Melissas Memoiren
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Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
manchmal_melissa
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Post 1 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Hallo ihr Lieben,

endlich ist es soweit, ich habe meinen eigenen Thread! Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, hier an einem Ort gebündelt von meinen Erlebnissen und Erfahrungen zu berichten. Zum einen soll mir das selbst helfen, meine Beweggründe für das Crossdressing zu reflektieren, zum anderen möchte ich unbedingt auch etwas zurückgeben an dieses Forum. Eine gefühlte Ewigkeit habe ich hier im offenen Bereich mitgelesen, bis ich mich getraut habe, mich anzumelden. Und trotzdem habe ich hier sehr viel Trost und Bestätigung gefunden, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht krank und vor allem nicht allein bin. Ich hoffe, dass meine Geschichte für manche im Forum, aber auch für die vielen Mitleser da draußen, ähnlich wirkt, Mut macht, vielleicht sogar inspiriert.

Ich werde versuchen, chronologisch vorzugehen und die vielen kleinen Blitzlichter einzufangen, die mich auf meinem Weg in die weibliche Welt begleitet und geführt haben. Das wird mir sicher nicht immer gelingen, vielleicht springe ich auch mal in die Gegenwart, falls dort etwas interessantes passiert. Im besten Fall entwickelt sich der Thread immer mehr zu einem aktuellen Tagebuch und ich kann euch irgendwann von meinem ersten Ausflug en femme berichten, meinem nächsten großen Ziel. Wo ich im Moment stehe, kann man in meinem Vorstellungsthread nachlesen, denn seitdem hat sich wenig verändert:

viewtopic.php?t=22177

Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen und hoffe, dass es ein lebendiger Thread wird. Wenn ihr also Feedback, Fragen oder Ergänzungen habt, her damit!

Liebe Grüße,
eure Melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 2 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Wie alles begann

Meine ersten Erinnerungen, die im Geringsten etwas mit Crossdressing zu tun haben, reichen zurück in meine Kindergartenzeit. Es gab damals eine Verkleidungskiste, und irgendwas an dieser Kiste fand ich schon als Kleinkind extrem aufregend. Ich kann gar nicht mehr sagen, was überhaupt darin war, es waren mehr einzelne Stofffetzen als komplette Kostüme, und trotzdem war es für mich jedes Mal das Highlight des Tages, wenn wir gemeinsam diese Kiste plünderten. Ich hatte das lange vergessen und es fiel mir erst wieder ein, als ich mich mit dem Thema Crossdressing konfrontiert sah. Aber dieses Kribbeln im Bauch, wenn ich im Kindergarten die Möglichkeit hatte, für ein paar Minuten meine äußere Erscheinung zu verändern, fremde Stoffe und Klamotten anzuziehen, ein Stück weit jemand anderes zu sein, es blieb bis heute.
Neben dem Verkleiden hat mir auch Kinderschminken immer große Freude bereitet. Da ließ ich mir bei jeder Gelegenheit gerne das ganze Gesicht bemalen und war hinterher mächtig stolz. Mein Gesicht als Leinwand, mein Körper als Kunstwerk, das sind Gedanken und eine Leidenschaft, die mich fest im Griff haben.

Ironischerweise war ich in jungen Jahren nicht wirklich ein Faschingsfan. Ich ging hin, natürlich verkleidet, und hatte meinen Spaß, aber das Kribbeln war nie so stark wie bei der Kleiderkiste oder beim Schminken. Irgendwas fehlte bei dieser Art des Verkleidens. Vielleicht lag es am zunehmenden Alter, dass es nicht mehr so aufregend war, vielleicht auch an den Kostümen. Grundsätzlich galt für mich an Fasching: je aufwändiger und kompletter die Verkleidung, desto besser und kribbeliger. Die Vorstellung, ein richtig aufwändiges Kostüm zu tragen, bei dem ich mich selbst nicht mehr im Spiegel erkennen würde, war schon verlockend. So richtig umgesetzt habe ich das leider nie, und auch Verkleidungen zu Frauenfiguren interessierten mich, zumindest bewusst, (noch) nicht. Ich glaube, wenn das damals jemand vorgeschlagen hätte, wäre ich sofort Feuer und Flamme gewesen (natürlich ohne das sichtbar zu zeigen), aber der Impuls war nie da. Von Fotos und Erzählungen weiß ich nur, dass ich mit drei oder vier Jahren unbedingt als Minnie Mouse gehen wollte. Ich kann mich selbst nicht mehr daran erinnern, bin aber heute meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir dieses „Mädchenkostüm“ ohne Murren gekauft haben, was ja vor zwanzig Jahren keine Selbstverständlichkeit war (und manchmal leider heute noch nicht ist). Ich war damals schön kindlich unbeschwert: Was werden die anderen denken? Egal! Ich zog einfach Kostüme an, die mir gefielen. Leider konnte ich mir dieses Selbstbewusstsein nicht bewahren und auf das Crossdressing übertragen.

Ich fing also schon früh an, mich mit Verkleidung, Verwandlung und Körperkunst auseinanderzusetzen, aber der Funke ist in meiner Kindheit noch nicht übergesprungen, obwohl mich die frühen Erlebnisse sehr nachhaltig geprägt haben. Das sollte sich aber allmählich ändern…
manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 3 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Das (fast) erste Mal Crossdressing

Erstes Interesse an einer Verwandlung zum Mädchen hatte ich nicht erst in der Pubertät, sondern schon mit etwa 12. Ich war damals mit vielen Freund:innen auf einer Ferienfreizeit, und weil das Wetter so bescheiden war, kam schnell Langeweile auf. Ehe man sich versah, saß also ein Junge aus meinem Nachbarort, der ein paar Jahre älter war, in schwarzen Hot Pants und rosa Top in einem Mädchenzimmer und wurde mit Eyeliner und Lipgloss geschminkt. Das war eine neue Erfahrung für mich und, den Blicken nach zu urteilen, auch für viele meiner Freund:innen. Ein Junge als Mödchen? Ich war verdutzt und neugierig zugleich. Da war es wieder: dieses diffuse Kribbeln, ein ähnliches Gefühl, wie es die Verkleidungskiste ausgelöst hat. Ein Kumpel fing an zu scherzen, ob wir das nicht auch mal ausprobieren sollten. Die Mädels in unserem Alter registrierten das sofort und ließen sich nicht zweimal bitten. Sofort wurden Klamotten für uns herausgesucht und die „Schminke“ bereitgelegt, also alles wenige was diese jungen Mädchen besaßen und worauf sie in dem Alter natürlich sehr stolz waren. Wir waren damals immer noch so kindlich und unvoreingenommen, dass Scham und ähnliche Gefühle keine Rolle spielten. Es sah lustig aus, wir waren neugierig, also wollten wir es machen.
Leider hat sich das Ganze dann doch noch zerschlagen. Die Mädels hatten plötzlich keine Lust mehr und hatten Angst, dass wir ihre Klamotten verziehen. Wir Jungs waren beide etwas enttäuscht, aber nochmal die Initiative zu ergreifen, das haben wir uns dann doch nicht getraut. So dauerte es also noch ein bisschen, bis das Mädchen in mir zum ersten Mal zum Vorschein kam.
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Re: Melissas Memoiren

Post 4 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Germany‘s next Topmodel

