Der Vater hatte einen Tisch reserviert und so gingen wir zunächst in das Haupthaus, um uns anzumelden. Direkt am Eingang saßen an einem Tisch die Besitzerin, ihr Mann, der dort die Küche leitet, und zwei weitere Personen. Es dauerte einen Augenblick, bis sich alle wiedererkannten, doch dann wurde sich freundschaftlich begrüßt, meine Partnerin und ich stellten uns mit Namen vor und dann begann auch schon der Smalltalk. Meine Partnerin und ich standen etwas teilnahmslos daneben und lächelten höflich - wir kannten die anderen ja (noch) nicht. Doch dann schwenkte das Gespräch zu uns, die Wirtin, ganz Gastwirtin eben, erkundigte sich nach der Tochter und meine Partnerin reagierte brav - alles gut etc.
Kurz darauf kam Glatteis in Sicht: "Wo ist denn der Mann?" fragte die Wirtin meine Partnerin. Oh oh, dachte ich, jetzt wird es aber spannend. Grätschen jetzt vielleicht sogar die Schwiegereltern, peinlich berührt, dazwischen?
Ich muss dazu sagen, dass wir nur selten in dererlei Situationen geraten. Die meisten Menschen, mit denen wir zu tun haben oder bekommen, kennen uns schon irgendwie, mehr oder weniger lange. Oder es sind unverfängliche Situationen, in denen man sich begegnet. Doch hier waren wir mit einer Reihe von Personen zusammen, alle weit jenseits der 60 Jahre, in einem sehr öffentlichen Raum und sehr bürgerlichen Umfeld. Meine Schwiegereltern sind weit jenseits der 70 und kannten mich die längste Zeit noch als Kerl, also als Partner ihrer Tochter. Jetzt werden sie mit der Nase darauf gestoßen, dass ich ihre Tochter, zumindest von außen betrachtet, zur Lesbe gemacht habe - mal ganz ungeachtet der Tatsache, dass ich trans* bin. Für meine Partnerin ist das ja nun auch eine mindestens neue Erfahrung, so öffentlich Fremden und auch noch ihren Eltern gegenüber Farbe bekennen zu müssen.
Die Sekunden bis zur Antwort meiner Partnerin kamen mir wie eine Ewigkeit vor - mir fiel beim besten Willen nichts Schlagfertiges auf die Frage "Wo ist denn der Mann?" ein. Sie aber, cool wie sie eben schonmal ist, antwortete "Das ist mein Mann!" und nahm mich in den Arm "Ach so, ja!" sagte die Wirtin und das Thema war erledigt. Ich freute mich den ganzen restlichen Abend darüber, denn ich empfand es als ein großes Bekenntnis zu mir und zu uns!
Etwas später am Abend kam die Wirtin noch einmal an unseren Tisch und unterhielt sich länger mit meiner Schwiegermutter, über dies und das, total nett, geborene Gastwirtin eben. Irgendwann kam das Thema auch auf Kinder - ihre Kinder und sogar nun die ersten Enkel arbeiten inzwischen für sie in dem gleichen Lokal und das freute sie sehr. Kinder bekommen wurde Thema und schon wieder sah ich da dieses Glatteis auf uns zu kommen. "Ja, wenn man keine eigenen Kinder hat, kann man das einfach nicht nachempfinden. Das soll jetzt keine Kritk sein!" und schaute meine Partnerin und mich an. Was sie meinte ist klar, es solle keine Kritik an einer gleichgeschlechtlichen und damit vermeintlich kinderlosen Partnerschaft sein.
Tja, so ist das nun, nicht nur trans*, sondern auch homosexuell. Ich bin eine amtliche Lesbe.
Was mir das ganze auch zeigt ist, wie beschränkt diese Begriffe sind, so wie alle Begriffe, auch die so oft diskutierten trans* Begriffe. Irgendwie trifft das alles zu, doch irgendwie auch nicht. Die große Kunst ist es, denke ich, eben nicht nur auf die Begriffe und Worte zu schauen, sondern auch auf den Kontext, in dem sie verwendet werden. Für die Wirtin war es in dem Moment, in diesem speziellen Kontext, völlig in Ordnung von uns als lesbisch zu denken. Das kann ich nachvollziehen und für diesen Kontext auch akzeptieren. Doch das macht mich nicht zu einer Lesbe und meine Partnerin auch nicht. Aber hätten wir ihr das in der Situation erklären sollen oder gar müssen? Nein. Gäbe es überhaupt etwas zu erklären? Nicht für mich und nicht für meine Partnerin, nein. Das war OK so. Uneingeschränkt großartig war, dass niemand davon eine besondere Notiz nahm. Für die Wirtin war das völlig in Ordnung, für meine Schwiegereltern war es in Ordnung (obwohl ich mir nicht ganz klar darüber bin, ob sie wirklich gemerkt hatten, was da passierte) und für meine Partnerin und mich was es in Ordnung - ich liebe meine Partnerin dafür, wie selbstverständlich sie damit umgeht; und nicht nur dafür
So, das wollte ich einfach nur mal berichten.
Liebe Grüße
nicole
