Annerkennung des "dritten Geschlechts" eine juristische und gesellschaftliche Revolution?
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Anne-Mette
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Annerkennung des "dritten Geschlechts" eine juristische und gesellschaftliche Revolution?

Post 1 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Di 8. Jan 2019, 09:13

Moin,

Die SÜDDEUTSCHE schreibt dazu: https://www.sueddeutsche.de/politik/div ... -1.4276490

Gruß
Anne-Mette

MichiWell
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Re: Annerkennung des "dritten Geschlechts" eine juristische und gesellschaftliche Revolution?

Post 2 im Thema

Beitrag von MichiWell » Di 8. Jan 2019, 18:49

Sehr schön, was Heribert Prantl da schreibt. (yes)

Gut auch, dass Kritik am TSG geübt wird, was nun um so mehr als die Ruine sichtbar wird, die es seit Jahren ist.

Der richtige Weg wäre gewesen, allen die Eintragung des empfundenen Geschlechts frei zu stellen. Aber so wird wohl erst ein Enby versuchen müssen, über das TSG den Eintrag divers zu erstreiten, und nach vielen Jahren durch die Instanzen wird eine künftige Regierung vom Verfassungsgericht dazu verdonnert werden müssen, das Gesetz uu ändern.

Was ich schade fand:
Fast wie zum Hohn für die Betroffenen prangt mitten im Text der Kasten zum Abonnieren des Newsletters "Prantls Blick", in dem wie eh und jeh nur die Wahl zwischen Frau und Mann möglich ist. :cry:


Beste Grüße
Michi
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Jaddy
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Re: Annerkennung des "dritten Geschlechts" eine juristische und gesellschaftliche Revolution?

Post 3 im Thema

Beitrag von Jaddy » Mi 9. Jan 2019, 08:55

Also „wir“, d.h. Aktion Standesamt 2018, bereiten uns auf Klagen vor. Unsere Fälle, Hintergründe und Argumentationen sind vielfältig, darunter auch Enbys ohne inter* Merkmale, ohne F64.* Diagnose (bisher).

Die Besprechungen mit juristischen Fachpersonen stehen noch aus, aber einfach nur an das überkommene TSG ankoppeln, eine weitere „Blase“ dran zu basteln, wäre Unsinn. Leider ist das der wahrscheinlichste Ausgang, und die leichteste Strategie.

Ich hoffe, wir finden eine stichhaltige Argumentation, die Gutachterei ganz wegzuklagen.

Wer übrigens noch einen Antrag stellen, oder generell mitmachen möchte, kann sich gerne melden, bei mir oder über aktionstandesamt2018.de

Whoopy Highfly
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Re: Annerkennung des "dritten Geschlechts" eine juristische und gesellschaftliche Revolution?

Post 4 im Thema

Beitrag von Whoopy Highfly » Sa 19. Jan 2019, 15:30

Hallo Leute,
Folgenden Leserbrief habe ich heute in der Zeitung gefunden:
20190119-02-01-web.jpg

Finde, das er zum Thema passt.

LG
Steffi

Wenn ihr den größer haben wollt, stelle ich ihn in mein Cloud und den link dazu stelle ich hier ein.
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Wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine Spuren.
Mein Motto: Ich werde glücklich.

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Re: Annerkennung des "dritten Geschlechts" eine juristische und gesellschaftliche Revolution?

Post 5 im Thema

Beitrag von Jaddy » So 20. Jan 2019, 13:52

Orrr... bei manchen Statements könnte ich die Wände hochgehen. Mag sein, dass ich inzwischen zu empfindlich werde, weil so vieles davon schon so häufig kam - und bei kurzem Nachdenken so unwichtig ist gegenüber den wirklichen schwierigkeiten. So unwichtig, dass sich die Thematisierung zu oft wie passiv-aggressives Verhalten anfühlt.