Die Fast-Verkleidung in der Ferienfreizeit hatte es mir angetan. Ich war eine Zeit lang traurig, dass das nicht geklappt hat. Dabei wäre ich so gerne mal kurz ein Mädchen gewesen.
Zwei Jahre später war es dann aber soweit, natürlich auf der gleichen Freizeit. Mit 14 gehörte ich schon eher zu den älteren Jungs, auch die Mädels hatten sich entsprechend weiterentwickelt, es waren aber nicht mehr dieselben dabei wie zwei Jahre zuvor. Am letzten Tag der Freizeit wurde wie immer der Abschlussabend geplant, bei dem sich alle beteiligen sollten und immer ein bunter Strauß an Spielshows, Zaubertricks und anderen Kunststücken aufgeführt wurde. Für uns Kinder immer besonders lustig: Moderiert wurde das Ganze vom Leiter der Freizeit, zusammen mit dem jüngsten männlichen Betreuer, der sich als Frau verkleiden musste. Das war wohl Inspiration genug für die Mädels, für den Abschlussabend eine Adaption von „Germany‘s next Topmodel“ zu planen, mit insgesamt fünf Jungs in den Hauptrollen - natürlich allesamt als Frauen verkleidet. Als ich gefragt wurde, zögerte ich kurz. Wenn alle zuschauen würden, wäre mir das vielleicht doch ein bisschen zu peinlich. Aber da meine Freunde auch mitmachten und ich ja auch interessiert war, ließ ich mich leicht überzeugen. An jenem Abend stand ich also hinter der Bühne und wartete auf meinen Einsatz. Ich trug Flip-Flops, eine dunkle Röhrenjeans, einen mit Socken ausgestopften BH und ein dünnes, blau-weiß gestreiftes Langarmshirt mit geraffter Schulterpartie, was ein wenig nach Schulterpolstern aussah. Also nicht gerade erste Wahl, wenn es darum geht, breite Schultern zu kaschieren (die ich aber in dem Alter sowieso noch nicht hatte). Im Gesicht hatte ich nur etwas Wimperntusche und Lipgloss, meine Kurzhaarfrisur war lediglich mit einem Schleifchen verziert worden.
Und dann wurde ich auch schon auf die Bühne gerufen. „Marie“ war mir damals als erster weiblicher Name verpasst worden. Auch wenn wir alle schrecklich aussahen, war es ein großer Spaß. Wir mussten einen Catwalk entlanggehen, posieren und Produkte anpreisen. Ich schied leider früh aus und machte dann, dem Format entsprechend, eine kleine Szene. Und dann war es auch schon vorbei. Ich zog mich um und saß noch eine ganze Weile mit meinen Klamotten, aber geschminkt im Publikum, weil sich ums abschminken natürlich keiner Gedanken gemacht hatte.
Am nächsten Tag bekam ich viel Lob, ich habe eine tolle Figur gemacht. Mit einem der Jungs stritt ich mich noch wegen einer belanglosen Kleinigkeit. Er sagte großspurig, ich solle lieber mal aufpassen, dass ich nicht zu sehr aussehe wie ein Mädchen. Er wusste nicht, wie wenig ich das als Beleidigung auffasste. Trotzdem verspürte ich keinen großen Wunsch, meine Verkleidung zu wiederholen und machte mir erstmal keine Gedanken mehr darüber.
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Re: Melissas Memoiren

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Beitrag von Céline »

Danke fürs schreiben und erzählen
Liebe Grüße
Céline
"Kein Leben ist so schwer, dass du es nicht durch die Art, wie du es nimmst,
leichter machen kannst"
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-=Tom=-
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Re: Melissas Memoiren

Post 6 im Thema

Beitrag von -=Tom=- »

Hallo Melissa,

vielen Dank für deine Erzählungen. Ich warte schon gespannt auf weitere :-). Ich finde es sehr schön zu lesen, dass du bereits eine Partnerin gefunden hast welche deine weibliche Seite akzeptiert und dich darin unterstützt. Bei mir hat das aus Verlustängsten leider deutlich länger gedauert. Somit habe ich mich erst mit 42 vor meiner Frau geoutet und lebe seit einem Jahr meine weibliche Seite mit ihr zusammen aus. Meine ersten „Gehversuche“ außerhalb der eigenen 4 Wände, habe ich bereits hinter mir und Taste mich immer weiter voran. Aktuell ziehe ich mich beim spazieren mit meinen Hunden vorher um und gehe Abends umgezogen im Feld spazieren. Fühlt sich sehr gut an ;-).
Liebe Grüße

Tom
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Re: Melissas Memoiren

Post 7 im Thema

Beitrag von Jasmine »

Liebe Melissa, ich freue mich über deinen eigenen Thread. Schön das du deine Erlebnisse mit uns teilen willst.
Liebe Grüße Jasmine
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Re: Melissas Memoiren

Post 8 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

-=Tom=- hat geschrieben: Fr 29. Okt 2021, 14:49 Ich finde es sehr schön zu lesen, dass du bereits eine Partnerin gefunden hast welche deine weibliche Seite akzeptiert und dich darin unterstützt.
Hey Tom,

Akzeptiert hat sie es von Anfang an, an der Unterstützung arbeiten wir noch. Auch sie hatte erstmal Verlustängste und hat sie teilweise immer noch. Ist ja auch verständlich, wenn der langjährige Partner heimlich Frauenkleider trägt. Aber es wird immer besser. Ich habe erst diese Woche zum ersten Mal zwei Kleidungsstücke von ihr geerbt, die ihr nicht mehr passen. Und langsam aber sicher überlegen wir gemeinsam, wie wir mich mal vor die Tür kriegen. Da bist du mir ja einige Schritte voraus. (ap)

Liebe Grüße,
Melissa
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Re: Melissas Memoiren

