Mal ganz unauffällig in der Bahn
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Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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JuLa67
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Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 1 im Thema

Beitrag von JuLa67 » Sa 7. Dez 2019, 14:01

Hallo ihr lieben Menschen,
inspiriert von Kiras Bahnerlebnis, möchte ich mal von meiner ersten oder zweiten Fahrt mit der Bahn als Frau vor ca. 3 Jahren erzählen:

Wie gewohnt nehme ich die Regionalbahn nach Köln. Doch dieses mal fahre ich zum Endokrinologen um die ersehnten Hormone zu bekommen. Noch etwas ist anders. Ich fahre als Frau, zumindest glaube ich das.
Da meine Haare noch kurz sind und die Hormone noch nicht gearbeitet (pl) haben, ist das mit meinem Äußeren so eine Sache. Aber der Glaube versetzt ja bekanntlich Berge :) . Also steige ich in Overath in die RB 25 nach Köln und hoffe, dass ich möglichst unauffällig die Bahnfahrt überstehe. Schmetterlinge habe ich schon im Bauch, schließlich dauert die Fahrt ca.eine halbe Stunde. Da hat Mensch viel Zeit die Mitreisenden zu begutachten.
Ich finde also einen Platz auf einer Dreierbank in Längsrichtung vor dem Faltenbalg zwischen den Zugteilen. Am Ende der Bank sitzt schon eine Frau, die ihre Handtasche auf dem Platz in der Mitte abgestellt hat. Also setze ich mich dazu, perfekt!
Es Strömen noch weitere Platzsuchende an mir vorbei, darunter ein laut blökender, angetrunken wirkender Kerl. Alle hoffen, dass er weitergeht. Er schaut mich an, geht weiter - Gott sei dank- und dreht Sekunden später wieder herum...
Ich poste das jetzt erst mal, gleich geht es weiter, zu viel Text, zu viel Zeit und schon ist alles Weg :mrgreen:
Larissa
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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 2 im Thema

Beitrag von JuLa67 » Sa 7. Dez 2019, 15:58

Der Kerl fixiert den Sitzplatz zwischen der Frau und mir und fordert die Frau lautstark auf, die Handtasche auf Seite zu stellen. Genervt macht sie das und schon sitzt er neben mir, :o mustert die Umgebung als versuche er sein Publikum einzuschätzen und plärrt los. Die Frau macht sich schnell aus dem Staub, alle Umsitzenden versuchen sich weg zu ducken.
Ich sitze da, völlig paralysiert, wie Häschen in der Grube und versuche mich tot zu stellen :oops: . Der Kerl erzählt mir seine ganze Lebensgeschichte, kommt aus Berlin, aus Lichtenberg, also dem Osten. Langsam löst sich meine Angststarre. Ich kann wieder atmen, mein Gehirn kann wieder denken. Soll ich verschwinden obwohl ich gerade im Scheinwerferlicht stehe dank dieser Person oder kann ich das einfach aushalten? Er ist ein linker, Gewerkschaften ja, scheiß Kapitalismus, Stammtischparole hier Stammtischparole da.... Ich komme mir vor wie ein Wackeldackel mit meinem Sprachlosen Kopfnicken.
Gleich kommt er bestimmt auf Trans zu sprechen, dann bist du fällig. Dann wirst du vor all den Mitreisenden zerlegt und ausgeweidet :mrgreen: .
Vielleicht steigt er ja bald aus? Dann klingelt sein Handy und während seine Freundin von ihm wissen will wann er kommt, mustere ich ihn ein bisschen genauer. Er kratzt sich am schuppigen Unterschenkel und streift dabei mein Bein. Zum Glück trage ich Stiefel. Er ist Gelbblond mit Schnäuzer, Lederjanker und Cordhose. Auf dem Kopf trägt er ein grünes Lodenhütchen und seine Stimme ist tief, rauchig und laut. Ein Typ wie Ben Becker, hey vielleicht ist das ja versteckte Kamera oder ein ähnliches Format: Finde den verkleideten Promi oder so. Der Typ legt auf, er fährt auch bis Hauptbahnhof - wie schade :cry:

Gleich gehts weiter
LG Larissa
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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 3 im Thema

Beitrag von JuLa67 » Sa 7. Dez 2019, 16:35

Des Mitgefühls meiner Umgebung bin ich mir sicher. Gegenüber sitzt eine Frau und liest Zeitung. Ob das die FAZ wäre poltert er zu ihr rüber. Nein, ist es nicht, sagt sie höflich aber bestimmt, und nun möchte sie in Ruhe weiter lesen. (buch)
Die Bahn hält und er schaut sich um, fragt wo wir sind?
Rösrath, murmele ich. Die Frau gegenüber hält mir konspirativ einen Teil ihrer Zeitung hin (zeitung) - wofür doch große Bögen bedrucktes Papier alles gut sein können. (sym) Zu meiner eigenen Überraschung winke ich ab. Ist eh schon alles zu spät, oder?

