Christine
Christine - # 3

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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ChrisTina73
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Re: Christine

Post 31 im Thema

Beitrag von ChrisTina73 » Mo 17. Jul 2017, 00:36

WOW! Tolle Geschichte. Hab Sie heut erst entdeckt und war meine Sonntagslektüre, die mich bisher sehr bewegt hat. Freu mich schon auf die Fortsetzung.
Falls es mal kpl ist und als PDF erhältlich, würde ich Dir oder dem Forum eine Spende/Aufwandsentschädigung zukommen lassen.

Bis zur Grundschule hat man mich eigentlich oft für ein Mädchen gehalten (Ich hatte Locken ohne Ende bis weit mitte 20), und auch mein älterer Halbbruder väterlicherseits sah auf den Kinderfotos eher wie ein Mädchen aus.
Überhaupt sind die männlichen Vertreter meines Vaters doch ziemlich weich, wobei bei mir aber noch n starker männlicher Aspekt vorhanden ist, weshalb ich in meiner Kindheit eigentlich nie das Gefühl hatte, im falschen Körper geboren zu sein. Doch es schwang bei mir schon immer latent eine weibliche Seite mit, die sich aber erst mit der Pubertät zaghaft zeigte. Bis dahin war ich eigentlich eher n "Schürzenjäger" und wollte immer Mädchen "knutschen" :D (mehr dazu später, falls Interesse besteht)
Der Weg hinein scheint für viele rückblickend der Schwierigste, aber auch nur, weil sie den Weg heraus noch nicht gefunden haben...

Claude
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Re: Christine

Post 32 im Thema

Beitrag von Claude » Do 20. Jul 2017, 11:32

Bonjour, der nächste Teil braucht noch - sind gerade nur mit Handy 'en Corse'!

Rosi67
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Re: Christine

Post 33 im Thema

Beitrag von Rosi67 » So 20. Aug 2017, 11:07

Hallo,
wie geht es Christine? Wir haben schon lange nichts mehr von Ihr gelesen. Mit Spannung wird bereits gewartet auf den Fortgang von Christines leben.

LG Rosi

Claude
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Re: Christine

Post 34 im Thema

Beitrag von Claude » Di 22. Aug 2017, 16:31

Christine Kapitel 9 Adam

Susan Elliot versucht wieder eine Routine mit Kirchenbesuchen in die Familie zu bringen, trifft dabei aber überraschend auf Widerstand. Christine lernt in ihrer Klasse einen Jungen kennen und die Dinge werden komplizierter.

Ich war über den Sommer nur selten mit Dad Angeln gegangen - hauptsächlich weil er zu viel damit zu tun hatte das Haus fertigzumachen und den Computerladen aufzubauen. Der Laden lief ganz gut, aber Geld war weiterhin knapp. Jetzt ließ der Druck etwas nach – wir hatten uns gut im neuen Haus eingerichtet – und er versuchte, etwas wieder gut zu machen und lud mich jeden Samstag oder Sonntag zum Fischen ein. Manchmal kam Josh mit. Gail hatte kein Interesse und kam fast nie mit, Amanda ein oder zweimal. Auf Moms Wunsch trug ich immer Jeans oder Shorts und Sneakers, schaffte es aber trotzdem, mein ganzes Outfit so weiblich zu gestalten, dass klar zu erkennen war, dass ich ein Mädchen war. Da war zum Beispiel ein sehr feminines Top oder eine Stickerei. Meine Haare waren meist zu Zöpfchen geflochten. Trotzdem genossen wir beide die Zeit und für mich war es etwas Besonderes, dass ich Josh all die Dinge übers Angeln beibringen konnte, die Dad mit mir geübt hatte. Zwischen Dad und mir stand immer noch die Meinungsverschiedenheit über mein Geschlecht und wie es weitergehen sollte, aber wir versuchten beide, Freunde zu sein und das klappte auch ganz gut.

Ich trat Joshs Holzschuhtanzverein bei und wir wurden Tanzpartner. Das machte mehr Spaß, als ich mir vorgestellt hatte. Wir Mädchen trugen alle Baumwollkleider mit mehreren Lagen Unterkleidern, so dass die Kleider herrlich schwangen, wenn wir uns drehten – und dass machten wir ständig. Das Gefühl war so toll und so weiblich! Außerdem gingen wir noch zu einem Gesellschaftstanzverein. Ich bedauerte das sehr, aber wir hatten fürs Ballett weder Zeit noch Geld. Außerdem gab es beim Ballett etwas, dass mich meine Genitalien noch mehr hassen ließ, nämlich hält der Mann seine Partnerin häufig über seinem Kopf und hat dabei seine Hand in ihrem Schritt. Wenn die Partnerin nun sowas hat wie ich, kann das sowohl peinlich als auch ziemlich schmerzhaft sein. So musste meine Ballettkarriere pausieren – zumindest erstmal. Trotzdem hatte ich die Zeit meines Lebens.

Kurz nachdem Johnny wieder weg war, passierte Mom und mir ein schwerer Fehler in der Einschätzung. Wir hatten so viel um die Ohren, dass wir seit unserem Einzug nicht mehr in der Kirche gewesen waren. Mom war aber immer gerne mit ihren Söhnen in die Kirche gegangen – ich auch - und so zogen wir Ende September unsere besten Sachen an und fuhren los. Unglücklicherweise wählten wir die Kirche aus, die wir früher auch immer besucht hatten. Wir wurden an der Tür abgefangen und uns wurde deutlich gemacht, dass Mom es eigentlich besser wissen sollte, als das abartige Verhalten ihres Sohnes zu unterstützen und dass ich an diesem heiligen Platz nichts zu suchen hätte, solange ich als Gotteslästerung bekleidet wäre, schließlich wäre mein Jungenkörper Gottes glorreiche Schöpfung. Ich wollte ihnen schon sagen, dass sie mit meiner Mutter nicht so reden sollten, aber Mom stoppte mich und sagte, Gott würde sich darum kümmern. So dankte sie ihnen nur für die offenen Worte und wir fuhren wieder. Dad war furchtbar wütend, aber das konnte ich nicht richtig nachvollziehen. Schließlich hatten sie mit anderen Worten dasselbe gesagt wie er. Jedenfalls war unsere Kirchenkarriere erstmal vorbei.

Am darauffolgenden Donnerstagabend, kam Pastor Hatcher bei uns zu Hause vorbei und äußerte Bedauern, dass die Situation „schlecht gelaufen“ war. Aber seine Position ändern wollte er nicht. „Um ehrlich zu sein, “ antwortete Mom, „hat es mich überrascht, welche Position sie und die Kirche eingenommen haben, Pastor!“
„Frau Elliot“, begann der Prediger, zögerte dann und bat Mom, mich aus dem Raum zu schicken. „Nein, das kann ich nicht“, antwortet Mom, „es geht hier um Christine und dies ist ihr Zuhause. Wenn sie etwas sagen wollen, dass sie nicht hören soll, will ich es auch nicht hören.“
„Nun gut“, sagte der Pastor mit einem Seufzen, „Tatsache ist, Susan, dass wir alle ziemlich schockiert sind, dass sie ihrem Sohn erlauben, damit weiterzumachen!“
„Und was meinen sie mit „damit“?“
„Also ehrlich: Sie erlauben einem Jungen, ein Mädchen nachzuahmen, sogar wie eines zu leben und einen Mädchennamen zu benutzen! Also!!“
„Christine glaubt, die Nachahmung hat stattgefunden, als sie einen Jungen gespielt hat. Damit schienen sie kein Problem zu haben!“

Der Prediger warf meiner Mutter einen Blick zu, der jede andere einge-schüchtert hätte, nicht aber meine Mutter. „Susan, das ist das Lächerlichste, was ich jemals gehört habe. Ich kann nicht glauben, dass sie sich dermaßen von einem Kind auf der Nase rumtanzen lassen.“

„Das ist aber eine Erkenntnis!“ sagte Mom und ich konnte die Ironie in ihrer Stimme hören, „ich wünschte nur, wir hätten uns von ihnen schon vor Jahren beraten lassen. Dann hätten wir uns viel Geld erspart, das wir uns kaum leisten konnten, ganz abgesehen von Familienstreitereien, Arztuntersuchungen, -beratungen und Therapien. Sie schnipsen nur mit den Fingern und haben die Antwort. Also lagen all die Ärzte und Therapien die ganze Zeit falsch!“
„Susan, sie brauchen nicht sarkastisch zu werden!“
„Was empfehlen sie denn, wie ich mit einem bigotten Idioten wie ihnen umgehen soll, Herr Pfarrer? Wenn ich nicht ein wenig sarkastisch werden dürfte, würde ich wahrscheinlich richtig wütend werden. Ich denke, diese Unterhaltung ist beendet. Ich erlaube nicht, dass sie meine Tochter mehr verärgern, als sie es schon getan haben.“

Ich war so stolz auf meine Mom. Auf der anderen Seite war ich aber auch traurig, dass unser Leben mit der Kirche zu Ende zu sein schien. Ich mochte die Kirche und das Singen im Kirchenchor und einmal durfte ich sogar das Solo singen. Jetzt, so schien es, hatte ich eine Sünde begangen, die mich als Christen disqualifizierte. Ich fragte Mom danach, aber sie wusste auch keine Antwort. Sogar Dad stimmte mir zu, hatte er sich doch von der Kirche Hilfe beim Umgang mit der Situation erhofft. Nun, diese Option hatten wir wohl nicht.

Am folgenden Sonntag gingen wir zu einer anderen Kirche. Für mich war das komisch, aber die Leute waren freundlich und Mom und Dad hofften, dass das unsere neue kirchliche Heimat werden könnte. Wir waren schon dreimal da, als eines Abends zwei von den Dekanen vorbeikamen. Einer von ihnen lobte anfangs mein Aussehen wie zum Beispiel „endlich mal ein Mädchen, das sich auch kleidet wie ein Mädchen“. Sein Verhalten änderte sich drastisch, als Mom ihm meine Situation erklärte. „Warum hast du ihm das gesagt?“ fragte ich unter Tränen, als sie wieder weg waren. „Das musste ich“, sagte Mom, „irgendwann hätten sie das sowieso rausgefunden und ich wollte nicht, dass sie denken, wir hätten sie hintergangen!“

Bei der dritten Kirche war es dasselbe, diesmal kam der Pastor. Er musste gar nichts sagen, ich konnte alles in seinem Gesicht lesen, als Mom die Ereignisse des Sommers erläuterte. Die vierte Kirche war toleranter, aber Mom sagte, sie hätten nicht so viele Angebote für Kinder und so traten wir dort auch nicht ein. Dad hatte schon ziemlich resigniert und so versuchten wir nur noch eine und wurden wieder abgewiesen. „Ich denke, ich verstehe“, sagte er zum Pfarrer, „mein ganzes Leben habe ich die Kirche für einen Ort gehalten, wo Sünder versuchen, ein besseres Leben zu führen und sich dabei gegenseitig zu helfen. Nun scheint es umgekehrt zu sein. Du musst perfekt zu sein, um zu einer Kirche gehören zu können. Das Ziel werde ich wohl niemals erreichen, so bleibt das wohl eine Geschichte zwischen mir und Gott.“

Um nicht den Anschluss zu verlieren, bot Mom an, den Kirchenunterricht zu Hause zu machen. Nach kurzer Zeit hatten wir unsere eigene Version von Sonntagsschule. Mom war die Lehrerin oder besser Moderatorin und die „fantastischen vier Amanda, Josh, Gail und ich waren die Schüler. Wir hatten wirklich eine tolle Zeit sonntags. Ohne es zu wollen, hatte diese Kirchengeschichte uns viel enger zusammengebracht. Sogar Dad und Amandas Eltern machten manchmal mit.

Als es langsam kälter wurde, beschloss Mom, dass es für mich Zeit wurde, Strumpfhosen zu tragen. „Du wirst sie hassen“, sagte sie, „ich wollte, es ginge anders, aber wenn du darauf bestehst, Röcke und Kleider zu tragen, müssen wir irgendwie dein Beine bedecken.“
„Aber Mom, mir ist nicht kalt!“ und es war wahr. Selbst an sehr frischen Morgenden hatte ich außer Unterwäsche nichts an unter dem Rock. Manchmal Kniestrümpfe aber meist nur Socken und es fühlte sich überhaupt nicht kalt an.
„Ich möchte nicht, dass du dich erkältest!“ sagte sie bestimmt und gab mir ein paar Strumpfhosen. Diese waren viel dicker als die, die ich schon mal angehabt hatte und während ich hineinschlüpfte fiel mir auf, dass sie den langen Unterhosen, die ich als Junge getragen hatte, etwas ähnlich waren. Die Strumpfhosen waren nur viel bequemer und außerdem hatten sie Füße und ich würde nicht mehr ständig aufpassen müssen, dass die Socken auch ordentlich saßen.
„Ich mag sie!“ verkündete ich, als ich sie hoch- und zurechtgezogen hatte. „Ich würde mir nur wünschen, sie wären nicht so dick. Ich glaube, diese sind zu warm.“
„Du magst sie?!?“ rief Mom überrascht. „Ich hätte gedacht, du hasst sie. Die meisten Mädchen weigern sich, welche zu tragen.“
„Ich mag sie!“ wiederholte ich, „aber kannst du mir etwas dünnere besorgen? Diese sind zu dick!“ Wieder einmal fanden wir einen Kompromiss. Mom ließ mich dünnere anziehen und ich liebte sie. Dafür hatte ich an richtig kalten oder stürmischen Tagen dicke anzuziehen und Mom legte fest, wann das war. Ich akzeptierte Moms Urteil ohne zu murren. Die meisten Mädchen liefen den ganzen Winter mit bloßen Beinen rum, hatten dafür aber auch häufig Erkältungen oder Husten. Was mir auffiel war, dass sich niemand über mich lustig machte. Ich war zwar so ziemlich das einzige Mädchen, dessen Beine immer bedeckt waren, aber irgendwie bewunderten mich alle, wie ich mit diesen „hässlichen Strumpfhosen“ rumlaufen konnte, ohne mich zu beschweren. Hässliche Strumpfhosen?? Ich liebte sie!!

Wie ich schon erwähnt habe, lief es in der Schule nach dem größeren Zwischenfall am ersten Tag eigentlich reibungslos. Ich hatte zwar nicht so viele Freunde, aber die brauchte ich ja auch nicht. In der Schule hatte ich Josh und Gail und am Wochenende zusätzlich noch Amanda. Und es gab eine Handvoll Mädchen in meiner Klasse, mit denen ich mich etwas anfreundete, aber von den Jungen schien niemand Zeit für mich zu haben, aber das wunderte mich nicht wirklich. Aber da war ein Junge in meiner Klasse, Adam, von dem ich irgendwann den Eindruck bekam, dass er mich beobachtete. In der Klasse, im Speisesaal und sogar auf den Gängen. Es war nicht diese Art ‚beobachten nach einer Gelegenheit sich über mich lustig zu machen‘. Auch nicht die Art, die Mädchen sich von Jungen wünschen. Es war mir nicht so richtig klar – er schien irgendwie jede meiner Bewegungen zu studieren. Eines Tages hatte Adam seine Chance und er ergriff sie. Josh war auf einem Ausflug und Gail hatte einen Zahnarzttermin, also saß ich beim Mittagessen alleine. Als ich mein Mittagessen und meine Milch auspackte, kam Adam vorbei und fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe. „Klar!“ sagte ich. Den ganzen Ärger von vor einigen Monaten war fast vergessen, außerdem würde er sich hier in der Cafeteria nichts trauen.

Wir saßen da und fingen zu essen an und sprachen kaum. Adam war offensichtlich nervös. Er sprach über Gail und wie hübsch sie wäre und das wir drei wohl gute Freunde sein mussten, weil wir ständig zusammen waren. Wir sprachen über den Mathe Unterricht und seine Schwierigkeiten mit der Multiplikation. „Wenn du magst, helfe ich dir nach der Schule“ bot ich an.
„Wirklich?“ freute er sich, „ginge das auch heute? Du könntest mit zu mir nach Hause kommen. Meine Mom wird da sein, aber sie wird uns nicht stören!“
„Ich denke schon, ich muss nur meine Mom anrufen und sagen, wo ich bin!“

Adam schien noch nervöser zu werden und als wir mit dem Essen fertig waren, gingen wir wieder zum Unterricht. Als der Unterricht dann zu Ende war, rannte Adam hinter mir her wie ein kleiner Hund. Ich dachte schon, nun … dass er vielleicht 'auf mich stand' … Mann-o-mann – was lag ich falsch!

Wir brauchten etwa eine halbe Stunde, um zu ihm nach Hause zu laufen. Dann bestand seine Mutter darauf, dass wir eine kleine Pause mit Keksen und Milch machten. Ich rief Mom an und sie versprach, mich abzuholen, wenn wir fertig wären. Schließlich führte Adam mich hoch in sein Zimmer.

Ich war nicht vorbereitet auf den Anblick von Adams Zimmer. Er sah eigentlich aus wie ein typisches Jungenzimmer – bis auf die Tatsache, dass es total aufgeräumt und pingelig sauber war. Das Bett war gemacht, es lagen keine Klamotten rum und sein Schreibtisch war aufgeräumt. „Da hast du aber Glück!“ sagte ich, „räumt deine Mom dein Zimmer immer so auf wie heute?“ „Tut sie nicht – ich räume immer auf, bevor ich in die Schule gehe. Ich hasse Unordnung“.

Spätestens hier hätte ich eine Ahnung haben sollen, worum es eigentlich ging, aber schließlich war ich erst achteinhalb. Also machten wir uns an die Multiplikation und innerhalb kürzester Zeit kriegte Adam das wirklich perfekt hin. „Du solltest Lehrer werden, wenn du mal groß bist“, sagte er zu mir, „du kannst wirklich besser erklären als Frau Anthony“. „Danke“, antwortete ich, „aber du warst auch viel besser, als ich befürchtet habe“.
„Ja…“, druckste er rum, „Christine … darf ich dich was fragen?“
„Klar!“
„Wie ist das? Ich meine, ein Mädchen zu sein?“
„Weiß nicht… so ähnlich, wie ein Junge zu sein … ich denke darüber nicht nach … ich bin eben einfach so, wie ich bin …“
„Aber du warst mal ein Junge, nicht wahr?“
„Na ja – nicht ganz … Ich dachte, ich wäre einer, aber …“
„Und, wie ist das? Zuerst ein Junge zu sein und dann ein Mädchen? Ist das ein großer Unterschied?“

Ich sah Adam an, vermutlich hatte ich ihn noch nie richtig angesehen. Zumindest nicht auf die analysierende Art wie jetzt. Für einen Achtjährigen sind alle einfach andere Leute, zumindest solange sie nicht enge Freunde sind. Bei mir war das jedenfalls so. Nun gut, ich „studierte“ andere Mädchen, aber mich interessierte nur, was sie trugen, wie sie aussahen und ob sie mich anstarrten. Als ich jetzt diesen Jungen studierte, entdeckte ich Überraschendes, es war ein wenig wie in den Spiegel zu schauen.

Adam war ein kleiner Junge, sogar noch kleiner als ich. Er hatte ziemlich dunkle Haut, schwarze Haare und dunkelbraune Augen. Die Augen waren etwas ähnlich wie Joshs, ernst und durchdringend. Er trug sein Haar etwas länger, nicht ganz bis zur Schulter aber glatt und glänzend und sorgfältig gekämmt. Seine Kleidung war normal für einen achtjährigen Jungen, Jeans und T-Shirt, aber alles sauber und gepflegt. Sollte ich tatsächlich jemanden wie mich selbst gefunden haben? Ich betrachte seine Hände und mir fiel erst jetzt auf, wie lang seine Finger waren und wie lang und gepflegt seine Nägel.

