Blutengel
Blutengel - # 4

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
Antworten
Stephanie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 743
Registriert: Mo 31. Mär 2014, 18:05
Geschlecht: d
Pronomen: die da
Wohnort (Name): Meine
Membersuche/Plz:
Hat sich bedankt: 269 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 585 Mal
Gender:

Re: Blutengel

Post 46 im Thema

Beitrag von Stephanie » Fr 3. Mai 2019, 16:33

Willkommen auf der anderen Seite …

Der Tag war ziemlich lang und vor allem Ereignisreich. Ich bin müde und gehe ins Bett. So richtig zur Ruhe komme ich dennoch nicht. Ich lasse den Tag nochmal Revue passieren. Unbewusst gleitet meine Hand zwischen meine Beine. „Stimmt! Da war doch noch was!“ sage ich leise. Vorsichtig taste ich den Bereich ab. „Hm, ist immer noch ziemlich verspannt“, denke ich mir. Auf einmal bin ich wieder wach. Ich versuche mich langsam vorzutasten, aber es zieht und tut weh. „Na toll, so ein Getue und dann geht es womöglich gar nicht“, denke ich ärgerlich, „vielleicht geht es ja mit den beiden „Brummern“ die ich mir vorhin gekauft habe.“ Ich stehe auf und hole die Tasche. „Nicht mal ausgepackt! Tse“, brummele ich leise vor mich hin. Ich nehme mir den Kleineren von beiden, bestücke ihn mit Batterien und lege ihn vorsichtig auf die Stelle. Dann schalt ich ihn an. „Huh!“ entfährt es mir. „Donnerkiesel, bin ich empfindlich!“, denke ich weiter. Ich lege alles zur Seite , stehe auf, und hole mir mein Laptop. Im Internet werde ich auch bald fündig. „Arztbesuch? Nee!“, murmele ich, „geht das auch anders?“ Eine Seite schlägt Entspannungsübungen vor, auch mit Hilfsmitteln. „Na da lag ich ja schon nicht verkehrt“, denke ich. Den Rechner schalte ich wieder aus und gehe wieder zum Bett. Ich lege mich auf den Rücken, decke mich zu und versuche mich mit autogenem Training. Ich entspanne mich so weit, dass ich prompt einschlafe. Als ich wieder aufwache, fasse ich automatisch wieder zwischen die Beine. „Könnte sein, dass das was gebracht hat“, denke ich. Irgendwie ärgere ich mich grade wieder über mich selber. Ich beschließe mich, mir mehr Zeit zu geben. „Früher war ich irgendwie geduldiger“, denke ich mir. Ich leg mich wieder hin und schlafe bald ein.

Ziemlich früh am neuen Tag wache ich aufgewühlt auf. Ich habe mal wieder alles durcheinander geträumt, an das meiste kann ich mich nicht erinnern. Nur an einen Traum, der ist hängengeblieben. In dem Traum ging es um die Frau, die ich beim Arzt getroffen habe und die ich aus der Kantine bei uns im Werk kenne. „Puh, das war schon mehr als erotisch,“ sage ich leise vor mich hin, „das möchte ich ja glatt mal in echt erleben. Aber ob die Dame auf Frauen steht?“ Ich gehe kurz auf die Toilette. Dabei fällt mir auf, dass das leichte, aber doch permanente Drücken im Unterleib weg ist, welches mich die letzten paar Jahre begleitete, weg ist. Ich nehme mir einen kleinen Spiegel und schaue an die besagte Stelle zwischen den Beinen. „Nanu, sieht schon wieder anders aus“, denke ich. Den Spiegel lege ich wieder weg und gehe zurück zum Bett. Beim Hinlegen genieße ich wie immer das leichte Schaukeln des Luftbetts. Wieder denke ich an diese hübsche Frau, die in meinem Traum vorkam. In Gedanken stelle ich mir vor, mit ihr hier im Bett zu liegen und… … und wieder gleitet meine Hand unbewusst nach unten. Vorsichtig streichele ich mich. Mutig lasse ich einen Finger in die Öffnung gleiten. „Nanu? Das … geht … ja … auf … einmal …“, höre ich mich sagen und im nächsten Moment durchzieht mich ein wahnsinnig schönes wohliges Gefühl. Ich setze mich hin, das muss ich sehen. Ich kann kaum glauben, was ich da sehe. Langsam lege ich mich wieder auf den Rücken. Den Finger lasse ich immer mutiger kreisen. So langsam wird das Gefühl intensiver. Ich lege in leichter Ekstase meinen Kopf zu Seite und sehe den einen Brummer auf dem Tisch liegen. Mit zitternder Hand hole ich ihn und statt des Fingers verschwindet der nun langsam. „Ich kann es nicht glauben“, sage ich mit leiser erregter Stimme. Als ich dann auch noch den Vibro einschalte, ist es mit meiner Beherrschung vorbei. Ich winde mich, ich wimmere, ich schreie, … es ist einfach nur noch … keine Ahnung, … geil. Nach einiger Zeit liege ich schnaufend auf dem Bauch und halte mich an der Wulst des Luftbettrandes fest. Langsam beruhige ich mich und genieße dieses Gefühl. „Willkommen auf der anderen Seite, Stefanie“, höre ich mich sagen. Erschöpft aber zufrieden schlafe ich nochmals ein.

Irgendwann stehe ich dann auf. Das Wetter draußen ist mal wieder alles andere als angenehm. Regen und ziemlich windig. Egal ich muss erstmal nicht raus.
Da ich mich später noch richtig aufbrezeln werde, lege ich einen kurzen Gang ins Bad ein, mit Minimal-Schminken. Während der Kaffee durchläuft und ich mit mein Frühstück bereite, rufe ich auf der Arbeit bei der Sekretärin meines Chefs an. Sie meldet sich und ich sage: „ Du Anja, ich brauche mal einen kurzen Termin beim Chef, gleich Montag früh, wenn es geht.“ „Ich schaue mal, wann er Zeit hat“, antwortet sie, „gleich um sieben?“ „Ja klar, geht“, antworte ich. „Darf ich fragen, um was es genau geht“, fragt Anja, „Arbeitstechnisch oder eher Privat?“ „Eigentlich beides mit Schwerpunkt Privat“, antworte ich. „Ich kann doch schon wieder dein Grinsen durch den Hörer sehen“, feixt Anja. „Also, genau geht es um Stefanie“, sage ich darauf. „Oh!“ sagt Anja erstaunt, „hast Du Dich festgelegt?“ „Ja, irgendwie schon“, antworte ich, „und ich möchte halt, dass es der Chef als erster erfährt.“ „Ja klar ist OK“, sagt Anja, „dann bin ich aber auch Montag früh da. Ich habe ja viel von anderen gehört, aber Dich habe ich noch nie so gesehen.“ Ich lache zustimmend. „Na dann bis Montag“, sage ich. „Ja und ein schönes Wochenende“, sagt Anja.

In Ruhe nehme ich dann mein Frühstück ein. Nebenbei überleg ich, was ich alles mitnehme, auch für den Fall, dass ich dort übernachte. Das haben Bernie und Jens mir angeboten. Nach dem Frühstück lege ich mein Kleid zurecht. Dann noch ein paar Sachen zum Anziehen für den nächsten Tag. Und dann … … Schuhe. Oje, welche ziehe ich an? Nach endlosem Überlegen entscheide ich mich für meine knallroten Lackpumps mit dem Pfennigabsatz, als Alternative schwarze Pumps mit flacherem Absatz in Trichterform und jeweils einen roten und einen schwarzen Lackballerina ohne Schleife. Ein Paar weiße Sneakers packe ich vorsorglich auch noch ein. Dann kommt noch der Kulturbeutel dazu. Eine Luftmatratze sollte ich vorsorglich auch mitbringen, meinte Jens neulich beim Telefonieren. Dazu gehe ich schnell in den Keller und hole ein anderes Luftbett mit E-Pumpe, nicht ganz so groß, wie das im Schlafzimmer, mit seinen 2 x 2 m. Beim Verlassen des Kellers kommt mir Jochen entgegen. Als er mich sieht bleibt er wie vom Blitz getroffen stehen. „Ist etwas?“ frage ich freundlich. Er schüttelt wortlos den Kopf. „Ich bin es nur, die Steffi“, sage ich weiter. „Äh… ja“, stammelt er. Ich klopf ihm auf die Schulter und sage: „Kopf hoch, alter Junge, Du bist doch nicht mehr 14, oder?“ Er wird knallrot im Gesicht. „Oh, sorry, das wollte ich nicht“, sage ich, „bist Du etwa verknallt in mich?“ Er sagt gar nichts mehr und versucht seine Box aufzuschließen. „Alles gut, dann eben ein anderes Mal“, sage ich freundlich. Beim Treppe hochgehen wundere ich mich wiedermal, wie er einerseits Frauen reihenweise abschleppen kann und andererseits mir gegenüber in die frühpubertäre Verliebtheit zurückfallt. Aber lustig ist es schon.

Wieder in der Wohnung fange ich so langsam an mich für die Party zurechtzumachen. Als erstes wird die Perücke gewechselt. Statt der kupferroten, schulterlangen Perücke, die ich grade aufhabe, setze ich mir eine kastanienrote gelockte Perücke auf, die bis zwischen die Schulterblätter reicht. Die Perücke mache ich diesmal wieder richtig fest. Mit Haarklemmen am Haupthaar und da wo kein eigenes Haar ist mit Klebestreifen, der allerfestesten Sorte. Ein gute Stunde bin ich dabei, dann sitzt alles richtig. Jetzt das Makeup. Und auch das gelingt. Ich bin richtig stolz auf mich. Die Fingernägel sehen noch gut aus. Ein bisschen Zeit habe ich noch. Ich mache mir noch einen Tee und noch mal was kleine zu futtern. Dann geht es ans Finish. Eine hautfarbene Strumpfhose und dann das Kleid angezogen. Für die Fahrt im Auto ziehe ich einen nicht ganz so fülligen Unterrock an, der nicht ganz so aufbauscht. Einen üppig gefüllten Unterrock packe ich noch zu meinen Sachen. Ich überprüfe noch mal alles. Es ist kurz vor 15.00 Uhr. Um 16.00 Uhr kann ich die Jacke abholen. Ich ziehe mir einen schwarzen Steppmantel an, nehme meine Sachen und gehe zur Tür. Lisa wischt grade den Treppenabsatz feucht auf. „Hallo Lisa, darf ich kurz durchgehen?“ frage ich. Sie schaut hoch. „Ja … klar… meine Güte, Steffi“, staunt sie, „das sieht ja schön aus!“ „Danke schön“, sage ich lieb. „Geht es zur Party von der Du sprachst?“ „Genau da geht’s hin“, antworte ich. „Viel Spaß“, wünscht sie mir. Ich gehe die Treppe weiter runter. Unten steht Ebi vor seiner Tür und unterhält sich mit … … Jochen. Als Jochen mich sieht ruft er: „Oh mein Gott, nein.“ Und verschwindet im Keller. Ich zucke mit den Schultern. Ebi grinst und sagt nur: „Schwer verliebt!“ „Dann ist das eben so“, sage ich darauf. „Du siehst bezaubernd aus, Steffi“, lobt mich Ebi, „darf ich ein Foto machen?“ „Na klar“, antworte ich und lege meine Sachen an die Seite. Ich gehe zur Treppe und stelle mich in verschiedenen Posen hin. Ebi schießt mehrere Fotos. „Fantastisch“, sagt er, "viel Spaß und grüß schön." „Mach ich gerne“, sage ich und gebe ihm ein kleines Küsschen auf die Wange. „Hm“, sagt er genießerisch. Ich gehe zum Auto und verstaue meine Sachen. Dann mache ich mich auf den Weg in die Stadt, was Freitagnachmittag im Feierabendverkehr nicht immer ganz angenehm ist. Deswegen bin ich so früh losgefahren.
Ich verkleide mich nicht, ich bin so!

Stephanie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 743
Registriert: Mo 31. Mär 2014, 18:05
Geschlecht: d
Pronomen: die da
Wohnort (Name): Meine
Membersuche/Plz:
Hat sich bedankt: 269 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 585 Mal
Gender:

Re: Blutengel

Post 47 im Thema

Beitrag von Stephanie » Di 7. Mai 2019, 16:24

Noch schnell die Jacke abholen

Ich komme früh im Parkhaus an. Ich überlege noch kurz, ob ich die Ballerinas anlasse, die ich zum Autofahren anhabe oder Pumps anziehe. Ich entscheide mich für die schwarzen Pumps, auf denen kann ich ganz gut laufen und die Roten wären mir jetzt doch zu auffällig. Ich steige aus und zieh mir den Steppmantel an, weil es hier im Parkdeck doch ganz schön durchzieht. Zügig gehe ich zum Treppenhaus. Hier ist es wenigstens schon wärmer. Zwei Rolltreppen weiter bin ich dann auf der oberen Verkaufsebene. Ich gehe Richtung Laden. Von weitem fällt mir eine Person auf, die ich von der Arbeit kenne. „Nanu, das ist doch Joelle, aber im Mann-Modus?“ wundere ich mich. Joelle hab ich vor Jahren kennengelernt, als sie Teilnehmerin in einem Workshop war, den ich moderierte. Sie ist, wie sie selber sagt „genetisch Mann, gefühlt Frau“ und war für mich dann auch der ausschlaggebende Anschub, den Weg zu gehen, den ich jetzt gehe.
Mittlerweile hat sie mich auch gesehen und schaut wie ich näherkomme. „Hallo Joelle“, sage ich, als ich ihr gegenüberstehe. „Steffi??? Jetzt erkenne ich Dich erst“, sagt sie, „was machst Du denn hier und vor allem in diesem schönen Kleid?“ „Ich möchte in dem Laden da drüben noch eine Jacke für dieses Kleid abholen“, antworte ich. „Hast Du noch was vor?“ fragt Joelle. „Ja, ich fahr gleich noch auf eine Party“, antworte ich und erkläre ihr Wo. „Kenne ich, da war ich auch schon ein paarmal“, antwortet sie. „Und Du, im Mann-Modus? Bist du mit Deiner Frau hier? frage ich. „Ja, die ist grade in dem Laden hinter uns“, antwortet Joelle. Bei Joelle ist es wie bei mir, die Gattin kann damit nichts anfangen. Allerdings mit dem Unterschied, dass meine mich regelrecht rausgeekelt hat. „Meine Frau fährt nachher noch zu ihrer Schwester und bleibt über Nacht da“, sagt Joelle, „da könnte ich glatt auch noch zu der Party fahren.“ Das wär natürlich cool!“ sage ich begeistert, „jetzt muss ich aber schnell die Jacke abholen.“ Ich verabschiede mich und gehe zum Laden. Als ich ihn betrete, sehe ich die Verkäuferin schon hinter der Kasse stehen. Sie sieht mich und lächelt. „Das Kleid sieht aber sehr schön aus“, lobt sie. Ich ziehe den Mantel aus und lege ihn auf einen Sessel. Ich zeige auf die freien Schultern und sage: „ „Deswegen eine Jacke.“ „Ist bei dem Wetter auch besser“, sagt die Verkäuferin lächelnd und reicht mir die Jacke. „Dann ziehen Sie sie mal an“, sagt sie. Ich ziehe die Jacke an. „Wow, die passt ja super“, sage ich, „großes Lob an die Schneiderin.“ Eine Kollegin kommt dazu. „Und passt sie?“ fragt sie vorsichtig. „Ja und Du hast grade schon ein dickes Lob von der Kundin bekommen“ sagt die Verkäuferin. „Oh danke“, sagt ihre Kollegin. „Gerne“, sage ich, „die passt wie angegossen.“ „Wollen sie die Jacke gleich anbehalten?“ fragt die Verkäuferin. „Sehr gerne“, antworte ich und bezahle sie. „Viel Spaß bei der Party“, wünschen mir beide beim Rausgehen. „Danke“, sage ich und verlasse den Laden. Meine Manteltrage ich erstmal über dem Arm.

Auf dem Rückweg komme ich wieder bei Joelle vorbei. Sie steht einen Laden weiter und hat mich natürlich schon wieder gesehen. „Boah, Steffi, das passt ja super zusammen“, sagt sie, „supertoll.“ Wir unterhalten uns noch kurz. Plötzlich steht die Gattin von Joelle neben uns. Unser Gespräch verstummt und sie mustert mich von oben bis unten ab. „Sind sie auch so einer von den Verrückten, die sich verkleiden?“ fragt sie mich ziemlich unhöflich. Ich schaue sie eine Weile an und mustere sie dann auch von oben bis unten ab. Sie trägt die Haare kurz, ist etwas übergewichtig und trägt eine Hose. Ihr wird das langsam etwas unangenehm, dann sage ich: „Das ist so nicht ganz richtig was sie da sagen. „Ja, ich bin verrückt, aber Nein, ich verkleide mich nicht, ich bin so.“ Sie schaut mich verdattert an. Bevor sie weiterreden kann sage ich: „Und was ist mit Ihnen? Kurzhaarfrisuren sind keine Damenfrisuren und Hosen keine Damenbekleidung.“ Ich gehe einmal um sie herum. „Ihre Jeans ist eine Herrenjeans“, stelle ich dabei fest, „was stimmt hier denn nicht? Sie dürfen Herrenbekleidung tragen, ich aber kein Kleid. Find ich aber ungerecht.“ Joelle steht hinter ihr und grinst sich einen, während die Gattin so perplex ist, dass sie nichts mehr sagt. „Ich wette, sie denken darüber nach, wenn ich gegangen bin, gelle?“ sage ich. Ich verabschiede mich. „Mach es gut Steffi“, sagt Joelle. Ich winke nochmal im Gehen. Als ich vor der Rolltreppe bin schaue ich nochmal zurück. Joelles Frau steht da und schaut mir immer noch perplex hinterher.

