glück; denn die Terrassentür ist nicht verschlossen, sondern nur angelehnt. Spuren im Gras zeigen, dass auch der junge Arzt nicht den offiziellen Weg über den Haupteingang gewählt hat; denn es zeichnen sich deutliche Abdrücke von den Rädern ab.
Hedwig öffnet die Terrassentür schrittweise; denn sie knarrt ein wenig.
Endlich ist sie ganz offen.
Wenn Ulli doch nur schlafen würde!
Tatsächlich — er liegt selig schlummernd in seinem Wagen und ahnt nichts von dem, was ihm geschehen könnte.
Die Tür zum Nebenraum, in dem die beiden Männer immer noch erregt streiten, steht einen Spalt offen, aber Hedwig kann nicht hineinsehen. Dann wird auch sie nicht gesehen; das beruhigt sie ein wenig. Dabei hätte sie die beiden Gestalten sich gern angesehen.
Ganz vorsichtig greift sie nach dem Wagen und zieht ihn hinaus ins Freie.
Die vorderen Räder quietschen ein wenig; deshalb hebt sie den Wagen an und lässt ihn nur auf den hinteren Rädern rollen.
Sie muss immer noch vorsichtig sein; denn die beiden Männer können jeden Moment ihr Gespräch beendet haben und bemerken, dass der Kinderwagen fort ist.
Sie drückt die Terrassentür behutsam zu; mit leichtem Schrammen hat sie eine Stellung gefunden, in der sie verharrt. Hedwig hofft, dass Zugluft sie nicht wieder öffnet.
Da sie nicht den gleichen Weg mit dem Kinderwagen zurückgehen kann, den sie gekommen ist, schleicht sie rechts um das Gebäude herum.
Sie beschleunigt ihre Schritte, als sie um die Ecke gebogen ist, versucht aber, ruhig zu bleiben oder zumindest so zu tun, obwohl ihr Herz schlägt wie ein Glühkopfmotor mit Lagerschaden.
Die Leute im Krankenhaus scheinen sich um ihr Abendessen zu kümmern — oder haben andere Sorgen.
Hedwig gelangt unbehelligt zum Parkplatz.
Sie schließt Ulli in die Arme.
Erst weinen sie beide, aber als Ulli sieht, dass es Hedwig ist, erscheint gleich ein Lächeln auf seinem Gesicht.
Der Kinderwagen kommt auf die Ladefläche — und Hedwig fährt, mit ihrem Kind auf dem Arm, vorsichtig zurück ins Dorf.

Hein hat sich zu einem guten Kunden des Postboten entwickelt.
Er schreibt regelmäßig — und bekommt auch fast immer eine Antwort.
Bald hat er Mechthild so weit, sie will wieder auf die Insel kommen und bei ihm wohnen.
Keine Frage: sie wollen möglichst bald heiraten.
Das Kind soll schließlich in geordneten Verhältnissen aufwachsen.
Antworten

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