Ostwind - # 4
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Seine Kollegen fragen am nächsten Morgen: "na, eine lange Nacht gehabt?"
Ja, das stimmt — aber nicht so, wie sie denken.
Auch Magda ist erschöpft und kann Ulli nur halbe Aufmerksamkeit schenken.
Wie gut, dass es ein fröhliches und fast anspruchsloses Kind ist, "das passt sich nebenbei", hat Magda erst kürzlich einer Nachbarin erzählt, die wissen wollte, wie es "mit dem besonderen Kind" geht.
Hedwig ist draußen im Watt und leert die Ofenrohre und Reusen.
Sie ist froh, dass der Fang gut ist; denn sie brauchen dringend ein paar Einnahmen. Gerade in den Rohren haben sich große Exemplare verkrochen.
Sie nimmt sich vor, Otto zu überreden, den Räucherofen anzuheizen.
Insgeheim rechnet sie, was der Fang bringen müsste, aber dann denkt sie schnell an andere Angelegenheiten. Ihre Oma hat ihr immer gesagt: "erst mol hebben"¦", oder bei einer anderen Angelegenheit: "wer vorher rechnet, muss zweimal rechnen!"
Wie auch immer, es wird sich lohnen. Hedwig ist sich sicher.
Immer öfter denkt sie an Ulli — und daran, dass sie nicht weiß, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Manche Leute haben gesagt, das Kind wäre wohl verhext. Sie haben es sich noch nicht einmal angesehen. Selbst der Pastor hat das Thema "Taufe" nicht mehr angesprochen.
Aber Hedwig muss zugeben: sie war auch nicht mehr in der Kirche und hat auch nicht gerade seine Nähe gesucht.
Im nächsten Jahr soll ein neuer Pastor ins Dorf kommen.
Hedwig denkt manchmal darüber nach, wie es mit dem Fischerjungen war und wie er ausgesehen hat.
Nein, sie vermisst ihn nicht.
Oft hat sie sich beim Waschen selbst angesehen.
Ein verschwommenes Bild von dem Jungen hat sich noch im Gedächtnis, obwohl die Begegnung im Netzschuppen nur sehr kurz war.
Ulli hat von ihnen beiden etwas, sieht so aus, als hätte die Natur sich nicht entscheiden können, ob das Kind der Mutter oder dem Vater gleichen soll.
Nun hat er von beiden Geschlechtern etwas, ist ihnen vielleicht sogar noch mehr verbunden, obwohl der Vater nicht mehr da und vermutlich sehr fern ist.
Sie hat sich bei den Wanderfischern erkundigt, die wieder im Hafen liegen; den Jungen hat niemand gesehen.
Mädchen oder Junge - Hedwig weiß es nicht; aber wen könnte sie fragen?
Die Hebamme hat gesagt: das kommt vor!
Aber die Kinder sind doch nicht alle verhext?
So ein Quatsch! Hedwig schimpft mit sich selbst und schreit es ganz laut gegen den Wind.
Dazu stapft sie mit dem Fuß auf, dass es nur so platscht und der Schlick nach allen Seiten spritzt.
Es ist ein wunderbares Kind. Ihr wird ganz warm ums Herz, als sie an Ulli denkt.
Zwei Reusen sind schon wieder beschädigt. Sie ärgert sich über die Krebse.
Gut, dass sie inzwischen gelernt hat, selbst die Netze zu flicken.
Sie muss sich ganz schön abschleppen mit den Fischen und den beschädigten Reusen.
Otto ist nicht gerade begeistert, aber stimmt letztendlich zu. Auch er wird davon profitieren, wenn er den Ofen anheizt. Das Geld ist überall knapp.
Die Tonrohre für das Abwasser sind bezahlt.
Wenn Hedwig nicht im Watt ist, dann arbeitet sie mit Willi und Karl am Graben, den sie legen müssen. Das ist eine anstrengende Arbeit. Sie haben schon zwei Spatenstiele abgebrochen, als sie die großen Steine beseitigen wollten, die feststeckten und ihnen den Weg versperrten.
Sogar eine Spitzhacke kommt zum Einsatz.
Willi hat eine Richtschnur gespannt, damit der Graben gerade wird.
"Warum muss er so tief werden?" fragt Karl.
"Wir müssen an den Winter denken", erklärt Willi, "das Abwasser soll nicht einfrieren; denn Frost sprengt die Rohre". Karl will es nicht recht glauben, aber Willi erklärt ihm die verschiedenen Aggregatzustände des Wassers.
Was der alles weiß!
Hedwig hat sich die Haare wieder ganz kurz geschnitten. Lange genug hatte sie sich darüber geärgert, dass sie bei der Arbeit immer im Gesicht hingen.
Sie hat ordentlich Muskeln bekommen von der schweren Arbeit mit Spitzhacke und Spaten.
Manchmal fährt sie mit Willi über die Insel, um etwas zu transportieren.
Damit Hedwig auch etwas davon hat, fahren sie regelmäßig beim Schrotthändler vorbei, um dem ein paar Rohre oder anderes Material abzuschnacken, das sie brauchen können.
"Hast Du einen neuen Mitarbeiter?"
Der Mann an der Waage hat Hedwig tatsächlich nicht erkannt.
"Ja, das ist Hed, mein neuer Handlanger!"
"Hed? Was ist das für ein Name?"
"Kommt aus"™m Ausland". Willi will das nicht vertiefen, lacht aber innerlich.
Hedwig guckt grimmig; sie mag es nicht, wenn jemand ein Spaß auf ihre Kosten macht.
"Na, viel schnacken tut er noch nicht!" Der Mann an der Waage fragt noch, ob es Neues gibt, aber so richtig viel ist nicht passiert in den letzten Tagen.
Sie fahren los.
Karl will sich jetzt wieder regelmäßig bei ihnen einfinden. Er wirft bei der Arbeit am Graben immer wieder einen Blick ins Watt und hofft, dass er sich bald wieder an der Fischerei beteiligen kann. Auch er ist dringend auf "neues Geld" angewiesen.
Irgendwie ist er froh, dass Hedwig die Ereignisse des Winters "vergessen" hat.
Manchmal guckt er sie an, wenn nicht die Gefahr besteht, dass sie es sieht.
Lange Zeit war sein Blick sehnsuchtsvoll; inzwischen blickt er respektvoll zu ihr auf.
Das Mütterliche hat sie wohl nur noch für Ulli reserviert.
Mit Karl und Willi geht sie freundlich und respektvoll um, achtet darauf, dass es ein gerechtes Geben und Nehmen ist; aber an ihr Herz lässt sie niemanden heran.
Hein muss noch einmal zur Kundin, um eine Materialprobe abzugeben. Die gnädige Frau soll entscheiden, welche Fliesen es nun sein sollen, die bestellt werden müssen.
Mechthild freut sich, dass sie sich sehen und fragt ihn, ob sie sich am Sonntag wieder treffen.
Hein möchte jubeln, hat er doch die ganze Zeit an sie gedacht — trotz der Nacht mit seiner Schwester. Er will nicht gleich zeigen, wie sehr er sich freut und lässt es bei einem "ja, das müsste klappen" bewenden.
Seine Zurückhaltung nimmt sie kaum wahr. Nur ihr blütenweißer Schürzenvorleger und ihr Gefühl "ich bin im Dienst" halten sie davon ab, dem Handwerker um den Hals zu fallen.
Auch sie hat die ganze Zeit an ihn gedacht und den gemeinsamen Sonntag noch einmal Revue passieren lassen. Schön war es!
"Ich komme aber mit dem Rad", Hein will nicht wieder den Blitz ausleihen.
Sie ist keinesfalls enttäuscht, "fein, ich habe auch ein Rad hier — dann machen wir einen Ausflug zum Deich!"
Hein ist ihre Begeisterung ein wenig unangenehm.
Die gnädige Frau ist mit den Mustern nicht zufrieden, die er mitgebracht hat.
Nach all dem Kriegselend sollen die Fliesen freundlicher und optimistischer aussehen. Geschmacklich hat sie Hein einiges voraus; denn er hätte "Hauptsache neu, sauber und nicht zu teuer" entschieden.
Ihm kann es egal sein, er kommt gern noch einmal wieder.
Die gnädige Frau kann sich allerdings nicht verkneifen, ihm "wenn ihre Firma keine passenden Fliesen bekommt, kann ich auch zu Möller gehen" mit auf den Weg zu geben.
Sein Gedachtes "mook wat du wullt" behält er für sich und sagt, er kommt in den nächsten Tagen mit neuen Mustern wieder.
"Vielleicht kommt er auch ihretwegen so oft" sagt die gnädige Frau zu Mechthild, die errötet, "aber Möller soll auch nette Monteure haben".
Hein ärgert sich über die Frau, tut, als wäre sie etwas Besseres.
"Wie die wohl durch den Krieg gekommen ist?" denkt er, "reich geblieben oder reich geworden?"
Sonntag steht Hein pünktlich mit dem Rad vor der Tür.
Sie sind für den Nachmittag verabredet.
Hein hat die Hosenbeine unten mit Wäscheklammern so eng gemacht, dass sie nicht in die Kette geraten können. Richtig zünftig sieht er aus.
Sie radeln zum Deich.
Hein schaut gerne über die Wattwiesen.
Im Windschatten ist es richtig warm. Sie setzen sich auf seine Jacke.
"Man muss auch zusammen schweigen können", denkt Mechthild; denn Hein sagt nicht viel. Seine Gedanken gehen spazieren, können einfach nicht bei ihnen beiden bleiben, obwohl es dort gemütlich ist.
Es gelingt ihm nicht, sie festzuhalten, so sehr er es möchte.
Er hat schon den gleichen entsetzten Gesichtsausdruck wie eine Mutter, die sieht, dass wieder eines ihrer Kinder unaufhaltsam auf einen heranrasenden Zug zugeht.
Hinter dem Vorland des Deiches beginnt das Watt — und von dort gelangt man auf die Nordsee — und von dort überall hin.
"Viele sind noch weiter gekommen", denkt Hein, "weilen schon nicht mehr auf dieser Erde!"
Einige werden auch nie irgendwo angekommen sein, werden nie gefunden.
Mechthild scheint zu spüren, dass ihn etwas quält, hakt sich bei ihm ein, schmiegt sich an ihn.
Schließlich gibt sie ihm einen Kuss auf die Wange und sagt: "ich habe sogar über Nacht Ausgang, muss erst morgen wieder zum Dienst kommen!"
Hein kneift sich heftig ins Bein; das hat er schon oft gemacht; denn das vertreibt meistens die Gespenster aus der Vergangenheit.
Erst einmal - aber nie lange. Es ist, als würden sie in ihm wohnen.
Seine blauen Flecken an Armen und Beinen sind kaum noch zu zählen.
Gut, dass Hein die Hütte aufgeräumt hat; sogar frisches Bettzeug liegt auf seinem Bett — und eine saubere Garnitur für das andere Bett ist auch noch vorhanden.
Ein wenig fühlt Hein sich überfordert; er muss sich anstrengen und ein paar "was wäre wenn" zu überlegen.
"Du guckst so böse, freust Du Dich nicht?"
Mechthild hat bemerkt, dass er noch ernster und nachdenklicher geworden ist.
Was ist, wenn spät am Abend oder in der Nacht Magda erscheint?
Schließlich steht dann kein Auto vor der Tür, um zu zeigen: "heute ist Besuch da!"
Ein Überraschungsbesuch mitten in der Nacht wäre sehr unpassend.
Er kann wohl kaum ein Schild an der Tür anbringen "Bitte nicht stören".
Nun muss er doch schmunzeln, was für ein Gedanke!
"Wir fahren am besten kurz bei meiner Schwester vorbei", sagt Hein endlich, "das liegt auf dem Weg — und sie hat bestimmt Kuchen gebacken!"
"Heute hat er wohl kein Geld für das Fährcafé", denkt Mechthild, aber sie ist auch so zufrieden. Da sie auf der Insel noch nicht so viele Leute kennt, freut sie sich über neue Bekanntschaften.
Ja, das stimmt — aber nicht so, wie sie denken.
Auch Magda ist erschöpft und kann Ulli nur halbe Aufmerksamkeit schenken.
Wie gut, dass es ein fröhliches und fast anspruchsloses Kind ist, "das passt sich nebenbei", hat Magda erst kürzlich einer Nachbarin erzählt, die wissen wollte, wie es "mit dem besonderen Kind" geht.
Hedwig ist draußen im Watt und leert die Ofenrohre und Reusen.
Sie ist froh, dass der Fang gut ist; denn sie brauchen dringend ein paar Einnahmen. Gerade in den Rohren haben sich große Exemplare verkrochen.
Sie nimmt sich vor, Otto zu überreden, den Räucherofen anzuheizen.
Insgeheim rechnet sie, was der Fang bringen müsste, aber dann denkt sie schnell an andere Angelegenheiten. Ihre Oma hat ihr immer gesagt: "erst mol hebben"¦", oder bei einer anderen Angelegenheit: "wer vorher rechnet, muss zweimal rechnen!"
Wie auch immer, es wird sich lohnen. Hedwig ist sich sicher.
Immer öfter denkt sie an Ulli — und daran, dass sie nicht weiß, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Manche Leute haben gesagt, das Kind wäre wohl verhext. Sie haben es sich noch nicht einmal angesehen. Selbst der Pastor hat das Thema "Taufe" nicht mehr angesprochen.
Aber Hedwig muss zugeben: sie war auch nicht mehr in der Kirche und hat auch nicht gerade seine Nähe gesucht.
Im nächsten Jahr soll ein neuer Pastor ins Dorf kommen.
Hedwig denkt manchmal darüber nach, wie es mit dem Fischerjungen war und wie er ausgesehen hat.
Nein, sie vermisst ihn nicht.
Oft hat sie sich beim Waschen selbst angesehen.
Ein verschwommenes Bild von dem Jungen hat sich noch im Gedächtnis, obwohl die Begegnung im Netzschuppen nur sehr kurz war.
Ulli hat von ihnen beiden etwas, sieht so aus, als hätte die Natur sich nicht entscheiden können, ob das Kind der Mutter oder dem Vater gleichen soll.
Nun hat er von beiden Geschlechtern etwas, ist ihnen vielleicht sogar noch mehr verbunden, obwohl der Vater nicht mehr da und vermutlich sehr fern ist.
Sie hat sich bei den Wanderfischern erkundigt, die wieder im Hafen liegen; den Jungen hat niemand gesehen.
Mädchen oder Junge - Hedwig weiß es nicht; aber wen könnte sie fragen?
Die Hebamme hat gesagt: das kommt vor!
Aber die Kinder sind doch nicht alle verhext?
So ein Quatsch! Hedwig schimpft mit sich selbst und schreit es ganz laut gegen den Wind.
Dazu stapft sie mit dem Fuß auf, dass es nur so platscht und der Schlick nach allen Seiten spritzt.
Es ist ein wunderbares Kind. Ihr wird ganz warm ums Herz, als sie an Ulli denkt.
Zwei Reusen sind schon wieder beschädigt. Sie ärgert sich über die Krebse.
Gut, dass sie inzwischen gelernt hat, selbst die Netze zu flicken.
Sie muss sich ganz schön abschleppen mit den Fischen und den beschädigten Reusen.
Otto ist nicht gerade begeistert, aber stimmt letztendlich zu. Auch er wird davon profitieren, wenn er den Ofen anheizt. Das Geld ist überall knapp.
Die Tonrohre für das Abwasser sind bezahlt.
Wenn Hedwig nicht im Watt ist, dann arbeitet sie mit Willi und Karl am Graben, den sie legen müssen. Das ist eine anstrengende Arbeit. Sie haben schon zwei Spatenstiele abgebrochen, als sie die großen Steine beseitigen wollten, die feststeckten und ihnen den Weg versperrten.
Sogar eine Spitzhacke kommt zum Einsatz.
Willi hat eine Richtschnur gespannt, damit der Graben gerade wird.
"Warum muss er so tief werden?" fragt Karl.
"Wir müssen an den Winter denken", erklärt Willi, "das Abwasser soll nicht einfrieren; denn Frost sprengt die Rohre". Karl will es nicht recht glauben, aber Willi erklärt ihm die verschiedenen Aggregatzustände des Wassers.
Was der alles weiß!
Hedwig hat sich die Haare wieder ganz kurz geschnitten. Lange genug hatte sie sich darüber geärgert, dass sie bei der Arbeit immer im Gesicht hingen.
Sie hat ordentlich Muskeln bekommen von der schweren Arbeit mit Spitzhacke und Spaten.
Manchmal fährt sie mit Willi über die Insel, um etwas zu transportieren.
Damit Hedwig auch etwas davon hat, fahren sie regelmäßig beim Schrotthändler vorbei, um dem ein paar Rohre oder anderes Material abzuschnacken, das sie brauchen können.
"Hast Du einen neuen Mitarbeiter?"
Der Mann an der Waage hat Hedwig tatsächlich nicht erkannt.
"Ja, das ist Hed, mein neuer Handlanger!"
"Hed? Was ist das für ein Name?"
"Kommt aus"™m Ausland". Willi will das nicht vertiefen, lacht aber innerlich.
Hedwig guckt grimmig; sie mag es nicht, wenn jemand ein Spaß auf ihre Kosten macht.
"Na, viel schnacken tut er noch nicht!" Der Mann an der Waage fragt noch, ob es Neues gibt, aber so richtig viel ist nicht passiert in den letzten Tagen.
Sie fahren los.
Karl will sich jetzt wieder regelmäßig bei ihnen einfinden. Er wirft bei der Arbeit am Graben immer wieder einen Blick ins Watt und hofft, dass er sich bald wieder an der Fischerei beteiligen kann. Auch er ist dringend auf "neues Geld" angewiesen.
Irgendwie ist er froh, dass Hedwig die Ereignisse des Winters "vergessen" hat.
Manchmal guckt er sie an, wenn nicht die Gefahr besteht, dass sie es sieht.
Lange Zeit war sein Blick sehnsuchtsvoll; inzwischen blickt er respektvoll zu ihr auf.
Das Mütterliche hat sie wohl nur noch für Ulli reserviert.
Mit Karl und Willi geht sie freundlich und respektvoll um, achtet darauf, dass es ein gerechtes Geben und Nehmen ist; aber an ihr Herz lässt sie niemanden heran.
Hein muss noch einmal zur Kundin, um eine Materialprobe abzugeben. Die gnädige Frau soll entscheiden, welche Fliesen es nun sein sollen, die bestellt werden müssen.
Mechthild freut sich, dass sie sich sehen und fragt ihn, ob sie sich am Sonntag wieder treffen.
Hein möchte jubeln, hat er doch die ganze Zeit an sie gedacht — trotz der Nacht mit seiner Schwester. Er will nicht gleich zeigen, wie sehr er sich freut und lässt es bei einem "ja, das müsste klappen" bewenden.
Seine Zurückhaltung nimmt sie kaum wahr. Nur ihr blütenweißer Schürzenvorleger und ihr Gefühl "ich bin im Dienst" halten sie davon ab, dem Handwerker um den Hals zu fallen.
Auch sie hat die ganze Zeit an ihn gedacht und den gemeinsamen Sonntag noch einmal Revue passieren lassen. Schön war es!
"Ich komme aber mit dem Rad", Hein will nicht wieder den Blitz ausleihen.
Sie ist keinesfalls enttäuscht, "fein, ich habe auch ein Rad hier — dann machen wir einen Ausflug zum Deich!"
Hein ist ihre Begeisterung ein wenig unangenehm.
Die gnädige Frau ist mit den Mustern nicht zufrieden, die er mitgebracht hat.
Nach all dem Kriegselend sollen die Fliesen freundlicher und optimistischer aussehen. Geschmacklich hat sie Hein einiges voraus; denn er hätte "Hauptsache neu, sauber und nicht zu teuer" entschieden.
Ihm kann es egal sein, er kommt gern noch einmal wieder.
Die gnädige Frau kann sich allerdings nicht verkneifen, ihm "wenn ihre Firma keine passenden Fliesen bekommt, kann ich auch zu Möller gehen" mit auf den Weg zu geben.
Sein Gedachtes "mook wat du wullt" behält er für sich und sagt, er kommt in den nächsten Tagen mit neuen Mustern wieder.
"Vielleicht kommt er auch ihretwegen so oft" sagt die gnädige Frau zu Mechthild, die errötet, "aber Möller soll auch nette Monteure haben".
Hein ärgert sich über die Frau, tut, als wäre sie etwas Besseres.
"Wie die wohl durch den Krieg gekommen ist?" denkt er, "reich geblieben oder reich geworden?"
Sonntag steht Hein pünktlich mit dem Rad vor der Tür.
Sie sind für den Nachmittag verabredet.
Hein hat die Hosenbeine unten mit Wäscheklammern so eng gemacht, dass sie nicht in die Kette geraten können. Richtig zünftig sieht er aus.
Sie radeln zum Deich.
Hein schaut gerne über die Wattwiesen.
Im Windschatten ist es richtig warm. Sie setzen sich auf seine Jacke.
"Man muss auch zusammen schweigen können", denkt Mechthild; denn Hein sagt nicht viel. Seine Gedanken gehen spazieren, können einfach nicht bei ihnen beiden bleiben, obwohl es dort gemütlich ist.
Es gelingt ihm nicht, sie festzuhalten, so sehr er es möchte.
Er hat schon den gleichen entsetzten Gesichtsausdruck wie eine Mutter, die sieht, dass wieder eines ihrer Kinder unaufhaltsam auf einen heranrasenden Zug zugeht.
Hinter dem Vorland des Deiches beginnt das Watt — und von dort gelangt man auf die Nordsee — und von dort überall hin.
"Viele sind noch weiter gekommen", denkt Hein, "weilen schon nicht mehr auf dieser Erde!"
Einige werden auch nie irgendwo angekommen sein, werden nie gefunden.
Mechthild scheint zu spüren, dass ihn etwas quält, hakt sich bei ihm ein, schmiegt sich an ihn.
Schließlich gibt sie ihm einen Kuss auf die Wange und sagt: "ich habe sogar über Nacht Ausgang, muss erst morgen wieder zum Dienst kommen!"
