Ostwind - # 3
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Anne-Mette
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Re: Ostwind
Ostwind! Man weiß nie was er bringt. An diesem Tag bringt er zuerst noch einmal Kälte.
Was noch?
Die Sonne sendet ein milchiges Licht hinab, lässt die Menschen sehnsuchtsvoll an den Frühling denken.
Immerhin: die fast den ganzen Tag dauernde Dunkelheit des Novembers oder Dezembers haben sie lange hinter sich gelassen.
Die Sonne lässt die kleinen Wellen in der Bucht blitzend leuchten. Sie sehen dabei aus wie tausende Fisch-Schuppen, die in ihrem Schein glänzen und zu einer unbekannten Melodie tanzen.
Hedwig hat Kopfweh.
Ulli quengelt.
Mutter macht immer noch ein Gesicht, als hätte Hedwig einen Mord begangen.
Bei jedem noch so geringen Anlass streiten die beiden Frauen.
Abends ziehen sie sich zurück, sitzen jede für sich und möglichst weit voneinander entfernt.
Mutter strickt in der Küche — und Hedwig studiert in ihrer Kammer ein Buch, das sie von Willi ausgeliehen hat.
Wunder gibt es nicht nur zu Weihnachten.
Vor dem Fest sind Wunder noch besser; dann kann man an den Festtagen seinen staunenden Gästen davon erzählen.
Wunder kommen aber nicht nur freundlich daher.
In manchen Fällen erschrecken sie sogar.
Sie machen Angst und wir wissen nicht, ob wir uns freuen sollen, nur staunend danebenstehen oder die Angst zulassen dürfen.
Manche Wunder kommen mit großem Getöse, andere ganz leise — und manche kommen völlig unerwartet.
An diesem Abend geschieht ein Wunder, das sich mit einem zaghaften Klopfen an der Haustüre ankündigt.
"Wer kann das sein?"
Die Frauen können sich nicht einigen, wer die Tür öffnen soll.
Sie befürchten, dass es Karl ist.
Endlich geht Mutter an die Türe.
Sie hat sich schon einen passenden Satz zurechtgelegt, falls es tatsächlich ist.
Sie holt schon tief Luft, plustert sich regelrecht auf - und wird ihm schon einen gebührenden Empfang bereiten.
Hedwig steht auf, will ihrem Freund und Partner zu Hilfe eilen, auch wenn im Moment zwischen ihnen einiges im Argen liegt.
Doch sie hört nur die fast geflüsterten Worte ihrer Mutter: "Du bist das, Heinrich?"
Hedwig hat inzwischen die Tür erreicht.
Die Gestalt, in Lumpen gehüllt und vollkommen ausgemergelt, hat keine Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem vergilbtem Foto, das auf der Kommode im Wohnzimmer steht.
"Bruder Heinerich, wo bist Du nur?" hat Hedwigs Mutter so manches Mal gesagt und dabei seufzend das Foto angesehen.
Hedwig hat große Mühe, ihren Onkel wiederzuerkennen.
Mutter setzt gleich mehrere Töpfe mit Wasser auf den Herd; denn Heinrich ist nicht nur zu sehen, sondern deutlich zu riechen.
Worte wollen ihnen zuerst nicht einfallen, zu groß ist die Überraschung.
Endlich sagt Mutter: "Willkommen in der Heimat, Hein, wo bist Du nur so lange gewesen!"
Ulli meldet sich. Hedwig zieht sich in ihre Kammer zurück und legt das Kind an die Brust.
Sie hat die Türe nicht verschlossen, hat nicht daran gedacht, dass nun noch jemand bei ihnen eingekehrt ist.
Hein verfolgt das Tun seiner Nichte mit sehnsuchtsvollen Augen und beneidet das Kind.
Wie gern wäre er an dessen Stelle.
Mutter hilft ihrem Bruder, sich aus den Lumpen zu schälen, die er am Leibe trägt.
Die können unbesehen auf den Müllplatz gebracht und zusammen mit den anderen Sachen verbrannt werden, so wie sie es immer machen.
Die Zinkbadewanne wird hervorgeholt.
Mutter streut ordentlich viel Persil ins Badewasser; sie wird den Hein schon sauber bekommen.
Mit der Wurzelbürste bearbeitet sie ihn, als wollte sie alles von ihm abschrubben, was er die letzten Jahre erlebt haben muss.
Was noch?
Die Sonne sendet ein milchiges Licht hinab, lässt die Menschen sehnsuchtsvoll an den Frühling denken.
Immerhin: die fast den ganzen Tag dauernde Dunkelheit des Novembers oder Dezembers haben sie lange hinter sich gelassen.
Die Sonne lässt die kleinen Wellen in der Bucht blitzend leuchten. Sie sehen dabei aus wie tausende Fisch-Schuppen, die in ihrem Schein glänzen und zu einer unbekannten Melodie tanzen.
Hedwig hat Kopfweh.
Ulli quengelt.
Mutter macht immer noch ein Gesicht, als hätte Hedwig einen Mord begangen.
Bei jedem noch so geringen Anlass streiten die beiden Frauen.
Abends ziehen sie sich zurück, sitzen jede für sich und möglichst weit voneinander entfernt.
Mutter strickt in der Küche — und Hedwig studiert in ihrer Kammer ein Buch, das sie von Willi ausgeliehen hat.
Wunder gibt es nicht nur zu Weihnachten.
Vor dem Fest sind Wunder noch besser; dann kann man an den Festtagen seinen staunenden Gästen davon erzählen.
Wunder kommen aber nicht nur freundlich daher.
In manchen Fällen erschrecken sie sogar.
Sie machen Angst und wir wissen nicht, ob wir uns freuen sollen, nur staunend danebenstehen oder die Angst zulassen dürfen.
Manche Wunder kommen mit großem Getöse, andere ganz leise — und manche kommen völlig unerwartet.
An diesem Abend geschieht ein Wunder, das sich mit einem zaghaften Klopfen an der Haustüre ankündigt.
"Wer kann das sein?"
Die Frauen können sich nicht einigen, wer die Tür öffnen soll.
Sie befürchten, dass es Karl ist.
Endlich geht Mutter an die Türe.
Sie hat sich schon einen passenden Satz zurechtgelegt, falls es tatsächlich ist.
Sie holt schon tief Luft, plustert sich regelrecht auf - und wird ihm schon einen gebührenden Empfang bereiten.
Hedwig steht auf, will ihrem Freund und Partner zu Hilfe eilen, auch wenn im Moment zwischen ihnen einiges im Argen liegt.
Doch sie hört nur die fast geflüsterten Worte ihrer Mutter: "Du bist das, Heinrich?"
Hedwig hat inzwischen die Tür erreicht.
Die Gestalt, in Lumpen gehüllt und vollkommen ausgemergelt, hat keine Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem vergilbtem Foto, das auf der Kommode im Wohnzimmer steht.
"Bruder Heinerich, wo bist Du nur?" hat Hedwigs Mutter so manches Mal gesagt und dabei seufzend das Foto angesehen.
Hedwig hat große Mühe, ihren Onkel wiederzuerkennen.
Mutter setzt gleich mehrere Töpfe mit Wasser auf den Herd; denn Heinrich ist nicht nur zu sehen, sondern deutlich zu riechen.
Worte wollen ihnen zuerst nicht einfallen, zu groß ist die Überraschung.
Endlich sagt Mutter: "Willkommen in der Heimat, Hein, wo bist Du nur so lange gewesen!"
Ulli meldet sich. Hedwig zieht sich in ihre Kammer zurück und legt das Kind an die Brust.
Sie hat die Türe nicht verschlossen, hat nicht daran gedacht, dass nun noch jemand bei ihnen eingekehrt ist.
Hein verfolgt das Tun seiner Nichte mit sehnsuchtsvollen Augen und beneidet das Kind.
Wie gern wäre er an dessen Stelle.
Mutter hilft ihrem Bruder, sich aus den Lumpen zu schälen, die er am Leibe trägt.
Die können unbesehen auf den Müllplatz gebracht und zusammen mit den anderen Sachen verbrannt werden, so wie sie es immer machen.
Die Zinkbadewanne wird hervorgeholt.
Mutter streut ordentlich viel Persil ins Badewasser; sie wird den Hein schon sauber bekommen.
Mit der Wurzelbürste bearbeitet sie ihn, als wollte sie alles von ihm abschrubben, was er die letzten Jahre erlebt haben muss.
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Re: Ostwind
Sie ist entsetzt über seine äußeren Verletzungen und Zeichen von Erfrierungen. Was muss der Junge gelitten haben!
Sein Inneres und die Verletzungen dort kann sie nicht sehen.
Hein bekommt ein paar Anziehsachen vom Vater, die sie aus irgendeinem Grund aufgehoben hat.
Erwartet Mutter im Stillen auch eine Heimkehr ihres Mannes?
Die Sachen sind viel zu groß.
Trotz der ernsthaften Situation muss Hedwig fast lachen, als sie ihren Onkel sieht.
Sie denkt an den komischen und bemalten Menschen, der mit dem Zirkus unterwegs war und Späße machte.
Zu Späßen ist heute jedoch niemand aufgelegt.
Heinrich muss erst einmal etwas essen.
Mutter tischt großzügig auf.
"Halb verhungert siehst Du aus, Jung"˜, nun lang"˜ zu!"
Sie bekommt keine Antwort, aber ihr Bruder stürzt sich wie ein Tier auf die Speisen, die vor ihm stehen. Zwischendurch grunzt er zufrieden.
Seine Zufriedenheit ist nicht von langer Dauer; plötzlich springt er auf und rennt aus dem Haus.
Zu viel des Guten, das gleich wieder den geschwächten Körper verlässt.
"Irgendwie müssen wir Dir wieder etwas auf die Rippen bringen".
Ihr kommt eine Idee: eine Haferschleimsuppe müsste genau das Richtige sein!
Hedwig schaudert es allein schon bei dem Gedanken an solche "Krankenspeise".
Die Suppe löffelt Heinrich mit Bedacht. Er hat einen ganz kleinen Löffel bekommen.
Immer wieder wird er ermahnt: nicht so hastig!
Die Suppe bleibt tatsächlich in ihm.
Er hält sich allerdings den Bauch.
"Nun erzähl doch mal, wo bist Du gewesen?"
Heinrich mag nichts erzählen. Er will ins Bett.
Er soll in der Gästekammer schlafen. Ein heißer Ziegelstein wärmt ihm zuvor das Bett.
In der Nacht wird Hedwig wach. Zuerst hört sie nur Ulli weinen; dann hört sie, dass in der Kammer nebenan geschrien wird.
Immer wieder hört sie "NEIN, NEIN, NEIN"¦". Heinrich wird schlecht geträumt haben.
Sie schleicht sich in die Küche und holt eine neue Windel für das Kind.
Am nächsten Morgen kommen ihre Mutter und Heinrich aus derselben Kammer.
Hedwig denkt sich nichts dabei.
Ihr Onkel bestaunt die Umbauten und Erweiterungen am Haus, aber seine Augen haben keinen Glanz. Eher ist es ungläubiges Staunen.
So hat er das Haus nicht in Erinnerung.
Draußen ist jemand am Arbeiten. Einen Lastwagen hat Hedwig auch schon gesehen.
Zeit, sich darum zu kümmern. Was mag das auf sich haben?
Zwei Männer stellen draußen vor dem Haus einen stabilen Holzmast auf.
Auf Hedwigs erstaunte Frage nach dem "WOZU" sagt man ihr, dass sie in Kürze Strom geliefert bekommen können.
Wie liefert man Strom? Darüber hat sie sich nie Gedanken gemacht.
Im Haus sind Arbeiten erforderlich und es muss erst ein Anschluss eingerichtet werden mit einem Zähler.
Das kann und darf sie aber keinesfalls selbst machen.
Dieser Hinweis ist vollkommen unnötig; denn Hedwig hat überhaupt keine Ahnung, wie man das machen sollte.
Aber Willi weiß bestimmt einen Rat.
Er wohnt im oberen Bereich des Dorfes direkt an der Hauptstraße — und die Häuser dort bekommen schon länger Strom. Hedwig hat das immer als selbstverständlich genommen und gedacht, es würde immer so bleiben und der Weg zu ihnen hinunter bis fast ans Wasser der Bucht wäre zu weit für den Strom.
Willi hat einen Kollegen, der Elektriker ist und ihm noch einen Gefallen schuldet.
Er will mit ihm reden.
Als Hedwig zurückkommt, steht der Mast.
Ein paar Tage muss die Einbetonierung abbinden; dann kann es mit den weiteren Arbeiten weitergehen.
Der Mast steht inzwischen so sicher, dass einer der Arbeiter sich so lustige Metallbügel an die Schuhe schnallen und flink wie ein Affe hinaufklettern kann, um oben zu arbeiten.
Schließlich ziehen sie noch ein dickes Kabel durch Führungen am Mastkopf und dann bis ins Haus, wo ein Metallkasten das Kabel aufnimmt.
Der Elektriker hat sein Wort gehalten, das er Willi gegeben hat.
Er fragt, wo der Zähler stehen soll und wo sie gerne Steckdosen hätten. Hedwig ist ratlos: "Steckdosen?"
Auch fragt er nach Lampen und ist ganz erstaunt, dass sie noch keine haben.
Willi bringt einen Leuchter für das Wohnzimmer und für die Kammern ein paar kleine Lampen, die auf den Nachttisch oder die Kommode gestellt werden.
Für jede dieser Lampen benötigen sie eine Steckdose.
Der Elektriker hat Kabelrollen dabei, die Hedwig an die ordentlich aufgerollten Taue auf dem Kutter erinnern — nur viel dünner sind sie.
Er hat mehrere Stunden zu tun, schraubt Steckdosen fest und nagelt das Kabel mit Klammern an die Wand.
Am Nachmittag ist er endlich fertig.
Hedwig betätigt den Schalter der Lampe in ihrem Zimmer.
Es tut sich - NICHTS! Dabei steckt doch der Stecker in der Steckdose!
"Erst muss der Zähler angeschlossen werden". Der Elektriker lacht.
Er will an einem der nächsten Tage wiederkommen, dann bringt er den Zähler mit.
Sein Inneres und die Verletzungen dort kann sie nicht sehen.
Hein bekommt ein paar Anziehsachen vom Vater, die sie aus irgendeinem Grund aufgehoben hat.
Erwartet Mutter im Stillen auch eine Heimkehr ihres Mannes?
Die Sachen sind viel zu groß.
Trotz der ernsthaften Situation muss Hedwig fast lachen, als sie ihren Onkel sieht.
Sie denkt an den komischen und bemalten Menschen, der mit dem Zirkus unterwegs war und Späße machte.
Zu Späßen ist heute jedoch niemand aufgelegt.
Heinrich muss erst einmal etwas essen.
Mutter tischt großzügig auf.
"Halb verhungert siehst Du aus, Jung"˜, nun lang"˜ zu!"
Sie bekommt keine Antwort, aber ihr Bruder stürzt sich wie ein Tier auf die Speisen, die vor ihm stehen. Zwischendurch grunzt er zufrieden.
Seine Zufriedenheit ist nicht von langer Dauer; plötzlich springt er auf und rennt aus dem Haus.
Zu viel des Guten, das gleich wieder den geschwächten Körper verlässt.
"Irgendwie müssen wir Dir wieder etwas auf die Rippen bringen".
Ihr kommt eine Idee: eine Haferschleimsuppe müsste genau das Richtige sein!
Hedwig schaudert es allein schon bei dem Gedanken an solche "Krankenspeise".
Die Suppe löffelt Heinrich mit Bedacht. Er hat einen ganz kleinen Löffel bekommen.
Immer wieder wird er ermahnt: nicht so hastig!
Die Suppe bleibt tatsächlich in ihm.
Er hält sich allerdings den Bauch.
"Nun erzähl doch mal, wo bist Du gewesen?"
Heinrich mag nichts erzählen. Er will ins Bett.
Er soll in der Gästekammer schlafen. Ein heißer Ziegelstein wärmt ihm zuvor das Bett.
In der Nacht wird Hedwig wach. Zuerst hört sie nur Ulli weinen; dann hört sie, dass in der Kammer nebenan geschrien wird.
Immer wieder hört sie "NEIN, NEIN, NEIN"¦". Heinrich wird schlecht geträumt haben.
Sie schleicht sich in die Küche und holt eine neue Windel für das Kind.
Am nächsten Morgen kommen ihre Mutter und Heinrich aus derselben Kammer.
Hedwig denkt sich nichts dabei.
Ihr Onkel bestaunt die Umbauten und Erweiterungen am Haus, aber seine Augen haben keinen Glanz. Eher ist es ungläubiges Staunen.
So hat er das Haus nicht in Erinnerung.
Draußen ist jemand am Arbeiten. Einen Lastwagen hat Hedwig auch schon gesehen.
Zeit, sich darum zu kümmern. Was mag das auf sich haben?
Zwei Männer stellen draußen vor dem Haus einen stabilen Holzmast auf.