Die Sache mit der Anrede beispielsweise. Einer der beiden Punkte, die Binären als erstes und meistens einziges einfallen. Manchmal merkbar bemüht, um höflich und respektvoll zu sein, das ist dann eher angenehm. Häufig genug aber in der Art "ja was denn noch alles, da brauch ich dann ja Minuten, um alle zu nennen". Siehe auch Beiträge hier in die Richtung, wo ich mich schon sehr zurücknehmen musste, um eine freundliche, konstruktive Antwort zu schreiben.

Dabei ist es wirklich nicht schwer. Weder in der Anrede noch bei anderen Aspekten. Die Lösung ist simpel: Offen für alle, statt Sonderlocken. Es ist nicht so schwer, "Sehr geehrte Anwesende" zu sagen. Oder beim zweiten großen Thema von Binären, Toiletten, eine inkludierende Lösung zu bauen, die Binäre, Enbys, Kinder, Rollinutzende, Blinde, Nichtdeutschsprachige, große, kleine, Wickeltischnutzende, einfach alle Menschen gleichermassen gut, je nach körperlichen Bedürfnissen und ohne Angst vor ungewollter Anmache nutzen können.

Was mich ankekst sind nicht primär die Anrede oder die Toiletten, sondern wie viele Binäre dies als Problem hinstellen - weil sie die anderen Probleme nicht wahrnehmen (wollen) oder sogar veralbern. Sie thematisieren ihre Erregung, was schon wieder von ihnen gefordert wird, statt etwas inklusiver zu denken.

So wie in diesem Leserbrief. Geht schon mit der Bildunterschrift los, wobei ich nicht weiss, ob die zum Leserbrief gehört. "Freie Auswahl"? Keineswegs, sondern Gatekeeping, Pathologisierung, Vermischung zwischen genitalbasierter Zuweisung und sozialer Rolle. "Drittes Geschlecht"? Nein. Dritte Option. Eine Sammelbezeichnung als Kompromiss für das gesamte nicht-binäre Spektrum, von agender bis genderfluid. So als würden wir demnächst Klamottenläden unterteilen in Binäre und Nichtbinäre. Ach ja: Die Möglichkeit der Streichung kommt so gar nicht vor in Medien und Diskussionen.

So richtig stellt sich aber mein Kamm auf bei dem süffisanten Ton mit "hochlöbliche Regierung hat beschlossen" und "Nebeneffekt einer Spassgesellschaft". Kann man Ablehnung gegen alles, was sich nicht dem strikt binären, nach bei der Geburt identifizierten Genitalapparaten sortierem Sozialrollensystem unterwirft, mit all den Einteilungen bei Erwartungen, Anforderungen und Verboten, in einen kürzeren Satz fassen? Naja, vielleicht in "Es gibt nur Männer und Frauen (und das entscheidet sich zwischen den Beinen)". Genau das steht da nämlich für mich zwischen den Zeilen. Es ist ja so ein Spass für uns alle hier, die emotionalen Bedürfnisse und Interessen ständig verstecken zu sollen, um soziale Ächtung zu vermeiden. Selbst für binäre nicht-zuweisungsgeschlechtskonforme Menschen wie Crossdresser_innen, TV, bis zu Transpersonen. Heck, gestern hatte ich zwei Freunde zu Gast. Beide cis-hetero-männlich, aber beide genauso im Clinch mit den Rollenvorgaben ihrer männlichen Umgebung (einer arbeitet als mittlere Führungskraft bei Daimler), weil sie kein Interesse an Autos, Fussball und Biersaufen haben.

Die "Regierung" hat übrigens nichts freiwillig beschlossen. Sie musste vom Verfassungsgericht dazu verdonnert werden. Weil eine Verfassung, die allen Menschen ihre persönliche Würde garantiert, keine unnötigen Einschränkungen auferlegen darf. Wie bei der Ehe für alle - die ja immer noch nicht wirklich für alle ist. Jede staatliche Einschränkung muss sehr sehr gut begründet werden. "Bauchgefühl" (Merkel) und religiöse Überzeugungen sind keine validen Argumente - eigentlich. Die "Regierung" - für Politiklaien: Das sind Minister_innen und Kanzler_in - namentlich die C-Leute, haben sich massiv gesperrt und Heimathorsts Bedienstete alles getan, um die ganze Sache so unangenehm wie möglich zu machen. Was für ein Unfug, denn ob es nun 20, 200 oder 20000 Menschen sind, die ein Grundrecht haben, der Aufwand bleibt gleich.

