Neue MDS Leitlinie verfügbar
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nicole.f
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Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 1 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Hallo,
das Warten hat ein Ende, die neue MDS Leitlinie ist raus, doch die ist 1,9MB groß, d.h. ich kann sie hier nicht hochladen und beim MDS ist sie noch nicht.
Und nun?

Ich kann nach erstem Lesen aber schon sagen, nja, wirklich besser wird es nicht, es könnte sogar noch eher schlimmer werden :-(

Wo könnte ich das mal hinladen, damit alle reinsehen können?

Liebe Grüße
nicole
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nicole.f
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar - aber zu groß!

Post 2 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Ach, was soll's wozu gib't Google Drive:

https://drive.google.com/file/d/1oZI9I0 ... sp=sharing

Das werde ich aber nicht ewig dort liegen lassen, d.h. wäre schön, wenn das dann mal irgendwo archviert werden könnte.
Jetzt ist es aber erstmal wichtig, dass soviele wie möglich Zugang dazu bekommen.

Liebe Grüße
nicole
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Jaddy
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar - aber zu groß!

Post 3 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Na super!
Im Zusammenhang mit den Begrifflichkeiten Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie wird in der S3-LL 20185 darauf hingewiesen, dass sich Menschen mit einer binären oder non-binären Geschlechtsidentität einordnen können. Mit binärer Geschlechtsidentität ist die in unserer Gesellschaft übliche Zweiteilung in männlich und weiblich gemeint. Non-binäre Geschlechtsidentitätmeint, dass diese Zweiteilung nicht streng verortet ist. In letzteren Fällen besteht kein Transsexualismus i.S. dieser BGA
(S.14)
Übersetzt: Ihr Enbys kriegt gar nix. Selbst wenn ihr es schaffen solltet, nach TSG eine beguachtete Personenstandsänderung zu schaffen.
nicole.f
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar - aber zu groß!

Post 4 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Ja, das ist ist alles ganz schön doof... ich sehe in dem Ding eigentlich praktisch keinerlei Verbesserung, nur mögliche und de-facto Verschlechterungen. Es ist ganzg schön frustrierend.

Im Prinzip ist dieses ganze Ding ein Zitronen-Picking aus der S3 Leitlinie, so zurecht gelegt, wie es dem MDS passt, um das zu begründen, was sie gerne hätten. Qualitativ bleibt fast alles wie es war, lediglich die Fristen sind etwas kürzer, wenn ich nicht irre. Die Diagnostik und Indikationsstellung wird aber, wie mir scheint, aufwändiger. Soetwas wie Selbstbestimmung, Informed Consent etc. - nüscht, nada. Eher im Gegenteil, eine im Vergleich zu den alten Richtlinien stärkere Hervorhebung der Versuche zur therapeutischen Auflösung des "Leidensdrucks", na super. Dazu noch Regelvorgaben zur _Therapie_, also nicht mehr nur einer therapeutishe Begleitung, nein, sondern ein regelhafter therapeutischer Versuch zur Assöhnung oder zumindest Vereinbahrung mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht - von mindestens 12 Sitzungen. Wir kommen also aus der psycho paternalistischen Fremdbestimmung nicht raus, es ist eher noch schlimmer als zuvor.

Und einen Schlag ins Gesicht der S3 Leitlinienersteller_innen haben sie sich auch nicht verkneifen können:
"
Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die in der S3-LL 2018 zusammengetragenen wissenschaftlichen Belege in qualitativer Hinsicht auf niedrigem Evidenzniveau beruhen (Kohortenstudien und vorwiegend Expertenkonsens).
"
Das ist schon ein starkes Stück - was für eine Frechheit! Dazu haben sie ja auch noch die Zusammenarbeit gerade mit diesen S3 Leuten abgelehnt, wenn ich mich recht erinnere? Das ist schon frech. Vor allem das sie selbst keine "starke Evidenz" für ihre Thesen anführen, finde ich besonders frech.

Jetzt muss man natürlich auch bedenken, dass ist die Begutachtungsanleitung für den MDK, d.h. die Stelle, die entscheidet, ob Kostenerstattungen für medizinische Behandlungen erfolgen sollen. Hier geht es also nicht direkt um soetwas wie Selbstbestimmungsrechte, sondern nur um Geld; könnte man sagen. Doch das das eine nicht ohne das andere geht, sollte einem auch klar sein.