Hein kneift sich heftig ins Bein; das hat er schon oft gemacht; denn das vertreibt meistens die Gespenster aus der Vergangenheit.
Erst einmal - aber nie lange. Es ist, als würden sie in ihm wohnen.
Seine blauen Flecken an Armen und Beinen sind kaum noch zu zählen.
Gut, dass Hein die Hütte aufgeräumt hat; sogar frisches Bettzeug liegt auf seinem Bett — und eine saubere Garnitur für das andere Bett ist auch noch vorhanden.
Ein wenig fühlt Hein sich überfordert; er muss sich anstrengen und ein paar "was wäre wenn" zu überlegen.
"Du guckst so böse, freust Du Dich nicht?"
Mechthild hat bemerkt, dass er noch ernster und nachdenklicher geworden ist.
Was ist, wenn spät am Abend oder in der Nacht Magda erscheint?
Schließlich steht dann kein Auto vor der Tür, um zu zeigen: "heute ist Besuch da!"
Ein Überraschungsbesuch mitten in der Nacht wäre sehr unpassend.
Er kann wohl kaum ein Schild an der Tür anbringen "Bitte nicht stören".
Nun muss er doch schmunzeln, was für ein Gedanke!
"Wir fahren am besten kurz bei meiner Schwester vorbei", sagt Hein endlich, "das liegt auf dem Weg — und sie hat bestimmt Kuchen gebacken!"
"Heute hat er wohl kein Geld für das Fährcafé", denkt Mechthild, aber sie ist auch so zufrieden. Da sie auf der Insel noch nicht so viele Leute kennt, freut sie sich über neue Bekanntschaften.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Magda sieht die beiden Fahrradfahrer schon von weitem. Sie ist gerade draußen.
Es stimmt, sie hat einen Kuchen gebacken.
Hein stellt seine neue Freundin vor.
Magda zeigt ihr, dass Friesinnen nicht nur stolz sind, wenn sie Friesentracht und Friesenschmuck angelegt haben.
So kommt eine Unterhaltung nicht recht in Gang, aber der Besuch hat seinen Zweck erfüllt. Im Gehen raunt Hein seiner Schwester zu: "Sie bleibt über Nacht bei mir!"
"Viel Spaß auch", giftet Magda zurück.
Sie verabschieden sich.
In Heins Hütte kommt erst ein wenig Verlegenheit und Langeweile auf, aber beim Beziehen des zweiten Bettes, das sie gemeinsam erledigen, kommen sie sich näher.
Sie scherzen, das Kissen fliegt hin und her — und plötzlich liegen sie zusammen auf dem Bett und balgen herum.
Mechthild "findet" den Knopf seiner Hose, aus der er sich herausschlängelt.
Sie hat nicht viel auszuziehen.
Im Dämmerlicht bewundert er ihre zarte, weiße Haut.
Er versucht anzubringen, was er von Magda gelernt hat, streichelt mit seinen Händen und seiner Zunge. Mechthild schnurrt wie ein Kätzchen.
Schließlich zieht sie ihn auf sich.
Sie öffnet ihre Schenkel und gewährt ihm Einlass.
Feste Bewegungen — so wie er es gelernt hat.
"Schlaf nicht ein", hat Magda manchmal zu ihm gesagt.
Mechthild scheint es nicht zu gefallen.
"Nicht so schnell — und nicht so heftig!"
Er ist ratlos, bewegt sich vorsichtiger.
Sie guckt zufriedener, steuert die Bewegungen mit sanftem Druck ihrer Hände und Füße.
Er hat die Signale verstanden.
Sie bewegen sich im Gleichtakt.
Hein will sie küssen, verfehlt den Mund — und fühlt mit seinen Lippen, dass ihre Wange ganz nass ist und salzig schmeckt.
Hat er etwas falsch gemacht?
Tut es ihr weh?
Er wird langsamer.
Er will aufhören; seine Erregung ist durch die Verunsicherung nicht mehr so stark.
"Komm", ruft sie, "es ist schön!"
Sie krallt sich in seinem Rücken fest, gibt wieder den Takt an.
Er kommt zu seiner Erlösung.
Erschöpft rollt er sich von ihr herunter.
"Wir sehen uns jetzt öfter", müssen sie nicht sagen und verabreden; ein unsichtbares Band hat sie zusammengefügt.
Hedwig weiß nicht, warum ihre Mutter so schlechte Laune hat. Sogar zu Ulli war sie ziemlich grob. Ob es ihr nicht gut geht?
Dabei ist sie so darauf angewiesen, dass alles klappt.
Schließlich haben sie noch so viel mit dem Ausschachten des Grabens und dem Verlegen der Rohre zu tun.
Immer öfter stellt sie sich allerdings die Frage: "Wozu das alles, wozu die endlose Plackerei?"
Willi kommt fast jeden Tag und treibt sie an.
"Nun mal zu, Hed", ärgert er sie, aber er meint es gut.
Der Graben ist endlich fertig.
Nun schachten sie ein tiefes Loch aus für die Klärgrube.
Wieder kommen Spitzhacke, Spaten und Schaufeln zum Einsatz.
"Hed der Maulwurf", Willi kann es nicht lassen, der Sache einen lustigen Anstrich zu geben.
Hedwig verzieht das Gesicht, wäre lieber in Watt oder auf dem Kutter.
Karl löst sie ein paar Stunden ab, aber als sie wieder auf der Baustelle erscheint, ist Willi immer noch da und begrüßt sie mit dem Wort "Spätschicht".
Sie kommen ganz gut mit dem Ausschachten voran, aber ist ihre Arbeit nicht vollkommen sinnlos?
Wo sollen sie das Geld für das Material hernehmen, das sie zum Bau der Klärgrube brauchen?
Was sollen sie mit einer Abflussleitung? Sie haben doch gar kein Wasser, das abfließen kann!
Mit solchen Fragen darf Hed ihrem Kameraden eigentlich nicht kommen, wenn er Spaten und Spitzhacke wie besessen in die Erde schlägt, als gelte es, etwas zu zerstören.
Wenn sie abends die Arbeit niederlegen, dann sprudeln seine Ideen ganz von alleine.
Sie sitzen bei einem Bier auf der Bank, die vor dem Haus steht.
Willis Fantasie bekommt Flügel durch das Bier und durch das Gefühl, wieder ganz viel geschafft zu haben.
"Du musst noch einen Anbau vornehmen", beginnt der die Unterhaltung.
Er schlägt vor, da wo der Graben an das Haus stößt, einen kleinen Vorbau mauern zu lassen und dort eine Toilette einzubauen.
"Wir haben doch unser Klo-Haus" will Hedwig seine Ideen vom Tisch wischen, "und Geld habe ich auch kaum noch. Die viele Erde, die wir ausgehoben haben, werden wir nicht essen können".
Aber je länger sie überlegt, desto überzeugter ist sie davon, dass Willi Recht hat.
Hein kommt vorbei.
Er will wohl ein wenig um "gut Wetter" bei Magda bitten.
Sogar Blumen hat er dabei.
"Was ihr alles geschafft habt!"
Er lobt die Bauarbeiten und kündigt an: "ich kann euch gerne etwas Material besorgen, schließlich habe ich eine ganze Weile hier gewohnt und es gut gehabt!
Was könnt ihr brauchen?"
Willi scheint schon gewusst zu haben, dass jemand kommt, dem man nur einen Wunschzettel überreichen muss; er hat alles parat.
Sie brauchen Schalhölzer, Zement, Kalk, Steine für den Anbau.
Hein lässt sich alles erklären. Was Willi vorschlägt, hat Hand und Fuß.
Die Liste ist fast ein wenig zu umfangreich für seine Möglichkeiten, aber er will mit dem Chef sprechen und ihn fragen, ob sie ein paar Sachen auf Kredit bekommen.
Mechthild hat am Sonntag wieder frei — und kommt ganz von allein mit ihrem Fahrrad, ohne das Hein sie abholen oder auch nur rufen muss.
Dieses Mal hat sie Kuchen gebacken und sogar etwas Kaffee auftreiben können.
Sie bleibt wieder über Nacht und macht sich am nächsten Morgen ganz früh auf den Weg zur Arbeit.
Es stimmt, sie hat einen Kuchen gebacken.
Hein stellt seine neue Freundin vor.
Magda zeigt ihr, dass Friesinnen nicht nur stolz sind, wenn sie Friesentracht und Friesenschmuck angelegt haben.
So kommt eine Unterhaltung nicht recht in Gang, aber der Besuch hat seinen Zweck erfüllt. Im Gehen raunt Hein seiner Schwester zu: "Sie bleibt über Nacht bei mir!"
"Viel Spaß auch", giftet Magda zurück.
Sie verabschieden sich.
In Heins Hütte kommt erst ein wenig Verlegenheit und Langeweile auf, aber beim Beziehen des zweiten Bettes, das sie gemeinsam erledigen, kommen sie sich näher.
Sie scherzen, das Kissen fliegt hin und her — und plötzlich liegen sie zusammen auf dem Bett und balgen herum.
Mechthild "findet" den Knopf seiner Hose, aus der er sich herausschlängelt.
Sie hat nicht viel auszuziehen.
Im Dämmerlicht bewundert er ihre zarte, weiße Haut.
Er versucht anzubringen, was er von Magda gelernt hat, streichelt mit seinen Händen und seiner Zunge. Mechthild schnurrt wie ein Kätzchen.
Schließlich zieht sie ihn auf sich.
Sie öffnet ihre Schenkel und gewährt ihm Einlass.
Feste Bewegungen — so wie er es gelernt hat.
"Schlaf nicht ein", hat Magda manchmal zu ihm gesagt.
Mechthild scheint es nicht zu gefallen.
"Nicht so schnell — und nicht so heftig!"
Er ist ratlos, bewegt sich vorsichtiger.
Sie guckt zufriedener, steuert die Bewegungen mit sanftem Druck ihrer Hände und Füße.
Er hat die Signale verstanden.
Sie bewegen sich im Gleichtakt.
Hein will sie küssen, verfehlt den Mund — und fühlt mit seinen Lippen, dass ihre Wange ganz nass ist und salzig schmeckt.
Hat er etwas falsch gemacht?
Tut es ihr weh?
Er wird langsamer.
Er will aufhören; seine Erregung ist durch die Verunsicherung nicht mehr so stark.
"Komm", ruft sie, "es ist schön!"
Sie krallt sich in seinem Rücken fest, gibt wieder den Takt an.
Er kommt zu seiner Erlösung.
Erschöpft rollt er sich von ihr herunter.
"Wir sehen uns jetzt öfter", müssen sie nicht sagen und verabreden; ein unsichtbares Band hat sie zusammengefügt.
Hedwig weiß nicht, warum ihre Mutter so schlechte Laune hat. Sogar zu Ulli war sie ziemlich grob. Ob es ihr nicht gut geht?
Dabei ist sie so darauf angewiesen, dass alles klappt.
Schließlich haben sie noch so viel mit dem Ausschachten des Grabens und dem Verlegen der Rohre zu tun.
Immer öfter stellt sie sich allerdings die Frage: "Wozu das alles, wozu die endlose Plackerei?"
Willi kommt fast jeden Tag und treibt sie an.
"Nun mal zu, Hed", ärgert er sie, aber er meint es gut.
Der Graben ist endlich fertig.
Nun schachten sie ein tiefes Loch aus für die Klärgrube.
Wieder kommen Spitzhacke, Spaten und Schaufeln zum Einsatz.
"Hed der Maulwurf", Willi kann es nicht lassen, der Sache einen lustigen Anstrich zu geben.
Hedwig verzieht das Gesicht, wäre lieber in Watt oder auf dem Kutter.
Karl löst sie ein paar Stunden ab, aber als sie wieder auf der Baustelle erscheint, ist Willi immer noch da und begrüßt sie mit dem Wort "Spätschicht".
Sie kommen ganz gut mit dem Ausschachten voran, aber ist ihre Arbeit nicht vollkommen sinnlos?
Wo sollen sie das Geld für das Material hernehmen, das sie zum Bau der Klärgrube brauchen?
Was sollen sie mit einer Abflussleitung? Sie haben doch gar kein Wasser, das abfließen kann!
Mit solchen Fragen darf Hed ihrem Kameraden eigentlich nicht kommen, wenn er Spaten und Spitzhacke wie besessen in die Erde schlägt, als gelte es, etwas zu zerstören.
Wenn sie abends die Arbeit niederlegen, dann sprudeln seine Ideen ganz von alleine.
Sie sitzen bei einem Bier auf der Bank, die vor dem Haus steht.
Willis Fantasie bekommt Flügel durch das Bier und durch das Gefühl, wieder ganz viel geschafft zu haben.
"Du musst noch einen Anbau vornehmen", beginnt der die Unterhaltung.
Er schlägt vor, da wo der Graben an das Haus stößt, einen kleinen Vorbau mauern zu lassen und dort eine Toilette einzubauen.
"Wir haben doch unser Klo-Haus" will Hedwig seine Ideen vom Tisch wischen, "und Geld habe ich auch kaum noch. Die viele Erde, die wir ausgehoben haben, werden wir nicht essen können".
Aber je länger sie überlegt, desto überzeugter ist sie davon, dass Willi Recht hat.
Hein kommt vorbei.
Er will wohl ein wenig um "gut Wetter" bei Magda bitten.
Sogar Blumen hat er dabei.
"Was ihr alles geschafft habt!"
Er lobt die Bauarbeiten und kündigt an: "ich kann euch gerne etwas Material besorgen, schließlich habe ich eine ganze Weile hier gewohnt und es gut gehabt!
Was könnt ihr brauchen?"
Willi scheint schon gewusst zu haben, dass jemand kommt, dem man nur einen Wunschzettel überreichen muss; er hat alles parat.
Sie brauchen Schalhölzer, Zement, Kalk, Steine für den Anbau.
Hein lässt sich alles erklären. Was Willi vorschlägt, hat Hand und Fuß.
Die Liste ist fast ein wenig zu umfangreich für seine Möglichkeiten, aber er will mit dem Chef sprechen und ihn fragen, ob sie ein paar Sachen auf Kredit bekommen.
Mechthild hat am Sonntag wieder frei — und kommt ganz von allein mit ihrem Fahrrad, ohne das Hein sie abholen oder auch nur rufen muss.
Dieses Mal hat sie Kuchen gebacken und sogar etwas Kaffee auftreiben können.
Sie bleibt wieder über Nacht und macht sich am nächsten Morgen ganz früh auf den Weg zur Arbeit.
-
Ulrike-Marisa
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 4765
- Registriert: Mo 21. Mai 2012, 13:58
- Geschlecht: transsexuell
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Region Schleswig
- Hat sich bedankt: 641 Mal
- Danksagung erhalten: 373 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Hallo Anne-Mette,
...bin gerade erst zwischendurch zum lesen gekommen; vielen Dank für die spannende Geschichte - habe ich ja schon mal gesagt, du hast Talent für so was...
Beste Leserinnengrüße, Ulrike-Marisa
...bin gerade erst zwischendurch zum lesen gekommen; vielen Dank für die spannende Geschichte - habe ich ja schon mal gesagt, du hast Talent für so was...
Beste Leserinnengrüße, Ulrike-Marisa
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Danke, Ulrike-Marisa
Hein scheint sich nach den Kriegsjahren und seiner langen Abwesenheit wieder eingelebt zu haben.
Seine Arbeit geht ihm gut von der Hand. Die Kunden mögen ihn, der Chef vertraut ihm — und die Kollegen respektieren ihm, ohne dass er laut werden muss.
Sie sagen auch nicht mehr "Scholli" zu ihm wie in der ersten Zeit, in der sie ihn so nannten, weil er so lange verschollen war. Selbst die Anspielungen auf seine Schwester haben nachgelassen.
"Schließlich hat er eine Freundin, da wird doch alles mit ihm in Ordnung sein!"
"Es müsste immer Wochenende sein", denkt Hein sich; denn er hat sich an das Zusammensein mit Mechthild gewöhnt, freut sich die ganze Zeit auf sie.
So sehr er auf den Wandkalender starrt: sein Wunsch bleibt unerfüllt.
Viele seiner Wünsche bleiben unerfüllt.
Er hätte gern die verlorenen Jahre zurück.
Er hätte gern die verlorenen Menschen zurück.
Alleine in seiner Hütte kommen immer wieder die Gespenster der Vergangenheit, um ihn zu holen.
Wer hat eigentlich gesagt, dass Gespenster weiß sind?
Nein, das sind sie nicht, sie sind pechschwarz und haben klebrige Finger.
Er kann nicht alleine bleiben und still sitzen. Schlafen kann er auch noch nicht, obwohl er von der Arbeit müde ist.
So bricht er manchmal auf zu einem Gang durch die Gemeinde, schaut auch bei seiner Schwester vorbei.
Er hat einen guten Grund, dort aufzutauchen und zu fragen, wie es geht, hat er doch eine ganze Menge Baumaterial zu einem Spottpreis und entgegenkommenden Zahlungsbedingungen besorgen können.
Wenn er sieht, dass noch eine Hand gebraucht wird, packt er mit an.
Der Bau der Klärgrube gestaltet sich schwerer, als sie gedacht haben; aber eines Tages ist sogar das geschafft. Willi schlägt vor, einen Betondeckel zu verwenden; denn schließlich soll und darf niemand hineinfallen. Hein hält das für eine gute Idee. Allerdings müssen sie sich eine Lösung überlegen, falls mal abgepumpt werden soll.
Hein arbeitet eine großzügige Öffnung ein. Die wird nach Härten des Betons mit einem Deckel aus massivem Holz verschlossen. Die Betonplatte ist sehr schwer. Sie müssen einige Nachbarn zu Hilfe holen, um sie schließlich an ihren Platz zu bewegen.
Die Nachbarn staunen: "hat man sowas schon gehört? — eine Klärgrube. Nun werden sie wohl doch vornehm im Haus am Watt!"
Zuerst machen sie sich ein wenig lustig und fragen Hedwig, ob sie dann auch mit ihrem Strahl durch die Öffnung im Deckel der Grube zielen kann. Hedwig errötet, findet aber schnell ihre Fassung wieder: "pass Du mal auf, wo Du hinpinkelst!"
Die Schalbretter haben ausgedient und werden unter dem Dachüberstand des Netzschuppens aufgestapelt.
Als der Anschluss der Rohre schließlich in die Grube mündet, ist Willi zufrieden.
Sie machen einen Probelauf, gießen am Haus Wasser in das Endstück der Röhre - und stellen erfreut fest, dass es wie berechnet in die Grube fließt.
"Ein Wunder", lobt Hedwig und fällt Willi um den Hals.
Hein will sich verabschieden, sie haben Feierabend gemacht.
"Du kannst auch hierbleiben!" Magda lockt ihn mit einem zuckersüßen Lächeln.
Doch an diesem Abend ist Hein stark, dankt für das Angebot, aber möchte zurück in seine Hütte gehen, weil er noch Essen auf dem Herd stehen hat.
Wer lange gehungert hat, wirft nichts weg!
Magda kann ihre Enttäuschung nur zum Teil verbergen.
Sie verspürt einen ganz anderen Hunger — oder ist es Durst?
Sie hat Sehnsucht, würde aber Hein auch gern zeigen, dass sie besser für ihn sorgen kann als Mechthild, die sie immer noch nicht so richtig mag.
Alle brauchen ein paar Tage Erholung von den Bauarbeiten.
Hedwig hat ihr Ruderboot umgedreht und den Boden und die unteren beiden Planken geteert; denn sie will möglichst bald wieder zum Totten hinausrudern.
Sie nimmt Ulli oft mit nach draußen. Er sitzt in seinem Kinderwagen und scheint ihr zuzusehen.
Nur selten stört er sie bei der Arbeit.
Nun meldet er sich aber doch. Sicherlich ist die Windel nass.
"Moment", ruft Hedwig. Sie will so gerne mit der Arbeit fertig werden, war mit so großem Eifer dabei, dass nicht nur das Boot ordentlich Teer abbekommen hat, sondern auch ihre Hände.
So kann sie Ulli nicht anfassen.
Es dauert länger als einen Moment; denn sie sieht, dass eine Niete aufgesprungen ist, die eigentlich zwei Planken zusammenhalten soll, die sich überlappen. Eine lange Lücke ist zu sehen. So sehr sie auch mit dem Daumen gegendrückt — die Planke kann sie nicht wieder an ihren Platz bringen; sie bewegt sich keinen Millimeter.
Da muss sie wohl schon wieder Willi um einen Gefallen bitten; denn sie selbst hat noch nie mit Nieten gearbeitet.
Nun wird es wirklich Zeit, Ulli ist schon fast ein wenig heiser.
"Na, was hat denn der Kleine?"
Die ole Hex war eben noch auf der großen Heidefläche unterwegs und wurde von seinem Weinen angelockt, steht nun am Kinderwagen und setzt ihn in eine leichte Schaukelbewegung. Ulli wird sofort ruhig und guckt die Frau interessiert an.
Angst vor Fremden hat er nicht.
"Was für ein schönes Kind, kommt es nach Mutter, oder Vater?"
Sie hält ihren Kopf ein wenig schräg, richtet ihren Blick auf Ulli — und dann auf Hedwig.
"Das kann man nur sagen, wenn man wüsste, wer der Vater ist" meint sie schließlich etwas spöttisch und antwortet damit sich selbst, fragt dann aber nach: "weißt Du es selbst? Man hört, es ist ein Fischerjunge".
"Wir müssen gehen!"
Hedwig lässt die alte Abwaschbürste, die sie als Pinsel benutzte, im Teerpott, schnappt sich den Kinderwagen — und stapft los.
Die alte Frau murmelt etwas, aber Hedwig versteht sie nicht.
Magda ist nicht begeistert; denn Hedwig hat den Kinderwagen mit Teer eingesaut.
Erst einmal nimmt sie ihr das Kind ab und macht ihm eine neue Windel; dann versucht sie die Teerflecken mit Butter zu beseitigen.
Willi kommt vorbei, will wieder zum Schrotthändler.
Sie brauchen unbedingt eine Wasserpumpe und einen Drucktank, dazu Rohre.
"Hed, du siehst ut wie n Sootje!", neckt er sie, "ist denn auch ein klein wenig Teer auf Deinem Boot gelandet?"