Post 9 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Anna - Teil 1

Diese Ferienfreizeiten waren eine andere Welt. Manche der Leute dort sah man nur einmal im Jahr, andere einmal und nie wieder. Die Eltern bekamen nichts mit und die ganze Gruppe wurde in einer Woche nicht selten zu einem verschworenen Haufen. Auf diesen Inseln der Persönlichkeitsentfaltung schien irgendwie alles möglich. Dagegen war der Rest meiner Kindheit und frühen Jugend (auf Crossdressing bezogen) die meiste Zeit sehr langweilig verlaufen: Ab einem gewissen Alter waren die zuvor von mir geschilderten Anlässe wie Fasching natürlich uncool, Kinderschminken sowieso. Gelegenheiten wie in der Ferienfreizeit hatte es schlicht nicht gegeben. Ich war also zweimal in den Sommerferien mit Crossdressing in Berührung gekommen, im „normalen“ Leben war es aber noch sehr still um meine eigene weibliche Seite.
Dafür entdeckte ich mit meiner Pubertät eine ganz andere Form der Weiblichkeit, und zwar die der Frauen. Ihre Kleider, ihre Leggings, ihre hohen Schuhe. Die Mädels (bzw. immer mehr ihre erwachsenen Vorbilder) haben mir damit nicht nur den Kopf verdreht, ich fand das alles auch einfach nur super ästhetisch und schön, ganz ohne Hintergedanken. Dass es ein tiefes Bedürfnis von mir war, diese Dinge selbst zu tragen, sogar ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit, das wusste ich zu Beginn dieser Zeit noch nicht. Wahrscheinlich wusste ich es auch schon unterbewusst und wollte es mir nicht eingestehen, die Grenzen sind da ja wirklich fließend.
Dazu kam eine weitere wichtige Veränderung: Spätestens ab der achten Klasse hatte ich überwiegend Mädchen in meinem Freundeskreis. Ich war schon immer eher ein schüchterner Junge, wurde aber am Anfang wegen guter Noten noch respektiert und gehörte noch dazu. Der Respekt schlug irgendwann in Neid um und ich entfernte mich immer mehr von den „coolen“ Jungs in meiner Klasse, konnte ihrem Gehabe immer weniger abgewinnen. Auch die kamen in die Pubertät, und das merkte man leider immer deutlicher. Die Mädels dagegen waren schon immer etwas weiter, sanfter, umgänglicher. Ich fühlte mich bei ihnen wohl, konnte besser reden und diskutieren. Und gerade in dieser Zeit, als auch die Mädels anfingen mehr aus sich zu machen, von Mädchen zu Frauen wurden, ging auch ich endlich weitere Schritte hinein in die weiblichen Welt, natürlich mit freundlicher Unterstützung meiner Freundinnen.
Ich wurde ja in der Ferienfreizeit schon zweimal mit Verkleidungen zur Frau konfrontiert. Ich mag den Begriff der Verkleidung eigentlich nicht, aber damals war es eben nichts anderes. Es war keine Kunst, es war nichts wertschätzendes dabei, es sollte einfach (vor allem für die Mädels) lustig sein. Es hatte irgendwie keinen besonderen Anspruch. Gefühlt änderte sich das nun: Statt mir „nur“ eine Mädchenhose und einen Mädchenpulli anziehen zu wollen, ging alles in eine deutlich femininere Richtung. Vielleicht war das aber auch Einbildung, weil ich Mädchen und Frauen mittlerweile anders wahrnahm. Nach und nach - und, das war auf jeden Fall neu: außerhalb geschützter Räume wie in der Ferienfreizeit - fingen also einige Freundinnen an, damit zu kokettieren, mich doch mal schminken zu können, in ein Kleid zu stecken oder mir die Nägel zu lackieren. Mich machte das sehr verlegen, weil ich natürlich durch meine Vorgeschichte neugierig war, aber es in der Pubertät auch zunehmend peinlich fand. Ein Junge in Mädchenkleidern, das geht doch nicht! Also wehrte ich die sämtlichen halbherzigen Versuche, mich umzustylen, „erfolgreich“ ab. Ein Teil von mir war tatsächlich immer froh, dass es nicht dazu kam. Ein anderer Teil war enttäuscht, dass sie nicht einfach hartnäckiger waren. Ich wusste, dass es irgendwann wieder passieren würde, aber wollte unbedingt überredet werden, auch um mir selbst mein Interesse nicht eingestehen zu müssen. Wieder war ich viel zu unsicher, um selbst die Initiative zu ergreifen.
Doch eines Tages, ich war 15 oder sogar schon 16, ergab sich eine recht niederschwellige Möglichkeit, meine buchstäblich ersten Schritte in der weiblichen Welt zu gehen. Ich war zu Besuch bei einer Freundin, nennen wir sie Anna, und wir sahen fern. Ich weiß nicht mehr, welche Sendung und ich weiß nicht mal mehr, welche Frau dort ins Bild lief, aber sie hatte knallrote High Heels an. Ich sah eine Chance gekommen, fasste mir ein Herz und fragte, halb aus ehrlichem Interesse, halb auf eine entsprechende Reaktion hoffend: „Wie kann man denn bitte in solchen Schuhen noch laufen?“ Sie sagte erst nur: „Ach, das ist gar nicht so schwer…“, und nach einer ewig langen Pause, als ich das Thema schon abgehakt hatte: „…soll ich es dir beibringen?“ Mein Herz rutschte in die Hose, ich hätte am liebsten strahlend bejaht, aber wollte meine Freude zurückhalten. Also schaute ich nur etwas irritiert und verzog den Mund. Doch sie sprang auf und sagte nur: „Auja, das machen wir. Ich hole schnell meine Sandaletten!“ Und da saß ich nun, aufgeregt und gleichzeitig ängstlich, und erwartete meine ersten hohen Schuhe. Es waren bunte Riemchensandaletten mit 7cm Blockabsatz. Ich schlüpfte hinein, benötigte sogar noch Hilfe beim Schließen der Riemchen weil ich so nervös war, stand mit wackligen Knien auf - und lief einfach los. Es fühlte sich wahnsinnig toll an. Ich war wie in einem Rausch. Nie hätte ich gedacht, dass etwas so banales wie Laufen so viel Spaß machen kann. Ich drehte mich um, und Anna stand der Mund offen. Ich sei ein Naturtalent, sagte sie. Natürlich machte ich vieles auch noch falsch, aber ich wusste ziemlich intuitiv, dass ich die Knie durchstrecken und mich gerade halten muss, um nicht umzufallen oder auszusehen wie der Storch im Salat. Sie gab mir noch ein paar Tipps und holte das obligatorische Buch, um es mir zum Üben auf den Kopf zu legen. Bis auf ein paar Stabilitätsprobleme in den eher wackligen Schuhen klappte es wirklich gut. Fast schon traurig zog ich die Sandaletten nach ein paar Minuten auf Anweisung von Anna wieder aus. Sie hatte nun doch Angst, dass ich umknicke und der Absatz abbricht. Aber sie war auch sichtlich begeistert von unserem kleinen Lauftraining, genau wie ich, und so sollte es nicht das letzte Mal bleiben.
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Re: Melissas Memoiren

Post 10 im Thema

Beitrag von manchmal_melissa »