An dieser Stelle möchte ich auch noch aus eigener leidvollen Erfahrung anmerken, dass diese Richtlinien, auch wenn sie "nur" Kostenerstattungen regeln sollen, auch als de-facto Behandlungsrichtlinien wahrgenommen werden. Selbst wenn man die Kohle auf den Tisch legt, bekommt man die Behandlung nicht, solange man die Kriterien nicht erfüllt, weil die Behandler_innen diese als Grundlage missverstehen oder die Kliniken für derartige Privatleistungen nicht versichert sind - been there, tried that, failed, nachdem meine private Kasse alles zusagte, ich aber keine Behandler_innen finden konnte, ohne die "üblichen" Gutachten etc. nachweisen zu können.

Ich wage die Prognose, dass diese neue Richtlinie in der Praxis nichts für uns verbessern, sondern nur einiges noch verschlechtern wird. Vor allem die, wie mir scheint, höheren Dokumentationsaufwände auf Seiten der Behandler_innen für Diagnosen und Indikationen werden für mehr Ablehnungen sorgen. Da ist soviel Wischiwaschi in der Richtlinie, dass es ein Leichtes für den MDK sein wird, irgendwelche Gründe zur Ablehnung zu finden.

Schade. Die S3 Leitlinie hatte einige Hoffnung gemacht. Diese MDS Richtlinie wird jetzt erstmal wieder für Jahre in Stein gemeißelt sein - die vorige wurde 2009 herausgebracht, wenn ich mich recht erinnere, also wieder 10 Jahre? Na dann...

Sehr ärgerlich, das ist, sehr ärgerlich.

Liebe Grüße
nicole
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Svetlana L
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar - aber zu groß!

Post 5 im Thema

Beitrag von Svetlana L »

nicole.f hat geschrieben: Fr 27. Nov 2020, 00:04 Diese MDS Richtlinie wird jetzt erstmal wieder für Jahre in Stein gemeißelt sein - die vorige wurde 2009 herausgebracht, wenn ich mich recht erinnere, also wieder 10 Jahre? Na dann...
Erstmal vielen Dank an Nicole für den Link zur BGA. Die schreiben zwar selbst, dass eine "zeitnahe Aktualisierung" im Zuge des Inkraftretens der ICD-11 geplant ist. Abzuwarten bleibt nur, ob das dann nur Änderungen kosmetischer Art sein werden (meine Vermutung) oder dann ganz in echt und tatsächlich der "große Wurf" gelingt (glaube ich eher weniger, dann hätten die das ja auch jetzt schon machen können).
Liebe Grüße aus Berlin
Svetlana
Anne-Mette
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar - aber zu groß!

Post 6 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hier bereitgestellt: Leitlinie-2020
Magdalena
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 7 im Thema

Beitrag von Magdalena »

Hallo,

vielen Dank Nicole für die Bereitstellung der Leitlinie. Auch eine Dank an Anne Mette, dass sie die Leitlinie hier im Forum einen Platz eingeräumt hat.
Jetzt werde ich mich in Ruhe mit der Leitlinie beschäftigen.


Viele liebe Grüße Magdalena
Lebe jeden Tag.
Engelchen
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 8 im Thema

Beitrag von Engelchen »

DAs was ich bisher gelesen habe deutet auf eine klare Verschlechterung hin.
Bin ja mal gespannt was mein Thera dazu sagt - er hat an den neuen S§ Richtlinien federführend mitgearbeitet.
Aber es wird spannen wie alles ausgelegt wird...

Lisa
Liebe geben und offen sein für Neues
Patricia_cgn
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 9 im Thema

Beitrag von Patricia_cgn »

bei mir hinterlässt die neue Richtlinie einen sehr faden Geschmack im Mund. Ich habe sie jetzt nicht ausgiebig studiert aber schon weitgehendst durchgelesen und ich sehe wie Lisa eher eine Verschlechterung der Situation für uns.
Ich störe mich massiv daran dass tändig davon gesprochen wird den Leidensdruck mit psychologischen und psychiatrischen Behandlungsmethoden zu mindern. im Klartext heisst das für mich leider dass wir zulassen sollen dass man uns mit Psychopharmaka vollpumpt bis wir nicht mehr klar denken können bevor Geschlechtsangleichende Massnahmen unternommen werden. Das ist echt übel...
Dann wird die S3 Leitlinie in der Luft
Zu berücksichtigen ist, dass die in der S3-LL 2018 zusammengetragenen wissenschaftlichen Belege in qualitativer Hinsicht auf niedrigem Evidenzniveau beruhen (Kohortenstudien und vorwiegend Expertenkonsens)
und zugleich benutzt man sie überall da wo es für die Beschränkungen sinnvoll erscheint. Sorry, aber für mich ist das eine Doppelmoral ohne Gleichen.