„Weiß nicht, Adam, schwer zu erklären. Mein Doktor hat mir einiges zu lesen gegeben und mir erklärt, dass viele Jungen Probleme damit haben, dass sie Jungen sind. Einige entdecken irgendwann, dass sie schwul sind, andere ziehen gerne Mädchensachen an und wieder andere wollen Mädchen werden. Aber ich …“
„Du WARST einfach ein Mädchen, nicht wahr?“ half er mir.
„Ja … ich meine, als ich das erste Mal ein Kleid in der Öffentlichkeit anhatte, das fühlte sich an … irgendwie … habe ich mich zum ersten Mal im Leben wohlgefühlt.“
„Wurdest du nicht gehänselt und so …?“
„Oh ja – ständig! Was da in der Schule alles passiert ist…“
„Hat dich das nicht verletzt?“
„Natürlich hat es das! Tut es immer noch, und ich kann nicht mit den anderen Mädchen zusammen duschen, weil ich ja noch die Jungenteile habe und mein Dad ist unglücklich, dass ich die ganze Zeit ein Mädchen bin … das ist schon manchmal ganz schön hart …“
„Aber warum machst du das dann? Ich mein, warum ziehst du dich nicht wie ein Junge an und benimmst dich einfach wie ein Junge?“
„Weil ich KEIN JUNGE bin, Adam!“
„Aber, woher weißt du das? Ich meine, unter deinem Kleid siehst du aus wie ein Junge, oder?“
„Keine Ahnung woher, Adam – ich weiß es einfach! Aber warum fragst du all diese Fragen?“

Zu meiner großen Überraschung fing Adam zu weinen an. „Weil … weil, jedes Mal, wenn ich dich angucke und mir vorstelle, dass du ein Junge warst, dann finde ich, wie viel Glück du gehabt hast. Ich habe mir immer versucht vorzustellen, wie es wäre, ein Mädchen zu sein. Und du bist immer so hübsch!“

„Hast du das deiner Mom und Dad erzählt?“ fragte ich, weil das für mich das normalste von der Welt gewesen wäre. Moms und Dads waren doch schließlich genau dafür da!
„Bist du verrückt?“ fragte Adam so heftig, dass ich Angst bekam. „Mein Dad hat uns verlassen, als ich noch ein Baby war und Mom würde mich umbringen – da bin ich sicher!“
„Dein Dad ist weg – aber warum?“ Die Erkenntnis, dass viele Kinder bei nur einem Elternteil aufwuchsen war noch nicht zu mir durchgedrungen.
„Keine Ahnung – er ist halt abgehauen …“

Ich fühlte mich nicht ganz wohl mit der neuesten Richtung dieser Unter-haltung, aber ich hatte Glück und Adams Mutter rettete mich und ordnete eine Essenspause an. „Christine, würdest du gerne bleiben? Ich könnte deine Mutter anrufen – wir haben genug zu essen.“
„Vielen Dank!“ antwortete ich, „aber ich glaube, ich sollte nach Hause gehen.“
„Bitte bleib!“ bettelte Adam. Keine Ahnung warum, aber ich verspürte einen Drang, zu bleiben. Vermutlich war das meine Neugier, wohin Adam das Thema noch treiben würde, wenn er die Chance hätte.

Es war ein tolles Essen – vor allem, wenn man bedenkt, dass Adams Mom den ganzen Tag gearbeitet hatte. Adam hatte mir erzählt, dass er seiner Mom erklärt hatte, wer ich bin, was bedeutete, dass sie wusste, dass ich DAS Mädchen war, aber sie ließ sich überhaupt nichts anmerken. Sie war freundlich und nett und ihre einzige Bemerkung war, dass ich aber einen gewaltigen Appetit für so ein kleines und hübsches Mädchen hätte. Nach dem Essen halfen Adam und ich beim Spülen und Aufräumen und dann war es auch halb acht – die Zeit, wo Mom mich abholen wollte.

Mom und Frau Williams verstanden sich auf Anhieb prächtig. Während sie sich noch unterhielten, fragte Adam mich, ob ich am Samstag vorbeikommen wollte. „Wir könnten ein wenig spielen – ich habe ein neues Videospiel und ich wette, das gefällt dir. Nachmittags könnten wir ins Kino gehen.“
„Weiß nicht … ich frag normalerweise meine Kusine, bevor ich alleine was unternehme.“ Mom hatte das gehört und sagte: „Gail geht am Samstag mit ihrer Mutter shoppen. Ich denke, es wäre toll, wenn du den Samstag mit Adam verbringst – das heißt natürlich, wenn seine Mutter nichts dagegen hat…“
„Wir fänden das beide toll!“ freute sich Frau Williams, „ich versuche ständig Adam anzutreiben, sich mehr um Freundschaften zu bemühen, aber das ist das erste Mal, dass er auf jemanden zugegangen ist.“
„Das kenne ich – Christine ist genauso. Sie hat ihren kleinen und festen Freundeskreis und versucht überhaupt nicht, ihn größer zu machen. Ich bringe sie um neun rüber?“

So war ich verplant – ob es mir gefiel oder nicht. Ich hatte nicht wirklich etwas dagegen, aber einfach den Tag mit Josh zu verbringen wäre schon bequemer gewesen. Amanda würde wohl mit ihren neuen Freunden unterwegs sein. Die Truppe hatte Das Einkaufscenter für sich entdeckt und verbrachte jede freie Minute da – was auch immer sie da trieben.
„Das ist toll!“ rief Josh, als ich ihn anrief und ihm die Neuigkeit ver-kündete. „Ein paar Jungen haben mich gefragt, ob ich bei einem Basket-ballturnier mitspielen könnte, aber ich wollte dich nicht alleine zu Hause sitzen lassen. Jetzt hast du ja auch was zu tun.“ Nun gut – keine Hilfe in Sicht. Ich wusste, dass Josh sehr gerne Sport machte und er wusste, dass ich das nicht mochte. Und ich wusste, dass er diverse Gelegenheiten, Basketball oder Fußball oder so zu spielen abgesagt hatte, weil er Zeit mit mir verbringen wollte. Ich konnte mich also wirklich nicht beschweren, trotzdem kam ich mir irgendwie vernachlässigt vor. „Toll!“ sagte ich, „wir sehen uns morgen in der Schule!“ Mom rief schon, dass es Zeit wäre, ins Bett zu gehen.

Der nächste Tag war ein Donnerstag. Als ich auf dem Weg zur Cafeteria war, tauchte plötzlich Adam auf und fragte fröhlich: „Was dagegen, wenn wir zusammen essen?“
„Ich bin einverstanden – aber Gail und Josh werden da sein.“
„Toll, die wollte ich sowieso kennenlernen – wenn du nichts dagegen hast…“
Ich hatte absolut nichts dagegen. Josh und Adam verstanden sich auf Anhieb prächtig und bald waren wir vier dabei, uns angeregt zu unterhalten. Adam war ein nettes Kind und ich war froh, dass wir alle so gut miteinander auskamen. Als es klingelte und das Ende der Pause anzeigte, zog mich Gail zum Klo. „Der ist wirklich süß!“ sagte sie begeistert, sobald wir allein waren.
„Ja, kann sein!“ antwortete ich, während ich mein Geschäft erledigte.
„Du willst mir doch nicht wirklich erzählen, dass dir das nicht aufgefallen ist?“ warf sie mir von der anderen Seite der Tür vor. „Wie hast du ihn überhaupt kennengelernt?“
„Er ist einfach ein Kind in meiner Klasse“, verteidigte ich mich, „er hat mich gebeten, ihm mit Mathe zu helfen, und dabei haben wir uns angefreundet. Ich mag ihn – und Du?“
„Ohhh jaaa!“ rief sie, als es klingelte.
„Du gehst jetzt besser zum Unterricht!“ sagte ich, während ich fertig wurde, „wir sehen uns nach der Schule!“

Tatsächlich sah ich Gail nach der Schule, aber ich sprach nicht mit ihr. Adam hing schon an meinem Arm, als wir noch nicht einmal das Schulgebäude verlassen hatten. Als wir rauskamen, sah ich Gail und Josh da stehen und offensichtlich auf mich warten. Sie winkten und riefen „Bis später!“ und gingen weg. Ich war verwirrt – ich hatte noch nicht begriffen, dass sie dachten, Adam und ich hätten was am Laufen. „Vielleicht kannst du mit mir nochmal für den Mathetest Morgen üben. Ich bin noch nicht sicher, dass ich ihn bestehe …“ schlug Adam vor. Ich war noch total verwirrt, dass Gail und Josh so hastig verschwunden waren und sagte OK. Tatsächlich berauschte es mich ein wenig, Adam zu helfen. Er schien Mathe von mir sehr schnell zu lernen, während Frau Anthony vergeblich versuchte, irgendwas in seinen Kopf zu kriegen.

„Das ist eigentlich ganz einfach!“ dozierte ich, sobald wir in seinem Zimmer waren, „multiplizieren ist wie addieren – nur dass du es mehrmals tun musst. Wenn du addieren kannst, kannst du auch multiplizieren.“
„Vielleicht ist das das Problem – addieren kann ich auch nicht wirklich!“
„Da kann ich dir nicht helfen – du musst erstmal das Einmaleins des Addierens lernen. Ab da kann man sich den Rest herleiten.“
„Und wie macht man das?“ fragte er völlig verwirrt.
„Das ist einfach! Mein Dad hat mir beigebracht zu addieren wie Computer das tun. Die arbeiten nicht nach Tabellen und Regeln sondern sie wiederholen einfach das Addieren von Einsen und Nullen.“
Ich nahm einen Stift von Adam und zeigte ihm, wie 10 plus 10 20 ergab und 100 plus 100 200 und so weiter. So zerlegst du Zahlen in Hunderter, Zehner und Ziffern, addierst die einzelnen Teile und dann setzt du alles wieder zusammen.“
„Hört sich kompliziert an, ich denke, auf Papier rechnen ist schneller!“
„Ich wette, ich schlage dich beim Addieren von 2 dreistelligen Zahlen!“ schlug ich vor, „schreibe 2 Zahlen auf das Papier und die addieren wir dann – mal gucken, wer zuerst fertig ist!“
Adam nahm den Stift und schrieb 361. Dann wollte er die nächste Zahl darunter schreiben, aber ich stoppte ihn: „Nicht da drunter“ Auf die andere Seite des Papiers.“
„Ich kann die nicht addieren, wenn sie nicht in der Nähe stehen“, beschwerte er sich, „Das kann niemand!“
„OK, “ seufzte ich, „schreibe die andere Zahl auf die andere Seite und ich mache das. Und schreibe dieselben Zahlen oben auf eine Seite.“ Adam schrieb als zweite Zahl 556. Während er die beiden Zahlen auf ein anderes Blatt kopierte, schrieb ich das Ergebnis: 917.
„Wie hast du das gemacht?“ fragte er verwundert.
„Wie ich gesagt habe – ich habe 300 und 500 zusammengezählt und 800 raus-gekriegt. Dann 60 und 50 und das ist 110. Davon habe ich 100 abgezogen und zu den 800 hinzugefügt – macht 900. Und dann noch 1 plus 6 gibt 7. Also neunmal Hundert, einmal 10 und 7 mal 1 sind 917.“
„Wow!“ rief er, „funktioniert das immer?“
„Klar, aber wenn die Zahlen größer werden, muss man sich schon mal Notizen machen. Wenn du nicht weißt, dass 7 plus 5 12 ergibt, hast du ein Problem. Du kannst deine Finger benutzen wie Frau Anthony uns beigebracht hat, aber mein Dad hat mir geholfen, mir die Tabellen zu merken. So bin ich viel schneller und kann auch mit Fausthandschuhen noch rechnen.“
Wir rechneten ein paar Additionen, dann erklärte ich ihm, wie man multi-plizierte durch wiederholte Additionen. Ich merkte, wie seine Augen anfingen zu leuchten. „Hey, das ist einfach! Mom, guck mal was ich kann!“

„Du bist wirklich ein guter Lehrer, Christine!“ lobte Frau Williams, „ich habe Adam sich noch nie auf einen Mathetest freuen gesehen. Er behauptet, er wird eine Eins kriegen!“
„Das hoffe ich auch, Frau Williams, “ sagte ich schüchtern, „eigentlich habe ich nichts weiter gemacht, als ihm zu zeigen, wie mein Dad mir das beigebracht hat.“

„Ich wünschte, mein Dad wäre hier!“ sagte Adam nachdenklich.
„Das wünschte ich auch, Liebes!“ Fügte seine Mom hinzu, „aber vermutlich hat der wichtigeres zu tun!“
„Ich hasse ihn!“ rief Adam heftig.
„Du kannst ihn nicht hassen“. Rügte ihn seine Mutter, „du kennst ihn ja nicht einmal.“
„Stimmt, er ist nicht mal lange genug geblieben, dass ich ihn kennenlernen konnte. Deswegen hasse ich ihn!“
„Wir sprechen heute Abend darüber – Jetzt ist es Abendessenszeit und danach bringe ich dich nach Hause, Christine.“
„Oh vielen Dank, aber Mom hat gesagt, sie würde mich um 7 abholen.“

Adam und du, ihr vertragt euch wohl prima!“ sagte Mom, als wir nach Hause fuhren.
„Er ist nett!“ antwortete ich, „und er tut mir leid. Ich habe ihm dieses und jenes erklärt, wie Dad es mir gezeigt hat und das hat ihn richtig traurig gemacht. Ich glaube, mir ist bisher noch nie so richtig aufgefallen, wie viel Dad und du für mich tut.“
„Ach du Engel, wir lieben dich eben!“
„Meinst du Dad auch? Obwohl ich nicht mehr Christoph bin?“
„Natürlich liebt er dich immer noch – du wirst sehen, eines Tages ist das Thema keines mehr.“
„Glaube ich nicht, Mom! Ich weiß, dass Dad mich liebt, aber ich werde für immer das Mädchen sein, das mal ein Junge war. Sogar Adam … er fragt mich, wie das so ist.“
„Verletzt dich das, Liebes?“
„Natürlich verletzt mich das, Mom! Ich hasse es, eine Missgeburt zu sein. Aber das ist wohl mein Schicksal…“

Der Freitagmorgen begann mit dem Mathetest. Macht euch keine Sorgen, wenn ihr mit dem Test nicht fertig werdet. Das ist eine Aufgabe, mit der ihr vermutlich nicht fertig werdet.“ Sagte Frau Anthony, „ich will einfach sehen, wie weit jeder von euch ist. Gebt euer bestes und ich korrigiere die, während ihr bei der Gymnastik seid!“ Sie verteilte die Aufgaben und wir machten uns an die Arbeit.

„Und? Wie war’s?“ fragte ich Adam auf dem Weg zum Mittagessen. Ich hätte eigentlich nicht fragen müssen – so wie er strahlte.
„Ich habe eine „eins““, sagte er, „das war so cool – Frau Anthony dachte, ich hätte betrogen, weil ich noch nie eine „eins“ in Mathe hatte. Und ich habe auch nicht wie üblich rumgekritzelt.“
„Du hättest betrogen? Und was hast du gesagt?“
„Ich habe ihr erklärt, dass du es mir gestern beigebracht hast. Daraufhin murmelte sie: „Das ist eine Erklärung!“ Dann hat sie mir eine „Eins“ gegeben. Ich glaube, sie weiß, wie toll du bist, Christine!“
„So toll bin ich nun auch wieder nicht – ich habe einfach einen tollen Dad …“ Dann fiel mir ein, dass ich sowas nicht mehr sagen wollte, aber jetzt gerade konnte noch nicht einmal das Adams Stimmung trüben.

Als wir dann zum Essen am Tisch saßen, fehlte Josh. „Er sitzt mit ein paar Freunden dort drüben“ erklärte Gail.
„Warum?“ fragte ich.
„Weiß nicht … vielleicht kommt er sich ein wenig vernachlässigt vor. Ich meine, du hast in letzter Zeit ziemlich viel Zeit mit Adam verbracht.“
„Das ist doch verrückt!“ rief ich, „kann ich nicht zwei Freunde haben?“
„Christine“, erklärte mir Gail ganz leise, „Ich denke, es ist an der Zeit, dass du merkst, dass Josh nicht nur „ein Freund“ sein möchte. Er denkt, dass du langsam sehr eng mit Adam wirst und Adam in deinem Alter ist und Josh sieht auch, dass Adam wirklich süß ist …“

„Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich auf der Leitung gestanden. Alle, sogar unsere Eltern, dachten, dass Josh und ich ein Paar wären – nur ich nicht. Klar liebte ich Josh – und er mich -, aber ich liebte auch meine Eltern und Gail und Johnny. Für mich mit meinen 8 Jahren war das alles. Wie auch immer, ich musste das mit Josh wieder hinkriegen. Adam erzählte derweil Gail glücklich von seinem Mathetest. Also schlang ich mein Essen schnell runter und ging rüber zu dem Tisch, an dem Josh mit seinen Freunden saß.

„Guck jetzt nicht“ hörte ich einen von den Jungs sagen, „dein kleiner transsexueller Freund kommt gerade rüber …“ „Ihr Name ist Christine!“ blaffte ihn Josh an. Eigentlich wollte ich die Bemerkung übergehen, aber Josh machte allen klar, dass er mit solchen Sprüchen nichts zu tun haben wollte – egal ob mir ins Gesicht oder hinter meinem Rücken.

„Ich habe gehört, was du gesagt hast – Danke!“ sagte ich, als wir draußen und alleine waren.
„Schon OK – Niemand darf sowas über dich sagen, wenn ich dabei bin. Was wolltest du eigentlich, Christine?“
„Weiß nicht … Josh … nun, vielleicht müssen wir über Adam reden?“
„Sieht so aus, als wäre er ein nettes Kerl. Ich glaube, du magst ihn sehr, oder?“ Es waren nicht seine Worte – es war die Stimme, mit der er sie sagte, die klarmachte, dass sie ihm sehr schwer fielen.
„Josh, er ist ein Freund. Er brauchte Hilfe mit Mathe und ich habe ihm geholfen. Dabei haben wir uns angefreundet. Josh, meine und deine Eltern predigen mir ständig, ich bräuchte mehr Freunde.“

Josh guckte mich mit einem sehr merkwürdigen Blick an und sah dabei aus, als würde er gleich anfangen zu weinen. Was um alles in der Welt war … „ich habe mit meinem Dad gestern Abend über dich gesprochen …“ sagte er nach langer Pause.
„Dein Dad? Über mich?“
„Christine, es ist OK. Dad hat mir erklärt, dass du fast drei Jahre jünger bist als ich und dass ich nicht erwarten kann, dass du … bei … mir bleibst. Drei Jahre ist einfach viel, wenn man erst acht ist. Er sagte, wenn du jemanden in deinem Alter gefunden hast, solle ich mich für dich freuen. Er sagte, ich solle auch versuchen, jemanden in meinem Alter zu finden.“
„Jemanden finden?“ fragte ich verwirrt, „wofür jemanden finden? Will dein Vater nicht, dass wir befreundet sind, nur weil du älter bist?“
„Natürlich können wir Freunde sein! Ich dachte nur … ich meine, ich … ich würde gerne … den Leuten sagen, dass du meine Freundin bist …“

Ich war gelinde gesagt völlig fassungslos. „Du hast allen was erzählt?“ stammelte ich.
„Tut mir leid, Christine – ich dachte, du wüsstest das. Und ich dachte, du würdest genauso fühlen …“
„Wirklich?“
„Nun ja … ich weiß, du bist noch sehr jung, aber ich dachte …“
„Ich?“
„Christine, du weißt, dass ich dich liebe!“
„Deine richtige Freundin?“
„Ich wollte dich nicht verletzen, Christine … ich dachte nur …“
„Ich bin erst acht! Und ich bin … ehh … weißt du … also…“
„Du bist so toll! Und wenn schon - erst acht! Wenn ich 23 bin bist du 20! Aber Dad sagt, ich solle nicht versuchen, dich zu halten, wenn du lieber …“

Da war es schon wieder! Dieses elektrische Gefühl, dass ich das erste Mal hatte, als ich in Gails Sommerkleid schlüpfte. Dieses Gefühl von … ‚das ist soo richtig‘ und von angekommen bei der Bestimmung.
„Ich möchte deine richtige Freundin sein! Ich möchte allen sagen, dass du mein Schatz bist! Aber … ich meine … was ist wenn wir älter werden? Ich weiß noch gar nicht, ob Dad mir jemals diese Operation erlaubt. Vielleicht bin ich für immer ein …“
„Das ist egal!“ sagte Josh, „damit komme ich klar!“
„Aber Josh“, sagte ich nach einigem Zögern, „ich weiß noch nicht mal, was Freundin eigentlich bedeutet. Was wird denn jetzt anders?“
„Keine Ahnung, ich nehme an, wir verbringen Zeit miteinander und gehen Tanzen und so was …“
„Aber das machen wir doch schon … verstehe ich nicht …“
„Da ist noch etwas …“ sagte er zunehmend nervös, und er wurde richtig rot. Er war so süß, aber irgendwas sagte mir, dass es nicht die passende Gelegenheit zum Kichern war. „Manchmal“ er murmelte so leise, dass ich ihn kaum verstand, „also, ich meine … manchmal umarmen Jungen ihre Freundin und sie … küssen!“

Diese elektrische Gefühl von Gänsehaut wieder! Dieses Mal gemischt mit etwas Panik. „Du willst mich küssen?“ „Wenn du willst?“ „Jetzt?“
„Nein!“ und er ließ meine Hand fallen, als wenn sie plötzlich zu heiß ge-worden wäre. „Vielleicht heute Abend!“
„Aber ich dachte, du hättest ein Turnier morgen. Musst du da nicht heute Abend trainieren?“
„Wollte ich eigentlich, aber das hier ist wichtiger! Heute Abend gibts einen Tanzabend in der Mittelstufe und ich sollte da hin. Ich würde mich freuen, wenn du mitkämst. Und vielleicht …“
„OK“, sagte ich freudig, „aber was ist mit Adam. Er hat nicht viele Freunde und er hofft, dass ich ihm weiter helfe mit der Schule.“
„Das ist OK“, sagte Josh großmütig. „Aber du musst ihm sagen, dass du jetzt einen festen Freund hast und dass du mit ihm heute Abend ausgehst!“

Wow, das war ein kleiner Preis – alle Mädchen an der Schule fanden Josh Reynolds einen ‚Traum‘ und jetzt war er mein fester Freund! Meiner! Und alles, was ich dafür tun musste, war Zeit mit ihm zu verbringen – und tanzen – und ihn manchmal küssen! Und Adam sagen, dass ich vergeben bin! War eigentlich nichts dabei, mit dem ich nicht klar käme!
Später ging ich – nein: schwebte ich zurück zum Unterricht. Acht Jahre alt (nun gut - beinahe neun ), noch nicht mal ein richtiges Mädchen und schon einen richtigen Freund! Und mein Freund war der coolste Junge der ganzen 6.Klasse!