Auf Hedwigs erstaunte Frage nach dem "WOZU" sagt man ihr, dass sie in Kürze Strom geliefert bekommen können.
Wie liefert man Strom? Darüber hat sie sich nie Gedanken gemacht.
Im Haus sind Arbeiten erforderlich und es muss erst ein Anschluss eingerichtet werden mit einem Zähler.
Das kann und darf sie aber keinesfalls selbst machen.
Dieser Hinweis ist vollkommen unnötig; denn Hedwig hat überhaupt keine Ahnung, wie man das machen sollte.
Aber Willi weiß bestimmt einen Rat.
Er wohnt im oberen Bereich des Dorfes direkt an der Hauptstraße — und die Häuser dort bekommen schon länger Strom. Hedwig hat das immer als selbstverständlich genommen und gedacht, es würde immer so bleiben und der Weg zu ihnen hinunter bis fast ans Wasser der Bucht wäre zu weit für den Strom.
Willi hat einen Kollegen, der Elektriker ist und ihm noch einen Gefallen schuldet.
Er will mit ihm reden.
Als Hedwig zurückkommt, steht der Mast.
Ein paar Tage muss die Einbetonierung abbinden; dann kann es mit den weiteren Arbeiten weitergehen.
Der Mast steht inzwischen so sicher, dass einer der Arbeiter sich so lustige Metallbügel an die Schuhe schnallen und flink wie ein Affe hinaufklettern kann, um oben zu arbeiten.
Schließlich ziehen sie noch ein dickes Kabel durch Führungen am Mastkopf und dann bis ins Haus, wo ein Metallkasten das Kabel aufnimmt.
Der Elektriker hat sein Wort gehalten, das er Willi gegeben hat.
Er fragt, wo der Zähler stehen soll und wo sie gerne Steckdosen hätten. Hedwig ist ratlos: "Steckdosen?"
Auch fragt er nach Lampen und ist ganz erstaunt, dass sie noch keine haben.
Willi bringt einen Leuchter für das Wohnzimmer und für die Kammern ein paar kleine Lampen, die auf den Nachttisch oder die Kommode gestellt werden.
Für jede dieser Lampen benötigen sie eine Steckdose.
Der Elektriker hat Kabelrollen dabei, die Hedwig an die ordentlich aufgerollten Taue auf dem Kutter erinnern — nur viel dünner sind sie.
Er hat mehrere Stunden zu tun, schraubt Steckdosen fest und nagelt das Kabel mit Klammern an die Wand.
Am Nachmittag ist er endlich fertig.
Hedwig betätigt den Schalter der Lampe in ihrem Zimmer.
Es tut sich - NICHTS! Dabei steckt doch der Stecker in der Steckdose!
"Erst muss der Zähler angeschlossen werden". Der Elektriker lacht.
Er will an einem der nächsten Tage wiederkommen, dann bringt er den Zähler mit.
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Re: Ostwind
Es ist ein Wunder. Hedwig probiert es immer wieder. Sie drückt auf den Schalter — und es wird hell im Zimmer. Sie kann es noch gar nicht fassen.
Sie rennt immer wieder hin und beobachtet den Zähler im Schaltkasten, in dem sich eine Scheibe dreht und Zahlen angezeigt werden. Wenn sie alle Lampen anschaltet, dreht sich die Scheibe ganz schön schnell.
Ihre Mutter schimpft und ermahnt sie, die neue Errungenschaft nicht gleich kaputtzumachen.
Das größte Wunder ist allerdings der Leuchter im Wohnzimmer. Richtig vornehm sieht er aus.
Nun haben sie es wohl fast so wie der Bürgermeister — und der ist immerhin Großbauer und gut durch den Krieg gekommen.
Leider bedeutet mehr Licht auch mehr Erkennen.
Es ist ihnen vorher nie aufgefallen, wie dunkel die Reste der Tapeten, wie staubig manche Ecken sind. Mit einem Großreinemachen im Hause werden sie nicht davonkommen.
Heinrich ist etwas aufgetaut, sagt aber immer noch nicht viel, und absolut nichts über die vergangenen Jahre.
Sie wollen ihn mit leichter Kost an regelmäßiges Essen zu gewöhnen.
Ein wenig hat er sich von seiner Schwester lösen können, steht nicht mehr den ganzen Tag neben ihr, verfolgt sie nicht mehr "auf Schritt und Tritt". Auch schläft er meistens ins seiner Gästekammer und bleibt dort die ganze Nacht.
Er will sich sogar nützlich machen, sagt, er könne tapezieren.
Das Werkzeug dafür können sie in der Nachbarschaft leihen, müssen nur Tapeten und Kleister kaufen. Mutter geht zum Maler im Nachbardorf und will schauen, "was es gibt".
Sie kommt mit etlichen Tapetenrollen und mehreren Packungen Kleister zurück.
Von einigen Mustern hat sie recht viele bekommen, von anderen weniger.
So teilen sie auf: die größten Räume erhalten das Muster, von dem am meisten da ist.
Heinrich rechnet alles durch. Es sollte langen.
Er klemmt sich den Bleistift hinter das Ohr und organisiert aus dem Netzschuppen eine große Platte, auf der er die Tapeten schneiden und vorkleistern will.
Er hat nicht gelogen, arbeitet geschickt und flink.
Hedwig ist fasziniert, als er mit einem Lot kontrolliert, ob die erste Bahn richtig sitzt. Das hat sie noch nie gesehen.
Sie guckt sich manchen Handgriff bei ihm ab.
Zwischendurch muss sie sich immer wieder um Ulli kümmern.
Es ist ihr nicht recht, dass Heinrich sehr neugierig ist und sogar seine Arbeit unterbrechen will, weil er ihr beim Füttern und Windelnwechseln zuschauen will. Nein, das mag Hedwig nicht. Sie ist froh, dass Willi kommt und fast den ganzen Nachmittag beim Tapezieren hilft.
Es hat sich gelohnt: der erste Raum ist fertig.
Nun ist Hedwigs Kammer dran.
Die wenigen Sachen, die sie besitzt, müssen ebenso ausgeräumt werden wie ihr Bett.
"Wo sollen Ulli und ich schlafen?"
"Am besten bei Heinrich", fällt Mutter ein.
"Nein", das will Hedwig nicht und stapft sogar mit dem Fuß auf, als sie ihrer Mutter das sagt.
Fast hätte sie sich dafür eine Ohrfeige eingefangen, "wie kannst Du so undankbar sein?"
"Undankbar? — was hat das mit Dank oder Undank zu tun?"
"Wir schlafen bei Dir in der Kammer. Das ist im Sommer auch gegangen, als wir die Betten über Eck gestellt haben", Hedwig hat die Diskussion abgekürzt und für beendet erklärt. Sie muss mehr Stärke zeigen!
Sie tragen die Sachen in die Mutters Kammer.
"Es ist doch nur für eine oder zwei Nächte", will ihre Mutter die Diskussion doch noch einmal aufnehmen, aber Hedwig lässt sich nicht darauf ein.
Hedwigs Kammer hat die meisten Ecken und Winkel, aber sie hat sich so viel bei ihrem Onkel abgeguckt, dass sie etliche Bahnen alleine an die Wand kleben kann. Er muss nur an einigen Stellen mit der Bürste nachhelfen und ihr bei den "schiefen Ecken" zur Hand gehen, aber sie trägt einen großen Teil der Arbeit, obwohl sie immer wieder nach Ulli schauen muss.
Karl kommt vorbei, will um Entschuldigung bitten und fragen, wie es mit ihrer beruflichen Partnerschaft weitergehen soll. Er packt gleich mit an, alles wieder zurück zu tragen.
Mutter muss noch einmal zum Kaufmann gehen. Karl ist es noch nicht so ganz wohl in Hedwigs Nähe, ist aber froh, dass sie ihn nicht davongejagt hat. Er verabschiedet sich auch und will an einem der nächsten Tage wiederkommen.
Nun ist sie mit Heinrich alleine.
Immer wieder sagt er, wie schön die Kammer geworden ist.
"Da habe ich doch wohl ein Dankeschön verdient", sagt er frei heraus.
"Danke!"
"Ein schnödes Danke ist doch wohl nicht genug für so viel Arbeit!"
Heinrich ist nicht zufrieden.
Einen Dank hat er sich anders vorgestellt.
"Wenn ich ins Dorf oder in die Stadt komme, kaufe ich Dir etwas Schönes", bietet Hedwig an, "oder Du bekommst einen schönen Räucheraal, wenn Du wieder alles essen kannst".
Auch das stellt ihn nicht zufrieden.
"Etwas Persönliches von Dir!"
Hedwig denkt nach, aber "Persönliches" — dazu fällt ihr nichts ein.
"Na, einen Kuss zum Beispiel!"
Hedwig mag das nicht, aber tritt nahe an ihn heran und drückt ihm einen Kuss auf die stoppelbärtige Wange. Das ist ihr nicht geheuer. Bei ihr zuhause wurde bisher fast nie geküsst.
Ja, Vater und Mutter haben sich früher "richtig" geküsst — und sie hat von einigen jungen Leuten gehört, dass die das tun.
Ob die davon Kinder bekommen?
"Das war doch kein Kuss!"
Heinrich will sie auf den Mund küssen, aber sie reißt sich von ihm los; denn das will sie nicht.
Er setzt ihr nach und zieht sie wieder zu sich heran. Er hat einen so festen Griff.
Sie will nicht von ihm geküsst werden!
"Undankbare Ziege!"
Er stößt sie von sich.
Gerade in diesem Moment kommt Mutter zurück.
"Was machst Du da mit Heinrich?" Sie ist außer sich.
"Nichts", flüstert Hedwig.
Tränen laufen ihr über das Gesicht.
Sie ist fast dankbar, dass Ulli anfängt zu weinen und sie nach ihm sehen muss.
Mutter sieht Heinrich fragend und zweifelnd an: "was war denn?"
"Nichts", sagt er und zieht sich auch zurück.
Gleich darauf hört sie, wie er neue Tapetenbahnen für den nächsten Tag zuschneidet.
Sie rennt immer wieder hin und beobachtet den Zähler im Schaltkasten, in dem sich eine Scheibe dreht und Zahlen angezeigt werden. Wenn sie alle Lampen anschaltet, dreht sich die Scheibe ganz schön schnell.
Ihre Mutter schimpft und ermahnt sie, die neue Errungenschaft nicht gleich kaputtzumachen.
Das größte Wunder ist allerdings der Leuchter im Wohnzimmer. Richtig vornehm sieht er aus.
Nun haben sie es wohl fast so wie der Bürgermeister — und der ist immerhin Großbauer und gut durch den Krieg gekommen.
Leider bedeutet mehr Licht auch mehr Erkennen.
Es ist ihnen vorher nie aufgefallen, wie dunkel die Reste der Tapeten, wie staubig manche Ecken sind. Mit einem Großreinemachen im Hause werden sie nicht davonkommen.
Heinrich ist etwas aufgetaut, sagt aber immer noch nicht viel, und absolut nichts über die vergangenen Jahre.
Sie wollen ihn mit leichter Kost an regelmäßiges Essen zu gewöhnen.
Ein wenig hat er sich von seiner Schwester lösen können, steht nicht mehr den ganzen Tag neben ihr, verfolgt sie nicht mehr "auf Schritt und Tritt". Auch schläft er meistens ins seiner Gästekammer und bleibt dort die ganze Nacht.
Er will sich sogar nützlich machen, sagt, er könne tapezieren.
Das Werkzeug dafür können sie in der Nachbarschaft leihen, müssen nur Tapeten und Kleister kaufen. Mutter geht zum Maler im Nachbardorf und will schauen, "was es gibt".
Sie kommt mit etlichen Tapetenrollen und mehreren Packungen Kleister zurück.
Von einigen Mustern hat sie recht viele bekommen, von anderen weniger.
So teilen sie auf: die größten Räume erhalten das Muster, von dem am meisten da ist.
Heinrich rechnet alles durch. Es sollte langen.
Er klemmt sich den Bleistift hinter das Ohr und organisiert aus dem Netzschuppen eine große Platte, auf der er die Tapeten schneiden und vorkleistern will.
Er hat nicht gelogen, arbeitet geschickt und flink.
Hedwig ist fasziniert, als er mit einem Lot kontrolliert, ob die erste Bahn richtig sitzt. Das hat sie noch nie gesehen.
Sie guckt sich manchen Handgriff bei ihm ab.
Zwischendurch muss sie sich immer wieder um Ulli kümmern.
Es ist ihr nicht recht, dass Heinrich sehr neugierig ist und sogar seine Arbeit unterbrechen will, weil er ihr beim Füttern und Windelnwechseln zuschauen will. Nein, das mag Hedwig nicht. Sie ist froh, dass Willi kommt und fast den ganzen Nachmittag beim Tapezieren hilft.
Es hat sich gelohnt: der erste Raum ist fertig.
Nun ist Hedwigs Kammer dran.
Die wenigen Sachen, die sie besitzt, müssen ebenso ausgeräumt werden wie ihr Bett.
"Wo sollen Ulli und ich schlafen?"
"Am besten bei Heinrich", fällt Mutter ein.
"Nein", das will Hedwig nicht und stapft sogar mit dem Fuß auf, als sie ihrer Mutter das sagt.
Fast hätte sie sich dafür eine Ohrfeige eingefangen, "wie kannst Du so undankbar sein?"
"Undankbar? — was hat das mit Dank oder Undank zu tun?"
"Wir schlafen bei Dir in der Kammer. Das ist im Sommer auch gegangen, als wir die Betten über Eck gestellt haben", Hedwig hat die Diskussion abgekürzt und für beendet erklärt. Sie muss mehr Stärke zeigen!
Sie tragen die Sachen in die Mutters Kammer.
"Es ist doch nur für eine oder zwei Nächte", will ihre Mutter die Diskussion doch noch einmal aufnehmen, aber Hedwig lässt sich nicht darauf ein.
Hedwigs Kammer hat die meisten Ecken und Winkel, aber sie hat sich so viel bei ihrem Onkel abgeguckt, dass sie etliche Bahnen alleine an die Wand kleben kann. Er muss nur an einigen Stellen mit der Bürste nachhelfen und ihr bei den "schiefen Ecken" zur Hand gehen, aber sie trägt einen großen Teil der Arbeit, obwohl sie immer wieder nach Ulli schauen muss.
Karl kommt vorbei, will um Entschuldigung bitten und fragen, wie es mit ihrer beruflichen Partnerschaft weitergehen soll. Er packt gleich mit an, alles wieder zurück zu tragen.
Mutter muss noch einmal zum Kaufmann gehen. Karl ist es noch nicht so ganz wohl in Hedwigs Nähe, ist aber froh, dass sie ihn nicht davongejagt hat. Er verabschiedet sich auch und will an einem der nächsten Tage wiederkommen.
Nun ist sie mit Heinrich alleine.
Immer wieder sagt er, wie schön die Kammer geworden ist.
"Da habe ich doch wohl ein Dankeschön verdient", sagt er frei heraus.
"Danke!"
"Ein schnödes Danke ist doch wohl nicht genug für so viel Arbeit!"
Heinrich ist nicht zufrieden.
Einen Dank hat er sich anders vorgestellt.
"Wenn ich ins Dorf oder in die Stadt komme, kaufe ich Dir etwas Schönes", bietet Hedwig an, "oder Du bekommst einen schönen Räucheraal, wenn Du wieder alles essen kannst".
Auch das stellt ihn nicht zufrieden.
"Etwas Persönliches von Dir!"
Hedwig denkt nach, aber "Persönliches" — dazu fällt ihr nichts ein.
"Na, einen Kuss zum Beispiel!"
Hedwig mag das nicht, aber tritt nahe an ihn heran und drückt ihm einen Kuss auf die stoppelbärtige Wange. Das ist ihr nicht geheuer. Bei ihr zuhause wurde bisher fast nie geküsst.
Ja, Vater und Mutter haben sich früher "richtig" geküsst — und sie hat von einigen jungen Leuten gehört, dass die das tun.
Ob die davon Kinder bekommen?
"Das war doch kein Kuss!"
Heinrich will sie auf den Mund küssen, aber sie reißt sich von ihm los; denn das will sie nicht.
Er setzt ihr nach und zieht sie wieder zu sich heran. Er hat einen so festen Griff.
Sie will nicht von ihm geküsst werden!
"Undankbare Ziege!"
Er stößt sie von sich.
Gerade in diesem Moment kommt Mutter zurück.
"Was machst Du da mit Heinrich?" Sie ist außer sich.
"Nichts", flüstert Hedwig.
Tränen laufen ihr über das Gesicht.
Sie ist fast dankbar, dass Ulli anfängt zu weinen und sie nach ihm sehen muss.
Mutter sieht Heinrich fragend und zweifelnd an: "was war denn?"
"Nichts", sagt er und zieht sich auch zurück.
Gleich darauf hört sie, wie er neue Tapetenbahnen für den nächsten Tag zuschneidet.