Anna - Teil 2

Die Riemchensandaletten waren eine Art Initialzündung, sowohl für Anna, als auch für mich. Wir wollten beide mehr davon, aber ich wollte das nicht zeigen. Ich war mir dessen durchaus bewusst, aber ich konnte bzw. wollte es immer noch nicht einordnen und wollte auch auf keinen Fall, dass es jemand merkt. Aber ich ließ mich in der Folge sowohl von Anna, als auch später von anderen Freundinnen zu allerlei Sachen „überreden“.
Beim nächsten Besuch ein paar Wochen später fragte Anna, ob wir den Laufunterricht wiederholen sollten. Sie hätte da noch ein Paar neue Stiefel, die seien zwar etwas höher als die Sandaletten, aber dafür stabiler. Ich willigte natürlich schulterzuckend und betont gleichgültig ein („Wenn‘s dir Spaß macht…“), freute mich aber innerlich wie Bolle. Die Stiefel machten sogar noch mehr Spaß als die Sandaletten, weil ich einen festeren Stand hatte und sie tatsächlich noch höher waren. Es waren graue Stiefel aus Wildlederimitat mit 10cm Blockabsatz und einem laaangen Reißverschluss an der Innenseite. In die Stiefel zu schlüpfen und diesen Reißverschluss langsam hochzuziehen war ein unbeschreibliches Hochgefühl. Diesmal merkte Anna sichtlich, dass es mir gefiel. Sie grinste mich wissend an und ich konnte es einfach nicht mehr verbergen, also machte ich keinen Hehl daraus. Aber ich redete mir und vor allem ihr weiter ein, dass mir vor allem das Laufen auf diese ungewohnte Weise so viel Spaß bereitet und verdrängte die darunterliegenden Bedürfnisse. Wir wiederholten das Ganze ein paar Wochen später noch einmal und überlegten wir sogar, für einen Spaziergang die Schuhe zu tauschen. Gott sei dank kam es nicht dazu, denn wir trafen auf einen unserer Lehrer. Danach war dann die Luft raus und Anna verlor langsam das Interesse daran, mir das Laufen in hohen Schuhen näherzubringen. Das war aber auch gar nicht mehr unbedingt nötig - ich zehre heute noch von dieser Zeit, wenn ich hohe Schuhe trage, weil ich dort die Basics gelernt habe.
Hohe Schuhe gab es bei Anna also erst mal nicht mehr, was nicht heißen soll, dass sie an dem Punkt aufhörte, meine Gefühlswelt auf den Kopf zu stellen. Irgendwann fragte Anna aus heiterem Himmel, ob sie mich mal „zum Mädchen machen“ könne. Sie wolle mich gerne mal schminken, ich habe schließlich so schöne Wimpern (auf die bin ich wirklich stolz, denn darauf waren schon einige Frauen neidisch). Und ein Kleid von ihr könne ich bei der Gelegenheit auch gleich anziehen. Ich wehrte mich wieder, sogar ehrlicher als früher, das war mir echt ein bisschen zu viel. Auf der Ferienfreizeit war es einer gewissen Gruppendynamik geschuldet, schlecht gemacht und auch nur witzig gemeint, aber so privat? Die Scham überwog wieder. Ich musste ja damit rechnen, dieses Mal mit mehr Ernsthaftigkeit geschminkt zu werden und zum Kleid auch ein paar hohe Schuhe gereicht zu bekommen und wusste wirklich nicht, ob mir das nicht zu weit ging. Aber dieses Mal war sie von Anfang an hartnäckig und wollte mich unbedingt als Frau verkleiden. Und so kam es, dass ich kurze Zeit nach meinen ersten Schritten in hohen Schuhen schon wieder mein Make-up erwartete und zum ersten Mal ein Kleid trug. Meine Bedenken, was die Schminke anging, waren jedenfalls unbegründet. Sie setzte nur einen Lidstrich, tuschte mir die Wimpern, und gab mir dann ein weißes Sommerkleid mit Blumenprint, das ich überziehen sollte. Eigentlich wollte sie danach noch Lippenstift auftragen, wozu sie aber irgendwie keine Lust mehr hatte. Letztendlich war meine Verwandlung auch nicht tiefgreifender als damals bei unserer GNTM-Show. Ich trat also vor den Spiegel - und sah wieder schrecklich aus. Man sollte das Make-up einfach niemandem anvertrauen, der es bei sich selbst noch nicht richtig beherrscht. Das Kleid passte mir auch nicht wirklich, war mir viel zu groß und hing wie ein Sack von meinen Schultern. Ich fand es schade, denn eigentlich hatte es sich gut angefühlt. Es war alles so anders, so vielfältig im Vergleich zum „Zurechtmachen“ als junger Mann und ich hatte das bisschen Geschminkt-werden sehr genossen. Immerhin hatte Anna es mehr zelebriert als die Mädels auf der Freizeit, die das ja eher zwischen Tür und Angel erledigten. Aufgrund des miserablen Ergebnisses wollte ich aber sowohl Kleid als auch Schminke schnell wieder loswerden.
Leider hielt die Phase, in der Anna Spaß an solchen Sachen fand, nicht sonderlich lange. Wir haben zwar immer wieder Witze darüber gemacht, aber es hatte für sie wohl schnell den Reiz verloren. Sie bereute spöter, dass sie an dem Tag, an dem sie mich geschminkt hatte und ich ihr Kleid trug, so lustlos war. Sie fantasierte sogar darüber, mal nach einer Faschingsperücke zu suchen, mir die Nägel zu lackieren und mich komplett „zum Mädchen“ zu machen, wie sie es ja nannte. Das wäre natürlich ein Traum gewesen. Aber die Initiative ergriff sie nie, wahrscheinlich weil sie es vergessen hatte. Für sie war das ja deutlich weniger bedeutsam als für mich. Ich dagegen hoffte bei jedem Besuch, dass sie nochmal fragen würde, was aber nie wieder passierte. Einmal hatten wir Langeweile und ich wagte mich tatsächlich selbst danach zu fragen: „Hast du eigentlich immer noch Interesse daran, mich zum Mädchen umzustylen?“ „Nee, ist mir zu viel Arbeit. Warum, hast du einen geheimen Wunsch?“, grinste sie mich verlegen an. Das war dann zu viel des Guten. Ich wiegelte ab. Sagte, dass ich ihr den Gefallen getan hätte, wegen der Langeweile und so, aber so… Und so fand die ganze Aktion traurigerweise nie statt.
Leider ging unsere Freundschaft bald darauf auseinander, weil Anna die Schule wechselte. Wir hatten zwar anfangs noch sporadisch Kontakt, aber bald schlief er langsam ein. Im Nachhinein frage ich mich, ob ich mich nicht einfach hätte öffnen sollen. Wir waren wirklich gut befreundet und ich bin mir sicher, sie hätte mich unterstützt. Auf der anderen Seite war ich damals einfach noch nicht so weit. Ich wusste nicht, ob und wie sehr ich das überhaupt langfristig will. Klar, das war alles super aufregend, aber vielleicht auch nur eine Phase. Ein Gedanke, den ich damals oft hatte, war: Wenn ich irgendwann mal komplett zur Frau gestylt würde, wäre ich zufrieden und es hätte in Zukunft alles seinen Reiz verloren. Ich lag damit kolossal falsch.
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Re: Melissas Memoiren

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Beitrag von manchmal_melissa »

