Kritische Anmerkungen zur BVT*-Umfrage
Kritische Anmerkungen zur BVT*-Umfrage

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Unterstützung der Forderung nach einem Operationsverbot für nicht aus med. Gründen erforderliche Operationen an intersexuellen Kindern.
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Anne-Mette
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Kritische Anmerkungen zur BVT*-Umfrage

Post 1 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Mi 14. Nov 2018, 21:07

Moin,

über einen Verteiler erreichten mich folgende Anmerkungen zur Umfrage, die auch hier im Forum verlinkt wurde (https://www.surveymonkey.de/r/J89P5PZ).

1. Im Sinne betroffenen-kontrollierter Forschung oder
partizipativer Forschung ist zu fordern, daß schon bei der
Erstellung (und auch bei der späteren Auswertung) einer
Befragung von intersexuellen Menschen eben intersexuelle
Menschen auch beteiligt werden. Das kann ich bei dieser
Umfrage nicht erkennen – aber korrigiert mich gerne!

2. Im Interesse der Befragten sind vorab alle Fragen offen
zu legen, also auch alle Fragen, die ggf. in Abhängigkeit
von vorherigen Antworten nicht angezeigt werden. Dies ist
hier offenbar nicht der Fall.

3. Die Umfrage ist nicht stabil programmiert; besonders
beim Klicken auf "Zurück" kann es passieren, daß höhere
Nummern bei den Fragen stehen als zuvor, worunter zumindest
der Überblick für Teilnehmer_innen leidet, die dann nicht
mehr nachvollziehen oder vergleichen können, welche
Antworten sie gegeben haben.

4. Die Umfrage konzentriert sich auf die Fragen, Wünsche
und Bedürfnisse von transgeschlechtlichen, transsexuellen,
transidenten und nicht-binären Menschen, bei denen keine
Intersexualität vorliegt. Erfahrungen und Forderungen
intersexueller Menschen sind darin unterrepräsentiert und
werden de facto marginalisiert oder gar nicht wahrgenommen.

5. Die Redeweise vom "bei Geburt zugewiesenen Geschlecht"
ist problematisch, weil "Geschlecht zuweisen" ein
medizinischer Euphemismus (=ein verharmlosender Begriff) für
medizinisch nicht-notwendige Operationen an intersexuellen
Kindern ist. Solche sind den meisten Leuten vom "bvt" jedoch
nicht widerfahren – darüber sollten sie froh sein und sich
keinen Begriff aneignen, worunter vielen intersexuellen
Menschen viel Leid widerfuhr.

6. Die von Medizinern verharmlosend "Geschlechstzuweisung"
genannten medizinisch nicht-notwendige Operationen erfolgen
meist an Säuglingen im Alter von einigen Monaten oder etwa
ein Jahr alt, also gerade nicht "bei Geburt".

7. Bei einer relevanten Zahl von intersexuellen Menschen wurde
bei Geburt erst ein Geschlecht eingetragen, aber später im
Alter von einigen Wochen oder Monaten oder auch noch bis zum
fünften Lebensjahr nach juristischen Begriffen "korrigiert",
oft verbunden mit medizinisch nicht-notwendige Operationen,
die viel an Leid verursachen, und ohne die betroffenen
Kinder zu fragen oder auch nur sinnvoll fragen zu können.

8. Diese intersexuellen Menschen können die Umfrage eigentlich
nicht sinnvoll beantworten, weil ja nur nach dem "bei Geburt
zugewiesenen Geschlecht" gefragt wurde, und nicht z.B. wie sie
dann aufgewachsen sind. Sie werden somit bei möglichst wahrer
Beantwortung vom bvt in der Auswertung willkürlich
(zwangs-)transsexualisiert, oder aber sie werden dazu genötigt,
diesen Umstand zu verleugnen, wodurch weitere intersexuelle
Lebenserfahrungen einiger Betroffener unsichtbar gemacht werden.

9. Die Umfrage berücksichtigt überhaupt nicht, daß manche
– insbesondere intersexuelle – Menschen ihren Geschlechtseintrag
korrigiert bekamen – sei es absichtlich oder ohne eigenes Zutun.

10. Die Umfrage scheint auch nicht zu berücksichtigen, daß sowohl
Vornamen als auch Geschlechtseinträge in Geburtsurkunden sowohl
korrigiert als auch geändert werden können, weil das zuständige
Standesamt sie ja auf Grund der ihm vorliegenden Daten jeweils
neu ausfertigt. (Für viele Zwecke darf ein vorzulegende Geburts-
urkunde nicht älter als ein Jahr sein, zB Landesprüfungsamt).