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Re: Ostwind
Heinrich schweigt - tagelang. Er will wohl damit ausdrücken, dass er mit dem erhaltenen Dank nicht zufrieden ist. Er kann sich auch kaum zu irgendetwas aufraffen, nachdem sie mit dem Tapezieren fertig geworden sind.
Er versucht zwar immer wieder, Hedwig näher zu kommen, aber die Mutter ist wachsam und stellt allein durch ihre strengen Blicke eine unsichtbare Wand zwischen den beiden auf.
Sie will ihn wieder "ins Leben bringen" und sagt, er müsse zum Amt gehen und sich zurück melden. Mit den nötigen Papieren kann er bestimmt wieder für die Baufirma arbeiten wie vor dem Krieg.
Heinrich kann sich nicht aufraffen.
Mit seinen nicht passenden Anziehsachen traut er sich nicht unter die Leute.
Der Pullover geht so gerade — aber bei der Hose hilft selbst ein Krempeln nicht.
Da hat Hedwig eine Idee, als sie mit ihrer Mutter spricht: "als Dank für das Tapezieren kaufen wir ihm eine passende Hose".
Sie überlegen, welche Größe es sein muss.
Die Mutter will selbst in die Stadt fahren und den Kauf erledigen.
Ihre Geldmittel sind ziemlich geschrumpft, aber eine kleine Reserve haben sie noch vom Fischverkauf. Das Geld ist in der alten Tabakdose, die auf dem Küchenschrank liegt.
Mutter entscheidet sich um. So ganz wohl ist ihr nicht bei dem Gedanken, Hedwig und ihren Bruder zusammen allein im Haus zu wissen.
Sie schreibt alles auf und schickt Hedwig los.
Sie kann tatsächlich eine günstige Cordhose erwerben, nicht besonders schön, aber immerhin: heil, neu und sauber.
Heinrich macht keinen besonders erfreuten Eindruck, ist immer noch mürrisch.
Er muss zum Anprobieren der Hose überredet werden.
Schließlich gibt er sich geschlagen.
Die Hose passt.
"Morgen gehen wir zum Amt!"
So wie die Mutter das zu ihm sagt, ist das keine Bitte, sondern ein Befehl.
Damit er seine Angelegenheiten auch tatsächlich regelt, geht sie mit.
Sie schickt ihn hinein und wartet draußen. Sie befürchtet unangenehme Fragen zu dem Kind.
Heinrich hält sich eine ganze Weile in der Amtsstube auf.
Der Amtmann fragt nach Entlassungspapieren und wo Heinrich so lange gewesen ist.
Er kann oder will ihm keine Antwort geben.
Der Amtmann wird wütend: "wenn Du keine Papier hast, gibt es Dich eigentlich überhaupt nicht!"
Eine Weile überlegt er, dann trifft er doch eine Entscheidung; denn dem armen Mann muss bei allem Misstrauen geholfen werden. Schließlich kennt er ihn schon von Kindesbeinen an und hat das Gefühl: das ist kein schlechter Kerl!
Dann schreibt er eine ganze Weile auf einer alten Schreibmaschine, hämmert dabei kräftig in die Tasten, stempelt, unterschreibt — und händigt ihm eine "vorläufige Kennkarte" aus.
"Weil ich Dich kenne", fügt er scherzend hinzu, "da hast Du Glück gehabt!"
Wenn er nicht getrunken hat, ist er richtig umgänglich.
Er erkundigt sich noch nach Heins Schwester und "ihrem Kind", aber da muss er wohl etwas falsch verstanden haben.
"Mutter und Kind sind wohlauf; besten Dank auch!" Hein ist ratlos, aber eine andere Antwort ist ihm nicht eingefallen. Der Amtmann gibt sich zufrieden.
Hein ist froh, dass er den Besuch in der Amtsstube gleich überstanden hat und will das Thema "Kind" nicht weiter vertiefen.
"Viel Glück bei der Arbeitssuche, vielleicht kommst Du in Deinem alten Betrieb unter, die arbeiten schon wieder!"
Hein bedankt sich — und schon steht er draußen, wo er von seiner Schwester erwartet wird.
Er versucht zwar immer wieder, Hedwig näher zu kommen, aber die Mutter ist wachsam und stellt allein durch ihre strengen Blicke eine unsichtbare Wand zwischen den beiden auf.
Sie will ihn wieder "ins Leben bringen" und sagt, er müsse zum Amt gehen und sich zurück melden. Mit den nötigen Papieren kann er bestimmt wieder für die Baufirma arbeiten wie vor dem Krieg.
Heinrich kann sich nicht aufraffen.
Mit seinen nicht passenden Anziehsachen traut er sich nicht unter die Leute.
Der Pullover geht so gerade — aber bei der Hose hilft selbst ein Krempeln nicht.
Da hat Hedwig eine Idee, als sie mit ihrer Mutter spricht: "als Dank für das Tapezieren kaufen wir ihm eine passende Hose".
Sie überlegen, welche Größe es sein muss.
Die Mutter will selbst in die Stadt fahren und den Kauf erledigen.
Ihre Geldmittel sind ziemlich geschrumpft, aber eine kleine Reserve haben sie noch vom Fischverkauf. Das Geld ist in der alten Tabakdose, die auf dem Küchenschrank liegt.
Mutter entscheidet sich um. So ganz wohl ist ihr nicht bei dem Gedanken, Hedwig und ihren Bruder zusammen allein im Haus zu wissen.
Sie schreibt alles auf und schickt Hedwig los.
Sie kann tatsächlich eine günstige Cordhose erwerben, nicht besonders schön, aber immerhin: heil, neu und sauber.
Heinrich macht keinen besonders erfreuten Eindruck, ist immer noch mürrisch.
Er muss zum Anprobieren der Hose überredet werden.
Schließlich gibt er sich geschlagen.
Die Hose passt.
"Morgen gehen wir zum Amt!"
So wie die Mutter das zu ihm sagt, ist das keine Bitte, sondern ein Befehl.
Damit er seine Angelegenheiten auch tatsächlich regelt, geht sie mit.
Sie schickt ihn hinein und wartet draußen. Sie befürchtet unangenehme Fragen zu dem Kind.
Heinrich hält sich eine ganze Weile in der Amtsstube auf.
Der Amtmann fragt nach Entlassungspapieren und wo Heinrich so lange gewesen ist.
Er kann oder will ihm keine Antwort geben.
Der Amtmann wird wütend: "wenn Du keine Papier hast, gibt es Dich eigentlich überhaupt nicht!"
Eine Weile überlegt er, dann trifft er doch eine Entscheidung; denn dem armen Mann muss bei allem Misstrauen geholfen werden. Schließlich kennt er ihn schon von Kindesbeinen an und hat das Gefühl: das ist kein schlechter Kerl!
Dann schreibt er eine ganze Weile auf einer alten Schreibmaschine, hämmert dabei kräftig in die Tasten, stempelt, unterschreibt — und händigt ihm eine "vorläufige Kennkarte" aus.
"Weil ich Dich kenne", fügt er scherzend hinzu, "da hast Du Glück gehabt!"
Wenn er nicht getrunken hat, ist er richtig umgänglich.
Er erkundigt sich noch nach Heins Schwester und "ihrem Kind", aber da muss er wohl etwas falsch verstanden haben.
"Mutter und Kind sind wohlauf; besten Dank auch!" Hein ist ratlos, aber eine andere Antwort ist ihm nicht eingefallen. Der Amtmann gibt sich zufrieden.
Hein ist froh, dass er den Besuch in der Amtsstube gleich überstanden hat und will das Thema "Kind" nicht weiter vertiefen.
"Viel Glück bei der Arbeitssuche, vielleicht kommst Du in Deinem alten Betrieb unter, die arbeiten schon wieder!"
Hein bedankt sich — und schon steht er draußen, wo er von seiner Schwester erwartet wird.
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Anne-Mette
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Re: Ostwind
Diesmal geht Hedwigs Mutter auf dem Rückweg mit breiten Schultern am Landstück der olen Hex vorbei, weiß sie doch den Bruder an ihrer Seite.
Stark ist er noch nicht wieder, aber sie hat trotzdem ein Gefühl der Sicherheit.
Sie haben das Haus fast hinter sich gelassen, da taucht sie doch noch auf und spricht sehr freundlich:
"Heinrich, das ist aber schön, dass Du wieder heimgekehrt bist nach so langer Zeit".
Nach einer kleinen Pause, in der sie sich die Haare aus dem Gesicht streicht, die der Wind dorthin geweht hat, fährt sie fort:
"Deine Schwester hat viel erlebt in den Jahren, in denen Du nicht hier gewesen bist — und ihre Tochter erst!"
"Tüünkram", will Heinrich sagen, aber er besinnt sich anders.
Viel haben ihm die beiden Frauen noch nicht erzählt.
Auch ist ihm noch ein Rätsel, zu wem das Kind nun gehört. Seine Schwester hat sich immer wieder ausweichend geäußert und ein großes Geheimnis daraus gemacht.
Vielleicht kann er von der Frau mehr erfahren?
"Komm doch mal vorbei, ich habe gehört, Du hast noch keine Arbeit?"
"Ja, vielleicht!"
Er kann sich jetzt noch nicht entscheiden.
Seine Schwester zieht ihn fort: "Komm, lass uns gehen!"
Widerwillig setzt er sich in Bewegung.
"Ich komme in den nächsten Tagen vorbei", ruft er über die Rosenhecke hinweg, weiß aber nicht, ob seine Worte Gehör gefunden haben.
Die Frau ist nicht mehr zu sehen.
Den Nachmittag verschläft Hein in seiner Kammer.
Gegen Abend soll er eigentlich bei seinem alten Chef vorbeikommen, schließlich braucht er eine Arbeit — und es werden Leute gesucht, die ihr Handwerk verstehen.
Er macht sich nur ungern auf den Weg, ist ärgerlich, dass seine Schwester ihn drängt.
Endlich schlurft er in seinen viel zu großen Schuhen zur Tür hinaus.
Seine Vorsätze sind nicht schlecht — und er sollte eigentlich mit dem Chef schnell einig werden, aber als er an die Weggabelung kommt, da biegt er doch nicht rechts ab zum Betriebsgelände, sondern nach links.
"ich will doch mal hören, was die Alte mir erzählen will", denkt er sich.
Er muss nicht lange klopfen; sie macht gleich auf, als ob sie ihn schon erwartet hat.
In der Küche machen sie es sich bequem. Aus einer kleinen Flasche schenkt sie Schlehenschnaps in zwei Gläser. "Hoffentlich ist das kein Zaubertrank", denkt Hein, aber so richtig glaubt er nicht an die Geschichten, die über die ole Hex im Umlauf sind.
Es wird ein interessanter Abend. Er erfährt von der frühen Schwangerschaft seiner Nichte und vom "besonderen Kind" — und sogar von Lügerei beim Amtmann und der falschen Eintragung in die Urkunde.
"Das ist ja gediegen!" Sein Erstaunen kann er kaum zurückhalten, aber er will das Gesagte nicht unnötig aufwerten. Wer weiß, was die Frau als Gegenleistung verlangt.
Er bekommt noch einen Schnaps und macht sich gleich danach auf den Rückweg.
Mit "so ganz umsonst sind meine Informationen nicht" wird er verabschiedet, "ich komme mal auf Dich zu, wenn Du mir einen Gefallen tun kannst".
"Ja ja", brummt Heinrich und hofft, dass es möglichst lange dauern wird, bis er sein Versprechen einlösen muss.
Auf dem Nachhauseweg überlegt er, was er mit dem Gehörten anfangen kann.
Erst einmal will er den beiden Frauen nichts sagen, sondern auf eine gute Gelegenheit warten.
Als er wieder an die Weggabelung kommt, geht er doch noch in die Firma, denn er hat gesehen: "da ist noch Licht!"
Sein Chef sitzt und brütet über irgendwelchen Plänen.
Er hat eine Kömbuddel vor sich und wohl schon reichlich davon getrunken.
So merkt er nicht, dass auch Heinrich nicht mehr so ganz nüchtern ist.
Er schenkt für beide noch einmal ein — und dann verhandeln sie über die Arbeitsstelle, die er ihm bieten kann.
"Als Vorarbeiter kannst Du nicht wieder anfangen — noch nicht", sagt er, "da habe ich bereits einen guten Mann, den kann ich nicht von seinem Posten abziehen, aber nach dem Sommer will er selbst ein Geschäft aufmachen und hört auf. Bis dahin musst Du als Überallmann arbeiten, immer genau dort, wo Du gebraucht wirst".
Selbst über den Lohn werden sie sich einig. Viel Geld ist es nicht, aber Heinrich hat keine großen Ausgaben, die er bestreiten muss.
"Wann ziehst Du wieder in Deine Hütte?" will der Chef noch wissen, "deine Schwester will doch sicherlich wieder an Sommergäste vermieten, wenn es so weit ist".
Der Chef hat seinen guten Tag, redet sogar nett über Hedwig und ihre Mutter und meint, dass er von einem "niedlichen Kleinen" gehört hat, fragt aber dann: "oder ist es ein Mädchen?"
"Das weiß keiner", gibt Heinrich zu Antwort.
Der Chef hat das Gefühl, dass er ein falsches Thema angesprochen hat und sagt: "aber fleißig sind die beiden Frauen — und geschäftstüchtig!"
Hein verabschiedet sich.
"Montag um halb sieben", ruft sein Chef ihm hinterher.
Stark ist er noch nicht wieder, aber sie hat trotzdem ein Gefühl der Sicherheit.
Sie haben das Haus fast hinter sich gelassen, da taucht sie doch noch auf und spricht sehr freundlich:
"Heinrich, das ist aber schön, dass Du wieder heimgekehrt bist nach so langer Zeit".
Nach einer kleinen Pause, in der sie sich die Haare aus dem Gesicht streicht, die der Wind dorthin geweht hat, fährt sie fort:
"Deine Schwester hat viel erlebt in den Jahren, in denen Du nicht hier gewesen bist — und ihre Tochter erst!"
"Tüünkram", will Heinrich sagen, aber er besinnt sich anders.
Viel haben ihm die beiden Frauen noch nicht erzählt.
Auch ist ihm noch ein Rätsel, zu wem das Kind nun gehört. Seine Schwester hat sich immer wieder ausweichend geäußert und ein großes Geheimnis daraus gemacht.
Vielleicht kann er von der Frau mehr erfahren?
"Komm doch mal vorbei, ich habe gehört, Du hast noch keine Arbeit?"
"Ja, vielleicht!"
Er kann sich jetzt noch nicht entscheiden.
Seine Schwester zieht ihn fort: "Komm, lass uns gehen!"
Widerwillig setzt er sich in Bewegung.
"Ich komme in den nächsten Tagen vorbei", ruft er über die Rosenhecke hinweg, weiß aber nicht, ob seine Worte Gehör gefunden haben.
Die Frau ist nicht mehr zu sehen.
Den Nachmittag verschläft Hein in seiner Kammer.
Gegen Abend soll er eigentlich bei seinem alten Chef vorbeikommen, schließlich braucht er eine Arbeit — und es werden Leute gesucht, die ihr Handwerk verstehen.
Er macht sich nur ungern auf den Weg, ist ärgerlich, dass seine Schwester ihn drängt.
Endlich schlurft er in seinen viel zu großen Schuhen zur Tür hinaus.
Seine Vorsätze sind nicht schlecht — und er sollte eigentlich mit dem Chef schnell einig werden, aber als er an die Weggabelung kommt, da biegt er doch nicht rechts ab zum Betriebsgelände, sondern nach links.
"ich will doch mal hören, was die Alte mir erzählen will", denkt er sich.
Er muss nicht lange klopfen; sie macht gleich auf, als ob sie ihn schon erwartet hat.
In der Küche machen sie es sich bequem. Aus einer kleinen Flasche schenkt sie Schlehenschnaps in zwei Gläser. "Hoffentlich ist das kein Zaubertrank", denkt Hein, aber so richtig glaubt er nicht an die Geschichten, die über die ole Hex im Umlauf sind.
Es wird ein interessanter Abend. Er erfährt von der frühen Schwangerschaft seiner Nichte und vom "besonderen Kind" — und sogar von Lügerei beim Amtmann und der falschen Eintragung in die Urkunde.
"Das ist ja gediegen!" Sein Erstaunen kann er kaum zurückhalten, aber er will das Gesagte nicht unnötig aufwerten. Wer weiß, was die Frau als Gegenleistung verlangt.
Er bekommt noch einen Schnaps und macht sich gleich danach auf den Rückweg.
Mit "so ganz umsonst sind meine Informationen nicht" wird er verabschiedet, "ich komme mal auf Dich zu, wenn Du mir einen Gefallen tun kannst".
"Ja ja", brummt Heinrich und hofft, dass es möglichst lange dauern wird, bis er sein Versprechen einlösen muss.
Auf dem Nachhauseweg überlegt er, was er mit dem Gehörten anfangen kann.
Erst einmal will er den beiden Frauen nichts sagen, sondern auf eine gute Gelegenheit warten.