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Re: Christine

Post 35 im Thema

Beitrag von cora » Do 24. Aug 2017, 09:56

Vielen dank für diese super süße Geschichte...
Ich lese sie immer gerne, und ich kann mich richtig hineinversetzten weil sie einfach schön geschrieben ist.

Mach ruhig weiter und lass dich nicht stressen, von wegen .... wann .. wann, wann kommt der nächste Teil :)
nur ... lass sie bitte nicht so Enden

lg Cora

Claude
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Re: Christine

Post 36 im Thema

Beitrag von Claude » Mi 20. Sep 2017, 18:10

Christine Kapitel 10 Der erste Kuss

Christine muss nach der Auseinandersetzung mit Josh Adam zurechtweisen. Sie geht mit Josh zu einem Tanzabend in der Mittelschule und die Sache läuft ein wenig aus dem Ruder. Aber Christine lernt ihre Freunde neu kennen und noch wichtiger: Ihren Dad.

Gail war schon wieder in ihrer Klasse, deshalb musste ich bis nach dem Unterreicht warten, um ihr alles zu erzählen. Eigentlich wollte ich, dass sie die erste war, der ich alles erzählte, aber ich musste auch dringend Adam informieren. Ich fürchte, ich war keine sehr aufmerksame Schülerin an dem Nachmittag, sah ich mich doch ständig mit Josh in den Hauptrollen von den ganzen Liebesfilmen, die Mom ständig guckte. In meiner Fantasie machten wir die ganze Zeit rum mit im Wald Spazierengehen, tanzen, küssen und eines Tages … heiraten! Frau Anthony musste mich mehrmals ermahnen und wenn sie der Klasse eine Frage stellte, war meine Hand nicht, wie sonst, als erste oben, sondern eher selten.

„Kannst du heute Abend vorbeikommen?“ fragte Adam sobald die letzte Stunde zu Ende war, „Es gibt Pizza zum Abendessen und meine Mom macht eine unglaubliche Pizza!“
„Tut mir leid, ich kann heute nicht, Adam, “ sagte ich, „ich gehe mit meinem Freund tanzen.“
„Dein Freund?“ fragte er, „du hast einen Freund? Und du gehst zum Tanzen?“ Sein Blick dabei war totale Ehrfurcht.
„Ja, ich gehe mit Josh zu einem Tanzabend in der Mittelschule.“
„Josh ist dein fester Freund?“
„Ja…“

Adam sagte nichts mehr. Ich konnte erkennen, dass er traurig war, aber er ließ sich nichts anmerken. „Das heißt wohl, dass du morgen auch nicht kommst?“
„Doch, wollte ich eigentlich. Willst du nicht, dass ich komme?“
„Oh doch!“ antwortete er, „aber ich dachte … jetzt, wo du einen Freund hast, willst du sicher alle Zeit mit ihm verbringen?“
„Nein!“ versicherte ich ihm, „Josh spielt morgen den ganzen Tag ein Bas-ketballturnier und ich habe mich schon gefreut, den Tag mit dir zu verbringen.“
„Toll“, rief er und sein Gesicht hellte sich merklich auf, „bis Morgen dann …“
„Meine Mom bringt mich gegen 9!“ Dann sagte er noch Josh und Gail, die gerade kamen, ‚Hallo‘ und weg war er…

„Worum ging es?“ wollte Gail wissen. „Er war ein bisschen enttäuscht, als ich ihm sagte, ich hätte jetzt einen festen Freund“, antwortete ich verschmitzt.
„Du hast was?“
„Einen festen Freund“, antwortete ich so beiläufig wie möglich, „Josh und ich sind zusammen!“
„Josh??“ sie schaute ihn fragend an und sein Erröten bestätigte, was ich gerade gesagt hatte.
„Klar Josh! Wer denn sonst?“
„Also, Chris! Hast du das also endlich gemerkt. Der ganzen Welt ist das schon lange klar, dass Ihr zusammen seid – aber Adam, ich dachte…“
„Adam? Um Himmels willen! Nein! Also, er ist ein netter Junge und ich mag ihn – aber … nicht so!“
„Wunderbar! Das heißt, ich kann ihn haben?“
„Gail, ich glaube nicht, dass er an mir oder dir als feste Freundin inte-ressiert ist, aber probier’s aus! Auf jeden Fall ist er cool und bestimmt ein toller Freund.“

Langsam wurde es mit dem Tanzabend ernst. Josh hatte mir erzählt, dass Amanda auch da wäre und so rief ich sie an und fragte, was ich denn anziehen könnte. Sie empfahl mir ein Partykleid. „Es wird sicher einige Mädchen geben, die sogar eine Jeans anhaben werden, aber ich weiß, wie gerne du dich aufbrezelst und ich ziehe auch ein Kleid an, dass Mom mir diese Woche gekauft hat.“
„Wie wäre es mit dem gelben, das ich von dir geerbt habe?“
„Perfekt, passt dir das denn?“
„Klar, ich suche schon lange nach einer Gelegenheit… Du hast nichts dagegen?“
„Warum sollte ich? Es ist jetzt deins!“

„Josh kam in einem neuen braunen Anzug und mannoman, sah er toll aus! Wie durch ein Wunder schien er eine Handbreit oder so gewachsen zu sein in dem Anzug. Ich fühlte mich wie ein Zwerg neben ihm, aber er dachte, ich wäre das schönste Wesen der ganzen Welt. Frau Reynolds wusste wahrlich, wie man schöne Sachen für seine Kinder aussuchte.

Frau Reynolds setzte uns an der Schule ab und es war verabredet, dass Mom uns abholen sollte. Die Mittelschule war erst 4 Jahre alt und die größte Schule in der Stadt. Ich war noch nie drin gewesen und total fasziniert von der Einrichtung. Der Tanz fand in der Gymnastikhalle statt und die war wirklich riesig. An den Wänden der Längsseiten waren Tische aufgestellt und an einem Kopfende eine Kantine, wo man Kleinigkeiten und Getränke kaufen konnte. Und natürlich war in der Mitte die große Tanzfläche. Amanda erklärte uns, dass man in der Mittelschule solche Tanzabende gerne organisierte, damit die Heranwachsenden sich an den Umgang mit dem anderen Geschlecht gewöhnten. „Aber die meisten Kinder tanzen nicht“, sagte sie, „sondern stehen nur rum und versuchen, cool auszusehen.“

„Josh! Hierher!“ rief ein Stimme. Das war Greg, einer seiner Basketball Kumpels.
„OK, Bruder, wir sehen uns!“ sagte Amanda und zog mit ihrem Date von dannen. „Christine, Viel Spaß und ihr zwei, zeigt’s ihnen – wie damals auf dem Campingplatz!“
„Das ist deine Freundin?“ fragte Greg grinsend, als wir uns dem Tisch nä-herten, „sieht eher aus wie deine kleine Schwester!“
„Das ist Christine!“ stellte Josh mich vor, „und ja, Greg, sie ist meine Freundin – das ist jetzt offiziell!“
„Josh und der Zwerg – trägt sie noch Windeln?“
„Ich wäre an deiner Stelle etwas vorsichtiger, was ich sage!“ sagte Josh ganz ruhig, „wir sehen uns morgen beim Turnier…“
„Bringst du da auch den Zwerg mit um dir helfen zu lassen?“
„Lass sie in Ruhe, Greg!“ befahl Todd. Todd war der größte von den Jungen und außer Josh der Einzige von den sechs Jungs mit einem Date. Offensichtlich war er so eine Art Chef der Truppe.

„Komm, Christine, lass uns tanzen!“ sagte Josh als in dem Moment die Musik anfing. Ich war froh, von Greg und seinem Sprüchen wegzukommen.

Das war der erste Tanz in diesem Schuljahr. Es lief so, wie man das beim ersten Mittelschul-Tanzabend erwarten konnte: Es waren nicht so viele 12-jährige gekommen und das waren meist Mädchen. Und eigentlich niemand hatte einen Partner. Und die meisten anwesenden Jungs waren auch ohne Partnerin und ziemlich nervös. Sie taten, was Teenager-Jungen immer tun, wenn sie nervös sind. Sie kasperten rum, machten sich lustig über alle, die tanzten oder besser angezogen waren als sie selbst oder Partnerinnen hatten. Auch von den Älteren konnte kaum jemand gut Tanzen und so stachen Josh und ich, Amanda und ihr Partner und vielleicht sechs andere richtig raus. Während wir tanzten, konnten wir die neidischen und bewundernden Blicke sehen, aber in den Pausen waren wir das Opfer von Neckereien und blöden Kommentaren.

„Dein Freund Greg scheint ja ein bisschen ein Arschloch zu sein…“ kommen-tierte ich beim Tanzen.
„Ja“, stimmte mir Josh zu, „er ist ein ganz guter Basketballspieler, aber sein Gehirn scheint ihm in den Sackschutz gerutscht zu sein. Aber er wird sich nicht trauen, sich mit mir anzulegen. Er wird nur so weit gehen, dass es nicht ernst wird.“
„Du würdest dich aber nicht mit ihm prügeln, oder, Josh?“
„Nein ich prügel mich nicht, aber es gibt alles Mögliche, was ich ihm auf dem Spielfeld antun kann. Er ist zwar größer als ich, aber ich bin viel schneller. Ich kann ihm eine unterhalb der Gürtellinie verpassen und bevor er merkt, was passiert ist, bin ich am anderen Ende der Halle. Oder ich bringe ihn zum Stolpern, wenn er gerade werfen will – sowas halt. Und wenn er dann wütend wird und handgreiflich, wird er als Rowdy vom Platz gestellt.“
Ich dachte über Joshs Ausführungen nach. Klar war Josh einer der jüngsten und kleinsten in der sechsten Klasse. Einige Jungen waren schon richtig in der Pubertät und bekamen dunklere Stimmen und mehr Muskeln. Bei Josh gab es noch keinerlei Anzeichen, dass er einmal etwas anders haben würde als den wundervollen Sopran, den ich so liebte. Er wuchs zwar – aber langsam. Er war zwar kleiner als die meisten seiner Klassenkameraden, aber er war ordentlich durchtrainiert, ein erprobter Teamspieler und er hatte vor niemandem Angst. „Ich wünschte, ich wäre so durchtrainiert wie du!“ sagte ich nach dem Tanz, „du bist so … ich weiß nicht … so … du fürchtest dich vor nichts und niemandem.“ „Oh doch, das tue ich!“ sagte er und drückte meine Hand, „ich habe furchtbare Angst, dass ich eines Tages aufwache und feststelle, dass du nur ein Traum warst. Dass es dich gar nicht gibt. Aber du, Christine, du musst dich vor niemandem fürchten. Jeder, der sich mit dir anlegt, kriegt es mit mir zu tun! Das ist meine wichtigste Aufgabe.“

Wir setzten einige Tänze aus. Sie spielten langsame Stücke, einige 50iger und sechziger rock and roll und einiges an Country. Die tanzten wir alle, aber sie spielten auch eine Menge modernen Rock und weder Josh noch ich mochten das Zeugs. In unseren Augen hatte das nichts mit Tanzen zu tun, sich gegenüber zu stehen und mit dem Körper zu wackeln. Ich glaube, selbst mit unseren acht und elf Jahren waren wir ein wenig altmodisch, aber wir hatten das eben so gelernt und mochten die Präzision der Bewegungen bei den alten Tänzen.

„Darf ich um diesen Tanz bitten?“ fragte Erin, als sie einen Walzer auf-legten. „Das heißt natürlich nur, wenn Josh nichts dagegen hat?“ „Für mich ist das OK!“ sagte Josh mit einem Lächeln. Ich konnte Erin gut leiden, er war mit seinen dreizehn einer der älteren in Joshs Gruppe, er sah gut aus und wie Josh war er sensibel, ruhig und freundlich. So errötete ich ein wenig, nahm seine Hand und ließ mich zur Tanzfläche führen.

„Josh mag dich sehr!“ sagte er, als wir zu tanzen anfingen. Ich war über-rascht, wie gut er tanzen konnte. Er hatte dasselbe gelassen-ruhige Selbstbewusstsein, das ich an Josh so mochte. „Danke!“ antwortete ich nervös.
„Wie alt bist du denn jetzt wirklich?“ fragte er.
„Acht ein halb“, versuchte ich mich so alt wie möglich zu machen.
„Oh“ sagte er, „ich glaube, du siehst aus wie acht, aber in mancher Hinsicht wirkst du viel älter. Vermutlich hat das mit dem Mist, den du aushalten musstest, zu tun.“
„Mist?“ fragte ich, „was für ein Mist?“
„Nun, der Streit mit Frau Davis, die ganzen Ärzte und ich wette, es gibt genug Kids, die dich ständig hänseln.“
„Oh“ sagte ich etwas enttäuscht, „du kennst DAS alles!“
„Ja klar, jeder kennt das alles. Du bist ein Held für alle, die von der Jefferson Grundschule kommen. Frau Davis war eine Hexe und du hast sie entfernt!“

„Kennt wirklich jeder meine Geschichte?“ fragte ich.
„Oh ja! Aber Josh hat uns allen klar gemacht, dass jeder, der dich schlecht behandelt, es mit ihm zu tun kriegt. Außerdem kannst du ja nichts dafür, dass du einen Geburtsfehler hast. Trotzdem konnten wir das nicht verstehen, dass Josh sich freiwillig gemeldet hat, um zurückzubleiben. Aber jetzt, wo wir dich kennengelernt haben …“
„Freiwillig gemeldet? Josh hat sich freiwillig gemeldet, in der Grundschule zu bleiben? Ich dachte …“
„Ja, er hat sich freiwillig gemeldet. Ich dachte, du wüsstest das. Sie haben all die jüngeren und kleineren Sechstklässler nach Freiwilligen gefragt, weil sie hier nicht genug Platz für alle hatten. Er sagte, er wäre froh über die Chance, in deiner Nähe bleiben zu können. Aber das bedeutete für ihn auch, dass er nicht mehr mit uns zusammen ist und auch nicht mit uns Basketball spielen kann. Wir dachten alle, er wäre verrückt geworden, aber jetzt verstehe ich das. Du wirkst älter als acht und du tanzt besser als die Mädchen hier!“
„Du bist auch ein guter Tänzer, Erin!“ Antwortete ich, „wo hast du das gelernt? Immerhin gehen Josh und ich in zwei verschiedene Tanzvereine, aber …“
„Ich kriege Unterricht. Ich mag Tanzen genauso gern wie Basketball!“
„Du solltest mit zu unserem Tanzclub kommen! Wir haben da einen Heidenspaß!“
„Würde ich machen, wenn ich eine Partnerin hätte. Josh schwärmt die ganze Zeit, wie viel Spaß ihr habt. Ich suche eine Partnerin und sobald ich eine gefunden habe komme ich mit.“

Ich wäre gerne mit Josh zum Reden nach draußen gegangen, aber leider musste das warten. Es hatte in der Vergangenheit Probleme mit Drogen und Alkohol von Schülern gegeben, die sich während des Tanzabends draußen in die Büsche geschlagen hatten. Es gab sogar ein Paar, das beim Sex erwischt worden war. Seitdem wurden die Türen geschlossen. Ich wartete auf den nächsten Walzer und stellte ihn auf der Tanzfläche. „Erin hat mir erzählt, du bist FREIWILLIG an der Grundschule geblieben…“ warf ich ihm vor.
„Nun ja, eigentlich solltest du das nicht erfahren“ gab er zu.
„Josh, hältst du mich für ein Baby, das einen Beschützer braucht? Du hättest das nicht tun sollen!“
„Tatsächlich weiß ich inzwischen, dass du keinen Beschützer brauchst, sondern dich selbst um dich kümmern kannst – aber das wusste ich im August noch nicht.“
„Aber … Erin hat erzählt, dass du in der Basketballmannschaft nicht mit-spielen darfst, weil du kein Mitglied der Schule bist. Das ist aber doch wichtig für dich! Ich finde das nicht gut!“
„Wichtig? Nicht so wichtig wie du, Christine! Ist wirklich nicht schlimm, zurzeit genieße ich fast die Freizeit. Mitglied in einer Mannschaft zu sein ist manchmal schon furchtbar stressig. Immerhin habe ich so keine Terminkollisionen zwischen Basketball und Tanzen! Also mach dir keine Sorgen, OK?!“

Plötzlich wollte ich Josh so dringend küssen, dass es wehtat! Er hatte mir versprochen, mich heute Abend zu küssen, aber bisher noch keine Anstalten gemacht. Ob er das vergessen hatte? Hatte er sich plötzlich erinnert, was unter meinem Kleid versteckt war und es sich anders überlegt? Oder hatte er entschieden, dass wir noch zu jung zum Küssen waren? Für eine achtjährige war das schon ein ziemlich ernsthaftes Thema! Ich wollte gerade etwas sagen, überlegte es mir dann aber anders. Aber jetzt wusste ich, was für ein enormes Opfer er für mich gebracht hatte. Küssen oder nicht Küssen – auf jeden Fall war mir klar geworden, dass Josh mich mehr liebte, als ich mir jemals vorgestellt hatte. Und mir wurde mal wieder klar, dass ich diese Operation haben musste – und wenn ich es mit irgendeinem Messer selber tun würde… Ich musste einfach für Josh ein richtiges Mädchen sein!

Es war kein sehr langer Tanzabend, schließlich waren alle Kinder noch im Alter der Mittelstufe. Ich war die einzige Jüngere, aber es gab auch einige Zehn- oder Elfjährige, und so war etwa um halb Zehn Schluss. Tatsächlich kamen wir bei den Reynolds zu Hause manchmal mehr zum Tanzen, aber hier konnte ich Josh’s Freunde kennenlernen. Mit Stolz – aber auch ein wenig Neid – konnte ich beobachten, dass Josh gut anerkannt unter seinen Freunden und Klassenkameraden war. Er war charmant und witzig – gut, das habe ich gewusst – aber auch ein sehr anerkannter Athlet. Seine Freunde haben einiges unternommen, um von der Schule die Genehmigung zu erhalten, das er auch als Schüler der Grundschule trotzdem in der Schulmannschaft spielen konnte. Josh sagte, das wäre für ihn nicht so wichtig, aber ich war da unsicher.