Irgendwie verliert der Typ das Interesse an uns -wahrscheinlich sind wir zu wortkarg - und sucht sich wortreich ein neues Publikum im nächsten Waggon. (arg)
Ich schaue nochmal in die Runde und alle wirken erleichtert. (hs)
Hat doch gar nicht wehgetan. Ich muss grinsen.
Ich bin auf einmal Stolz auf mich, Prüfung bestanden!?!
Durchatmen, Krone richten, weitermachen! (gitli)
LG Larissa
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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 4 im Thema

Beitrag von Lisa-Weber » Sa 7. Dez 2019, 16:53

Danke dir für deinen herzigen Bericht.
Man fühlte sich als Mitfahrer.
Liebe Grüße
Lisa
Liebe geben und offen sein für neues..

Saskia_lc
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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 5 im Thema

Beitrag von Saskia_lc » Sa 7. Dez 2019, 17:01

Hallo Larissa,

toller Bericht und gut geschrieben! ;) Ich glaube mein Makeup wäre vom Schweißausbruch zerflossen wie Olaf der Schneemann im Soooommer. ;) und alles drunter gleich mit.

Gruß Saskia
Niveau ist keine Handcreme

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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 6 im Thema

Beitrag von Astrid_M » Sa 7. Dez 2019, 23:57

JuLa67 hat geschrieben:
Sa 7. Dez 2019, 16:35
Ich bin auf einmal Stolz auf mich, Prüfung bestanden!?!
Durchatmen, Krone richten, weitermachen! (gitli)
LG Larissa
Diese Prüfung hast du definitiv bestanden und kannst bei der Nervenstärke auf dich Stolz sein.
Manche Mitreisende sind eine Plage und dann noch in deiner Situation ...
LG,
Astrid

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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 7 im Thema

Beitrag von Inga » So 8. Dez 2019, 01:07

Hallo, Larissa,

ich bewundere ja deine Geduld!

Ich fahre "en femme" öfters mit öffentlichen Verkehrsmitteln, kann mich an solche Situationen nicht erinnern. (Vielleicht verdränge ich sie) Wenn mir die Leute zu nah kommen oderbirgendwie auf die Nerven gehen, stehe ich auf und stelle mich ein paar Türen weiter hin frei nach dem Motto: Lieber ein paar Minuten extra stehen als solche Typen neben mir.

Liebe Grüße
Inga

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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 8 im Thema

Beitrag von JuLa67 » So 8. Dez 2019, 12:06

Inga hat geschrieben:
So 8. Dez 2019, 01:07
Hallo, Larissa,

ich bewundere ja deine Geduld!

Ich fahre "en femme" öfters mit öffentlichen Verkehrsmitteln, kann mich an solche Situationen nicht erinnern. (Vielleicht verdränge ich sie) Wenn mir die Leute zu nah kommen oderbirgendwie auf die Nerven gehen, stehe ich auf und stelle mich ein paar Türen weiter hin frei nach dem Motto: Lieber ein paar Minuten extra stehen als solche Typen neben mir.

Liebe Grüße
Inga
Hallo Inga, hallo Astrid,
mit Geduld hatte das weniger zu tun. Zuerst der Schock auf einmal im Rampenlicht zu stehen, dann eher Trotz: Ich lass mich von dir nicht so einfach vertreiben. Er war ja nicht wirklich unhöflich, er hat sich sogar mit Zimmermann vorgestellt. Und ich finde, dass er durch sein Verhalten sich in den Mittelpunkt gesetzt hat und nicht mich mit dem Thema Trans. Außerdem bekam ich dadurch, dass ich nicht weggelaufen bin, Mitleid und Sympathie, statt möglicherweise Ablehnung und Nase rümpfen (flow) .
Und das mit Weggehen wird doch schon fast von diesen Typen erwartet, aber der Erwartungserfüllungsgehilfe bin ich mittlerweile nicht mehr :((a , das können andere machen.
Ich möchte mein Leben leben und nicht die Vorstellung anderer davon. (cow)
LG Larissa
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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 9 im Thema

Beitrag von Inga » So 8. Dez 2019, 22:50

Liebe Larissa,

ich habe nichts gegen deine Nervenstärke und Kräfte messen in solchen Situationen, wenn es dir Spass macht.