Als ich dann von der Rolltreppe zum Parkdeck gehe, stoße ich fast mit einem Herrn zusammen, der grade auf sein Handy schaut. „Oh, Entschuldigung“, sagt er, „ich habe sie nicht gesehen.“ „Ist ja nichts passiert“, sage ich, dann erkenne ich ihn. Das ist der nette Herr aus dem Coffee-Shop gestern. Jetzt erkennt er mich auch. Er geht einen Schritt zurück. „Darf ich Sie mal anschauen“, fragt er. Ich nicke. „Das sieht ja schön aus“, sagt er bewundernd, „wann sieht man heutzutage noch eine Frau in so einem bezaubernden Kleid?“ Um meine Verlegenheit zu über spielen, drehe ich mich einmal schnell um die eigene Achse, dass der Rock sich richtig entfaltet. „Wunderschön“, sagt er, „darf ich fragen, wie Ihr Vorname ist?“ „Stefanie“, antworte ich. Er legt den Kopf leicht zur Seite und betrachtet mich von oben bis unten und zurück. „Ja, der Name passt“, sagt er. „Jetzt müssen Sie mit Ihren Namen aber auch sagen“, sage ich lächelnd. „Alexander“, sagt er. Ich nicke leise. „Das ist ja fast schon Schicksal“, sage ich, „beides Namen mit griechischer Herkunft, wissen Sie was ihr Name bedeutet?“ „Nein“ antwortet er. „Der Beschützer“, sage ich. „Oh, was Sie wissen“, sagt er, „und was bedeutet Stefanie?“ Ich lege meinen Kopf ganz leicht schief und sage mit einem süßen lächeln: „Die Gekrönte.“ „Wow“, sagt Alexander, „jetzt verstehe ich, was Sie mit Schicksal meinen.“ Und das Schicksal meint es nicht gut mit uns“, sage ich lächelnd, „ich muss leider langsam weiter.“ „Würden Sie mir ihre Telefonnummer geben?“ fragt er vorsichtig, „ich muss Sie unbedingt nochmal wiedersehen.“ Ich überlege kurz und sage dann: „Ja klar.“ Er holt sein Handy raus und ich diktiere ihm die Nummer. „Vielen Dank“, sagt er. Weil er so sympathisch ist, nehme ich ihn kurz in den Arm. „Tschüß dann…“, sage ich und gehe durch die Tür zum Parkdeck. Ich winke nochmal, er steht da und ist wohl etwas von der Rolle, dann winkt er zurück. Ich gehe zum Auto und fahre aus dem Parkhaus. Draußen trifft mich fast der Schlag; allermiesester Schneeregen. Gut, dass ich noch Winterreifen draufhabe. Mal sehen, was das unterwegs noch wird. Üblicherweise wird es Richtung Harz eher noch schlechter mit dem Wetter, vor allem wenn das auch noch eine Nordstau-Wetterlage ist.
Ich verkleide mich nicht, ich bin so!

Stephanie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 743
Registriert: Mo 31. Mär 2014, 18:05
Geschlecht: d
Pronomen: die da
Wohnort (Name): Meine
Membersuche/Plz:
Hat sich bedankt: 269 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 585 Mal
Gender:

Re: Blutengel

Post 48 im Thema

Beitrag von Stephanie » Mi 15. Mai 2019, 16:30

Die Kneipe im Vorharz Teil 2

Trotz Schneeregen und immer noch anhaltenden Feierabendverkehr komme ich zügig auf die Autobahn Richtung Harz. Hier ist nicht mehr so viel los und ich aktiviere die Freisprecheinrichtung für mein Handy. Ich rufe bei Jens und Bernie an. Jens meldet sich. „Hallihallo, hier ist Steffi“, melde ich mich. „Hallo Steffi“, grüßt mich Jens, „Du willst doch hoffentlich nicht wegen des Wetters absagen?“ „Ach was, da müßten schon Flugzeugträgergroße Schneeflocken vom Himmel fallen“, antworte ich, was am anderen Ende der Leitung zu einem Lachanfall führt, „ich wollte nur fragen wie es bei euch grade mit dem Wetter ist, hier ist mieser Schneeregen im Gange.“ „Ooch, da haben wir es etwas besser“, antwortet Jens, „wir haben nur Schnee und der bleibt auch noch liegen.“ „Na super, das im April,“ sage ich, „egal ich bin unterwegs.“ „Das ist doch schön“, sagt Jens, wenn Du hier ankommst, dann kannst Du auf den Hof hinterm Haus fahren und dort unter dem Schauer parken.“ „Das hört sich gut an“, sage ich erfreut. „Falls Du hier übernachten möchtest, dann kannst Du die Sachen gleich mit reinbringen“, sagt Jens weiter, „neben dem Schauer ist gleich die Tür für den Hinterausgang.“ „Super, was’n Service“, antworte ich, „dann bis bald.“ „Bis bald Steffi, wir freuen uns schon auf Dich“, sagt Jens.
Ich bin fahre grade an Wolfenbüttel vorbei. Der Schneeregen entscheidet sich so langsam zu mehr Schnee und weniger Regen im Gemisch. Ich fahre lieber etwas langsamer, weil ich das Gefühl habe, es wird obendrein auch noch glatt. An der nächsten Auffahrt kommt grade ein Räumfahrzeug mit Streusalzanhänger dazu. „Oje, wenn ich schon mal auf eine Party will“, sage ich leise, „mal sehen, was das noch wird.“
Nach einiger Zeit schickt mich das Navi dann von der Autobahn herunter. Der Schneeregen hat zwar aufgehört, aber es ist glatt auf der Straße. Langsam taste ich mich vor. Ich erreiche den nächsten Ort. Jetzt fängt es an richtig zu schneien und die Grütze bleibt auch noch liegen. Zu guter Letzt komme ich zeitig an und parke wie abgesprochen unter dem Schauer. Aussteigen und dabei trocken bleiben tröstet mich über das Wetter hinweg. Ich ziehe meinen Mantel über und tausche die Ballerinas gegen die roten Lackpumps. Aus dem Kofferraum hole ich meine Sachen und gehe in Richtung der genannten Tür. Die Tür geht auf und Bernie kommt mir entgegen. „Hallo Steffi, schön, dass Du da bist“, sagt er, „ich nehme Dir mal Deine Sachen ab.“ „Oh danke schön“, sage ich. Dafür halte ich ihm als Gegenleistung die Tür auf. „Hereinspaziert“, sagt Bernie. Ich trete ein und schaue mich um. „Meine Güte, da habt ihr euch aber ins Zeug gelegt, mit der Deko“, sage ich erstaunt, wie war das Motto? Beachparty?“ „Genau“, antwortet Bernie. Ich ziehe meinen Mantel aus und staune weiter. In einigen Ecken haben sie weißen Sand geschüttet und Liegestühle hingestellt. Stühle und Tische sehe ich fast gar keine, dafür aber jede Menge aufblasbare Flamingos, Schwäne und sonstige Badeinseln, was mein Herz natürlich sofort mit Freude erfüllt. „Ihr seid ja cool“, sage ich erfreut, „da habt ihr aber meinen Nerv getroffen.“ „Magst Du diese Aufblasdinger?“ fragt mich Jens, der grade dazugekommen ist. „Aber sowas von, das ist fast schon ein Fetisch“, antworte ich. „Na dann ist Bernie ja nicht mehr alleine“, grinst Jens. „Willkommen im Club“, sage ich und reiche Bernie die Hand. „Jetzt lass Dich mal anschauen“, sagt Bernie. „Overdressed?“ frage ich. „Absolut nicht“, antwortet Jens, „das sieht super toll aus.“ „Da kommt gleich aber noch ein anderer Unterrock drunter“, sage ich, „damit es noch puscheliger wird.“ „Oh Mann, das möchte man doch glatt Hete werden“, sagt Bernie grinsend. Was mich dazu bringt den Kopf zu wiegen. Jens lacht. „Dann bringen wir Deine Sachen ins Zimmer, würde ich sagen“, bemerkt Bernie. „OK“, sage ich. Wir schnappen uns die Sachen und gehen durch die Tür, die zum Büro geht. Schräg gegenüber ist eine Tür, die Bernie aufmacht. „Das ist so eine Art Pausenraum“, sagt er, „allerdings stehen wegen der Party hier ein paar der Tische und Stühle, die sonst in der Kneipe stehen.“ Ich schaue mich um. „Das stört mich nicht“, sage ich lächelnd, „Hauptsache, meine aufblasbare Wolke passt hier hin.“ „Wolke?“ fragt Bernie. „Spezialausdruck für Luftbett“, sage ich grinsend. „OK“, bemerkt er. „Ist das OK für dich?“ fragt er noch mal vorsichtig, „sonst hätten wir auch noch eins der Gästezimmer, aber die sind weiter weg.“ „Ach nee, bloß keine Umstände“, sage ich lächelnd, „ich bin doch zum Feiern hier.“ „Du gefällst mir Steffi, du bist so unkompliziert“, sagt Bernie. „Wer weiß wie das so wird“, sage ich, „lieber nur drei Meter gehen und ins Bett fallen, als sich in der Weitläufigkeit des Hauses zu verlaufen.“ „OK“, sagt Bernie, „den Schlüssel, der in der Tür im Schloss steckt, kannst Du dann nehmen und die Tür abschließen, wenn Du möchtest. Ich gehe dann wieder rüber.“ „Ich blas nur eben schnell das Bett auf und komme dann sofort hinterher“, sage ich. „Den anderen Unterrock nicht vergessen“, sagt Bernie. Ich zeige den Daumen nach oben. „Bis gleich dann“, sage ich.

Bett ist aufgeblasen, der Unterrock gewechselt, ich gehe dann wieder zurück. Als ich aus der Tür in den Kneipenraum trete, steht da gleich neben der Tür ein aufblasbares Einhorn. „Einhorni, was machst Du denn hier?“ frage ich und umarme es. Dann setze ich mich drauf, so dass ich den Hals umarmen kann. Jens, Bernie und zwei Frauen hinter dem Tresen lächeln. Jetzt nehme ich auch noch ein paar andere Leute wahr. Vier Herren in schwarzer Jeans und schwarzem T-Shirt stehen neben dem Tresen. Drei lächeln mich an, während der vierte mich sehr verträumt anschaut. Ich stehe von Einhorni auf und steuere die Vier an. „Gestatten, Stefanie“, sage ich und reiche meine Hand. Einer nach dem anderen stellt sich dann ebenfalls vor: „Ich bin Michael, genannt Micha.“ „Mein Name ist Alex.“ „Ich bin Frank.“ „Und ich Thomas, mich nennen sie Tom. Wir machen hier heute Abend die musikalische Unterhaltung.“ „Ah, super, Live Musik find ich gut“, sage ich. „Normal sind wir zu fünft, aber unser Bassist Carlos kommt heute von einer Dienstreise zurück und wird es nicht zeitig schaffen hier zu sein“, sagt Micha, „und schon gar nicht bei dem Wetter.“ „Und Stefanie ist heute Special Guest von Bernie und mir“, sagt Jens der sich dazu gesellt hat. Ich schaue ihn mit gespielt großen Augen an.

Wir hatten uns extra vor dem eigentlichen Einlass verabredet, weil es ja eigentlich Neuigkeiten von Torben gibt. „Wo ist denn Katja?“ frage ich. „Sie hat grade angerufen“, antwortet Bernie, „sie steht in der Nähe der Okertalsperre in einer Straßensperrung. Da hat es einen Unfall gegeben.“ „Von wo kommt sie denn dann her?“ frage ich. „Aus Altenau“, antwortet Bernie, „da oben schneit es grade richtig, sagte Katja eben.“ „Sie freut sich schon auf Dich“, sagt Jens. „Echt? beim letzten Mal als ich hier war, da war sie doch so grimmig auf mich“, stelle ich verwundert fest., „und als ich ihr gezeigt hatte, dass ich ein Haarteil trage, da hatte ich sie doch auch so ein bisschen hochgenommen.“ „Das fand sie im Nachhinein cool“, antwortet Jens, „weil du so locker rüberkamst und so ehrlich warst.“ „Außerdem haben wir ihr dann ein wenig von unserem Gespräch erzählt“, fügt Bernie hinzu, „seitdem ist sie ganz anders drauf.“ Na dann bin ich mal gespannt“, sage ich.
Ich schaue mich weiter um, um die Zeit zu überbrücken. Jens und Bernie dekorieren derweil die Kneipe weiter. Bernie bläst wieder einige Aufblasteile auf.
Ich schaue mir die Bühne an, während mich Micha und Tom dabei beobachten. „Cool, ein Fender Jazz Bass“, sage ich, als mein Blick darauf fällt, „darf ich mal?“ „Natürlich“, sagt Micha, „kannst Du Bassspielen?“ „Mal schauen, ob ich es noch kann“, antworte ich. Ich stapele erstmal absichtlich tief. Den Bass hänge ich mir um. „Ist die PA an?“ frage ich. „Ja ist sie“, sagt Tom grinsend. Ich drehe vorsichtig den Lautstärkenregler auf. Erstmal alle Saiten nacheinander angespielt. „Holla, das scheppert aber“, sage ich feixend, „ist schon was anders als ein 15 Watt Transistor-Amp.“ Mittlerweile schauen auch Bernie, Jens und die anderen Musiker in meine Richtung. Ich spiele mal einige einfache Bassläufe, Blues, Rock’n’Roll usw.. „Das machst Du aber nicht zum ersten Mal, was?“ fragt Micha. „Doch, doch“, antworte ich, „noch nie so ein Ding in der Hand gehabt.“ „Hä? Eben sprichst Du noch von einem 15 Watt Amp?“ fragt Tom. „Mist! Verplappert“, sage ich gespielt ertappt. Ich schaue nach unten und sehe einige Effektgeräte. „‘I-hi, ein Delay“, sage ich erfreut. (Das ‘Ihi ist ein Hihi, wo das erste H nicht mitgesprochen wird, das erste „I“ kurz gesprochen wird und das „–hi“ auch sehr kurz und höher als das erste „I“ gesprochen wird; ist so eine Eigenart von mir). Ich schalte das Delay an und zupfe die E-Saite an. Am Delay stelle ein Echo ein, das ziemlich schnell abläuft. „Kannst Du das Stück spielen?“ fragt mich Bernie etwas aufgeregt. „Welches Stück?“ frage ich gespielt erstaunt, „weiß jetzt nicht, was Du meinst, ist nur mal wieder so’n Tag wo ich mal ein Bass in der Hand habe, eben einer dieser Tage.“ „Genau, das Stück meine ich doch“, sagt Bernie. Aus den Augenwinkeln sehe ich Alex, Micha, Frank und Tom, wie sie sich ebenfalls mit Instrumenten bewaffnen. „Ach herrje“, sage ich, „ist nicht euer Ernst?“ „Doch“, antwortet Micha. „Nur weil ich mein Plappermaul mal wieder nicht halten konnte“, sage ich feixend. Die anderen grinsen. „Na gut“, sage ich zu Frank, er am Keyboard steht, „mach mal ein wenig Wind.“ Und zu Bernie sage ich: „Ist Deine Lieblingsgruppe?“ Der nickt erwartungsvoll. Okay, es geht um Pink Floyd und das Stück ‚one of these days‘. Frank erzeugt einen ordentlichen Wind, ich steige nach kurzer Zeit mit dem für das Stück typischen Bass ein. Mal schauen, ob ich das die ganze Zeit durchhalte. Irgendwann steigt Tom mit den Drums ein. „Ist das heiß“, denke ich mir und ertappe mich dabei, wie ich leicht mitwippe. Micha steigt dann mit der E-Gitarre ein. „Boah, die sind aber gut“, denke ich mir, „ist ja fast wie im Original, und ich mittendrin.“ Während wir so spielen kommt Katja herein, schaut zu uns rüber. Auf den zweiten Blick erkennt sie mich. Ihr Mund bleibt vor Staunen offen stehen. Ich zwinkere ihr zu und bin erstaunt wie locker mir das alles von der Hand geht. Katja legt ihren Mantel ab, kommt vor die Bühne und tanzt ein wenig. Sie trägt ein richtig tolles rotes Kurzarmkleid mit weitschwingendem Rock. Und dazu goldfarbene Sandaletten mit ordentlich hohem Absatz.
Als wir mit dem Stück fertig sind bekommen wir von allen Anwesenden einen Applaus. „Steffi, das war richtig gut“, sagt Micha lobend. „Find ich auch“, sagt Katja, „obwohl ich den Anfang nicht mitbekommen habe.“ „Tja, hm“, druckse ich leicht verlegen vor mich hin. Dann schaue ich Katja genauer an. Im Gegensatz zum letzten Mal, als ich sie sah, sieht sie richtig schön aus. „Das ist aber ein schönes Kleid“, sage ich. „Deins aber auch“, sagt sie, wie sieht das denn unter der Jacke aus?“ Ich ziehe die Jacke aus. Mein Kleid breite Träger, die sich vorne und hinten Kreuzen und dabei ein Teil der Schultern frei liegen lassen. „Cooles Kleid“, sagt Katja, „ und die Heels passen sehr gut.“

