[*) Ich hab mal das vergessene Wort ergänzt, daß es auch die verstehen können, die sich noch nicht damit beschäftigt haben.]Lina hat geschrieben: Aber kurz erzählt, was man in den Gräbern gefunden hat: Normalerweise hat man die Geschlechter der Verstorbenen anhand der im Grab mitgegebenen Utensilien bestimmt. War also Frauenkleidung, soweit erhalten, Frauenkämme und andere frauenspezifische Utensilien, z.B. das kleine Messer, das man am [Gürtel]* Trug - Frau! - und waren da insbesondere Waffen, also Blankwaffen sowohl als auch Jagdwaffen - "Mann!". Muss ja so sein, oder. Bis irgend ein Biotechniker kommt und sagt, dass es in einer ganzen Menge Gräber aber umgekehrt war.
Das iat ja interessant. Daß mit DNA genetische Untersuchungen gemeint waren, habe ich irgendwie beim ersten Lesen nicht gleich erkannt. Diese lassen selbstverständlich Rückschlüsseauf das (biologische) Geschlecht des Toten zu. Irgendwie hab ich erst an Kohlenstoffisotop-Untersuchungen oder sowas gedacht, womit natürlich nur auf das ungefähre Alter der Funde zu schließen ist.
Das liegt natürlich völlig im Dunkel der Geschichte.Lina hat geschrieben: Eine der noch ungeklärten Fragen ist natürlich - wann und wie der Wechsel des sozialen Genderstatus statt fand.
Und auch, ob die Frauen, die in der Männerrolle unterwegs waren z.B. auch mit gekämpft haben, wenn was los war. Bei einigen hat man an Waffen nur Messer und Bogen gefunden. Kann als Jagdwaffe gehen. Wer sich aber ein bisschen Info über neuere Erkenntnisse in historischem Bogenschießen einholt, wird aber feststellen, dass selbst in Kampf auf kurzer Entfernung, wo man eigentlich Hammer, Schwert usw. benutzen würde, auch ein möglicherweise kleinerer "F2M-Vikinger", der sich aufs schnelle Schießen spezialisiert hat, ziemlich viel Verwüstung anrichten kann. Wer es nicht glaubt soll sich mal Lars Andersen aus Dänemark auf Youtube anschauen.
Und das Wissen darüber ist sicher auch in den nachfolgenden Jahrhunderten nach besten Kräften unterdrückt worden. Zuerst wahrscheinlich schon durch eine immer mehr männerbeherrschte heidnische Gesellschaft, und erst recht durch das aufkommende von außen hereingetragene Christentum mit all seinen Missionaren, Pfaffen und aus guten Gründen zum Christentum übergelaufenen Königen und Fürsten.
Nicht einmal mehr in den alten Sagen finden sich allzu viele Hinweise dafür. Meist sind es nur noch irgendwelchce Bruchstücke, wie z.B. die Brunhilde-Gunther-Siegfried-Geschichte aus dem Nibelungenlied. Aber das wurde ja auch erst Anfang des 13.Jh niedergeschrieben. Und da hatte sich in Deutschland und Mitteleuropa schon lange das Christentum durchgesetzt, was ja wohl auch einen Einfluß auf die Schreiber dieser Dichtung gehabt haben wird.
Da sagst du was wahres. Ich beschäftige mich zwar auch ganz gerne mit sowas ("Mittelalter"-Feste, "historische" Umzüge, Trachtenfeste) - eigentlich mehr aus Spaß an der Sache. Daher und weil ich mich aber auch ernsthaft ausgiebig mit solchen Sachen beschäftige, weiß ich recht gut, was da bisweilen für merkwürdige Blüten und pseudogeschichtliches Schindluder bis hin zu grobem Unfug getrieben werden. Mit geschichtlichen Tatsachen hat das dann oftmals nicht mehr allzu viel zu tun, sondern nur noch mit schamloser Geschäftemacherei durch Anbiederung an einen verbreiteten Publikumsgeschmack.Lina hat geschrieben: ... Insbesondere habe ich ein Problem damit, welches Wikingerimage gepflegt wird. Das hat meistens nicht viel mit dem zu tun, was wirklich bei den Nordmännern war. Kaum beschäftigt sich diese Freizeit-Wikinger damit, wer eigentlich die Frauen waren, die zu Hause das sagen hatten, noch wer die 90% der Landfläche gerodet haben und Getreide angebaut, während die anderen unterwegs waren. ...
Das fängt schon an mit den Hörnerhelmen, die nach weit verbreiteter Vorstellung von wikingischen Kriegern getragen worden seien. Wahrscheinlich kam diese Sache erst im vorletzten Jahrhundert auf bei einer schwärmerischen Wiederaufbereitung des "heldenhaften Germanentums" durch interessierte nationale Kreise des aufkommenden Bürgertums in Deutschland und womöglich auch in anderen europäischen Ländern zwecks nationalistischer Propaganda.
Wäre doch so ein Hörnerhelm im Kampf nicht nur eine Behinderung z.B in dichtem Kampfgetümmel oder beim Durchqueren von dichten Wäldern und Gebüschen gewesen, sondern obendrein noch eine tödliche Gefahr für den Träger. Wenn da ein Axthieb oder ein Schwerthieb auf den Helm träfe, so würde die Waffe nicht zur Seite weggleiten, wie an einem glatten Helm, sondern würde an dem Horn geradezu hängenbleiben und könnte dadurch im ungünstigen Fall den ganzen Helm spalten und somit auch den Kopf des Trägers.
Oft unterschätzt werden auch in der breiteren Öffentlichkeit die Entwicklung des Ackerbaus, des Handwerks, des Fernhandels und auch der Kunst der Wikinger - kurzum deren gesamte Kultur und deren Entwicklungsstand und Vielfalt. Gewürdigt wird allenfalls noch der hohe Entwicklungsstand ihres Schiffbaus, der einen gewaltigen Fortschritt erbrachte gegenüber den römischen Galeeren und erst recht gegenüber den damals üblichen Fahrzeugen, die nur zu küstennaher Schiffahrt taugten.
Werden sie doch meist ausschließlich auf Krieg und Raub reduziert - was sie wohl durchaus auch häufig betrieben haben. Aber das haben auch die meisten anderen Völker - genauer gesagt meistens deren herrschende Klassen und Schichten - in der Vergangenheit und Gegenwart.
Und daß die Wikinger ihre schnellen und wendigen hochseetauglichen und weitgehend wetterunabhängigen Boote auch erfolgreich für Kriegszwecke genutzt haben, ist auch unbenommen. Schließlich dürfte das den Großteil ihrer militärischen Überlegenheit in diesen Jahrhunderten ausgemacht haben. Aber es war eben nicht das einzige Bemerkenswerte, was sie zustande gebracht haben. Und von nix kommt nix. Und Generäle (heute) oder Kriegsfürsten (damals) können meist keine Schiffe bauen. Da gehört schon solide Beherrschung des Handwerks und zum Betrieb auch noch die Beherrschung von Hochseenavigation dazu.
Quelle: http://up.picr.de/20430089xi.jpgliebe grüße
triona