Hedwig grummelt Unverständliches, aber ist froh, dass sie mit ihm auf Tour darf. Ihre Hände reinigt sie mit Benzin.
"Wie neu", grinst sie zufrieden.
"Wenn Du so saubere Hände hast, kannst Du fahren!"
Willi hat seinen großzügigen Tag.
So ganz geheuer ist es ihr nicht; was ist, wenn der Dorfpolizist sie sieht?
Willi lacht ihre Bedenken weg: "der macht bestimmt Mittagsstunde!"
Das Anfahren klappt noch nicht so gut. Das ist kein Wunder; denn sie haben wegen der Bauarbeiten lange nicht geübt.
Nach einer Weile geht es besser. Hedwig fühlt sich stark und mächtig hinter dem großen Lenkrad.
Kurz vor der Kirche hupt sie aus lauter Übermut.
Nun fahren sie am Haus des Polizisten vorbei.
Sein Fahrrad steht vor der Tür. Willi hat Recht gehabt.
"Moin Hed", begrüßt sie der Mitarbeiter des Schrotthändlers.
Hedwig will ihm eine passende Antwort geben, aber wozu soll sie sich aufregen?
"Moin", ist ihre knappe Antwort.
"Der Name ist so selten, den MUSS man sich einfach merken", setzt der Mann fort, fragt aber dann doch: "was wollt ihr heute? Kaufen oder verkaufen?"
"Wir haben nichts mit für euch", antwortet Willi, aber wir brauchen eine ganze Menge".
Er zählt auf. Bei einigen Posten nickt sein Gegenüber, bei anderen sagt er "vielleicht" und bei einigen wenigen Teilen sagt er "ham wir nich".
Neue Eisenrohre bekommen sie für die Wasserleitung, "verzinkt", sagt der Verkäufer und klopft stolz mit seinem Schlüsselbund auf die Rohre - und einen großen Weidenkorb voller Rohrstücke. Sie müssen zu zweit anpacken, so schwer ist er.
Hedwig sieht erst später, welche Bewandtnis es mit diesem kurzen Rohrstücken hat.
Einige sind gerade, einige gebogen, auch einige in Form des Buchstabens "T" sind dabei.
"Willst Du die an die langen Rohre schweißen?" Sie hat in Willis Werkstatt das Schweißgerät mit den großen Gasflaschen bewundert.
Das Gelächter der beiden Männer zeigt, dass es eine "dumme Frage" ist.
"Quatsch — wir schneiden Gewinde und verschrauben die Teilstücke!"
Lange sucht der Mitarbeiter nach einer Wasserpumpe und kommt mit einem rostigen Teil zurück, das wohl ziemlich schwer ist; denn er benutzt eine Sackkarre.
"Viel ist die nicht wert", meint er, "aber so schwer, die sollte ich trotzdem nach Kilo abrechnen!"
Er lacht.
"Die Kluppe würden wir gern ausleihen — und einen Pionier", Willi hat noch einmal auf seinen Zettel gesehen.
Der Mann verschwindet in einer kleinen Halle, über dessen Eingang ein Schild mit einem handgemalten Schriftzug WERKSTATT leicht schief hängt.
Auf seiner Karre befinden sich ein Schraubstock auf einem Untergestell aus Metall und so ein komisches Ding mit einem langen Stiel oder Griff aus Eisen. Unter seinem Arm trägt er auch noch einen Metallkasten.
Hedwig überlegt, was wohl der Pionier und was wohl die Kluppe ist.
"Risiko", denkt sie und sagt, um etwas vor den Männern anzugeben: "die Kluppe kannst Du gleich mir geben!"
Sie hat Glück; der Schraubstock ist es nicht
Geld haben sie nicht dabei, kaufen "auf Rechnung" — "oder bei Gelegenheit mal".
Mit "viel Erfolg mit der Pumpe", werden sie verabschiedet.
Willi hat noch eine andere Anlaufstelle, aber er will dort nicht zeigen, dass sie schon so viele Teile bei seinem "Teilehändler Nummer Eins" bekommen haben.
So fahren sie erst einmal zurück und laden die Sachen vor dem Haus ab.
Hedwig gewinnt Routine. Anfahren und Schalten klappen nun immer besser. Nun weiß sie endlich, was Kupplung laaaaaaaaaangsaaaaaammmm kommen lassen" bedeutet.
Hedwig mag es, wenn sie "ganz schnell" das leichte Gefälle hinunterdonnern.
"Die komische Uhr" bewegt sich mit zitterndem Zeiger fast auf die 70 zu!
"Nicht so schnell", bremst Willi sie, "sonst bekommen wir doch noch Ärger mit der Polizei".
Auch der andere Händler hat keinen Drucktank, schlägt aber vor: "ich kann einen bestellen!"
Ein neuer Tank ist ihnen zu teuer; auch ist dieser Händler dafür bekannt, dass man gleich bezahlen muss — schlecht, wenn man ohne Geld unterwegs ist.
"Wi kieken mol wedder vorbi!"
Ja, das sollen sie machen.
In der Nacht wird Hedwig wach, weil weit draußen im Watt eine Übung der Engländer stattfindet.
"Fast wie Gewitter", denkt sie, denn immer wieder blitzt es auf, wenn sie die Ziele treffen.
Der Lichtschein spiegelt sich im feuchten Wattboden. Es ist Ebbe.
Hedwig sieht eine Weile zu. Beim Lärm der Flugzeuge und Hubschrauber kann sie nicht schlafen.
Ulli wird kurz wach.
Magda scheint auch nicht schlafen zu können.
Hedwig hört sogar Stimmen aus dem Zimmer ihrer Mutter.
Ob alles seine Ordnung hat?
Sie will nachsehen.
Im Flur sind feuchte Spuren nackter Füße zu sehen.
"Nun komm mein Junge", hört sie ihrer Mutter sprechen.
Nein, das hört sich nicht gefährlich an.
Trotz der nächtlichen Störung wird Hedwig früh wach und steht auf.
In der Küche sitzen Hein und ihre Mutter.
Hein scheint sich nach den Kriegsjahren und seiner langen Abwesenheit wieder eingelebt zu haben.
Seine Arbeit geht ihm gut von der Hand. Die Kunden mögen ihn, der Chef vertraut ihm — und die Kollegen respektieren ihm, ohne dass er laut werden muss.
Sie sagen auch nicht mehr "Scholli" zu ihm wie in der ersten Zeit, in der sie ihn so nannten, weil er so lange verschollen war. Selbst die Anspielungen auf seine Schwester haben nachgelassen.
"Schließlich hat er eine Freundin, da wird doch alles mit ihm in Ordnung sein!"
"Es müsste immer Wochenende sein", denkt Hein sich; denn er hat sich an das Zusammensein mit Mechthild gewöhnt, freut sich die ganze Zeit auf sie.
So sehr er auf den Wandkalender starrt: sein Wunsch bleibt unerfüllt.
Viele seiner Wünsche bleiben unerfüllt.
Er hätte gern die verlorenen Jahre zurück.
Er hätte gern die verlorenen Menschen zurück.
Alleine in seiner Hütte kommen immer wieder die Gespenster der Vergangenheit, um ihn zu holen.
Wer hat eigentlich gesagt, dass Gespenster weiß sind?
Nein, das sind sie nicht, sie sind pechschwarz und haben klebrige Finger.
Er kann nicht alleine bleiben und still sitzen. Schlafen kann er auch noch nicht, obwohl er von der Arbeit müde ist.
So bricht er manchmal auf zu einem Gang durch die Gemeinde, schaut auch bei seiner Schwester vorbei.
Er hat einen guten Grund, dort aufzutauchen und zu fragen, wie es geht, hat er doch eine ganze Menge Baumaterial zu einem Spottpreis und entgegenkommenden Zahlungsbedingungen besorgen können.
Wenn er sieht, dass noch eine Hand gebraucht wird, packt er mit an.
Der Bau der Klärgrube gestaltet sich schwerer, als sie gedacht haben; aber eines Tages ist sogar das geschafft. Willi schlägt vor, einen Betondeckel zu verwenden; denn schließlich soll und darf niemand hineinfallen. Hein hält das für eine gute Idee. Allerdings müssen sie sich eine Lösung überlegen, falls mal abgepumpt werden soll.
Hein arbeitet eine großzügige Öffnung ein. Die wird nach Härten des Betons mit einem Deckel aus massivem Holz verschlossen. Die Betonplatte ist sehr schwer. Sie müssen einige Nachbarn zu Hilfe holen, um sie schließlich an ihren Platz zu bewegen.
Die Nachbarn staunen: "hat man sowas schon gehört? — eine Klärgrube. Nun werden sie wohl doch vornehm im Haus am Watt!"
Zuerst machen sie sich ein wenig lustig und fragen Hedwig, ob sie dann auch mit ihrem Strahl durch die Öffnung im Deckel der Grube zielen kann. Hedwig errötet, findet aber schnell ihre Fassung wieder: "pass Du mal auf, wo Du hinpinkelst!"
Die Schalbretter haben ausgedient und werden unter dem Dachüberstand des Netzschuppens aufgestapelt.
Als der Anschluss der Rohre schließlich in die Grube mündet, ist Willi zufrieden.
Sie machen einen Probelauf, gießen am Haus Wasser in das Endstück der Röhre - und stellen erfreut fest, dass es wie berechnet in die Grube fließt.
"Ein Wunder", lobt Hedwig und fällt Willi um den Hals.
Hein will sich verabschieden, sie haben Feierabend gemacht.
"Du kannst auch hierbleiben!" Magda lockt ihn mit einem zuckersüßen Lächeln.
Doch an diesem Abend ist Hein stark, dankt für das Angebot, aber möchte zurück in seine Hütte gehen, weil er noch Essen auf dem Herd stehen hat.
Wer lange gehungert hat, wirft nichts weg!
Magda kann ihre Enttäuschung nur zum Teil verbergen.
Sie verspürt einen ganz anderen Hunger — oder ist es Durst?
Sie hat Sehnsucht, würde aber Hein auch gern zeigen, dass sie besser für ihn sorgen kann als Mechthild, die sie immer noch nicht so richtig mag.
Alle brauchen ein paar Tage Erholung von den Bauarbeiten.
Hedwig hat ihr Ruderboot umgedreht und den Boden und die unteren beiden Planken geteert; denn sie will möglichst bald wieder zum Totten hinausrudern.
Sie nimmt Ulli oft mit nach draußen. Er sitzt in seinem Kinderwagen und scheint ihr zuzusehen.
Nur selten stört er sie bei der Arbeit.
Nun meldet er sich aber doch. Sicherlich ist die Windel nass.
"Moment", ruft Hedwig. Sie will so gerne mit der Arbeit fertig werden, war mit so großem Eifer dabei, dass nicht nur das Boot ordentlich Teer abbekommen hat, sondern auch ihre Hände.
So kann sie Ulli nicht anfassen.
Es dauert länger als einen Moment; denn sie sieht, dass eine Niete aufgesprungen ist, die eigentlich zwei Planken zusammenhalten soll, die sich überlappen. Eine lange Lücke ist zu sehen. So sehr sie auch mit dem Daumen gegendrückt — die Planke kann sie nicht wieder an ihren Platz bringen; sie bewegt sich keinen Millimeter.
Da muss sie wohl schon wieder Willi um einen Gefallen bitten; denn sie selbst hat noch nie mit Nieten gearbeitet.
Nun wird es wirklich Zeit, Ulli ist schon fast ein wenig heiser.
"Na, was hat denn der Kleine?"
Die ole Hex war eben noch auf der großen Heidefläche unterwegs und wurde von seinem Weinen angelockt, steht nun am Kinderwagen und setzt ihn in eine leichte Schaukelbewegung. Ulli wird sofort ruhig und guckt die Frau interessiert an.
Angst vor Fremden hat er nicht.
"Was für ein schönes Kind, kommt es nach Mutter, oder Vater?"
Sie hält ihren Kopf ein wenig schräg, richtet ihren Blick auf Ulli — und dann auf Hedwig.
"Das kann man nur sagen, wenn man wüsste, wer der Vater ist" meint sie schließlich etwas spöttisch und antwortet damit sich selbst, fragt dann aber nach: "weißt Du es selbst? Man hört, es ist ein Fischerjunge".
"Wir müssen gehen!"
Hedwig lässt die alte Abwaschbürste, die sie als Pinsel benutzte, im Teerpott, schnappt sich den Kinderwagen — und stapft los.
Die alte Frau murmelt etwas, aber Hedwig versteht sie nicht.
Magda ist nicht begeistert; denn Hedwig hat den Kinderwagen mit Teer eingesaut.
Erst einmal nimmt sie ihr das Kind ab und macht ihm eine neue Windel; dann versucht sie die Teerflecken mit Butter zu beseitigen.
Willi kommt vorbei, will wieder zum Schrotthändler.
Sie brauchen unbedingt eine Wasserpumpe und einen Drucktank, dazu Rohre.
"Hed, du siehst ut wie n Sootje!", neckt er sie, "ist denn auch ein klein wenig Teer auf Deinem Boot gelandet?"
Hedwig grummelt Unverständliches, aber ist froh, dass sie mit ihm auf Tour darf. Ihre Hände reinigt sie mit Benzin.
"Wie neu", grinst sie zufrieden.
"Wenn Du so saubere Hände hast, kannst Du fahren!"
Willi hat seinen großzügigen Tag.
So ganz geheuer ist es ihr nicht; was ist, wenn der Dorfpolizist sie sieht?
Willi lacht ihre Bedenken weg: "der macht bestimmt Mittagsstunde!"
Das Anfahren klappt noch nicht so gut. Das ist kein Wunder; denn sie haben wegen der Bauarbeiten lange nicht geübt.
Nach einer Weile geht es besser. Hedwig fühlt sich stark und mächtig hinter dem großen Lenkrad.
Kurz vor der Kirche hupt sie aus lauter Übermut.
Nun fahren sie am Haus des Polizisten vorbei.
Sein Fahrrad steht vor der Tür. Willi hat Recht gehabt.
"Moin Hed", begrüßt sie der Mitarbeiter des Schrotthändlers.
Hedwig will ihm eine passende Antwort geben, aber wozu soll sie sich aufregen?
"Moin", ist ihre knappe Antwort.
"Der Name ist so selten, den MUSS man sich einfach merken", setzt der Mann fort, fragt aber dann doch: "was wollt ihr heute? Kaufen oder verkaufen?"
"Wir haben nichts mit für euch", antwortet Willi, aber wir brauchen eine ganze Menge".
Er zählt auf. Bei einigen Posten nickt sein Gegenüber, bei anderen sagt er "vielleicht" und bei einigen wenigen Teilen sagt er "ham wir nich".
Neue Eisenrohre bekommen sie für die Wasserleitung, "verzinkt", sagt der Verkäufer und klopft stolz mit seinem Schlüsselbund auf die Rohre - und einen großen Weidenkorb voller Rohrstücke. Sie müssen zu zweit anpacken, so schwer ist er.
Hedwig sieht erst später, welche Bewandtnis es mit diesem kurzen Rohrstücken hat.
Einige sind gerade, einige gebogen, auch einige in Form des Buchstabens "T" sind dabei.
"Willst Du die an die langen Rohre schweißen?" Sie hat in Willis Werkstatt das Schweißgerät mit den großen Gasflaschen bewundert.
Das Gelächter der beiden Männer zeigt, dass es eine "dumme Frage" ist.
"Quatsch — wir schneiden Gewinde und verschrauben die Teilstücke!"
Lange sucht der Mitarbeiter nach einer Wasserpumpe und kommt mit einem rostigen Teil zurück, das wohl ziemlich schwer ist; denn er benutzt eine Sackkarre.
"Viel ist die nicht wert", meint er, "aber so schwer, die sollte ich trotzdem nach Kilo abrechnen!"
Er lacht.
"Die Kluppe würden wir gern ausleihen — und einen Pionier", Willi hat noch einmal auf seinen Zettel gesehen.
Der Mann verschwindet in einer kleinen Halle, über dessen Eingang ein Schild mit einem handgemalten Schriftzug WERKSTATT leicht schief hängt.
Auf seiner Karre befinden sich ein Schraubstock auf einem Untergestell aus Metall und so ein komisches Ding mit einem langen Stiel oder Griff aus Eisen. Unter seinem Arm trägt er auch noch einen Metallkasten.
Hedwig überlegt, was wohl der Pionier und was wohl die Kluppe ist.
"Risiko", denkt sie und sagt, um etwas vor den Männern anzugeben: "die Kluppe kannst Du gleich mir geben!"
Sie hat Glück; der Schraubstock ist es nicht
Geld haben sie nicht dabei, kaufen "auf Rechnung" — "oder bei Gelegenheit mal".
Mit "viel Erfolg mit der Pumpe", werden sie verabschiedet.
Willi hat noch eine andere Anlaufstelle, aber er will dort nicht zeigen, dass sie schon so viele Teile bei seinem "Teilehändler Nummer Eins" bekommen haben.
So fahren sie erst einmal zurück und laden die Sachen vor dem Haus ab.
Hedwig gewinnt Routine. Anfahren und Schalten klappen nun immer besser. Nun weiß sie endlich, was Kupplung laaaaaaaaaangsaaaaaammmm kommen lassen" bedeutet.
Hedwig mag es, wenn sie "ganz schnell" das leichte Gefälle hinunterdonnern.
"Die komische Uhr" bewegt sich mit zitterndem Zeiger fast auf die 70 zu!
"Nicht so schnell", bremst Willi sie, "sonst bekommen wir doch noch Ärger mit der Polizei".
Auch der andere Händler hat keinen Drucktank, schlägt aber vor: "ich kann einen bestellen!"
Ein neuer Tank ist ihnen zu teuer; auch ist dieser Händler dafür bekannt, dass man gleich bezahlen muss — schlecht, wenn man ohne Geld unterwegs ist.
"Wi kieken mol wedder vorbi!"
Ja, das sollen sie machen.
In der Nacht wird Hedwig wach, weil weit draußen im Watt eine Übung der Engländer stattfindet.
"Fast wie Gewitter", denkt sie, denn immer wieder blitzt es auf, wenn sie die Ziele treffen.
Der Lichtschein spiegelt sich im feuchten Wattboden. Es ist Ebbe.
Hedwig sieht eine Weile zu. Beim Lärm der Flugzeuge und Hubschrauber kann sie nicht schlafen.
Ulli wird kurz wach.
Magda scheint auch nicht schlafen zu können.
Hedwig hört sogar Stimmen aus dem Zimmer ihrer Mutter.
Ob alles seine Ordnung hat?
Sie will nachsehen.
Im Flur sind feuchte Spuren nackter Füße zu sehen.
"Nun komm mein Junge", hört sie ihrer Mutter sprechen.
Nein, das hört sich nicht gefährlich an.
Trotz der nächtlichen Störung wird Hedwig früh wach und steht auf.
In der Küche sitzen Hein und ihre Mutter.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Immer noch haben sie gut zu tun.
Willi hat die Wasserpumpe mitgenommen, um sie in seiner Werkstatt zu zerlegen.
Er schimpft; denn er braucht lange, weil vieles festgegammelt ist.
Ob sich die Reparatur überhaupt noch lohnt?
Immerhin: die Elektrik ist in Ordnung. Er hat alle Wicklungen durchgemessen. Der Kupferdraht ist unbeschädigt.
Er kennt kein Pardon: das muss fast wie neu werden.
Gut, dass seine Frau ihn in Ruhe lässt, so kann er sich auf die Arbeit konzentrieren.
Die Beschäftigung tut ihm gut; denn zwischen seiner Frau und ihm ist ein wenig zu viel Ruhe.
Sie sprechen nicht viel.
Eine zärtliche und liebende Verbindung ist ihnen mit den Jahren ein wenig abhandengekommen oder eingeschlafen. Sie beschränken sich meistens auf "praktische Themen"; mit denen kann man nicht so viel falsch machen.
Das war mal anders.
Man mag es kaum glauben, Willi war mal ein richtig "fescher Kerl". Sie liebten und sie neckten sich.
Eigentlich wollte Mimi nie einen Musiker zum Mann haben, hatte ihre Mutter sie doch gewarnt, dass "Musiker und Kellner nicht für die Ehe taugen".
Naja, ein "richtiger Musiker" ist Willi auch nicht, spielt nur auf Hochzeiten, seltenen anderen Gelegenheiten und zum Petritag.
Er übt regelmäßig — und wenn er seiner Frau ein Ständchen bringt, dann ist sie immer noch hin und weg.
Aber das kommt selten vor.
Seine Gedanken beschäftigen sich manchmal mit der Frage, wie es mit einer anderen Frau wäre; aber er geht nicht gerne ein Risiko ein.
"Willi, komm zum Essen", hört er von oben.
Willi ist gründlich.
Böse Zungen behaupten, er wäre langsam und "so eine Arbeit könnte man auch in der Hälfte der Zeit erledigen".
Manche sagen, er wäre auch langsam im Denken.
Für einige ist er "viel zu gut durch den Krieg gekommen, er muss wohl die richtigen Freunde gehabt haben".
Ist es Neid? Sie halten sich mit offenen Worten zurück, aber "de Lüt snackt doch!"
Andererseits ist Willi eine Seele von Mensch — und er hat schon vielen geholfen.
Oft vergisst er sich selbst dabei und das, was er eigentlich tun sollte. Dann wird Mimi grantig.
Willi hat sogar einen "ordentlichen Beruf".
In einer großen Metallbaufirma war er vor und im Krieg für die Warenwirtschaft zuständig. Das lief ziemlich gut. Er hatte einen jungen Kollegen, der wesentlich schneller arbeiten konnte, aber von vielen Dingen nicht richtig Ahnung hatte.
Sie ergänzten sich ideal, obwohl Willi manchmal lachen musste, wenn er dem Kollegen erst lange erklären musste, was eine 3/4Zoll Muffe ist.
Willi war bei den Leuten beliebt, die mit ihm zu tun hatten — und wenn er sagte: "Dat löpt sich allens torecht!", dann konnte man sich darauf verlassen, dass es klappte.
Es schlichen sich manchmal "Ungenauigkeiten bei der Abrechnung" ein, aber "unter dem Strich" stimmte später alles wieder — und das ist doch die Hauptsache.