Leider eher ein trauriges Ergebnis.
Helga
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 10 im Thema

Beitrag von Helga »

Danke für den Link! Interessant soetwas mal zu lesen.
Ohne die Vorgänger- Leitlinie zu kennen frage ich mal ganz naiv: Wo steht da Schlechtes drin?
Zunächst einmal wird hier ein Katalog der Maßnahmen aufgestellt, die durch die Krankenkassen zu zahlen sind:
- Arzneimitteltherapie (HET)
- Epilation (auch ohne Verbindung zur HET)
- Mesektonomie
- Brustvergrößerung
- Genitalangleichung
- Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie
Dann gibt es eine weitere Aufzählung von Maßnahmen (z.B. Kehlkopfreduktion, operative Stimmlagenkorrektur, Rippenresektion, Gesichtsfeminisierung) die bei unzureichendem Abbau des Leidensdruckes durch die oben stehende Aufzählung denkbar sind, wobei das Kürzel "z.B." klar macht, dass die Aufzählung nicht abschließend ist.
Wichtig ist hierbei der Grundsatz der Gleichbehandlung. Genauso wenig wie eine biologische Frau, die sich selbst als häßlich empfindet Anspruch auf eine Schönheits- OP hat, hat eine Transsexuelle Anspruch auf das Erreichen eines Schönheitsideals.
Das hierbei Überprüfungsinstanzen gefordert werden erscheint mir sowohl aus Sicht der Solidaritätsgemeinschaft, die im Falle einer HET dauerhaft zahlen muss (wobei für jede OP ein fünfstelliger Betrag on Top kommt) als auch aus Sicht der Betroffenen, die unumkehrbare, lebensverändernde Maßnahmen vor sich haben, durchaus sinnvoll und angebracht.
Liebe Grüße
Helga
Was bin ich?- Zunächst einmal bin ich ein Mensch!
Meistens bin ich ein Mann.
Wenn mir danach ist bin ich eine Frau.
Ich muss mich nicht festlegen.
Jaddy
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 11 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Helga hat geschrieben: Fr 27. Nov 2020, 23:09Wo steht da Schlechtes drin?
Der Tiefschlag daran ist, dass der Expertykonsens zu den best practises bei Genderinkongruenz, niedergelegt in der S3 Leitlinie von 2018, viel weiter ist.

Die S3 erkennt an, dass es nicht nur voll-binäre Identitäten gibt (30% aller Personen, die mit GI vorstellig werden, verorten sich als nicht-binär), dass GI keine Krankheit im eigentlichen Sinne ist, dass Bedarfe aufgrund von körperdysphorischem Leidensdruck individuell sind, dass HET-Start und Epilation früh in der Transition Leidendruck mindern, die Transition und Begleittherapie unterstützen und den ganzen Prozess weniger hart machen können. Aber die S3 ist noch "in der Umsetzung". Und der MDS hat sich sehr gezielt die kostengünstigsten Rosinen rausgepickt.

Auch der ICD11, der Klassifikationskatalog zur Abrechnung, hat gegenüber der Vorversion a) die Pathologisierung und b) die strikte Binarität abgelegt. ICD11 gilt in D aber erst verbindlich ab 2022 soweit ich weiss - weil sie noch in der Übersetzung ist! Also: Nur deshalb.

Statt sich also auf den aktuellen Stand der Wissenschaften, Psychologie und Medizin, einzulassen und die aktualisierten Kataloge einzubeziehen, schreibt die MDS-RL den alten Stand noch mal fest, um wenigstens bis dahin lieber psychologisch/psychiatrisch am alten, binären Bild einer Persönlichkeitsstörung rumzulaborieren, was dadurch nicht "weggemacht" werden kann, bei gleichzitig zu wenigen fachlich geeigneten personellen Kapazitäten.

Auf die angekündigte Aktualisierung nach Inkrafttreten des ICD11 setze ich auch nichts, denn die werden sie auch erst mal hinauszögern und minimalisieren, sprich: nur Bezeichnungen ändern. Wenn's schlecht läuft, hohe Wahrscheinlichkeit, nehmen sie ausschliesslich die HA60, die erst ab Einsetzen der Pubertät gilt, und so weiter.