Gerade als wir zum letzten Tanz gehen wollte, kam Amanda an unseren Tisch. Ihre Eltern hatten erlaubt, dass ihr Date, Bruce, sie nach einem Imbiss nach Hause bringen durfte, aber Bruce war nirgends zu entdecken. „Habt ihr was dagegen, wenn ich mit euch komme?“ fragte sie Josh und mich.
„Natürlich nicht, Schwesterchen!“ sagte Josh, „wo ist Bruce?“
„Weiß ich nicht – ist mir auch egal! Er ist ein Knallkopf!“
„Was ist passiert? Hat er dir wehgetan oder sowas?“
„Lass es Josh – es ist nicht wichtig!“
„Verdammt doch, ist es! Wenn er dir wehgetan hat…“ hakte Josh nach.
„Er hat mir nicht wehgetan und jetzt lass es, Josh!“
Josh hakte weiter nach, während wir unsere Sachen zusammen packten. „Also, Amanda, was hat er gesagt?“
„Er sagte, du wärst gay!“ stieß sie endlich hervor.
„Gay?“ fragte ich, „was ist das? Hört sich doch nicht so schlimm an…“
„Vergiss es, Christine!“ sagte er, „es ist nicht wichtig.“
„Aber für Amanda war es wichtig!“ drängte ich, „Was heißt es, das er dich ‚gay‘ nennt?“
„Christine, das erkläre ich dir später, OK?“
„Ich will das aber jetzt wissen!“
„Das ist einfach Blödsinn! Ich bin nicht gay!“
„Aber was ist gay? Was ist so schlimm daran, gay zu sein?“ Bisher war ‚gay‘ für mich immer ein Synonym für ‚happy‘. Ich hatte das auch schon negativ belegt wahrgenommen, das aber ignoriert.
„Wenn ein Junge ‚gay‘ ist“, erklärte Amanda, „heißt das, dass er Jungens liebt. Er hat also nicht Freundinnen, sondern Freunde. Das ist nicht zwingend schlecht, steckt dich aber in eine bestimmte Schublade!“

„Und was hat das mit Josh …“ fragte ich – dann verstand ich, „OH! Es geht um mich, nicht wahr?“
„Es spielt keine Rolle, Christine!“ sagte Josh, gerade als wir Moms Auto kommen sahen.
„Ja Christine!“ bekräftigte Erin, „wir alle wissen, dass du kein Junge bist!“
„Aber … das bedeutet, dass du deinen Freund wegen mir verloren hast!“ sagte ich zu Amanda und spürte meine Depression wieder stärker werden.
„Nein, habe ich überhaupt nicht!“ bekräftigte Amanda, „selbst wenn Josh gay wäre und selbst wenn du ein Junge wärst und Josh und du zusammen wärt, selbst dann hätte Bruce kein Recht gehabt, zu sagen was er gesagt hat – einfach, weil es ihn überhaupt nichts angeht!“
„Es tut mir leid, Amanda!“ fing ich an zu weinen, „ich habe alles kaputt gemacht – schon wieder!“
„Du hast nichts kaputt gemacht!“ riefen Amanda und Josh gleichzeitig. „Du kannst nichts dafür, wie du geboren wurdest und wir können nicht verhindern, dass es Idioten wie Bruce auf der Welt gibt. Also ignorier es!“

Natürlich konnte ich das nicht ignorieren. Mom versuchte auf der Heimfahrt ein Gespräch zustande zu bringen, aber niemand ging darauf ein. Wir waren alle in Gedanken versunken. Josh und ich saßen auf dem Rücksitz und er hielt meine Hand so fest, dass es schon ein wenig wehtat. Aber das hätte ich ihm niemals gesagt. Als wir bei den Reynolds ankamen, erschien Frau Reynolds in der Haustür und rief Amanda, die als erste ausgestiegen war, etwas zu. Amanda steckte ihren Kopf wieder ins Auto und sagte „Mom möchte, dass ihr noch kurz auf einen Kaffee reinkommt, der ist auch schon fertig!“
„Na gut, für ein paar Minuten“, sagte Mom und machte den Motor aus.
„Wir bleiben hier“, sagte Josh und machte die Tür wieder zu.

„Christine“, sagte er, als wir allein waren, „bitte vergiss den Vorfall mit Bruce!“
„Ich kann nicht Josh“, schluchzte ich, „wegen mir wirst du beleidigt und Amanda hat ihren Freund verloren und …“
„Hör mir zu!“ befahl er und nahm mein Kinn in seine Hand, „hast du das Gefühl, dass du etwas falsch gemacht hast?“
„Hmm … öhh … nein!“
„Ich auch nicht! Und soweit ich mich erinnere, habe ich dir gesagt, dass ich ‚mit dir gehen‘ will – nicht anders rum.“
„Ich weiß, aber ich kann einfach nicht – ich kriegs nicht aus dem Kopf. Wird das denn nie aufhören?“
„Du weißt, dass es nicht aufhören wird, Christine! Aber wir müssen unser Leben leben und deshalb werde ich … öhh … das ist der Grund, warum ich …“

Er hörte mitten im Satz auf und saß in dem dämmrigen Licht im Auto und guckte mich eine Weile an – dann beugte er sich rüber und küsste mich. Es war nur ein leichter Kuss auf die Wange, aber immerhin ein Kuss! Ich schnappte nach Luft und sah ihn an. Er hatte einen ganz komischen Gesichtsausdruck – so, als wenn er was Unanständiges getan hätte. Und dann berührten seine Lippen meine. Es dauerte nicht lange – vielleicht eine oder zwei Sekunden – aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich jemals an einen Kuss so sehr erinnern werde wie an diesen – selbst wenn ich hundert Jahre alt werde! „Ich glaube, ich gehe besser rein!“ flüsterte Josh.

„Mach das nochmal!“ sagte ich ohne darüber nachzudenken. Dazu brauchte er keine zweite Aufforderung … und dann öffnete er die Tür, sagte „ich rufe dich morgen Abend an, sobald ich zu Hause bin!“ und rannte zum Haus.

„Josh hat mich informiert, dass du jetzt seine Freundin bist!“ sagte Mom, als wir auf dem Weg nach Hause waren.
„Mhh … ja“ antwortete ich abwesend.
„Liebling, meinst du nicht, du wärst etwas jung, um jemandes Freundin zu sein?“
„Nein Mom, tue ich nicht! Jeder beim Tanzen heute Abend hat gesagt, ich wirke älter. Wäre nur etwas klein. Außerdem war das Joshs Idee und er ist elf!“
„Findest du das fair gegenüber Josh?“
„Eigentlich nicht, aber ich kann nichts dafür dass ich erst acht bin!“
„Das habe ich nicht gemeint. Nicht nur jedenfalls. Mir ging es um … also …“
„Was ist damit, Mom? Josh weiß das und für ihn spielt das keine Rolle!“

„Amanda hat gesagt, einige Jungen beim Tanzen haben ihn ‚schwul‘ genannt.“
„Sie sagte aber auch, das waren Idioten! Und sie sagt, Jungen, die andere beleidigen, nur weil sie Jungen statt Mädchen lieben, sind selber abartig.“
„Christine, ganz so einfach ist das nicht!“
„Mom, denkst DU, Josh ist schwul?“ fragte ich, während wir ins Haus gingen.
„Wer ist schwul?“ fragte Dad.
„Niemand!“ antwortete ich.
„Es gab etwas Ärger beim Tanzen“ klärte Mom ihn auf, „Amanda hat erzählt, dass einige Jungen Josh ‚schwul‘ genannt haben.“
„Weil er mit Chris getanzt hat?“ fragte Dad und hatte dabei so einen ‚ich habe euch gewarnt‘ Gesichtsausdruck.
„Es ist schon etwas komplizierter“, führte Mom aus, „es sieht so aus, als hätte Josh ihnen Christine als seine feste Freundin vorgestellt.“
„WAS???“ schrie Dad und schoss aus seinem Sessel hoch.
„Liebling, sie sind nur Kinder!“ sagte Mom, „sie spielen doch nur, und ich bin sicher, dass sie keinen Unsinn machen. Es wird vorüber gehen.“

„Das geht nicht vorüber, Mom!“ widersprach ich.
„Vielleicht sind die beide schwul“, sagte Dad und beobachtete mich dabei neugierig.
„Ich bin nicht schwul, Dad!“ rief ich und fing an zu weinen, „und Josh auch nicht!“

„Ich hörte nichts weiter von der Diskussion – ich rannte hoch in mein Zimmer und schmiss die Tür zu. Ich warf mich aufs Bett und schluchzte. Ich weiß nicht, wie lange ich da so lag, aber ich war ziemlich ‚leergeweint‘, als ich ein leises Klopfen an der Türe hörte. „Darf ich reinkommen, kleine Erdnuss?“ fragte Dad. Ich mochte es, wenn er mich mit seinem Koseworten nannte. Als ich noch ein Junge war, waren das Champ oder Tiger oder Sohn. Jetzt als Mädchen lehnte er alles ab, was geschlechtseindeutig war und benutzte Zwerg oder Erdnuss oder Kümmerling. Aber die Namen waren alle liebevoll gemeint und das wusste ich auch. Mir wäre Prinzessin oder Engel lieber gewesen, aber das war halt nicht möglich – zumindest noch nicht.

„Wenn du willst“, sagte ich ohne mein Gesicht vom Kissen zu heben. Ich fühlte das Bett sich bewegen, als Dad sich neben mich setzte. Dann fühlte ich ihn die Knöpfe an meinem Kleid hinten öffnen. „Was dagegen, wenn dein Dad seine Erdnuss bettfertig macht?“
„Wenn du willst“, sagte ich. Ich bewegte mich nicht.
Ich mochte es, wenn er mich berührte. Egal wann oder wo, ich liebte einfach das Gefühl von Dads Händen. Er öffnete vorsichtig alle Knöpfe, dann zog er mir die Schuhe aus. Dann griff er unter das Kleid und zog die Strumpfhose runter und aus. Dann griff er wieder unter das Kleid und zog den Slip aus.

„Möchtest du ein Bad?“ „Heute nicht!“ antwortete ich, „zu müde!“
„Liebling, was ich da eben über Josh und dich und schwul gesagt habe, “ sagte er, während er versuchte, mir mein Kleid über den Kopf zu ziehen. Ich hatte mich immer noch nicht bewegt und mein Gesicht war immer noch im Kopfkissen vergraben, „ich …. Also ich habe das alles nicht so gemeint. Ehrlich. Wahrscheinlich habe ich tief drinnen gehofft, ihr wärt schwul. Das hätte für mich alles erklärt. Aber Josh ist wirklich ein toller Junge und wenn er und du … nun … so … besondere Freunde sein wollt, ist das OK! Und ich möchte, dass du weißt, wenn du älter wirst und feststellst, dass du schwul bist, dann ist das OK! Viele Jungen sind schwul und das macht sie nicht zu schlechten Menschen. Und ich liebe dich auf jeden Fall!“

„Dad, ich bin nicht schwul!“ sagte ich und setzte mich auf, damit er mir das Kleid über den Kopf ziehen konnte, „ich kann doch gar nicht schwul sein, weil ich kein Junge bin. Verstehst du eigentlich gar nichts?“
„Kann sein du bist, kann auch sein du bist nicht – was auch immer: ich liebe dich!“

Inzwischen war ich nackt bis auf das Mieder, das Mom mir mit den Da-menbinden zusammengebaut hat. Dad löste die Knöpfe und zog es mir über den Kopf. „Was ist denn das?“ fragte er, als er mein letztes Kleidungsstück sah.
„Das hat Mom mir gebaut!“ antwortete ich, „das hält meinen Puller fest am Körper, so dass man ihn nicht sieht.“
„Sieht ein bisschen aus wie ein Sackschutz“, stellte er fest.
„Daher hatte Mom auch die Idee. Sie legt eine Binde vorne rein und macht eine kleine Vertiefung für den … du weißt schon. Aber statt der zwei Bändchen wie beim Sackschutz hat es nur eins in der Mitte. Ich trage es ständig!“
„Stört dich das Bändchen in der Ritze nicht?“
„Nö, ich mag es. Ich mag alles, was hilft diese Teile zu verstecken!“
„Trägst du das auch nachts?“
„Nein!“ ich musste etwas kichern.
„Darf dein Dad es ausziehen?“ fragte er vorsichtig.
„Daddy darf alles was er möchte! Es gibt drei Menschen auf der Welt, die sehen dürfen, was da drin ist und Daddy ist einer davon!“
„Drei?“ fragte er.
„Ja, du und Mom und Gail“.

Jetzt war ich vollständig nackt. Dad hatte mich seit Monaten nicht mehr nackt gesehen. Es fühlte sich gut an. Ich war überrascht, dass ich mich nicht unwohl dabei fühlte. Dad langte um mich rum nach meinem Nachthemd und zog es mir über den Kopf. „Musst du noch ins Bad?“ Ich schüttelte den Kopf. „Gut, dann hinein mit dir!“ und er hielt mir die Bettdecke auf und ich kletterte rein. „Vergibst du mir?“ fragte er. Ich nickte: „Ich liebe dich, Daddy!“ Er küsste mich auf die Stirn und sagte „Und vergiss nicht: Junge oder Mädchen, schwul oder nicht schwul – ich liebe dich! Gute Nacht Erdnuss!“

Es war so gemütlich im Bett und ich so schläfrig, aber ich wusste, dass sie über Dinge reden würden, die ich unbedingt wissen wollte und so kletterte ich wieder aus dem Bett und nahm meinen Horchposten auf der obersten Treppenstufe ein.

„Sie liebt dich so sehr!“ hörte ich Mom sagen, „Ich wünschte mir, du könntest akzeptieren, dass sie deine Tochter ist.“
„Ich gebe mir wirklich Mühe, Susan“, sagte Dad, „Ich will ihm das Gefühl geben, dass ich ihn liebe und, glaube mir, ich versuche so intensiv, ihn oder sie zu akzeptieren. Ich habe ihn eben nackt ausgezogen und ins Bett gebracht. Und tatsächlich fühlte sich seine nackte Haut so weich an, wie bei einem Mädchen. Vielleicht hat er ja Recht und war schon immer ein Mädchen – aber seine Genitalien sehen so perfekt aus. Ich hätte ihn schon fast als Mädchen gesehen, dann sah ich seinen wunderschönen Penis und ich war nicht mehr bereit Christoph abzuschreiben.“
„Christoph ist Geschichte, John! Es hat ihn nicht wirklich jemals gegeben. Und es hat ihr soo viel bedeutet, dass du sie Christine genannt hast damals bei dem Treffen in der Schule. Sie ist verwirrt. Sie versteht nicht, dass du sie ‚draußen‘ akzeptiert hast und zu Hause, wo sie eigentlich in Sicherheit sein sollte, und das der schönste Ort der Welt sein sollte, ist sie ein Junge für dich!“
„Ich verstehe, was du meinst. Aber da draußen müssen wir zusammenhalten und zwar bis irgendjemand richtige Beweise bringt. Und solange versuche ich mehr Zeit mit ihm zu verbringen und solange er mich lässt, will ich ihn so oft wie möglich ins Bett bringen oder sogar baden.“
„Dann, denke ich, hast du den Job noch für einige Jahre, denn sie betet dich wirklich an und ein Mädchen zu sein hat daran gar nichts geändert!“

„Ach übrigens“, sagte Dad, „habe ich diese Suspensoriumkonstruktion von dir gesehen. Echt eine tolle Idee!“
„Ja das funktioniert ganz gut – lässt diese ungeliebten Genitalien beinahe mit ihrem Körper verschmelzen.“
„Woher hattest du die Idee?“
„Ich habe nur etwas kombiniert. Sie trug Binden und die, die sie am liebsten mochte, waren die mit den Bändchen. Ich habe einfach das Konzept des Sackschutzes und die Dicke der Binden kombiniert. Man sieht die Konstruktion unter der Unterwäsche nicht – jedenfalls solange sie nicht diese hauchdünnen Slips anzieht, die sie so liebt. Aber den Preis zahlt sie gern.“
„Aber er hat dieses Bändchen in der Ritze, das würde mich wahnsinnig machen!“
„Ja, Liebling – das ist auch einer der Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Wir Mädels gewöhnen uns schnell daran, sobald wir unseren ersten Tampon mit Riemchen benutzen. Heutzutage gibt es alle möglichen Alternativen, aber an den stärksten Tagen sind die mit den Bändchen immer noch am besten.“
„Ich bin jedenfalls froh, dass du ihm das gebaut hast – er ist jetzt viel weniger verunsichert!“

Ich hatte plötzlich ein bisschen ein schlechtes Gewissen – meine Eltern so zu belauschen. Aber es tat mir auch gut, denn das war nochmal was anderes, als wenn Dad MIR sagt, dass er mich liebt. Jetzt hatte er das gesagt auch ohne dass ich anwesend war. Ich hatte jetzt alles gehört, was ich hören wollte und ich stand auf und ging ins Bett. Innerhalb einer Minute war ich fest am Schlafen.

Claude
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Re: Christine

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Beitrag von Claude » Mi 31. Jan 2018, 18:09

Christine 11: Allein zu Hause

Christine und ihr neuer Freund Adam verbringen den ganzen Samstag zusammen. Aufgrund einiger unvorhersehbarer Umstände sind sie plötzlich alleine zu Hau-se und wie so häufig bei achtjährigen ohne Aufsicht, passieren einige kleiner Unglücke. Am Schluss beneidet Christine Adam um seine Einstellung zu weibli-cher Kleidung, weil sie weiß, dass ihr Vater genau diese Einstellung auch von ihr erwartet, aber sie kann dem nicht entsprechen.


„Heute Morgen ist es kalt und regnet,“ sagte Mom, als sie mich um halb acht weckte. „Ich denke, du solltest heute eine Jeans anziehen!“
„Mom!“ beschwerte ich mich, „ich hasse Jeans. Wenn du das möchtest, ziehe ich Strumpfhosen an und außerdem habe ich doch diesen neuen Angora Pullover. Mir wird nicht kalt sein!“
„Christine, du bist heute bei Adam zum Spielen und nicht in der Kirche.“
„Mir wird es gut gehen, BITTE Mom! Ich ziehe mich doch so gerne hübsch an!“
„Na gut, Liebes! Ich sollte wohl dankbar sein, dass du nicht immer rumläufst wie das Kind von einem Penner…“

Es war kalt! RICHTIG kalt! Es regnete und im Radio hatten sie angekündigt, dass man mit Schnee rechnen musste. So suchte ich mir einen dunkelblauen Pul-li raus mit einem weißen Sweater darüber, sehr dicke hellblaue Strickstrumpf-hosen und weiße Nike Turnschuhe. Ich hatte Gänsehaut, als ich die Strumpfhose anzog, das Gefühl verging wohl nie. Dann kam noch der neue rosa Angora Pullo-ver. „Adam wird denken, du wolltest ihn verführen“, neckte mich Mom während des Frühstücks, „aber du siehst wirklich hübsch aus!“
„Adam weiß es besser!“ sagte ich, „ich habe ihm gesagt, dass ich schon einen richtigen Freund habe und außerdem ist er gar nicht interessiert. Ich sehe einfach gerne hübsch aus!“

Als ich um 5 vor 9 bei Adam zu Hause ankam und seinen Blick bei meinem Anblick sah, fragte ich mich, ob Mom nicht doch recht hatte.
„Du bist so hübsch!“ rief er als er mich reinführte, „du bist immer sooo hübsch!“
„Danke!“ sagte ich ein wenig beschämt, „bist du fertig mit dem Frühstück?“
„Ja, gerade! Aber ich muss noch die Küche aufräumen. Mom kümmert sich um die Wäsche.“
„Ich helfe dir!“ bot ich an.
„Musst du nicht.“
„Mach ich gern. Ich helfe meiner Mutter immer und manchmal mach ich das auch selbst. Außerdem bin ich dabei, eine ziemlich gute Köchin zu werden.“
„Und wie wars beim Tanzen?“ fragte Adam, während er spülte und ich abtrocknete.
„Es war OK, nehme ich an. Jungen sind solche Babys! Die meisten haben nicht ein einziges Mal getanzt!“
„Hätte ich wahrscheinlich auch nicht…“ antwortete Adam nachdenklich, „vermutlich wäre ich zu schüchtern.“
„Ist doch nichts dabei! Ich kann dir ein paar Schritte zeigen, wenn du willst. Josh und ich gehen jeden Dienstag in den Tanzverein. Das ist wirklich toll. Frag doch deine Mom, ob du mitkommen darfst.“
„Weiß nicht, Mom sagt immer, dass Geld wirklich knapp ist. Mein Vater zahlt keinen Unterhalt und so müssen wir mit Moms Verdienst auskommen.“

Mir kam da eine Idee während wir das Geschirr einräumten. „Lass uns mit Deinen Hausaufgaben anfangen, dann ist das erledigt!“ schlug ich vor, „dann können wir den Rest des Tages machen, was wir wollen!“ „Nun ja, wenn wir müssen…“ sagte Adam zögerlich. Er holte für uns je eine Cola aus dem Kühlschrank, dann gingen wir nach oben. Etwa eine Stunde saßen wir konzentriert an den Hausaufgaben. Wir hatten ein Wissenschaftsprojekt. Adam hatte Frau Anthony überredet, uns beide das zusammen machen zu lassen. Als wir damit fertig waren, war da noch etwas Erdkunde und Grammatik. Und dann waren wir wieder bei der Mathematik. Ich war beeindruckt, wie viel er sich von den letzten Sitzungen gemerkt hatte, aber trotzdem fehlte ihm noch jede Menge Übung.
„Ihr beide seid noch am Arbeiten?“ fragte Frau Williams, als sie sie einem Arm voller frisch gewaschener Sachen von Adam reinkam. Aus irgendeinem Grund fielen mir seine Unterhosen auf. Wie der Rest seiner Sachen waren sie schon ziemlich fadenscheinig, offensichtlich oft getragen und trotzdem tadellos sauber. Es schüttelte mich etwas bei dem Gedanken, dass er sie ständig tragen musste. Seine Socken genauso: pikobello sauber und dünn.