Was Willi bei dem einen Kunden etwas kulanter berechnete, weil der gerade etwas klamm war (oder er ihn besonders gut kannte), das schlug er bei den reichen Leuten wieder drauf. So konnte er viele Jahre arbeiten, ohne dass es auch nur das geringste Problem gab.
Als die Flaggen überall das Hakenkreuz viel zu stolz und drohend in die Lüfte hängten, herrschte auch in der Firma, die ihn beschäftigte, Aufbruchsstimmung.
Wenn sich andere Mitarbeiter darüber stritten, ob "uns Adolf" gut für Deutschland und die Deutschen wäre oder nicht, enthielt Willi sich meistens.
Er musste erst einmal gründlich darüber nachdenken.
"Das sieht man doch!", wollte er sagen, "und wie viele Leute er schon in Arbeit gebracht hat!"
Da sprachen die anderen Kollegen in den Mittagspausen hinter vorgehaltener Hand schon längst von Kriegsgefahr, doch Willi hielt den Mund.
"Dat löpt sich allens torecht!"
Nein, es lief sich schließlich nichts mehr zurecht.
Die jüngeren Männer verschwanden, wurden eingezogen zur Marine oder Wehrmacht und kamen nur noch auf Heimaturlaub, aber blieben dann natürlich der Firma fern.
Etliche dieser Männer kamen überhaupt nicht mehr, waren "gefallen".
Was für ein Wort.
Bei "gefallen" denkt Willi noch heute an seine Knieverletzung, die er sich als Schuljunge zuzog, als er bei Glatteis auf dem Bahnsteig ausgerutscht und gefallen war.
Einige seiner Kollegen wurden "abgeholt", manche mitten in der Nacht aus dem Bett geholt - und manche sogar am Arbeitsplatz verhaftet.
Nein, es lief sich selten etwas zurecht.
Einmal half er etwas nach, schickte so ein Schreckenskommando in die falsche Richtung und gab dem Kollegen ein Zeichen, damit er durch den Keller verschwinden konnte.
Ob er es geschafft hat? Willi weiß es nicht!
Die Hakenkreuzflagge am Heck seines kleinen Bootes befestigte er nur noch nachlässig und hoffte fast, sie würde unterwegs verloren gehen.
Über die drohenden Konsequenzen dachte er nicht nach.
Das Material wurde knapp.
Der Chef sah genauer hin und Willi auf die Finger.
Eine kreative Preisgestaltung war nicht mehr möglich.
Kunden blieben fern. Wer hatte schon Geld?
Willi wurde nicht eingezogen; man hatte ihn wohl vergessen. Er fragte lieber nicht nach und rief auch nicht "hier bin ich!"
Der Chef hatte kein Geld mehr, um seine Mitarbeiter zu bezahlen.
Er hörte einfach auf und schickte alle nach Hause.
"Schön", dachte sich Willi, " dann kann ich jeden Tag zum Fischen hinausfahren!"
Lohn hatte er sowieso schon lange nicht mehr bekommen.
Er war nur noch zur Arbeit gegangen, weil er es eben so gewohnt war.
Manche aus dem Dorf hat es schlimmer getroffen; sie verloren nicht nur ihre Arbeit, sondern ihre Eltern, Kinder oder Geschwister.
Durch die Fischerei, die Entenjagd und etwas Schwarzhandel ist Willi gut durch die letzten Jahre gekommen. Dabei war ihm sein Motto "Dat löpt sich allens torecht!" stets wichtiger als das genaue Einhalten aller Gesetze.
Das ist auch heute noch so.
Er muss an seine Flinten denken, die er so gut versteckt hat, dass die Engländer sie nie finden.
Nein — so dumm wie sein Nachbar ist er nicht.
So ein Versteckt muss gründlich überlegt werden.
Als die Firma wieder aufmachte, hat Willi sich nicht vorgedrängt.
"Erst einmal abwarten, ob der neue Chef sie wieder zum Laufen bringt".
Es soll ein Verwandter des alten Eigentümers sein.
Bisher hat noch niemand nach Willi gerufen, aber das macht nichts, er hat auch so zu tun.
Vier Lager müssen ersetzt werden.
Willi muss sie erst besorgen, schreibt die Maße auf.
"Willi, ESSEN", klingt es von oben schon ärgerlicher.
Nein, Hedwig holt er heute nicht ab, es tut auch einmal gut, alleine unterwegs zu sein.
Willi hat die Wasserpumpe mitgenommen, um sie in seiner Werkstatt zu zerlegen.
Er schimpft; denn er braucht lange, weil vieles festgegammelt ist.
Ob sich die Reparatur überhaupt noch lohnt?
Immerhin: die Elektrik ist in Ordnung. Er hat alle Wicklungen durchgemessen. Der Kupferdraht ist unbeschädigt.
Er kennt kein Pardon: das muss fast wie neu werden.
Gut, dass seine Frau ihn in Ruhe lässt, so kann er sich auf die Arbeit konzentrieren.
Die Beschäftigung tut ihm gut; denn zwischen seiner Frau und ihm ist ein wenig zu viel Ruhe.
Sie sprechen nicht viel.
Eine zärtliche und liebende Verbindung ist ihnen mit den Jahren ein wenig abhandengekommen oder eingeschlafen. Sie beschränken sich meistens auf "praktische Themen"; mit denen kann man nicht so viel falsch machen.
Das war mal anders.
Man mag es kaum glauben, Willi war mal ein richtig "fescher Kerl". Sie liebten und sie neckten sich.
Eigentlich wollte Mimi nie einen Musiker zum Mann haben, hatte ihre Mutter sie doch gewarnt, dass "Musiker und Kellner nicht für die Ehe taugen".
Naja, ein "richtiger Musiker" ist Willi auch nicht, spielt nur auf Hochzeiten, seltenen anderen Gelegenheiten und zum Petritag.
Er übt regelmäßig — und wenn er seiner Frau ein Ständchen bringt, dann ist sie immer noch hin und weg.
Aber das kommt selten vor.
Seine Gedanken beschäftigen sich manchmal mit der Frage, wie es mit einer anderen Frau wäre; aber er geht nicht gerne ein Risiko ein.
"Willi, komm zum Essen", hört er von oben.
Willi ist gründlich.
Böse Zungen behaupten, er wäre langsam und "so eine Arbeit könnte man auch in der Hälfte der Zeit erledigen".
Manche sagen, er wäre auch langsam im Denken.
Für einige ist er "viel zu gut durch den Krieg gekommen, er muss wohl die richtigen Freunde gehabt haben".
Ist es Neid? Sie halten sich mit offenen Worten zurück, aber "de Lüt snackt doch!"
Andererseits ist Willi eine Seele von Mensch — und er hat schon vielen geholfen.
Oft vergisst er sich selbst dabei und das, was er eigentlich tun sollte. Dann wird Mimi grantig.
Willi hat sogar einen "ordentlichen Beruf".
In einer großen Metallbaufirma war er vor und im Krieg für die Warenwirtschaft zuständig. Das lief ziemlich gut. Er hatte einen jungen Kollegen, der wesentlich schneller arbeiten konnte, aber von vielen Dingen nicht richtig Ahnung hatte.
Sie ergänzten sich ideal, obwohl Willi manchmal lachen musste, wenn er dem Kollegen erst lange erklären musste, was eine 3/4Zoll Muffe ist.
Willi war bei den Leuten beliebt, die mit ihm zu tun hatten — und wenn er sagte: "Dat löpt sich allens torecht!", dann konnte man sich darauf verlassen, dass es klappte.
Es schlichen sich manchmal "Ungenauigkeiten bei der Abrechnung" ein, aber "unter dem Strich" stimmte später alles wieder — und das ist doch die Hauptsache.
Was Willi bei dem einen Kunden etwas kulanter berechnete, weil der gerade etwas klamm war (oder er ihn besonders gut kannte), das schlug er bei den reichen Leuten wieder drauf. So konnte er viele Jahre arbeiten, ohne dass es auch nur das geringste Problem gab.
Als die Flaggen überall das Hakenkreuz viel zu stolz und drohend in die Lüfte hängten, herrschte auch in der Firma, die ihn beschäftigte, Aufbruchsstimmung.
Wenn sich andere Mitarbeiter darüber stritten, ob "uns Adolf" gut für Deutschland und die Deutschen wäre oder nicht, enthielt Willi sich meistens.
Er musste erst einmal gründlich darüber nachdenken.
"Das sieht man doch!", wollte er sagen, "und wie viele Leute er schon in Arbeit gebracht hat!"
Da sprachen die anderen Kollegen in den Mittagspausen hinter vorgehaltener Hand schon längst von Kriegsgefahr, doch Willi hielt den Mund.
"Dat löpt sich allens torecht!"
Nein, es lief sich schließlich nichts mehr zurecht.
Die jüngeren Männer verschwanden, wurden eingezogen zur Marine oder Wehrmacht und kamen nur noch auf Heimaturlaub, aber blieben dann natürlich der Firma fern.
Etliche dieser Männer kamen überhaupt nicht mehr, waren "gefallen".
Was für ein Wort.
Bei "gefallen" denkt Willi noch heute an seine Knieverletzung, die er sich als Schuljunge zuzog, als er bei Glatteis auf dem Bahnsteig ausgerutscht und gefallen war.
Einige seiner Kollegen wurden "abgeholt", manche mitten in der Nacht aus dem Bett geholt - und manche sogar am Arbeitsplatz verhaftet.
Nein, es lief sich selten etwas zurecht.
Einmal half er etwas nach, schickte so ein Schreckenskommando in die falsche Richtung und gab dem Kollegen ein Zeichen, damit er durch den Keller verschwinden konnte.
Ob er es geschafft hat? Willi weiß es nicht!
Die Hakenkreuzflagge am Heck seines kleinen Bootes befestigte er nur noch nachlässig und hoffte fast, sie würde unterwegs verloren gehen.
Über die drohenden Konsequenzen dachte er nicht nach.
Das Material wurde knapp.
Der Chef sah genauer hin und Willi auf die Finger.
Eine kreative Preisgestaltung war nicht mehr möglich.
Kunden blieben fern. Wer hatte schon Geld?
Willi wurde nicht eingezogen; man hatte ihn wohl vergessen. Er fragte lieber nicht nach und rief auch nicht "hier bin ich!"
Der Chef hatte kein Geld mehr, um seine Mitarbeiter zu bezahlen.
Er hörte einfach auf und schickte alle nach Hause.
"Schön", dachte sich Willi, " dann kann ich jeden Tag zum Fischen hinausfahren!"
Lohn hatte er sowieso schon lange nicht mehr bekommen.
Er war nur noch zur Arbeit gegangen, weil er es eben so gewohnt war.
Manche aus dem Dorf hat es schlimmer getroffen; sie verloren nicht nur ihre Arbeit, sondern ihre Eltern, Kinder oder Geschwister.
Durch die Fischerei, die Entenjagd und etwas Schwarzhandel ist Willi gut durch die letzten Jahre gekommen. Dabei war ihm sein Motto "Dat löpt sich allens torecht!" stets wichtiger als das genaue Einhalten aller Gesetze.
Das ist auch heute noch so.
Er muss an seine Flinten denken, die er so gut versteckt hat, dass die Engländer sie nie finden.
Nein — so dumm wie sein Nachbar ist er nicht.
So ein Versteckt muss gründlich überlegt werden.
Als die Firma wieder aufmachte, hat Willi sich nicht vorgedrängt.
"Erst einmal abwarten, ob der neue Chef sie wieder zum Laufen bringt".
Es soll ein Verwandter des alten Eigentümers sein.
Bisher hat noch niemand nach Willi gerufen, aber das macht nichts, er hat auch so zu tun.
Vier Lager müssen ersetzt werden.
Willi muss sie erst besorgen, schreibt die Maße auf.
"Willi, ESSEN", klingt es von oben schon ärgerlicher.
Nein, Hedwig holt er heute nicht ab, es tut auch einmal gut, alleine unterwegs zu sein.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Willi ist mit der Pumpe gekommen. Erst denkt Hedwig, er hätte eine neue Pumpe gekauft; so gut sieht sie aus.
Nun erlebt sie auch, was mit dem Pionier und der Kluppe gemacht werden soll.
Die Pumpe hat zwei Anschlüsse: an einem wird ein Rohr angeschlossen, das in den Brunnen führen muss — und der andere Anschluss ist für den Drucktank vorgesehen.
Obwohl Hedwig kaum noch Lust hat, wartet viel Arbeit auf sie.
Sie müssen wieder einen Graben ausheben; aber vom Brunnen bis zum Haus ist es nicht so weit. Die Arbeit für die Abwasserleitung steckt ihnen noch in den Knochen.
Jeden Sonntag, wenn Mechthild kommt, putzt Hein sich etwas heraus. In der Woche nimmt er es nicht so genau, sondern liebt es bequemer.
Wenn sie zusammen sind, spricht Mechthild das Thema "Hochzeit" manchmal an.
Hat er einen guten Tag, dann kann er es sich gut vorstellen, immer mit ihr zusammen zu sein, aber es gibt auch diese schrecklichen Tage, da hat er Angst vor sich selbst und stellt sich vor, sie könne an solchen Tagen in ihn hineinblicken und die schwarzen Gespenster sehen, die in ihm ihr Unwesen treiben und ihm zu einem verängstigtem Kind machen.
Sie könnte ihn deswegen verachten.
Das möchte er unbedingt vermeiden.
Auch denkt er an Magda.
Wenn er verheiratet ist und mit seiner Frau zusammenwohnt, kann er wohl nicht mehr zu ihr gehen, wenn es ihm gefällt, um dort zu schlafen. So ist er hin- und hergerissen.
Nun genießt er erst einmal den Sonntag — und wenn das Thema "Hochzeit" wieder aufkommt, sagt er einfach "später".
Willi und Hedwig fahren zum Schrotthändler; denn aus alten Bleirohren soll Ballast für den Kutter gegossen werden. Bisher erfüllen Steine und kleine Betonblöcke diese Aufgabe, aber Willi will dem Kutter etwas gönnen.
Viele Rohre können sie nicht bekommen und sie wollen schon mit einem unzufriedenen Gefühl wieder vom Hof fahren.
Der Arbeiter vom Schrottplatz, den sie schon lange kennen, ist in einer kleinen Halle verschwunden.
Er ruft: "Hed, komm mal her!"
Hedwig will erst nicht reagieren, aber Willi gibt ihr einen Anstupser: "nu lauf!"
Es erwartet sie tatsächlich eine Überraschung; ein sehr gut erhaltener Drucktank ist im Angebot.
Sie bekommen ihn zum Kilopreis — "und wenn die Makrelen da sind, will ich mal mit raus", verlangt der Arbeiter.
Alle sind zufrieden.
Hedwig lernt, wie man Gewinde schneidet und wie die Rohre verschraubt werden. Willi hat wohl Rapunzel um ihre Haare gebracht; denn er wickelt "Engelshaar" um die Gewinde und streicht danach mit einer Dichtmasse drüber. Dann kommen zwei große Zangen zum Einsatz.
Sie sind ein gutes Team. Hedwig bekommt die Aufträge — und liefert die passenden Rohrstücke in der richtigen Länge — und mit Gewinde.
Das Sägen der Eisenrohre muss sie erst üben.
Sie gewinnt fast ein wenig zu viel Routine; ein Rohrstück sägt sie viel zu kurz ab.
Fast untröstlich kommt sie zu Willi und "beichtet" dieses Missgeschick, aber der lacht nur und sagt: "dann fertigen wir eine passende Verlängerung, das ist doch kein Problem!"
Hein kommt vorbei und zeigt seine neuen Stiefel — fast eine Spur zu vornehm, wenn man sich seine anderen Sachen anschaut.
"Da sieht man, dass der Chef kommt", spottet Willi.
Die neuen Stiefel will er nicht gleich verderben und sagt: "heute kann ich leider nicht mithelfen", aber Magda kommt und bringt die alten Holzpantinen, die ihm passen müssten.
Nun kann er sich doch beteiligen.
Sie müssen einen Schacht buddeln, der sich an den Brunnen anschließt. Dort sollten Tank und Pumpe hin.
Ein kleines Fundament muss auch gegossen werden; schließlich soll alles "Hand und Fuß haben", wie Willi sagt. Aus starken U-Profilen hat er eine Halterung für die Pumpe geschweißt.
Die wird auf dem Fundament befestigt.
Der Maurer, der den kleinen Anbau hochziehen soll, ist unzuverlässig.
Das mag mit daran liegen, dass er weiß, dass er nicht viel verdienen wird — und zu trinken gibt es für ihn erst nach Feierabend. Hedwig hat gelernt.
Sie holt ihn mit dem Auto ab, damit er sich nicht auf dem Weg zu ihnen "verläuft" und auf einer anderen Baustelle landet.
Erst als sie ihm ihre allerletzten Geldstücke opfert und für "bald" die Restsumme verspricht, kommt seine Arbeit ein wenig in Schwung.
Endlich ist es so weit.
Sie haben alle Rohre angeschlossen, für die Pumpe eine Stromleitung gelegt und in dem kleinen Toiletten-Anbau, der fast fertig ist, ein Wasch- und das Toilettenbecken montiert.
Willi schaltet die Pumpe ein.
Leider ist das Geräusch des Schalters das einzige, was sie hören.
Dabei hat zuhause bei ihm alles tadellos funktioniert, als er einen Probelauf durchgeführt hat.
Hedwig guckt enttäuscht- und Magda kommt mit einem "habe ich doch gleich gewusst — Gesichtsausdruck" zu ihnen.
Doch Willi lässt sich nicht so schnell aus dem Konzept bringen und stellt schnell fest, dass die Sicherung kaputt ist. In seiner Hosentasche hat er Ersatz. Er ist ein Mann, der an fast alles denkt!
Um ganz sicher zu gehen, öffnen er noch einmal eine Rohrleitung und füllt das Rohr, vom dem er erzählt hat, das wäre die Zuleitung mit einigen Kannen Wasser. Hedwig muss den Trichter halten.
"Damit die Pumpe keine Luft saugt", erklärt er den beiden Frauen.
"Das müssen wir doch hoffentlich nicht jeden Tag machen?"
Nein, Quatsch - wie kann Magda so eine Frage stellen?
Willi schaltet die Pumpe erneut ein. Gleich darauf ist ein sonores Brummen zu hören.
Sie schauen gebannt auf die Pumpe, den Tank — und die Verbindungen.
Die Pumpe leckt etwas. Gut, dass sie auf der hohen, massiven Halterung steht, so bekommt sie keine nassen Füße.
Magda guckt misstrauisch.
Willi muss eine Dichtung nachziehen.
Es tropft nicht mehr. Auch die Rohrverbindungen sind alle dicht.
Fasziniert beobachtet Hedwig die "Uhr", dessen Zeiger sich zitternd und in kleinen Schritten einem anderen Zeiger innerhalb der Uhr nähert. Als er ihn endlich erreicht hat, macht es laut "Klack" und die Pumpe schaltet sich — wie von Zauberhand — aus.
Im kleinen Anbau lassen sie das Wasser laufen. Erst ist es noch ein wenig braun und schmutzig, aber bald darauf klar wie das Wasser, das sie sonst immer mühsam mit der Handpumpe hochgepumpt haben.
Und nun haben sie Wasser im Haus.
Hedwig denkt an die kalten Winter, in denen sie draußen Wasser holen musste.
Was für eine Erleichterung!
Über dem Toilettenbecken befindet sich ein Spülkasten, der sich langsam gefüllt hat.
Willi zieht an der Strippe, die er oben an einem Hebel angebunden hat. Laut gurgelnd und schmatzend entleert sich der Spülkasten und flutet das Toilettenbecken, bevor das Wasser durch den Abfluss verschwindet.
Hedwig fällt Willi um den Hals und bedankt sich.
Er ist ganz verlegen und sagt schnell: "Da machen wir aber noch eine ordentliche Kette und einen Griff dran" und zeigt auf die Strippe, an der ein Korken hängt.
Magda hätte gern auch noch Wasser in der Küche — und im Geiste malt sie schon ein Schild:
"Zimmer zu vermieten! Fließend Wasser im Hause".
Karl ist gekommen.
So kann er Willi ablösen; denn der will die Bleireste schmelzen und Barren davon gießen.
Karl und Hedwig schließen den Graben, in dem die Wasser-Rohre verlegt worden sind.
Alles wird wieder eingeebnet.
Mechthild geht es nicht gut.
Sie muss sich häufig übergeben, obwohl sie sich sicher ist: "ich habe nichts Verdorbenes gegessen!"
Den mitgebrachten Kuchen stopft Hein ganz alleine in sich hinein.
Hein ist beunruhigt, aber sagt zu Mechthild: "das wird sich bestimmt bald geben!"
Er leiht sich den Firmenwagen, packt ihr Fahrrad auf die Ladefläche und fährt sie zurück.
Heute hat es einfach keinen Sinn mit ihr.
Blass sieht sie aus.
Mit einem Vorwurfsvollen Blick auf Hein nimmt die "gnädige Frau" Mechthild wieder in Empfang. Was hat der Kerl nur mit ihr angerichtet, dass sie in so einem Zustand zurückkommt — und das an ihrem freien Tag.
Hein weiß mit seinem angebrochenen Sonntag nicht viel anzufangen, aber liefert erst einmal das Auto wieder ab.
Magda guckt froh, als er gegen Abend auf seinem Spaziergang vorbeikommt.
Es ist Sonntag und er ist nicht mit "dieser Frau" zusammen. Hat sie ihn nun wieder ganz für sich?
"Mechthild geht es nicht gut", sagt er, "muss sich immer übergeben, hat wohl was Schlechtes gegessen!"
"Das glaube ich nicht", denkt Magda und will gleich die Empfehlung aussprechen, sie solle sich vor der olen Hex in Acht nehmen, doch sie sagt lieber nichts.
Erst nach einer ganzen Weile flüstert sie: "Du kannst auch hierbleiben".
Hedwig und Karl sind mit dem Ruderboot draußen gewesen und haben einen guten Fang gemacht. Der kommt gerade recht!