Ich schaue zu Jens und Bernie. „Wollen wir uns dann zusammensetzen?“, frage ich, „wir sind ja vollzählig.“ „Hm, ein bisschen Zeit ist ja noch, bis zum offiziellen Einlass“, sagt Bernie überlegend, „ich würde Dich ja gerne noch mal sehen und hören, Steffi.“ Ich stutze. „Wie jetzt?“ frage ich. „Ich würde mir gerne noch mal ein Lied wünschen“, sagt Bernie wieder. „Ich kann nur dieses eine“, sage ich feixend“, „nee Spaß beiseite, ein Lied wünschen? Hast Du Geburtstag?“ „Gehabt“, sagt Jens grinsend. „Verrat doch nicht immer alles“, sagt Berni zu Jens. „Diese Party findet immer am ersten Samstag nach Bernies Geburtstag statt“, sagt Jens, „aber Pst, nicht weitersagen.“ Bernie rollt mit den Augen. „Na ja, wir wissen das auch“, sagt Alex, „und weil wir schon öfter hier gespielt haben, kennen wir auch das zweite Lied.“ „Die beiden spielen wir immer hintereinander als erste Stücke, wenn nachher der offizielle musikalische Teil anfängt.“ „Lass mich raten, es ist ein Stück von Pink Floyd?“ frage ich grinsend. „Sehr scharfsinnig, Steffi“, feixt Micha. „Und welches?“ frage ich. Frank, Micha und Tom sagen: „Bööh!“ „Kenne ich, kann ich,“ sage ich („Sheep“von Pink Floyd) und hänge mir den Bass wieder um“, darf ich auch mal singen?“ „Unbedingt „sagt Tom, „auf die Stimme bin ich gespannt.“ Katja steht strahlend neben mir. Bernie schaut gespannt zu uns herüber. „Steffi, kannst Du beim Singen bei den Wörtern, „away, steel, dream, scream, etc“ mit dem Mund langsam vom Mikro nach hinten weg gehen?“ fragt mich Frank. „Ich kann mir was denken“, sage ich erwartungsvoll, „wollen wir es erstmal so versuchen?“ „Ja gerne“, sagt Frank. „OK… harmlessly passing your time in the grassland away….“, singe ich, während ich bei away den Kopf nach hinten bewege. Frank überlagert meine Stimme dabei mit dem Synthesizer. Ich schaue ihn an und sage begeistert: „Geil. Einfach nur geil.“ Bernie schaut uns nur noch sentimental an und sagt gar nichts mehr. „Alles OK bei Dir“, frage ich ihn. Er nickt. „Na dann los“, sagt Frank, „ich schicke die Schafe auf die Weide.“ Mit seinem Synthesizer erzeugt er Schafgeblöke und setzt kurz drauf mit dem Keyboard ein. Fast unmerklich fange ich an die Saiten zu zupfen und werde langsam lauter. Tom setzt mit den Drums ein. Micha und Alex zünden ihre Gitarren während ich mit dem Gesang einsetze. Wenn mir eines bei Pink Floyd Liedern gefällt, die Roger Waters singt, dann ist es dieser leicht zum Wahnsinn tendierende Gesang, was ich grade versuche so gut wie möglich hinzu bekommen.
„Boah, das zieht sich aber“, sage ich, als wir mit dem Stück fertig sind. „Das sind auch locker zehn Minuten gewesen“, sagt Micha. „Aber der Hammer, das war auch richtig klasse“, sagt Frank, „obwohl das gar nicht geübt war.“ „Hast Du schon mal in einer Band gespielt?“ fragt Alex. „Is‘ schon lange her“, antworte ich, „in der siebten Klasse haben wir eine Schülerband gegründet, bis zur zehnten Klasse.“ „Und danach?“ fragt Tom. „Also das letzte Mal hatten wir auf einem Klassentreffen gespielt“, antworte ich, „das ist auch locker zehn Jahre her.“ „Na dann haste aber nichts verlernt“, sagt Micha, „triffst die Töne und bist sehr taktsicher.“ „Oh danke“, sage ich und werde mal wieder leicht verlegen. „Hast Du noch mehr auf dem Kasten“, fragt Frank keck, „vielleicht kannst Du uns ja zwischendurch das ein oder andere Mal unterstützen.“ Ja, warum nicht“, antworte ich, „mal sehen was ihr noch so spielt.“
Ich verkleide mich nicht, ich bin so!

Diana.65
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 802
Registriert: Mo 2. Mai 2016, 00:27
Geschlecht: Teilzeitfrau
Pronomen: öfters SIE
Wohnort (Name): Saaletal bei Jena
Membersuche/Plz: Thüringen
Hat sich bedankt: 1776 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 911 Mal

Re: Blutengel

Post 49 im Thema

Beitrag von Diana.65 » Mi 15. Mai 2019, 22:12

Hallo Stephanie, du fleißige Schreiberin! (yes)

Danke für deine schöne Geschichte. Ich bin hin und weg. Hoffentlich kommen noch viele so interessante und abwechslungsreiche Fortsetzungen. (he)

Liebe Grüße,
Diana.
Ich bin und bleibe ich.
Was andere von mir denken, wenn ich immer mehr meine neue, weibliche, Seite zeige, ist mir zwar nicht egal, aber ich komme immer mehr damit zurecht.

Frl_Astrid
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 634
Registriert: Do 9. Nov 2017, 03:56
Geschlecht: m
Pronomen: er sie es?
Wohnort (Name): Leipzig
Membersuche/Plz: Sachsen
Hat sich bedankt: 880 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 388 Mal

Re: Blutengel

Post 50 im Thema

Beitrag von Frl_Astrid » Do 16. Mai 2019, 06:04

eine wunderschöne Geschichte Stephanie die da schreibst ,schreib schnell weiter ,ich träum so schön beim lesen

mit lieben Grüssen Astrid

Stephanie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 743
Registriert: Mo 31. Mär 2014, 18:05
Geschlecht: d
Pronomen: die da
Wohnort (Name): Meine
Membersuche/Plz:
Hat sich bedankt: 269 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 585 Mal
Gender:

Re: Blutengel

Post 51 im Thema

Beitrag von Stephanie » Fr 17. Mai 2019, 16:42

Die Kneipe im Vorharz Teil 3

„So, jetzt lasst uns aber mal die Neuigkeiten zusammentragen“, sagt Jens. Wir gehen in eine Ecke der Kneipe, wo einige Sitzgelegenheiten sind. „Oh die aufblasbaren Eck-Sofas von Intex“, sage ich grinsend. Drei davon sind zu einem offenen Ring zusammengestellt. Ich setze mich und zu meiner Überraschung ist das Ding auch noch sau bequem. „Das hätte ich nicht gedacht“, sage ich, ich überlege schon ewig ob die was taugen.“ „Jetzt bist Du eines besseren belehrt?“ fragt Bernie feixend. „Aber so was von“, antworte ich, „auch haben wollen. Wo haste die her?“ „Aus einem Möbelladen in Goslar“, antwortet Bernie und sagt mir wo der Laden ist. „Ha den Umweg nehme ich morgen in Kauf und hol mir so ein Teil“, sage ich. Mittlerweile sitzen auch Jens und Katja. Katja sitzt neben mir. „Na ihr beiden seid unzertrennlich, was?“ fragt Jens. „Schwestern“, sagt Katja grinsend, ich nicke zustimmend.
„Was gibt es denn zu berichten? fragt Jens. „Ein Bekannter von mir, Ralf heißt er, der auch Torben kennt, hat mich neulich angerufen“, antwortet Katja, „er sagte auch so ungefähr wo Torben ist, und was er macht.“ „Aha“, bemerkt Jens. „Interessant“, werfe ich ein. „Also“, fährt Katja weiter fort, „er hat zwischen Brandenburg und Potsdam ein riesiges Gewächshaus, entweder gemietet oder sogar mal gekauft.“ „Das passt ja zu dem, was meine Nachbarn erzählten“, füge ich ein, „aber erzähl erstmal weiter.“ „Jetzt will oder muss Torben da ganz schnell weg und sucht händeringend Transportmöglichkeiten“, sagt Katja. „Hm, aber was der da in dem Gewächshaus macht, weißt Du aber auch nicht?“ fragt Jens. „Nee, darüber weiß ich nichts“, antwortet Katja. Jens schaut mich an. „Kräuter anbauen“, sage ich. „Kräuter?“ fragt Jens erstaunt, „woher weißt Du das?“ „Torben hat ja die Garage, die zu meiner Wohnung gehört, öfter von den Vormietern für kurze Zeit gemietet“, antworte ich, „und meine Nachbarn haben unabhängig voneinander beobachtet, dass Torben Kartons mit silbernen Verpackungen dort kurzfristig gelagert hat.“ „Und wie hast Du rausbekommen, was da drin ist?“, fragt Bernie. „Ein Nachbar hat mir gesagt, dass er einmal in die Garage geschaut hat, als Torben vergaß sie richtig zuzumachen“, antworte ich, „und da lag dann eine offene tüte herum. Ein Grinsen kann ich mir grade nicht verkneifen, weil dieser Nachbar, Ebi, ja Bernie kennt. „Warum grinst Du?“ fragt mich Bernie erwartungsgemäß. „Mir fiel nur grade die Unterhaltung wieder ein, wie er das so rüberbrachte“, sage ich immer noch grinsend. „Also, dein Nachbar geht also in die Garage und findet dort Kräuter?“ fragt Jens. Ich nicke. „So was wie Majoran oder Oregano, sagte er“, antworte ich. Bernie schaut mich von der Seite an. „Du weißt doch schon wieder irgendwas…“, sagt er. Ich grinse wieder. „Man darf doch nicht einfach so in anderer Leute Garage gehen?“ sagt Katja grinsend. Das war natürlich eine Steilvorlage von Katja, obwohl sie nichts davon weiß. „Also freiberufliche Journalisten dürfen das“, sage ich und schaue zu Bernie. Der schaut mich an und hat den Braten wohl gerochen. „Wie heißt den dein Nachbar?“ fragt er keck. „Sag ich nicht, aber ich soll Dich schön grüßen“, antworte ich feixend. „Ist … … das … … etwa Eberhard? Ist Eberhard Rie… dein Nachbar?“ fragt Bernie. Ich nicke artig und sage: „ Jaha, jawoll, das ist er!“ „Das ist ja ein Ding“, staunt Bernie, „seit seinem Unfall hatte ich keinen Kontakt mehr. Steffi, Du bist ja ein richtiger Glücksgriff.“

„Aber warum macht Torben da so eine riesige Geheimhaltung, nur weil er eventuell Kräuter im großen Umfang anbaut?“ frage ich in die Runde, „ob ihm das peinlich ist.“ Jens schüttelt den Kopf. „Nee, da muss mehr hinterstecken“, sagt er, „Torben hatte schon immer einen Riecher für das große Geld. Auch wenn es nicht immer ganz sauber war.“ „Ahaaaa!“ sagen Katja und ich gleichzeitig. „Du sagtest, das Torben da ganz schnell weg will“, fragt Jens Katja, „hast Du da noch mehr Hintergrundwissen?“ „Der Ralf sagte, dass irgendwer dieses Gewächshaus kaufen will“, sagt Katja, „und Torben zeitlich unter Druck setzt. Jetzt will Torben alles so schnell wie möglich abwickeln und auch die Technik, die er da eingebaut hat abzubauen.“ „Oh oh, das klingt schon wieder nach so einer typischen windigen Nummer von ihm“, sagt Jens und Bernie nickt dazu. „Ich würde da zu gerne mal Undercover hinfahren und ein bisschen rumspionieren, wenn ich wüsste, wo das ist.“, sage ich. „Dann komme ich aber mit“, sagt Katja. „Kannst Du über den Ralf noch versuchen mehr über den Ort des Gewächshauses herauszubekommen?“ frage ich Katja. „Ich kann es versuchen“, sagt sie. „Wenn er unseren Anhänger wieder braucht, dann müsste man irgendein Peilsender daran anbauen“, sagt Jens, „ich weiß nur nicht, wo man so was herbekommt.“ „Das ist eine Idee“, sage ich, „ich besorge so ein Ding, ich kenne da ein paar Leute aus dem Naturschutz. Die haben so was.“ „Sag mal, gibt es eigentlich irgendwas, was Du nicht weißt oder kannst?“ fragt mich Bernie keck. „Staubsaugen!“ antworte ich feixend. „Oh Mann, und schlagfertig ist sie auch noch“, sagt Bernie lachend. „Wie schnell kannst Du denn reagieren, falls Torben den Anhänger bald braucht?“ fragt Jens. „Je nachdem wie früh ich morgen aufwache, bis mittags könnte ich die Jungs erreichen“, antworte ich grinsend. „OK“, lacht Jens, „gibt es sonst noch Neuigkeiten?“ Ich schüttele den Kopf und Katja sagt: „Aber das kriegen wir beide raus, was Steffi?“ Ich zwinkere ihr zu.

Ein paar Freunde von Jens und Bernie kommen durch den Hintereingang. Jens und Bernie gehen hin, sie zu begrüßen. Bis zum offiziellen Beginn der Party sind es noch locker 30 Minuten. Katja und ich bleiben noch sitzen. „Darf ich Dich mal was in Bezug auf Torben fragen?“ frage ich sie. „Ja, eigentlich schon“, antwortete Katja. „Du hast ihn persönlich kennengelernt, sagte mir Jens, als ich das letzte Mal hier war“, sage ich. „Das stimmt“, sagt Katja. „Und wie hast Du ihn wahrgenommen, wie war er so drauf?“ frage ich weiter. „Er kam mir so unstrukturiert vor, fast schon schusselig“, antwortet Katja, „ und wie kam er Dir vor, du hast ihn ja auch mal kurz gesehen?“ „Na ja da war er ziemlich überrascht, dass nun nicht mehr die Leute da waren, die vor mir da wohnten.“, antworte ich, „da war er situationsbedingt von der Rolle. Wie der so bisher durchs Leben gekommen ist, ist mir schleierhaft.“ „Wahrscheinlich hat er immer Glück gehabt“, sagt Katja. „Was bringt Dich denn jetzt dazu, in diese Sache Energie zu stecken? frage ich, „wie bei mir, die pure Neugier?“ Katja druckst etwas herum. „Na ja, ich habe mich dann sogar ein wenig in ihn verliebt“, sagt Katja schließlich, „und irgendwie muss ich ihm helfen, denke ich.“ „Helfersyndrom?“ bemerke ich. Katja nickt. „Das habe ich auch“, sage ich grinsend. „Wird schon werden“, sagt Katja, „zwei Mädels wie wir, die schaffen das schon.“ „Das haste aber schön gesagt“, sage ich und strahle sie an.

„Hallo ihr zwei“, sagt Bernie zu Katja und mir, „ich möchte euch mal gute Freunde von uns vorstellen.“ Katja und ich stehen auf. Ein Paar steht neben ihm und Jens. Ehe Bernie weitereden kann, sagt die Frau: „Ihr habt euch aber schick gemacht, trotz des Wetters.“ Katja und ich bedanken uns für das Lob. „Also“, nimmt Bernie den Faden wieder auf, „das sind Heike und Jürgen, gute alte Freunde von uns. Und Jens sagt: „Und die beiden hübschen Mädels sind Katja und Stefanie, gute neue Freundinnen.“ Nachdem wir dann erklärt haben, warum wir da sind, unterhalten wir uns mit dem Heike und Jörg. Bernie und Jens begrüßen noch weitere Leute. Bei Jürgen fällt mir auf, das er ein wenig zu perfekt für einen Mann aussieht. Seinerseits scheint er das Gleiche bei mir zu bemerken. Ich halte es nicht mehr aus und frage ihn vorsichtig: „Nimm es mir nicht übel, aber ich habe so eine Ahnung, warst Du immer schon ein Mann?“ „Na endlich fragt mich mal jemand direkt“, antwortet er, „ich war lange Zeit eine Frau oder besser, ich versuchte so zu tun. Und bei Dir ist es umgedreht?“ „Nee ganz anders, ich bin beides“, antworte ich. Zu meiner Überraschung nimmt Katja ganz vorsichtig und unmerklich für die anderen beiden meine Hand. Jürgen und Heike schauen mich verdutzt an. „Wie beides?“ fragt Heike, „hast du ööhm … … äh beides da so?“ Ich grinse. „Genau, Hermaphrodit“, antworte ich, „also quasi Zwitter.“ „Ah, OK, „sagt Jürgen freundlich, „ist immer wieder erstaunlich, wen man hier so kennenlernt.“ „Aber das ist das schöne hier“, sagt Heike, „hier ist keiner wie andere und keinen stört es.“ „Das ist doch schön“, sage ich, „wo gibt es das sonst noch.“
Jürgen und Heike ziehen weiter. Katja und ich setzten uns wieder auf das Sofa. Mittlerweile kommen auch schon viele Gäste durch die Haupttür.
„Das ist ja cool mit Dir, das wusste ich gar nicht“, sagt Katja. „Ist auch noch ganz frisch, ich weiß das auch erst seit knapp einer Woche“, antworte ich. Ich erkläre ich kurz den Werdegang. „Und beides funktioniert?“ fragt sie erstaunt. Ich nicke. „Nur Kinder kann ich keine kriegen“, sage ich grinsend. Katja lacht. „Oh Mann, da hatte der Jürgen eben grade recht, als er sagte, wen man hier so kennenlernt“, sagt sie. „Und was ist mit Dir?“ frage ich grinsend. „Gute Frage“, sagt Katja, „ich komme ja öfter mal her, aber hier gibt es das Wort normal nicht, oder besser hier ist alles normal. Irgendwas werde ich schon sein.“ Jetzt lachen wir beide. Bernie und Jens gehen an uns vorbei Richtung Bühne. Katja schaut auf die Uhr. „Gleich ist es Neunzehn-Dreißig“, sagt sie, „Jetzt geht es wohl gleich richtig los.“
Ich verkleide mich nicht, ich bin so!