Bin ich en femme unterwegs, verfolge ich halt eine andere Strategie, bevor solche Situationen mit zu starker Tuchfühlung von anderen Menschen eskalieren. Mit meinem Beitrag wollte ich eben ausdrücken, dass es auch andere Möglichkeiten der Reaktion gibt, und zwar aus dem Motiv heraus um sich selbst zu schützen vor überbordender Aggression von jemanden anderen und damit einher gehenden möglichen handgreiflichen Aktionen. Provokationen und Konflikten aus dem wege zu gehen ist ja nichts Verwerfliches. Da ist es dann auch kein Problem, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Liebe Grüße
Inga

LolAndrea
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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 10 im Thema

Beitrag von LolAndrea » Mo 9. Dez 2019, 00:05

JuLa67 hat geschrieben:
Sa 7. Dez 2019, 16:35

Ich bin auf einmal Stolz auf mich, Prüfung bestanden!?!
LG Larissa
hola Larissa, das hast du super gemacht und mit jedem mal wirst du stärker und selbst sicherer im Handling mit potentiell obskuren, seltsamen oder grenzwertigen Sozialkontakten und entwickelst immer effektivere Handlungstrategien, um deine physische und psychische Integrität zu schützen! (smili) Persönlich fahre ich nach dem Motto, ein bewegtes Ziel ist schwerer zu "treffen" als ein Stehendes oder sogar Sitzendes. Deswegen bleibe ich stets in der Öffentlichkeit in Bewegung, stehe nicht länger als wenige Minuten an der gleichen Stelle und vemeide total das Sitzen (ausser in geschützten Räumlichkeiten z.b. eines Vereins von feministas oder einer Trans Vereinigung) und habe seit Jahren keine öff. Verkehrsmittel mehr benutzt, nur noch mit eigenem Auto oder Fahrrad.
Toi toi toi , dass alles ruhig und friedlich bleibt im Laufe deiner zunehmenden Feminisierung zur hübschen Prinzessin! (smili) (flo)

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Re: Mal ganz unauffällig in der Bahn

Post 11 im Thema

Beitrag von JuLa67 » Mo 9. Dez 2019, 18:02

Liebe Inga,
Danke für deine Antwort.
Inga hat geschrieben:
So 8. Dez 2019, 22:50
Liebe Larissa,

ich habe nichts gegen deine Nervenstärke und Kräfte messen in solchen Situationen, wenn es dir Spass macht.

Bin ich en femme unterwegs, verfolge ich halt eine andere Strategie, bevor solche Situationen mit zu starker Tuchfühlung von anderen Menschen eskalieren. Mit meinem Beitrag wollte ich eben ausdrücken, dass es auch andere Möglichkeiten der Reaktion gibt, und zwar aus dem Motiv heraus um sich selbst zu schützen vor überbordender Aggression von jemanden anderen und damit einher gehenden möglichen handgreiflichen Aktionen. Provokationen und Konflikten aus dem wege zu gehen ist ja nichts Verwerfliches. Da ist es dann auch kein Problem, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Liebe Grüße
Inga

Ich bin da ganz nah bei dir. (hs)
Wenn ich deinen ersten Satz lese, ist es für mich sehr ungewohnt, dass ich damit gemeint sein soll?!
Ich war früher eine graue, ängstliche, kleine Maus! Bloß keinen Ärger bekommen, brav sein. Eigentlich geht es mir heute immer noch so. Uneigentlich bin nicht mehr so ängstlich, dafür selbstsicherer.
Kräfte messen hört sich so gewalttätig an. (ag) Das sehe ich dann doch nicht an mir. Und ob mir das Spaß macht? Eher nicht!
Sicherlich hätte ich mich davongemacht, wenn es mir mulmig geworden wäre oder der Typ von Trans angefangen hätte.
LG Larissa
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