„Wir sind fast durch, Mom!“ sagte Adam, „irgendwie verliere ich immer das Gefühl für Zeit wenn Christine hier ist. Mit ihr machen Hausaufgaben fast Spaß!“
„Das IST Spaß! Ich liebe die Schule“ widersprach ich.
„Du hast gut reden, du bist so klug … wenn ich so klug wäre, würde mir das auch Spaß machen.“
„Du bist klug, Liebes,“ sagte Frau Williams, „du musst das nur selbst erkennen. Habe ich nicht recht, Christine?“
„Ja, Frau Williams, mein Dad hat eine Million Tricks, Sachen zu begreifen und sich merken zu können. Jedes Mal, wenn ich irgendwo ein Problem habe, bringen Mom oder Dad mir einen Trick bei, der mir hilft.“

Mal wieder bereute ich, was ich gesagt habe. Adam und seine Mutter – beide hatten so einen abwesenden Gesichtsausdruck. Seine Mutter antwortete nicht und fuhr schweigend fort, seine Sachen einzusortieren. Als sie fertig war, sagte sie „verbringt nicht den ganzen Tag mit den Hausaufgaben. Es ist Samstag und ihr müsst auch entspannen!“

„Wir hören jetzt auf!“ sagte Adam und warf mir einen fragenden Blick zu. Ich nickte, und wir packten die Bücher weg.

Wir diskutierten gerade, was wir als nächstes tun könnten, als wir das Telefon klingeln hörten. Es war gerade erst elf und der Film im Kino fing erst um zwei an. Adam bot an, mir sein neues Videospiel zu zeigen. Er hatte keinen Computer – damals hatte kaum jemand einen – und ich versprach, ihm meinen bei der nächsten Gelegenheit zu zeigen. Plötzlich stand Frau Williams in der Tür: „Es tut mir wirklich leid, Kinder, aber ich hatte gerade einen Notruf von meiner Arbeit – ich muss da hin. Ich weiß nur nicht, was ich mit euch machen soll. Meint ihr, ihr könnt alleine zu McDonalds zum Mittagessen und euch alleine beschäftigen, bis es Zeit ist fürs Kino?“
„Wir können zu mir nach Hause,“ bot ich an, „McDonalds ist da ganz in der Nähe und Mom lässt Gail und mich da schon mal alleine hinlaufen.“
„Seid ihr sicher, dass das ok ist? Ich muss mich wirklich beeilen…“
„Wir können laufen, wenn du willst!“ bot Adam an.
„Nein Liebes, es regnet in Strömen. Wenn ich euch beim McDonalds absetzen könnte, wäre mir das eine große Hilfe. Wenn es nach dem Essen immer noch regnet, könnte euch vielleicht Christines Mutter abholen…“

„Ja, natürlich!“ antwortete ich, „oder wir gehen gleich zum Kino, das ist im selben Gebäude!“

Ich tue das nicht gern – normalerweise werde ich am Wochenende nicht gerufen, aber das ist ein Notfall – und das Geld können wir auch gut gebrauchen,“ sagte sie besorgt.

„Wir kommen klar, Mom!“ sagte Adam überzeugend und ich fügte hinzu „sie können uns auch bei mir zu Hause absetzen, meine Mom ist fast immer zu Hause und im Notfall ist noch meine Tante Julia im Nachbarhaus.“
„Das gefällt mir besser! Bist du sicher, dass deine Mutter damit einverstanden ist?“
„Kein Problem, Mom hat gesagt, sie mag Adam!“

Zehn Minuten später standen wir in unserer Einfahrt und Frau Williams fuhr zur Arbeit. Kurz darauf standen wir am Hintereingang und stellten fest, dass abgeschlossen war. In der Garage stellten wir fest, dass Moms Auto weg war. Wir versuchten es bei Tante Julia, aber da war auch niemand.
„Was machen wir jetzt?“ fragte Adam ratlos. „Wir gehen erstmal ins Haus und gucken, wo Mom hin ist. Sie schreibt immer einen Zettel.“
„Und wie kommen wir da rein?“
„Kein Problem, Dad hat hinten ein Zahlenschloss installiert, damit ich keinen Schlüssel brauche.“
„Ein was?“
„Ein Zahlenschloss!“ Adam sah fasziniert zu, wir ich die Kombination eintippte und die Tür öffnete. „Cool! Wie bei Star Wars!“ sagte er beeindruckt.
„Ja!“ sagte ich grinsend, „Dad steht auf sonn Zeug!“

Wie üblich lag Moms Zettel auf dem Kühlschrank:

Liebe Christine,

Ich musste in den Laden, weil 2 Leute krank sind.
Wenn du kommst, bevor ich zurück bin, ruf kurz an und geh rüber zu Julia.

Ich liebe dich, Süße!
Mom


„Hi Mom!“ sagte ich, als ich Telefon ihre Stimme hörte.
„Hi Liebling! Bist du schon zu Hause?“
„Ja, Adams Mutter hat einen Notruf gekriegt und musste zur Arbeit. Sie hat uns hier abgesetzt. Wir warten hier, bis es Zeit ist fürs Kino!“
„Ist Ok! Geht einfach nach nebenan und wartet da!“
„Geht nicht - da ist niemand!“
„Verflixt, stimmt – die sind ja heute alle zum Shoppen!“
„Wir kommen klar, Mom!“ Wir sind zwar noch nie alleine zu Hause gewesen, aber inzwischen war ich ja schon groß, nicht wahr?
„Christine, ich kann euch beide nicht alleine zu Hause lassen! Ich komme euch holen!“
„Aber Mom, wir wollen doch ins Kino! Wir kommen klar! Wirklich! Ich verspreche, dass wir die Türen verschließen und keinen Unsinn machen!“
„Liebling, ich kann nicht! Ich kann einfach nicht!“
„Bitte, Mom! Du hast doch immer gesagt, dass ich so vernünftig bin…“
„Einen Moment – ich muss das mit deinem Vater besprechen!“

Ich hörte undeutliche Stimmen, als Mom mit Dad sprach. An den Hintergrundgeräuschen im Laden konnte ich hören, dass viel los war. „Ok, Christine, dein Vater vertraut dir! Aber schließ die Türen ab und öffne für niemanden! Habt ihr schon gegessen?“
„Nein, ich wollte gerade was für Adam und mich machen.“
„Kalte Sandwiches!“ ordnete sie an, „es ist noch Wurst im Kühlschrank und Brot in der Brotdose! Und wage es nicht, den Herd zu benutzen!“
„Aber ich wollte uns gerade eine heiße Schokolade machen!“ protestierte ich.

„Kein Herd!“ befahl sie, „und ihr benehmt euch – ich sollte spätestens um fünf zu Hause sein!“
„OK, Mom!“
„Und wenn irgendwas ist, rufst du an!“
„Ja klar – und Danke, Mom!“
„Wir lieben dich, Christine!“

„OK!“ sagte ich, als ich aufgelegt hatte, „wir dürfen hierbleiben, solange wir den Herd nicht benutzen oder Unsinn machen. Also gibt es Wurst- oder Erdnussbutterbrote zum Essen!“
„Erdnussbutter ist super!“ sagte Adam, „ich wünschte, Mom würde mich auch mal alleine zu Hause lassen. Das ist so cool!“
„Das ist auch mein erstes Mal! Und wahrscheinlich das letzte Mal für mindestens Hundert Jahre, wenn etwas schiefgeht…“
„Wird es nicht!“ versicherte Adam.

Als ich anfing, die Dinge fürs Essen vorzubereiten, hatte Adam plötzlich einen komischen Gesichtsausdruck. „Christine,“ fragte er vorsichtig, „was ziehst du eigentlich zu Halloween an?“
„Josh und ich gehen als Jack und Jill,“ antwortete ich, „Mom und Frau Reynolds haben uns die Kostüme geschneidert. Ich kann dir meins nach dem Essen zeigen! Und als was gehst du?“

„Weiß nicht…“ sagte er vorsichtig, „mir ist noch nichts Richtiges eingefallen …“
„Ich habe noch mein G.I. Kostüm vom letzten Jahr. Das müsste dir eigentlich passen – wenn du willst.“
„Danke…“ ich merkte, dass er langsam richtig rot wurde, „ich wollte eigentlich … also … Christine, wir sind doch Freunde, oder?“
„Ja klar!“ antwortete ich.
„Und Freunde können doch Geheimnisse für sich behalten, nicht wahr?“
„Klar, aber was hat denn das zu tun …“ sein Gesicht leuchtete inzwischen knallrot.
„Ich will als Mädchen gehen!“ stieß er hervor, „Bitte erzähl das niemandem!“

Mir war klar, dass Adam damit viel mehr preisgegeben hatte, als die Worte vermuten ließen. Ich erinnerte mich, wie er mich anfangs gelöchert hatte, was es bedeutet, ein Mädchen zu sein. Er hatte nach jedem Detail gebohrt. Und ich hatte den Verdacht, dass wir mit dem Thema noch nicht durch waren. Und es dauert nicht lange, bis mir klar wurde, dass mein Verdacht richtig war.

„Ich habe mit meiner Mom darüber geredet,“ sagte er, als er sich wieder etwas beruhigt hatte, „ich meine, ich habe ihr gesagt, dass ich mir etwas von dir leihen wollte. Ich habe nicht erzählt, dass ich als Mädchen gehen wollte. Sie sagte, es wäre OK dich zu fragen – solange ich nicht nerve. Du erzählst das niemanden? Bitte??“
„Erzählen? Was ist schlimm daran zu erzählen, dass du dir was leihen willst?“
„Na ja, bitte erzähl niemandem, dass ich dich danach gefragt habe, mir eins von deinen schönen Kleidern zu leihen! Bitte – zu niemandem!“

„Ich erzähle nichts!“ versprach ich, „wir können ja ein bisschen anprobieren, wenn wir mit dem Essen fertig sind.“
„Können wir sofort probieren? Bitte!“

Adam zitterte inzwischen am ganzen Körper. Ich erinnerte mich an den heißen Tag im Juni, als ich das erste Mal Gails Kleid anhatte. Ja, ich hatte mich mit Händen und Füßen gewehrt, aber als ich es dann anhatte, hatte ich nur drei Sekunden gebraucht und ich liebte es! Mir war noch nicht klar, was gerade mit Adam passierte, aber ich wollte es herausfinden. „OK!“ sagte ich, „lass uns hochgehen und gucken, was wir so finden.“

Es wäre schwierig, meine Gefühle zu dem Zeitpunkt zu beschreiben. In meinem achtjährigen Kopf war es nicht OK, dass Jungs nur Jungsklamotten tragen durften, während Mädchen alles tragen durften, was ihnen gefiel. Mir war schon klar, dass es ein gesellschaftliches No-Go für einen Jungen war, ein Kleid anzuziehen. Das hatte ich selbst erlebt, aber zu Hause privat? Daran fand ich nichts schlimm. Aber ein Junge, der ein Kleid tragen WOLLTE – davon hatte ich noch nie etwas gehört. Ich hatte mich schon gelegentlich gefragt, wie viele Jungen es wohl schön gefunden hätten, wenn sie sich in meiner Situation wiedergefunden hätten. Nun, da ich einen Jungen gefunden hatte, der meine Kleider anprobieren wollte, fand ich das so natürlich, wie sich zum pinkeln hinzusetzen…

Adam kriegte regelrecht Stilaugen, als er meinen Schrank sah. „Wow, du hast mehr Kleidung, als ich jemals auf einem Haufen gesehen habe.“ „Dann solltest du mal den Schrank von meiner Kusine Gail sehen!“ antwortete ich. Ich fand schon, dass ich eine ganz schöne Auswahl hatte – dank der Sachen, die ich von Amanda geerbt hatte und die Gail mir geschenkt hatte. Aber obwohl meine Auswahl schon Grenzen hatte, war ich sicher, dass wir für Adam was finden würden, das ihm gefiel.

„Ich habe eine Idee: Josh und ich gehen als Jack und Jill, Gail wird Mary sein und Amanda als Mother Goose. Warum kommst du nicht mit uns als Little Bo Peep?“
„Klar, toll, aber … wie sieht Little Bo Peep denn aus?“
„Ich zeigs dir!“ langsam kam ich in Fahrt. Ich suchte im Schrank, bis ich ein hellblaues weit ausgestelltes Partykleid mit sehr viel Spitze überall und einer großen Schleife im Rücken fand. Jetzt wurden Adams Augen wirklich groß! In zwei Sekunden war sein T-Shirt über den Kopf und die Jeans lag auf dem Boden.
„Soll ich rausgehen, solange du dich umziehst?“ bot ich an. „Nö, ist OK, ich habe ja noch Unterwäsche an.“
„Ich dachte, du wolltest vielleicht diese anziehen …“ und hielt ihm einen weißen Baumwollschlüpfer hin.
„Wirklich? Darf ich?“
„Wenn du willst – aber geh ins Badezimmer zum Umziehen, ich suche solange einen Unterrock raus.“

Und so machte Adam das auch. Ich hörte ihn die Toilette benutzen und nach wenigen Sekunden war er wieder da. Ich gab ihm ein weißes Baumwollunterkleid und half ihm danach, das Kleid über den Kopf zu ziehen. Ich verschloss das Kleid im Rücken und band die Schleife. Zu unserer Überraschung war von Adam dem Jungen nichts mehr zu sehen. „Du bist hübsch!“ sagte ich während ich ihm noch eine Schleife ins Haar band, obwohl seine Haare eigentlich nicht lang genug dafür waren. Adam ging zum Spiegel und betrachtete sich von allen Seiten „Herrlich! Toll! Ist das cool!“

„Wenn du willst, kannst du es den ganzen Tag anbehalten!“ bot ich an, „aber du musst vorsichtig sein – das ist eins meiner besten Kleider!“
„Ich bin vorsichtig!“ versprach er, „ich liebe es! Du musst total glücklich sein, dass du die ganze Zeit sowas tragen kannst…“
„Heißt das, dass du auch ein Mädchen sein willst?“ fragte ich.
„Nö, aber wenn ich dich manchmal sehe, wünschte ich, ich könnte auch sowas anziehen. Also … ich sehe, wie glücklich es dich macht, hübsch zu sein. Und ich habe immer nur verbeulte alte Jeans und T-Shirt...“
„So ging es mir auch – aber Josh hat auch ganz schöne Jungensachen …“
„Ja, aber das ist doch nicht dasselbe! Es sind immer noch nur Hosen und T-Shirt! Ich würde das hier nicht immer tragen wollen – aber so hin und wieder …“
Als wir mit dem Essen fertig waren, regnete es immer noch in Strömen und so entschieden wir, das Kino ausfallen zu lassen. Adam sagte, sie brächten ohnehin nichts, was ihn interessierte – und außerdem hätte er das Kleid ausziehen müssen und das wollte er überhaupt nicht. So hingen wir den ganzen Nachmittag zu Hause rum. Ich gab ihm noch weiße Kniestrümpfe mit blauer Spitze und ein Paar Hausschuhe. Er war wirklich im Himmel.

Als Mom um fünf nach Hause kam, kriegte Adam Panik. „Ich muss mich umziehen!“ sagte er, als er die Treppe hochstürmen wollte. „Entspann dich!“ versuchte ich ihn zu beruhigen. „Sie wird nicht schimpfen – schließlich probieren wir nur dein Halloweenkostüm an …“ Ich musste ihn fast festhalten und Sekunden später war es zu spät.

„Hallo Liebling!“ sagte Mom liebevoll, als sie reinkam, „wie wars im Kino?“
„Hi Mom, wir waren nicht. Es hat zu stark geregnet und Adam wollte sein Halloweenkostüm anprobieren.
„Adam?“ fragte Mom und musterte den eher nach kleinem Mädchen aussehenden Jungen, „was habt ihr denn gemacht?“
„Er will mit uns kommen als Little Bo Peep!“ erklärte ich, als Adams Gesicht roter und roter wurde.
„Aha! Für mich sieht er mehr aus wie eine kleine Christine Elliot. Ich wusste doch, ich hätte euch nicht alleine lassen dürfen. Ich wette, deine Mutter hat keine Ahnung davon, oder? Adam?“
„Hmm … nein …!" Stammelte Adam.
„Komm her und lass mich dir das Kleid öffnen. Dann gehst du hoch und ziehst dich um!“
„Aber Mom!“ versuchte ich zu protestieren.
„Los Adam! Wenn du Hilfe brauchst, ruf die Treppe runter – Ich muss mit Christine reden!“

„Mom, du verstehst das nicht!“
„Ich verstehe viel mehr als du, Christine! Du kannst uns alle in ernste Schwierigkeiten bringen. So was kannst du einfach nicht machen!“
„Mom, wenn ich doch erklären dürfte…“
„Auf deine Erklärung bin ich gespannt, aber zuerst hörst du dir meine an! In diesen Zeiten mit Kindesmissbrauch und wo jeder jeden wegen irgendwelchem ekligen Zeug verklagt, kannst du einfach nicht jemandes Kind nehmen und es ausziehen. Und du kannst nicht jemand anderes kleinen Jungen in ein Kleid stecken! Das geht einfach nicht!“
„Aber Mom – er wollte das doch! Er WOLLTE ein Kleid anprobieren! Deshalb hatte ich die Idee etwas für Halloween zu probieren!“
„Ich sehe nichts Schlimmes darin, wenn Adam ein Kleid trägt,“ sagte sie, während Adam in seinen eigenen Klamotten wiederaufgetaucht war, „aber ob er das tut oder nicht ist nicht unsere Entscheidung. Und die Vorstellung, dass ihr hier nackig rumrennt …“ „Ich habe meine Sachen gar nicht ausgezogen und Adam ist ins Badezimmer gegangen, um meinen Schlüpfer anzuziehen.“
„Er hat sogar Deinen Schlüpfer angezogen?“

„Es tut mir leid, Frau Elliot!“ sagte Adam und kämpfte mit den Tränen, „das ist alles mein Fehler – das war meine Idee … wir wollten nichts falsch machen …“
„Du hast nichts falsch gemacht, Adam!“ sagte Mom und nahm uns beide in den Arm. „Ihr wart unschuldig und völlig harmlos, aber du musst verstehen, dass du nicht mein Kind bist – und ob du ein Kleid trägst, muss deine Mutter entscheiden. Wenn sie „ja“ dazu sagt, kannst du den ganzen Tag mit Kleid rumlaufen – aber das ist die Entscheidung deiner Mutter!“

„Meine Mom würde mich ermorden, wenn sie das wüsste!“ murmelte Adam.
„Ich glaube nicht, dass sie dich ermordet! Aber es tut mir leid – sie wird es erfahren, denn ich muss es ihr sagen, wenn ich dich nach Hause bringe. Tut mir wirklich leid, aber das MUSS sein!“
„Ich werde nie wieder etwas mit Christine unternehmen dürfen ..“ fing er wieder an zu schluchzen.
„Sei da nicht so sicher – solch einen Eindruck hatte ich bisher nicht von deiner Mutter. Übrigens – wann kommt sie denn normalerweise nach Hause?“
„Weiß ich nicht genau – manchmal, wenn sie einen Notruf kriegt, wird es ziemlich spät.“

Fast wie auf Verabredung klingelte in diesem Moment das Telefon und es war Frau Williams. „Wir haben uns gerade gefragt, wann sie nach Hause kommen würden,“ sagte Mom. Und nach einer Pause, „Ja, er ist hier und da wäre noch etwas, über das wir reden sollten … nein, nein, ihm geht es gut … sie haben nur eine kleine Dummheit angestellt – nichts ernstes – aber ich möchte, dass sie es von mir erfahren. Ich könnte ihn nach Hause bringen, dann können wir reden … oder … warum kommen sie nicht zu uns zum Abendessen – die Reynolds werden auch da sein – ich bin sicher, sie würden sie auch gerne kennen lernen. … Super! Dann bis in einer viertel Stunde!“

„Noch eine viertel Stunde Leben …“ murmelte Adam.
„Glaube mir, das wird alles gut ausgehen!“ versuchte ihn Mom zu trösten, aber Adam konnte sich das in dem Moment nicht vorstellen.

„Die Reynolds kommen zum Essen?“ fragte ich, „Ich wusste das nicht …“
„Ich weiß, ich habe das heute mit Karen verabredet. Sie kommen rüber, sobald Josh vom seinem Turnier zurück ist.“
Zu Adams Schrecken, war es deutlich weniger als nach einer viertel Stunde, dass es klingelte. Frau Williams hatte sich wohl beeilt, weil sie wissen wollte, was wir angestellt hatten.