Dwt-Lilo-SL
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 386
Registriert: Mo 8. Apr 2013, 11:38
Geschlecht: Transgender 50%
Pronomen: Mensch
Membersuche/Plz: z.Zt. -----
Danksagung oder Lob erhalten: 49 Mal

Re: Blutengel

Post 52 im Thema

Beitrag von Dwt-Lilo-SL » Fr 24. Mai 2019, 10:15

Hallo Steffie,
bitte setzt diese Tolle Geschichte fort, schreib weiter
bitte!!
(ki) (ki) (ki)
lieben Grüß von LILO-GINA
Seufzer gleiten die Seiten des Herbstes entlang,
Treffen mein Herz mit einem Schmerz dumpf und bang

Stephanie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 743
Registriert: Mo 31. Mär 2014, 18:05
Geschlecht: d
Pronomen: die da
Wohnort (Name): Meine
Membersuche/Plz:
Hat sich bedankt: 269 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 585 Mal
Gender:

Re: Blutengel

Post 53 im Thema

Beitrag von Stephanie » Fr 24. Mai 2019, 16:05

Die Kneipe im Vorharz Teil 4


Bernie und Jens begrüßen die Gäste. Zum Teil sind es viele Freunde und Bekannte, sowie Stammgäste. Es sind aber auch viele von außerhalb dabei. Katja und ich stehen neben der Theke und schauen, ob jemand dabei ist, den wir kennen. „Also, außer den Leuten, die hier öfter so in der Kneipe sind, kenne ich keinen“, sagt Katja und schaut zu mir, „warum grinst Du denn schon wieder?“ „Na ja, ich kenne zwar die Stammgäste und die Freunde von Jens und Bernie nicht, aber dafür sehe ich so einige Jungs und Mädels hier, die in der Firma arbeiten, wo ich auch beschäftigt sind“, antworte ich, „von einigen weiß ich, dass sie schwul, bzw. lesbisch sind.“ „Meinst Du die erkennen Dich“, fragt Katja. „Vielleicht“, antworte ich und zucke mit den Schultern, „hätte ich jetzt nicht das Problem mit.“ „Nee Du nicht, aber die vielleicht?“ fragt Katja weiter. „Schauen wir mal“, sage ich grinsend.

Jens und Bernie erklären derweil den geplanten Ablauf des Abends. Es gibt ein warm/kaltes Buffet. „Hat Dir jemand gesagt, wo man das bezahlt?“ frage ich Katja. „Nein, da wollte ich mich die ganze Zeit schon schlau machen“, antwortet sie, „fragen wir mal wenn die beiden hier wieder vorbei kommen. „Oder ich frage mal einen der Thekenmannschaft“, sage ich. Ich winke und Martina kommt heran. „Wie ist das eigentlich mit der Bezahlung?“ frage ich sie. „Sie lächelt und antwortet: „Das sagen euch gleich Bernie und Jens.“ „Na gut“, sage ich auch lächelnd.
„Wir starten den Abend mit einen Karaoke-Wettbewerb“, höre ich Jens sagen, „wie in den vergangenen Jahren ist auch dieses Mal von vielen gewünscht worden.“ Katja schaut mich an. „Wollen wir da auch mitmachen?“ fragt sie grinsend. „Warum nicht?!“ antworte ich, „ist das ein Einzelwettbewerb, oder wie funktioniert das?“ „Die letzten Male war es wohl immer so, dass sich gruppen à 5 Personen gefunden haben“, erklärt Katja. Jens erklärt das dann auch so. „Die Jury vergibt bis zu 5 Punkte für den Auftritt plus einen wenn es dazu noch eine gute Performance gab“, sagt er, „darüber hinaus kann das Publikum auch noch einen Zusatzpunkt durch Applaus einfordern.“ „Soso“, sage ich , „dann schauen wir mal, ob wir uns irgendwo anschließen können.“ „Aber wir bleiben in einer Gruppe, ja?“ fragt Katja. „Natürlich!“ antworte ich, „aber so wie es aussieht, haben sich da schon zwei Gruppen gefunden.“ In dem Moment kommen Jürgen und Heike bei uns vorbei. „Na, macht ihr auch mit?“ fragt Jürgen. „Wollten wir eigentlich“, antwortet Katja, „aber zwei Gruppen sind schon voll.“ „Dann machen wir die dritte auf“, sagt Jürgen, „ich singe auch mit.“ „Cool“, sage ich lächelnd. „Dann melde ich uns mal an“, sagt Katja und geht zu Frank, der die Lieder verwaltet und abspielt.
„Wir haben schon zwei Gruppen“, sagt Frank über das Mikro, „eine dritte sucht noch zwei Sänger/innen.“ Ein elegant gekleideter Herr kommt auf uns zu. „Ich bin Gerhard und würde gerne bei euch mitmachen“, sagt er mit einer angenehmen Stimme. „Klar, gerne“, sagt Katja, Jürgen und ich nicken zustimmend. Ich habe mir ein Heft mit den Liedertiteln geschnappt. „Meine Güte, das ist ja fast ein Buch“, sage ich, „hier gibt es ja alles. Mal schauen, was ich mir aussuche.“ „Ich würde gerne „Zombie“ von den Cranberries singen“, sagt Katja. Ich schaue sie an und sage: „Respekt Madame, das möchte ich aber gerne hören.“ Jürgen hat sich von Queen „Crazy Little Thing“ rausgesucht. „Was fetziges, da hätte ich Lust drauf“, sage ich, „ah hier „Rock ‘n’ Roll“ von Led Zeppelin, genau das.“ Gerhard hat die Liederauswahl in der Hand. „Das ist ja stark“, sagt er und zeigt auf einen Titel, „das nehme ich.“ „Miss Sarajevo?“ sage ich staunend, „boah, stark, singst Du beide Stimmen? Also die von Bono und Pavarotti?“ „Ja klar wenn schon, dann denn schon“, sagt Gerhard lächelnd. „Holla, da bin ich aber gespannt“, sage ich.

Jens und Bernie gehen in Richtung Theke. „Wie ist das eigentlich mit der Bezahlung von Speis und Trank?“ fragt Katja. „Ist schon erledigt“, sagt Jens. Katja und ich schauen irritiert. Bernie gibt uns zwei Karten mit einem Band zum Umhängen. „Flatrate futtern und trinken für euch“, sagt er grinsend. „Wie jetzt?“ frage ich. „Ihr seid herzlich von uns eingeladen“, sagt Jens. „Jetzt bin ich aber platt“, bemerke ich. „Danke schön“, sagt Katja, ich schließe mich dem an. „Und, singt ihr auch mit?“ fragt Bernie. „Na klar“, antwortet Katja, „einer fehlt noch, dann sind wir vollständig.“ „Viel Erfolg“, sagt jens.
Ein etwas schluderig aussehender Mann kommt auf uns zu. „Habt ihr noch einen Platz frei?“ fragt er in einem etwas schnodderigen Tonfall. Ich sehe aus den Augenwinkeln wie Katja das Gesicht verzieht. Gerhard und Jürgen beantworten die Frage mit „Ja“. „Darf ich mitmache?“ fragt der Typ wieder. Wir schauen uns alle an. „Warum nicht ?“ fragt Gerhard. „Aber nur, wenn Du uns deinen Namen nennst“, sage ich. „Rico heiße ich“, sagt er. „OK, ich bin Stefanie“, sage ich und stelle die anderen vor. Dann melden wir bei Frank, dass unsere Gruppe vollständig ist. Rico studiert die Liederliste. Jürgen sagt ihm, welche Lieder wir uns ausgesucht haben. Ich schaue mir derweil den Rico unauffällig an. Katja beobachtet mich dabei. Irgendwie passt der so gar nicht in unsere Gruppe. Er ist recht einfach gekleidet, mit T-Shirt und Jeans, die Haare ungekämmt und leicht fettig, und ein kleiner Bauchansatz zeichnet sich durch sein T-Shirt ab. Ich ziehe Katja an die Seite. „Kennst Du den? frage ich leise. „Ja, der ist zwar so ganz nett“, antwortet sie, „aber er ist von sich selbst total überzeugt.“ „Also so ein Überzuckerter, was?“ sage ich grinsend. Katja nickt. Rico hat sich mittlerweile auch auf ein Lied festgelegt. „Ich nehme „Enjoy The Silence“ von Depeche Mode“, sagt er. „Eine gute Wahl“, sage ich darauf, „da kann man mit punkten.“ „Aber Dein Lied würde ich auch gerne machen“, sagt Rico. Ich verziehe das Gesicht und sage: „Da musste aber die Stimme zu haben“, sage ich, „wenn das nicht annähernd so klingt wie Robert Plant, dann wird das auch nichts.“ „Wer ist Robert Plant?“ fragt Rico. Ich schaue ihn mit großen Augen an. „Äh, wie jetzt, das ist der Sänger von Led Zeppelin“, antworte ich. Jürgen und Gerhard grinsen. Ich drehe mich zu Katja und sage leise, das nur sie es hören kann: „Ach Du Scheiße!“ Sie nickt still.

Der Karaoke Contest geht los. Jede Gruppe singt abwechselnd. Wir haben uns so festgelegt, dass Jürgen das erste Lied singt, dann Gerhard, Katja, Rico und ich schließe die Runde. Dadurch, dass wir Gruppe drei sind, bin ich die Sängerin, die abschließend das allerletzte Lied singt. Gruppe eins startet mit einer jungen Sängerin, die „Geile Zeit“ von Juli singt und dafür 6 Punkte einheimst. Gruppe zwei startet nicht ganz so gut. Jürgen zieht mit „Crazy Little Thing“ eine geile Show ab, imitiert dabei Freddy Mercury ziemlich gut. Dafür gibt es volle Punktzahl, das Publikum tobt. Durchgang zwei startet, für unsere Gruppe singt Gerhard „Miss Sarajevo“. Als er den Pavarotti-Part singt mit richtigem Tenor, kriege ich eine Gänsehaut. Katja staunt mit offenen Mund. Die Jury gibt ihm 6 Punkte, er stand zwar auf der Stelle, aber bei so einer Anstrengung mit der Stimme, „da rennt man nicht auch noch durch die Gegend“, sagt die Jury. Vom Publikum gibt es auch den Zusatzpunkt. Die Runde drei läuft. Micha kommt zu mir. „Nachher bist Du dann dabei, wenn wir die ersten Lieder spielen?“ fragt er. „Die beiden, die wir vorhin gespielt haben, meinst Du?“ frage ich zurück. Micha nickt. „Ja klar, war doch so abgesprochen“, sage ich. Tom und Alex gesellen sich dazu. „Habt ihr so eine Art Programm, was ihr den Abend sonst noch so spielt?“ frage ich. „Eigentlich schon“, antwortet Alex, „aber meistens reagieren wir nach einiger Zeit auf die Wünsche des Publikums.“ „Dazu liegt hier an der Theke so eine Kladde aus, wo jeder sein Wunsch aufschreiben kann“, sagt Micha. „Würdest Du danach auch ab und zu mal am Bass aushelfen?“ fragt Alex. „Eigentlich gerne“, antworte ich, „ich weiß aber nicht, ob ich immer alle Griffe noch weiß.“ „Da haben wir eine Lösung“, sagt Alex, „wir nutzen die Karaoke Bildschirme auch als Teleprompter und unser „Professor“ Frank kann auch Griffe, Noten und Tabs über den Prompter laufen lassen.“ „Das ist ja cool“, sage ich begeistert. „Soll ich ihm das so sagen?“ fragt Alex. „Ja klar, beim Bass nehme ich gerne die Tab Darstellung“, sage ich. „Alles klar“, sagt Alex und geht zu Frank. „Steffi, ich find das toll, dass Du mitmachen willst“, sagt Micha, „das entlastet uns ein wenig.“

„Ein wenig aufgeregt bin ich ja schon“, sagt Katja, die gleich an der Reihe ist. „Hey, Du schaffst das schon“, sage ich und nehme ihre Hände, „huh, die sind ja kalt.“ „Dafür sind Deine schön warm“, sagt sie, „irgendwie tut das gut, wenn Du mich festhältst.“ Dann geht sie zum Mikro, nickt Frank kurz zu und der startet das Playback. Katjas Aufregung merkt man in der Stimme, wenn man genau hinhört, was bei dem Stück, was sie singt aber durchaus gewollt ist. Sie zieht dabei eine tolle Show ab und kassiert danach auch die volle Punktzahl ab. „Super gemacht“, sage ich, als sie zurück zu uns kommt. „Läuft ja richtig gut für euch bis jetzt“, sagt Bernie, „drei Mal volle Punktzahl, Respekt!“
Die vierte rund läuft an und der Sänger der ersten Gruppe verreißt sein Stück leicht, was sich dann auch in der Punktzahl niederschlägt. „Jetzt habt ihr aber schon einen ordentlichen Vorsprung“, sagt Tom, der noch bei uns steht. „Dabei sein ist doch alles“, sagt Gerhard, „Hauptsache es macht Spaß.“ Ich nicke zustimmend. Während die Sängerin der zweiten Gruppe singt, geht Rico zu Frank und sagt ihm irgendwas. Katja sieht das auch. „Was hat der denn vor?“ fragt sie. „Keine Ahnung, Hauptsache er macht keinen Bockmist“, sage ich. Frank guckt kurz in unsere Richtung und nickt dann.
Dann ist Rico dran. Er stellt sich kurz vor und sagt dann: „Ich singe „Rock ‘n‘ Roll“ von Led Zeppelin.“ „Was stimmt denn mit dem nicht?“ sage ich laut in unsere Runde. „Ich fasse es nicht“, sagt Katja. Zu allem Überfluss verkackt er das Lied total, trifft keinen Ton, ist neben dem Takt und sein Englisch ist eine einzige Katastrophe. „Boah, das gibt es doch nicht“, sage ich, jetzt muss ich mir auf die Schnelle noch ein anderes Lied raussuchen.“ „Eben lagen wir nach noch vorne“, sagt Katja etwas enttäuscht, „und jetzt sieht es aus wie ein früher Winter.“ Ich schaue sie mit großen Augen an und lächele. „Steffi, was ist denn?“ fragt Katja. „Du bist genial, Katja“, sage ich, dass es die andern hören, „was heißt denn das auf Englisch?“ „Was jetzt?“ fragt sie, „früher Winter?“ „Genau“, antworte ich. „Early Winter?“ fragt sie. Ich nicke, dann singe ich mit ziemlich hoher Stimme: „It looks like an early winter, for us…“ „Ein Lächeln huscht über Katjas Gesicht. „Das ist ja eine schöne Stimme“, sagt sie, „oh, bitte sing das. Und wenn es nur für mich ist. Ist eins meiner Lieblingslieder.“
Rico ist mittlerweile fertig, das Publikum tobt, … vor Lachen. Er verlässt die Bühne und geht schnurstracks auf den Hintereingang zu. Ich halte ihn auf. „Habe ich wohl einen schlechten Tag gehabt“, sagt er. „Kann sein“, sage ich, „kann jeder mal haben, aber was fällt Dir ein ohne Absprache mir das Lied zu klauen?“ Er zuckt mit den Schultern. „Nimmste einfach das was ich rausgesucht habe“, sagt er. „Kommst Du noch klar?“ frage ich. Er verschwindet erstmal durch die Hintertür. „Meine Faust will unbedingt ein sein Gesicht und darf nicht…“, singe ich. „Das ist von Grönemeyer, richtig?“ fragt Gerhard lachend. Ich nicke. „Du hast einen tollen Humor, Steffi“, sagt Jürgen.
Das Publikum hat sich halbwegs beruhigt. Die Jury gibt immerhin einen Trostpunkt. Da tobt das Publikum wieder los und fordert den Publikumspunkt „Na die haben wenigsten ihren Spaß“, sagt Gerhard. Die fünfte und letzte Runde läuft an. Ich gehe zu Frank. „Wieso habt ihr denn getauscht?“ fragt er mich. „Ich weiß nicht von tauschen“, sage ich. Frank schaut mich erstaunt an. „Das gibt es doch nicht“, sagt er, „der hat das so rüber gebracht, als wär das abgesprochen gewesen. Unglaublich.“
„Ich habe mir ein neues Lied vorgestellt“, sage ich, „hast Du „Early Winter“ von Gwen Stefani?“ Er schaut mich mit großen Augen an, dann durchsucht er seine Playlist. „Ja, habe ich“, antwortet er. „Dann nehme ich das“, sage ich. „Boah, Steffi, wenn das super rüberkommt, dann wirst Du festes Mitglied in unserer Band“, sagt er grinsend. „Ich gebe mir Mühe“, sage ich lächelnd. Wobei ich das mit der Aufnahme in die Band eher als Gag ansehe., „Ich würde das gerne mit einem Headset singen, damit ich die Hände frei habe“, sage ich. „Kein Problem“, sagt Frank und gibt mir eins.
Ich gehe zurück in Richtung Theke, wo Katja und die anderen stehen. Rico ist auch grade wieder reingekommen. „Was singste denn?“ fragt er. Statt ihm zu antworten, sage ich zu ihm: „Na Du bist mir ja eine Frohnatur. Kommst hier rein als wäre nix passiert.“ Bedröppelt tritt er auf der Stelle. „Immerhin haben sie Dir noch zwei Trostpunkte gegeben“, sagt Jürgen grinsend. Katja sieht das Ganze nicht so lustig. „Die erste Gruppe ist durch“, sagt sie, „die haben 30 Punkte. Wir haben durch deine Aktion 23 Punkte, das heißt, wenn Steffi richtig gut ist, dann haben wir Gleichstand mit denen.“ „Das ist ja doof“, sage ich übertrieben traurig, „ich wollte doch ganz oben auf dem Treppchen stehen.“ Rico steht mit dem Rücken zu Theke. Hinter der Theke steht Bernie und lacht sich halb schlapp. Ich zwinkere ihm zu. „Gibt es bei Gleichstand zwei Sieger? Oder gibt es dann ein Stechen?“ frage ich Micha. „Es gibt ein Stechen“, antwortet er. „Na dann kann ich da ja alles wieder gut machen“, sagt Rico, was Katja zum Platzen bringt. „Gar nichts mehr machst Du am Micro“, meckert sie ihn an, das er zusammen zuckt, „bilde Dir nicht ein , das Du singen kannst. Du Kannst es nicht. Punkt, Aus, Schluss!!!“ Jeder andere wäre jetzt vor Scham und Pein im Boden versunken, Rico nicht, als ob nichts gewesen wäre, schaut er in der Gegend herum.
Gruppe zwei ist mittlerweile auch durch und kommt auf einen Punktestand von 27 Punkten. Als ich grade in Richtung Bühne losgehen will, fragt mich Rico nochmal, was ich den singen will. „Early Winter von Gwen Stefani“, sage ich. „Das ist doch viel zu schwer“, sagt er. „Für mich ist nichts zu schwer!“ sage ich mit gespielter Überheblichkeit. Bevor er noch mal was sagen kann, geht Katja dazwischen und schreit ihn an: Jetzt mach endlich dein doofes Plappermaul zu und lass Steffi in Ruhe nach vorne gehen.“ Ich zeige Katja den Daumen hoch und gehe zur Bühne. Die anderen aus unserer Gruppe halten sich den Bauch vor Lachen.
Ich verkleide mich nicht, ich bin so!