Als er wieder an die Weggabelung kommt, geht er doch noch in die Firma, denn er hat gesehen: "da ist noch Licht!"
Sein Chef sitzt und brütet über irgendwelchen Plänen.
Er hat eine Kömbuddel vor sich und wohl schon reichlich davon getrunken.
So merkt er nicht, dass auch Heinrich nicht mehr so ganz nüchtern ist.
Er schenkt für beide noch einmal ein — und dann verhandeln sie über die Arbeitsstelle, die er ihm bieten kann.
"Als Vorarbeiter kannst Du nicht wieder anfangen — noch nicht", sagt er, "da habe ich bereits einen guten Mann, den kann ich nicht von seinem Posten abziehen, aber nach dem Sommer will er selbst ein Geschäft aufmachen und hört auf. Bis dahin musst Du als Überallmann arbeiten, immer genau dort, wo Du gebraucht wirst".
Selbst über den Lohn werden sie sich einig. Viel Geld ist es nicht, aber Heinrich hat keine großen Ausgaben, die er bestreiten muss.
"Wann ziehst Du wieder in Deine Hütte?" will der Chef noch wissen, "deine Schwester will doch sicherlich wieder an Sommergäste vermieten, wenn es so weit ist".
Der Chef hat seinen guten Tag, redet sogar nett über Hedwig und ihre Mutter und meint, dass er von einem "niedlichen Kleinen" gehört hat, fragt aber dann: "oder ist es ein Mädchen?"
"Das weiß keiner", gibt Heinrich zu Antwort.
Der Chef hat das Gefühl, dass er ein falsches Thema angesprochen hat und sagt: "aber fleißig sind die beiden Frauen — und geschäftstüchtig!"
Hein verabschiedet sich.
"Montag um halb sieben", ruft sein Chef ihm hinterher.
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Anne-Mette
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Re: Ostwind
Eigentlich hat Hein viel erreicht heute, aber zufrieden ist er nicht.
Er zieht sich wieder in seinen verwilderten Gedankengarten zurück, ein Garten, in dem nichts blüht.
Eine dornige Hecke schirmt ihn nach außen ab; keiner wird zu ihm vordringen können, wenn er das nicht zulässt, aber auch er schafft es selbst ganz selten, aus diesem Gefängnis herauskommen.
Er hat eine große Sehnsucht, seinen Frieden zu finden, aber fast die Hoffnung verloren, diesen Frieden IN seinem Leben zu finden und er stellt sich deshalb oft die Frage: finde ich Frieden NACH meinem Leben?
Manchmal hat er überlegt, seinem Leben ein Ende zu setzen.
In den zurückliegenden Jahren war das Schicksal oft ganz dicht davor, ihm die Entscheidung abzunehmen, aber es fügte ihm nur Wunden zu und ließ ihn am Leben und mit der Entscheidung allein.
"Verlorene Jahre", sagt er immer wieder zu sich selbst.
Er kann sich nicht entschließen, weiß, dass "Selbstmörder" auch noch auf ihrem letzten Weg Verachtung erfahren.
Und was kommt danach? Die Frage konnte ihm noch niemand beantworten.
Der Militärpfarrer sprach von einer "ewigen Verdammnis", die Menschen droht, die "feige sind und ihrem Leben selbst ein Ende setzen".
Ein junger Soldat war von hoch oben aus dem Fenster der Kaserne gesprungen.
Später hieß es dann "in großer Tapferkeit gefallen für das Vaterland!"
Heinrich hat lange überlegt, wer gelogen haben könnte: der Pfarrer — oder der Verfasser des Nachrufs.
Nun heißt es abzuspringen vom sich eintönig bewegenden Gedankenkarussell.
Das ist nicht so einfach; er braucht einen starken Impuls, um sich zu lösen.
Inzwischen hat er das Haus erreicht.
Seine Schwester fragt gleich, ob er die Sache mit dem Chef erledigt hat.
Ja, das hat er.
"Erzähl doch mal!"
Nein, er mag nichts erzählen und ist froh, dass er sich nach dem Abendbrot in seine Kammer zurückziehen kann.
Er muss sich einen Ruck geben, um aus seiner düsteren Gedankenwelt zu fliehen.
An seine Nichte denkt er, schweift aber wieder ab, weil er das Gefühl hat, sich mit etwas Verbotenem zu beschäftigen.
Wieder gefangen in seinem dumpfen Schmerz.
Er hört, wie Hedwig im Nebenzimmer mit dem Kind zu tun hat.
Nach dem Wechsel der Windel bekommt es die Brust angeboten.
Die kleinen Geister kommen wieder und flüstern ihm ins Ohr: "denk daran, was die ole Hex gesagt hat: das Mädel hat sich einem hergelaufenen Fischerjungen hingegeben, da kann sie auch Dir ein wenig Freude bereiten!"
Er spürt, dass sich bei diesem Gedanken zwischen seinen Beinen etwas regt; ein angenehmes Gefühl. Er fasst zu, bewegt seine Hand und denkt an Hedwig und ihre Brüste, die sie nun dem Kind entgegenhält.
Doch dann hört er auf, plötzlich fällt ihm etwas ein, was ihm große Qualen bereitet.
"Nein, nein", ruft er laut und schlägt mit der Hand auf sein Geschlecht.
Er hat das Gefühl, die Vergangenheit würde vor der Tür stehen und sie hätte einen ganzen Koffer voller schrecklicher Erinnerungsstücke dabei.
"Hein, was ist?"
Das ist nur Magda, seine Schwester.
"Ich habe schlecht geträumt!"
Er hofft, sie ist mit der Antwort zufrieden.
Sie zieht sich zurück; dann wird es wohl so sein.
Er zieht sich wieder in seinen verwilderten Gedankengarten zurück, ein Garten, in dem nichts blüht.
Eine dornige Hecke schirmt ihn nach außen ab; keiner wird zu ihm vordringen können, wenn er das nicht zulässt, aber auch er schafft es selbst ganz selten, aus diesem Gefängnis herauskommen.
Er hat eine große Sehnsucht, seinen Frieden zu finden, aber fast die Hoffnung verloren, diesen Frieden IN seinem Leben zu finden und er stellt sich deshalb oft die Frage: finde ich Frieden NACH meinem Leben?
Manchmal hat er überlegt, seinem Leben ein Ende zu setzen.
In den zurückliegenden Jahren war das Schicksal oft ganz dicht davor, ihm die Entscheidung abzunehmen, aber es fügte ihm nur Wunden zu und ließ ihn am Leben und mit der Entscheidung allein.
"Verlorene Jahre", sagt er immer wieder zu sich selbst.
Er kann sich nicht entschließen, weiß, dass "Selbstmörder" auch noch auf ihrem letzten Weg Verachtung erfahren.
Und was kommt danach? Die Frage konnte ihm noch niemand beantworten.
Der Militärpfarrer sprach von einer "ewigen Verdammnis", die Menschen droht, die "feige sind und ihrem Leben selbst ein Ende setzen".
Ein junger Soldat war von hoch oben aus dem Fenster der Kaserne gesprungen.
Später hieß es dann "in großer Tapferkeit gefallen für das Vaterland!"
Heinrich hat lange überlegt, wer gelogen haben könnte: der Pfarrer — oder der Verfasser des Nachrufs.
Nun heißt es abzuspringen vom sich eintönig bewegenden Gedankenkarussell.
Das ist nicht so einfach; er braucht einen starken Impuls, um sich zu lösen.
Inzwischen hat er das Haus erreicht.
Seine Schwester fragt gleich, ob er die Sache mit dem Chef erledigt hat.
Ja, das hat er.
"Erzähl doch mal!"
Nein, er mag nichts erzählen und ist froh, dass er sich nach dem Abendbrot in seine Kammer zurückziehen kann.
Er muss sich einen Ruck geben, um aus seiner düsteren Gedankenwelt zu fliehen.
An seine Nichte denkt er, schweift aber wieder ab, weil er das Gefühl hat, sich mit etwas Verbotenem zu beschäftigen.
Wieder gefangen in seinem dumpfen Schmerz.
Er hört, wie Hedwig im Nebenzimmer mit dem Kind zu tun hat.
Nach dem Wechsel der Windel bekommt es die Brust angeboten.
Die kleinen Geister kommen wieder und flüstern ihm ins Ohr: "denk daran, was die ole Hex gesagt hat: das Mädel hat sich einem hergelaufenen Fischerjungen hingegeben, da kann sie auch Dir ein wenig Freude bereiten!"
Er spürt, dass sich bei diesem Gedanken zwischen seinen Beinen etwas regt; ein angenehmes Gefühl. Er fasst zu, bewegt seine Hand und denkt an Hedwig und ihre Brüste, die sie nun dem Kind entgegenhält.
Doch dann hört er auf, plötzlich fällt ihm etwas ein, was ihm große Qualen bereitet.
"Nein, nein", ruft er laut und schlägt mit der Hand auf sein Geschlecht.
Er hat das Gefühl, die Vergangenheit würde vor der Tür stehen und sie hätte einen ganzen Koffer voller schrecklicher Erinnerungsstücke dabei.
"Hein, was ist?"
Das ist nur Magda, seine Schwester.
"Ich habe schlecht geträumt!"
Er hofft, sie ist mit der Antwort zufrieden.
Sie zieht sich zurück; dann wird es wohl so sein.
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Re: Ostwind
Heinrich schleppt sich jeden Tag zur Arbeit.
Der erste Tag — sein bester Tag!
Großes Hallo und Bekanntmachen, Anstoßen auf gute Zusammenarbeit und "erst einmal rumgucken, was sich alles in seiner Abwesenheit verändert hat".
Nun ist der Alltag eingekehrt und die Arbeit ist schwer. Da nicht genügend Steine vom Festland kommen, fertigen sie die in einer ausgedienten Kiesgrube selbst.
Hein muss sie jeden Tag aus den Formen holen und zum Weitertrocknen aufschichten.
Später werden sie dann noch einmal umgeschichtet, damit sie von allen Seiten gleichmäßig trocknen. Es ist vollkommen anders als früher. Er ist nicht mehr die "rechte Hand" des Chefs.
Es sind viele neue Mitarbeiter in der Firma, flinke Kerle, die das Arbeiten gewohnt sind.
Viel wird getrunken und die Fäuste sitzen locker. Auf den Baustellen fliegt auch schon mal ein Maurerhammer hinter dem Kameraden her — aber ernsthaft verletzen wollen sie sich nicht.
Sie haben den Krieg überlebt; einige fast ohne Schaden — und freuen sich, Neues aufzubauen.
Ruinen haben sie lange genug gesehen, als sie auf dem Festland waren. Sie erzählen manchmal davon.
Hein ist das Arbeiten noch nicht gewohnt. Er muss sich ganz schön abrackern, aber der Chef ist immer noch nicht zufrieden.
"So wird das nichts mit dem Vorarbeiterposten", wird ihm schon nach drei Tagen vorgehalten.
Hein verspricht, sich mehr anzustrengen.
Jeden Abend fällt er völlig erschöpft in sein Bett, träumt von Steinen, Mischmaschinen, Maurerkellen und Zementsäcken. Aber das ist immer noch besser als die Schreckensträume, die immer wieder kommen, mit spitzen Krallen nach ihm greifen und ihn mit Gewalt in die Vergangenheit holen.
Ostwind - ein Frühjahrsgewitter kommt mit der Flut, aber davon hat er nichts mitbekommen. Im Traum schleppt er immer noch Steine oder kloppt sie aus den Holzformen.
Dann ist er plötzlich wieder auf dem Schiff.
Es blitzt und macht einen Höllenlärm. Sie müssen einen schweren Treffer bekommen haben.
Seine Koje ist nass; das Schiff ist bestimmt am Sinken.
Er muss an den zweiten Funker denken, der nebenan in seiner Kajüte schläft, will ihn wecken und an Deck bringen.
Hein wundert sich, es ist keine Bewegung zu spüren, kein Gefühl, mit einem Schiff auf dem Wasser zu sein.
Es ist immer noch dunkel. Gespenstische Ruhe. Alle werden tot sein, denkt er, doch es hat noch nicht einmal jemand Alarm gegeben.
Sie sind überrascht und kalt erwischt worden, anders kann es nicht sein.
Auch sind keine Rufe zu hören, keine Sirene, kein Gerenne auf den Gängen!
Die Tür lässt sich öffnen, Hein ist erleichtert, sie hat sich nicht verklemmt.
Sie sieht ganz anders aus als die Tür an Bord, aber er nimmt es kaum wahr.
Draußen im Gang. Nach rechts muss er, nach rechts!
Er ergreift den Handlauf aus Messing, wundert sich, dass dahinter keine Wand ist, sondern Wärme aufsteigt. Das Schiff wird brennen!
Egal — nur weiter.
Er hat schon das Ende des Handlaufes erreicht.
Nun muss er ohne diese Stütze weiter.
Er hat Angst, dass das Schiff sich jeden Moment auf die Seite legt und absäuft.
Endlich an der Tür, die genau wie seine - merkwürdiger Weise nicht aus Eisen ist.
Egal, nur weiter!
Er sieht fast nichts, aber da muss die Koje sein! Er hört jemanden atmen, greift zu.
Entsetzliches Schreien!
Es ist nicht der Funker, er hält Hedwig im Arm.
Das sieht er erst, als Magda mit der Kerze kommt. In ihrer Panik hat sie vergessen, dass sie inzwischen Strom und Licht haben.
Wie gut: die gespenstische Szene wäre im harten Licht einer Glühbirne noch bedrohlicher; sie ist jetzt schon grotesk.
Hein hat Hedwig halb aus ihrem Bett herausgezogen. Ihr Nachthemd rutscht nach oben und entblößt sie.
Sie muss sich am Hals ihres Onkels festhalten, um nicht auf den Boden zu fallen.
Sie schreit weiter.
Magda schreit auch, stellt die Kerze ab, stürmt ans Bett, löst die Hände von Heinrichs Hals und hebt Hedwig zurück auf ihr Lager. Dabei schreit sie hysterisch: "Hedwig, was hast Du mit Hein gemacht?"
Ulli ist längst aufgewacht, schreit auch.
Hedwig versteht die Welt nicht mehr.
Hein ist endlich wach geworden, spürt, dass er nass ist. Ihm dämmert, dass sie doch nicht auf dem Schiff sind.
"Hedwig hat nichts gemacht", flüstert er fast.
Magda nimmt ihn an die Hand und führt ihn hinaus.
Sein Bettzeug ist so nass, dass er dort nicht schlafen kann.
Wie soll sie die Sachen wieder trocken bekommen?
"Wasch Dich, aber ordentlich!" herrscht sie ihn an, "und dann komm zu mir in die Kammer.
Heinrich macht, was sie ihm aufgetragen hat.
Wie ein begossener Pudel steht er gleich darauf vor ihrem Bett.
"Komm, schlüpf unter die Decke!"
Erst traut er sich nicht, aber dann sehnt er sich nach Wärme; denn es ist kalt ganz ohne seine Kleidung.
Die Wärme tut ihm gut.
Er fühlt sich wie in einem Nest — und beschützt.
Er könnte ewig hier liegen bleiben, fühlt sich sicher.
Die Matratze ist nicht besonders breit. Ob er will oder nicht — er muss sich bei ihr anlehnen.
Ihm fällt auf, dass seine Schwester nach Frau riecht.
Ja, er kann den Geruch wieder spüren.
Den hatte er schon fast vergessen.
Er muss wieder an Hedwig denken.
Magda spürt, dass er nicht so regungslos ist, wie es den Anschein hat.
Sie legt sich lieber auf den Rücken, möchte ihm keine Gelegenheit geben, etwas zu tun, was sie nicht möchte und was nicht sein darf.
Trotzdem ist sie irgendwie auch neugierig, gerät mit ihrer Hand wie zufällig auf "seine" Seite des Bettes.
Sie hätte nicht gedacht, dass das, was sie fühlt und berührt, so stark ist, ganz anders als der abgemagerte und ausgemergelte Körper, der trotz ihrer guten Absichten und ihrer Kochkunst noch nichts "auf die Rippen bekommen hat".
Ihre Hände treffen sich unter der Decke, fassen zusammen an.
Sie bewegen sich, bis Heinrich aufstöhnt.
Magda holt ein Tuch und reicht es ihm zum Abtrocknen.
Sie schämt sich. Nein — das durfte nicht sein.
Zwischen ihren Beinen ist es feucht geworden und sie spürt ein angenehmes Kribbeln.
Doch sie weiß, dass das, was sie fühlt, verboten ist und sie möchte es im Verborgenem wissen.
Entschlossen steht sie auf. Es wird Zeit, für Heinrich das Frühstück zu richten.
Mit kaltem Wasser wäscht sie sich.
"Heinrich muss fort", denkt sie, "allein schon wegen Hedwig. So kann es nicht weitergehen!"
Heinrich verabschiedet sich, als wäre nichts gewesen.
"Wir brauchen die Gästekammer bald wieder für die Sommergäste", fällt ihr ein, "und Heinrich hat doch noch seine Hütte, in die er ziehen könnte".