Das volle Programm - auf Raten

Anna war Geschichte, und damit zunächst auch meine Ausflüge in Richtung Damenabteilung. Doch wo eine Freundschaft endet, beginnt oft eine neue. Und so kam an der Stelle eine andere Freundin, nennen wir sie Julia, ins Spiel. Wir waren schon länger befreundet, wuchsen aber durch Annas Weggang enger zusammen, weil wir beide gut mit ihr befreundet gewesen waren. Julia war jünger als Anna und kam auf ähnliche Ideen etwa ein Jahr später. Sie musste ich schon gar nicht mehr schubsen, keine Andeutungen oder zweideutige Witze machen. Eines Tages stand sie einfach von der Couch auf und sagte, sie habe eine Idee. Eine Minute später stand sie mit ihrem Konfirmationskleid vor mir und fragte mich grinsend: „Willst du das mal anprobieren?“ Es war viel schöner als Annas Sommerkleid damals: ein sehr dunkles Blau, schmale Träger, Chiffon mit edler Spitze am Oberkörper, VoKuHiLa. Ich bejahte zögerlich und war gleichzeitig natürlich wieder extrem neugierig. Zu meiner Verwunderung holte sie dann ganze drei Strumpfhosen aus einer Schublade und trug mir auf, sie übereinander zu tragen, „sonst sieht das ja nichts aus mit deinen Haaren an den Beinen.“ Feinstrumpfhosen hatte ich noch nie getragen, aber ich nahm sie einfach entgegen und verzog mich ins Bad. Die Strumpfhosen fühlten sich wahnsinnig gut an. Mit jeder Schicht wurden meine Beine glatter und ebenmäßiger. Voller Vorfreude schlüpfte ich in das Kleid und wollte den Reißverschluss hochziehen, doch es war viel zu eng. Also ging ich mit halb geschlossenem Reißverschluss zurück in Julias Zimmer. „Schade, ich glaube das hätte hübsch ausgesehen“, sagte sie, „aber warte, ich hab noch ein anderes für dich!“ Sie wühlte im Schrank und gab mir ein weißes Cocktailkleid, das oberhalb der Taille mit Strass besetzt war. Dieses Kleid passte, weil es keinen Reißverschluss hatte und dehnbar war. Es war so luftig, so leicht, und ich fühlte mich großartig darin. Julia hatte sichtlich Spaß und gab mir danach sogar noch ein drittes Kleid, ein kurzes, sehr enges, schwarzes Tube-Kleid. Durch den hohen Stretch-Anteil schaffte ich es irgendwie, mich in das kleine Schwarze hineinzuschießen. Als ich damit in ihr Zimmer kam, sagte sie nur: „Wow, wie bist du da denn reingekommen?“ Ihr Kompliment schmeichelte mir, und ich fing langsam an zu begreifen, dass Annas Sommerkleid ein Ausrutscher war und ich es tatsächlich mochte, neben hohen Schuhen auch diese tollen, femininen Kleider zu tragen. Trotzdem schob ich den Gedanken immer wieder weg, denn er brachte mir ja nichts: ich hatte offensichtlich wieder eine Freundin, die mir diesen unbekannten Wunsch vielleicht von Zeit zu Zeit erfüllte, aber dass jemand etwas davon mitbekommt oder ich das gar selbst forciere, wollte ich auf keinen Fall.
Mit der kleinen Modenschau war es glücklicherweise nicht vorbei. Wie Anna kam auch Julia kam eines Abends auf die Idee, mich als Make-up-Modell zu benutzen. Auch hier musste ich nichts selbst anleiern. Wir sprachen auf ihre Initiative hin über den Tag, als ich ihre Kleider trug, als sie irgendwann sagte: „Weißt du was? Ich könnte dich auch mal schminken!“ Und schon war sie auf dem Weg ins Bad, um die nötigen Utensilien zu holen. Sie machte es deutlich besser als Anna, immerhin hatte sie sich die Mühe gemacht, eine Foundation aufzutragen und ein richtiges Augen-Make-up zu machen, mit Eyeliner, Mascara und sogar etwas Lidschatten. Auch mit Lipgloss wurde ich versorgt. Julias ältere Schwester war irgendwann dazugekommen und ich fühlte mich großartig, als ich von zwei Mädels gleichzeitig gestylt wurde. Trotzdem genoss ich auch dieses Mal den Prozess mehr als das Ergebnis. Ein nicht vom Profi geschminktes Jungengesicht, so ganz ohne Perücke oder feminine Frisur (und vor allem ohne Ausstrahlung!), bleibt eben ein Jungengesicht.
Dennoch freute ich mich, dass Julia diese Sachen mit mir machte. Und weil eine alte Leidenschaft von mir noch fehlte, musste ich ein bisschen nachhelfen. So erzählte ich beiläufig von meinen High-Heel-Erlebnissen mit Anna, und siehe da: auf einmal wollte mich Julia auch in hohen Schuhen sehen. Wie übrigens schon bei Anna hatte ich mit meiner süßen Schuhgröße 37 Glück. Ich passte in alles von 36-39 halbwegs gut rein - sehr durchschnittlich und genau der Bereich, in dem sich meine beiden Freundinnen bewegten. Julia ließ mich in schwarzen, gefütterten Winterstiefeln mit Keilabsatz und den ausnahmsweise zu großen, schwarzen Pumps ihrer großen Schwester durch die Wohnung stolzieren. Das war zwar auch jedes Mal wieder aufregend, aber ich kannte das ja schon von Anna. Ich wollte mehr, wollte das alles kombinieren, aber wollte nicht offen fragen. Auch an der Stelle hätte ich das einfach machen sollen. Es wäre nichts passiert, und Julia hätte mir den Wunsch sicher erfüllt. Aber ich schämte mich wieder zu sehr. Immerhin sagte ich an dem Abend, als ich ihre Schuhe getragen hatte, zu Julia: „Mensch, ich hatte deine Kleider an, du hast mich geschminkt, ich bin in deinen Schuhen gelaufen… ich seh's kommen, irgendwann stehe ich in deinem Zimmer und bin komplett zur Frau umgestylt.“ Sie lachte und antwortete: „Vielleicht mach ich das wirklich mal, aber wie eine Frau siehst du dann noch lange nicht aus.“ Ich protestierte, auch um sie zu provozieren, aber im Nachhinein hatte sie natürlich Recht. Zum vollen Umstyling kam es zwar auch mit Julia nicht, aber ich zog an einem nostalgischen Abend danach immerhin noch einmal das schwarze Tube-Kleid an und durfte später in ein Paar Stiefeletten schlüpfen, die Julia sich neu zugelegt hatte. Die waren dann auf einmal auch zu groß, weil Julias Füße im Gegensatz zu meinen noch wuchsen.
Die Aktionen mit Julia waren alle super, das große Kribbeln blieb aber immer öfter aus, weil wenig davon komplettes Neuland für mich war. Eine völlig neue Erfahrung hingegen durfte ich machen, als ich bei Julias bester Freundin Lara zu einer Übernachtungsparty eingeladen war. Laras Freund, mit dem ich auch befreundet war, warnte mich in der Schule: Er habe mit bekommen, dass Lara und ihre Freundinnen mich bei einer Runde Wahrheit oder Pflicht in Laras Konfirmationskleid und -schuhe stecken wollten - einfach weil ich klein war und vermutlich in beides hineinpasste. Julia war an dem Abend verhindert und offensichtlich auch nicht in die Planung involviert, sonst hätte sie wohl berichtet, dass es dazu kein kindisches Spiel braucht. Ich war also vorgewarnt und wählte in den ersten beiden Runden natürlich Wahrheit, um den Schein zu wahren. Als ich in der dritten Runde wieder Wahrheit sagte, stellten sie mir bewusst eine Frage, die sehr unangenehm zu beantworten war. Ich spielte mit, zögerte. „Du kannst auch Pflicht nehmen!“, drängten sie mich. Ich willigte ein, wissend, was passieren würde und innerlich gar nicht abgeneigt. „Okay Lara, wo ist dein Konfikleid?“, fragte eine ihrer Freundinnen feierlich. „Nein, ich habe eine bessere Idee“, entgegnete Lara und ging aus dem Raum. Das erwischte mich unvorbereitet. Kleid und hohe Schuhe kannte ich schon, aber was hatte sie jetzt vor? Nach ein paar Sekunden kam sie mit eine Fläschchen pinkem Nagellack zurück und schüttelte es grinsend. Anfangs war ich tatsächlich enttäuscht, weil ich mich schon auf eine weitere Kleideranprobe gefreut hatte. Aber ich war natürlich auch gespannt auf den Nagellack. Ein weiteres erstes Mal. Ich war so nervös, dass meine Hände etwas zitterten, was Lara das Lackieren erschwerte. Ich schob es darauf, dass ich schlecht stillhalten kann und hoffte, dass man mir die Aufregung nicht anmerkte. Als sie fertig war, bekam ich wieder viele Komplimente, diesmal dafür, wie schön und stabil doch meine Nägel seien. Das Ergebnis ließ jede Enttäuschung über die geplatzte Kleideranprobe verfliegen. Waren das wirklich meine Hände? Es gefiel mir wirklich sehr, was ich erneut krampfhaft zu verbergen versuchte. Klar, ich hatte schon immer zierliche Hände und dünne, vergleichsweise lange Finger. Aber durch den Nagellack sahen sie auf einen Schlag so unwiderstehlich weiblich aus. Ich verbrachte den Rest des Abends damit, immer wieder verstohlen auf meine hübschen Fingernägel zu schielen.
Leider wurde meine Freude am nächsten Morgen recht schnell getrübt. Peinlicherweise weigerte sich Lara, den Entferner herauszurücken, und so musste ich mich mit lackierten Fingernägeln von meinen Eltern abholen lassen und zu Hause meine Mutter um Hilfe bitten. Aber die nahm das ganz gelassen und wusste ja nicht, dass ich den Nagellack insgeheim lieber draufbehalten hätte.
Genau wie Anna wurden auch die anderen Mädels in meinem Freundeskreis mit der Zeit ruhiger. Die Schule wurde schwieriger, es bahnten sich erste Beziehungen an, wir wurden langsam erwachsen, da blieb für solchen Schabernack keine Zeit mehr. Die ungefähr zwei Jahre, in denen ich diese Erfahrungen machen durfte, haben mich geprägt. Es war eine wilde, schöne Zeit. Ich bin heute sehr dankbar dafür, dass ich meine weibliche Seite auf diese Art und Weise recht früh und spielerisch entdecken konnte. Bis auf eine Perücke hatte ich bereits mit 16, 17 Jahren die (heute für mich) wichtigsten Dinge bereits ausprobiert, nur leider immer getrennt. Trotzdem lernte ich in der Zeit viel über mich selbst, auch wenn ich weiter sehr damit haderte und es meistens versuchte zu verdrängen. Aber das Crossdressing war wie eine Droge für mich, obwohl ich das Wort zu dem Zeitpunkt noch nicht kannte. Welch ein Glück also, dass, als die pubertären Hobbies meiner Freundinnen langsam nachließen und gerade wieder etwas Ruhe einzukehren schien, das nächste Erlebnis wartete - diesmal sah ich es lange kommen.
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Re: Melissas Memoiren