Dwt-Lilo-SL
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 386
Registriert: Mo 8. Apr 2013, 11:38
Geschlecht: Transgender 50%
Pronomen: Mensch
Membersuche/Plz: z.Zt. -----
Danksagung oder Lob erhalten: 49 Mal

Re: Blutengel

Post 54 im Thema

Beitrag von Dwt-Lilo-SL » Mo 27. Mai 2019, 12:17

Hallo Stephanie,

Super Toll dein Schreibstil, bitte mache weiter so.
sehr spannend und fesselnd der Verlauf der Geschichte.
I Like it.
lieben Gruß aus dem hohen Norden
von Lilo-GINA
Seufzer gleiten die Seiten des Herbstes entlang,
Treffen mein Herz mit einem Schmerz dumpf und bang

Stephanie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 743
Registriert: Mo 31. Mär 2014, 18:05
Geschlecht: d
Pronomen: die da
Wohnort (Name): Meine
Membersuche/Plz:
Hat sich bedankt: 269 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 585 Mal
Gender:

Re: Blutengel

Post 55 im Thema

Beitrag von Stephanie » Di 28. Mai 2019, 16:18

Die Kneipe im Vorharz Teil 5

„Nickst Du mir kurz zu, wenn Du bereit bist?“ fragt Frank. „Ja klar“, antworte ich, „ich leite das vorher noch ein bisschen ein.“ „OK“, sagt Frank. Ich gehe zum Bühnenrand. Hallo, ich bin Stefanie“, sage ich, „und ich habe mir ein Lied rausgesucht, das von Enttäuschung handelt, das davon handelt, wenn Du hintergangen worden bist. War bei mir vor kurzem so.“ Katja sehe ich aus den Augenwinkeln, wie sie in Richtung Zuschauer geht und sich dann mit in die erste Reihe stellt. Ich setze mich am Bühnenrand hin, die Beine winkele ich neben mir an. Den Rock lege ich dabei ordentlich zurecht. Die Leute in den ersten Reihen schauen gespannt. Ein leiser anerkennender Pfiff ist zu hören. „Ich singe Early Winter von Gwen Stefani“, sage ich. „Wow!“ hör ich jemanden sagen. Ich nicke Frank zu und senke dann den Kopf, dass die Locken rechts und links am Kopf herunterhängen. Das Stück beginnt und ich fange an zu singen, dabei nehme ich den Kopf langsam hoch. Den Blick lasse ich über die Zuschauer streifen, ohne jemanden genau anzuschauen. Beim ersten Refrain ziehe ich die Beine nach vorne, lasse sie von der Bühne herunter und steh auf. Ich gehe langsam vor den Zuschauer lang , bis zu der Treppe, die wieder auf die Bühne führt. Während des gesamten Stücks versuche ich die ganze Zeit eine völlig verzweifelte, enttäuschte Frau zu spielen, mit Gestik, Mimik und einigem an Körpereinsatz. Zum Ende des Stückes setze ich mich wieder so hin, wie am Beginn. Das Lied klingt aus und ich senke meinen Kopf wieder. Der letzte Ton ist noch nicht verklungen, da tobt das Publikum schon los. Ich bleibe noch einige Sekunden so sitzen, dann hebe ich den Kopf und stehe auf. Die Leute klatschen und johlen, einige haben Tränen in den Augen. „Ups“, denke ich mir, da haste wieder was angerichtet.“ Artig bedanke ich mich und schaue nach hinten. Frank lächelt. Dahinter sehe ich Katja, sie versucht mit einem Taschentuch ihrer Tränen Herr zu werden. Selbst Bernie sieht etwas mitgenommen aus.

„Vielen Dank, Stefanie“, sagt einer von der Jury, „das war sehr schön gesungen.“ Die Zuschauer beruhigen sich ein wenig. So ein bisschen aufgeregt bin ich ja doch, das Lied ging mir selber gut von den Lippen, aber sehen das die Jury und die Zuschauer genauso? „Das Lied war sehr gut und fehlerfrei vorgetragen“, sagt der eine aus der Jury. Die Zuschauer werden wieder lauter. „Moment, ihr seid gleich dran“, sagt ein anderes Jurymitglied lächelnd. „Um es kurz zu machen“, sagt der andere wieder, „die Performance war mehr als überzeugend, von uns gibt es sechs Punkte.“ Jetzt machen die Zuschauer richtig Rabatz. Ich stehe da völlig gerührt und muss aufpassen, das mir nicht gleich auch noch die Tränen vor Freude laufen. Im Publikum fangen einige Leute an, „Sieben, Sieben…“ zu rufen. Immer mehr steigen ein. Und vor allem, die wollen gar nicht mehr aufhören. Nach einiger Zeit versuchen die Jury und ich sie zu beruhigen. „Danke Leute“, sage ich. So langsam werden sie ruhiger. Die Jury verkündet dann die Punktzahl: „Stefanie, das sind dann Sieben Punkte.“ „Danke schön“, sage ich sichtlich gerührt. Ich winke noch mal kurz und gehe von der Bühne. Das Headset setze ich ab und gebe es Frank. „Das war aber schön, Steffi“, sagt er, „lass Dich mal drücken.“ Ich nehme ihn in den Arm. „So super“, sagt Frank und wiegt mich leicht hin und her.
Dann gehe ich nach hinten zu unserer Gruppe. Katja umarmt mich. „Danke Steffi“, sagt sie mit leicht verheulter Stimme, „das war so schön.“ „Ich möchte sie aber auch mal drücken“, höre ich Micha sagen. Um es kurz zu machen, der Rest der Band, Gerhard, Jürgen, Jens und Bernie dürfen mich dann natürlich auch noch drücken. „Jetzt brauche ich aber was um die trockenen Kehle zu befeuchten“, sage ich grinsend zu Bernie, „ein schönes kühles Bier, hätte ich gerne.“ „Aber so was von gerne“, sagt Bernie und stellt mir kurz darauf eins hin. Die anderen haben auch alle ein Getränk in der Hand. „Prost, auf Steffi“, sagt Alex. „Wo ist eigentlich Rico?“ frage ich. „Moppelchen?“ fragt Tom grinsend, „so haben wir ihn genannt zwischendurch.“ Ich grinse. „Öhm, der ist zwischendrin heulend herausgelaufen“, sagt Micha. „OK, eine andere Prinzessin, was?“ sage ich grinsend. Ich stehe neben Tom und schlürfe mein Bier, unbewusst lege ich meine Hand um seine Hüfte. Er zuckt leicht zusammen. „Oh sorry“, sage ich. „Nee ist OK“, sagt er leise in mein Ohr, „lass die Hand ruhig da, fühlt sich gut an.“ Ich drehe meinen Kopf leicht zu ihm hin, zwinkere ihn aus den Augenwinkeln an und lächele dabei. Bei Tom ist mir aufgefallen, dass er mich die ganze Zeit, seitdem ich da bin, immer wieder mal anschaut und dabei irgendwie ins Träumen kommt.

Während ich mein Bier trinke schaue ich gedankenverloren in die Zuschauer. Plötzlich bleibt mein Blick an einer langhaarigen, blonden Frau mit einer Wahnsinns-Lockenmähne hängen. Ich schaue genauer hin. Tom bemerkt das und fragt: „Na, wo schaust Du hin?“ „Die blondgelockte Frau da hinten, neben dem Eingang, die kommt mir bekannt vor“, antworte ich. Tom schaut auch hin. „Die ist schon ein paarmal hier gewesen, wenn hier Party war“, antwortet Tom, „immer in wechselnder Begleitung, und immer Frauen.“ „Aha“, sage ich. „Eine wunderschöne Frau“, sagt Tom. „Das stimmt“, antworte ich. Bernie kommt zu uns. „Na ihr beiden? Was habt ihr im Auge?“ fragt er. „Die Dame da hinten, die kommt mir bekannt vor“, antworte ich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das die ist, die ich gestern im Wartezimmer beim Arzt gesehen habe. „Sie heißt Sandra“, sagt Bernie, „sie ist ziemlich oft hier.“ „Ich glaube ich kenne die von der Arbeit her“, sage ich, „ich sehe sie oft in der Kantine.“ „Eine wunderschöne Frau“, sagt Bernie, „aber sie steht wohl auf Frauen.“ Tom nickt. „Habe ich auch schon mal gehört“, sagt er. „Die hat irgendwas“, sage ich und schaue noch eine Weile etwas verträumt in ihre Richtung. Dabei muss ich an den Traum denken, in dem sie vorkam.

Frank steht bei der Jury und unterhält sich mit ihr. „Jetzt wird es wohl ein Stechen geben“, sagt Micha in die Runde, „ihr könnt euch schon mal ausdenken, wer für eure Gruppe singt.“ „Wollen wir Spaß haben oder wollen wir den ersten Platz haben“, fragt Jürgen grinsend. „Boah, nee, ich glaube ich weiß was Du meinst“, sagt Katja, ebenfalls grinsend. Kurz danach kommt Rico wieder rein, als ob er das gehört hätte. „Was ist denn jetzt?“ fragt er in die Runde, „haben wir gewonnen?“ „Ja, an Erfahrung haben wir gewonnen“, sage ich feixend. Rico guckt wie eine Kuh, wenn es donnert. „Hä???“ fragt er entgeistert. „Mann, wir haben Gleichstand mit der Gruppe eins“, sagt Katja genervt. „Und jetzt müssen wir einen aus unserer Gruppe bestimmen, der nochmal singt“, sagt Gerhard. „Ich mach das“, sagt Rico. Katja holt tief Luft. Bevor sie explodiert, lege ich meine Hand auf ihre Schulter und beruhige sie. „Wir entscheiden das bitteschön in der Gruppe“, sagt Gerhard streng. Frank hat derweil ein Mikro in der Hand und spricht: „ So wir haben einen Gleichstand zwischen Gruppe eins und Gruppe drei mit jeweils Dreißig Punkten. Das heißt, wir brauchen ein Stechen. Jede Gruppe bestimmt einen Sänger, Sängerin.“ Als ich von Frank wegschaue in unsere Gruppe, zeigen alle mit einem Lächeln auf mich. „Öh, wie jetzt?“ sage ich. „Es kann nur eine geben“, sagt Jürgen grinsend. „Hm, na gut, aber bitte nicht noch eine Ballade“, sage ich.
„Wenn ihr euch in den Gruppen festgelegt habt, dann kommen die beiden bitte nach vorne“, sagt Frank. Ich gehe hin. Hinter mir hör ich Rico sagen: „Ich will aber auch!“ Ich höre nur noch ein lautes „Nein“ von mehreren aus der Gruppe. „So, verschärfte Regeln“, leitet Frank ein, „ihr sucht euch ein Lied aus, haltet das aber voreinander und in euren Gruppen geheim.“ Der Sänger aus Gruppe eins heißt Rüdiger und hatte sechs Punkte eingeheimst. Rüdiger und ich nicken zu Franks Ansage. Ich habe mir ein Lied rausgesucht, und zeige es Frank. Der nickt. Auch Rüdiger hat was gefunden und zeigt es ebenfalls Frank. „Gruppe eins startet? Oder hat einer was dagegen?“ fragt Frank. „Können wir gerne so machen“, antworte ich. Auch Rüdiger ist einverstanden. Ansonsten hätte das Los entschieden. Ich gehe von der Bühne wieder zu meinen Leuten. „Was hast Du denn ausgesucht?“ fragt Rico. „Darf ich nicht sagen“, antworte ich, „aber sag mal, kannst Du eigentlich nicht zuhören?“ Er guckt mich verdattert an. „DAS HAT DOCH FRANK GRADE GESAGT“, sagt Katja energisch, „DIE SOLLEN DAS GEHEIMHALTEN!“ „Aber warum?“ fragt Rico blauäugig. Ich dreh mich zu Tom, der hinter mir steht, lege übertrieben meine Stirn auf seine Schulter und sage: „Herr, schmeiß ein Stück Hirn vom Himmel.“ Was in der Gruppe zu einem Lachanfall führt. … Nur … Rico fragt Treudoof: „Wieso?“ Katja und ich schauen uns entgeistert an.

Rüdiger hat sich bereit gemacht und verkündet, das er „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode singt. Gespannt schauen wir zu. Er singt es ziemlich gut, das Publikum ist auch richtig am Mitgehen. Ich stehe mit Katja, Gerhard und Jürgen zusammen. „Nicht schlecht“, sagt Jürgen. „Er macht aber wenig Show“, bemerkt Katja. „Und das Publikum sollte er mehr mit einbeziehen“, sage ich, „das Stück schreit doch förmlich danach.“ Rüdiger ist durch und bekommt seine Punkte. Auch hier ist das Publikum am Toben. Aufgrund der fehlenden Performance gibt es für ihn gesamt 6 Punkte. Ich gehe zur Bühne, diesmal habe ich ein Mikro. „Ihr könnt gerne ordentlich mitmachen, bei dem Stück“, sage ich zu den Zuschauern, „ich habe mir von R.E.M. It’s the End oft he World ausgesucht.“ Die Zuschauer sind am Jubeln und Johlen, schon bevor es losgeht. Ich nicke Frank zu und er startet den Song. Tief Luft geholt und los geht’s. „That’s great it starts with an earthquack, bird and snakes, an aeroplane…”, singe ich und gehe langsam auf der Bühne auf und ab. Beim Refrain halte ich bei der Textzeile“ I feel fine“ das Mikro zum Publikum und die singen dankbar mit. Das macht grade richtig spaß. Auch bei anderen Textzeilen halte ich das Mikro immer wieder zum Publikum. Zum Ende laufe ich sogar vor der ersten Reihe lang, und das Publikum singt immer wieder „I feel fine“. Irgendwann ist auch dieses Lied zu Ende. „Leute ihr seid geil“, rufe ich ins Mikro. Die Zuschauer toben, johlen. Ich gehe zurück auf die Bühne und warte das sich die Leute beruhigen. Aber das haben die wohl nicht vor. Ich schaue zu Frank, zur Jury. Die grinsen und zucken mit den Schultern. Jeder Ansatz was zu sagen, wird durch das Gejohle der Zuschauer überstimmt. Ich stehe da etwas ratlos und schaue in die Menge. Die blonde, also Sandra steht mittlerweile weiter vorne und schaut mich erstaunt an, wahrscheinlich rätselt sie auch, ob ich die bin, die sie kennt.
Jetzt fangen auch noch ein paar Leute an „Zugabe“ zu rufen. Ich gehe zur Jury. „Darf ich das?“ frage ich. „Ja klar, aber es geht nicht in die Wertung ein“, sagt eins der Jurymitglieder. Ich gehe zurück und nehme mir einer der Gitarren, die schon bereit für nachher auf der Bühne stehen. Eine sehr schön aussehende Halbakustische E-Gitarre in Sunburst-Lackierung. „Passt gut zum Kleid“, sagt Frank grinsend.

„Ihr habt es so gewollt“, sage ich ins Mikro und spiele einige Takte. Dann singe ich wieder den Refrain und fordere die Zuschauer zum lauten Mitsingen auf. Mittlerweile singen sie drei Mal it’s the end of the world… und dann I feel fine, während ich sie auf der Gitarre begleite. Das ist so geil, wie die abgehen. Ich schaue nach hinten und sehe Tom total abrocken. Katja steht, sorry tanzt in der ersten Reihe mit. So langsam will ich das Ganze aber zum Ende bringen. Während die Zuschauer immer noch den Refrain singen, singe ich mehrmals „Time I had some Time alone“ dazu. Dann spiel ich die Schlussakkorde und beende das Stück. Die Zuschauer sind immer noch am Singen. Nach ein paar Minuten sage ich über das Mikro: „Pscht!“ Tatsächlich beruhigen sie sich endlich. „Also, ich glaube, die Band kennt das Lied auch“, sage ich und schaue nach hinten. Micha, Frank, Tom und Alex nicken zustimmend. Ich schaue wieder zum Publikum. „Wenn ihr jetzt der Jury das Wort erteilt“, sage ich lachend, „dann glaube ich, dass wir das nachher nochmal zusammen spielen. Frank kommt hinter seiner Technik hervor und sagt lachend ins Mikro: „Worauf Du einen lassen kannst, Steffi!“
„Also wir würden dann gerne zur Wertung von Stefanies Beitrag kommen, wenn wir dürfen“, sagt einer aus der Jury feixend. Frank bleibt gleich neben mir stehen. „Wo Du grade da stehst, Frank“, sagt das Jurymitglied, „vorab der Dank an Dich, das Du mit Deiner Technik bestens unterstützt hast.“ Frank erntet dafür einen riesen Beifall. „Ihr könnt gerne noch weiter zu mir kommen und Karaoke singen, in den Pausen, die wir mit der Band dann machen“, sagt Frank zum Publikum. „Und jetzt aber endlich zur Wertung für Steffi“, sagt die Jury, „die Zugabe können wir nicht bewerten, so viele Punkte gibt es leider nicht zu vergeben. Mit Deinem Beitrag hast Du schon 7 Punkte erreicht und damit ist Gruppe drei Sieger des Abends.“ Und wieder bricht tosender Applaus los. Ich winke Katja, Jürgen, Gerhard heran. „Wo ist denn Rico?“ frage ich, „der gehört doch auch dazu. „Der ist gefrustet abgehauen, als er Deine Show gesehen hat“, sagt Jürgen. „Hm“, sage ich nachdenklich,“ tut mir dann doch ein bisschen leid.“ „Der kommt wieder, wart’s ab“, sagt Katja, „der ist hartnäckig.“ Jens und Bernie kommen dazu. „Glückwunsch an euch alle“, sagt Jens. Bernie gibt uns Briefumschläge in die Hand. „Da sind Gutscheine für lecker Essen drin“, sagt er. Wir bedanken uns und verlassen dann die Bühne. Katja legt den Arm um meine Hüfte. „Du bist ja eine Rakete“, sagt sie lachend, „schön dass ich Dich kennenlernen durfte.“ Zum Dank gebe ich ihr einen leichten Kuss auf die Stirn.
Ich verkleide mich nicht, ich bin so!