Allerdings hat sie das Gefühl, dass man ihn dort nicht allein lassen könnte — jedenfalls nicht in der ersten Zeit.
Der erste Tag — sein bester Tag!
Großes Hallo und Bekanntmachen, Anstoßen auf gute Zusammenarbeit und "erst einmal rumgucken, was sich alles in seiner Abwesenheit verändert hat".
Nun ist der Alltag eingekehrt und die Arbeit ist schwer. Da nicht genügend Steine vom Festland kommen, fertigen sie die in einer ausgedienten Kiesgrube selbst.
Hein muss sie jeden Tag aus den Formen holen und zum Weitertrocknen aufschichten.
Später werden sie dann noch einmal umgeschichtet, damit sie von allen Seiten gleichmäßig trocknen. Es ist vollkommen anders als früher. Er ist nicht mehr die "rechte Hand" des Chefs.
Es sind viele neue Mitarbeiter in der Firma, flinke Kerle, die das Arbeiten gewohnt sind.
Viel wird getrunken und die Fäuste sitzen locker. Auf den Baustellen fliegt auch schon mal ein Maurerhammer hinter dem Kameraden her — aber ernsthaft verletzen wollen sie sich nicht.
Sie haben den Krieg überlebt; einige fast ohne Schaden — und freuen sich, Neues aufzubauen.
Ruinen haben sie lange genug gesehen, als sie auf dem Festland waren. Sie erzählen manchmal davon.
Hein ist das Arbeiten noch nicht gewohnt. Er muss sich ganz schön abrackern, aber der Chef ist immer noch nicht zufrieden.
"So wird das nichts mit dem Vorarbeiterposten", wird ihm schon nach drei Tagen vorgehalten.
Hein verspricht, sich mehr anzustrengen.
Jeden Abend fällt er völlig erschöpft in sein Bett, träumt von Steinen, Mischmaschinen, Maurerkellen und Zementsäcken. Aber das ist immer noch besser als die Schreckensträume, die immer wieder kommen, mit spitzen Krallen nach ihm greifen und ihn mit Gewalt in die Vergangenheit holen.
Ostwind - ein Frühjahrsgewitter kommt mit der Flut, aber davon hat er nichts mitbekommen. Im Traum schleppt er immer noch Steine oder kloppt sie aus den Holzformen.
Dann ist er plötzlich wieder auf dem Schiff.
Es blitzt und macht einen Höllenlärm. Sie müssen einen schweren Treffer bekommen haben.
Seine Koje ist nass; das Schiff ist bestimmt am Sinken.
Er muss an den zweiten Funker denken, der nebenan in seiner Kajüte schläft, will ihn wecken und an Deck bringen.
Hein wundert sich, es ist keine Bewegung zu spüren, kein Gefühl, mit einem Schiff auf dem Wasser zu sein.
Es ist immer noch dunkel. Gespenstische Ruhe. Alle werden tot sein, denkt er, doch es hat noch nicht einmal jemand Alarm gegeben.
Sie sind überrascht und kalt erwischt worden, anders kann es nicht sein.
Auch sind keine Rufe zu hören, keine Sirene, kein Gerenne auf den Gängen!
Die Tür lässt sich öffnen, Hein ist erleichtert, sie hat sich nicht verklemmt.
Sie sieht ganz anders aus als die Tür an Bord, aber er nimmt es kaum wahr.
Draußen im Gang. Nach rechts muss er, nach rechts!
Er ergreift den Handlauf aus Messing, wundert sich, dass dahinter keine Wand ist, sondern Wärme aufsteigt. Das Schiff wird brennen!
Egal — nur weiter.
Er hat schon das Ende des Handlaufes erreicht.
Nun muss er ohne diese Stütze weiter.
Er hat Angst, dass das Schiff sich jeden Moment auf die Seite legt und absäuft.
Endlich an der Tür, die genau wie seine - merkwürdiger Weise nicht aus Eisen ist.
Egal, nur weiter!
Er sieht fast nichts, aber da muss die Koje sein! Er hört jemanden atmen, greift zu.
Entsetzliches Schreien!
Es ist nicht der Funker, er hält Hedwig im Arm.
Das sieht er erst, als Magda mit der Kerze kommt. In ihrer Panik hat sie vergessen, dass sie inzwischen Strom und Licht haben.
Wie gut: die gespenstische Szene wäre im harten Licht einer Glühbirne noch bedrohlicher; sie ist jetzt schon grotesk.
Hein hat Hedwig halb aus ihrem Bett herausgezogen. Ihr Nachthemd rutscht nach oben und entblößt sie.
Sie muss sich am Hals ihres Onkels festhalten, um nicht auf den Boden zu fallen.
Sie schreit weiter.
Magda schreit auch, stellt die Kerze ab, stürmt ans Bett, löst die Hände von Heinrichs Hals und hebt Hedwig zurück auf ihr Lager. Dabei schreit sie hysterisch: "Hedwig, was hast Du mit Hein gemacht?"
Ulli ist längst aufgewacht, schreit auch.
Hedwig versteht die Welt nicht mehr.
Hein ist endlich wach geworden, spürt, dass er nass ist. Ihm dämmert, dass sie doch nicht auf dem Schiff sind.
"Hedwig hat nichts gemacht", flüstert er fast.
Magda nimmt ihn an die Hand und führt ihn hinaus.
Sein Bettzeug ist so nass, dass er dort nicht schlafen kann.
Wie soll sie die Sachen wieder trocken bekommen?
"Wasch Dich, aber ordentlich!" herrscht sie ihn an, "und dann komm zu mir in die Kammer.
Heinrich macht, was sie ihm aufgetragen hat.
Wie ein begossener Pudel steht er gleich darauf vor ihrem Bett.
"Komm, schlüpf unter die Decke!"
Erst traut er sich nicht, aber dann sehnt er sich nach Wärme; denn es ist kalt ganz ohne seine Kleidung.
Die Wärme tut ihm gut.
Er fühlt sich wie in einem Nest — und beschützt.
Er könnte ewig hier liegen bleiben, fühlt sich sicher.
Die Matratze ist nicht besonders breit. Ob er will oder nicht — er muss sich bei ihr anlehnen.
Ihm fällt auf, dass seine Schwester nach Frau riecht.
Ja, er kann den Geruch wieder spüren.
Den hatte er schon fast vergessen.
Er muss wieder an Hedwig denken.
Magda spürt, dass er nicht so regungslos ist, wie es den Anschein hat.
Sie legt sich lieber auf den Rücken, möchte ihm keine Gelegenheit geben, etwas zu tun, was sie nicht möchte und was nicht sein darf.
Trotzdem ist sie irgendwie auch neugierig, gerät mit ihrer Hand wie zufällig auf "seine" Seite des Bettes.
Sie hätte nicht gedacht, dass das, was sie fühlt und berührt, so stark ist, ganz anders als der abgemagerte und ausgemergelte Körper, der trotz ihrer guten Absichten und ihrer Kochkunst noch nichts "auf die Rippen bekommen hat".
Ihre Hände treffen sich unter der Decke, fassen zusammen an.
Sie bewegen sich, bis Heinrich aufstöhnt.
Magda holt ein Tuch und reicht es ihm zum Abtrocknen.
Sie schämt sich. Nein — das durfte nicht sein.
Zwischen ihren Beinen ist es feucht geworden und sie spürt ein angenehmes Kribbeln.
Doch sie weiß, dass das, was sie fühlt, verboten ist und sie möchte es im Verborgenem wissen.
Entschlossen steht sie auf. Es wird Zeit, für Heinrich das Frühstück zu richten.
Mit kaltem Wasser wäscht sie sich.
"Heinrich muss fort", denkt sie, "allein schon wegen Hedwig. So kann es nicht weitergehen!"
Heinrich verabschiedet sich, als wäre nichts gewesen.
"Wir brauchen die Gästekammer bald wieder für die Sommergäste", fällt ihr ein, "und Heinrich hat doch noch seine Hütte, in die er ziehen könnte".
Allerdings hat sie das Gefühl, dass man ihn dort nicht allein lassen könnte — jedenfalls nicht in der ersten Zeit.
-
Anne-Mette
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Re: Ostwind
Das Bettzeug ist noch nicht trocken.
Hein darf wieder zu Magda in die Kammer kommen, um dort zu schlafen.
Ihre Hände finden sich nicht mehr "zufällig" unter der Decke, sondern zielgerichtet.
Magda nimmt seine Hand und zeigt ihm, was sie mag.
Ein wenig stört es sie, dass Hedwig und das Kind nebenan schlafen.
Sie können nur flüstern.
Magda will die entspannte Stimmung zwischen ihnen ausnutzen und schlägt ihm vor: "Hein, wie wäre es, wenn Du wieder in Deine Hütte ziehst?"
Er grummelt vor sich hin, spricht von "loswerden".
"Nun warte doch erst einmal ab!" Sie kann es gleich begründen: "in der ersten Zeit bleibe ich über Nacht bei Dir und kehre tagsüber hierher zurück, wenn Du zur Arbeit bist".
Heinrich ist nicht so richtig überzeugt; denn seinetwegen könnte alles so weitergehen wie bisher.
"Wir brauchen die Kammer für die Vermietung!"
Das ist ein wichtiges Argument aus Magdas Munde.
Wenn Feriengäste kommen, muss möglichst viel Geld verdient werden.
Heinrich denkt an seine gemütliche Hütte, die nur einen gewaltigen Nachteil hat: tagsüber ist es dort nicht auszuhalten, weil der Fluglärm die Bewohner peinigt.
Sie liegt fast am Zaun des Fliegerhorstes — mitten in der Einflugschneise.
Natürlich halten die Engländer auch Nachtübungen ab; aber nicht so häufig.
Am schlimmsten ist der Lärm, wenn sie die Triebwerke testen, dann muss man sich die Ohren zuhalten.
Nicht einmal die Flüchtlinge wollten dort wohnen, obwohl auf der Insel große Wohnungsnot herrscht.
"Da werden wir ungestört sein", flüstert Magda ihm ins Ohr.
"In Ordnung", brummt Hein zurück.
Magda ist sicher, dass sie damit Hedwig aus der Gefahrenzone bringt.
Hein soll zum Chef kommen.
Er vermutet eine Rüge des Chefs oder sogar eine Entlassung; denn seine Arbeitsleistung hat sich noch nicht wesentlich gesteigert. So richtig Lust hat er nicht zu seiner Arbeit.
Doch der Chef ist gut aufgelegt, spricht davon, dass manche Leute in diesen schweren Zeiten am falschen Platz ihren Mann stehen, aber dass es Abhilfe gibt.
Seine Freundlichkeit und sein Taktieren haben einen Grund. Er hat mit Erschrecken feststellen müssen, dass sein eingesetzter Vorarbeiter sehr viel Material "unter der Hand" und auf eigene Rechnung weiterverkauft, ja, einige Sachen sogar verschenkt hat.
Von Hein weiß er, dass er ehrlich ist — und dass er tagsüber nicht so viel trinkt. Das sollte sich positiv auswirken auf den Zustand des Firmenwagens. Der Opel Blitz ist schon ziemlich ramponiert, da niemand sorgsam damit umgeht.
Der Vorarbeiter ist am Tag zuvor "vom Dach gefallen".
Heinrich ahnt, dass da vielleicht jemand nachgeholfen haben könnte.
Es war keine große Höhe, sodass es nicht zu ganz schlimmen Verletzungen gekommen ist; aber einige Zeit kann er nicht arbeiten — eine gute Gelegenheit, den Posten mit einem anderen Mann zu besetzen.
Es läuft gut für Hein: er rechnet korrekt ab, ihm fallen auch keine Steine oder Zementsäcke vom Wagen, die später als Verlust gemeldet werden — und er erwirbt sich Respekt bei den Männern auf den verschiedenen Baustellen, die er immer wieder kontrolliert,
Der Chef will sich erkenntlich zeigen; denn schon nach ein paar Tagen hat er von seinem Schachzug profitiert. Hein bekommt eine kleine Lohnerhöhung — und er darf sich gegen geringe Bezahlung etwas Material mitnehmen, um seine Hütte wieder instand zu setzen.
Dort ist einiges zu tun, aber da sie nicht sehr groß ist, kommen sie mit den Arbeiten gut voran.
Magda ist ganz hingerissen von dem eingewachsenen Garten, der durch hohe Heckenrosen so windgeschützt ist, dass sogar einige Kräuter wachsen.
Zuletzt statten sie die beiden Betten mit Matratzen aus, die Magda für Notzeiten aufgehoben hatte.
Sie treffen sich nun jeden Abend, wenn Hein fertig mit der Arbeit ist.
Die Matratzen für das zweite Bett hätten sie nicht gebraucht.
Tagsüber kümmert Magda sich um den anderen Haushalt, passt auf Ulli auf, wenn Hedwig im Watt ist und der Fischerei nachgeht — und hilft beim Herrichten der Gästezimmer.
Die ersten Feriengäste sollen schon auf der Insel gesehen worden sein, aber bei ihnen hat sich noch niemand gemeldet.
Willi kommt vorbeigeknattert; ja, er kommt nicht zu Fuß, obwohl es nicht weit ist, er hat investiert.
Ganz günstig konnte er einen kleinen, offenen Lieferwagen erwerben.
"Damit sind wir unabhängig", erzählt er begeistert, "wenn die Makrelen da sind, dann beliefern wir selbst auf der ganzen Insel und können bessere Preise erzielen".
Er ist kaum zu bremsen, auch wenn es noch lange dauern wird, bis die Makrelen kommen.
Bis dahin soll das Auto sich erst einmal bezahlt machen; denn er will "nebenbei" Transportdienste anbieten.
Sie reden über die neue Saison und darüber, ob viele Gäste kommen werden.
"Wir müssen ihnen mehr bieten", schlägt Willi vor, "eigentlich schade, dass ihr den Strom nur für eure Lampen benutzt! Ihr hättet genauso gut Kerzen und Petroleumlampen behalten können".
"Petroleum stinkt und Kerzen flackern und bei Sturm gehen sie sogar aus", meint Hedwig — und nach einer kleinen Pause: "erzähl doch mal!"
Willi ist schon viel herumgekommen und hat viel gesehen.
Er erzählt, dass es in den besseren Häusern fließend Wasser gibt.
"Wir haben auch fließend Wasser, es fließt, wenn man pumpt", erwidert Hedwig trotzig.
Seit sie die Anwesenheit von Heinrich nicht mehr als niederdrückend und rätselhaft empfindet, kommen manchmal Worte über ihre Lippen die ihre neue Stärke zeigen.
Dabei steht sie breitbeinig, die Hände tief in den Hosentaschen.
Willi holt weit aus, erzählt von elektrischen Pumpen, die Wasser aus dem Brunnen fördern könnten. "Dann gibt es einen Drucktank — und von dem gehen die Wasserleitungen direkt ins Haus".
Er malt Bauzeichnungen in die Luft, um seine Worte zu verdeutlichen.
"Spinnkram", ruft Hedwig, "und wo bleibt das Wasser dann?"
Willi schüttelt den Kopf über so viel Unverständnis, "an das Abwasser müssen wir natürlich auch denken!"
Sie gehen ins Haus; denn für Malereien in der Luft ist die Angelegenheit zu kompliziert.
Willi nimmt eines der alten Schulhefte und malt den Brunnen, eine tiefliegende Kammer für den Drucktank und die Pumpe — und ein ganz einfaches Bild des Hauses. Hedwig muss lachen, sie hätte eine schöneres Haus malen können.
"Darum geht es nicht", weiß Willi. Er schreibt oben WASSERVERSORGUNG auf das Blatt.
Anschließend kümmert er sich um die Details.
Er malt ein Waschbecken: oben sitzt ein Wasserhahn und unten das Abflussrohr.
"Wohin soll das Wasser fließen?" Hedwig ist neugierig geworden.
Willi erzählt von dicken Rohren aus Ton, die das Wasser in eine Klärgrube bringen sollen.
"Du hast sogar Glück", meint er, "das Grundstück senkt sich leicht — wir hätten ein natürliches Gefälle!"
"Gefälle?"
"Ja, hast Du schon mal gesehen, dass Wasser nach oben fließt?"
Nein, das hat sie nicht.
Sie fragt nach den Kosten.
"Das machen wir Stück für Stück", schlägt Willi vor, "in diesem Jahr werden wir nicht alles schaffen.
Er verspricht, sich erst einmal um die Tonröhren und das Material für die Klärgrube zu kümmern. Wie gut, dass er nun den Lieferwagen hat.
Hein darf wieder zu Magda in die Kammer kommen, um dort zu schlafen.
Ihre Hände finden sich nicht mehr "zufällig" unter der Decke, sondern zielgerichtet.
Magda nimmt seine Hand und zeigt ihm, was sie mag.
Ein wenig stört es sie, dass Hedwig und das Kind nebenan schlafen.
Sie können nur flüstern.
Magda will die entspannte Stimmung zwischen ihnen ausnutzen und schlägt ihm vor: "Hein, wie wäre es, wenn Du wieder in Deine Hütte ziehst?"