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Beitrag von manchmal_melissa »

Marie ist wieder da

Mittlerweile war ich fast 18 und die jungen Frauen in meinem Alter waren nun wirklich nicht mehr mit irgendwelchen Umstyling-Aktionen ihrer männlichen Freunde zu begeistern. Und doch hatte ich Glückspilz erneut die Möglichkeit, Erfahrungen als (Teilzeit-)Frau zu sammeln. Und das passierte, wer hätte es geahnt, erneut in der allseits bekannten Ferienfreizeit.
Ich war schon zum siebten oder achten Mal dabei und endlich alt genug, um als Betreuer mitzureisen - in dem Alter natürlich noch als jüngster im Team. Die aufmerksamen Lesenden wissen, was das bedeutet: Mir wurde die Ehre zuteil, den Abschlussabend als Frau verkleidet zusammen mit unserem Leiter zu moderieren. So wollte es die Tradition. Weil ich schon ewig dabei war, wusste ich das genau und sah den Abend schon Jahre zuvor langsam auf mich zukommen. Trotzdem glaubte ich es erst, als es wirklich soweit war. So richtig freuen konnte ich mich auch gar nicht , weil ich aus den Vorjahren wusste, dass das Niveau dieser „Verkleidungen“ wie so oft nicht sonderlich hoch war. Und ich war ja sowieso schon immer etwas wählerisch und hatte einen sehr hohen Anspruch, dass alles gut gemacht und stimmig ist. Für mich galt einfach damals schon: wenn, dann richtig. Ich wollte nie die schlecht geschminkte und geschmacklos gekleidete „Tunte“ spielen, sondern möglichst überzeugend weiblich aussehen. Ich erwartete also nicht viel von diesem Abend und wurde dadurch auch nicht enttäuscht - im Gegenteil.
Mein heimliches Highlight begann schon in der Vorbereitung: Es gehörte zum Ritual dazu, dass der Auserwählte sich die Beine rasieren musste. Das war mir im Vorfeld sehr unangenehm, musste man sich doch zu Hause sehr wahrscheinlich blöde Fragen anhören, gerade weil die Haarpracht ein paar Wochen zum Nachwachsen brauchte. Aber drücken konnte ich mich nicht: Ich wurde in die Duschräume gebeten und rasierte mir zum ersten Mal in meinem Leben die Beine mit meinem Elektrorasierer. Kaum hatte ich zum ersten Zug angesetzt, merkte ich, wie sich plötzlich Aufregung in mir breit machte. Wie würden meine Beine wohl aussehen? Wie würden sie sich so ganz glatt anfühlen? Die Sorgen wegen blöder Kommentare waren mit einem Mal weg und ich fing an, den Moment zu genießen. Ich schritt also frohen Mutes zur Tat und war von der neuen Optik durchaus angetan. Meine Beine sahen sportlicher, schlanker, weiblicher aus. Leider musste meine frisch glattrasierten Beine fürs Erste unter langen Jogginghosen verbergen. Doch auch darunter machten meine „neuen“ Beine mächtig Spaß. Ich spürte sie bei jedem Schritt gegen den Hosenstoff und wurde so stetig an ihr feminines Aussehen und den bevorstehenden Abend erinnert. Hinter der Bühne wurde die Rasur dann von den restlichen Betreuern begutachtet und für gut befunden, bevor es an die eigentliche Verwandlung ging.
Zunächst wurde mir ein schwarzer BH gereicht und mit kleinen Luftballons ausgestopft. So ein Teil hatte ich vorher auch noch nie getragen. Zu meiner Überraschung sollte ich keine Hose, sondern ein schwarzes, sehr kurzes Stretchkleid mit kurzen Ärmeln und kleinen weißen Punkten anziehen, das eine Betreuerin extra für diesen Anlass mitgebracht hatte. Statt Flip-Flops bekam Marie - das war wieder mein Frauenname - dieses Mal sogar hübsche Ballerinas als Schuhwerk. Ich war sehr zufrieden mit diesem Outfit. Meine rasierten Beine sahen mit Ballerinas und dem kurzen Kleid recht lang aus. Dazu kam das für mich neue Gefühl, wenn der Saum des Kleids meine glatten Beine streichelte. Und wenn ich an mir herunterschaute, sah ich zum ersten Mal die Beine einer Frau - ein berauschendes Gefühlschaos. Mein Gesicht sah allerdings überhaupt noch nicht weiblich aus. Das Make-up bekam ich erst kurz vor Beginn, weil es gar nicht so einfach war, Schminke aufzutreiben. Bei der ältesten der Freizeitteilnehmerinnen wurden meine Kolleginnen dann fündig und baten das Mädchen auch gleich, das Schminken zu übernehmen. Sie gab sich mit ihren begrenzten Mitteln viel Mühe, am Ende wurde es doch wieder „nur“ Eyeliner, Mascara und etwas Lippenstift. Während sie mich schminkte, wurden meine Fingernägel mit rotem Edding lackiert - so viel zur Ernsthaftigkeit der Verkleidung. In meine Haare wurde noch etwas Gel geschmiert, um meine kurzen Haare etwas femininer zu stylen - leider vergeblich. Obwohl ich wieder mal nicht zufrieden mit meinem Aussehen war, hatte ich an dem Abend Spaß. Vor allem meine Beine hatten es mir und dem Publikum angetan. Ich spielte damit, schlug sie z.B. von Zeit zu Zeit übereinander und genoss es, ein bisschen im Rampenlicht zu stehen. Bei ihrem letzten Auftritt war Marie ja nicht alleine, aber dieses Mal gehörte mir die ungeteilte Aufmerksamkeit. An dem Abend wollte ich gar nicht mehr aus meinem Outfit raus. Es freute mich umso mehr, dass ich an der Teambesprechung nach dem Abschlussabend aus Zeitgründen noch als Marie teilnehmen musste. Doch auch dieser Tag ging irgendwann zu Ende.
Mir dämmerte langsam, dass ich anders war. Um es als bloßen Tick abzutun, machte es mir zu viel Spaß und wollte ich es auch zu sehr. Und das, obwohl ich zumindest über der Gürtellinie alles andere als weiblich aussah. Wie würde sich das anfühlen, wenn ich mal komplett als Frau zurechtgemacht wäre? Diese Frage drängte sich immer mehr in mein Bewusstsein. Leider wusste ich weder, wann ich wieder eine Möglichkeit dazu bekam, noch wie ich das Umstyling mal nach meinen Wünschen gestalten sollte, ohne mich zu verraten. Ich wartete erst einmal ab und hoffte, dass sich etwas ergeben würde. Das führte leider zur längsten Abstinenz von Frauenklamotten, seit ich Annas hohe Schuhe entdecken durfte…
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Re: Melissas Memoiren