Stephanie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 743
Registriert: Mo 31. Mär 2014, 18:05
Geschlecht: d
Pronomen: die da
Wohnort (Name): Meine
Membersuche/Plz:
Hat sich bedankt: 269 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 585 Mal
Gender:

Re: Blutengel

Post 56 im Thema

Beitrag von Stephanie » Fr 14. Jun 2019, 11:39

Die Kneipe im Vorharz Teil 6

„Ich habe aber langsam einen Mega-Hunger“, sage ich. „Komm wir gehen zum Buffet“, sagt Katja. Wir laden uns einige Leckereien auf die Teller. Dann suchen wir uns einen Sitzplatz. Wir entscheiden uns für ein Einhorn, was in der Nähe steht. „Mmh, ist das lecker“, sagt Katja. Ich kann ihr da nur zustimmen. Nach einiger Zeit sage ich: „Ich hole noch mal Nachschlag.“ „Ich passe so lange auf Einhorni auf“, sagt Katja lächelnd. Am Buffet treffe ich wieder auf die Sandra. Sie versucht irgendwie in meine Nähe zu kommen. Ich schaue zu Katja. Sie hat das auch mitbekommen und beäugt die Sandra argwöhnisch. Sandra kommt näher. In dem Moment kommt Micha. „Steffi, ich würde mich gerne nochmal mit Dir bezüglich der Musik unterhalten“, sagt er. „Na dann komm doch mit zu uns zu Einhorni“, sage ich. „Moment, ich schnapp mir auch was zu futtern“, sagt Micha, „ich bin gleich da.“ Ich zwinkere der Sandra zu und drehe mich dann um, um zu Katja zu gehen. „Die Dame da hat es glaube ich auf dich abgesehen, Steffi“, sagt Katja und schaut zu der Sandra rüber, „es gibt ja so Gerüchte, dass die eine ganz durchtriebene ist.“ Kurz darauf kommt Micha. „Was meinst Du mit durchtrieben?“ frage ich. Bevor Katja antworten kann, fragt Micha grinsend: „Geht es um die Blonde?“ Katja und ich grinsen. „Ja genau die“, sagt Katja. „Ich habe nun wieder gehört, dass sie ziemlich dominant sein soll“, sagt Micha, „und als Mann hast Du keine Chance bei ihr.“ „Hochgradig Lesbisch?“ frage ich. „Jepp!“ antwortet Micha knapp. Gespielt ängstlich schaue ich Katja an. „Passt Du gut auf mich auf?“, frage ich und halte ihre Hand mit meinen beiden Händen fest. Katja und Micha lachen. „Na klar“, sagt Katja. Wir futtern weiter unsere Leckereien. „Die beobachtet Dich aber auch die ganze Zeit“, sagt Katja. „Wenn wir nachher ab und an zusammen auf der Bühne stehen, bist Du ja auch aus der Gefahrenzone“, sagt Micha lachend. „Ein guter Übergang“, sage ich, „wie geht es denn dann nach One of these Days und Sheep weiter?“ „Die Zuschauer sind wieder mal gut auf Rock eingestellt“, sagt Micha, „hat man ja auch beim Karaoke gesehen.“ „Das kann man so sehen“, sage ich, „aber wie kriegt man die Kurve nach den beiden Pink Floyd-Stücken?“ „Also , meistens ist es so, dass wir diese beiden Stücke spielen und dann sagen Bernie oder Jens noch mal etwas zum weiteren Verlauf des Abends“, antwortet Micha. Von Links kommt auf einmal ein Flamingo herangeschwirrt. Getragen wird der von von den anderen drei Bandmitgliedern.

„Gut dass ihr kommt“, sagt Micha, „Steffi fragt grade, wie es nach den Pink Floyd-Stücken weitergeht mit der Musik.“ „Ups, warte kurz ich hole mal die Liste“, sagt Frank. Er geht kurz zur Bühne und holt ein paar Zettel. „Hätten wir ja auch schon eher machen sollen“, sagt Frank, als er zurückkommt. Er gibt mir die Liste. „Joa, ganz nett, ein paar Sachen kenne ich“, sage ich. „Wir spielen immer 3 bis 4 Stücke und machen dann eine kurze Pause“, sagt Alex. „Also den ersten Dreier-Satz könnte ich auch spielen, wenn ich die Unterstützung über den Prompter kriege“, sage ich beim Betrachten der Liste. Acht freudestrahlende Augen schauen mich an. „Das wäre toll, Steffi“, sagt Alex, „aber nur wenn Du möchtest.“ „Jepp, ich möchte“, sage ich kurzentschlossen, „irgendwie habe ich Blut geleckt, vorhin.“ „OK,“, lacht Alex, „meistens ist es so, dass sich die Leute Stücke wünschen, indem sie die vorne am Tresen in ein kleines Heft eintragen. Wenn da was bei ist, was wir im Repertoire haben, dann spielen wir das meistens auch.“ „Na dann kann es Meinetwegen losgehen“, sage ich. „Steffi, ich bin begeistert“, sagt Micha erfreut. „Was sagt Deine Managerin dazu?“ fragt Tom feixend und schaut zu Katja. „Machen!“ sagt Katja lächelnd, „ich will das sehen und hören.“ Ich zwinkere ihr zu. „Dann müssten wir aber auch so langsam mal los“, sagt Alex. Wir stehen auf und gehen Richtung Bühne. Katja sammelt noch unsere Teller ein und gibt sie am Tresen ab. Frank und Micha sagen Bernie Bescheid. „Ich würde eine kurze Ansage machen, das es losgeht“, sagt Micha, „erwähne kurz unsere „Gastmusikerin“, und dann kommt Steffi auf die Bühne.“ „OK“, sage ich. „Ich lasse dann die ganze Zeit die Tabs über Deinen Prompter laufen, Steffi“, sagt Frank. „Alles klar“, sage ich. Die vier gehen Richtung Bühne und bewaffnen sich mit ihren Instrumenten.

„Guten Abend“, begrüßt Micha die Zuschauer, „wir starten nun mit dem Live Teil des Abends. Wir sind heute leider zu viert, weil unser Bassist Carlos heute erst von einer Dienstreise zurückkommt und obendrein bei dem Wetter auch noch im Stau steht. Wir bitten das zu entschuldigen.“ Das Publikum spendet einen Beifall. „Aber wir haben Glück im Unglück“, fährt Micha weiter fort, ein „Special Guest“ von Bernie und Jens wird uns ab und zu unterstützen.“ Das ist mein Zeichen, ich betrete die Bühne und mache einen Knicks. „Wuhu, Steffiiii“, ruft jemand im Publikum, was mich zum Lächeln bringt. „Na sowas, einen Fan hat sie schon“, sagt Alex grinsend. Ich hänge mir den Bass um, während im Publikum mehrere Leute „Zwei, … Drei , Vier, … Zehn, usw.“ rufen. Ich lächele und schüttle leicht den Kopf dabei. Dann schaue ich zu den anderen und nicke mit dem Kopf. „Die ersten beiden Stücke sind für Bernie, … nachträglich zum Geburtstag.“, sagt Micha und Frank starten auf seinem Synthesizer wie vorhin den Wind. Als ich mit dem Bass starte fange die ersten im Publikum schon an zu tanzen. Bernie reiht sich in die Tanzenden ein. Das Stück geht mir dieses Mal noch besser von den Händen. Und auch das Zweite Stück läuft noch besser. Auch hier ist Bernie mit am abrocken. Als wir mit dem Stück durch sind, dreht das Publikum in gewohnter Weise ab, so wie vorhin schon beim Karaoke. Jens kommt von hinten auf die Bühne und Bernie kommt auch hoch. Sie machen auch noch mal eine kurze Ansage und erklären dann den Live Teil für offiziell eröffnet. Wir machen gemäß der Songliste weiter. Ein paar Stücke aus den 60er und 70er Jahren stehen an. Wir lassen es ruhig angehen und spielen „Bad Moon Rising“ von Creedence Clearwater Revival. Alex singt. Ich schaue ab und zu auf den Teleprompter. Ich kenne zwar das Stücke, aber ich will mich mit dem Ding vertraut machen. „Star Star“ von den Rolling Stones folgt als nächstes. Das Stück ist um einiges rockiger. Micha singt dieses Stück. In diesem Stück geht es um eine etwas anrüchige Dame und Micha macht sich den Spaß und schaut immer wieder zu mir rüber. Nach dem ersten Refrain gehe ich daher zu ihm und streiche um ihn herum. Beim nächsten Refrain stehe ich dann mit dem Rücken zu ihm und drück meinen Po gegen seinen. Im Takt wiegen wir unsere Hintern. Nebenbei flirte ich mit den Augen mit Tom. Das Publikum johlt. Als drittes spielen wir „Caroline“ von Status Quo. Auch dieses Stück singt Micha. Er lässt es sich auch nicht nehmen ab und zu mal statt Caroline zu singen, Steffilein zu singen. Ich rolle übertrieben mit den Augen und lächele. „Vielen Dank, Leute“, sagt Micha zum Publikum, nachdem wir auch dieses Lied fertig gespielt haben. „Wir machen eine kurze Pause“, sagt Alex, „wer mag kann gerne zu Frank gehen und die Pause mit einem vorgetragenen Lied überbrücken.“ Frank hat sein Karaoke Equipment hinter der Bühne stehen. Zwei Leute melden sich. Wir anderen stehe an unserem Stammplatz an einer Tresen Ecke. „das ist ja echt unglaublich, wie die Leute hier drauf sind“, sage ich erstaunt. „Ziemlich locker, gelle?“, sagt Bernie, der wieder hinterm Tresen steht. „Ich gehe mal zu Frank, und lasse mich in seine Technik einweisen“, sage ich, „vielleicht kann ich ihn ja auch ab und zu mal ablösen.“ „Och, da freut er sich bestimmt drüber“, sagt Tom. „Ich komme mit“, sagt Katja. Wir gehen zu Frank und sagen ihm das. „Oh, das ist ja super von euch“, freut sich Frank und zeigt es uns. „Es ist eigentlich ganz einfach“, sagt er, „die Lieder sind durchnummeriert. Einfach die Nummer in dieses Feld eintippen, kurz gegenchecken und dann das Play Symbol drücken.“ „OK, kapiert“, sage ich. Katja nickt. Es meldet sich noch einer. „Da könnt ihr gleich üben“, sagt Frank. Katja übernimmt. „Ist ja wirklich einfach“, sagt sie, „Steffi ich mache das erstmal, dann kannst Du Dich mehr auf die Band konzentrieren.“ „Gerne“, sage ich.

Ich gehe zurück zum Tresen und studiere die Songliste. Micha und Tom beobachten mich dabei. „Es wird etwas poppiger“, stell ich fest. Lieder ELO, Barclay James Harvest, Ultrafox stehen da. „Und… ?“ fragt Tom. „Ich hole mir mal den Bass“, sage ich. Frank kommt mit einem Kopfhörer und einem Stick. „Was ist das“, frage ich. „Zieh mal den Stecker vom Funk und stecke dieses Ding hinein“, sagt Frank. Dann setzt er mir den Kopfhörer auf. „Jetzt kannste üben, ohne das es über die Anlage geht“, sagt er. „Bluetooth?“ frage ich. „Jepp!“ sagt Frank, „wir haben noch mehr von den Kopfhörern. Da können wir dann auch mithören.“ „Coole Nummer“, sage ich. Dann sehe ich, dass sich Bernie auch einen Kopfhörer aufsetzt. „Als Chef des Hauses darf er das“, sagt Micha. Ich schaue zu Bernie rüber. „Du bist aber mutig“, sage ich grinsend. Er lächelt und zuckt leicht mit einer Schulter. Micha und Alex setzen sich auch jeder einen Kopfhörer auf. „Gebt mir mal ein Feedback, ob das so OK ist“, sage ich zu den Beiden, weil sie auch Bass spielen, wenn in so einer Situation wie heute der eigentliche Bassist fehlt. Ich spiele die Bassläufe der jeweiligen Lieder an und erinnere mich recht schnell wieder. „Keine Einwände euer Ehren“, sagt Alex grinsend. „Ihr seid so tapfer“, sage ich feixend. „Nee, Steffi, ist wirklich OK“, sagt Micha. „Na gut, dann bin ich dabei“, sage ich. „Super“, sagen Micha und Alex. Ich dreh mich um und will den Bass wieder auf die Bühne stellen, da steht die Sandra hinter mir. „Huh!“ sage ich erschreckt. Sie erschreckt sich ebenfalls. Schnell gehe ich zur Bühne und stelle den Bass weg. Auf dem Rückweg gehe ich zu Katja. „Die klebt dir förmlich am Hacken“, sagt sie leicht verärgert. Mich beunruhigt das ebenfalls. Eine Zuschauerin ist noch mit einer Karaoke Nummer dran, dann soll es mit uns weitergehen. Ich gehe zurück zu Micha und den anderen. „Ich werde mal mein Schuhwerk wechseln“, sage ich. „Drücken die Schuhe?“ fragt Tom. „Nee, das nicht, aber ich überrage euch etwas“, sage ich grinsend, „und mit den flachen kann ich besser mit euch über die Bühne flitzen.“ Die Jungs sind nämlich alles andere als Stillsteher, wenn sie nicht grade singen. Ich gehe ans Ende des Tresens, dort habe ich meine Tasche mit den Wechselschuhen stehen. „Rot oder schwarz?“ frage ich die Jungs und zeige die Paare. „Was für eine Frage“, sagt Bernie“, rot natürlich.“ „Jepp, rot“, sagt auch Tom. Ich ziehe dann also die roten Lackballerinas an. „Süß“, sagt Katja, die inzwischen von der Karaoke Station gekommen ist.

Die nächste Runde steht an. Wir ziehen die drei Stücke durch, das letzte ist von Ultravox „Reap the Wild Wind“. Als wir damit durch sind fordern die Zuschauer „The Voice“ von Ultravox ein. „Machen die das immer?“ frage ich Micha grinsend. „Ja und das schlimmste ist, wir haben einmal das mit den E-Drums am Ende gemacht“, antwortet er, „damit haben wir sie versaut, das müssen wir jetzt immer machen.“ „Kannst Du das?“ fragt mich Frank ein wenig besorgt. „Is’ lange her“, antworte ich, „wir haben das früher in der Schülerband mal gemacht.“ „Ich bin nicht so der Drum-Spieler“, sagt Frank wieder, „das machen normal Alex, Micha und Carlos.“ Die Zuschauer toben immer noch. Ich nicke. „Krieg ich hin“, sage ich und nicke zuversichtlich. „Ok dann los“, sagt Alex und geht zu Frank und stellt sich an eins seiner Keyboards. Ohne Ansage starten wir. Frank singt das Stück. Zum Ende hin machen wir die Nummer mit den E-Drums wie es Ultravox in der Live Version auch machen. Ich staune nicht schlecht, wie die Zuschauer abgehen. „Boah, das ist ja der Hammer!“, sage ich begeistert, als wir fertig sind. Aber ich merke auch, dass die Jungs besser im Training sind als ich. „Na Steffi? Schlaucht ganz schön, was?“ fragt Micha grinsend. Ich fasse mir auf die linke Schulter und sage: „Bin ich halt nicht gewohnt.“ „Brauchst Du eine Auszeit?“ fragt Alex. „Wenn ich mal eine Runde aussetzen könnte, wäre gut“, antworte ich. „Na klar, ist völlig in Ordnung,“, sagt Frank, „Du hast uns bis hierher mehr als geholfen, das ist voll super von Dir.“ Die Jungs stimmen sich kurz ab, was sie als nächstes spielen. Ich gehe an den Tresen und lasse mir ein kühles, helles zapfen. Die Jungs kommen kurz danach zu mir und bestellen sich auf was zu trinken. Ich schaue zu Bernie, der sieht etwas ernster aus, als sonst. Seinen sonst so schelmigen Gesichtsausdruck hat er nicht drauf. „Ist Dir was über die Leber gelaufen?“ frage ich ihn direkt. „Hm, hast Du während eurer letzten Runde diesen Typen mit dem etwas affigen karierten Sakko gesehen?“, fragt er mich. „Ja habe ich kurz gesehen“, antworte ich, „sah ja ein bisschen dämlich aus.“ Mittlerweile hat sich Pascal, der auch hinterm Tresen steht mit dazu gesellt. „Im schlimmsten Fall wird es gleich noch dämlicher“, sagt Bernie. Ich bin etwas irritiert. „Inwiefern?“ frage ich. „Der karierte ist so eine Art Vorhut, Späher“, antwortet Bernie, „da kommt gleich so ein Typ, nee, den kannste nicht beschreiben.“ „Der versucht immer irgendeine Frau abzuschleppen“, sagt Pascal, „blöd ist nur, dass er immer mit zwei Schlägertypen kommt.“ „OK, dann bin ich mal gespannt“, sage ich. Dann sehe ich aus den Augenwinkeln hinter der Blende vom Tresen einen schwarzen Cowboy-Hut hängen. „Wem gehört denn der?“ frage ich. „Keine Ahnung, der ist hier mal liegengeblieben“, sagt Pascal. Bernie holt den Hut und setzt ihn mir auf. „Heidewitzka, der steht dir aber“, sagt Bernie. „Ja sieht Klasse aus, zusammen mit den roten Haaren“, sagt Micha. „Cowboy-Hut erinnert mich immer irgendwie an das R.E.M. Video „Man on the Moon““, sage ich, „spielen wir das gleich in der übernächsten Runde?“ „Au ja, geile Idee“, sagt Tom. Ich lehne mich mit dem Rücken gegen den Tresen, stütze mich mit den Ellenbogen ab und sage „Howdy!“ Was die anderen zum Lachen bringt.