Das Kostenargument ist übrigens kein sinnvolles. Auch irgendwelche Risiken bei nicht-operativen Methoden sind kein Argument. Wir bewegen uns da sowohl kostentechnisch, als auch medizinisch unterhalb von Blutdrucksenkern.

Die Überprüfungsinstanzen werden aufgefordert, besonders enge Definitionen zu verwenden, die eben wissenschaftlich nicht mehr sinnvoll im Sinne der Betroffenen ist. Tatsächlich sucht sich der MDS aus S3, ICD und DSM jeweils die schwierigsten Passagen raus, um so wenig wie möglich anerkennen zu müssen.

Beim klinisch relevanten Leidunsdruck zum Beispiel mal eben DSM-5, das berühmte B-Kriterium: "klinisch relevantem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen". D.h. Hilfe kriegst du erst, wenn dir Familie, Job oder dein sonstiges Umfeld um die Ohren geflogen sind. Dann sollst du erst mal etliche Monate ohne Hilfe in deiner neuen Rolle klar kommen, bevor irgendwelche Leistungen (HET, Epilation, Logopädie, etc.) anerkannt werden. So stellen die sich das jedenfalls vor. Dass mit Glück etliche Praktikys das besser handhaben ist nett, aber nicht Ziel und Absicht der MDS im Jahre 2020.

Damit verstärkt der MDS systematisch, d.h. durch sein System den Leidensdruck.

Und schliesslich "unumkehrbar, lebensverändernd" kommt 1 vielleicht sehr sehr vieles vor. Ich kenne Menschen, die sehr unbedacht Kinder in die Welt gesetzt haben, sich mit einer spontanen Heirat oder Hausbau die Lebensplanung versaut, oder ein unüberlegtes Überholmanöver bereut haben, aber bisher keine Person, die eine größere OP einfach so in Betracht gezogen hätte.

Diese Erzählung, wo unzählige Menschen sich ohne Abwägen der Konsequenzen operieren lassen ist eine reine, realitätslose, trans-feindliche, weil binär-essenzialistische bullshit fiktion.
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 12 im Thema

Beitrag von Elizabeth »

Sollte das Mastektomie heißen? Die wollen wir GAR NICHT, es sei denn bei Brustkrebs unvermeidbar, wovon wir hoffentlich alle verschont bleiben mögen!
Helga hat geschrieben: Fr 27. Nov 2020, 23:09 ...
- Mesektonomie
- Brustvergrößerung
...
Liebe Grüße
Helga
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 13 im Thema

Beitrag von Chrissie »

Elizabeth hat geschrieben: Sa 28. Nov 2020, 13:39 Sollte das Mastektomie heißen? Die wollen wir GAR NICHT, es sei denn bei Brustkrebs unvermeidbar, wovon wir hoffentlich alle verschont bleiben mögen!
Helga hat geschrieben: Fr 27. Nov 2020, 23:09 ...
- Mesektonomie
- Brustvergrößerung
...
Liebe Grüße
Helga
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Hi Elly, es soll auch Trans* Männer geben oder ist jetzt nur noch MZF halbwegs gesellschaftstauglich?

LG Chrissie
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 14 im Thema

Beitrag von NikolaAusR »

Jaddy hat geschrieben: Sa 28. Nov 2020, 12:02Der Tiefschlag daran ist,
Hi Jaddy,

vielen lieben Dank für diese, wie immer knackig kurze, fundierte Zusammenfassung. (flow)

Liebe Grüße
Nikola
„Wer richtig urteilen will, muss vollständig ablassen können von jeder Glaubensgewohnheit,
die er von Kindheit an in sich aufgenommen.
Die allgemeine Meinung ist nicht immer die wahrste.“

Klar definier ich mich binär :-)
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Re: Neue MDS Leitlinie verfügbar

Post 15 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Der MDS ist hier seiner Aufgabe nachgekommen, die möglichen Kosten für die GKV zu senken, d.h. mögliche Ansprüche abzuwehren. Das haben sie außerordentlich gut gemacht, gar keine Frage. Die neue RL legt die Latte zur Gewährung nach wie vor hoch und eröffnet den MDKen sehr viele Möglichkeiten zur Ablehnung. Das Herausstellen der Verhältnismäßigkeit ist dabei durchaus korrekt, d.h. vieles, dass trans* Menschen für sich in Anspruch nehmen, würden cis Menschen bei ähnlichen oder gleichen Problemen nicht erhalten. Welche cis Frau bekäme schon eine Brustvergrößerung von der GKV bezahlt? Das sind sehr sehr wenige und auch erst nach jahrelangem Kampf - oder nach Mastektomie wegen Brustkrebs, doch das wünscht man wirklich niemandem. Auch, sozusagen systemimmanent, ist die Betonung von krankheitswertem Leidensdruck, Pathologie und dem ICD-10GM prinzipiell korrekt, denn nur ein kranker Mensch hat in Deutschland nach dem SGB Anspruch auf Leistung durch die GKV, also muss die Krankheit hergeleitet werden.