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Beitrag von manchmal_melissa »

Beziehungspause

Die fetten Jahre waren vorbei, so fühlte es sich zumindest an. Die nächste Freizeit war noch fast ein Jahr entfernt und ein erneuter Auftritt als Marie war mir dort keinesfalls sicher. Meine Freundinnen waren zu alt für so einen Quatsch. Sollte ich es an Fasching mal wagen, mich als Frau zu verkleiden? Doch dazu müsste ich Eigeninitiative zeigen, was ich mich nicht traute. Noch vor den nächsten Sommerferien fand allerdings das Abitur und damit die viel beachtete Mottowoche statt, in der sich die Abiklasse jeden Tag nach einem bestimmten Motto kleidete. „Geschlechtertausch“ war in jedem Jahr eines davon, mit allerlei grotesken, teilweise aber auch sehr gut gelungenen Verkleidungen zur Frau. Darauf konnte ich natürlich hoffen, aber auch das war noch ein Dreivierteljahr entfernt. Es kam mir so unglaublich lang vor, weil ich zuvor noch so regelmäßig von Anna und Julia mit kleinen Ausflügen Richtung Weiblichkeit versorgt worden war. Und trotzdem, ich peilte das als nächstes großes Ziel an, um endlich mal komplett Frau sein zu können und mehr über diese Seite von mir zu erfahren. Mein ganzer Fokus richtete sich auf diese Mottowoche. Mein ganzer Fokus? Nein, eher das, was davon übrig war und sich noch mit solchen vermeintlichen Nebensächlichkeiten beschäftigen konnte.
Neben der Auseinandersetzung mit meiner, wie ich heute weiß, Geschlechtsidentität, die im Nachhinein einiges an Rechenpower beanspruchte, wollte ja das Abitur abgelegt werden. Und als sei das alles nicht genug, hatte ich kurz nach meinem 18. Geburtstag auch noch meine erste Beziehung. Es ist viel Glück und einer unbeschreiblich tollen Frau zu verdanken, dass diese bis heute hält und stetig wächst. Wir waren schon länger gut befreundet, kannten uns noch länger, und irgendwann machte es einfach Klick. Zu Beginn der Beziehung wusste ich zwar schon, dass etwas an mir anders war, aber den Begriff Crossdressing hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehört oder gelesen. Das entwickelte sich alles parallel und ich war mit allem, was in dieser Zeit passierte, emotional ziemlich überfordert. Ich verheimlichte natürlich erst mal alles. Die Beziehung war noch so frisch. Ich war zuvor so oft zurückgewiesen worden. Und außerdem, das erwähnte ich bereits, könnte ja immer noch alles von alleine weggehen. Als mir so langsam dämmerte, dass das nicht passieren würde, versuchte ich meine Bedürfnisse einfach zu unterdrücken. Ich verdrängte alles so gut es ging, denn diese Beziehung war mir extrem wichtig und ich wollte in dieser fragilen Phase jedes Störfeuer unbedingt vermeiden. Der „Entzug“ hinterließ aber ganz deutlich seine Spuren. Was mir bei Maries letztem Auftritt kurz bewusst geworden war, wurde in dieser Zeit immer klarer: Ich konnte nicht ohne. Es war wie eine Sucht. Ich sehnte mich immer stärker danach, mich nochmal als Frau zurechtzumachen, aber dieses Mal so richtig! Aber ich wollte das auf jeden Fall erst mal mit mir selbst ausmachen. Die Mottowoche war zwar noch lange weg, aber es schadete ja nicht, sich schonmal vorzubereiten. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude und so spielte ich meine Verwandlung etliche Male in Gedanken durch und suchte im Internet nach Tipps. Ich fing an zu googeln: „als Frau verkleiden“ - „Mann zur Frau Verwandlung“ - „Mann zur Frau schminken“. Es war ein Segen, das Internet um Hilfe bitten zu können. Schon bald konnte ich dem Hobby (?), der Störung (?), dem Tick (?) einen Namen geben: Crossdressing. Ich verschlang unzählige Seiten zu dem Thema, lernte neue Begriffe, suchte weiter, bis ich mich für mich zufriedenstellend einordnen konnte. Dabei fand ich auch zum ersten Mal dieses wunderbare Forum. Auch wenn ich vieles nicht verstand, mich erstmal nicht anmeldete und von der Fülle der Beiträge total erschlagen wurde, die Message des Crossdresser-Forums kam an, und sie war eine Wohltat: Ich war nicht krank. Ich war nicht allein. Ich war einfach nur einer von vielen Männern, die es lieben, in die Rolle einer Frau zu schlüpfen. Das machte mich unfassbar glücklich und ich bin unendlich dankbar dafür, mit diesem Teil von mir nicht allein gelassen zu werden. Ich war zunächst erleichtert, gleichzeitig aber verunsicherte es mich. Die „Diagnose“ Crossdressing hieß nämlich auch: Es ist keine Phase. Es ist nicht heilbar. Es gehört jetzt zu mir. So ganz wollte ich das noch nicht glauben. Wenn das so wäre, würde es definitiv irgendwann meine Beziehung gefährden. Das wollte ich um jeden Preis verhindern. Ich hatte das Gefühl, mich in Zukunft entscheiden zu müssen: Crossdressing oder Beziehung. Also klammerte ich mich an den letzten Strohhalm, der einen glimpflichen Ausgang versprach. Die Hoffnung, dass der ganze Spuk nach einem einzigen, denkwürdigen Auftritt als überzeugende Frau vorbei sein würde, war immer noch da hielt sich wacker. Mit jedem Tag rückte die Mottowoche näher, der große Hoffnungsschimmer am Horizont, der endlich Klarheit bringen sollte. Vielleicht würde mir das auf Dauer sogar reichen: einmal im Jahr zur Frau verwandeln, an Fasching zum Beispiel. Das würde auch in einer Beziehung funktionieren. Vielleicht musste ich mich also doch nicht zwischen Crossdressing und meiner Beziehung entscheiden? Heute weiß ich, dass diese Entscheidung eigentlich nie zur Debatte stand. Es stimmte, dass das alles keine Phase war und nicht mehr weggehen würde. Die Frage war also nicht: Beziehung oder Crossdressing? Sondern die Frage war, ob ich, so wie ich eben bin, nämlich ein Mann, der gerne auch mal eine Frau ist, eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen kann. Aber diese Einsicht kam erst später. Mit 18 ließ ich noch alles auf mich zukommen, machte einfach nichts - und meine Freundin war ahnungslos.
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Re: Melissas Memoiren

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Beitrag von manchmal_melissa »