„Willst du das erzählen, Adam? Oder ist es dir lieber, wenn ich das tue?“ fragte Mom, als wir uns alle im Wohnzimmer gesetzt hatten. „Ich erzähle es!“ sagte Adam, „Mom, erinnerst du dich, dass ich mich gefragt habe, was ich zu Halloween anziehen könnte? Und … ich habe mit Christine auch darüber gesprochen und wir haben was gefunden! Aber Frau Elliot sagt, wir hätten zuerst mit die darüber reden müssen … „ „Adam,“ unterbrach meine Mutter, „du musst aber schon die ganze Geschichte erzählen …“
„Dazu komme ich noch …“ stammelte Adam und sein Gesicht lief rot an.

„Irgendwann kommen auch die Sommerferien … Adam, was hast du angestellt?“ drängelte Frau Williams.

Adam sah meine Mutter mit einem flehenden Blick an und Mom verstand den Hinweis. „Ich glaube nicht, dass es was Ernstes ist. Es ist nur so, dass ich es nicht ohne ihr Wissen erlaubt hätte, aber leider wurde ich im Laden gebraucht und so waren die Kinder tatsächlich den ganzen Tag alleine zu Hause. Und als ich dann nach Hause kam, trug Adam eines von Christines Kleidern. Die beiden haben den Plan ausgebrütet, Adam als Little Bo Peep an Halloween rumlaufen zu lassen. Unsere Kinder und die Reynolds werden alle als Figuren von dem Kinderlied gehen.“

„Das ist alles?“ fragte Frau Williams, „und deshalb sieht er aus, als hätte er jemanden ermordet?“
„Nicht ganz,“ antwortete Mom, „es sieht so aus als hätte Adam einen Vorwand gesucht, ein Kleid tragen zu können. Tatsächlich hatte er das Kleide den ganzen Tag an. Den Kindern hat es zu stark geregnet und sie haben das Kino ausfallen lassen. Es tut mir leid – ich hätte es nicht erlaubt, wenn ich das geahnt hätte.“
„Bitte nennen sie mich Jen,“ antwortete Frau Williams, „und machen sie sich keine Sorgen wegen dem kleinen Spiel der Kinder. Das musste früher oder später passieren.“
„Du bist nicht wütend?“ fragte Adam mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck, „Du hast das gewusst? Woher? Bis heute habe ich nie jemandem etwas erzählt!“

„Ich bin deine Mutter, Adam. Es ist meine Pflicht, sowas zu wissen. Ich habe beobachtet, wie du Mädchensachen im Kaufhaus anguckst. Und wie du Christine bewunderst! Die große Frage ist: Was machen wir jetzt? Müssen wir jetzt durch dieselbe Geschichte wie die Elliots mit Christine? Adam, denkst du, du bist ein Mädchen oder willst du eines sein?“
„Nein Mom!“ stieß Adam heftig hervor, „ich bin ein Junge und ich bin gerne ein Junge. Ich fände es nur toll, wenn ich hin und wieder so schöne Sachen anziehen könnte wie Christine. Ich finde es einfach unfair, dass Jungs nicht anziehen dürfen, was sie wollen! So wie Mädchen das dürfen!“

„Ganz so einfach ist das auch wieder nicht, Liebling!“ antwortete Frau Williams, „aber wenn du hin und wieder ein Kleid anziehen willst, habe ich damit kein Problem! Ich hätte mich nur gefreut, wenn du mit mir darüber gesprochen hättest! Wir hätten uns den ganzen Zirkus hier sparen können!“

Adams Gesicht fing an zu leuchten wie ein Weihnachtsbaum: „Ist das dein Ernst? Ich darf Kleider tragen?“
„Zu Hause! Klar, wenn dich das glücklich macht, klar!“
„Und jetzt? Darf ich jetzt eins von Christines Kleidern anziehen? Bitte!“
„Ich weiß nicht, Adam. Geht das jetzt nicht ein bisschen zu weit? Außerdem müsstest du Christine und ihre Mutter fragen…“
Mom und ich nickten und sagten, dass das kein Problem wäre. Nun nickte auch Frau Williams und Adam flog regelrecht die Treppe rauf. Ich ging hinterher, um ihm beim Umziehen zu helfen und wenige Minuten später kam ein unendlich glücklicher Adam in einem meiner schönsten Kleider die Treppe wieder runter, mit etwas verlegenem Gesichtsausdruck, und zeigte sich unseren Müttern.
„Daran muss ich mich erst gewöhnen,“ sagte Frau Williams mit leicht geschocktem Gesichtsausdruck, „Liebling, du siehst toll aus. Christine, du hast ein wirklich hübsches Mädchen aus meinem Sohn gemacht!“
„Ich will kein Mädchen sein!“ stellte Adam klar, „ich will nur ein Kleid anziehen dürfen, wenn mir danach ist!“
„Ich wollte, ich könnte jetzt das Gesicht deines Vaters sehen!“ murmelte Frau Williams. „Aber ich will das Gesicht meines Vaters nie wieder sehen!“ antwortete Adam heftig.
„Adam, nicht jetzt das Thema!“
„Einverstanden! Mom, bist du sicher, dass du einverstanden bist?“
„Warum sollte ich was dagegen haben?“
„Viele Eltern hätten etwas dagegen,“ erklärte Mom.
„Er ist ein gesunder und glücklicher kleiner Junge, Susan. Er macht nie irgendwelchen Ärger und ist immer gehorsam ohne irgendwelche Diskussionen. Wenn hin und wieder ein Kleid hilft, dass er weiterhin glücklich ist – wie sol-te ich auf die Idee kommen, das zu verbieten?!“

Als Dad nach Hause kam, mussten wir die Situation erklären – er schien ein Problem mit dem kleinen Mädchen namens Adam zu haben. Aber nachdem er das dann verstanden hatte, kam er mit der Situation klar. Tatsächlich machte mich das ein wenig eifersüchtig, dass er Adam im Kleid akzeptierte aber mich nicht. Er erklärte es mir später: „Ich habe kein Problem damit, dass du ein Kleid anhast, kleine Erdnuss – aber dass ist ja nicht alles, was du willst, nicht wahr?“
„Stimmt, aber es ist nicht das, was ich WILL – sondern was ich BIN!“

Wir hatten uns kaum zum Essen hingesetzt, als es an der Tür schon wieder klingelte. Das waren die Reynolds, etwas früher als erwartet.
„Wir müssen alle ein wenig zusammenrücken,“ sagte Mom, „wir haben genug zu essen, aber der Tisch ist etwas klein.“ Dann kamen auch noch Tante Julia und Gail. „Wir gehen wieder rüber und kommen wieder, wenn ihr mit dem Essen fertig seid!“ bot Tante Julia an.
„Nichts da!“ sagte Mom streng, „wir schicken die Kinder ins Wohnzimmer vor den Fernseher mit Klapptischen, dann ist hier genug Platz!“
Was soll ich sagen? Das war meine Mom. Egal wie viele Gäste auch kamen, sie hieß alle willkommen und sorgte dafür, dass sich alle wohlfühlten. Das waren die glücklichen Momente meiner Kindheit: Immer waren viele Leute da und alle waren willkommen und bekamen reichlich zu essen!
Die ganze Zeit, wo neue Leute kamen saß Adam still in der Ecke in seinem Kleid (nun gut: in MEINEM Kleid) und versuchte, nicht aufzufallen! Als wir dann endlich alle vor dem Fernseher saßen, erklärte ich allen, warum Adam so angezogen war. Amanda war für diesen Abend eines der Kinder und saß mit uns zusammen.

Alle nahmen die Geschichte um Adam entspannt auf, aber am meisten beeindruckte mich Josh. „Hey Adam, jetzt hast du mich abgehängt!“ sagte er, „ich habe das schon lange Mal tun wollen, aber ich habe mich vor so vielen Leuten einfach nicht getraut! Wenn ich mich irgendwann mal traue – was unwahrscheinlich ist – wird es sicher niemand erfahren!“
„Sei da nicht so sicher!“ deutete ich geheimnisvoll an.
„Wie meinst du das denn?“
„Och, nichts, man weiß nur nie, was in der Zukunft so alles passiert …“

Nach dem Essen kamen wir alle im Wohnzimmer zusammen und wir Kinder mussten uns auf dem Boden Platz suchen, weil es nicht für alle Sitzplätze gab. „Wo ist Onkel Dan!“ fragte ich. „Arbeiten!“ antwortete Tante Julia. Es gab da einen Unterton, der mich normalerweise zum Nachfragen gebracht hätte, aber vor so vielen Menschen ließ ich das lieber sein!

„Bitte entschuldigt meine Neugier,“ fragte Frau Williams, „aber ich finde, ihr alle seid wirklich verantwortungsvolle Eltern, wie ich schon beim Essen sagte, aber trotzdem erlaubt ihr Josh und Christine … nun … öffentlich zu sagen, dass sie fest miteinander gehen … Sind die beiden nicht zu jung dafür?“
„Nein!“ sagte Dr. Reynolds, „wir finden, sie sind viel zu jung – aber sie haben uns auch überzeugt, dass sie wissen, was sie tun!“
„Selbst unter diesen … ungewöhnlichen Umständen?“
„Vielleicht gerade wegen diesen Umständen,“ erklärte Frau Reynolds, „ich kann das nicht erklären und wahrscheinlich kann das niemand hier, aber vermutlich können die Kinder das selbst klarmachen. Christine, Josh, würdet ihr bitte für uns tanzen? Das dürfte Jen alle ihre Fragen beantworten.“

Wenn es etwas gab, das Josh und ich niemals ablehnen würden, war das die Bitte zu tanzen. Ich hatte noch nicht viel Erfahrung mit Ausdruckstanz, aber mit Joschs erfahrener Führung und mit unser beider Begeisterung, jede Gelegenheit zum Tanzen zu nutzen, waren wir zu einem Paar geworden, das jeder beachtete. Die ganze Idee des Ausdruckstanzes war nahe am modernen Ballett: fühle die Musik und höre die Worte – dann versuche die Situation mit deinem Tanz darzustellen. Wir liebten das beide! Es war mittlerweile unsere Art der Kommunikation geworden – untereinander und mit jedem, der Lust hatte, zuzugucken. Also entsprachen wir sehr gerne der Bitte von Joshs Mom.

Als dann alle in dem geräumigen „Familiensaal“, in dem Josh, Amanda, Gail und ich zahllose Stunden mit Tanzen zugebracht hatten, ihren Platz gefunden hatten, suchten Frau Reynolds und Mom eine CD von unserem Tanzunterricht raus und wählten einen Song. Josh und ich brauchten nur 2 Akkorde, um den Song zu erkennen: unser absoluter Lieblings-Tanz-Song! Ein Countrystück von George Jones. Wir fingen wie von selbst an, zu tanzen und mit zu singen, nur ganz wenig lauter als die Musik aus den Lautsprechern.

I used to spend my night times in a bar room.
Liquor was the only love I’d known.
But you rescued me from reaching... for the bottom,
And you brought me back from being too far gone.

You’re as smoo—ooth as Tennessee whiskey,
You’re as swee–eet as strawberry whine.
You’re as wa-arm as a glass of brandy,
And I stay stoned on your love all the time.

I looked for love in all the same old places.
Found the bottom of the bottle always dry.
But when you poured out your heart, I didn’t waste it.
“You’ve got the kind of love that always keeps me high.

You’re as smoo-ooth as Tennessee whiskey,
You’re as swee-eet as strawberry whine.
You’re as wa-arm as a glass of brandy,
and I stay stoned on your love all the time.

Als der Song vorüber war, und wir aufgehört hatten zu tanzen und uns voneinander getrennt hatten, hatten wir beide Tränen in den Augen. Wir konnten nichts dagegen tun! Wir schwebten den ganzen Song irgendwo zwischen Erde und Mond und wir hatten uns die ganze Zeit in die Augen gesehen. So oft wir diese Nummer auch schon getanzt hatten – und das war sehr oft – konnte ich mich nicht an meine Bewegungen erinnern. Zwei Sekunden nach einem Schritt wusste ich ihn nicht mehr, sie kamen einfach von tief drinnen. Und den Zuschauern schien es ähnlich zu gehen.

„Oh Gott!“ rief Frau Williams, „ich verstehe, was sie meinen! So viel Verbundenheit habe ich noch erlebt zwischen zwei Menschen – selbst bei sehr viel Älteren nicht! Das ist wirklich unglaublich!“
„Wir haben das gesehen, als die beiden zum ersten mal zusammen getanzt haben. Als wenn ein Puzzle zusammengesetzt wurde.“ Fügte Frau Reynolds hinzu, „und deshalb fällt uns absolut kein Grund ein, warum wir sie voneinander fernhalten sollten. Und so sind unsere sehr jungen Kinder eben ein Paar – oder wie man heute sagt: sie gehen zusammen!“

„Was soll eigentlich all das Gerede?“ fragte ich, „ich denke wir sind zum Tanzen hier…“
„Stimmt, kleine Erdnuss,“ stimmte mir Dad zu und legte eine neue CD ein, „und genau das machen wir jetzt auch! Wenn das für dich OK ist, werde ich jetzt mit deiner Mutter tanzen!“

Die CD, die Dad ausgesucht hatte, war vom Tanzclub zusammengestellt worden. Sie enthielt leichte Country- und fünfziger Jahre Lieder. Das erste war auch eines von Joshs und meinen Lieblingsliedern: „If I had you“ von Alabama.

If I had you,
We’d run like Gypsies through the wind
We’d be lovers, we’d be friends
If I had you.

If I had you,
We’d count the stars all one by one
We’d make love till they were gone,
If I had you.

Cause you light a fire
Way down in my soul.
The flame keeps growing stronger,
There ain’t no control.
And there’s nothing, no there’s nothing
No there’s nothing that I wouldn’t do....
If I had you...

Während der Song lief, waren Josh und ich wieder total im Lied gefangen. Wir tanzten den Text und drückten die Seele des Liedes aus und ich war mal wieder das glücklichste Mädchen der Welt. „Ich schwöre,“ rief Frau Williams, als das Lied fertig war, „ich habe noch nie etwas so Wunderschönes gesehen. Aber wie könnt ihr euch nur all diese Schritte merken?“

„Gar nicht!“ antwortete Josh, „das Ding beim Ausdruckstanz ist zu tanzen, was man fühlt. So ist der Tanz jedes Mal anders.“

„Was so bemerkenswert ist an diesen Beiden ist die Synchronisation.“ Erklärte Frau Reynolds, „jede Bewegung, die einer von beiden macht, wird vom anderen verstanden und beantwortet. Ihre Lehrer haben uns erklärt, dass Tänzer ihr ganzes Leben hart daran arbeiten, zu lernen, was diese Beiden wie von selbst können. Deshalb war es auch keine große Überraschung, als sie ankamen und erklärten, sie wären jetzt ein Liebespaar. Ihre Lehrer sagen, sie wären geboren, um zusammen zu tanzen. ICH glaube, sie sind geboren, um zusammen zu SEIN!“

„Aber sie, Herr Elliot, Christine hat erzählt, dass sie noch nicht akzeptieren, dass sie ein Mädchen ist?“
„Tatsächlich,“ antwortete Dad, „tatsächlich bin ich mit der ganzen Geschichte noch nicht im Reinen, aber auch ich kann nicht bestreiten, dass ich da unendliche Liebe sehe zwischen ihnen. Es gibt zwischen ihnen eine Verbindung, über die die meisten Menschen allenfalls etwas gelesen haben. Chris hat schon ordentlich schwere Zeiten hinter sich dank ihrer … ehh seiner …em ihrer besonderen Situation. Aber sie ist stark wie Kruppstahl. Sie weiß, dass der Weg, den sie gehen WILL, ihr noch etliche Probleme einbrocken wird, aber sie hat keine Angst davor! Sie fühlt einfach, dass sie nicht alleine ist. Die Beiden gehen einfach durch gute und schlechte Zeiten ohne sich zu beklagen und ohne etwas zu bereuen. Das ist ein weiterer Punkt, den viele nie lernen.
Bevor die beiden sich kennengelernt haben, hatten wir einen traurigen, depressiven kleinen Jungen zu Hause. Alle erklären mir, dass das Problem dadurch gelöst ist, dass er entdeckte, dass er eigentlich ein Mädchen ist. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich denke, ein wesentlicher Teil der Lösung war Josh und was die Beiden für einander tun.“

Es wurden noch viele Dinge besprochen im Laufe des Abends. Mom erläuterte Frau Williams unser „zu Hause Kirche“ Konzept, weil ich sozusagen aus verschiedenen Kirchen rausgeschmissen worden war. Frau Williams sagte, dass sie für Adam immer nach einer Kirche mit Sonntagsschule gesucht hatte, aber das wegen ihrer Schichten bisher nie funktioniert hatte. So luden wir sie ein und die beiden sagten erfreut zu. Mom erklärte noch, dass wir uns immer feinmachen, ganz so, als gingen wir in die „richtige“ Kirche und Adam meinte etwas traurig, er hätte keinen schicken Sachen zum Anziehen. „Das ist nicht schlimm,“ antwortet Mom, „man muss das nicht, aber wir mögen es einfach, uns schick zu machen.“
„Warum ziehst du nicht einfach dieses Kleid an?“ fragte ich.
„Wirklich? Darf ich?“
„Ich sehe nichts, was dagegenspräche,“ sagte Mom, „wenn es dir gefällt, du dich darin wohlfühlst und dir dein Aussehen gefällt, gibt es doch keine bessere Gelegenheit dafür, als im Angesicht Gottes!“

Also erschien Adam Williams am nächsten Morgen und an vielen folgenden Sonn-tagen angezogen als kleines Mädchen zu unserem Kirchenunterricht. Ein oder zweimal die Woche als Mädchen reichte ihm. Einige Monate lang trug er zu Hause verschiedene Mädchenoutfits, irgendwann war er damit durch und kehrte zu seinen Jungensachen zurück. Irgendwie beneidete ich ihn: Adam hatte die Wahl! Und er tat genau das, was mein Dad von mir erwartete: er befriedigte seine Neugier! Und als die Neugier befriedigt war, kehrte er zum „ein Junge sein“ zurück und das wars! Wie auch Josh, war Adam eine „andere“ Art Junge. Er war sensibel, freundlich, liebevoll und emotional. Aber sein Selbstwertgefühl verhinderte, dass ihn das störte. Diese Eigenschaften waren eine Bereicherung und das war ihm auch klar. Adam meinte, er wolle hin und wieder „crossdressen“ aber er stellte nie in Frage, ob oder dass er ein Junge war. So also waren er und ich so verschieden wie Tag und Nacht!

cora
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Re: Christine

Post 38 im Thema

Beitrag von cora » Do 1. Feb 2018, 14:04

schön geschrieben

vielen Dank
lg Cora

Claude
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Re: Christine

Post 39 im Thema

Beitrag von Claude » Di 14. Aug 2018, 17:01

Christine Kapitel 12 Thanksgiving, Teil 1

An Thanksgiving kommt die ganze Familie zusammen, aber das Familienfest wurde gründlich ruiniert von einem Streit zwischen Christine und ihrem Großvater. Christine und Gail verbringen eine Woche mit den Reynolds in Florida. Wieder zu Hause konfrontiert Christines Mutter sie mit einem Haufen neue Anziehsachen – Winterklamotten, von denen sie annimmt, dass Christine sie hassen wird…

Thanksgiving war immer ein wichtiger Tag in unserer Familie. Im Wechsel fanden die Feierlichkeiten bei Großvater, Onkel Dan und bei uns statt. Und dieses Jahr waren wir dran. Mom und ich waren Tage damit beschäftigt, zu planen, einzukaufen und Torten und Pasteten zu backen und alles für den großen Tag vorzubereiten. Wie üblich versprach das wieder ein monströses Event zu werden, allerdings fehlte zum ersten Mal jemand von der Familie. Johnny war auf einem Schiff und würde es nicht schaffen zu kommen. Josh mit seiner Familie würde bei seiner Großmutter sein – so war ich doppelt traurig. Auf der anderen Seite gab es zwei neue Gesichter: Adam und seine Mutter – sehr zu Gails Freude, die Adam noch immer für den tollsten Jungen der Stadt hielt.

Am Thanksgiving Morgen kamen Gail und Tante Julia um halb sieben, um Mom und mir mit dem Truthahn und den Salaten zu helfen. Wir waren alle vier noch in unseren Nachthemden und hatten eine tolle Zeit in der Küche, nur wir vier Mädels beim Wirbeln. Tatsächlich würde ich an dem Tag zum ersten Mal seit der großen Veränderung meine Großeltern sehen. Gail und ich waren zuversichtlich, dass sie, wenn sie erstmal sahen, wie hübsch ich war, ihre ersten Vorbehalte schnell vergessen würden. Als sie dann gegen Mittag eintrafen, hatten wir alle unsere schicksten Sachen an. Gail und ich hatten neue und identische Kleider und alle sagten, wir sähen aus wie Zwillinge, was uns beide total begeisterte. Wir fühlten uns auch wie Schwestern.