11. Neutraler wäre als alternativer Vorschlag, von einer
Geschlechtseinschätzung oder einer Geschlechtsdiagnose oder
einer Geschlechtseintragung bei Geburt zu sprechen, so auch
bei Menschen, deren Intersexualität bei Geburt noch nicht
bekannt war oder erkannt wurde.

12. Ich sehe keine Frage zu der Forderung, medizinisch nicht-
-notwendige Operationen an Säuglingen und Kindern zu verbieten,
bzw. ob die Ausfüllenden das auch so fordern. Schade!

13. Wer schon an der Umfrage teilgenommen hat, dies nun aber
nicht mehr gut findet, kann m.E. an die Forscherethik appelieren
und fordern, daß sein bzw. ihr Datensatz gelöscht wird.

14. Praktisch niemand hat eine gute Erinnerung an die eigene
Geburt oder an die ersten ein bis zwei Lebensjahre. Darum
bekommen einige intersexuelle Menschen erst später als
Erwachsene heraus, daß ihr ursprünglicher Geschlechtseintrag
("bei Geburt") in diesen ersten Lebensjahren "berichtigt"
wurde.

15. Weitere intersexuelle Menschen finden als Erwachsene
Hinweise oder Indizien, die auf eine derartige frühe
"Berichtigung" hindeuten, können aber letztlich nicht klären,
ob so eine "Berichtigung" durchgeführt wurde oder nicht. Dies
wird von der Umfrage nicht berücksichtigt, vielmehr werden
intersexuelle Menschen genötigt, sich auf eine spekulative
oder gar falsche Aussage festzulegen.

Marielle
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Re: Kritische Anmerkungen zur BVT*-Umfrage

Post 2 im Thema

Beitrag von Marielle » Mi 14. Nov 2018, 23:44

Guten Abend,

ich hab mich da jetzt auch durchgearbeitet, auf die Schnelle, ohne vorher irgendwas mit der Umfrage zu tun gehabt zu haben.

Unter der Prämisse, dass die Umfrage einen klaren, aktuellen Zweck verfolgt und deswegen leider relativ schnell zu Ergebnissen führen muss, halte ich die Kritikpunkte für unangemessen bzw. falsch. Die Zielsetzung der Umfrage dürfte klar sein und entspricht der gemeinsamen und untereinander abgestimmten Haltung u.a. von BVT* und IM eV. Im übrigen wäre es gut, wenn Leute (der/die Kritikverfasser_in), die den aktuellen Stand der Dinge offenbar nicht übersehen, nicht öffentlich an anderen herumkritisieren, in dem sie aktuell faktisch undurchsetzbare Forderungen aufstellen.

Habt es gut

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Re: Kritische Anmerkungen zur BVT*-Umfrage

Post 3 im Thema

Beitrag von JanaH » Do 15. Nov 2018, 00:40

ich habe nun an der Umfrage teilgenommen und bin der Ansicht, die Kritik geht an der Intention der Umfrage vorbei.

Anne-Mette
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Re: Kritische Anmerkungen zur BVT*-Umfrage

Post 4 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Do 15. Nov 2018, 09:24

Moin,

wie auch immer: ich halte es für rihtig, wenn auch "kritische Anmerkungen" ihre Berücksichtigung finden.
Die schmälern nicht die Arbeit derjenigen, die sich für eine "tragbare Lösung" eingesetzt haben und das noch tun.
Allerdings ist es sicherlich nicht falsch, sie mit kritischen Anmerkungen auseinanderzusetzen.

Gruß
Anne-Mette

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Re: Kritische Anmerkungen zur BVT*-Umfrage

Post 5 im Thema

Beitrag von Marielle » Do 15. Nov 2018, 11:59

Hallo Anne-Mette, Guten Tag zusammen,
Anne-Mette hat geschrieben:
Do 15. Nov 2018, 09:24
Allerdings ist es sicherlich nicht falsch, sie mit kritischen Anmerkungen auseinanderzusetzen.
Nein, natürlich muss man das tun. Aus Kritik kann man ja durchaus auch mal was lernen. Meine Kritik daran richtet sich auch nicht gegen dich! Du hast die Sache ja nur zitiert.

Die Kritik, man hätte vergessen sich für ein OP-Verbot an Kindern auszusprechen, geht an der Sachlage leider quer vorbei. Ich weiss, dass seitens der BVT* bei jeder sich bietenden, auch nur halbwegs vernünftig nutzbaren Gelegenheit dieses Verbot gefordert wurde und wird. Der Punkt ist, dass aktuell ausschliesslich Regelungen im Personenstandsrecht verhandelt werden. Das ist aktuell wichtig und mehr geht grad auch nicht. Im Personenstandsrecht hat ein OP-Verbot aber definitiv nichts zu suchen und es wird dort auch nicht reinkommen. Ich kann nicht beurteilen, ob sowas ins BGB oder ins StGB oder noch woanders hingehört, aber eben sicher nicht ins PStG. Und auf dessen möglichst gute Gestaltung ist die Aktion gerichtet. Viel Zeit bleibt dazu leider nicht mehr.