Er grummelt vor sich hin, spricht von "loswerden".
"Nun warte doch erst einmal ab!" Sie kann es gleich begründen: "in der ersten Zeit bleibe ich über Nacht bei Dir und kehre tagsüber hierher zurück, wenn Du zur Arbeit bist".
Heinrich ist nicht so richtig überzeugt; denn seinetwegen könnte alles so weitergehen wie bisher.
"Wir brauchen die Kammer für die Vermietung!"
Das ist ein wichtiges Argument aus Magdas Munde.
Wenn Feriengäste kommen, muss möglichst viel Geld verdient werden.
Heinrich denkt an seine gemütliche Hütte, die nur einen gewaltigen Nachteil hat: tagsüber ist es dort nicht auszuhalten, weil der Fluglärm die Bewohner peinigt.
Sie liegt fast am Zaun des Fliegerhorstes — mitten in der Einflugschneise.
Natürlich halten die Engländer auch Nachtübungen ab; aber nicht so häufig.
Am schlimmsten ist der Lärm, wenn sie die Triebwerke testen, dann muss man sich die Ohren zuhalten.
Nicht einmal die Flüchtlinge wollten dort wohnen, obwohl auf der Insel große Wohnungsnot herrscht.
"Da werden wir ungestört sein", flüstert Magda ihm ins Ohr.
"In Ordnung", brummt Hein zurück.
Magda ist sicher, dass sie damit Hedwig aus der Gefahrenzone bringt.
Hein soll zum Chef kommen.
Er vermutet eine Rüge des Chefs oder sogar eine Entlassung; denn seine Arbeitsleistung hat sich noch nicht wesentlich gesteigert. So richtig Lust hat er nicht zu seiner Arbeit.
Doch der Chef ist gut aufgelegt, spricht davon, dass manche Leute in diesen schweren Zeiten am falschen Platz ihren Mann stehen, aber dass es Abhilfe gibt.
Seine Freundlichkeit und sein Taktieren haben einen Grund. Er hat mit Erschrecken feststellen müssen, dass sein eingesetzter Vorarbeiter sehr viel Material "unter der Hand" und auf eigene Rechnung weiterverkauft, ja, einige Sachen sogar verschenkt hat.
Von Hein weiß er, dass er ehrlich ist — und dass er tagsüber nicht so viel trinkt. Das sollte sich positiv auswirken auf den Zustand des Firmenwagens. Der Opel Blitz ist schon ziemlich ramponiert, da niemand sorgsam damit umgeht.
Der Vorarbeiter ist am Tag zuvor "vom Dach gefallen".
Heinrich ahnt, dass da vielleicht jemand nachgeholfen haben könnte.
Es war keine große Höhe, sodass es nicht zu ganz schlimmen Verletzungen gekommen ist; aber einige Zeit kann er nicht arbeiten — eine gute Gelegenheit, den Posten mit einem anderen Mann zu besetzen.
Es läuft gut für Hein: er rechnet korrekt ab, ihm fallen auch keine Steine oder Zementsäcke vom Wagen, die später als Verlust gemeldet werden — und er erwirbt sich Respekt bei den Männern auf den verschiedenen Baustellen, die er immer wieder kontrolliert,
Der Chef will sich erkenntlich zeigen; denn schon nach ein paar Tagen hat er von seinem Schachzug profitiert. Hein bekommt eine kleine Lohnerhöhung — und er darf sich gegen geringe Bezahlung etwas Material mitnehmen, um seine Hütte wieder instand zu setzen.
Dort ist einiges zu tun, aber da sie nicht sehr groß ist, kommen sie mit den Arbeiten gut voran.
Magda ist ganz hingerissen von dem eingewachsenen Garten, der durch hohe Heckenrosen so windgeschützt ist, dass sogar einige Kräuter wachsen.
Zuletzt statten sie die beiden Betten mit Matratzen aus, die Magda für Notzeiten aufgehoben hatte.
Sie treffen sich nun jeden Abend, wenn Hein fertig mit der Arbeit ist.
Die Matratzen für das zweite Bett hätten sie nicht gebraucht.
Tagsüber kümmert Magda sich um den anderen Haushalt, passt auf Ulli auf, wenn Hedwig im Watt ist und der Fischerei nachgeht — und hilft beim Herrichten der Gästezimmer.
Die ersten Feriengäste sollen schon auf der Insel gesehen worden sein, aber bei ihnen hat sich noch niemand gemeldet.
Willi kommt vorbeigeknattert; ja, er kommt nicht zu Fuß, obwohl es nicht weit ist, er hat investiert.
Ganz günstig konnte er einen kleinen, offenen Lieferwagen erwerben.
"Damit sind wir unabhängig", erzählt er begeistert, "wenn die Makrelen da sind, dann beliefern wir selbst auf der ganzen Insel und können bessere Preise erzielen".
Er ist kaum zu bremsen, auch wenn es noch lange dauern wird, bis die Makrelen kommen.
Bis dahin soll das Auto sich erst einmal bezahlt machen; denn er will "nebenbei" Transportdienste anbieten.
Sie reden über die neue Saison und darüber, ob viele Gäste kommen werden.
"Wir müssen ihnen mehr bieten", schlägt Willi vor, "eigentlich schade, dass ihr den Strom nur für eure Lampen benutzt! Ihr hättet genauso gut Kerzen und Petroleumlampen behalten können".
"Petroleum stinkt und Kerzen flackern und bei Sturm gehen sie sogar aus", meint Hedwig — und nach einer kleinen Pause: "erzähl doch mal!"
Willi ist schon viel herumgekommen und hat viel gesehen.
Er erzählt, dass es in den besseren Häusern fließend Wasser gibt.
"Wir haben auch fließend Wasser, es fließt, wenn man pumpt", erwidert Hedwig trotzig.
Seit sie die Anwesenheit von Heinrich nicht mehr als niederdrückend und rätselhaft empfindet, kommen manchmal Worte über ihre Lippen die ihre neue Stärke zeigen.
Dabei steht sie breitbeinig, die Hände tief in den Hosentaschen.
Willi holt weit aus, erzählt von elektrischen Pumpen, die Wasser aus dem Brunnen fördern könnten. "Dann gibt es einen Drucktank — und von dem gehen die Wasserleitungen direkt ins Haus".
Er malt Bauzeichnungen in die Luft, um seine Worte zu verdeutlichen.
"Spinnkram", ruft Hedwig, "und wo bleibt das Wasser dann?"
Willi schüttelt den Kopf über so viel Unverständnis, "an das Abwasser müssen wir natürlich auch denken!"
Sie gehen ins Haus; denn für Malereien in der Luft ist die Angelegenheit zu kompliziert.
Willi nimmt eines der alten Schulhefte und malt den Brunnen, eine tiefliegende Kammer für den Drucktank und die Pumpe — und ein ganz einfaches Bild des Hauses. Hedwig muss lachen, sie hätte eine schöneres Haus malen können.
"Darum geht es nicht", weiß Willi. Er schreibt oben WASSERVERSORGUNG auf das Blatt.
Anschließend kümmert er sich um die Details.
Er malt ein Waschbecken: oben sitzt ein Wasserhahn und unten das Abflussrohr.
"Wohin soll das Wasser fließen?" Hedwig ist neugierig geworden.
Willi erzählt von dicken Rohren aus Ton, die das Wasser in eine Klärgrube bringen sollen.
"Du hast sogar Glück", meint er, "das Grundstück senkt sich leicht — wir hätten ein natürliches Gefälle!"
"Gefälle?"
"Ja, hast Du schon mal gesehen, dass Wasser nach oben fließt?"
Nein, das hat sie nicht.
Sie fragt nach den Kosten.
"Das machen wir Stück für Stück", schlägt Willi vor, "in diesem Jahr werden wir nicht alles schaffen.
Er verspricht, sich erst einmal um die Tonröhren und das Material für die Klärgrube zu kümmern. Wie gut, dass er nun den Lieferwagen hat.
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Re: Ostwind
Hein sitzt nach Feierabend vor seiner Hütte auf der Gartenbank und hat sich eine Flasche Bier aufgemacht.
Er wartet auf Magda.
Obwohl es eigentlich nicht sein darf, was sie machen, gefällt es ihm, ja, er hat sich so eingerichtet und ist zufrieden.
Es kommt ihm fast so vor, als müsste es so sein — und Magda gefällt es doch auch.
Die ruhige Phase in seinem Leben tut ihm gut.
Er wartet schon eine ganze Weile.
Ein Auto ist plötzlich zu hören.
Eine Tür wird zugeschlagen.
Magda wird doch nicht mit dem Auto kommen?
Nein, wie sollte sie das machen? Es lohnt sich nicht für den kurzen Weg; außerdem hat sie keinen Führerschein und kein Auto.
Einige Arbeitskollegen haben Andeutungen gemacht, da er so oft Besuch von ihr bekommt, aber ihm gegenüber als rechte Hand des Chefs müssen sie sich zurückhalten.
Es wird ihm doch wohl niemand die Polizei ins Haus geschickt haben? Wie heißt das noch einmal, wenn Verwandte"¦?
Der Dorfpolizist kommt immer mit dem Rad — und vielleicht auch mal mit dem Moped. Ein Auto haben sie höchstens in der Stadt.
Nein, es ist nicht die Polizei.
Sein Chef ist gekommen, um mal zu schauen, wie er es so hat in der Hütte.
Es wäre ungünstig, wenn Magda nun gerade kommt, denkt Hein, bittet aber seinen Chef, Platz zu nehmen und holt ihm auch ein Bier.
Magda wird das Auto vor dem Grundstück wohl zu deuten wissen.
Es wäre fatal, wenn sie einen flotten und vielleicht zweideutigen Spruch über die Hecke rufen würde, gerade wenn Besuch da ist.
"Nett hast Du es hier", der Chef ist ganz begeistert, nachdem er einen Blick in die Hütte geworfen hat: alles sauber und richtig gemütlich.
Bettzeug liegt nur auf einem Bett.
"Nun haben die ja auch auf dem Fliegerhorst Pause, Du solltest mal hier sein, wenn sie fliegen oder die Motoren testen".
Ja, das ist wohl wahr.
"Für Dich fügt sich alles gut zusammen", setzt sein Arbeitgeber fort, "ich glaube, Du bist nun auf dem richtigen Posten und fühlst Dich wohl bei der Arbeit?"
Ja, das stimmt. Er hätte keinen fragenden Unterton mit einfließen lassen müssen; Hein ist vollkommen zufrieden.
"Es ist auch gut, dass Deine Schwester Dich versorgt!"
Nach einem weiteren Schluck aus der Bierflasche ergänzt er, "trotzdem solltest Du mal eine Frau kennenlernen!"
"Ach Quatsch", Hein ist richtig entrüstet, er sieht seine Bequemlichkeit davonfliegen, aber noch ist es nicht so weit. Außerdem ist seine Schwester doch wohl auch eine Frau.
Schnell schwächt er ab; denn sein Chef ist fast erschrocken über die heftige Reaktion. Schnell sagt er: "wer soll so"™nen ollen Knacker wie mich denn noch nehmen?"
Er lacht und auch sein Gegenüber macht wieder ein freundliches Gesicht und sagt: "ich mein"˜ ja nur!".
Sie verabschieden sich; denn der Chef muss noch mit einem Kostenvoranschlag zu einem Kunden.
Magda hat schon von weitem gesehen, dass ein Auto vor der Hütte steht.
Sie kann sich erst keinen Reim daraus machen, malt sich allerlei düstere Szenarien aus.
Vielleicht kommen sie sogar ins Gefängnis für das, was sie tun, aber irgendwie kann auch sie nicht davon ablassen.
Sie macht einen Bogen ums Haus und geht den alten Kiesgrubenweg hinunter, der fast bis zum Hafen führt.
Muscheln will sie kaufen; denn Heinrich isst sie für sein Leben gern.
Sie macht sich wieder auf den Weg zurück zur Hütte.
Hein hat schon auf sie gewartet.
Erst reden sie darüber, dass sie aufhören müssen mit ihrem Tun; aber dann werden sie doch wieder schwach.
Ein Abend wie viele andere - wo und wie soll das nur enden?
Willi braucht alle Mann — und Hedwig; die zählt er dazu.
Der Kutter muss auf das Land gezogen werden, weil er das Unterwasserschiff mit neuem Teer versehen will.
Erst soll das Schiff auf der einen Seite stehen — und dann vorsichtig zur anderen gekippt werden.
Stahlmatten haben sie besorgt und Rundhölzer.
Damit soll das schwere Schiff bewegt werden.
Sie warten auf Westwind und hohe Flut; was das Schiff im Wasser liegend schaffen kann, müssen sie nicht mühsam auf dem Trockenen ziehen und schieben.
Das halbe Dorf ist zusammengekommen, um zu helfen. Sie wissen, wie wichtig der Kutter ist und wie oft Willi ihnen geholfen hat; nun wollen sie etwas zurückgeben.
Er dampft bis fast an den Strand. Dann werden Rundhölzer unter den stabilen Kiel gedrückt.
Willi kuppelt noch einmal ein; die Schiffsschraube quirlt das Wasser kräftig durcheinander; aber der Schub bringt nicht viel.
Er hat auch Angst um seine Schraube; es soll ja kein Stein die Bronzeflügel beschädigen.
Schließlich macht er den Motor aus.
Hans ist mit seinem Trecker gekommen.
Ein Stahlseil führt von der vorderen Belegklampe des Kutters bis zum Schleppauge des Traktors.
Er gibt Gas, bis der Motor schwarz qualmt und der Trecker die Vorderräder in die Luft hebt.
Willi ermahnt die Leute, sich vor dem Seil in Acht zu nehmen. Er hat schon Menschen gesehen, die von einem reißenden Stahlseil erschlagen oder verletzt wurden.
Der Traktor wird gewendet und er zieht im Rückwärtsgang.
Die Dorfbewohner drücken am Heck des Kutters mit einer Daumenkraft.
Zentimeterweise gewinnt der Kutter Land.
Endlich liegt er hoch genug und trocken.
Willi kann ihn abstützen und wird sie in den nächsten Tagen an die Arbeit machen.
Es gibt Bier für alle und Erbsensuppe.
Die ist schon fertig gekocht und muss nur mit dem Brenner, mit dem er sonst immer den Motor vorwärmt, heiß gemacht werden.
Magda und Hein besprechen, dass sie sich nicht mehr so oft sehen.
"Vielleicht kommst Du besser nur jeden zweiten Tag", schlägt Hein vor, "einen Abend kann ich mir auch selbst Essen warm machen!"
"Und"¦ ?" fragt Magda.
"Sei ruhig!" Hein ist es peinlich.
Doch schon am nächsten Abend ist Magda schon wieder da, sie will nur mal kurz ein paar Kartoffeln vorbeibringen - und bleibt dann doch über Nacht.
Ostwind — Hedwig hat Kopfweh, Ulli quengelt fast den ganzen Tag — und dann kommt auch noch Willi mit einer denkbar schlechten Nachricht: zwei Planken des Kutters sind so rott, dass sie ausgewechselt werden müssen.
Beim Abschaben der Seepocken mit dem Dreieckschaber hat er festgestellt, dass die zwei Planken vollkommen weich sind.
Auf der Insel gibt es keinen Bootsbauer — und geeignetes Material müssen sie auch erst suchen.
Immerhin können sie Erwin, den Zimmermann überreden, die rotten Planken zu entfernen und sich Gedanken über einen Ersatz zu machen.
Damit hat er ziemlich lange zu tun, aber sein Improvisationstalent kommt ihm zugute.
Er muss die neuen Planken zwar teilen, weil er so lange und passende Holzstücke beim besten Willen nicht bekommen kann, aber mit einem Stück, das er gegensetzt, kann er sich behelfen.
Hedwig geht mit Ulli an den Strand und guckt zu. Sie ist ganz erschrocken, als sie durch das Loch in den Rumpf des Kutters hingucken kann.
Heinrich soll in die Stadt fahren und bei einer Kundin etwas ausmessen. Es ist ein vornehmer Haushalt mit Bediensteten. Die Hauswirtschafterin macht ihm die Tür auf und klärt ihn gleich auf: "Sie hätten auch klingeln können!"
Weiterhin fängt er sich einen missbilligenden Blick auf seine Schuhe ein: "bitte ordentlich abputzen!"
"So"™n Quatsch", denkt Hein, der laut und vernehmlich an die Tür geklopft hat, "Sie — und klingeln".
Die "gnädige Frau" ist noch nicht da.
Hein soll sich in die Küche setzen.
Er bekommt Kaffee; denn es kann dauern, bis die Hausherrin zurückkommt.
Die Hauswirtschafterin taut langsam auf, wechselt zwischendurch auch mal auf "Du" — und sie gibt ihm vom Obstkuchen. Der ist noch ganz warm.
"Nun wird sie wohl nicht mehr kommen", meint sie schließlich, "sie hat gesagt, wenn sie bis 6 nicht wieder hier ist, sollen wir nicht mehr warten".