Als Adam und seine Mutter gegen elf kamen, hatte Adam einen neuen, dunkelblauen Anzug an. Gail hätte sich beinahe an ihrer Zunge verschluckt. „Hast du ihn gesehen?“ rief sie, nachdem sie mich in eine dunkle Ecke im Flur gezogen hatte, „Er sieht aus wie ein Gott!“
„Ja, ja,“ antwortete ich, „er sieht ganz gut aus …“
„Ganz gut? – Ha! Das ist als wenn man sagt, in der Hölle ist es ein bisschen warm! Er ist der HAMMER!“

Nun, das war er tatsächlich! Er war so gutaussehend wie ein Neunjähriger überhaupt nur sein konnte. Ich denke, dass war ihm auch klar, denn offensichtlich genoss er seinen neuen Anzug in vollen Zügen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich das noch nicht, aber Mom hatte Frau Williams den Tip gegeben, dass Großvater – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade begeistert davon war, dass sein Enkel gerade zu einer Enkelin wurde. Frau Williams hatte den Hinweis verstanden und dafür gesorgt, dass er einen Anzug anzog statt eines meiner Kleider. Geschickter Schachzug – ihm gefiel es, unseren Eltern gefiel es und ebenso Gail und mir.

Es war halb eins, als meine Großeltern erschienen. Wir Kinder waren in meinem Zimmer und spielten Computerspiele als es klingelte. Ich hatte meinen Großvater immer regelrecht angebetet. Er war ein Riese und sehr dominant, ein sehr oldstyle männlicher Polizist. Er konnte mit Kindern nicht viel anfangen und redete nie viel mit uns, aber wir alle liebten ihn und stellten uns vor, dass er uns auch liebte. Also fuhren wir den Computer runter und gingen nach unten, um sie zu begrüßen.

„Gail!“ rief Großmutter, als sie uns sah, „mein Mädchen, was bist du gewachsen! Und du bist so hübsch geworden, ich mag dein Kleid! Komm und gib deiner Oma einen Kuss!“ Genau das tat Gail und lief danach in Großvaters offene Arme und holte sich die Bärenumarmung ab.

„Christoph?“ fragte Großmutter, als Adam auftauchte. Ich konnte es ihrem Gesicht ansehen und ihrer Stimme anhören, dass ihr nicht klar war, wer das war. „Oma,“ half Gail, „das ist Adam – ein guter Freund von uns.“ „Ich habe mich schon gewundert – du hast etwa das richtige Alter für Christoph und bist wirklich ein hübscher Kerl – aber eigentlich hatte ich ihn anders in Erinnerung. Also, wo steckt er?“

„Sie!“ verbesserte ich und kam die Treppe runter, „ich bin jetzt Christine, Großmutter!“

Großmutter guckte mich an und ihr entglitten die Gesichtszüge. Sie wusste wohl nicht, wie sie reagieren sollte und wie immer in den letzten 40 Jahren wanderte ihr Blick zu ihrem Gatten auf der Suche nach Hilfe. Ich folgte ihren Augen und fand einen Blick, der Wasser zum Kochen hätte bringen können. „Du …“ stammelte Großmutter, „du und Gail … ihr seid ja gleich angezogen …“

„Christine und ich tun gerne so, als wären wir Schwestern“ erklärte Gail lächelnd. „Das macht jede Menge Spaß und viele Leute denken, wir wären Zwillinge.“

„Mir scheint, hier gibt jede Menge „Tun als ob“!“ Brummte Großvater.

„Susan,“ sagte Großmutter, „ich weiß ja, was passiert ist, aber ich dachte … nun Thanksgiving und überhaupt, wo du doch weißt, wie wir denken – ich hätte gedacht, du hättest ihn etwas angemessener angezogen.“
„Mutter, ich finde sie absolut angemessen angezogen. Und wenn du meinst, wir hätten sie wie einen Jungen anziehen sollen – nun, wir sind mit all dem Verstecken und Rumeiern durch – außerdem hat Christine keine Jungensachen zum Anziehen!“
„Keine?“
„Nicht einen einzigen Faden! Und sie ist glücklich! Das ist doch das, worum es geht, oder?“

Damit war das Thema erstmal erledigt und Dad und Onkel Dan unterhielten sich mit Großvater über Politik und die Damen zogen sich in die Küche zurück, um letzte Hand an die Vorbereitungen zu legen. Und wir Kinder gingen ins Wohnzimmer, um etwas zu spielen. Die Begrüßungsumarmung bekam ich nicht und das tat schon ziemlich weh. „Sie brauchen nur etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen!“ tröstete mich Gail, als sie meine Enttäuschung bemerkte. „Sie haben dich eben zum ersten Mal so gesehen!“
„Daran werden sie sich niemals gewöhnen!“ sagte ich, „aber ich lasse mir davon nicht den Tag verderben! Du bist hier und Adam – abgesehen von Josh meine besten Freunde auf der ganzen Welt und deshalb lasse ich es nicht zu, dass mich irgendjemand unglücklich macht.“

Das Essen war für drei Uhr vorgesehen. Es gab eine strenge Regel in unserer Familie, die verbot Fernsehen an Thanksgiving. Früher hatten die Männer sich Footballspiele angucken wollen und die Frauen irgendwelche Thanksgivingumzüge. So hatte man schon vor meiner Geburt entschieden, dass der Fernseher an diesem Tag ausgeschaltet blieb. So war die Familie zusammen, genoss die Gesellschaft der anderen und brachte sich auf den Stand, was bei den einzelnen Mitgliedern im letzten Jahr so passiert war. Bisher hatte das immer gut funktioniert, aber dieses Jahr hing eine dunkle Wolke über den Festivitäten. Und diese Wolke war ich! Wir Kinder spielten im Wohnzimmer bis wir zu Tisch gerufen wurden. Ich hatte Mom in der Küche helfen wollen, aber mit Mom, Tante Julia, Frau Williams und Oma in der Küche sagte Mom mir, ich solle bei den Kindern bleiben. Ich weiß nicht, über was sie sich in der Küche unterhielten, aber ich konnte es mir denken.

Eine weitere Familientradition war, dass Großvater eine Dankesrede hielt. Diese Reden waren immer lang, aber ich hatte immer jedes Wort genossen. Auch dieses Jahr dankte er Gott für sein Leben, seine Familie und deren Gesundheit. Für den beruflichen Erfolg von Dad’s und Onkel Dans Geschäft nach den harten und schwierigen Anfängen und dafür, dass sein älterer Sohn Dan endlich mit der Geburt einer Tochter gesegnet wurde und dann auch noch so einer hübschen wie Gail. Und er betete dafür, dass Gott Johnny beschützen möge, bis er wieder nach Hause zurückkehren könne. Und dann dankte er Gott für seinen anderen Enkel Christoph und bat Gott um Hilfe, dass er seinen Verstand wiederfände nach dem Wahnsinn der letzten sechs Monate. „Er ist noch sehr jung lieber Gott und sehr verwirrt. Bitte vergib die furchtbare Sünde, die er und seine Eltern begehen und bitte beschütze ihn, bis er zur Familie zurückkehrt, die ihn liebt und sich um ihn sorgt. Amen.“

Wir fingen alle an zu essen. Ich sah Gail an und sah, dass sie genauso verletzt war wie ich. Ich sah Mom an und sie sah mich mit demselben liebevollen Blick an wie immer. Ich sah Dad an und konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten, aber bevor ich den Blick abwenden konnte, warf er mir einen Kuss zu. Klar, meine Beziehung zu meinem Dad war nicht ganz perfekt, aber ich wusste, dass er sich alle Mühe gab und mich auf jeden Fall trotz allem liebte. Und diese Liebe hatte ich noch nie so intensiv empfunden wie in diesem Moment.

Das Essen zog sich noch eine Weile hin und alle redeten durcheinander. Wie läufts in der Schule, Gail? Wie hast Du unsere Kinder kennengelernt, Adam? Wie läuft das Geschäft, Dan? Was machst du so, Jen? Und so weiter, und so weiter. Meine Großeltern als die Ältesten dominierten die Gespräche – so war es immer gewesen und so war das auch OK. Irgendwann fiel mir auf, dass ich überhaupt nichts gefragt wurde. Ich wurde völlig ignoriert! Ich erinnerte mich an die Passage in Großvaters Gebet: „bis er in die Familie zurückkehrt!“ So war also Christine nicht Teil der Familie.

„Gibst du mir bitte mal den Mus?“ fragte ich, als eine kleine Pause im Stimmengewirr war. Aber mich schien niemand zu bemerken und der Stimmenpegel schwoll wieder an. Ich fragte noch mal – mit dem selben Ergebnis. Hartnäckig wie ich nun mal war, fragte ich noch ein drittes Mal. Diesmal bemerkte mich Großmutter, die ziemlich weit weg sass. „Liebling!“ sagt sie zu ihrem Mann, der gleich neben mir saß, „Gibst du Christine mal den Mus? Der steht gleich vor dir!“
„Christine?“ fragte er ganz ernst, „wer ist das?“
„Sie sitzt gleich rechts neben dir!“ grinste Gail. Sie dachte, das wäre einer der üblichen Grußvater Späße.
„Neben mir?“ fragte Großvater, „da sehe ich nur einen leeren Stuhl!“ Ich versuchte, in seinem Gesicht ein Grinsen oder ein anderes Zeichen zu finden, dass das jetzt ein Spaß war – aber da war nichts.
„Liebling, BITTE!“ bettelte Großmutter, „nicht jetzt!“

Als Großvater seiner Frau einen Blick zu warf, der sehr deutlich „Halt die Klappe, Miststück!“ bedeutete, stand Dad auf, kam einmal um den Tisch herum und reichte mir die Schüssel. „Danke Daddy!“ sagte ich, nahm mir einen Löffel und gab sie ihm zurück. „Gerne, kleine Erdnuss!“ sagte er und dabei entdeckte ich Tränen in seinen Augen. TRÄNEN! Aber seinen Augen sahen mich liebevoll an. In dem Moment fühlte ich eine sehr tiefe Zuneigung von meinem Vater. Eine Zuneigung, wie sie so intensiv nur liebende Eltern ausstrahlen können – auch wenn sie das Verhalten der Kinder nicht unbedingt verstehen oder gutheißen. Die Bedeutung seines Verhaltens und seiner Tränen war mir damals nicht klar, aber heute weiß ich, dass ihm klar war, wohin das alles führen würde und es hasste, aber er zum Wohle seines Kindes es in allem unterstützen würde.

Ich dachte, der Zwischenfall wäre durch, war er aber nicht. Als Dad sich wieder hingesetzt hatte, sagte er: „Ich denke, in der Schule wird Christine eine Klasse überspringen. Sie scheinen wirklich Mühe zu haben, sie richtig zu fordern. Sie ist soo gut in der Schule und ich bin so stolz auf sie!“ „Im Laden macht sie auch einen tollen Job!“ fügte Onkel Dan hinzu, „Sie und Gail erledigen das ganze Computerzusammenbauen fast alleine.“
„Das ist wirklich toll, Gail!“ sagte Großvater, „ich bin richtig stolz auf dich!“

Als ich sah, wie mein Vater langsam und ernst sein Besteck auf den Tisch legte, wusste ich, dass wir jetzt einen Showdown erleben würden. Ich fühlte eine Gänsehaut meinen Rücken runterlaufen, als er sehr langsam und sehr ernst ein Schluck Wasser nahm und dann seine Hände vor sich faltete. Mom hatte das auch beobachtet, ebenso Tante Julia, Onkel Dan und Gail. „Vater!“ sagte er betont ruhig, „Ich habe von zwei Kindern gesprochen, nicht nur von einem. Gail macht sich extrem gut, aber Christine auch! Wir alle wissen, was du hier gerade versuchst, aber ich möchte dich erinnern, dass das MEIN Kind ist, und ich werde ihn oder sie so aufziehen, wie ich das für richtig halte. Jedenfalls so lange mich nicht jemand von einem besseren Weg überzeugt. Wenn du irgendwelche vernünftigen Vorschläge hast, würde ich die gerne hören, denn ich habe nicht auf alles eine Antwort – aber in MEIN Haus kommen und MEIN Kind ignorieren als wenn es es nicht gäbe – SO GEHT DAS NICHT!“

Großvater legte sein Besteck genauso bedächtig neben seinen Teller, wie Dad das eben getan hatte. Mir wurde an der Stelle klar, wo Dad die Art von Auftritt gelernt hat. „John,“ sagte er mit derselben langsamen und ruhigen Stimme, mit der Dad sich immer Respekt verschaffte, „ich mag es nicht, wenn mein eigener Sohn so mit mir spricht. Wir treffen uns hier zu thanksgiving. Das sollte ein Tag für die Familie sein!“
„Ja, stimmt!“ stimmte Dad zu, „Jen und Adam, bitte vergebt mir, dass ich hier die Stimmung vermiese, ich hatte gehofft, es würde für euch ein schönes Familienerlebnis, aber manchmal gibt es Vorfälle in der Familie, die können nicht warten und das ist hier der Fall. Bitte haltet das mit uns aus!“

„Vater!“ fuhr er im selben ernsten Ton fort, „ich denke, du schuldest meinem Sohn eine Entschuldigung. Guck ihn dir doch an!! Tatsächlich fahre ich lieber auf die Art fort, die sie sich wünscht: Guck SIE dir doch an. Vor einem Jahr hast Du mich kritisierst, weil du der Meinung warst, dass es meine Schuld war, dass Christoph ein sehr unglücklicher Junge war. Du sagtest, dass ich etwas falsch mache und dass, wenn ich den Fehler nicht korrigiere, mein Kind eines von den Straßenkindern würde, die du so oft eingebuchtet hast. Dieses Jahr findest du ein sehr glückliches Kind vor, ein Kind, dass ein Kleid trägt – und zwar ein sehr hübsches Kleid – und nicht die Hosen, die du gewohnt warst. Warum das so ist, untersuchen wir noch, aber das ist im Moment nicht wichtig. Wichtig ist, dass der depressive kleine Junge von vor einem Jahr ersetzt wurde durch ein sehr glückliches Mädchen. Ich entschuldige mich nicht dafür, Vater. Nicht bei dir und nicht bei irgendwem! Ich versuche, das Beste für mein Kind zu tun und glaube mir – ich habe genauso viel Schwierigkeiten mit der Situation wie du. Aber meine oder deine Gefühle spielen in dieser Situation keine Rolle. Das einzige was zählt ist das Glücklichsein meines Sohnes oder meiner Tochter. Und DU wirst nicht in MEIN Haus kommen und dieses Glück zerstören. Du hast Dan und mich während unserer Kindheit gequält mit deiner herrischen und tyrannischen Art und du wirst Christine nicht in ihrem eigenen Haus genauso behandeln. Ich wiederhole mich: Du schuldest Christine eine Entschuldigung!“

Großvater sagte nicht mehr, sondern er sah seinen Sohn mit einem total ungläubigen Gesicht an. Dann stand er langsam auf und nahm Großmutters Hand. „Komm!“ sagte er als spräche er mit einem gehorsamen Hund, „ich gehe nirgendwo hin, wo ich nicht willkommen bin und ganz bestimmt höre ich nicht einem Sohn zu, der so mit mir redet. Wir gehen!“
„Du kannst ja gehen, wenn du magst“ sagte sie fest, „ich bleibe. Ich lasse mich nicht von diesen wunderbaren Enkeln fernhalten durch deine Sturheit. John hat Recht, Liebling, du regierst deine Familie wie eine Militärbasis und das hast du schon immer getan. Du kannst nicht herkommen und deine dämlichen Regeln versuchen durchzusetzen. Du schuldest Christine tatsächlich eine Entschuldigung und ich auch! Nun setz dich wieder hin und benimm dich!“

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Re: Christine

Post 40 im Thema

Beitrag von Sycorax » Di 14. Aug 2018, 21:05

Danke für die lang ersehnte Fortsetzung.
Liebe Grüße
Renée

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Re: Christine

Post 41 im Thema

Beitrag von Drachenwind » Do 16. Aug 2018, 23:14

Hoffentlich ght es bald weiter.

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Re: Christine

Post 42 im Thema

Beitrag von Bea Magdalena » Fr 17. Aug 2018, 06:43

Hallo Claude,

Dankeschön!
Sehr schön geschrieben, ich konnte richtig mitfiebern und mitfühlen.

Liebe Grüße
Bea
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Claude
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Re: Christine

Post 43 im Thema

Beitrag von Claude » Mo 5. Nov 2018, 16:15

Christine Kapitel 12 Thanksgiving, Teil 2

Großvater setzte sich nicht wieder hin. Er grummelte irgendwas, was sich anhörte wie „kannst ja gucken, wie du nach Hause kommst… “ und war weg. Großmutter hatte nicht nachgegeben! Sie erzählte uns später, dass das das erste Mal war, dass sie sich gewehrt hat – aber auch, dass es sich so gut angefühlt hat, dass es sicher nicht das letzte Mal war.

Wir hatten eine gute Zeit nachdem Opa weg war. Ein paar Minuten saßen wir schweigend um den Tisch, aber dann setzte sich doch das Kind in Gail, Adam und mir durch und wir stürzten uns auf das wundervolle Essen auf dem Tisch. Als langsam die Stimmung wieder lebhafter wurde, entschuldigten sich Mom und Dan bei Frau Williams: „Normalerweise waschen wir die schmutzige Familienwäsche nicht so wie jetzt in der Öffentlichkeit!“ „Da ist keine Entschuldigung nötig!“ antwortete Frau Williams, „ich würde mir nur wünschen, Adam hätte einen Vater, der ihn so verteidigt! Du hast wirklich Glück, Christine!“

Es war schon nach zehn, bis die Küche aufgeräumt, alles gespült und die Gäste gefahren waren. „Ich kann Staubsaugen, wenn du möchtest…“ bot ich Mom an, „und ich könnte staubwischen“ sagte Gail, die wie üblich bei mir schlief. „Ihr beiden macht gar nichts – außer nach oben gehen und euch fürs Bett fertig machen. Sobald ihr damit fertig seid, kommen wir und sagen Gute Nacht!“

Gail und ich hatten schon lange aufgegeben, eigene Klamotten mitzunehmen beim gegenseitigen „sleepover“, sondern teilten einfach unsere Sachen. Und wir ba-deten auch zusammen – sogar häufiger als früher. Irgendwie war es mir wichtig, dass Gail mich häufiger nackt sah, weil das die einzige Gelegenheit war, wo ich mich nackt zeigen konnte. Für uns beide war es immer begeisternd, dass mein kleiner Pipimann nicht mehr steif wurde. Also funktionierten die Medikamente von Dr. Reynolds.

„Es tut mir leid, dass du mit Opa Streit hast wegen mir …“ sagte ich Dad, als er mir Gute Nacht sagte.
„Mach dir bloß darum keinen Kopf!“ sagte er, „wir werden das aushalten, und wir können es überhaupt nicht brauchen, dass er uns sagt, was wir tun sollen! Aber ich muss dich trotzdem fragen: Würdest du nicht gerne ein klein wenig so ein gutaussehender Junge sein wie Adam heute?“
„Ja, Dad, würde ich gerne!“ gab ich zu und schon flossen wieder Tränen, „Ich wünschte wirklich, ich wäre dein Sohn und du könntest stolz auf mich sein, ich wünschte, ich könnte Basket- und Baseball spielen und mich als Junge wohlfühlen, aber ich kann es nicht. Ich kann es einfach nicht!“
„Schon gut, kleine Erdnuss, schon gut,“ sagte er, „bitte weine nicht. Ich BIN stolz auf dich und ich werde schon irgendwie damit klarkommen! Gute Nacht kleine Erdnuss!“

Zwei Wochen später, wurden Gail und ich von den Reynolds nach Florida eingeladen. Sie fuhren jedes Jahr dahin erklärte Frau Reynolds uns und sie würden sich freuen, wenn wir mitkämen. Wir waren so begeistert, dass wir überhaupt nicht aufhören konnten zu kichern – besonders, nachdem unsere Eltern „Ja“ gesagt hatten. Onkel Dan war etwas enttäuscht, weil er eigentlich zum ersten Mal mit Gail zu Disney World wollte, aber da für den Computerladen die Vor-Weihnachtszeit die turbulenteste überhaupt war, überredete ihn Tante Julia: „so viel, wie ihr gerade zu tun habt, kann das Jahre dauern, bis das mit Disney World klappt!“ So konnten zwei absolut begeisterte kleine Mädchen ihre Sachen packen.

„Ich denke, du solltest ein paar kurze Hosen auf die Reise mitnehmen“, empfahl Frau Reynolds, „den ganzen Tag im Kleid im Park rumlaufen kann ganz schön anstrengend werden…“ „Ich komme klar!“ versicherte ich ihr, „ich fühle mich einfach wohler im Kleid!“
„Wie auch immer – ich packe ein paar hübsche Shorts ein!“ sagte Mom.