Tom, Micha, Frank und Alex gehen wieder auf die Bühne. Katja kommt zu mir. „Die Blonde hatte grade Stress mit ihrer Begleiterin“, sagt sie grinsend. „Wie? Die ist mit ihrer Partnerin hier und schwänzelt dauernd mir hinterher?“ frage ich. Katja grinst und nickt. „Wer ist denn die Dame, kannst Du sie mir zeigen?“ frage ich weiter. Katja schaut sich kurz um. „Da hinten, die mit den glatten dunkelbraunen Haaren“, sagt sie und zeigt dort hin. „Hoppla, ist aber auch eine Hübsche“, bemerke ich, „aber so was macht man doch nicht. Kommt mit Begleitung auf eine Party und lässt die dann für eine andere liegen.“ „Sehe ich genauso“, bemerkt Katja. Irgendwie hat die Begleiterin von Sandra mitbekommen, dass wir uns über sie unterhalten haben und steuert auf uns zu. Als sie vor uns steht, fragt sie mich auch gleich direkt: „Hallo ich bin Carina und würde Dir gerne eine Frage stellen.“ „Na dann schieß los“, sage ich freundlich lächelnd. „Bist Du allein hier?“ fragt sie. „Nicht direkt“, antworte ich. „Ich habe eine Verabredung unter anderem auch mit dieser netten Dame hier neben mir“, antworte ich und verweise auf Katja. „Ich frage nur, weil meine Partnerin die ganze Zeit versucht in deine Nähe zu kommen“, sagt Carina weiter, „und das regt mich natürlich total auf.“ „Kann ich verstehen“, sage ich, „aber mach Dir keine Sorgen, ich spann sie Dir nicht aus. Ich bin hier so verplant, dass ich auch keine Zeit dazu habe.“ „Ist OK“, sagt Carina, „aber ich glaube mit Sandra werde ich kein Glück haben.“ „Seid ihr schon lange zusammen?“ frage ich. „Drei Monate“, antwortet Carina, „ich drehe noch mal eine Runde, vielleicht sehen wir uns nochmal.“ „Bestimmt“, sage ich. „Ach so, noch eine Frage“, sagt Carina, „gehst Du nochmal auf die Bühne? Du hast eine schöne Stimme.“ „Oh danke“, sage ich, „ja, ich gehe bestimmt noch einige Male spielen.“
Ich verkleide mich nicht, ich bin so!

Ralf-Marlene
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 867
Registriert: Fr 10. Aug 2018, 17:54
Geschlecht: Mensch
Pronomen: egal, "sie" bevorzug
Wohnort (Name): Berlin
Membersuche/Plz: 12555
Hat sich bedankt: 557 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 422 Mal

Re: Blutengel

Post 57 im Thema

Beitrag von Ralf-Marlene » Fr 14. Jun 2019, 12:34

(gitli) (poli) )):m (flow) Danke für die schöne, locker erzählte Geschichte. Einfach ein Hochgenuss
Marlene

Ich halte es mit Karl Popper im 1945 formulierten Toleranz-Paradoxon https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon

Ich bin (nur) intolerant gegenüber der Intoleranz.

Stephanie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 743
Registriert: Mo 31. Mär 2014, 18:05
Geschlecht: d
Pronomen: die da
Wohnort (Name): Meine
Membersuche/Plz:
Hat sich bedankt: 269 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 585 Mal
Gender:

Re: Blutengel

Post 58 im Thema

Beitrag von Stephanie » Mo 17. Jun 2019, 16:41

Die Kneipe im Vorharz Teil 7

Du hast Dich vorhin so cool an die Theke gelehnt“, sagt Katja, „das habe ich von weitem gesehen. So Cowboy, äh …Cowgirl-mäßig.“ „So in etwa?“ frage ich und stelle mich wieder so hin. Diesmal lehne ich außerdem den einen Fuß gegen den Tresen. Katja lacht. „Ja,, genauso.“ In dem Moment geht die Tür auf. Ich stehe dummerweise genauso, das ich den Gang zur Tür überblicke. „Ach herje, was ist denn das?“ frage ich. Im Eingangsbereich ist ein helleres Licht. Ein total schmächtiger Typ, Pickel im Gesicht und große schiefe Zähne. Ich muss echt aufpassen, dass ich nicht loslache. „Den meinte ich“, sagt Bernie. Unter einigen weiblichen Gästen macht sich Unruhe breit. „Als Lesbe hast Du doch kein Problem, oder?“ frage ich. „Das interessiert den nicht“, sagt Bernie. Mittlerweile sind hinter dem Dürren, zwei muskelbepackte Type mit etwas dümmlichen Gesichtsausdruck herein gekommen. Der Dürre schaut sich um und dann fällt sein Blick auf mich. „Boah, ist der hässlich“, sage ich leise. „Steffi verzieh dich lieber in eine Ecke“, sagt Katja ängstlich. „Zu spät, ich opfere mich“, sage ich feixend. Die drei kommen auf mich zu, der Dürre vorneweg. Ich stehe weiter an den Tresen gelehnt. „Na, Du bist aber neu hier?“ fragt mich der Dürre mit einem osteuropäischen Dialekt. „Howdy Stranger!“ sage ich. „Äh, wie bitte?“ fragt der Dürre. „Oh kannst kein Englisch?“ frage ich. Ohne zu antworten sagt er: „Ich hatte gefragt, ob Du neu hier bist.“ „Das habe ich vernommen“, sage ich, „aber hast Du keine elegantere Art, Dich vorzustellen?“ „Äh … … wie jetzt?“ fragt er. Ich habe ihn wohl aus dem Konzept gebracht, seine beiden Leute schauen mich grimmig an. „Was soll das hier jetzt werden?“ frage ich. „Ich stelle hier immer die Fragen, ist das klar?“, erwidert er und versucht cool zu lächeln. „Nöö, ist mir nicht klar“, sage ich frech, „ich wüsste auch nicht warum, hast Dich ja nicht mal vorgestellt.“ Bernie und Pascal stehen angespannt hinter dem Tresen. „Ich brauch mich nicht vorstellen“, sagt der Dürre. „Na dann danke für das Gespräch“, sage ich und drehe mich um. Eine Weile passiert nichts. Ich schaue Bernie an. An seiner Reaktion kann ich erahnen, was hinter mir passiert. Dann merke ich eine Hand auf meiner Schulter, die versucht mich zum Umdrehen zu bewegen. Blitzschnell tue ich das auch und schlage die Hand von dem Dürren weg. „Mach das nicht nochmal“, fauche ich ihn an. „Aua“, sagt der nur. Ich bleibe stehen und schaue ihn grimmig an. Nach einer Weile sagt der Dürre: „Ich habe hier bisher jede Frau gekriegt, die ich wollte.“ „Schön für Dich“, sage ich genervt, „dann wird es heute anders sein, das verspreche ich Dir.“ Er schaut mich erstaunt an. Wahrscheinlich habe ich ihn völlig aus seinem idiotischen Konzept gebracht. Er geht ein paar Schritte zurück und redet mit seinen Kumpels. Bernie spricht mich an. „Ist Dir klar, was du tust?“ fragt er, „der ist unberechenbar und die beiden Typen haben ziemliche Kräfte. Verlass Dich nicht darauf, dass Du eine Frau bist. Das zählt bei denen nichts.“ „OK, danke für den Hinweis“, bedanke ich mich bei Bernie, „ich trainiere seit einiger Zeit wieder Kampfsport. Genau für solche Situationen. Wenn der sich nicht abwimmeln lässt, dann kriegt er draußen Haue.“

Der Dürre kommt wieder ran. „Ich habe draußen ein richtig schönes und teures Auto, damit fahren wir jetzt zu mir“, sagt er. „Ihr drei? Ihr fahrt jetzt zu Dir?“, frage ich, „gute Idee.“ „Hä?“ fragt er verdattert, „nein, Du kommst mit.“ „Vergiss es“, sage ich barsch. Dann holt er sein Portemonnaie heraus. „Ich habe auch viel Geld, schau mal“, sagt er. „Also, wenn Du für Sex bezahlen willst, dann kann ich Dir einen guten Puff empfehlen“,, sage ich feixend. Er schaut mich entgeistert an. „Ich habe noch ‘ne bessere Idee“, sage ich, „investier die Kohle in eine Gesichts-OP und lass Dir bei der Gelegenheit auch noch deine Hackfresse gradeziehen. Und jetzt nimm deine beiden Satelliten und verschwinde aus meiner Umlaufbahn!“ „Es reicht“, sagt er sauer, „wenn Du in Zehn Minuten nicht rauskommst, dann gibt es richtig Ärger.“ Er dreht sich um und geht mit seinen beiden Begleitern raus. Ich dreh mich um und schaue zu Bernie und Pascal. „Ich gehe in zehn Minuten raus und es gibt trotzdem Ärger“, sage ich zu den beiden. „Ich komme mit", sagt Pascal. „Ich auch“, sagt Bernie. Die Jungs von der Band sind schon länger fertig mit ihrer Runde und haben sich das ganze angeschaut. „Was willst Du machen, Steffi?“ fragt Tom etwas ängstlich. „Die Freaks vom Hof jagen“, antworte ich. „da hast Du keine Chance“, sagt Tom, „die beiden Muskelviecher sollen ziemlich stark sein.“ „Da wär ich mir nicht so sicher, die können vor lauter Muskeln doch kaum noch vernünftig laufen“, sage ich.

Hast Du mal Tesafilm?“ frage ich Bernie. „Wozu denn das?“ fragt er erstaunt und gibt mir einen Handabroller. „Siehste gleich“, sage ich und wickele einige Lagen über den Spann um meine Ballerinas. „Damit sie nicht beim zutreten wegfliegen“, sage ich, „alter Trick aus dem Tanzsport.“ Ich trinke mein Bier aus und gehe Richtung Tür. „Wenn ich wieder reinkomme, spielen wir „Man on the Moon?““, frage ich. Micha und Alex nicken ungläubig. An der Tür setze ich den Hut ab und lege ihn auf eine Fensterbank. Dann öffne ich vorsichtig die Tür. An der Straße steht der Dürre an sein Auto gelehnt. Von seinen Begleitern sieht man nichts. Aber der Dürre macht einen Fehler und schaut dahin, wo sie stehen. Der Ausgang der Kneipe hat einen Windfang, in dem ich jetzt stehe. Die beiden stehen mit Sicherheit rechts und links daneben. „Komm raus“, sagt der Dürre. Ich bleibe einfach stehen. Da sagt der Dürre etwas auf Russisch und von links erscheint das eine Muskelvieh. Er streckt seinen Arm aus und versucht mich zu packen, was ihm nicht gelingt, weil ich vorher seinen Arm gepackt habe und ihn blitzschnell auf den Rücken drehe. Er stöhnt vor Schmerzen. Pascal erscheint hinter mir und nimmt den Kerl in den Schwitzkasten. Der Dürre steht an seinen Auto und schreit irgendwas auf Russisch. „Er fordert den anderen auf“, sagt Pascal. Zögerlich erscheint der andere im Türausschnitt und bleibt stehen. Ich stelle mich in eine Kampfsport-Grundstellung, den ganzen Körper angespannt. Als er einen Schritt nach vorne macht, haue ich ihm blitzschnell rechts und links eine Backpfeife und gehe wieder in meine Grundstellung. Irritiert geht er zwei Schritte zurück und fällt seitlich die Treppe herunter. Bernie zischt an mir vorbei und nimmt den auch in den Schwitzkasten. „Die können ja gar nichts ab!“, sage ich grinsend. „Von wegen Muskeln, das ist nur Fett“, sagt Bernie auch grinsend, „Schnapp Dir den Dürren.“

Ich gehe auf den Dürren zu. „Und jetzt bist Du dran“, sage ich fies grinsend. Er versucht hinterrücks die Autotür aufzumachen, was ihm nicht gelingt. Dann fummelt er in seiner Hosentasche herum und befördert ein Springmesser heraus, welches er mit zitternder Hand auf mich richtet. „Bleib wo Du bist?“ schreit er mich total angsterfüllt an. „Jetzt haste Angst, was?“ frage ich ihn mit liebevoller Stimme. In dem Moment schreit einer seiner beiden Begleiter von hinten irgendwas auf Russisch. Der Dürre ist kurz abgelenkt und schaut hin. Ich nutze das und greife ihm von der Seite gegen die Hand mit dem Messer. Dann schlage ich auf die Hand. Er lässt das Messer fallen. Mit dem Fuß schiebe ich es an die Seite. Dann drehe ich auch ihm den Arm auf den Rücken. Vor Schmerz schreit er auf. „So mein Freund, was soll der Scheiß hier?“ frage ich ihn mit ernster Stimme. Mittlerweile sind Bernie und Pascal mit ihren Patienten herangekommen. „Das wird Dir noch leidtun“, schreit der Dürre, „ich habe mächtige Freunde.“ „Zu viel Star Wars geguckt, was?“ frage ich gehässig und drehe den Arm noch weiter ein. Er schreit wieder auf. „Du kommst hier nie wieder her, hast Du das verstanden?!“ befehle ich ihm. Der eine seiner Begleiter sagt wieder irgendwas auf Russisch zum Dürren, genauso gehässig wie ich es eben tat. Der Dürre schaut ihn entgeistert an. Dann sagt Pascal auch etwas auf Russisch zum Dürren. „Lass mich los“, schreit mich der Dürre an, was mich dazu veranlasst ihm den Arm wieder etwas fester auf den Rücken zu drehen, und dieses mal so, dass er den Halt verliert und in den Schneematsch fällt. „Ich kriege noch eine Antwort von Dir!“ schreie ich ihn an. Statt zu antworten, fängt er an zu heulen. „Unglaublich“, sagt Bernie, während ich ihn und Pascal entgeistert anschaue. Nach einiger Zeit hat sich der Dürre gefangen und sagt leise: „Ja, wir kommen nie wieder hierher.“ Ich lasse ihn los. Pascal und Bernie lassen auch ihren beiden los. Der eine geht sofort zum Dürren und zieht ihn unsanft aus dem Schneematsch. Unmittelbar danach schimpft er auf ihn ein, knallt ihm recht und links eine und schiebt ihn unsanft ins Auto. Der andere Begleiter steigt auf den Fahrersitz. Bevor er die Tür zu macht, sagt er noch irgendwas zu Pascal. Der nickt und holt sein Handy raus. „Könnt ihr mal „karierte“ Jacke rausschicken?“ fragt er. Kurz danach kommt der tatsächlich raus und geht geduckt zum Auto. „Der war noch da?“ frage ich verdutzt. „Hat sich wohl irgendwo versteckt“, sagt Bernie. Der Typ steigt ein und das Auto fährt los. Wir schauen noch eine Weile hinterher, bis wir sicher sind, dass die nicht zurück kommen. „Schwachköpfe!“ sagt Bernie noch leicht verärgert, „dass wir so lange auf die reingefallen sind. Mehr Schein, als sein.“ Pascal und ich nicken. Beim Reingehen frage ich Pascal: „Woher kannst Du so gut russisch?“ „Das musste ich in der Schule lernen“, antwortet er, so wie ihr Englisch lernen musstet.“ „OK, wo kommst Du denn her?“ frag ich wieder. „Aus Wernigerode“, antwortet Pascallächelnd, „gibt ein schönes Bier da.“ „Stimmt, jetzt ein schönes, kühles Helles“, sage ich. „Nee, nee“, sagen Bernie und Pascal gleichzeitig, „Du singst erstmal „Man on the Moon“, mit Cowboyhut.“ „Mist, ich mit meinen Plappermaul immer“, antworte ich grinsend.
Ich verkleide mich nicht, ich bin so!