Die Mottowoche - Teil 1

Im Frühjahr 2015 war es dann soweit. Der Beginn meiner ersten Beziehung war ein gutes halbes Jahr her, mein letzter Auftritt als Marie nochmal zwei Monate länger, und die lang ersehnte Mottowoche stand endlich vor der Tür.
Eine Gruppe von Schülern war eigens mit der wichtigen Aufgabe betraut worden, die Mottos festzulegen. Gott sei Dank waren sie so freundlich, neben vielen weiteren klassischen Mottos auch den „Geschlechtertausch“ beizubehalten. Die ganze Liste wurde ein paar Wochen vorher bekanntgegeben, und von dem Tag an fieberte ich erst recht auf meinen großen Auftritt hin. Aber vorher musste ich erstmal dafür sorgen, dass er überhaupt groß wurde. Sich überzeugend als Frau zu verkleiden, das wusste ich aus den Vorjahren und aus dem Internet, war gar nicht so einfach. Was sollte ich anziehen? Woher bekam ich eine Perücke? Ich wollte ja nicht alle Utensilien nur für dieses eine Mal kaufen, denn zumindest für mein Umfeld gab es ja nur dieses eine Mal und auch ich hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht vor, mir eine weibliche Garderobe aufzubauen. Wenn ich zu viel Eifer an den Tag legte, würde mich das also bestimmt verraten. Bei Klamotten und Schuhen wusste ich aus der Vergangenheit, wer mir helfen könnte. Die Sachen von Anna und Julia hatten ja immer ganz gut gepasst. Meine Freundin dagegen war leider überhaupt keine Hilfe: ihre Klamotten waren mir zu klein, ihre Schuhe zu groß, und einen Mann zur Frau zu schminken traute sie sich nicht zu. Das war generell die wichtigste Frage: Wer könnte mich schminken? Ich war völlig blank bei dem Thema und von Gleichaltrigen geschminkt zu werden hatte mir bisher nie sonderlich gut gefallen, gerade weil die Ergebnisse immer ernüchternd gewesen waren. Ich hatte einen Plan, aber ich mochte mir noch nicht ausmalen, dass er aufgeht…
Aber der Reihe nach: Erst mal musste ich mich um die Klamotten kümmern. Meine Freundschaft zu Julia war lange nicht mehr so eng wie damals, aber ihre Kleider müssten mir eigentlich immer noch passen. Ausnahmsweise fiel es mir leicht, sie in der Schule einfach danach zu fragen: „Hey, ich hatte doch früher mal deine Klamotten an. Denkst du, du könntest mir etwas davon für die Mottowoche ausleihen?“ Sie musste grinsen, was mich an die schönen, neuen, aufregenden Erlebnisse von damals erinnerte. Ich kannte diesen Ausdruck von kindlicher Neugier, die bei meinen Altersgenossinnen wohl doch noch nicht komplett verschwunden war und immer dann auftauchte, wenn man einen Jungen in irgendeiner Form feminisieren konnte. Klar, sagte sie, ich könne einfach ein paar Tage vorher bei ihr vorbeikommen und mir etwas aussuchen. Das hatte also schonmal geklappt. „Und wie sieht es mit Schuhen aus?“ Die könne ich dann auch gleich mitnehmen. Ich führte innerlich einen kleinen Freudentanz auf. Mein Outfit hatte ich also mehr oder weniger sicher. Doch da war ja noch etwas… „Hast du eine Idee, wer mich schminken könnte?“ Julia war kurz irritiert. „Frag doch deine Freundin!“, antwortete sie. Ich erklärte ihr, dass sie sich das nicht zutraut, weil sie sich selbst nie stark schminkt und gar nicht das nötige Equipment hätte. „Naja, zur Not mach ich das eben. Oder aber…“ Sie überlegte. Sie fing wieder an zu grinsen. Es funktionierte. Mein Plan funktionierte! „Was?“, fragte ich, als sie offensichtlich auf eine Reaktion wartete. „Meine Cousine könnte dich schminken!“
„Deine Cousine!?“, sagte ich betont überrascht. Ich hatte gehofft, dass sie auf diese Idee kommen würde. Ich kannte ihre ältere Cousine flüchtig, weil ich sie manchmal bei Julia getroffen hatte und sie ganz in ihrer Nähe wohnte. Außerdem hatte sie Julia in der Vergangenheit schon öfter sehr aufwändig geschminkt, etwa für Fasching oder Mottopartys. Damals war Julias Verkleidung immer der große Hingucker, weil ihr Make-up so gelungen war. All das hatte einen so simplen wie fantastischen Grund: Julias Cousine war Visagistin.
„Denkst du wirklich, dass sie das machen würde?“, fragte ich noch etwas ungläubig. Aber Julia war sich sicher: Wenn sie keinen Termin habe, mache die das bestimmt. Sie werde sie gleich heute Mittag mal fragen. Wenn das zuvor ein innerlicher Freudentanz war, stieg in mir drin spätestens jetzt die Party des Jahrhunderts. Ich war den ganzen Tag nervös und schlief entsprechend schlecht. Diese Aussicht war zu schön, um wahr zu sein.
Am nächsten Morgen kam dann die herbe Enttäuschung. Julia kam auf mich zu und sagte, dass ihre Cousine mich sehr gern geschminkt hätte, sie aber leider an dem Morgen zu einer Kundin muss. Ich war traurig. Wer zum Teufel hat so früh schon Kundentermine? Ich versuchte, Julia nicht zu zeigen, wie enttäuscht ich war. Wir überlegten anschließend gemeinsam, wer mich sonst noch schminken könnte, aber uns fiel nichts besseres ein, als dass mich zur Not eben einfach Julia schminkt. Ich versuchte, es nicht so schwer zu nehmen. Ich würde immerhin ein Kleid und hübsche Schuhe tragen, komplett zur Frau gestylt werden, da war es doch am Ende gar nicht so wichtig, von wem. In den folgenden Tagen organisierte ich noch eine Faschingsperücke von Verwandten, damit hatte ich alles, was ich unbedingt brauchte, um mich in eine Frau zu verwandeln. Die Planung war vorerst beendet.
Vorerst? Ja, denn das Drama nahm erneut eine Wendung. Eine Woche vor dem großen Tag hatte die Mottowoche schon begonnen, denn streng genommen waren es anderthalb. Das Motto war „Oktoberfest“ und ich stand in meiner Lederhose vor einem Klassenraum und wartete mit meinen Mitschüler:innen auf die Lehrerin. Julia kam zu spät, aber trotzdem noch vor ihr. Als sie ums Eck in den langen Korridor abbog, an dessen Ende mein Kurs versammelt stand, suchte sie meinen Blick und grinste mich an. Es war wieder dieses Grinsen von früher. „Hey, weißt du wer dich nächste Woche schminken kann?“, platzte sie hervor, als sie bei mir angekommen war. „Wer?“, fragte ich, als sie wieder zögerte. Hinhaltetaktik beherrschte sie. „Na wer wohl? Meine Cousine! Die Kundin hat abgesagt, du kannst einfach vor der Schule vorbeikommen.“
Wow! Ich war überwältigt und musste mich anstrengen, mich nicht überschwänglich zu freuen. Ein bisschen Freude war mir aber gestattet, allein weil das bedeutete, dass ich eine klasse Verkleidung haben würde. Es passierte also doch. Ich würde von einer Visagistin geschminkt werden! So richtig professionell! Das war der absolute Wahnsinn. Es folgte die bis dahin längste Woche meines Lebens. Ich war nervös, aufgeregt, konnte wenig klare Gedanken fassen. Denn im Hintergrund war mir immer bewusst: Nächste Woche ist es endlich soweit. Am liebsten hätte ich sofort mit der Verwandlung begonnen.
Engelchen
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Re: Melissas Memoiren

Post 15 im Thema

Beitrag von Engelchen »

Hab ganz lieben Dank das du uns teilhaben lässt.
Ich denke einige werden sich in den Erzählungen wiederfinden...
Viel Spaß auf deinem weiteren Weg.

Liebe Grüße

Lisa
Liebe geben und offen sein für Neues
Antworten

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