Habt es gut

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Re: Kritische Anmerkungen zur BVT*-Umfrage

Post 6 im Thema

Beitrag von Jaddy » Do 15. Nov 2018, 12:09

Möglicherweise ist der kritisierenden Person die Zielsetzung der Umfrage etwas entgangen:
Ziel der Umfrage ist es herauszufinden, ob und wie der bei Geburt zugewiesene, zweigeschlechtliche Personenstand Diskriminierungen mit sich bringen kann, und ob ein dritter positiver Personenstand für weitere Personengruppen zusätzlich zu Inter*-Personen notwendig ist. Mit Ihrer Teilnahme helfen Sie, Diskriminierungen in Bezug auf den zweigeschlechtlichen Personenstand zu erfassen, um in Zukunft darauf hinzuarbeiten diese (Diskriminierungen) zu mindern und zu beheben.
Hervorhebung von mir.
D.h. es geht explizit nicht nur um Inter*personen und die Körperlichkeit tritt gegenüber dem "sozialen, gelebten" Geschlecht, der Wahrnehmuing und dem Umgang durch andere damit in den Hintergrund. So habe ich die Fragen auch wahrgenommen.
Deshalb werden inter*spezifische, auf Körperlichkeit und Medizin bezogene Diskriminierungen auch nicht abgefragt.

Kurzer Fakt dazu: Laut Datengrundlage zur gerade herausgegebenen S3-Leitlinie für Trans*behandlungen fallen ca. 350/100.000 Personen (0,35%) irgendwie unter Geschlechtsinkongruenz(1), also "kommt nicht mit dem ehemals zugewiesenen, aufgewachsenen, sozialisierten" Geschlecht klar. Davon, und das hat mich auch etwas überrascht, ordnen sich ca. ein Drittel als nicht-binär ein(2).

Enbys sind Realität. Nicht alle Enbys sind inter*, nicht alle inter* sind Enbys. Hier geht es zuerst um Geschlechtsidentität, das Verhältnis von uns zur binär geteilten, an Äusserlichkeiten definierten Umwelt und der entsprechend geteilten Sicht unserer Mitmenschen.

Wir haben die gleichen Rechte wie binäre Trans*personen auf passenden Personenstand und Gleichstellung. Enbys ohne inter* Diagnose nehmen anderen auch nichts weg. Wir teilen zwar nicht die Problematik der Pathologisierung und medizinischen Bevormundung, aber die gleichen Probleme mit Personenstandsrecht und Gendering durch andere.

-----

(1)
Collin und Kolleg_innen (2016) analysierten 32 klinische Studien, die Prävalenzzahlen für trans Identitäten berichten. Die Autor_innen berechneten die Häufigkeit in Anspruch genommener körpermodifizierender Behandlungen im Rahmen einer Geschlechtsangleichung auf 9,2/100.000, die Vergabe einer trans-bezogenen Diagnose auf 6,8/100.000 und die Selbsteinschätzung einer Person als trans auf 871/100.000. Die Häufigkeit in Bezug zur Selbsteinschätzung war jedoch durch eine einzelne Studie verzerrt (Lai, Chiu, Gadow, Gau, & Hwu, 2010) und verringerte sich auf 351/100.000 nach deren Ausschluss.
(2)
Großangelegte Online-Studien ... USA mit 6.436 Teilnehmenden ... 67 % ... binär ... 33 % non-binäre Geschlechtsidentität an (z. B. genderqueer). ... EU LSBT Survey mit 6.579 Teilnehmenden aus 28 EU-Staaten berichteten 64 % der Teilnehmenden eine binäre (z. B. Frau mit transsexueller Vergangenheit) und 36 % eine non-binäre Geschlechtsidentität (z. B. queer). Auch Studien aus Deutschland legen ein vergleichbares Verhältnis von etwa 2/3 zu 1/3 sich binär vs. non-binär identifizierende trans Personen nahe (Koehler, Eyssel, & Nieder, 2018; Nieder, Köhler, et al., 2017). Aufgrund der jüngsten Revisionen von diagnostischen Kriterien und ihren Implikationen für die Möglichkeiten zur Inanspruchnahme körpermodifizierender Behandlungen (siehe Diagnosen in Kapitel 1) sowie den zunehmenden Prävalenzzahlen in den vergangenen Jahren in klinischen Stichproben (Arcelus et al., 2015), rechnen wir mit einer weiteren Zunahme der klinischen Prävalenz.

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