Dwt-Lilo-SL
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 386
Registriert: Mo 8. Apr 2013, 11:38
Geschlecht: Transgender 50%
Pronomen: Mensch
Membersuche/Plz: z.Zt. -----
Danksagung oder Lob erhalten: 49 Mal

Re: Blutengel

Post 59 im Thema

Beitrag von Dwt-Lilo-SL » Di 25. Jun 2019, 15:52

Steffie, du hast da einen schönen Bogen der Gefühle
und die Story wird nicht langweilig, bin gespannt
auf eine Fortsetzung.
DANKE
lg
LILO-GINA
Seufzer gleiten die Seiten des Herbstes entlang,
Treffen mein Herz mit einem Schmerz dumpf und bang

Stephanie
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 743
Registriert: Mo 31. Mär 2014, 18:05
Geschlecht: d
Pronomen: die da
Wohnort (Name): Meine
Membersuche/Plz:
Hat sich bedankt: 269 Mal
Danksagung oder Lob erhalten: 585 Mal
Gender:

Re: Blutengel

Post 60 im Thema

Beitrag von Stephanie » Di 2. Jul 2019, 16:13

Die Kneipe im Vorharz Teil 8


Bernie und Pascal gehen schnurstracks wieder hinter den Tresen, während ich an der Tür bleibe und mir den Hut wieder aufsetze. Katja kommt mit einen Mikrofon auf mich zu und gibt es mir. Kaum habe ich es in der Hand starten die Jungs auch schon mit dem Lied. Ich fange an zu singen und gehe langsam in Richtung Bühne. Nach jeder Textzeile halte ich das Mikro zu den Zuschauern, die dann das dazugehörige „yeah, yeah, yeah“ singen. Die Zuschauer sind schon wieder voll am Abgehen. Beim Refrain gehe ich mitten rein und lasse sie wieder mitsingen. „If you believe, they put a man on the moon“, und dann die Zuschauer: „man on the moo-oon!” Ich gehe durch die Zuschauer und komme am linken Rand wieder raus und stehe vor Sandra. Ich schaue ihr tief in die Augen und singe den Refrain. Damit hat sie wohl nicht gerechnet. Jedenfalls schaut sich mich ziemlich verdattert an. Ich gehe wieder vor die Bühne und singe den Rest des Liedes. Am Ende wiederholt sich der Refrain und wieder halte ich das Mikro Richtung Zuschauer und springe dabei auf und ab. Die Zuschauer machen dankbar mit, bis wir das Lied ausklingen lassen. Ich setze mich auf den Bühnenrand. Die Zuschauer toben. „Danke Leute, ihr seid so geil drauf“, sage ich lächelnd. Ich dreh mich um und sehe die Jungs auch strahlen. „Noch eins, noch eins“, höre ich aus den Zuschauern rufen. Immer mehr klinken sich mit ein. Nach einiger Zeit frage ich, immer noch am Bühnenrand sitzend: „Wie, noch eins? Eins von R.E.M.?“ „Jaha!“ tönt es aus dem Publikum zurück. Ich dreh mich zu den Jungs um. „Fang einfach an zu singen“, sagt Micha grinsend, „von R.E.M. können wir alle bekannten Lieder.“ „Na gut“, sage ich grinsend. Dann drehe ich mich wieder zum Publikum um. „R.E.M. findet ihr gut?“ frage ich. Wieder kommt ein: „Jaha!“

Mit den Händen beruhige ich sie und sage leise „Pst“. Als es ziemlich still ist fange ich ohne die musikalische Unterstützung der Jungs den Refrain von „Walk unafraid“ zu singen. Von hinten höre ich leise Frank „ Wuhu!“ sagen. Dann steigen die Jungs mit ein. Bis zum nächsten Refrain bleibe ich da sitzen, dann springe ich hoch und tobe vor den Zuschauern lang. Die Jungs auf der Bühne drehen ebenfalls ab. Bei der nächsten Strophe sehe ich aus den Augenwinkeln Sandra, wie sie sich mit verheulten Augen auf einen Flamingo setzt. Ich gehe zu den Jungs auf die Bühne und flippe da weiter mit ihnen rum, bis das Lied zu Ende ist. Und das Publikum tobt wieder. „Noch eins?“ fragt Micha, was die Zuschauer lautstark bejahen. „Steffi?“ fragt Micha nach hinten zu mir. „The great beyond?“ frage ich ohne Mikro. „Boah, so was von gerne“, sagt Tom und klackt den Takt an. Ich gehe Richtung Sandra und setze mich neben ihr auf den Flamingo. Ich glaube sie braucht grade mal Trost. Ich lege meinen Arm um ihre Schulter und fange an zu singen. Wieder laufen bei ihr die Tränen und sie kuschelt ihren Kopf an meine Schulter. Im Lied stehe ich dann irgendwann auf und gehe langsam zu den Zuschauern. Als das Lied zu Ende ist und ich mich bei den Zuschauern bedankt habe, gehe ich wieder zu Sandra, während die Jungs die nächste Pause ankündigen. „Was ist denn mit Dir? frage ich Sandra. „Ach meine Begleiterin hat mir eben eine riesige Szene gemacht und ist abgehauen“, antworte sie, „außerdem singst Du so schön, da muss ich einfach weinen.“ Ich schaue in ihre Augen und sage: „Danke.“ „Ich bleibe hier noch ein bisschen sitzen“, sagt sie dann. „OK“, sage ich und gehe wieder zu den Jungs. „Wollen wir noch mal einen Dreierpack R.E.M. machen?“ fragt Alex. „Warum nicht?“ fragt Tom dagegen, „so wie die hier heute abdrehen.“ Dann versuchen sie sich auf die Stücke zu einigen, während ich daneben stehe und amüsiert zuschaue. Nebenbei ziehe ich den Unterrock unter meinen Kleid heraus und falte ihn zusammen. Irgendwie können sie sich nicht zwischen sechs Stücken entscheiden. Micha ist etwas genervt und schaut mich an und sieht wie ich grinse. „Du hast deinen Spaß, was?“ fragt er mich. Ich nicke und sage dann: „Ich will ja nicht nerven, aber ich hätte auch noch eine Idee.“ „Schieß los“, sagt Alex. Ich nehme einen Zettel und schreibe auf. „Also, „begin the begin“ zuerst, gleich hinter her „life and how to live it“”, sage ich, „dann Imitation of life, country feedback, bad day und „It’s the end oft the world“ zum Schluss.“ Die vier schauen mich an. „Sechs hintereinander?“ fragt Micha. Ich nicke langsam. “Hätte ich jetzt kein Problem mit”, sagt Alex. Micha und Frank nicken, während Tom gebannt auf die Liste schaut. „Country feedback?“ fragt er gedankenverloren und schaut langsam zu mir rüber. „Nicht gut?“ frage ich. „Doch, doch“, sagt Tom, „kriegst Du das hin?“ „Ich denke schon“, sage ich lächelnd. „Ist mein Lieblingslied“, sagt Tom leise, so dass ich es nur höre. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und lächele ihn an. „Meins auch“, sage ich.

Bevor wir wieder auf die Bühne gehen, fragt mich Katja: „Was war denn mit der Sandra?“ Ich erkläre ihr das, was Sandra mir sagte. „Oh, das habe ich gar nicht mitbekommen“, sagt Katja darauf. „Deshalb bin ich auch hingegangen und habe sie ein wenig getröstet“, sage ich. „OK“, sagt Katja lächelnd, „mehr aber nicht?“ Ich lache leise und sage: „Nein, mehr nicht. Und ich lasse mich auch nicht abschleppen heute, von niemanden. Dazu macht mir das hier mit euch viel zu viel Spaß.“ Dann zwinkere ich ihr zu. „Ach du“, sagt Katja lächelnd. Die Jungs kommen von hinten und gehen in Richtung Bühne. „So, Steffi auf geht’s“, sagt Micha und hakt mich ein. Zusammen gehen wir zur Bühne. Die Jungs nehmen ihr Instrument, während ich mich am Mikro postiere. Dabei fällt mein Blick auf die Uhrzeit. „Kurz nach halb zwölf“, sage ich in Richtung Band, „wenn wir gut durchkommen, dann ist „It’s the End oft he World“ um ca. 5 vor 12 dran.“ „Is‘ ja heiß“, bemerkt Alex.

Ein kurzer Blickkontakt untereinander, dann klackt Tom den Takt für das erste Stück an. Ein kurzer Gitarren Riff von Micha, dann steigen wir anderen mit ein. Wie bei den anderen R.E.M. Stücken spielt Alex für mich den Bass, damit ich beim Gesang richtig abdrehen kann. Der Funke springt auch dieses Mal sofort wieder auf das Publikum über. Ohne große Pause starten wir das zweite Stück gleich danach. Bisher habe ich beim Singen das Mikro ohne Ständer benutzt. Beim dem Stück jetzt habe ich mich spontan entschlossen, den Miro-Ständer zu nutzen und missbrauche ihn auch gleich als Turngerät. Was mich nicht davon abhält trotzdem auf der Bühne abzudrehen. Die Jungs spielen das Stück genauso rockig, wie R.E.M. das in der Live Version machen. Und das Publikum lässt sich wieder komplett mitnehmen und quittiert es nach dem Stück mit tosendem Applaus. Ich gehe kurz nach hinten, neben dem Schlagzeug steht was zu trinken. Einen Becher mit einem halben Liter Wasser trinke ich fast aus. „Macht durstig,“ sage ich zu Tom. Der grinst und fragt: „Bereit?“ „Jepp!“ antworte ich knapp. Micha geht an sein Mikro und fragt die Zuschauer: „Noch eins?“, was die Leute mit einem lauten „JA!“ beantworten. „OK, wir machen mal zwei nur etwas langsamere Stücke“, sagt er. „Aber nur R.E.M.“, ruft einer aus dem Publikum. „Was denn sonst?“ fragt Alex grinsend über sein Mikro. Kurz darauf starten die Jungs das Vorspiel von „Imitation of Life“. Ich steige dann mit dem Gesang ein. Wie bei den beiden Stücken vorher bleibe ich auf der Bühne und nutze auch die gesamte Breite. Fast das ganze Publikum ist am Tanzen. Beim ersten Refrain singen sie lautstark mit, was mich dazu bringt, beim zweiten Refrain die Jungs per Handzeichen dazu zu bewegen, leiser zu spielen. Ich halte das Mikro zu den Zuschauern und die singen volles Rohr mit. Ich schaue zu den Jungs und sehe wie sie staunen und lächeln. Dann werden sie wieder lauter und wir kriegen das Stück auch grade so noch zu Ende. „Unglaublich, Steffi, die fressen Dir aus der Hand“, sagt Alex ziemlich ergriffen. „Hast Du das schon mal öfter gemacht?“ fragt Frank. „Na ja, wenn ich ehrlich bin, dann stehe ich als Steffi das erste Mal auf der Bühne“, antworte ich wahrheitsgemäß, „und ich staune die ganze Zeit über mich selber.“ „Ein Naturtalent“, sagte Micha grinsend. Ich zucke mit den Schultern.

Das Publikum beruhigt sich grade wieder. Micha geht an sein Mikro. „Danke Leute, vielen Dank, mit euch macht das hier noch dreimal so viel Spaß. Und wieder toben sie los. „Vom nächsten Stück weiß ich, dass es eins der Lieblingslieder von unseren Drummer Tom ist“, sagt Micha. Von Tom hört man normal fast gar nichts, außer natürlich sein Spiel. Aber nun meldet er sich mal zu Wort. „Es ist nicht nur eins meiner Lieblingslieder“, sagt er, „auch das von Steffi. Hat sie mir vorhin gesagt.“ Ich nicke brav. Die Zuschauer warten gespannt. Micha nickt Tom zu. „OK, es ist „Country Feedback“, sagt Tom, was die Zuschauer in ihrer Art und Weise begrüßen. Da das Lied ein längeres Intro hat, gehe ich zu meinen Gesangsmonitor und stelle ein Fuß oben drauf. Die Arme kreuze ich auf dem hochgestellten Knie und schaue dabei nach unten. Das Publikum ist erstaunlich ruhig dabei. Ich setze mit dem Gesang ein und hebe dabei langsam den Kopf. Die Zuschauer wiegen in dem leisen Takt mit, einige Paare halten sich fest und schmusen. Ich schließe die Augen und singe weiter. Am Ende des Stückes singe ich dann etwas kraftvoller und öffne die Augen wieder. Da das Stück von einer gescheiterten Beziehung handelt und ich so eine ja grade hinter mir habe, treibt es mir unweigerlich ein paar Tränen in die Augen. Nach meinen Gesang folgt noch ein Gitarrensolo, was Micha richtig schön rüberbringt. Ich stehe wieder so, wie am Anfang des Liedes. Abgestützt auf den Monitor. Ich neige den Kopf wieder langsam nach unten. Ich sehe noch, wie einige im Publikum am Heulen sind. Dann bringt Micha sein Solo zu Ende. Die Zuschauer geben uns dieses Mal einen zurückhaltenden, aber dennoch begeisterten Applaus. Ich hebe meinen Kopf und schaue mit leicht verheulten Augen in die Menge. Das Tom neben mir steht, bekomme ich erst gar nicht mit. Ich merke das erst, als er mich fragt: „ Darf ich Dich mal Drücken?“ Seine Augen sind ebenfalls verheult. Ich umarme ihn, was das Publikum mit Beifall quittiert. „Hast Du etwa auch eine gescheiterte Beziehung hinter Dir“, frage ich ihn leise. „Ja“, sagt er ebenfalls leise, „aber das Stück hast Du so schön gesungen.“ „Danke!“ sage ich. Er gibt mir einen Kuss auf die Wange und geht dann wieder zu seinem Schlagzeug. Ich schaue ihm hinterher. Als er sitzt zwinkert er mir zu. Ich schaue zu den anderen.

„Ohne Ansage?“ frage ich. Die Jungs nicken und Tom klickt den Takt von „Bad Day“ an, die anderen Jungs steigen ein. Ich fange an zu singen und alle Traurigkeit ist mit einen Mal wie weggeblasen. Die Zuschauer sind ebenfalls wieder in alter Form. „Danke Leute!“ sage ich, als wir das Stück beendet haben. Ich schaue zur Uhr und grinse. Alex und Micha schauen ebenfalls hin. Es ist sechs Minuten vor Mitternacht. „Sagst Du an, Steffi?“ fragt Micha grinsend. Ich nicke und lasse die Zuschauer noch eine halbe Minute toben. Als der Zeiger auf fünf vor springt sage ich: „Leute es ist 5 vor 12, das Ende der Welt ist nah!“ Und in dem Moment fängt Tom mit den charakteristischen Trommelwirbel von „It’s the end oft he world…“ an. Die Zuschauer toben richtig los. Wir steigen mit ein. Das Stück geht so noch mehr los, als bei meine Karaoke Version von vorhin. Die Jungs drehen ebenfalls noch mal richtig auf. Bei den Refrains lasse ich das Publikum singen. Auch hierbei sind sie nochmal ein Stückchen besser drauf. Irgendwann bringen wir das Stück zu Ende, obwohl wir schon eine Long-Version draus gemacht haben. Ist dem Publikum aber egal, die singen trotzdem weiter. Micha kündigt eine Pause an und als wir die Bühne verlassen, singen sie munter weiter.

„Ich brauch dringend was zu futtern“, sage ich. „Nicht nur Du“, sagt Frank grinsend. Wir gehen gemeinsam zum Buffet. „Laden die hier dauernd nach?“ fragt Alex lachend, „das wird ja gar nicht weniger.“ „Tischlein deck Dich“, sagt Tom grinsend. Wir laden unsere Teller voll und gehen zu der Sitzecke mit den Aufblassofas. Jens, Bernie und Katja sitzen da schon. „Sagt mal, was macht ihr denn mit den Leuten?“ fragt Jens grinsend. Ich zucke mit den Schultern. „Das liegt an Steffi“, sagt Frank lächelnd. Nee, glaub ich nicht“, sage ich leicht verlegen. „Doch, doch, ich sehe das die ganze Zeit, wie sie auf Dich fixiert sind“, begründet es Frank. „Hm, aber euch die Schau stehlen, will ich aber nicht“, sage ich noch eine Spur verlegener. „Ach Steffi, tust Du nicht“, sagt Micha fast tröstend. Ein wenig unwohl ist mir dabei. „Das ist mir fast eine Spur zu perfekt“, sage ich. „Wieso?“ fragt Alex. „Ich komme irgendwie aus dem Nichts, wir haben nicht zusammen üben können und dann läuft es auf Anhieb rund“, antworte ich, „ist mir etwas unheimlich.“ „Mach Dir keine Sorgen“, sagt Micha, „so wie es grade läuft, ist es völlig OK.“ Die anderen nicken zustimmend. „Bei euch stimmt halt die Chemie“ sagt Bernie, „und das von Anfang an.“ Meine Bedenken lassen etwas nach und ich genieße das Essen.

„Wie läuft es bei euch?“ fragt Tom zu Jens und Bernie. Die beiden grinsen. „Ich glaube wir haben heute einen neuen Besucherrekord“, sagt Jens. „Wir zählen zwar nicht jeden Einzelnen, aber wir können das ganz gut abschätzen“, fügt Bernie hinzu, „es ist die ganze Zeit ziemlich gut gefüllt.“ „Das liegt auch daran, dass einige Besucher wohl ihre Freunde und Bekannten per Smartphone anfunken und ihnen mitteilen, was hier grade abgeht“, sagt Jens, „habe ich vorhin bei einigen gesehen.“ Frank tickert auch auf seinem Smartphone rum. „Carlos hat geschrieben“, sagt er, „er ist vor einer halben Stunde bei seinen Eltern in Göttingen angekommen.“ „Ich habe zwischendrin ein paar Fotos und kurze Videos von euren Auftritt gemacht“, sagt Jens, „soll ich ihm mal ein paar schicken?“ „Mach mal, er hat grade gefragt, wie sich „die Neue“ so schlägt“, antwortet Frank. Ich schüttele leicht den Kopf und grinse dabei. Nach einiger Zeit sehe ich wie Jens lachend auf sein Handy schaut. „Was ist?“ frage ich. Jens zeigt mir die Nachricht von Carlos: „Boah!!! Ich komme zum Frühstück!!! Egal wie das Wetter ist. Die Dame muss ich kennenlernen!!!“ „Oha!“ sage ich grinsend.
Ich verkleide mich nicht, ich bin so!

Antworten

Zurück zu „(Eigene) Berichte und Geschichten“