Hein guckt ratlos.
"Zeit für ein Feierabendbier", meint die Hauswirtschafterin und stellt ihm eine Flasche Bier auf den Tisch.
"Nein danke!" Hein will nichts trinken. Was ist, wenn die Kundin ausgerechnet jetzt zurückkommt?
Doch dann rafft er seinen ganzen Mut der letzten Jahre zusammen und sagt: "Während der Arbeit trinke ich nichts, aber ich würde mich freuen, wenn sie am Sonntag mit mir ins Fährcafé gehen würden, ich lade Sie ein!"
"Na, der Junge hat Mut", denkt die Hauswirtschafterin. Am Sonntag hat sie frei — und ins Fährcafé wollte sie immer schon mal gehen.
"Danke für die Einladung, ich gebe ihnen morgen Bescheid. Sie müssen ja noch einmal kommen zum Ausmessen, wenn die gnädige Frau da ist."
Um elf soll er kommen; dann ist sie bestimmt aufgestanden und hat gefrühstückt.
Er wartet auf Magda.
Obwohl es eigentlich nicht sein darf, was sie machen, gefällt es ihm, ja, er hat sich so eingerichtet und ist zufrieden.
Es kommt ihm fast so vor, als müsste es so sein — und Magda gefällt es doch auch.
Die ruhige Phase in seinem Leben tut ihm gut.
Er wartet schon eine ganze Weile.
Ein Auto ist plötzlich zu hören.
Eine Tür wird zugeschlagen.
Magda wird doch nicht mit dem Auto kommen?
Nein, wie sollte sie das machen? Es lohnt sich nicht für den kurzen Weg; außerdem hat sie keinen Führerschein und kein Auto.
Einige Arbeitskollegen haben Andeutungen gemacht, da er so oft Besuch von ihr bekommt, aber ihm gegenüber als rechte Hand des Chefs müssen sie sich zurückhalten.
Es wird ihm doch wohl niemand die Polizei ins Haus geschickt haben? Wie heißt das noch einmal, wenn Verwandte"¦?
Der Dorfpolizist kommt immer mit dem Rad — und vielleicht auch mal mit dem Moped. Ein Auto haben sie höchstens in der Stadt.
Nein, es ist nicht die Polizei.
Sein Chef ist gekommen, um mal zu schauen, wie er es so hat in der Hütte.
Es wäre ungünstig, wenn Magda nun gerade kommt, denkt Hein, bittet aber seinen Chef, Platz zu nehmen und holt ihm auch ein Bier.
Magda wird das Auto vor dem Grundstück wohl zu deuten wissen.
Es wäre fatal, wenn sie einen flotten und vielleicht zweideutigen Spruch über die Hecke rufen würde, gerade wenn Besuch da ist.
"Nett hast Du es hier", der Chef ist ganz begeistert, nachdem er einen Blick in die Hütte geworfen hat: alles sauber und richtig gemütlich.
Bettzeug liegt nur auf einem Bett.
"Nun haben die ja auch auf dem Fliegerhorst Pause, Du solltest mal hier sein, wenn sie fliegen oder die Motoren testen".
Ja, das ist wohl wahr.
"Für Dich fügt sich alles gut zusammen", setzt sein Arbeitgeber fort, "ich glaube, Du bist nun auf dem richtigen Posten und fühlst Dich wohl bei der Arbeit?"
Ja, das stimmt. Er hätte keinen fragenden Unterton mit einfließen lassen müssen; Hein ist vollkommen zufrieden.
"Es ist auch gut, dass Deine Schwester Dich versorgt!"
Nach einem weiteren Schluck aus der Bierflasche ergänzt er, "trotzdem solltest Du mal eine Frau kennenlernen!"
"Ach Quatsch", Hein ist richtig entrüstet, er sieht seine Bequemlichkeit davonfliegen, aber noch ist es nicht so weit. Außerdem ist seine Schwester doch wohl auch eine Frau.
Schnell schwächt er ab; denn sein Chef ist fast erschrocken über die heftige Reaktion. Schnell sagt er: "wer soll so"™nen ollen Knacker wie mich denn noch nehmen?"
Er lacht und auch sein Gegenüber macht wieder ein freundliches Gesicht und sagt: "ich mein"˜ ja nur!".
Sie verabschieden sich; denn der Chef muss noch mit einem Kostenvoranschlag zu einem Kunden.
Magda hat schon von weitem gesehen, dass ein Auto vor der Hütte steht.
Sie kann sich erst keinen Reim daraus machen, malt sich allerlei düstere Szenarien aus.
Vielleicht kommen sie sogar ins Gefängnis für das, was sie tun, aber irgendwie kann auch sie nicht davon ablassen.
Sie macht einen Bogen ums Haus und geht den alten Kiesgrubenweg hinunter, der fast bis zum Hafen führt.
Muscheln will sie kaufen; denn Heinrich isst sie für sein Leben gern.
Sie macht sich wieder auf den Weg zurück zur Hütte.
Hein hat schon auf sie gewartet.
Erst reden sie darüber, dass sie aufhören müssen mit ihrem Tun; aber dann werden sie doch wieder schwach.
Ein Abend wie viele andere - wo und wie soll das nur enden?
Willi braucht alle Mann — und Hedwig; die zählt er dazu.
Der Kutter muss auf das Land gezogen werden, weil er das Unterwasserschiff mit neuem Teer versehen will.
Erst soll das Schiff auf der einen Seite stehen — und dann vorsichtig zur anderen gekippt werden.
Stahlmatten haben sie besorgt und Rundhölzer.
Damit soll das schwere Schiff bewegt werden.
Sie warten auf Westwind und hohe Flut; was das Schiff im Wasser liegend schaffen kann, müssen sie nicht mühsam auf dem Trockenen ziehen und schieben.
Das halbe Dorf ist zusammengekommen, um zu helfen. Sie wissen, wie wichtig der Kutter ist und wie oft Willi ihnen geholfen hat; nun wollen sie etwas zurückgeben.
Er dampft bis fast an den Strand. Dann werden Rundhölzer unter den stabilen Kiel gedrückt.
Willi kuppelt noch einmal ein; die Schiffsschraube quirlt das Wasser kräftig durcheinander; aber der Schub bringt nicht viel.
Er hat auch Angst um seine Schraube; es soll ja kein Stein die Bronzeflügel beschädigen.
Schließlich macht er den Motor aus.
Hans ist mit seinem Trecker gekommen.
Ein Stahlseil führt von der vorderen Belegklampe des Kutters bis zum Schleppauge des Traktors.
Er gibt Gas, bis der Motor schwarz qualmt und der Trecker die Vorderräder in die Luft hebt.
Willi ermahnt die Leute, sich vor dem Seil in Acht zu nehmen. Er hat schon Menschen gesehen, die von einem reißenden Stahlseil erschlagen oder verletzt wurden.
Der Traktor wird gewendet und er zieht im Rückwärtsgang.
Die Dorfbewohner drücken am Heck des Kutters mit einer Daumenkraft.
Zentimeterweise gewinnt der Kutter Land.
Endlich liegt er hoch genug und trocken.
Willi kann ihn abstützen und wird sie in den nächsten Tagen an die Arbeit machen.
Es gibt Bier für alle und Erbsensuppe.
Die ist schon fertig gekocht und muss nur mit dem Brenner, mit dem er sonst immer den Motor vorwärmt, heiß gemacht werden.
Magda und Hein besprechen, dass sie sich nicht mehr so oft sehen.
"Vielleicht kommst Du besser nur jeden zweiten Tag", schlägt Hein vor, "einen Abend kann ich mir auch selbst Essen warm machen!"
"Und"¦ ?" fragt Magda.
"Sei ruhig!" Hein ist es peinlich.
Doch schon am nächsten Abend ist Magda schon wieder da, sie will nur mal kurz ein paar Kartoffeln vorbeibringen - und bleibt dann doch über Nacht.
Ostwind — Hedwig hat Kopfweh, Ulli quengelt fast den ganzen Tag — und dann kommt auch noch Willi mit einer denkbar schlechten Nachricht: zwei Planken des Kutters sind so rott, dass sie ausgewechselt werden müssen.
Beim Abschaben der Seepocken mit dem Dreieckschaber hat er festgestellt, dass die zwei Planken vollkommen weich sind.
Auf der Insel gibt es keinen Bootsbauer — und geeignetes Material müssen sie auch erst suchen.
Immerhin können sie Erwin, den Zimmermann überreden, die rotten Planken zu entfernen und sich Gedanken über einen Ersatz zu machen.
Damit hat er ziemlich lange zu tun, aber sein Improvisationstalent kommt ihm zugute.
Er muss die neuen Planken zwar teilen, weil er so lange und passende Holzstücke beim besten Willen nicht bekommen kann, aber mit einem Stück, das er gegensetzt, kann er sich behelfen.
Hedwig geht mit Ulli an den Strand und guckt zu. Sie ist ganz erschrocken, als sie durch das Loch in den Rumpf des Kutters hingucken kann.
Heinrich soll in die Stadt fahren und bei einer Kundin etwas ausmessen. Es ist ein vornehmer Haushalt mit Bediensteten. Die Hauswirtschafterin macht ihm die Tür auf und klärt ihn gleich auf: "Sie hätten auch klingeln können!"
Weiterhin fängt er sich einen missbilligenden Blick auf seine Schuhe ein: "bitte ordentlich abputzen!"
"So"™n Quatsch", denkt Hein, der laut und vernehmlich an die Tür geklopft hat, "Sie — und klingeln".
Die "gnädige Frau" ist noch nicht da.
Hein soll sich in die Küche setzen.
Er bekommt Kaffee; denn es kann dauern, bis die Hausherrin zurückkommt.
Die Hauswirtschafterin taut langsam auf, wechselt zwischendurch auch mal auf "Du" — und sie gibt ihm vom Obstkuchen. Der ist noch ganz warm.
"Nun wird sie wohl nicht mehr kommen", meint sie schließlich, "sie hat gesagt, wenn sie bis 6 nicht wieder hier ist, sollen wir nicht mehr warten".
Hein guckt ratlos.
"Zeit für ein Feierabendbier", meint die Hauswirtschafterin und stellt ihm eine Flasche Bier auf den Tisch.
"Nein danke!" Hein will nichts trinken. Was ist, wenn die Kundin ausgerechnet jetzt zurückkommt?
Doch dann rafft er seinen ganzen Mut der letzten Jahre zusammen und sagt: "Während der Arbeit trinke ich nichts, aber ich würde mich freuen, wenn sie am Sonntag mit mir ins Fährcafé gehen würden, ich lade Sie ein!"
"Na, der Junge hat Mut", denkt die Hauswirtschafterin. Am Sonntag hat sie frei — und ins Fährcafé wollte sie immer schon mal gehen.
"Danke für die Einladung, ich gebe ihnen morgen Bescheid. Sie müssen ja noch einmal kommen zum Ausmessen, wenn die gnädige Frau da ist."
Um elf soll er kommen; dann ist sie bestimmt aufgestanden und hat gefrühstückt.
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Bianca D.
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Re: Ostwind
Moin Anne-Mette,Anne-Mette hat geschrieben:Heinrich holt weit aus, erzählt von elektrischen Pumpen,
hier ist dir wohl der falsche Name rein gerutscht,aber nichts desto trotz ist das mal wieder eine total spannende Geschichte!
LG Bianca
Ick wees nüscht,kann nüscht,hab aba jede Menge Potenzial
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Anne-Mette
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Re: Ostwind
Moin,
vielen Dank, liebe Bianca
Ich freue mich; die Geschichte scheint wirklich gelesen zu werden
Guten Start in die neue Woche und herzliche Grüße
Anne-Mette
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Guten Start in die neue Woche und herzliche Grüße
Anne-Mette
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Bianca D.
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Re: Ostwind
Moin,Anne-Mette hat geschrieben: die Geschichte scheint wirklich gelesen zu werden![]()
ja natürlich! Freue mich schon auf die nächste Folge...
LG Bianca
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Svetlana L
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Re: Ostwind
Bei Ostwind bleibt erstmal alles andere liegen 
Hawadehre
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As gitt halt nix Bessers wäi wos Guads!
Däi owapfölzer Bärlinerin
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Anne-Mette
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Re: Ostwind
Der Kutter ist fertig geworden.
Sie haben bei fast allen Nähten die Kalfaterung ausgebessert und natürlich die neuen Planken sorgfältig eingearbeitet.
Sie hoffen, das hält erst einmal und ist dicht.
Es riecht nach Teer.
Werkzeug liegt überall verstreut. "Lasst ja nichts im Sand liegen", ermahnt Willi die Helfer.
Nun warten sie auf Westwind, der einen hohen Wasserstand mit sich bringt.
Zwei andere Kutter sollen ziehen — und je mehr Wasser sie unter dem Kiel haben, desto besser können sie Schleppkraft entwickeln.
Endlich ist es so weit.
Das Heck schwimmt auf.
Zwei Kutter ziehen mit hoher Kraft — und von vorn drückt der Traktor von Hans.
Sie haben einen alte Autoreifen dazwischengepackt, damit weder Traktor noch Schiff einen Schaden erleiden.
Der Kutter scheint zu stöhnen, so sehr wird an ihm herumgezogen und geschoben.
Recht träge setzt er sich endlich auf den Rundhölzern in Bewegung.
Bald darauf schwimmt er in seinem Element und kann zum Hafen verholt werden.
Trotz des Vorwässerns muss die Pumpe fleißig arbeiten; denn der Rumpf ist noch lange nicht dicht.
Willi ist erst einmal zufrieden.
Für die helfenden Hände und die Schiffer gibt es Tee mit Rum.
Hedwig hat das Gefühl, dass ihre Mutter ein Problem mit sich herumträgt, aber jedes Mal, wenn sie fragt, bekommt sie zur Antwort: "es ist nichts!"
Sie braucht ihre Mutter für Ulli und sie muss sich darauf verlassen können, dass sie sich kümmert.
Das Geld ist knapp geworden. Willi hat tatsächlich dicke Rohre aus Ton für das Abwasser angeschleppt.
Die mussten gleich bezahlt werden.
Wo soll das noch enden, wo er jetzt den kleinen Transporter hat?
Die meisten Leute können ihn nicht bezahlen, und wenn er für sie etwas fährt, so erhält er "Naturalien". Leider ist vieles von dem, was er bekommt, nicht brauchbar, sondern sorgt nur dafür, dass sein Lager scheinbar unaufhaltsam wächst.
Er ist mit Hedwig in die alte Kiesgrube gefahren. Dort dürfen die Dorfbewohner sich bedienen, ohne dass es etwas kostet. Sie brauchen Kies, um mit dem Bau einer Klärgrube zu beginnen.
Für Zement und Kalk haben sie noch kein Geld; da muss sich noch ein Rat finden.
Willi lässt sich von kleinen "Unregelmäßigkeiten im Leben" und etwas Gegenwind keinesfalls die Laune verderben, "Hauptsache der Motor läuft!"
Bisher ist er noch immer wieder auf die Füße gefallen und er hat auch immer wieder eine Idee, dessen Nutzen nicht sofort zu erkennen ist.
"Fahr Du mal", sagt er plötzlich zu Hedwig.
Sie hat schon oft fasziniert zugesehen, wie er flink den Schaltknüppel bewegt und dazu auch noch mit den Füßen auf die Pedale tritt, ganz zu schweigen von seinem beherzten Umgang mit dem Lenkrad, das er stolz wie ein Kapitän in der Hand hält.
"Das kann ich nicht!" Hedwig denkt, er würde einen Spaß machen.
"Ich zeige es Dir!"
Er zieht die Handbremse an.
Er muss kräftig ziehen — und doch rollt der Wagen immer noch langsam zurück.
An einer ebenen Stelle kommt er endlich zum Stehen.
Sie wechseln die Plätze.
Vorher hat er mit kurzen Worten erklärt, zu welchem Zweck die Pedale da sind.
Das Schalten will er zuerst übernehmen; denn schließlich soll seine Fahrschülerin nicht überfordert werden.
Sie tritt die Kupplung. Das geht ganz schön schwer.
Krachend legt Willi den ersten Gang ein.
"Kupplung kommen lassen", ruft er gegen den Lärm des Zweitakters an; denn sie soll auch Gas geben. Zuerst funktioniert es überhaupt nicht, sie gibt zu schnell nach mit dem Kupplungspedal, gibt mal zu wenig Gas — und mal zu viel. Der Wagen hoppelt, bevor der Motor seine Zusammenarbeit pausieren lässt.
Willi startet ihn neu.
Sie will schon aufgeben, aber bekommt sie den Wagen doch noch in Bewegung; ein stolzes Gefühl!
Das Lenkrad umklammert sie mit festem Griff.
"Lenken!"
Sie steuert gekonnt an der Maurerbütt vorbei, die am Rand der Kiesgrube steht.
"Bremsen!"
Das klappt leider noch nicht; sie tritt die Kupplung — und sie rauschen in einen Sandhaufen.