Auch in den Ofenrohren und Reusen stecken so viele Aale, dass sich sogar das Räuchern lohnt.
Hein kommt vorbei. Er ist immer noch in Sorge wegen Mechthild.
Er fragt Magda, ob er mal hinfahren und nach ihr sehen soll.
"Sie braucht bestimmt nur ein wenig Erholung", meint sie, "das lass mal lieber!"
Hein mag nicht mit anschauen, wie Hedwig und Karl mit den Aalen hantieren.
Ihm wird ganz anders, als er sie auf den Gestängen hängen sieht.
Er muss daran denken, was ein Kamerad ihm erzählt hat: "eines Tages landen wir vielleicht im Magen der Aale, die unsere Bestattung übernehmen, nur, dass uns niemand einen Grabstein setzen wird".
In Brest, im Trockendock konnte er das noch weit von sich weisen.
Ihm wird auch schlecht.
Magda hat gesehen, dass er etwas blass im Gesicht geworden ist.
Sie will mit Ulli rüber zur Nachbarin, aber ohne das Kind fühlt sie sich freier. Kurzerhand drückt sie Hein den Kinderwagen in die Hand und meint: "sei so lieb und nimm ihn mit zu deinem Spaziergang, ich will mal eben rüber zu Rita!"
Noch bevor Hein antworten kann, ist sie verschwunden.
Karl und Hedwig haben zu tun.
Nein, zu den Aalen will er auch nicht zurück.
So schiebt er mit dem Kinderwagen los.
Zuerst läuft er fast neben dem Kinderwagen und schiebt nur mit der rechten Hand, tut so, als wäre er völlig unbeteiligt und er würde das Kind nicht kennen.
Nach einer Weile wird es ihm unbequem und er benutzt beide Hände.
Ulli scheint es zu gefallen; denn er guckt interessiert nach draußen und freut sich, wenn Hein mit der Zunge schnalzt und Geräusche macht.
Ostwind — am Sonntag
Wie schön wird es nun an der Westseite sein — in Lee des heftigen Windes.
Sie haben gut verkauft.
Sollte das nicht ebenso gefeiert werden wie die fertige Wasserleitung?
Sie will Willi und Karl zu einem Eis einladen, danach zu einem Bier bei Matze?
Ihre Mutter ist von dem Vorschlag nicht so begeistert; denn sie will auch mit — und mit dem Kind können sie zwar spazierengehen, aber doch nicht in ein Lokal!
Hein ist gekommen — und hat sogar Mechthild mitgebracht, der es "etwas besser geht!"
Sie beratschlagen, ob sie nicht gemeinsam einen Bummel unternehmen sollen.
Willi ist gleich bereit, aber seine Frau hat keine Lust, mitzukommen.
Hein holt den Firmenwagen — und dann verteilen sie sich auf die beiden Fahrzeuge.
Karl und Hedwig sitzen auf der Ladefläche und halten die Kinderwagen fest, in dem Ulli schläft und von dem ganzen Getümmel nichts bemerkt, weil er schläft.
Wie schön es auf der Promenade ist.
Fast fühlen sie sich selbst wie Sommergäste, obwohl sie gleich morgen früh wieder in ihre alten Arbeitshosen steigen.
In der Musikmuschel wird Musik gemacht; das hören sie schon von weitem.
Bald stehen sie staunend vor der Bühne. Man sieht doch gleich, warum es Musikmuschel heißt!
Die geschlossene Seite dieses "halben Bauwerkes" wendet sich nach Westen. Von dort kommt meist ein stärkerer und kühlerer Wind.
So bietet sie guten Schutz.
Auf der Bühne stehen uniformierte Männer und singen. Sie sollen wohl als Matrosen zu erkennen sein, aber sie sehen eher aus wie "Theatermatrosen". Hier war wohl die Fantasie der wichtigste Ratgeber, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch.
"Richtige Uniformen" haben die Menschen viel zu lange gesehen.
Die Matrosen sind nicht schlecht.
Mit "Wo die Nordseewellen"¦" bringen sie die Zuhörerschaft in Schwung. Die Leute auf den Bänken schunkeln.
Hedwig schaukelt den Kinderwagen — und Ulli lacht vor Vergnügen.
Kaum einer achtet auf Hein.
Mechthild hat sich bei ihm untergehakt.
Sie schauen alle auf die Bühne.
Beifall! Die Zuhörer sind begeistert.
Ein neues Lied.
Die Zuhörer konzentrieren sich auf die ernsten Gesichter der jungen Sänger.
Fast fühlen sie sich auch auf Madagaskar.
Die Matrosen singen:
In den Kesseln, da faulte das Wasser
Und täglich ging einer über Bord.
Warum nur hat keiner auf Hein geachtet?
Das war zu viel für ihn, hat er doch so viele Menschen über Bord gehen sehen.
Die Worte haben sich bei ihm fest eingegraben.
Die Gespenster haben wieder Besitz von ihm ergriffen.
Er reißt sich los.
Alles vorbei.
Das schöne Gefühl ist weg.
Alle haben Angst.
Hein ist fortgerannt.
Hedwig sieht ihn noch, gibt Karl ein Zeichen: "ihm nach!"
Mit dem Kinderwagen ist sie selbst nicht schnell genug.
Hein ist auf der belebten Straße nicht mehr wiederzufinden.
Sie suchen ihn überall.
In jede Kneipe schauen sie nach und in jedem Laden, der heute geöffnet hat.
Keine Spur von Hein.
Sollen sie die Polizei benachrichtigen?
Was sollen sie dort sagen?
Hein ist doch kein Kind, das verschwunden ist.
Mit den beiden Wagen fahren sie zurück.
Hedwig weint fast; so hat sie sich ihren Dankeschön-Nachmittag nicht vorgestellt.
Mechthild kommt mit ihnen; es ist am besten, sie bleiben nun alle zusammen.
Karl fragt im Dorf nach.
Keiner hat Hein gesehen.
Später am Abend will Hedwig noch einmal nach ihrem Boot sehen.
Es ist gerade Ebbe.
Der Ostwind mit seinen kabbeligen Wellen lässt manchmal das Boot fast den Anker aus dem Wattboden ziehen.
Oben auf dem Hügel sieht sie etwas liegen, was dort nicht hingehört.
Mit klopfendem Herzen hat sie den Hügel erklommen.
Nein, dort liegt nichts; da steht etwas!
Es sind die neuen Stiefel von Hein.
Ihr Boot liegt noch da — so wie sie es am Tag zuvor verlassen hat.
Der Anker sitzt noch tief im Wattboden.
Eine Fußspur führ am Boot vorbei ins Watt.
Nun erlebt sie auch, was mit dem Pionier und der Kluppe gemacht werden soll.
Die Pumpe hat zwei Anschlüsse: an einem wird ein Rohr angeschlossen, das in den Brunnen führen muss — und der andere Anschluss ist für den Drucktank vorgesehen.
Obwohl Hedwig kaum noch Lust hat, wartet viel Arbeit auf sie.
Sie müssen wieder einen Graben ausheben; aber vom Brunnen bis zum Haus ist es nicht so weit. Die Arbeit für die Abwasserleitung steckt ihnen noch in den Knochen.
Jeden Sonntag, wenn Mechthild kommt, putzt Hein sich etwas heraus. In der Woche nimmt er es nicht so genau, sondern liebt es bequemer.
Wenn sie zusammen sind, spricht Mechthild das Thema "Hochzeit" manchmal an.
Hat er einen guten Tag, dann kann er es sich gut vorstellen, immer mit ihr zusammen zu sein, aber es gibt auch diese schrecklichen Tage, da hat er Angst vor sich selbst und stellt sich vor, sie könne an solchen Tagen in ihn hineinblicken und die schwarzen Gespenster sehen, die in ihm ihr Unwesen treiben und ihm zu einem verängstigtem Kind machen.
Sie könnte ihn deswegen verachten.
Das möchte er unbedingt vermeiden.
Auch denkt er an Magda.
Wenn er verheiratet ist und mit seiner Frau zusammenwohnt, kann er wohl nicht mehr zu ihr gehen, wenn es ihm gefällt, um dort zu schlafen. So ist er hin- und hergerissen.
Nun genießt er erst einmal den Sonntag — und wenn das Thema "Hochzeit" wieder aufkommt, sagt er einfach "später".
Willi und Hedwig fahren zum Schrotthändler; denn aus alten Bleirohren soll Ballast für den Kutter gegossen werden. Bisher erfüllen Steine und kleine Betonblöcke diese Aufgabe, aber Willi will dem Kutter etwas gönnen.
Viele Rohre können sie nicht bekommen und sie wollen schon mit einem unzufriedenen Gefühl wieder vom Hof fahren.
Der Arbeiter vom Schrottplatz, den sie schon lange kennen, ist in einer kleinen Halle verschwunden.
Er ruft: "Hed, komm mal her!"
Hedwig will erst nicht reagieren, aber Willi gibt ihr einen Anstupser: "nu lauf!"
Es erwartet sie tatsächlich eine Überraschung; ein sehr gut erhaltener Drucktank ist im Angebot.
Sie bekommen ihn zum Kilopreis — "und wenn die Makrelen da sind, will ich mal mit raus", verlangt der Arbeiter.
Alle sind zufrieden.
Hedwig lernt, wie man Gewinde schneidet und wie die Rohre verschraubt werden. Willi hat wohl Rapunzel um ihre Haare gebracht; denn er wickelt "Engelshaar" um die Gewinde und streicht danach mit einer Dichtmasse drüber. Dann kommen zwei große Zangen zum Einsatz.
Sie sind ein gutes Team. Hedwig bekommt die Aufträge — und liefert die passenden Rohrstücke in der richtigen Länge — und mit Gewinde.
Das Sägen der Eisenrohre muss sie erst üben.
Sie gewinnt fast ein wenig zu viel Routine; ein Rohrstück sägt sie viel zu kurz ab.
Fast untröstlich kommt sie zu Willi und "beichtet" dieses Missgeschick, aber der lacht nur und sagt: "dann fertigen wir eine passende Verlängerung, das ist doch kein Problem!"
Hein kommt vorbei und zeigt seine neuen Stiefel — fast eine Spur zu vornehm, wenn man sich seine anderen Sachen anschaut.
"Da sieht man, dass der Chef kommt", spottet Willi.
Die neuen Stiefel will er nicht gleich verderben und sagt: "heute kann ich leider nicht mithelfen", aber Magda kommt und bringt die alten Holzpantinen, die ihm passen müssten.
Nun kann er sich doch beteiligen.
Sie müssen einen Schacht buddeln, der sich an den Brunnen anschließt. Dort sollten Tank und Pumpe hin.
Ein kleines Fundament muss auch gegossen werden; schließlich soll alles "Hand und Fuß haben", wie Willi sagt. Aus starken U-Profilen hat er eine Halterung für die Pumpe geschweißt.
Die wird auf dem Fundament befestigt.
Der Maurer, der den kleinen Anbau hochziehen soll, ist unzuverlässig.
Das mag mit daran liegen, dass er weiß, dass er nicht viel verdienen wird — und zu trinken gibt es für ihn erst nach Feierabend. Hedwig hat gelernt.
Sie holt ihn mit dem Auto ab, damit er sich nicht auf dem Weg zu ihnen "verläuft" und auf einer anderen Baustelle landet.
Erst als sie ihm ihre allerletzten Geldstücke opfert und für "bald" die Restsumme verspricht, kommt seine Arbeit ein wenig in Schwung.
Endlich ist es so weit.
Sie haben alle Rohre angeschlossen, für die Pumpe eine Stromleitung gelegt und in dem kleinen Toiletten-Anbau, der fast fertig ist, ein Wasch- und das Toilettenbecken montiert.
Willi schaltet die Pumpe ein.
Leider ist das Geräusch des Schalters das einzige, was sie hören.
Dabei hat zuhause bei ihm alles tadellos funktioniert, als er einen Probelauf durchgeführt hat.
Hedwig guckt enttäuscht- und Magda kommt mit einem "habe ich doch gleich gewusst — Gesichtsausdruck" zu ihnen.
Doch Willi lässt sich nicht so schnell aus dem Konzept bringen und stellt schnell fest, dass die Sicherung kaputt ist. In seiner Hosentasche hat er Ersatz. Er ist ein Mann, der an fast alles denkt!
Um ganz sicher zu gehen, öffnen er noch einmal eine Rohrleitung und füllt das Rohr, vom dem er erzählt hat, das wäre die Zuleitung mit einigen Kannen Wasser. Hedwig muss den Trichter halten.
"Damit die Pumpe keine Luft saugt", erklärt er den beiden Frauen.
"Das müssen wir doch hoffentlich nicht jeden Tag machen?"
Nein, Quatsch - wie kann Magda so eine Frage stellen?
Willi schaltet die Pumpe erneut ein. Gleich darauf ist ein sonores Brummen zu hören.
Sie schauen gebannt auf die Pumpe, den Tank — und die Verbindungen.
Die Pumpe leckt etwas. Gut, dass sie auf der hohen, massiven Halterung steht, so bekommt sie keine nassen Füße.
Magda guckt misstrauisch.
Willi muss eine Dichtung nachziehen.
Es tropft nicht mehr. Auch die Rohrverbindungen sind alle dicht.
Fasziniert beobachtet Hedwig die "Uhr", dessen Zeiger sich zitternd und in kleinen Schritten einem anderen Zeiger innerhalb der Uhr nähert. Als er ihn endlich erreicht hat, macht es laut "Klack" und die Pumpe schaltet sich — wie von Zauberhand — aus.
Im kleinen Anbau lassen sie das Wasser laufen. Erst ist es noch ein wenig braun und schmutzig, aber bald darauf klar wie das Wasser, das sie sonst immer mühsam mit der Handpumpe hochgepumpt haben.
Und nun haben sie Wasser im Haus.
Hedwig denkt an die kalten Winter, in denen sie draußen Wasser holen musste.
Was für eine Erleichterung!
Über dem Toilettenbecken befindet sich ein Spülkasten, der sich langsam gefüllt hat.
Willi zieht an der Strippe, die er oben an einem Hebel angebunden hat. Laut gurgelnd und schmatzend entleert sich der Spülkasten und flutet das Toilettenbecken, bevor das Wasser durch den Abfluss verschwindet.
Hedwig fällt Willi um den Hals und bedankt sich.
Er ist ganz verlegen und sagt schnell: "Da machen wir aber noch eine ordentliche Kette und einen Griff dran" und zeigt auf die Strippe, an der ein Korken hängt.
Magda hätte gern auch noch Wasser in der Küche — und im Geiste malt sie schon ein Schild:
"Zimmer zu vermieten! Fließend Wasser im Hause".
Karl ist gekommen.
So kann er Willi ablösen; denn der will die Bleireste schmelzen und Barren davon gießen.
Karl und Hedwig schließen den Graben, in dem die Wasser-Rohre verlegt worden sind.
Alles wird wieder eingeebnet.
Mechthild geht es nicht gut.
Sie muss sich häufig übergeben, obwohl sie sich sicher ist: "ich habe nichts Verdorbenes gegessen!"
Den mitgebrachten Kuchen stopft Hein ganz alleine in sich hinein.
Hein ist beunruhigt, aber sagt zu Mechthild: "das wird sich bestimmt bald geben!"
Er leiht sich den Firmenwagen, packt ihr Fahrrad auf die Ladefläche und fährt sie zurück.
Heute hat es einfach keinen Sinn mit ihr.
Blass sieht sie aus.
Mit einem Vorwurfsvollen Blick auf Hein nimmt die "gnädige Frau" Mechthild wieder in Empfang. Was hat der Kerl nur mit ihr angerichtet, dass sie in so einem Zustand zurückkommt — und das an ihrem freien Tag.
Hein weiß mit seinem angebrochenen Sonntag nicht viel anzufangen, aber liefert erst einmal das Auto wieder ab.
Magda guckt froh, als er gegen Abend auf seinem Spaziergang vorbeikommt.
Es ist Sonntag und er ist nicht mit "dieser Frau" zusammen. Hat sie ihn nun wieder ganz für sich?
"Mechthild geht es nicht gut", sagt er, "muss sich immer übergeben, hat wohl was Schlechtes gegessen!"
"Das glaube ich nicht", denkt Magda und will gleich die Empfehlung aussprechen, sie solle sich vor der olen Hex in Acht nehmen, doch sie sagt lieber nichts.
Erst nach einer ganzen Weile flüstert sie: "Du kannst auch hierbleiben".
Hedwig und Karl sind mit dem Ruderboot draußen gewesen und haben einen guten Fang gemacht. Der kommt gerade recht!
Auch in den Ofenrohren und Reusen stecken so viele Aale, dass sich sogar das Räuchern lohnt.
Hein kommt vorbei. Er ist immer noch in Sorge wegen Mechthild.
Er fragt Magda, ob er mal hinfahren und nach ihr sehen soll.
"Sie braucht bestimmt nur ein wenig Erholung", meint sie, "das lass mal lieber!"
Hein mag nicht mit anschauen, wie Hedwig und Karl mit den Aalen hantieren.
Ihm wird ganz anders, als er sie auf den Gestängen hängen sieht.
Er muss daran denken, was ein Kamerad ihm erzählt hat: "eines Tages landen wir vielleicht im Magen der Aale, die unsere Bestattung übernehmen, nur, dass uns niemand einen Grabstein setzen wird".
In Brest, im Trockendock konnte er das noch weit von sich weisen.
Ihm wird auch schlecht.
Magda hat gesehen, dass er etwas blass im Gesicht geworden ist.
Sie will mit Ulli rüber zur Nachbarin, aber ohne das Kind fühlt sie sich freier. Kurzerhand drückt sie Hein den Kinderwagen in die Hand und meint: "sei so lieb und nimm ihn mit zu deinem Spaziergang, ich will mal eben rüber zu Rita!"
Noch bevor Hein antworten kann, ist sie verschwunden.
Karl und Hedwig haben zu tun.
Nein, zu den Aalen will er auch nicht zurück.
So schiebt er mit dem Kinderwagen los.
Zuerst läuft er fast neben dem Kinderwagen und schiebt nur mit der rechten Hand, tut so, als wäre er völlig unbeteiligt und er würde das Kind nicht kennen.
Nach einer Weile wird es ihm unbequem und er benutzt beide Hände.
Ulli scheint es zu gefallen; denn er guckt interessiert nach draußen und freut sich, wenn Hein mit der Zunge schnalzt und Geräusche macht.
Ostwind — am Sonntag
Wie schön wird es nun an der Westseite sein — in Lee des heftigen Windes.
Sie haben gut verkauft.
Sollte das nicht ebenso gefeiert werden wie die fertige Wasserleitung?
Sie will Willi und Karl zu einem Eis einladen, danach zu einem Bier bei Matze?
Ihre Mutter ist von dem Vorschlag nicht so begeistert; denn sie will auch mit — und mit dem Kind können sie zwar spazierengehen, aber doch nicht in ein Lokal!
Hein ist gekommen — und hat sogar Mechthild mitgebracht, der es "etwas besser geht!"
Sie beratschlagen, ob sie nicht gemeinsam einen Bummel unternehmen sollen.
Willi ist gleich bereit, aber seine Frau hat keine Lust, mitzukommen.
Hein holt den Firmenwagen — und dann verteilen sie sich auf die beiden Fahrzeuge.
Karl und Hedwig sitzen auf der Ladefläche und halten die Kinderwagen fest, in dem Ulli schläft und von dem ganzen Getümmel nichts bemerkt, weil er schläft.
Wie schön es auf der Promenade ist.
Fast fühlen sie sich selbst wie Sommergäste, obwohl sie gleich morgen früh wieder in ihre alten Arbeitshosen steigen.
In der Musikmuschel wird Musik gemacht; das hören sie schon von weitem.
Bald stehen sie staunend vor der Bühne. Man sieht doch gleich, warum es Musikmuschel heißt!
Die geschlossene Seite dieses "halben Bauwerkes" wendet sich nach Westen. Von dort kommt meist ein stärkerer und kühlerer Wind.
So bietet sie guten Schutz.
Auf der Bühne stehen uniformierte Männer und singen. Sie sollen wohl als Matrosen zu erkennen sein, aber sie sehen eher aus wie "Theatermatrosen". Hier war wohl die Fantasie der wichtigste Ratgeber, aber das tut dem Spaß keinen Abbruch.
"Richtige Uniformen" haben die Menschen viel zu lange gesehen.
Die Matrosen sind nicht schlecht.
Mit "Wo die Nordseewellen"¦" bringen sie die Zuhörerschaft in Schwung. Die Leute auf den Bänken schunkeln.
Hedwig schaukelt den Kinderwagen — und Ulli lacht vor Vergnügen.
Kaum einer achtet auf Hein.
Mechthild hat sich bei ihm untergehakt.
Sie schauen alle auf die Bühne.
Beifall! Die Zuhörer sind begeistert.
Ein neues Lied.
Die Zuhörer konzentrieren sich auf die ernsten Gesichter der jungen Sänger.
Fast fühlen sie sich auch auf Madagaskar.
Die Matrosen singen:
In den Kesseln, da faulte das Wasser
Und täglich ging einer über Bord.
Warum nur hat keiner auf Hein geachtet?
Das war zu viel für ihn, hat er doch so viele Menschen über Bord gehen sehen.
Die Worte haben sich bei ihm fest eingegraben.
Die Gespenster haben wieder Besitz von ihm ergriffen.
Er reißt sich los.
Alles vorbei.
Das schöne Gefühl ist weg.
Alle haben Angst.
Hein ist fortgerannt.
Hedwig sieht ihn noch, gibt Karl ein Zeichen: "ihm nach!"
Mit dem Kinderwagen ist sie selbst nicht schnell genug.
Hein ist auf der belebten Straße nicht mehr wiederzufinden.
Sie suchen ihn überall.
In jede Kneipe schauen sie nach und in jedem Laden, der heute geöffnet hat.
Keine Spur von Hein.
Sollen sie die Polizei benachrichtigen?
Was sollen sie dort sagen?
Hein ist doch kein Kind, das verschwunden ist.
Mit den beiden Wagen fahren sie zurück.
Hedwig weint fast; so hat sie sich ihren Dankeschön-Nachmittag nicht vorgestellt.