Der Rest des Leserbriefs demonstriert sehr gut, wo fundamentales Problemverständnis offenbar vollständig fehlt. Es geht nicht primär um Anreden und Bezeichnungen, sondern um Sichtbarkeit und daraus folgend um mitgedacht werden. Wenn bei Stellenanzeigen immer noch nur "Pilot", "Chefarzt" stände, wäre die Reaktion auf die Bewerbung einer Frau immer noch die reine Verwunderung und noch höhere unbewusste Aussortierung. Oder umgekehrt, wenn sich auf "Hebamme", "Kinderbetreuung" ein Mann bewirbt. Es gibt wirklich dramatische Erkenntnisse, welchen Einfluss das angegebene Geschlecht, der Name, das Alter bei Bewerbungen hat, völlig unabhängig von den Kompetenzen. Kleiner Test? Beim nächsten Bankbesuch kannst du wählen zwischen offensichtlichem Crossdresser und jemand im Cis-Standardoutfit. Oder jemand im bedruckten T-Shirt vs jemand in Banker-Uniform. Oder im Baumarkt zwischen dem Typen und der Typin. Beobachte mal deinen erste Impuls.

Es ist nachgewiesen, dass mangelnde Vielfalt im Denken auch zu ausschliessendem, marginalisierendem Handeln führt. "Schicke Haltestellenbank, die Sie da gebaut haben, aber wie können Menschen, die sie brauchen - ältere oder adipöse, schwächere, kleinere - da ohne Griffe wieder aufstehen?" - "Barrierefreie Toilette", aber der Handtuchspender leider ausser Reichweite vom Rolli aus, für Kinder oder Kleinere - "Kita schliesst um 15 Uhr", Eltern arbeiten bis 17 Uhr. All solche "oh, das hatten wir gar nicht auf dem Schirm"-Dinge.

Wir tendieren alle zur Komplexitätsvermeidung. Besonders bei Stress und besonders gegenüber Dingen, die uns scheinbar nicht betreffen. Weg damit, ich will mein Leben einfach, egal wie schwierig es dadurch für andere wird. Die extremen Auswüchse sind Pegidisten und AfDler, die in das angebliche einfache Weltbild vergangener Jahrzehnte zurück wollen, einfach weil _sie_ damit keine Probleme haben. Denken sie.

Das ist für mich die Quintessenz dieses Leserbriefs. Ich projiziere mal: Da steht ein Mensch auf dem Hügel seiner Privilegien, in einer Umgebung, die für ihn perfekt funktioniert, schaut in den blauen Himmel und konstatiert "ich sehe gar keine Probleme".

Whoopy Highfly
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Re: Annerkennung des "dritten Geschlechts" eine juristische und gesellschaftliche Revolution?

Post 6 im Thema

Beitrag von Whoopy Highfly » So 20. Jan 2019, 14:06

Hallo Jaddy,
Erstmal danke für dein Statement.
Ich versuche mal ein Gedankenexperiment:
Eine Hälfte der Bevölkerung ist Rechtshänder, die anderen Linkshänder. Um besser unterscheiden zu konnen, werden die Rechtshänder mit grünen Sachen versehen, die Linkshänder mit blauen.
Mir als Elternteil gefällt das nicht, also erziehe ich die Nachkommen um. Verpasse denen entsprechende Kleidung und die Umerziehung beginnt.
Was passiert?

Gute Frage in die Runde.

Anmerkung: ich wurde selbst von LH auf RH umerzogen.
Dazu später mehr.

GLG
Steffi
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