"Kein Problem — das üben wir noch!"
Der Wagen hat keinen Schaden genommen. Nun übernimmt Willi das Steuer und die Pedale.
Hedwig schaut zu, denkt: "das werde ich nie lernen!"
Willi ist anderer Meinung: "wenn wir Zeit haben, dann üben wir weiter. Schließlich sollst Du im Sommer einige Liefertouren übernehmen, wenn die Makrelen da sind!"
"Ich hoffe, sie kommen nicht so bald". Das denkt Hedwig ganz für sich allein; denn man kann nie wissen, ob sich so ein Wunsch erfüllt, wenn man ihn ausspricht.
Sie schaufeln den Kies von der Ladefläche. Außerdem hat Willi noch ein paar Ofenrohre dabei gehabt. Die will Hedwig in den nächsten Tagen im Watt ausbringen.
Der Wind weht ihr die Haare ins Gesicht; Zeit, sie mal wieder ganz kurz zu schneiden.
Sie hat das Gefühl, ihren Körper langsam zurückzubekommen.
Ihr Unterleib fühlt sich an wie vor der Geburt. Ihr Bauch ist flach und fest.
Ulli bekommt inzwischen leichte Kost mit dem Löffel; sie hat nicht mehr das Gefühl, seine Milchkuh zu sein.
Er mag gern Kartoffeln oder Möhren und ist ein lustiger kleiner Mensch. Sogar Magda muss über ihn lachen, obwohl sie im Moment eine schwierige Zeit durchmacht.
Heinrich hat sich fein gemacht.
Er hat sich extra eine neue Hose gekauft und seinen besten Pullover angezogen.
Den Opel Blitz hat er sich ausgeliehen.
Der Chef hatte ihm schon häufig angeboten: "nimm doch den Wagen mit!"
Hein will aber niemandem etwas schuldig sein und hat das Angebot abgelehnt.
Bis jetzt.
Er steht vor dem Haus seiner neuen Bekannten.
Dieses Mal klingelt er — so wie es sich gehört.
Seine Schuhe haben noch einmal den letzten Schliff mit seinem Ärmel erhalten. Sie sind so sauber, dass er sich darin spiegeln kann.
Dafür haben seine Socken ein Loch; aber das befindet sich an der Hacke und ist nicht zu sehen.
Die Haushälterin öffnet die Tür, aber die "gnädige Frau" kommt auch, will doch mal schauen, "was das für ein Kerl ist und ob der sich auch benehmen kann".
Hein wirft einen Blick in die Halle, sieht ein schwarzes, gelocktes Fell. "Die werden doch kein Schaf im Haus halten?"
Nein, das ist kein Schaf. Ein ziemlich großer Pudel kommt an die Tür gelaufen, verliert aber gleich das Interesse.
Hein geleitet seine Herzensdame zum Auto.
Erst will sie die Nase rümpfen, kommt doch der Kerl mit einem Lastwagen zum Rendezvous, aber dann fällt ihr ein: wer hat schon in diesen Tagen ein Auto?
Immerhin muss sie sich nicht mit ihrem geblümten Kleid aus Vorkriegsbeständen auf den Gepäckträger eines Fahrrads oder Mopeds setzen.
Hein meint es gut; sie machen eine schöne Tour über die ganze Insel.
"Sie stammen wohl nicht von hier?"
Er hört es an ihrer Sprache — und daran, dass sie vieles nicht kennt, was er ihr zeigt.
"Nein, ich bin aus dem brennenden Hamburg geflohen und habe mich bis auf die Insel durchgeschlagen!"
Da hat sie wohl einiges erlebt.
Sie schweigen eine Weile. Die Wunden des Krieges sind bei beiden noch nicht verheilt.
"Nun habe ich Kaffeedurst!"
Hein muss sich einen Ruck geben, um wieder aus der Vergangenheit aufzutauchen.
"Da komm ich doch glatt mit", antwortet seine Begleiterin eine Spur zu fröhlich.
Hein sieht nicht, dass ihr Gesichtsausdruck dabei vollkommen ernst geblieben ist.
Sie erreichen das Fährcafé.
Fast alle Plätze sind belegt; aber Hein wird gerufen.
Ein paar Leute aus seiner Firma sind da.
Gut, wenn sie ihn mit einer Begleiterin sehen; dann werden endlich die Gerüchte verstummen.
Sie haben einen schönen Nachmittag.
Es wird spät.
Inzwischen weiß Hein, dass sie Mechthild heißt.
Er hat sich nicht getraut, sie zu fragen, aber einer seiner Kollegen meinte, sie sollen alle "DU" sagen — und dabei werden natürlich die Vornamen genannt.
Irgendwie ist Mechthild unruhig.
Ob Hein sie noch zurück bringt?
Ja, das lässt er sich nicht nehmen.
Artig verabschiedet er sich, als sie ins Haus geht, fragt, ob sie so einen Tag wiederholen können.
Ja, sie ist nicht abgeneigt, will ihm aber nicht zu viel Hoffnung machen.
Ganz einsam kommt er sich vor, sitzt an seinem Tisch und hat kaum Appetit auf sein Abendbrot.
So viel Trubel hat er lange nicht gehabt.
Vielleicht ist er auch noch satt vom Kuchen.
Er lässt es dunkel werden, ohne eine Kerze anzuzünden.
Schritte draußen — ganz vertraut.
Magda ist gekommen.
Sie kann es nicht aushalten, muss hören, was Hein erlebt hat.
Will sie sich selbst bestrafen?
Hein erzählt vom Ausflug über die Insel.
Magda würde auch gern mal mit dem Auto einen schönen Ausflug machen.
Hein erzählt vom Fährcafé.
Sie würde da auch gern Kaffee trinken.
"Sie hat ein Blümchenkleid", erzählt Hein.
Magda kann nicht sehen, was sie selbst trägt; denn es ist immer noch dunkel in der Hütte, aber sie weiß es auch so: es sind die alten Sachen, die sie immer anzieht.
Hein schweigt, mehr kann er nicht erzählen; sagt aber doch, er hat sie nach Hause gebracht.
"Mich muss er nicht nach Hause bringen", denkt Magda, wartet auf das eine Wort.
"Bleib", sagt Heinrich endlich — und nimmt sie in den Arm.
Sie haben bei fast allen Nähten die Kalfaterung ausgebessert und natürlich die neuen Planken sorgfältig eingearbeitet.
Sie hoffen, das hält erst einmal und ist dicht.
Es riecht nach Teer.
Werkzeug liegt überall verstreut. "Lasst ja nichts im Sand liegen", ermahnt Willi die Helfer.
Nun warten sie auf Westwind, der einen hohen Wasserstand mit sich bringt.
Zwei andere Kutter sollen ziehen — und je mehr Wasser sie unter dem Kiel haben, desto besser können sie Schleppkraft entwickeln.
Endlich ist es so weit.
Das Heck schwimmt auf.
Zwei Kutter ziehen mit hoher Kraft — und von vorn drückt der Traktor von Hans.
Sie haben einen alte Autoreifen dazwischengepackt, damit weder Traktor noch Schiff einen Schaden erleiden.
Der Kutter scheint zu stöhnen, so sehr wird an ihm herumgezogen und geschoben.
Recht träge setzt er sich endlich auf den Rundhölzern in Bewegung.
Bald darauf schwimmt er in seinem Element und kann zum Hafen verholt werden.
Trotz des Vorwässerns muss die Pumpe fleißig arbeiten; denn der Rumpf ist noch lange nicht dicht.
Willi ist erst einmal zufrieden.
Für die helfenden Hände und die Schiffer gibt es Tee mit Rum.
Hedwig hat das Gefühl, dass ihre Mutter ein Problem mit sich herumträgt, aber jedes Mal, wenn sie fragt, bekommt sie zur Antwort: "es ist nichts!"
Sie braucht ihre Mutter für Ulli und sie muss sich darauf verlassen können, dass sie sich kümmert.
Das Geld ist knapp geworden. Willi hat tatsächlich dicke Rohre aus Ton für das Abwasser angeschleppt.
Die mussten gleich bezahlt werden.
Wo soll das noch enden, wo er jetzt den kleinen Transporter hat?
Die meisten Leute können ihn nicht bezahlen, und wenn er für sie etwas fährt, so erhält er "Naturalien". Leider ist vieles von dem, was er bekommt, nicht brauchbar, sondern sorgt nur dafür, dass sein Lager scheinbar unaufhaltsam wächst.
Er ist mit Hedwig in die alte Kiesgrube gefahren. Dort dürfen die Dorfbewohner sich bedienen, ohne dass es etwas kostet. Sie brauchen Kies, um mit dem Bau einer Klärgrube zu beginnen.
Für Zement und Kalk haben sie noch kein Geld; da muss sich noch ein Rat finden.
Willi lässt sich von kleinen "Unregelmäßigkeiten im Leben" und etwas Gegenwind keinesfalls die Laune verderben, "Hauptsache der Motor läuft!"
Bisher ist er noch immer wieder auf die Füße gefallen und er hat auch immer wieder eine Idee, dessen Nutzen nicht sofort zu erkennen ist.
"Fahr Du mal", sagt er plötzlich zu Hedwig.
Sie hat schon oft fasziniert zugesehen, wie er flink den Schaltknüppel bewegt und dazu auch noch mit den Füßen auf die Pedale tritt, ganz zu schweigen von seinem beherzten Umgang mit dem Lenkrad, das er stolz wie ein Kapitän in der Hand hält.
"Das kann ich nicht!" Hedwig denkt, er würde einen Spaß machen.
"Ich zeige es Dir!"
Er zieht die Handbremse an.
Er muss kräftig ziehen — und doch rollt der Wagen immer noch langsam zurück.
An einer ebenen Stelle kommt er endlich zum Stehen.
Sie wechseln die Plätze.
Vorher hat er mit kurzen Worten erklärt, zu welchem Zweck die Pedale da sind.
Das Schalten will er zuerst übernehmen; denn schließlich soll seine Fahrschülerin nicht überfordert werden.
Sie tritt die Kupplung. Das geht ganz schön schwer.
Krachend legt Willi den ersten Gang ein.
"Kupplung kommen lassen", ruft er gegen den Lärm des Zweitakters an; denn sie soll auch Gas geben. Zuerst funktioniert es überhaupt nicht, sie gibt zu schnell nach mit dem Kupplungspedal, gibt mal zu wenig Gas — und mal zu viel. Der Wagen hoppelt, bevor der Motor seine Zusammenarbeit pausieren lässt.
Willi startet ihn neu.
Sie will schon aufgeben, aber bekommt sie den Wagen doch noch in Bewegung; ein stolzes Gefühl!
Das Lenkrad umklammert sie mit festem Griff.
"Lenken!"
Sie steuert gekonnt an der Maurerbütt vorbei, die am Rand der Kiesgrube steht.
"Bremsen!"
Das klappt leider noch nicht; sie tritt die Kupplung — und sie rauschen in einen Sandhaufen.
"Kein Problem — das üben wir noch!"
Der Wagen hat keinen Schaden genommen. Nun übernimmt Willi das Steuer und die Pedale.
Hedwig schaut zu, denkt: "das werde ich nie lernen!"
Willi ist anderer Meinung: "wenn wir Zeit haben, dann üben wir weiter. Schließlich sollst Du im Sommer einige Liefertouren übernehmen, wenn die Makrelen da sind!"
"Ich hoffe, sie kommen nicht so bald". Das denkt Hedwig ganz für sich allein; denn man kann nie wissen, ob sich so ein Wunsch erfüllt, wenn man ihn ausspricht.
Sie schaufeln den Kies von der Ladefläche. Außerdem hat Willi noch ein paar Ofenrohre dabei gehabt. Die will Hedwig in den nächsten Tagen im Watt ausbringen.
Der Wind weht ihr die Haare ins Gesicht; Zeit, sie mal wieder ganz kurz zu schneiden.
Sie hat das Gefühl, ihren Körper langsam zurückzubekommen.
Ihr Unterleib fühlt sich an wie vor der Geburt. Ihr Bauch ist flach und fest.
Ulli bekommt inzwischen leichte Kost mit dem Löffel; sie hat nicht mehr das Gefühl, seine Milchkuh zu sein.
Er mag gern Kartoffeln oder Möhren und ist ein lustiger kleiner Mensch. Sogar Magda muss über ihn lachen, obwohl sie im Moment eine schwierige Zeit durchmacht.
Heinrich hat sich fein gemacht.
Er hat sich extra eine neue Hose gekauft und seinen besten Pullover angezogen.
Den Opel Blitz hat er sich ausgeliehen.
Der Chef hatte ihm schon häufig angeboten: "nimm doch den Wagen mit!"
Hein will aber niemandem etwas schuldig sein und hat das Angebot abgelehnt.
Bis jetzt.
Er steht vor dem Haus seiner neuen Bekannten.
Dieses Mal klingelt er — so wie es sich gehört.
Seine Schuhe haben noch einmal den letzten Schliff mit seinem Ärmel erhalten. Sie sind so sauber, dass er sich darin spiegeln kann.
Dafür haben seine Socken ein Loch; aber das befindet sich an der Hacke und ist nicht zu sehen.
Die Haushälterin öffnet die Tür, aber die "gnädige Frau" kommt auch, will doch mal schauen, "was das für ein Kerl ist und ob der sich auch benehmen kann".
Hein wirft einen Blick in die Halle, sieht ein schwarzes, gelocktes Fell. "Die werden doch kein Schaf im Haus halten?"
Nein, das ist kein Schaf. Ein ziemlich großer Pudel kommt an die Tür gelaufen, verliert aber gleich das Interesse.
Hein geleitet seine Herzensdame zum Auto.
Erst will sie die Nase rümpfen, kommt doch der Kerl mit einem Lastwagen zum Rendezvous, aber dann fällt ihr ein: wer hat schon in diesen Tagen ein Auto?
Immerhin muss sie sich nicht mit ihrem geblümten Kleid aus Vorkriegsbeständen auf den Gepäckträger eines Fahrrads oder Mopeds setzen.
Hein meint es gut; sie machen eine schöne Tour über die ganze Insel.
"Sie stammen wohl nicht von hier?"
Er hört es an ihrer Sprache — und daran, dass sie vieles nicht kennt, was er ihr zeigt.
"Nein, ich bin aus dem brennenden Hamburg geflohen und habe mich bis auf die Insel durchgeschlagen!"
Da hat sie wohl einiges erlebt.
Sie schweigen eine Weile. Die Wunden des Krieges sind bei beiden noch nicht verheilt.
"Nun habe ich Kaffeedurst!"
Hein muss sich einen Ruck geben, um wieder aus der Vergangenheit aufzutauchen.
"Da komm ich doch glatt mit", antwortet seine Begleiterin eine Spur zu fröhlich.
Hein sieht nicht, dass ihr Gesichtsausdruck dabei vollkommen ernst geblieben ist.
Sie erreichen das Fährcafé.
Fast alle Plätze sind belegt; aber Hein wird gerufen.
Ein paar Leute aus seiner Firma sind da.
Gut, wenn sie ihn mit einer Begleiterin sehen; dann werden endlich die Gerüchte verstummen.
Sie haben einen schönen Nachmittag.
Es wird spät.
Inzwischen weiß Hein, dass sie Mechthild heißt.
Er hat sich nicht getraut, sie zu fragen, aber einer seiner Kollegen meinte, sie sollen alle "DU" sagen — und dabei werden natürlich die Vornamen genannt.
Irgendwie ist Mechthild unruhig.
Ob Hein sie noch zurück bringt?
Ja, das lässt er sich nicht nehmen.
Artig verabschiedet er sich, als sie ins Haus geht, fragt, ob sie so einen Tag wiederholen können.
Ja, sie ist nicht abgeneigt, will ihm aber nicht zu viel Hoffnung machen.
Ganz einsam kommt er sich vor, sitzt an seinem Tisch und hat kaum Appetit auf sein Abendbrot.
So viel Trubel hat er lange nicht gehabt.
Vielleicht ist er auch noch satt vom Kuchen.
Er lässt es dunkel werden, ohne eine Kerze anzuzünden.
Schritte draußen — ganz vertraut.
Magda ist gekommen.
Sie kann es nicht aushalten, muss hören, was Hein erlebt hat.
Will sie sich selbst bestrafen?
Hein erzählt vom Ausflug über die Insel.
Magda würde auch gern mal mit dem Auto einen schönen Ausflug machen.
Hein erzählt vom Fährcafé.
Sie würde da auch gern Kaffee trinken.
"Sie hat ein Blümchenkleid", erzählt Hein.
Magda kann nicht sehen, was sie selbst trägt; denn es ist immer noch dunkel in der Hütte, aber sie weiß es auch so: es sind die alten Sachen, die sie immer anzieht.
Hein schweigt, mehr kann er nicht erzählen; sagt aber doch, er hat sie nach Hause gebracht.
"Mich muss er nicht nach Hause bringen", denkt Magda, wartet auf das eine Wort.
"Bleib", sagt Heinrich endlich — und nimmt sie in den Arm.