Mechthild kommt mit ihnen; es ist am besten, sie bleiben nun alle zusammen.
Karl fragt im Dorf nach.
Keiner hat Hein gesehen.
Später am Abend will Hedwig noch einmal nach ihrem Boot sehen.
Es ist gerade Ebbe.
Der Ostwind mit seinen kabbeligen Wellen lässt manchmal das Boot fast den Anker aus dem Wattboden ziehen.
Oben auf dem Hügel sieht sie etwas liegen, was dort nicht hingehört.
Mit klopfendem Herzen hat sie den Hügel erklommen.
Nein, dort liegt nichts; da steht etwas!
Es sind die neuen Stiefel von Hein.
Ihr Boot liegt noch da — so wie sie es am Tag zuvor verlassen hat.
Der Anker sitzt noch tief im Wattboden.
Eine Fußspur führ am Boot vorbei ins Watt.
-
Simone 65
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 2252
- Registriert: Mi 9. Mär 2016, 09:05
- Geschlecht: Ich bin ein Mensch
- Pronomen: Frau
- Wohnort (Name): Reichenbach an der Fils
- Hat sich bedankt: 0
- Danksagung erhalten: 1 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Hoffentlich macht Hein nicht das , was ich denke.
Ich weiss ,ich bin ein Mensch und nur Das zählt.
Ich bin nur ein kleines Licht , aber ich leuchte .
Alle Menschen sollen mich sehen .
Ich bin nur ein kleines Licht , aber ich leuchte .
Alle Menschen sollen mich sehen .
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
... das wissen wir noch nicht...
Ganz gegen seine Gewohnheit ist der Ostwind am Abend eingeschlafen.
Es ist zu spüren, dass die Flut bald kommt; geräuschvoll und erwartungsfroh, dabei langsam,
nehmen die Wattbewohner und der Schlickboden das salzige Wasser wieder auf.
Es ist, als hätte das Watt ganz tief ausgeatmet, um nun durch die Flut neuen Atem zu empfangen.
Möwen rufen; in der Ferne scheint jemand zu stöhnen.
Ist das Hein?
Hedwig ruft.
Eine klagende Möwe scheint zu antworten.
Hedwig schaudert.
Sie spürt etwas hinter sich und blickt sich um.
Nein, da ist niemand.
Doch — oben auf dem Hügel, von dem man einen Blick über die gesamte Bucht hat, ist eine Gestalt zu sehen.
Nein, es ist nicht Hein; es ist auch keine der Frauen.
Das muss Willi sein.
Stimmt — er steigt vom Hügel und kommt zu ihr.
Sie muss nicht viel sagen; Willi hat oben im Heidekraut die Stiefel gesehen, auch die Fußspuren schon entdeckt und gleich gesehen, dass Hedwig ihnen bis zum Priel gefolgt ist.
Dort haben sich die Spuren verloren.
Ganz kleine, sanfte Wellten kommen und nagen an den verwischten Fußabdrücken, als wollten sie sie auslöschen.
Hedwig schiebt mit ihrem Fuß etwas Schlich zusammen und schichtet eine kleine Mauer davor auf, so wie sie es als Kind oft gemacht hat, wenn sie einen Hafen für das kleine Boot gebaut hatte, dass der Vater ihr geschnitzt hatte.
Schon damals machte sie die Erfahrung: das Wasser holt sich seine eigene Ordnung zurück.
So ist es auch mit den Fußspuren; bald ist nichts mehr von ihnen zu sehen.
"Wer jetzt noch draußen ist, sollte schnellstens an Land kommen", flüstert Willi.
"Wir rudern hinaus und suchen ihn", schlägt Hedwig vor.
Willi ist nicht überzeugt, dass sie Hein finden, aber etwas zu tun ist besser, als nichts zu tun.
Sie geben im Haus Bescheid; sie wollen nicht, dass sie auch noch vermisst werden.
Mechthild sitzt mit Magda in der Küche.
Beide haben rotgeweinte Augen.
Hedwig gibt der schlafenden Ulli einen ganz sanften Kuss auf die Stirn.
Wer weiß, wann und unter welchen Umständen sie sich wiedersehen.
Mechthild und Magda wollen im Haus bleiben und warten, falls Hein auftaucht.
Karl ist zum Hafen gelaufen und hält dort Ausschau.
Hedwig und Willi holen die Petroleumlampen aus dem Netzschuppen.
"Mensch Hed", sagt Willi, "das sind die schlimmsten Fahrten, wenn man nicht weiß, was einen erwartet".
Hedwig nickt stumm, aber wer weiß schon, was einen auf jeder Fahrt erwartet?
Glück und Leid liegen oftmals dicht beieinander.
Er will ihr keine Angst machen, aber sie auf alles, was sein kann, vorbereiten.
Es ist unwahrscheinlich, dass jemand in dem kalten Wasser überlebt.
Hein ist auch kein erfahrener Wattgänger mehr — das war er mal als Kind.
Er hat viel verlernt, weil er so lange fort war.
Sie schieben das hölzerne Boot durch den Schlick, bis sie das Wasser erreichen.
Dabei vermeiden sie, die Fußspuren zu queren, als wäre das ein schlechtes Omen.
Der flache Holzboden saugt sich immer fest im Schlick. Sie sind froh, als sie tieferes Wasser erreichen und einsteigen können.
Zuerst rudert Hedwig.
Abgesehen von den Vögeln, die manchmal rufen, ist fast nichts zu hören. Hedwig ist bisher nie aufgefallen, dass die Riemen so laut in den Dollern klappern.
Ab und zu hält sie inne — und das Boot gleitet ein paar Meter gegen den Strom, bis es zum Stillstand kommt und zurückzutreiben droht.
Vom Riemen laufen Tropfen auf die Unterseite und sie hören sie ins Wasser fallen.
In kürzeren Abständen steht Willi auf und schwenkt die Lampe.
Erst will ihr Herz jubeln und springen; denn sie erhalten Antwort.
Da muss jemand auf der Hafenmole mit einer Lampe stehen und Zeichen geben.
Hedwig legt sich in die Riemen, dass es knackt. Da Boot nimmt sogar gegen den Flutstrom ordentlich Fahrt auf.
"Ruhig", bremst Willi sie.
Endlich stoßen sie gegen die Mauer und schrammen mit der frisch gemalten Bordwand an der Mole entlang.
Hedwig bemerkt es nicht.
"Habt ihr schon etwas gesehen?"
Karl leuchtet von oben mit seiner Petroleumlampe in ihr Boot — so gut es geht.
Nein, sie haben nichts gesehen und nichts gehört, nur die rufenden Möwen.
Der treue Karl will noch ein paar Stunden aushalten.
Willi und Hedwig rudern eine ganze Weile gegen den Flutstrom.
Dann schlagen sie einen weiten Bogen und hoffen, in den flacheren Gewässern, die sich weiter draußen befinden und wo jetzt erst genügend Wasser ist, etwas zu finden.
Nein, das ist ihnen nicht vergönnt.
Die halbe Nacht liegt hinter ihnen, als sie das Boot wieder am Ankerplatz festmachen.
Auf der Hafenmole ist kein Licht mehr zu sehen. Karl wird gegangen sein.
Hedwig steckt einen Riemen in das runde Mastloch der Ruderbank. Am Ende hat sie die Lampe festgemacht.
Vom Hügel schauen sie noch einmal zurück.
In den leichten Wellen wird das Boot sanft geschaukelt.
Es sieht aus, als würde jemand mit der Laterne winken und rufen: "Hein, komm zurück!"
Ganz gegen seine Gewohnheit ist der Ostwind am Abend eingeschlafen.
Es ist zu spüren, dass die Flut bald kommt; geräuschvoll und erwartungsfroh, dabei langsam,
nehmen die Wattbewohner und der Schlickboden das salzige Wasser wieder auf.
Es ist, als hätte das Watt ganz tief ausgeatmet, um nun durch die Flut neuen Atem zu empfangen.
Möwen rufen; in der Ferne scheint jemand zu stöhnen.
Ist das Hein?
Hedwig ruft.
Eine klagende Möwe scheint zu antworten.
Hedwig schaudert.
Sie spürt etwas hinter sich und blickt sich um.
Nein, da ist niemand.
Doch — oben auf dem Hügel, von dem man einen Blick über die gesamte Bucht hat, ist eine Gestalt zu sehen.
Nein, es ist nicht Hein; es ist auch keine der Frauen.
Das muss Willi sein.
Stimmt — er steigt vom Hügel und kommt zu ihr.
Sie muss nicht viel sagen; Willi hat oben im Heidekraut die Stiefel gesehen, auch die Fußspuren schon entdeckt und gleich gesehen, dass Hedwig ihnen bis zum Priel gefolgt ist.
Dort haben sich die Spuren verloren.
Ganz kleine, sanfte Wellten kommen und nagen an den verwischten Fußabdrücken, als wollten sie sie auslöschen.
Hedwig schiebt mit ihrem Fuß etwas Schlich zusammen und schichtet eine kleine Mauer davor auf, so wie sie es als Kind oft gemacht hat, wenn sie einen Hafen für das kleine Boot gebaut hatte, dass der Vater ihr geschnitzt hatte.
Schon damals machte sie die Erfahrung: das Wasser holt sich seine eigene Ordnung zurück.
So ist es auch mit den Fußspuren; bald ist nichts mehr von ihnen zu sehen.
"Wer jetzt noch draußen ist, sollte schnellstens an Land kommen", flüstert Willi.
"Wir rudern hinaus und suchen ihn", schlägt Hedwig vor.
Willi ist nicht überzeugt, dass sie Hein finden, aber etwas zu tun ist besser, als nichts zu tun.
Sie geben im Haus Bescheid; sie wollen nicht, dass sie auch noch vermisst werden.
Mechthild sitzt mit Magda in der Küche.
Beide haben rotgeweinte Augen.
Hedwig gibt der schlafenden Ulli einen ganz sanften Kuss auf die Stirn.
Wer weiß, wann und unter welchen Umständen sie sich wiedersehen.
Mechthild und Magda wollen im Haus bleiben und warten, falls Hein auftaucht.
Karl ist zum Hafen gelaufen und hält dort Ausschau.
Hedwig und Willi holen die Petroleumlampen aus dem Netzschuppen.
"Mensch Hed", sagt Willi, "das sind die schlimmsten Fahrten, wenn man nicht weiß, was einen erwartet".
Hedwig nickt stumm, aber wer weiß schon, was einen auf jeder Fahrt erwartet?
Glück und Leid liegen oftmals dicht beieinander.
Er will ihr keine Angst machen, aber sie auf alles, was sein kann, vorbereiten.
Es ist unwahrscheinlich, dass jemand in dem kalten Wasser überlebt.
Hein ist auch kein erfahrener Wattgänger mehr — das war er mal als Kind.
Er hat viel verlernt, weil er so lange fort war.
Sie schieben das hölzerne Boot durch den Schlick, bis sie das Wasser erreichen.
Dabei vermeiden sie, die Fußspuren zu queren, als wäre das ein schlechtes Omen.
Der flache Holzboden saugt sich immer fest im Schlick. Sie sind froh, als sie tieferes Wasser erreichen und einsteigen können.
Zuerst rudert Hedwig.
Abgesehen von den Vögeln, die manchmal rufen, ist fast nichts zu hören. Hedwig ist bisher nie aufgefallen, dass die Riemen so laut in den Dollern klappern.
Ab und zu hält sie inne — und das Boot gleitet ein paar Meter gegen den Strom, bis es zum Stillstand kommt und zurückzutreiben droht.
Vom Riemen laufen Tropfen auf die Unterseite und sie hören sie ins Wasser fallen.
In kürzeren Abständen steht Willi auf und schwenkt die Lampe.
Erst will ihr Herz jubeln und springen; denn sie erhalten Antwort.
Da muss jemand auf der Hafenmole mit einer Lampe stehen und Zeichen geben.
Hedwig legt sich in die Riemen, dass es knackt. Da Boot nimmt sogar gegen den Flutstrom ordentlich Fahrt auf.
"Ruhig", bremst Willi sie.
Endlich stoßen sie gegen die Mauer und schrammen mit der frisch gemalten Bordwand an der Mole entlang.
Hedwig bemerkt es nicht.
"Habt ihr schon etwas gesehen?"
Karl leuchtet von oben mit seiner Petroleumlampe in ihr Boot — so gut es geht.
Nein, sie haben nichts gesehen und nichts gehört, nur die rufenden Möwen.
Der treue Karl will noch ein paar Stunden aushalten.
Willi und Hedwig rudern eine ganze Weile gegen den Flutstrom.
Dann schlagen sie einen weiten Bogen und hoffen, in den flacheren Gewässern, die sich weiter draußen befinden und wo jetzt erst genügend Wasser ist, etwas zu finden.
Nein, das ist ihnen nicht vergönnt.
Die halbe Nacht liegt hinter ihnen, als sie das Boot wieder am Ankerplatz festmachen.
Auf der Hafenmole ist kein Licht mehr zu sehen. Karl wird gegangen sein.
Hedwig steckt einen Riemen in das runde Mastloch der Ruderbank. Am Ende hat sie die Lampe festgemacht.
Vom Hügel schauen sie noch einmal zurück.
In den leichten Wellen wird das Boot sanft geschaukelt.
Es sieht aus, als würde jemand mit der Laterne winken und rufen: "Hein, komm zurück!"
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Magda und Mechthild sitzen noch in der Küche.
Willi geht nach Hause, um noch eine Stunde im eigenen Bett zu schlafen.
Hedwig traut sich kaum, die Nachricht zu überbringen: "wir haben ihn nicht gefunden".
Mechthild weint lauter, aber Magda tröstet sie: "vielleicht sieht nachher alles ganz anders aus!"
Hedwig geht in ihr Zimmer und freut sich, dass Ulli so ruhig schlafen kann: der Schlaf eines unschuldigen Kindes, das noch ganz ohne schlechte Erfahrungen ist.
Ist Hedwig schuldig?
Sie hatte die Idee mit dem Eis und dem Spaziergang auf der Promenade. Wie magisch zog es sie und die anderen Spaziergänger zur Musikmuschel, wo die "Matrosen" ihren Auftritt hatten.
Hätte sie vorhersehen können, dass dieses eine Lied so eine unheilvolle Reaktion auslöst?
In Gedanken sing sie dieses Lied, das sie in der Schule gelernt und oft gesungen haben:
Wir lagen vor Madagaskar
Und hatten die Pest an Bord.
In den Kesseln, da faulte das Wasser
Und täglich ging einer über Bord.
Sie legt sich auf ihr Bett, ohne sich auszuziehen. Sie will nur einen Moment ausruhen, schläft aber doch ein.
Knatternd wird ein Moped vor dem Haus gestoppt.
Es ist der Polizist, der sich besucht. Es muss eine ernste Angelegenheit sein; denn sonst wäre er mit dem Fahrrad gekommen.
Er grüßt knapp und dienstlich, führt die Fingerspitzen zum Kopf, als müsste er militärischen Bericht erstatten.
"Kommst Du wegen Hein?"
Magda verbessert sich schnell; denn das "Du" verfinstert seinen Gesichtsausdruck, "kommen Sie wegen Hein?"
"Ich hoffe nicht", ist die Antwort, die niemand erwartet hat.
"Jedenfalls hat eine Frau im Nachbarort Anzeige erstattet, dass sie letzte Nacht von einem betrunkenen und nackten Mann belästigt worden ist. Nach ihrer Beschreibung könnte das Hein sein. War er gestern betrunken und im Nachbardorf unterwegs?"
Magda und Mechthild und auch Hedwig, die hinzukommt, können nur sagen, dass sie nicht wissen, wo Hein ist — und sie stellen sich insgeheim die Frage, ob er überhaupt noch lebt.
"Das ist nicht gut!" Der Polizist wirkt noch dienstlicher und lehnt sogar einen Schnaps ab. Das ist noch nie passiert.
Er füllt ein Formular aus.
"Vorladung" steht da mit fett gedruckten Buchstaben.
Als er alles ausgefüllt hat, überreicht er Magda das amtliche Stück Papier.
"Wenn er sich nicht umgehend meldet, komme ich wieder mit einem Haftbefehl!"
Sie nimmt das Formular nur ungern und mit zitternden Fingern entgegen.
So etwas haben sie noch nie im Hause gehabt.
Der Polizist verabschiedet sich förmlich.
"Wir müssen Hein unbedingt finden!"
Hedwig spricht es zuerst aus.
Ob ihnen dabei eine "Seherin" helfen kann?
Magda denkt an die ole Hex.
Sie verteilen die Aufgaben.
Sie selbst macht sich auf den schweren Weg zur Hex, obwohl sie kein gutes Gefühl dabei hat.
Mechthild soll das Fahrrad nehmen und im Betrieb Bescheid geben, dass Hein heute "wegen Krankheit" nicht kommen kann.
Dann soll sie versuchen, die "gnädige Frau" um einen freien Tag zu bitten, damit sie sich an der Suche nach Hein beteiligen kann.
Hedwig füttert Ulli, macht ihm eine neue Windel, zieht ihn an — und geht mit ihm hinunter zum Hafen, um zu hören, ob dort jemand etwas gehört oder gesehen hat.
Was soll Mechthild nur sagen?
"Wegen Krankheit", das sagt doch sonst niemand!
Sie ist froh, dass sie Willi unterwegs trifft.
Er will mitkommen, kennt er doch den Chef ganz gut.
Vielleicht können sie offen mit ihm reden und ihn bitten, dass es nicht gleich die Runde macht, dass Hein verschwunden ist und sie nicht einmal wissen, ob er noch lebt.
Während sie noch beratschlagen, was sie und wie sie am besten sagen, haben sie das Tor zum Firmengrundstück erreicht. Mechthild will das Fahrrad an den Pfosten lehnen.
Da prescht auf einmal der Firmenlaster an ihnen vorbei, dass sie gerade noch zur Seite springen können, um sich zu retten.
Magda steht vor dem Haus der olen Hex.
Soll sie die Alte tatsächlich um den Gefallen bitten?
In der Not"¦
Sie hat den Satz für sich noch nicht vollendet, da steht sie schon vor ihr.
"Na, was führt Dich zu mir?"
Sie fragt, ob Hedwig vielleicht wieder "guter Hoffnung" ist; denn schließlich lägen wieder drei Wanderfischer mit ihren Booten an der Nordmole. "Die freuen sich bestimmt über so eine seute Deern!"
"Nein, das ist es nicht", platzt es aus Magda heraus, "es geht um Hein!"
"Um Hein? Der wird doch wohl nicht guter Hoffnung sein!"
Sie lacht und meint, sie hätte einen guten Spaß gemacht.
"Hein ist fort", flüstert Magda fast, "kannst Du sehen, wo er ist?"
"Ach — jetzt auf einmal brauchst Du mich wieder! Vor einiger Zeit bist Du mir noch aus dem Wege gegangen"
Sie klingt nicht so, als würde sie helfen wollen.
Magda erinnert sie daran, dass sie manches Mal etwas für sie übrig hatte, als die Hungersnot am größten war.
Darauf scheint sich auch die ole Hex zu besinnen; ihr Gesichtsausdruck wird etwas milder.
"Komm mit!"
Sie gehen in die dunkle Stube.
Es riecht eigenartig nach fremdländischen Kräutern; aber bei einer Zauberin und Hexe ist das wohl kein Wunder?
Magda ist unheimlich zumute; aber sie will keine Gelegenheit ungenutzt lassen, Hein zu finden.
Die Hex hat inzwischen ein altes, abgegriffenes Kartenspiel geholt und legt einige Karten auf den Tisch.
Magda muss sie umdrehen.
Bei jeder Karte wird die Hex nachdenklicher.
Als alle Karten aufgedeckt sind, sagt sie: "Hein ist hier ganz in der Nähe, aber dunkle Mächte umgeben ihn. Die Herzdame kann die dunklen Mächte manchmal zurückdrängen, aber nie besiegen. Es bleibt ein sehr schwerer Weg durchs Leben für ihn!"
"Leben? Er lebt?"
Magda fällt der Hex um den Hals, ist selbst darüber ebenso erschrocken wie die Frau.
"Und wo ist er?"
"Das kann ich nicht sehen, aber schon bald wird er wieder an seinem Platz sein!"
Sie spricht in Rätseln, aber Magda bedankt sich freundlich und verspricht, in den nächsten Tagen etwas vorbeizubringen, vielleicht ein Glas Honig?
Ja, den kann die Ole Hex gebrauchen.
Sie hat ganz vergessen zu fragen, ob sie weiter nach Hein suchen sollen oder ob er alleine zurückkehrt.
Auch hat sie nichts vom Besuch des Polizisten erzählt. Ob sie noch einmal zurückgeht?
Nein, das will sie nicht.
Willi geht nach Hause, um noch eine Stunde im eigenen Bett zu schlafen.
Hedwig traut sich kaum, die Nachricht zu überbringen: "wir haben ihn nicht gefunden".
Mechthild weint lauter, aber Magda tröstet sie: "vielleicht sieht nachher alles ganz anders aus!"
Hedwig geht in ihr Zimmer und freut sich, dass Ulli so ruhig schlafen kann: der Schlaf eines unschuldigen Kindes, das noch ganz ohne schlechte Erfahrungen ist.
Ist Hedwig schuldig?
Sie hatte die Idee mit dem Eis und dem Spaziergang auf der Promenade. Wie magisch zog es sie und die anderen Spaziergänger zur Musikmuschel, wo die "Matrosen" ihren Auftritt hatten.
Hätte sie vorhersehen können, dass dieses eine Lied so eine unheilvolle Reaktion auslöst?
In Gedanken sing sie dieses Lied, das sie in der Schule gelernt und oft gesungen haben:
Wir lagen vor Madagaskar
Und hatten die Pest an Bord.
In den Kesseln, da faulte das Wasser
Und täglich ging einer über Bord.
Sie legt sich auf ihr Bett, ohne sich auszuziehen. Sie will nur einen Moment ausruhen, schläft aber doch ein.
Knatternd wird ein Moped vor dem Haus gestoppt.
Es ist der Polizist, der sich besucht. Es muss eine ernste Angelegenheit sein; denn sonst wäre er mit dem Fahrrad gekommen.