Die Reise nach Florida war für uns Kinder genauso viel Spaß wie die Zeit dort. Sie hatten für die Reise einen riesigen Van gemietet – so einen mit sechs Chefsesseln, toller Stereoanlage und Fernseher, den wir überhaupt nicht einschalteten. Die Fahrt dauert zwölf Stunden und wir Kinder spielten oder sangen die ganze Zeit – außer, wenn es etwas zu Essen gab.

„Christine,“ fragte mich Frau Reynolds bei einer dieser Pausen, „hast du schon mal daran gedacht, Gesangsstunden zu nehmen?“
„Nein Frau Reynolds“, antwortete ich, „ich singe unheimlich gerne aber ich glaube, Gesangstunden können wir uns nicht leisten“.
„Wenn wir zurück sind, muss ich unbedingt mit deiner Mutter darüber reden! Ich finde, du hast eine Superstimme – ach und Kinder: sagt bitte Tante Karen und Onkel Robert. Frau Reynolds und Herr Doktor hört sich so formell an…“

„Ja, Frau Reynolds!“ echoten Gail und ich.

Die Anlage, in der wir wohnten, kann man nur mit luxuriös beschreiben. Es gab zwei große Pools, einer hatte eine riesige Wasserrutsche. Es gab einen großen Spielplatz mit allen möglichen Geräten, aber für uns Kinder das Beste war natürlich ein Besuch in einem von den großen Parks, Disney World, Sea World, Universal Studios und mein absoluter Favorit: Fantasy Island. Das war schon für Weihnachten mit Grinch dekoriert und hatte mehr verschiedene Fahrgeschäfte, als ich mir jemals ausgemalt hätte. Für einige waren Gail und ich alleine noch zu klein, aber Amanda und Josh kamen mit. Wenn Josh auf dem Selbstfahrer versuchte, seinen Vater so hart anzustoßen, wie es ging, musste ich immer aufpassen, ob sein Vater oder seine Mutter sich von hinten anschlichen. Überraschenderweise, machte mir das mehr Spaß, als wenn ich selbst gefahren wäre.

Dienstagabend gabs im Resort eine Pool-Party mit Livemusik. Es gab Freibier und -wein für die Erwachsenen und „frei Grill“ für alle. Der Gedanke an Essen „so viel wie reinpasst“ war schon spannend für uns, aber die Aussicht auf Live-Tanzmusik den ganzen Abend brachte uns echt aus dem Häuschen. So verbrachten wir den Tag nicht wie geplant in einem Park, sondern gingen nur etwas shoppen, um mehr Zeit für die Abendveranstaltung zu haben. Mom und Tante Julia hatten uns ermahnt, nicht zu viel Geld auszugeben, weil es einfach knapp war, aber das bremste Tante Karen überhaupt nicht! Sie kaufte für Josh und Amanda neue Anziehsachen, um sie modisch auf den aktuellen Stand zu bringen – und für Gail und mich gabs auch einiges. Wir versuchten zu protestieren: „Wir können uns das nicht leisten!“ aber Tante Karen sagte nur „aber ich kann und meine Kinder schick zu machen ist mein Hobby und diese Woche habe ich vier Kinder!“

Die Party war so ziemlich die beste Zeit, die ich jemals hatte in meinem Leben. Jeder schien sich vorgenommen zu haben, auszuprobieren, wie viel frei-Essen und Freibier reinpasst und so spielte die Band vor einer verwaisten Tanzfläche. Nur Josh und ich wussten das auszunutzen. Josh konnte inzwischen so gut tanzen wie sonst nur Männer, die dreimal so alt waren wie er – und obwohl ich lange nicht so gut war wie er, schien ich immer besser zu sein, wenn ich mit ihm tanzte, als ich wirklich war. Er trug eine leichte Leinenshorts und ein hellgrünes T-Shirt, ich eines der Kleider, die Tante Karen uns gerade gekauft hatte. Es war ein neongelbes Sommerkleid aus Baumwoll-T-Shirt-Stoff. Ich liebte das Kleid wirklich und alle sagten, die Farbe passe gut zu meinen roten Haaren, die ich an jenem Abend zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.

Die Musik war meist Country oder Rock ‘n Roll Oldies, genau unsere Lieblings-musik, zu der wir auch meist im Club tanzten. So waren wir in unserem Element und verschwendeten keine Zeit, mit denen zu diskutieren, die aus irgendwelchen Gründen nicht tanzen wollten. Es dauerte nicht lange und wir sangen die Musik mit, zu der wir gerade tanzten. Ich nahm überhaupt nicht wahr, dass wir gerade vor tausend fremden Menschen tanzten – vor einem Jahr noch wäre das der Horror für mich gewesen. Jetzt war alles anders – ich war ein Mädchen und wusste, dass ich ein hübsches war. Ich war selbstbewusst, erfuhr Respekt und Liebe und wusste, dass ich gut in dem war, was ich tat. Also sangen wir und tanzten und tanzten und sangen und lachten vor lauter Glück.

Als es Zeit wurde, ins Bett zu gehen, teilten Gail und ich uns – wie üblich – Zimmer und Bett. Im anderen Bett schlief Amanda, Josh hatte ein eigenes Zimmer und Joschs Eltern schliefen im Elternschlafzimmer. Zum Lichtausmachen kam Onkel Robert und erzählte: „Ich habe mich mit einem Mann unterhalten, dem Dein Gesang sehr gefallen hat. Er sagte, er sei auf der Suche nach einem Talent zum Fördern und vielleicht eine Platte aufzunehmen.“ „Mit mir?“ fragte ich überrascht, „aber ich singe doch nur so … weil es mir gefällt…“
„Machst Du Scherze?“ rief Amanda, „jeder liebt deinen Gesang, Christine, das ist wie … nun … das hört sich an, als wenn dein ganzer Körper und deine Seele mitmacht, wenn du singst!“
„Ich habe ihm den Namen von deinem Vater genannt,“ sagte Onkel Robert, „er will ihn Anfang des Jahres kontaktieren. Vielleicht ist das deine Chance, Gesangsstunden zu kriegen. Das müsste dir doch gefallen!?“
„Ich denke schon … aber warum will er Dad anrufen?“
„Es fühlte sich für mich nicht richtig an, mit ihm über dich zu reden, ohne dass dein Dad davon weiß!“ erklärte Onkel Robert. „Wenn er mit dir für eine Gesangskarriere trainieren will, sollte dein Dad da ein Wörtchen mit zu reden haben. Eigentlich habe ich ja nichts zu sagen, aber du hast dich heute Abend wirklich faszinierend gut angehört!“
„Josh hat sich auch gut angehört!“ versuchte ich ihn zu verteidigen.
„Das stimmt, vielleicht habt ihr beide eine Zukunft im Musikgeschäft – wenn ihr das wollt. Ich werde mit Josh darüber auch noch reden!“

Ich lag noch Stunden wach und dachte darüber nach. War ich wirklich SOO gut? Und was würde passieren, wenn sie erfuhren, dass ich eigentlich gar kein Mädchen war? Würden sie reagieren wie mein Großvater und mir sagen, ich wäre ein ekliger kleiner Junge, der so verwöhnt war, dass man ihm erlaubte, als Mädchen rumzustolzieren? Ich konnte mir kaum vorstellen, dass sie mich noch liebten, nachdem sie es erfuhren.

Ohne überhaupt darüber nachzudenken, schlüpfte meine Hand in Gails Leiste, um die Glätte zu fühlen, die ich bei mir auch gerne gefühlt hätte. Gail reagierte, indem sie mich umarmte und mir ins Ohr flüsterte: „Ich liebe dich, große Schwester!“ Ich antwortete nicht. Genau das hatte sich zahllose Male so abgespielt und es endete jedes Mal damit, dass ich Stellen bei Gail berührte, die ich eigentlich nicht hätte berühren dürfen und mir dabei mit aller Kraft wünschte, ich würde mich genauso anfühlen. Am Schluss stellte ich mir dann vor, meine Hände wäre nicht bei Gail sondern bei mir selbst unterwegs. Mit der Vorstellung schlief ich dann endlich ein.

„When you wish upon a star…“

Für den Rest der Woche hatte ich keine Zeit mehr, darüber weiter nachzudenken. Wir besuchten einen Park nach dem anderen und ich sah mehr Attraktionen als ich mir hätte vorstellen können, dass es sie gab. Wir standen immer um acht auf, um noch im Nachthemd die Vögel zu füttern, dann zogen wir uns an und frühstückten, dann waren wir für den Rest des Tages unterwegs. An jedem einzelnen Abend musste uns Onkel Robert schlafend vom Auto ins Bett tragen. Wir waren jeden Abend völlig platt. Ich erinnere mich, dass ich einen Abend beim GuteNachtSagen genug aufwachte um „Gute Nacht, Dad!“ zu sagen. Ich fing tatsächlich an, diesen Mann genauso zu lieben wie meinen Dad. Ich glaube, er liebte uns auch – jedenfalls behandelte er uns genauso wie seine Kinder.

Wir hatten wirklich eine großartige Zeit in Florida. Es machte solchen Spaß, so zu tun, als wären Gail und ich die Schwestern von Amanda und Josh. Ich glaube, den beiden gefiel das auch und ich weiß, dass es ihren Eltern gefiel. Sie sagten immer wieder, wie gut wir doch alle miteinander harmonierten, und dass es eine Freude wäre, uns dabei zu haben und zu beobachten, wie wir jeden Tag genossen. Wir fanden fast jeden Tag Zeit, etwas zu schwimmen und Dank des hervorragenden Unterrichts unseres neuen Bruders und unserer Schwester, wurden Gail und ich tatsächlich gute Schwimmer. Aber das waren wir ihrer Geduld, den „kleinen Schwestern“ etwas beizubringen, auch schuldig.

Ich schwamm am liebsten mit Josh. Er neigte immer dazu, etwas sehr ernst zu sein, aber manchmal hatte er auch eine etwas heitere Stimmung und sein Vater sagte immer, ich brächte diese öfter zum Vorschein als irgendjemand sonst. Ich spielte und lachte gerne mit ihm im Wasser, aber hatte dafür auch noch andere Motive: Josh wuchs viel schneller als ich und langsam kam er mir vor wie eine riesige Eiche, nur dass die Eiche in Form eines gebräunten, muskulösen und gutaussehenden Jungen vor mir stand. Ich verstand wohl nicht wirklich, was da in mir vor sich ging, aber ich wusste wohl, dass ich seinen großartigen Körper berühren MUSSTE, so oft ich die Chance dazu fand. Also sprang ich dauernd im Pool auf seinen Rücken, versuchte ihn zu dunken, bespritzte ihn und ermutigte ihn, mich zu dunken – was ihm nicht schwerfiel. Das brachte ihn zum Lachen und dann leuchtete sein ganzes Gesicht, seine Augen strahlten und er zeigte seine tollen Zähne.

Freitagmorgen gingen Josh und sein Vater Golfen. Josh hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wollte und ich hatte natürlich ja gesagt, aber dann sah ich etwas wie Enttäuschung im Gesicht von Onkel Robert. Und wie, um mein Gefühl zu bestätigen, zog mich Tante Karen beiseite und sagte mir, dass das ein Vater – Sohn Ding wäre, das schon eine Tradition hatte und sie bot mir an, stattdessen shoppen zu gehen. Von Vater – Sohn Dingen verstand ich was, schließlich hatten Dad und ich eine Tradition mit Angeln gehen. Also war ich einverstanden, und war darüber später auch froh, denn auf dem Heimweg erzählte Josh mir, dass er letztlich nicht mehr so viel Zeit hatte mit seinem Vater und das vermisste. Josh bewunderte seinen Vater wie ich meinen – vielleicht sogar etwas mehr, und selbst mit meinen acht Jahren wollte ich nicht, dass ihm ähnliches passierte wie mir. Ich verbrachte zwar immer noch Zeit mit Dad und fand ihn auch toll – aber alles war etwas anders als früher. Ihm war noch immer nicht wohl mit mir als Mädchen und manchmal sah es so aus, als ginge er mit mir nicht mehr um wie früher – vielleicht aus Angst, etwas zu zerbrechen. Nun, jedenfalls hatte Josh eine gute Zeit beim Golf spielen und ich beim Shoppen. Trotzdem war ich froh, dass wir Sonntag früh wieder nach Hause fuhren, ich hätte das zwar niemals zugegeben, aber ich hatte etwas Heimweh.

Bei der Fahrt war es ziemlich ruhig im Auto – wir waren wohl alle etwas müde. Aber diese Ruhe hatte auch ihr Gutes, es gab einige Gespräche zwischen Kindern und Erwachsenen. Onkel Robert fragte Gail, wie es ihr gefiel, mir ihrem Vater im Computerladen zu arbeiten. „Weiß nicht,“ antwortete sie ausweichend, „ich glaube ganz OK.“
„Das hört sich aber nicht so überzeugend an,“ stellte Amanda fest.
„Es ist … nun … er ist nie da. Er setzt mich morgens beim Laden ab und sagt er hätte irgendwas zu tun und dann ist er weg. Ich arbeite mit Onkel John und mit Christine, wenn sie da ist.“
„Ja, das ist sehr viel Arbeit, so einen Laden aufzubauen,“ erklärte Onkel Robert, „soweit ich das beurteilen kann, machen die beiden einen guten Job, aber das braucht halt seine Zeit.“
„Das sagt Mom auch immer,“ stimmte Gail zu, „aber oft weiß niemand, wo er ist – nicht mal Onkel John!“

Ich denke, Tante Karen merkte, dass wir uns einem heiklen Thema näherten und nutzte eine Chance, das Thema zu wechseln. Gail war eine Weile etwas deprimiert, aber schließlich steckten Josh und Amanda sie mit ihrer guten Laune an. Das mochte ich so an Gail, melancholische Phasen dauerten bei ihr nie lange.

„Wars schön?“ fragte Mom, als wir zu Hause ausgeladen waren und die Reynold Richtung zu Hause losgefahren waren. Es war spät am Sonntagabend. „Ja Mom!“ sagte ich glücklich, „das war genau, wie ich mir das vorgestellt habe!“ „Dann hast du deine altem Mom und Dad nicht vermisst?“ fragte Dad. „Doch Dad!“ sagte ich und umarmte ihn, „wenn ihr dabei gewesen wärt, wäre es der totale Knaller gewesen!“
„so, so, der totale Knaller!“ kicherte er, „das nächste Mal sind wir dabei! Und das ist ein Versprechen. Wir haben dich vermisst, kleine Erdnuss!“

Wir hatten noch einen Zwischenfall in dem Jahr – kurz vor Weihnachten. Ich war als Fan bei einem von Joshs Basketballspielen, als ein Junge auf mich zu kam. Ich kannte ihn von meiner alten Schule, aber ich konnte mich nicht an seinen Namen erinnern. Er hatte mich gesehen und jemanden nach meinem Namen gefragt. Ihm war nicht ganz klar, was passiert war, aber ihm war klar, wer ich war und er wollte probieren, mich wieder zu seinem Opfer zu machen wie damals, als ich ein eingeschüchterter kleiner junge war. „Hallo Chris,“ sagte er als er sich neben mich setzte, „erinnerst du dich an mich?“
„Nö!“ log ich, „sollte ich?“
„Klar solltest du! Stan Albright, ich war dein schlimmster Albtraum letztes Jahr! Wahrscheinlich sollte ich dich an all den Spaß erinnern, den wir letztes Jahr hatten!“

„Das würde ich nicht empfehlen!“ hörte ich Joshs Stimme hinter mir, „du weißt offensichtlich nicht, mit wem du es zu tun hast!“
„Wer bist du?“ fragte Stan, als Josh sich vor uns aufbaute.
„Jetzt gerade bin ich der beste Freund den du hast!“ antwortete Josh, „dieses unschuldig aussehende kleine Mädchen hat einen schwarzen Gürtel dritter Dan. Sie kann jeden in der Schule auf die Matte legen – auch mich. Sie kann dir furchtbar weh tun, glaube mir! Ich habe das erlebt!“

Stan musterte Josh neugierig. Sein Körper entwickelte sich schnell und da er zwei Jahre älter als Stan war, sah er schon ganz beeindruckend neben dem kleineren Jungen aus in seinem Basketballtrikot, wohlgebräunt und breitschultrig. Er sah mich an. Ich sah sicher nicht beeindruckend aus, aber auf jeden Fall weiblich. Sollte er sich geirrt haben? Vielleicht war diese Mädchen eine Kusine oder alles war ein merkwürdiger Zufall. Auf jeden Fall verlor er plötzlich völlig das Interesse. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so toll ist – wie auch immer, ich vergreif mich nicht an Mädchen“ Und er zog ab.

„Du bist schrecklich!“ sagte ich grinsend zu Josh.
„Und du bist hübsch,“ sagte er während er sich wieder dem Spielfeld zu wandte. Ich hatte darüber noch nicht so richtig nachgedacht, aber Josh war über elf und in seinen Augen war er für mich verantwortlich. Es war Joshs Aufgabe, mich zu beschützen und sich für mich zu streiten und er nahm diese Aufgabe so ernst, als wären wir verheiratet.

Da das Wetter langsam kälter wurde, entschied Mom, dass es Zeit für mich wurde, Strumpfhosen zu tragen. „Du wirst sie hassen!“ erzählte sie mir, „und ich wünschte, es gäbe Alternativen, aber da du darauf bestehst, Kleider und Röcke zu tragen, müssen wir deine Beine irgendwie warmhalten!“
„Aber Mom – mir ist nicht kalt!“ beteuerte ich. Und das stimmte auch. Auch an sehr frischen Tagen hatte ich unter dem Kleid nichts an außer Söckchen und Unterwäsche, aber das kam mir überhaupt nicht zu kalt vor.
„Ich will nicht, dass du dich erkältest!“ sagte sie bestimmt und reichte mir ein paar neue Strumpfhosen. Sie waren dicker als alle, die ich schon anhatte und als ich sie anzog, erinnerten sie mich an die langen Unterhosen, die ich als Junge im Winter anhatte. Allerdings waren die Strumpfhosen viel bequemer, schmiegten sich an die Beine an und beulten nicht nach kurzer Zeit aus. Ein weiterer Vorteil war, dass sie Füße hatten und man keine Strümpfe mehr anziehen musste, die immer wieder hochgezogen werden mussten.

„Ich mag sie!“ sagte ich, als ich fertig angezogen war, „aber ich glaube, sie sind zu dick und mir wird zu warm sein!“
„Du magst sie?“ fragte Mom überrascht, „ich war sicher, du würdest sie hassen. Die meisten Mädchen wehren sich mit Händen und Füssen gegen sie…“
„Ich mag sie,“ wiederholte ich, „aber könntest du mir vielleicht dünnere besorgen? Ich finde, sie sind zu dick!“

Wir fanden einen Kompromiss. Mom besorgte mir dünnere, die ich wirklich liebte, dafür würde ich die dicken an richtig kalten oder stürmischen Tagen anziehen. Und Mom würde entscheiden, wann die dicken nötig wären und ich würde das ohne Diskussion akzeptieren. Die meisten Mädchen liefen den ganzen Winter mit nackten Beinen rum, aber sie waren auch häufig erkältet oder krank. Ich war zwar eins von wenigen Mädchen in der Schule mit bedeckten Beinen, aber niemand machte sich lustig. Im Gegenteil, viele bewunderten mich, wie ich klaglos diese schrecklichen Stumpfhosen tragen konnte … Schreckliche Strumpfhosen? Ich liebte sie!

Es gab dickere Röcke und Hemden, lange Ärmel und etwas, von dem ich noch nie gehört hatte: Mieder! Ich wusste, dass Gail so was nicht anzog, und vermutlich die meisten Mädchen nicht, aber Mom hatte mir einige besorgt und bestand drauf, dass ich sie anzog. Ich hatte tatsächlich nichts dagegen, aber auch wenn - hätte ich mich nicht gewehrt. Ich hatte den Verdacht, dass Mom mir die unangenehmsten Dinge, die das Mädchen-sein mit sich brachte, vorführen wollte. Aber je mehr sie mir zeigte, dass ein Mädchen zu sein nicht nur toll war, um so mehr war ich davon fasziniert. Jedes neue Kleidungsstück, jeder Artikel, jede neue Prozedur oder Erfahrung war ein Abenteuer für mich und festigte mich in meiner Weiblichkeit.

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Re: Christine

Post 44 im Thema

Beitrag von Michaela Smile » Do 15. Nov 2018, 11:19

tolle Geschichte.
kanns´gar nicht erwarten dass es weitergeht :-)
Danke Claude
Michaela
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