Guten Tag Frida, Eilin, alle zusammen,
ich habe die, von Frida erwähnte, Stuttgarter Erklärung nicht unterschrieben, weil ich darin nur Forderungen, aber kein (Kommunikations-)Angebot finde und weil sie nur auf einen Teil der trans*-Community fokusiert ist. Im Grund basiert die Erklärung auf der Sichtweise, die Eilin weiter oben so beschrieben hat:
Es ist nun mal eine Tatsache und nicht wegzudiskutueren, dass zwischen transsexuellen Menschen und Transgendern ein wesentlicher Unterschied besteht. Und das ist die Erkenntnis dessen, in welchem Geschlecht sie sich verorten. Nicht mehr über das eigene Geschlecht nachzudenken (sofern es gegengeschlechtlich ist), sondern zu wissen, was man ist, das ist eines der wesentlichen Merkmale einer Transsexualität.
Das klingt einleuchtend und gut. Es sind keine Fremdzuweisungszwänge drin, die Beschreibung pathologisiert nicht und sie begründet im Prinzip auch die notwendigen medizinischen Massnahmen. Mit dieser Beschreibung sind bestimmt sehr viele Transsexuelle einverstanden. Ein guter Aspekt, der für eine Differenzierung spricht, könnte man meinen.
Tatsächlich ist dieser Standpunkt, im Hinblick auf die Kommunikation mit der Gesellschaft, viel zu kurz gedacht und sogar kontraproduktiv.
Begründung:
Man kann sich selbst darüber gewiss sein, dass man schon immer wusste, dass man eine Frau ist; auch vom Moment der Zeugung an. Diese individuelle Gewissheit will, darf und werde ich nicht in Frage stellen. Man kann diese Gewissheit, das 'nicht mehr nachdenken müssen', auch als Individualbeschreibung von Transsexualität stehen lassen. Nur führt diese Gewissheit, auf der der Vorschlag der Trennung zwischen TS, TI, TG basiert, nicht dazu, dass man ab der eigenen Geburt als das gesehen wird, was man ist.
ALLE Transsexuellen (auch ihr) wurden über Jahre ihres Lebens in die falsche Kiste gesteckt. Sie mussten sich äusserst mühsam selbst in die richtige Kiste einsortieren. Es war vollkommen egal, was sie schon immer über sich wussten. Man hat sie trotzdem mit der Kistennummer verarscht. Man hat sie so tiefgreifend verarscht, dass viele bis heute damit beschäftigt sind, ihren Platz in der richtigen Kiste zu begründen, zu verteidigen.
Wenn die obige Definition, die Rosis Körperlichkeitsverdikt gleicht, in die Kommunikation übernommen würde, würde das absolut nichts Gutes bewirken; sie taugt allenfalls als Hilfsargument zur Erlangung von Wangenknochen-OPs. Ansonsten werden mit dieser Definition weiterhin Menschen in Kisten gesteckt, die manchmal passen und manchmal nicht passen. Die trans*-Menschen werden sich weiterhin über Jahre und Jahrzehnte quälen müssen, bis sie selbst genug gelitten und nachgedacht haben, um ihre Selbstverortung kommunizieren zu können. Die einen Transsexuellen werden die anderen weiterhin fragen, warum das Ding noch dran ist; ob man vielleicht gar kein richtig transsexueller Mensch ist. Ich frage mich, was das werden soll. Ein bedauerlicher Kolateralschaden einer ego-bezogenen, das Thema verengenden Argumentation?
Gewissheit über sich selbst ist eine gute Sache. Aber es ist selten eine gute Sache, über etwas nicht mehr nachzudenken. Den Tag an "
dem Erklärungen einfach nicht mehr notwendig werden" wünsche ich mir auch, aber wir werden ihn nicht durch Differenzierungen und kleinteilige Forderungskataloge erreichen, sondern in dem wir uns verständlich machen; durch Kommunikation mit ausreichend genauen, gemeinsamen Begriffen.
Habt es gut
Marielle