Er grüßt knapp und dienstlich, führt die Fingerspitzen zum Kopf, als müsste er militärischen Bericht erstatten.
"Kommst Du wegen Hein?"
Magda verbessert sich schnell; denn das "Du" verfinstert seinen Gesichtsausdruck, "kommen Sie wegen Hein?"
"Ich hoffe nicht", ist die Antwort, die niemand erwartet hat.
"Jedenfalls hat eine Frau im Nachbarort Anzeige erstattet, dass sie letzte Nacht von einem betrunkenen und nackten Mann belästigt worden ist. Nach ihrer Beschreibung könnte das Hein sein. War er gestern betrunken und im Nachbardorf unterwegs?"
Magda und Mechthild und auch Hedwig, die hinzukommt, können nur sagen, dass sie nicht wissen, wo Hein ist — und sie stellen sich insgeheim die Frage, ob er überhaupt noch lebt.
"Das ist nicht gut!" Der Polizist wirkt noch dienstlicher und lehnt sogar einen Schnaps ab. Das ist noch nie passiert.
Er füllt ein Formular aus.
"Vorladung" steht da mit fett gedruckten Buchstaben.
Als er alles ausgefüllt hat, überreicht er Magda das amtliche Stück Papier.
"Wenn er sich nicht umgehend meldet, komme ich wieder mit einem Haftbefehl!"
Sie nimmt das Formular nur ungern und mit zitternden Fingern entgegen.
So etwas haben sie noch nie im Hause gehabt.
Der Polizist verabschiedet sich förmlich.
"Wir müssen Hein unbedingt finden!"
Hedwig spricht es zuerst aus.
Ob ihnen dabei eine "Seherin" helfen kann?
Magda denkt an die ole Hex.
Sie verteilen die Aufgaben.
Sie selbst macht sich auf den schweren Weg zur Hex, obwohl sie kein gutes Gefühl dabei hat.
Mechthild soll das Fahrrad nehmen und im Betrieb Bescheid geben, dass Hein heute "wegen Krankheit" nicht kommen kann.
Dann soll sie versuchen, die "gnädige Frau" um einen freien Tag zu bitten, damit sie sich an der Suche nach Hein beteiligen kann.
Hedwig füttert Ulli, macht ihm eine neue Windel, zieht ihn an — und geht mit ihm hinunter zum Hafen, um zu hören, ob dort jemand etwas gehört oder gesehen hat.
Was soll Mechthild nur sagen?
"Wegen Krankheit", das sagt doch sonst niemand!
Sie ist froh, dass sie Willi unterwegs trifft.
Er will mitkommen, kennt er doch den Chef ganz gut.
Vielleicht können sie offen mit ihm reden und ihn bitten, dass es nicht gleich die Runde macht, dass Hein verschwunden ist und sie nicht einmal wissen, ob er noch lebt.
Während sie noch beratschlagen, was sie und wie sie am besten sagen, haben sie das Tor zum Firmengrundstück erreicht. Mechthild will das Fahrrad an den Pfosten lehnen.
Da prescht auf einmal der Firmenlaster an ihnen vorbei, dass sie gerade noch zur Seite springen können, um sich zu retten.
Magda steht vor dem Haus der olen Hex.
Soll sie die Alte tatsächlich um den Gefallen bitten?
In der Not"¦
Sie hat den Satz für sich noch nicht vollendet, da steht sie schon vor ihr.
"Na, was führt Dich zu mir?"
Sie fragt, ob Hedwig vielleicht wieder "guter Hoffnung" ist; denn schließlich lägen wieder drei Wanderfischer mit ihren Booten an der Nordmole. "Die freuen sich bestimmt über so eine seute Deern!"
"Nein, das ist es nicht", platzt es aus Magda heraus, "es geht um Hein!"
"Um Hein? Der wird doch wohl nicht guter Hoffnung sein!"
Sie lacht und meint, sie hätte einen guten Spaß gemacht.
"Hein ist fort", flüstert Magda fast, "kannst Du sehen, wo er ist?"
"Ach — jetzt auf einmal brauchst Du mich wieder! Vor einiger Zeit bist Du mir noch aus dem Wege gegangen"
Sie klingt nicht so, als würde sie helfen wollen.
Magda erinnert sie daran, dass sie manches Mal etwas für sie übrig hatte, als die Hungersnot am größten war.
Darauf scheint sich auch die ole Hex zu besinnen; ihr Gesichtsausdruck wird etwas milder.
"Komm mit!"
Sie gehen in die dunkle Stube.
Es riecht eigenartig nach fremdländischen Kräutern; aber bei einer Zauberin und Hexe ist das wohl kein Wunder?
Magda ist unheimlich zumute; aber sie will keine Gelegenheit ungenutzt lassen, Hein zu finden.
Die Hex hat inzwischen ein altes, abgegriffenes Kartenspiel geholt und legt einige Karten auf den Tisch.
Magda muss sie umdrehen.
Bei jeder Karte wird die Hex nachdenklicher.
Als alle Karten aufgedeckt sind, sagt sie: "Hein ist hier ganz in der Nähe, aber dunkle Mächte umgeben ihn. Die Herzdame kann die dunklen Mächte manchmal zurückdrängen, aber nie besiegen. Es bleibt ein sehr schwerer Weg durchs Leben für ihn!"
"Leben? Er lebt?"
Magda fällt der Hex um den Hals, ist selbst darüber ebenso erschrocken wie die Frau.
"Und wo ist er?"
"Das kann ich nicht sehen, aber schon bald wird er wieder an seinem Platz sein!"
Sie spricht in Rätseln, aber Magda bedankt sich freundlich und verspricht, in den nächsten Tagen etwas vorbeizubringen, vielleicht ein Glas Honig?
Ja, den kann die Ole Hex gebrauchen.
Sie hat ganz vergessen zu fragen, ob sie weiter nach Hein suchen sollen oder ob er alleine zurückkehrt.
Auch hat sie nichts vom Besuch des Polizisten erzählt. Ob sie noch einmal zurückgeht?
Nein, das will sie nicht.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Willi und Mechthild sind wie vom Donner gerührt: in dem Firmenwagen, der an ihnen vorbeiraste, das ist doch"¦
"Na, hat Hein sein Frühstück vergessen?"
Der Chef ist extra nach unten gekommen und begrüßt die beiden.
"Er ist ja auch ein wenig durch den Wind heute. Aber es ist Montag, die anderen Arbeiter sind auch ganz dösig!"
"Wo ist er hin?" fragt Willi.
Der Chef erklärt den Weg zu einem etwas abgelegenen Haus im Nachbardorf.
"Hein soll aber vorher noch schnell etwas besorgen, aber müsste gleich da sein!"
Sie verabschieden sich.
Mechthild hat die ganze Zeit kein Wort gesagt.
Die ganze Sache hat ihr die Sprache verschlagen.
Willi will mit ihr zu Hein fahren und ihn zur Rede stellen. "So geht es nicht", hat Willi mehrmals recht laut gerufen.
Mechthilds Fahrrad legen sie auf die Ladefläche — und dann geht es los.
Unterwegs fällt ihnen ein, dass sie Hedwig und Magda noch nicht Bescheid gegeben haben, aber das muss nun warten.
Fast zeitgleich mit Hein kommen sie auf der Baustelle an.
Willi stürmt auf den Lastwagen zu, öffnet die Tür, steigt auf das Trittbrett und zerrt Hein aus der Kabine. Der ist ganz verdattert.
"Was hast Du gemacht?"
Hein kann nicht antworten; er ist vollkommen überrascht von dem Überfall.
Willi schüttelt ihn und will seine Fäuste auf ihn niederprasseln lassen, aber Mechthild schreit: "hör auf!"
Willi ist richtig in Rage geraten; ausgerechnet er, der sonst keiner Fliege etwas zu Leide tun kann.
Er fasst sich wieder.
"Ich fahre Dich zur Arbeit", ruft er Mechthild zu.
Er will weg von hier.
Hein geht in aller Ruhe das halbfertige Haus und holt eine Schubkarre.
Dann beginnt er, Baumaterial zu verladen, tut so, als wäre nichts geschehen und Willi und Mechthild wären Luft.
Mechthild schluchzt vor sich hin; Willi guckt griesgrämig und ärgert sich, dass er sich die halbe Nacht um die Ohren geschlagen hat, um sich an der Suche nach Hein zu beteiligen.
"Dabei war es so schön gestern", fasst sich Mechthild endlich, "und gerade bevor wir losgefahren sind, habe ich Hein erzählt, dass wir ein Kind bekommen.
Was soll nun werden?"
Das weiß Willi auch nicht.
Sie sind da.
Die "gnädige Frau" hat schon gewartet, schaut lange und eindringlich auf ihre Uhr, als könnte man dadurch die Zeit zurückdrehen.
"Es tut mir leid", sagt Mechthild und macht einen Knicks.
"Ist schon gut", antwortet die gnädige Frau schon etwas versöhnlicher und fragt: "haben Sie einen neuen Kavalier?"
"Nein!" Mechthild winkt Willi zum Abschied zu.
"Es ist ein Nachbar meines Freundes".
Hedwig hat fast vergessen, warum sie zum Hafen gelaufen ist.
Die Wanderfischer hat sie im Blick, obwohl man von deren Liegeplatz kaum eine gute Übersicht über die Bucht und auf das hat, was da vor sich geht.
Sie hat sich wohl schon fast damit abgefunden, dass Hein nicht mehr zu finden ist.
Ein wenig unheimlich ist er ihr eigentlich immer schon gewesen. Er war doch auch nach dem Krieg einige Jahre verschwunden.
Was er da wohl gemacht hat?
Und war er das wirklich, der die Frau "belästigt" hat?
Die Fischer sitzen an Deck und flicken ihre Netze.
Sie will nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und fragt erst einmal nach den Fang-Aussichten und nach Woher und Wohin.
Die Wanderfischer freuen sich, dass sie mal einen anderen Schnack haben; denn meistens hocken sie alleine und für sich an Bord und kennen die Geschichten, die jeder von ihnen wieder und wieder erzählt schon auswendig.
Sie haben Schollen gefangen und sind ganz zufrieden.
Nun wollen sie es mit dem Krabbenfang versuchen, sind aber noch nicht ganz überzeugt, ob es so klappt, wie sie sich es vorgestellt haben.
Ganz beiläufig fragt Hedwig nach dem Jungen.
Die Fischer antworten ausweichend. Ja, sie kennen da einen, aber der ist in Holland geblieben.
Übrigens haben sich schon in mehreren Häfen Frauen mit Kinderwagen nach dem Jungen erkundigt.
"Scheint ein beliebter Kerl zu sein", ruft der Schiffer vom Boot ganz außen, "aber die Kerle hier sind doch auch nicht schlecht.
Gestern kam einer zu uns an Bord, hat die halbe Nacht mit uns getrunken.
Er traute sich dann aber nicht nach Hause. Ich glaube, er hat auf dem Jollenkreuzer geschlafen, der da hinten liegt. Jedenfalls war er heute Morgen weg.
Er wird doch nicht über Bord gefallen sein?"
Nach der Beschreibung der Fischer kann das nur Hein gewesen sein.
Hedwig ist erleichtert, aber auch sehr ärgerlich. Ob der wohl weiß, was sie sich alle für Sorgen gemacht haben? Ganz zu schweigen von der langen Suche.
Hedwig muss sofort los, um es ihrer Mutter zu erzählen.
Magda ist von der olen Hex zurück und setzt einen Kessel auf, um Tee zu machen.
Willi kommt mit seinem Wagen.
Hedwig hat unterwegs Karl getroffen und ihn gleich "eingesammelt"; dann kann sie mit ihm die Reusen vorbereiten.
Alle haben etwas zu erzählen und können sich kaum zurückhalten.
Magdas Bescheid von der olen Hex, Hein wäre ganz in der Nähe, können sie nur bestätigen, aber wissen schon mehr.
"Ach deshalb"¦". Karl hat wohl am gestrigen Abend mitbekommen, dass auf dem Fischerboot "ordentlich was los war", aber das nicht mit Hein in Verbindung gebracht.
Durch seine schlechten Erfahrungen mit betrunkenen Männern hat er sich nicht zu ihnen an Bord getraut, um nach Hein zu fragen.
Willi ist immer noch entrüstet und enttäuscht, aber er rafft sich doch zu einer kleinen Arbeit auf.
"Wir brauchen ein Schild" hat Magda angekündigt.
Bald darauf kommt er mit einer Platte wieder.
Als er nachmittags noch einmal am Haus vorbeifährt, sieht er, was Magda mit dem Schild gemacht hat.
Mit großen Buchstaben hat sie geschrieben:
"Zimmer zu vermieten, fließend Wasser im Hause!"
Das ist bestimmt eine gute Idee.
Willi ist ein wenig stolz; denn an dem "fließend Wasser" hat er großen Anteil.
"Na, hat Hein sein Frühstück vergessen?"
Der Chef ist extra nach unten gekommen und begrüßt die beiden.
"Er ist ja auch ein wenig durch den Wind heute. Aber es ist Montag, die anderen Arbeiter sind auch ganz dösig!"
"Wo ist er hin?" fragt Willi.
Der Chef erklärt den Weg zu einem etwas abgelegenen Haus im Nachbardorf.
"Hein soll aber vorher noch schnell etwas besorgen, aber müsste gleich da sein!"
Sie verabschieden sich.
Mechthild hat die ganze Zeit kein Wort gesagt.
Die ganze Sache hat ihr die Sprache verschlagen.
Willi will mit ihr zu Hein fahren und ihn zur Rede stellen. "So geht es nicht", hat Willi mehrmals recht laut gerufen.
Mechthilds Fahrrad legen sie auf die Ladefläche — und dann geht es los.
Unterwegs fällt ihnen ein, dass sie Hedwig und Magda noch nicht Bescheid gegeben haben, aber das muss nun warten.
Fast zeitgleich mit Hein kommen sie auf der Baustelle an.
Willi stürmt auf den Lastwagen zu, öffnet die Tür, steigt auf das Trittbrett und zerrt Hein aus der Kabine. Der ist ganz verdattert.
"Was hast Du gemacht?"
Hein kann nicht antworten; er ist vollkommen überrascht von dem Überfall.
Willi schüttelt ihn und will seine Fäuste auf ihn niederprasseln lassen, aber Mechthild schreit: "hör auf!"
Willi ist richtig in Rage geraten; ausgerechnet er, der sonst keiner Fliege etwas zu Leide tun kann.
Er fasst sich wieder.
"Ich fahre Dich zur Arbeit", ruft er Mechthild zu.
Er will weg von hier.
Hein geht in aller Ruhe das halbfertige Haus und holt eine Schubkarre.
Dann beginnt er, Baumaterial zu verladen, tut so, als wäre nichts geschehen und Willi und Mechthild wären Luft.
Mechthild schluchzt vor sich hin; Willi guckt griesgrämig und ärgert sich, dass er sich die halbe Nacht um die Ohren geschlagen hat, um sich an der Suche nach Hein zu beteiligen.
"Dabei war es so schön gestern", fasst sich Mechthild endlich, "und gerade bevor wir losgefahren sind, habe ich Hein erzählt, dass wir ein Kind bekommen.
Was soll nun werden?"
Das weiß Willi auch nicht.
Sie sind da.
Die "gnädige Frau" hat schon gewartet, schaut lange und eindringlich auf ihre Uhr, als könnte man dadurch die Zeit zurückdrehen.
"Es tut mir leid", sagt Mechthild und macht einen Knicks.
"Ist schon gut", antwortet die gnädige Frau schon etwas versöhnlicher und fragt: "haben Sie einen neuen Kavalier?"
"Nein!" Mechthild winkt Willi zum Abschied zu.
"Es ist ein Nachbar meines Freundes".
Hedwig hat fast vergessen, warum sie zum Hafen gelaufen ist.
Die Wanderfischer hat sie im Blick, obwohl man von deren Liegeplatz kaum eine gute Übersicht über die Bucht und auf das hat, was da vor sich geht.
Sie hat sich wohl schon fast damit abgefunden, dass Hein nicht mehr zu finden ist.
Ein wenig unheimlich ist er ihr eigentlich immer schon gewesen. Er war doch auch nach dem Krieg einige Jahre verschwunden.
Was er da wohl gemacht hat?
Und war er das wirklich, der die Frau "belästigt" hat?
Die Fischer sitzen an Deck und flicken ihre Netze.
Sie will nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und fragt erst einmal nach den Fang-Aussichten und nach Woher und Wohin.
Die Wanderfischer freuen sich, dass sie mal einen anderen Schnack haben; denn meistens hocken sie alleine und für sich an Bord und kennen die Geschichten, die jeder von ihnen wieder und wieder erzählt schon auswendig.
Sie haben Schollen gefangen und sind ganz zufrieden.
Nun wollen sie es mit dem Krabbenfang versuchen, sind aber noch nicht ganz überzeugt, ob es so klappt, wie sie sich es vorgestellt haben.
Ganz beiläufig fragt Hedwig nach dem Jungen.
Die Fischer antworten ausweichend. Ja, sie kennen da einen, aber der ist in Holland geblieben.
Übrigens haben sich schon in mehreren Häfen Frauen mit Kinderwagen nach dem Jungen erkundigt.
"Scheint ein beliebter Kerl zu sein", ruft der Schiffer vom Boot ganz außen, "aber die Kerle hier sind doch auch nicht schlecht.
Gestern kam einer zu uns an Bord, hat die halbe Nacht mit uns getrunken.
Er traute sich dann aber nicht nach Hause. Ich glaube, er hat auf dem Jollenkreuzer geschlafen, der da hinten liegt. Jedenfalls war er heute Morgen weg.
Er wird doch nicht über Bord gefallen sein?"
Nach der Beschreibung der Fischer kann das nur Hein gewesen sein.
Hedwig ist erleichtert, aber auch sehr ärgerlich. Ob der wohl weiß, was sie sich alle für Sorgen gemacht haben? Ganz zu schweigen von der langen Suche.
Hedwig muss sofort los, um es ihrer Mutter zu erzählen.
Magda ist von der olen Hex zurück und setzt einen Kessel auf, um Tee zu machen.
Willi kommt mit seinem Wagen.
Hedwig hat unterwegs Karl getroffen und ihn gleich "eingesammelt"; dann kann sie mit ihm die Reusen vorbereiten.
Alle haben etwas zu erzählen und können sich kaum zurückhalten.
Magdas Bescheid von der olen Hex, Hein wäre ganz in der Nähe, können sie nur bestätigen, aber wissen schon mehr.
"Ach deshalb"¦". Karl hat wohl am gestrigen Abend mitbekommen, dass auf dem Fischerboot "ordentlich was los war", aber das nicht mit Hein in Verbindung gebracht.
Durch seine schlechten Erfahrungen mit betrunkenen Männern hat er sich nicht zu ihnen an Bord getraut, um nach Hein zu fragen.
Willi ist immer noch entrüstet und enttäuscht, aber er rafft sich doch zu einer kleinen Arbeit auf.
"Wir brauchen ein Schild" hat Magda angekündigt.
Bald darauf kommt er mit einer Platte wieder.
Als er nachmittags noch einmal am Haus vorbeifährt, sieht er, was Magda mit dem Schild gemacht hat.
Mit großen Buchstaben hat sie geschrieben:
"Zimmer zu vermieten, fließend Wasser im Hause!"
Das ist bestimmt eine gute Idee.
Willi ist ein wenig stolz; denn an dem "fließend Wasser" hat er großen Anteil.
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Schon drei Tage später erfüllt das Schild seinen Zweck.
Vor dem Haus hält ein grauer Volkswagen. Ein "zünftig" gekleideter Mann steigt aus, der durch seine Größe Mühe hat, aus dem Käfer zu krabbeln.
Lange macht er sich an der Haustür zu schaffen.
"Suchen Sie etwas?" Hedwig ist nicht auf den Mund gefallen.
"Ja, ich suche die Klingel, aber vielleicht können sie mir weiterhelfen?!"
"Das kommt darauf an!"
Hedwig ist schlau; denn wer weiß, was der Mann will.
Lustig findet sie, wie er angezogen ist mit seiner -¾ Lederhose, den Wanderstiefeln, den Wollstrümpfen und dem karierten Hemd.
"Ich möchte ein Zimmer mieten — und da sie so ein schönes Schild haben, möchte ich es mal hier versuchen.
"Gern, kommen sie rein!"
Hedwig weiß, was sich gehört.
Wie gut, dass sie renoviert haben. Die Kammer für die Gäste ist parat.
"Schön!" Der Gast ist zufrieden.
Magda ist gekommen, erkundigt sich nach seinem Gepäck und wie lange er bleiben möchte.
Er spricht von mehreren Wochen.
Etwas Gepäck hat er im Wagen — und eine ganze Menge wird noch nachgeschickt.
"Eine ganze Menge — Sie wollen doch nicht auf Dauer hier einziehen?"
Magda wirkt besorgt.
"Nein, natürlich nicht", der Gast lacht und stellt sich vor: Professor Kleinmann aus Köln.
"Der Name passt nicht ganz zu seiner Größe", denkt Hedwig, aber ein Professor, der lange bleiben will, das ist doch ein guter Beginn der Saison.
Magda fragt umständlich, ob die Kammer für einen Professor nicht zu schäbig wäre, aber der wischt ihre Bedenken beiseite: "ich bin hier, um zu arbeiten — und ich habe es schon sehr viel einfacher gehabt".
Er denkt an einige Wochen im Zelt während einer Forschungsreise.
Auch auf die Insel ist er zu Forschungszwecken gereist.
Er soll die positive Auswirkung der Nordseeluft auf Kinder untersuchen, die unter Atemwegserkrankungen leiden. Seine Gerätschaften werden mit der Bahn auf die Insel geschickt, "der VW ist ja kein Lastwagen".
Ein speziell ausgestattetes Erholungsheim für Kinder ist in Planung. Bei den hohen Kosten wird natürlich ein Augenmerk auf den gesundheitlichen Gesamtnutzen gelegt.
"Den Professor sparen Sie sich mal, ich heiße Friedrich!"
Er reicht Magda die Hand, hat wohl das Gefühl, sie wäre die Chefin des Hauses.
Sie müssen noch über den Preis sprechen; denn die Universität wird den größten Teil der Kosten übernehmen; "ich bin ja schließlich nicht zum Urlaubmachen hier", fügt er schnell hinzu.
Sie werden sich einig.
Er kann sogar etwas mehr bezahlen als Magda eigentlich gehofft und schnell rechnerisch eingeplant hat.
Natürlich muss er nicht den ganzen Tag arbeiten und hat auch mal frei. Er hat die Reusen und Netze vor dem Schuppen gesehen und fragt, ob er auch mal mit aufs Wasser oder ins Watt darf.
"Das kriegen wir schon hin", meldet sich Hedwig.
Vom Gespräch der Erwachsenen ist Ulli wach geworden.
Friedrich wird gleich aufmerksam: "ein netter kleiner Junge"¦
"¦ oder ein Mädchen?"
"Das Kind is"˜ nix oder beides, das ist verhext!"
Magda will schnell zu einem anderen Thema übergehen und fragt nach Frühstückswünschen.
Hedwig ist wütend auf ihre Mutter, aber beißt sich auf die Zunge, sagt nichts, sondern nimmt Ulli auf den Arm.
"Verhext gibt es nicht", ruft Friedrich, "lassen Sie es sich von einem echten Professor gesagt sein!"
Dabei schaut er richtig böse.
Er will doch wohl nicht von der gerade getroffenen Vereinbarung zurücktreten?
Nein, das will er nicht.
Eigentlich will er sagen: "zeigen Sie mir mal das Kind, das muss ich mir genauer ansehen!"
Doch er überspielt seine Neugier und will seinen Koffer holen.
Er lässt sich die Toilette zeigen und ist erstaunt, dass sie schon fließend Wasser im Hause haben.
"Steht doch auf dem Schild!"
Hedwig ist froh, dass sie so viel Arbeit ins Haus gesteckt haben.
Vor dem Haus hält ein grauer Volkswagen. Ein "zünftig" gekleideter Mann steigt aus, der durch seine Größe Mühe hat, aus dem Käfer zu krabbeln.
Lange macht er sich an der Haustür zu schaffen.
"Suchen Sie etwas?" Hedwig ist nicht auf den Mund gefallen.
"Ja, ich suche die Klingel, aber vielleicht können sie mir weiterhelfen?!"
"Das kommt darauf an!"
Hedwig ist schlau; denn wer weiß, was der Mann will.
Lustig findet sie, wie er angezogen ist mit seiner -¾ Lederhose, den Wanderstiefeln, den Wollstrümpfen und dem karierten Hemd.
"Ich möchte ein Zimmer mieten — und da sie so ein schönes Schild haben, möchte ich es mal hier versuchen.
"Gern, kommen sie rein!"
Hedwig weiß, was sich gehört.
Wie gut, dass sie renoviert haben. Die Kammer für die Gäste ist parat.
"Schön!" Der Gast ist zufrieden.
Magda ist gekommen, erkundigt sich nach seinem Gepäck und wie lange er bleiben möchte.
Er spricht von mehreren Wochen.
Etwas Gepäck hat er im Wagen — und eine ganze Menge wird noch nachgeschickt.
"Eine ganze Menge — Sie wollen doch nicht auf Dauer hier einziehen?"
Magda wirkt besorgt.
"Nein, natürlich nicht", der Gast lacht und stellt sich vor: Professor Kleinmann aus Köln.
"Der Name passt nicht ganz zu seiner Größe", denkt Hedwig, aber ein Professor, der lange bleiben will, das ist doch ein guter Beginn der Saison.
Magda fragt umständlich, ob die Kammer für einen Professor nicht zu schäbig wäre, aber der wischt ihre Bedenken beiseite: "ich bin hier, um zu arbeiten — und ich habe es schon sehr viel einfacher gehabt".
Er denkt an einige Wochen im Zelt während einer Forschungsreise.
Auch auf die Insel ist er zu Forschungszwecken gereist.
Er soll die positive Auswirkung der Nordseeluft auf Kinder untersuchen, die unter Atemwegserkrankungen leiden. Seine Gerätschaften werden mit der Bahn auf die Insel geschickt, "der VW ist ja kein Lastwagen".
Ein speziell ausgestattetes Erholungsheim für Kinder ist in Planung. Bei den hohen Kosten wird natürlich ein Augenmerk auf den gesundheitlichen Gesamtnutzen gelegt.
"Den Professor sparen Sie sich mal, ich heiße Friedrich!"
Er reicht Magda die Hand, hat wohl das Gefühl, sie wäre die Chefin des Hauses.
Sie müssen noch über den Preis sprechen; denn die Universität wird den größten Teil der Kosten übernehmen; "ich bin ja schließlich nicht zum Urlaubmachen hier", fügt er schnell hinzu.
Sie werden sich einig.
Er kann sogar etwas mehr bezahlen als Magda eigentlich gehofft und schnell rechnerisch eingeplant hat.
Natürlich muss er nicht den ganzen Tag arbeiten und hat auch mal frei. Er hat die Reusen und Netze vor dem Schuppen gesehen und fragt, ob er auch mal mit aufs Wasser oder ins Watt darf.
"Das kriegen wir schon hin", meldet sich Hedwig.
Vom Gespräch der Erwachsenen ist Ulli wach geworden.
Friedrich wird gleich aufmerksam: "ein netter kleiner Junge"¦
"¦ oder ein Mädchen?"
"Das Kind is"˜ nix oder beides, das ist verhext!"
Magda will schnell zu einem anderen Thema übergehen und fragt nach Frühstückswünschen.
Hedwig ist wütend auf ihre Mutter, aber beißt sich auf die Zunge, sagt nichts, sondern nimmt Ulli auf den Arm.
"Verhext gibt es nicht", ruft Friedrich, "lassen Sie es sich von einem echten Professor gesagt sein!"
Dabei schaut er richtig böse.
Er will doch wohl nicht von der gerade getroffenen Vereinbarung zurücktreten?
Nein, das will er nicht.
Eigentlich will er sagen: "zeigen Sie mir mal das Kind, das muss ich mir genauer ansehen!"
Doch er überspielt seine Neugier und will seinen Koffer holen.
Er lässt sich die Toilette zeigen und ist erstaunt, dass sie schon fließend Wasser im Hause haben.
"Steht doch auf dem Schild!"
Hedwig ist froh, dass sie so viel Arbeit ins Haus gesteckt haben.
-
online52
- Beiträge: 18
- Registriert: Mi 10. Aug 2016, 17:13
- Geschlecht: M
- Pronomen:
- Wohnort (Name): Schwelm
- Hat sich bedankt: 0
- Danksagung erhalten: 0
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Wegen dieser geschichte habe ich mich eigentlich auf dieser seite angemeldet um mich zu bedanken.Ich bin so wild auf die fortsetzungen dass ich mehrmals am tag nachschaue ob es was neues gibt.
Nochmals Danke und viele grüsse aus dem Bergischen Land
online
Nochmals Danke und viele grüsse aus dem Bergischen Land
online
-
Anne-Mette
- Administratorin
- Beiträge: 26979
- Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
- Geschlecht: W
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Ringsberg
- Forum-Galerie: gallery/album/1
- Hat sich bedankt: 176 Mal
- Danksagung erhalten: 1983 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Der Professor ist ein einfacher und umgänglicher Gast.
Nach der Arbeit freut er sich über ein wenig "Familienanschluss"; aber er hat auch ein Gefühl dafür, wenn Magda, Hedwig und Ulli für sich sein wollen.
Er ist vorsichtig mit seinen Fragen, erzählt auch etwas über sich.
Richtige Abenteuer hat er schon während seiner Forschungsreisen erlebt; allerdings hat der Krieg auch ihm ein großes Stück seines Lebens genommen, ganz zu schweigen vom Verlust seiner Frau und seines Sohnes.
Er lebt allein und richtet sich seine kleine Welt so ein, wie es ihm gefällt.
Neben seinen Forschungen hat er viele Freiräume.
Nachdem er von einer Reise "vor dem Krieg" erzählt hat, bei der ihm und seiner Gruppe die Zelte in der Wüste "wie verhext" vom Winde fortgeweht wurden, greift er das Stichwort "verhext" auf und fragt nach den näheren Umständen, die dazu geführt haben, dass Ulli mit so einem üblen Wort in Verbindung gebracht wird.
Ja, damit muss man vorsichtig sein und sollte es nicht für ein kleines Kind verwenden!
Herr Kleinmann hat eine Flasche Wein mitgebracht und hofft, die Zungen der Frauen ein wenig zu lockern.
Magda würde das Thema gerne wechseln und fragt, ob seine Gerätschaften, die als Express-Fracht kommen sollen, schon da sind.
Nein, er hat noch keine Nachricht.
Hedwig erzählt von Willi und seinem kleinen Transporter. Er würde die Sachen sicherlich vom Bahnhof abholen.
Das ist für Herrn Kleinmann nebensächlich; er will gerne noch einmal zum Thema zurückkehren.
Trotzdem bedankt er sich für das Angebot.
Magda gibt sich einen Ruck; sie hat das Gefühl, sie kann sich nicht entziehen.
Sie erzählt von Karla, die von allen nur "ole Hex" genannt wird.
Warzen soll sie besprechen können, hat auch schon mehrmals bei einer Gürtelrose oder einem Bandwurmbefall geholfen.
"Aber sie hat auch eine böse Seite", erzählt Magda, "Frauen, die ihr in der Zeit zu nahe kommen, in der sie in guter Hoffnung sind, ziehen das Unglück auf sich und das Kind!"
Hedwig zuckt zusammen.
Mehrere Kinder waren krank und einige Mütter sind im Wochenbett gestorben.
Alle hatten sie eines gemein: sie haben die ole Hex getroffen und sind ihr so nahe gekommen, dass sie ihre Macht auf sie richten konnte.
"Das war auch bei Hedwig so", fügt Magda hinzu, "ihr hat sie sogar die Hand auf die Schulter gelegt!"
Hedwig ist drauf und dran, dem Fremden von dem Besuch der olen Hex bei ihnen zu erzählen und was die beiden Frauen gesprochen haben, aber lässt es dann.
"Ist das Kind hier zur Welt gekommen?"
Der Professor will es aber genau wissen, aber nach dem Vater fragt er nicht.
Hedwig durchlebt noch einmal die Stunden der Geburt.
"Seid ihr dabei ganz allein gewesen, oder war die ole Hex dabei?"
Magda zögert nicht lange, will das Thema möglichst schnell abhandeln:
"Nein, eine Hebamme war hier!"
"Und was hat sie gesagt?"
"Das kommt vor", hat sie gesagt, "es gibt immer mal ein Kind, dass weder Junge noch Mädchen ist — oder beides".
"Und dann?"
"Was und dann?"
"Na, habt ihr das Kind irgendwo vorgestellt?"
Magda denkt: " wie gestelzt drückt der sich aus? Ist ja ein Professor wie er im Buche steht!"
Sie sagt:
"Vorgestellt? — Die Dorfbewohner sind nicht gekommen; sie wollten das verhexte Kind nicht sehen. So konnten wir es nicht vorstellen!"
Nein, so hat es Herr Kleinmann nicht gemeint, er spricht von einem Kinderarzt oder Krankenhaus, dem man das Kind vorstellen müsste.
Die beiden Frauen verstehen nicht, was er meint. Das signalisiert wohl auch ihr Gesichtsausdruck; denn er versucht es noch einmal einfacher: "Habt ihr das Kind nicht von einem Arzt untersuchen und vielleicht behandeln lassen?"
Nein, das haben sie nicht.
"Muss man das?" fragen sie.
"Es ist doch alles in Ordnung, hat die Hebamme gesagt!"
Ja, das ist es; Ulli ist ein prächtiges Kind, das sich gut entwickelt hat.
Der Professor gibt nicht auf: "und wie habt ihr das mit dem Namen gemacht?"
Magda errötet.
"Ulli kann man zu Mädchen und Jungen sagen", lautet ihre knappe Antwort.
Der Professor wirkt leicht gereizt: "Man kann zu seinem Kind sogar Rumpelstilzchen im täglichen Miteinander sagen, aber ich möchte gerne wissen, wie das Kind amtlich heißt!"
"Ulli, haben wir doch schon gesagt!"
Nun werden die Frauen ungeduldig.
Eine letzte Frage hat der Professor: "Und was steht in der Geburtsurkunde? Junge oder Mädchen?"
Magda windet sich, stammelt, spricht von einem Eintrag, der "nicht ganz gelungen ist".
Die näheren Umstände verschweigt sie, ebenso, dass der Amtmann es manchmal nicht so genau nimmt oder die Übersicht verliert, wenn er getrunken hat.
"Da hat das Kind aber Glück gehabt!"
Hedwig und Magda staunen, fragen lieber noch einmal nach: "Glück gehabt?"
"Ja, großes Glück gehabt. In den Kliniken werden Kinder, die weder Junge noch Mädchen sind — oder beides — mit dem Messer passend gemacht, damit das kleine Stück Papier, das die Leute Geburtsurkunde nennen, stimmt.
Das muss man sich mal vorstellen: alles wegen eines kleinen Papieres!"
Die beiden Frauen staunen: "und das kann man so einfach?"
"So einfach nicht — und niemand weiß, wie es später den Kindern damit geht!"
Er zögert einen Moment, sagt dann: "ich glaube, ohne es zu wissen habt ihr alles richtig gemacht!"
Hedwig und Magda sind immer noch ratlos.
Der Professor verspricht, sich von einem Kollegen medizinische Bücher schicken zu lassen. Dann will er ihnen genau erklären "was mit Ulli ist".
Er gähnt und will sich verabschieden.
Dabei hätte Magda ihm so gerne erzählt, dass eine Frau aus dem Norddorf ein Kind mit einer ganz anderen Hautfarbe bekommen hat.
Aber die war ja auch mehrmals bei der olen Hex, um sich Kräuter für den kranken Vater zu holen.
Nach der Arbeit freut er sich über ein wenig "Familienanschluss"; aber er hat auch ein Gefühl dafür, wenn Magda, Hedwig und Ulli für sich sein wollen.
Er ist vorsichtig mit seinen Fragen, erzählt auch etwas über sich.
Richtige Abenteuer hat er schon während seiner Forschungsreisen erlebt; allerdings hat der Krieg auch ihm ein großes Stück seines Lebens genommen, ganz zu schweigen vom Verlust seiner Frau und seines Sohnes.
Er lebt allein und richtet sich seine kleine Welt so ein, wie es ihm gefällt.
Neben seinen Forschungen hat er viele Freiräume.
Nachdem er von einer Reise "vor dem Krieg" erzählt hat, bei der ihm und seiner Gruppe die Zelte in der Wüste "wie verhext" vom Winde fortgeweht wurden, greift er das Stichwort "verhext" auf und fragt nach den näheren Umständen, die dazu geführt haben, dass Ulli mit so einem üblen Wort in Verbindung gebracht wird.
Ja, damit muss man vorsichtig sein und sollte es nicht für ein kleines Kind verwenden!
Herr Kleinmann hat eine Flasche Wein mitgebracht und hofft, die Zungen der Frauen ein wenig zu lockern.
Magda würde das Thema gerne wechseln und fragt, ob seine Gerätschaften, die als Express-Fracht kommen sollen, schon da sind.
Nein, er hat noch keine Nachricht.
Hedwig erzählt von Willi und seinem kleinen Transporter. Er würde die Sachen sicherlich vom Bahnhof abholen.
Das ist für Herrn Kleinmann nebensächlich; er will gerne noch einmal zum Thema zurückkehren.
Trotzdem bedankt er sich für das Angebot.
Magda gibt sich einen Ruck; sie hat das Gefühl, sie kann sich nicht entziehen.
Sie erzählt von Karla, die von allen nur "ole Hex" genannt wird.
Warzen soll sie besprechen können, hat auch schon mehrmals bei einer Gürtelrose oder einem Bandwurmbefall geholfen.
"Aber sie hat auch eine böse Seite", erzählt Magda, "Frauen, die ihr in der Zeit zu nahe kommen, in der sie in guter Hoffnung sind, ziehen das Unglück auf sich und das Kind!"
Hedwig zuckt zusammen.
Mehrere Kinder waren krank und einige Mütter sind im Wochenbett gestorben.
Alle hatten sie eines gemein: sie haben die ole Hex getroffen und sind ihr so nahe gekommen, dass sie ihre Macht auf sie richten konnte.
"Das war auch bei Hedwig so", fügt Magda hinzu, "ihr hat sie sogar die Hand auf die Schulter gelegt!"
Hedwig ist drauf und dran, dem Fremden von dem Besuch der olen Hex bei ihnen zu erzählen und was die beiden Frauen gesprochen haben, aber lässt es dann.
"Ist das Kind hier zur Welt gekommen?"
Der Professor will es aber genau wissen, aber nach dem Vater fragt er nicht.
Hedwig durchlebt noch einmal die Stunden der Geburt.
"Seid ihr dabei ganz allein gewesen, oder war die ole Hex dabei?"
Magda zögert nicht lange, will das Thema möglichst schnell abhandeln:
"Nein, eine Hebamme war hier!"
"Und was hat sie gesagt?"
"Das kommt vor", hat sie gesagt, "es gibt immer mal ein Kind, dass weder Junge noch Mädchen ist — oder beides".
"Und dann?"
"Was und dann?"
"Na, habt ihr das Kind irgendwo vorgestellt?"
Magda denkt: " wie gestelzt drückt der sich aus? Ist ja ein Professor wie er im Buche steht!"
Sie sagt:
"Vorgestellt? — Die Dorfbewohner sind nicht gekommen; sie wollten das verhexte Kind nicht sehen. So konnten wir es nicht vorstellen!"
Nein, so hat es Herr Kleinmann nicht gemeint, er spricht von einem Kinderarzt oder Krankenhaus, dem man das Kind vorstellen müsste.
Die beiden Frauen verstehen nicht, was er meint. Das signalisiert wohl auch ihr Gesichtsausdruck; denn er versucht es noch einmal einfacher: "Habt ihr das Kind nicht von einem Arzt untersuchen und vielleicht behandeln lassen?"
Nein, das haben sie nicht.
"Muss man das?" fragen sie.
"Es ist doch alles in Ordnung, hat die Hebamme gesagt!"
Ja, das ist es; Ulli ist ein prächtiges Kind, das sich gut entwickelt hat.
Der Professor gibt nicht auf: "und wie habt ihr das mit dem Namen gemacht?"
Magda errötet.
"Ulli kann man zu Mädchen und Jungen sagen", lautet ihre knappe Antwort.
Der Professor wirkt leicht gereizt: "Man kann zu seinem Kind sogar Rumpelstilzchen im täglichen Miteinander sagen, aber ich möchte gerne wissen, wie das Kind amtlich heißt!"
"Ulli, haben wir doch schon gesagt!"
Nun werden die Frauen ungeduldig.
Eine letzte Frage hat der Professor: "Und was steht in der Geburtsurkunde? Junge oder Mädchen?"
Magda windet sich, stammelt, spricht von einem Eintrag, der "nicht ganz gelungen ist".
Die näheren Umstände verschweigt sie, ebenso, dass der Amtmann es manchmal nicht so genau nimmt oder die Übersicht verliert, wenn er getrunken hat.
"Da hat das Kind aber Glück gehabt!"
Hedwig und Magda staunen, fragen lieber noch einmal nach: "Glück gehabt?"
"Ja, großes Glück gehabt. In den Kliniken werden Kinder, die weder Junge noch Mädchen sind — oder beides — mit dem Messer passend gemacht, damit das kleine Stück Papier, das die Leute Geburtsurkunde nennen, stimmt.
Das muss man sich mal vorstellen: alles wegen eines kleinen Papieres!"
Die beiden Frauen staunen: "und das kann man so einfach?"
"So einfach nicht — und niemand weiß, wie es später den Kindern damit geht!"
Er zögert einen Moment, sagt dann: "ich glaube, ohne es zu wissen habt ihr alles richtig gemacht!"
Hedwig und Magda sind immer noch ratlos.
Der Professor verspricht, sich von einem Kollegen medizinische Bücher schicken zu lassen. Dann will er ihnen genau erklären "was mit Ulli ist".
Er gähnt und will sich verabschieden.
Dabei hätte Magda ihm so gerne erzählt, dass eine Frau aus dem Norddorf ein Kind mit einer ganz anderen Hautfarbe bekommen hat.
Aber die war ja auch mehrmals bei der olen Hex, um sich Kräuter für den kranken Vater zu holen.
-
Micha/ela
Re: Ostwind
Du schreibst wirklich klasse. Da kann ich mir nur den anderen anschließen!
Und bitte bitte schreib weiter. Tu mir einen gefallen, wenn die Geschichte fertig ist reich sie bitte bei einem Verlag ein.
Und bitte bitte schreib weiter. Tu mir einen gefallen, wenn die Geschichte fertig ist reich sie bitte bei einem Verlag ein.
-
Joe95
- registrierte BenutzerIn
- Beiträge: 3425
- Registriert: Fr 22. Jan 2010, 14:27
- Geschlecht: Frau
- Pronomen: sie
- Wohnort (Name): Gummersbach - Niederseßmar
- Hat sich bedankt: 0
- Danksagung erhalten: 3 Mal
- Gender:
- Kontaktdaten:
Re: Ostwind
Hab gerade erst angefangen zu lesen.
Irgendwie hast du ein Talent dazu alles so plastisch zu beschreiben dass man beinahe zuschauen kann.
Ich seh die ganze Zeit einen alten Schwarz-weißfilm, so etwa anfang der 60er, der total fesselnd ist.
Ich finde auch du solltest deine Geschichten verlegen lassen.
Es gibt viele Bücher zu kaufen, die schlechter sind.
Sehr viele...
Irgendwie hast du ein Talent dazu alles so plastisch zu beschreiben dass man beinahe zuschauen kann.
Ich seh die ganze Zeit einen alten Schwarz-weißfilm, so etwa anfang der 60er, der total fesselnd ist.
Ich finde auch du solltest deine Geschichten verlegen lassen.
Es gibt viele Bücher zu kaufen, die schlechter sind.
Sehr viele...
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!
Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!
Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...