Dieser Konflikt war im Übrigen auch ein großes Thema bei der S3 Leitlinienerstellung - wie kann man die Pathologisierung beeden, aber gleichzeitig den Leistungsanspruch durch die KVen aufrecht erhalten? Das ist nicht ganz einfach. Die größte Hoffnung hatte man in der Pflicht zur Leistung der GKVen zur Vorbeugung von krankheitswerten Leiden, doch das ist natürlich im Einzelfall schwer zu belegen. Der MDS zieht sich hier auf die alte F64.0 Diagnose zurück und baut den Rest darauf auf. Das ist zunächst mal für uns nicht ganz schlecht, denn so haben wir zumindest noch einen Anspruch. Es hätte vielleicht auch schlimmer kommen können, indem der MDS die aktuelle sexualwissenschaftliche Ansicht trans* als eine Norm-Variante, wiedergespielgetl im ICD-11, akzeptiert und sagt, "Nuja, wenn das alles 'normal' ist, dann ist es nicht krankhaft und wir sind aus der Leistungspflicht raus!".

Also insofern habe ich ein gewisses, wenn auch nur sehr geringes, Verständnis für den MDS - einen Pluspunkt, sie haben uns nicht völlig von Leistungen abgeschnitten, obwohl sie vielleicht die Möglichkeit gehabt hätten.
Aber mindestens tausend Minuspunkte für das "Wie"!

Der MDS zementiert mit der neuen Richtlinie eine ur-alte psychopathologisierende Sichtweise auf Trans* und verschlimmert sogar noch die Versorgungssituation, anstatt irgendetwas der alten RL nachzubessern. Ohne Not werden wir weiter und jetzt sogar noch mehr pathologisert, Trans* wird als eventuell "heilbar" hingestellt, individuelle Ausgestaltung eines Transitionsweges wird zunächst mit therapeutischen Zwangssitzungen normiert - und mit größtmöglicher Wucht stemmt sich der MDS gegen jede geschlechtliche Vielfalt, mit Ansage! Gerade so, als hätte es die letzten 20 Jahre wissenschaftlicher Forschung zu diesem Thema einfach gar nicht gegeben.

Das schreckliche daran ist, dass der MDS eben nicht nur Einfluss auf die GKVen und deren Kostenerstattung hat. Die anderen Kostenträger (Private, Beihilfe, Bundeswehr) orientieren sich natürlich auch an den MDS Richtlinien, d.h. auch für die bleibt es ähnlich schwer oder wird schwerer. Und noch schlimmer ist, die GKV Kostenerstattung ist auch ein Druckmittel gegen Behandler_innen. Selbst wenn man Dinge selbst bezahlen würde, bekommt man Behandlungen teils nicht, solange sie nicht auch eine GKV bezahlen würde, da sonst die Behandler_innen mit Kassenzulasssung in Konflikte mit den GKVen selbst oder Folgeprobleme davon bekommen können (bspw. sind Kliniken teils nur für bestimmte Maßnahme versichert und das richtet sich nach den GKVen, egal wie es schlussendlich abgerechnet wird). Also mit anderen Worten, diese MDS RL hat nicht nur direkte Auswirkungen auf GKV Versicherte und deren Kostenerstattung, sondern auf die gesamte Gesundheitsversorgung von trans* Menschen, egal wie sie versichert sind.

Da der MDS recht unabhängig ist, stellt sich nun die große Frage, wie kann man dagegen vorgehen? Und was sind gute Argumente, die auch den MDS dort abholen, wo der steckt, also in der Kostenkontrolle und SGB-V? Wer führt denn Aufsicht über den MDS, vermutlich das Bundesgesundheitsministerum? Die sind gerade mit anderen Dingen mehr als ausgelastet, fürchte ich. Was mich auch wundert ist, dass diese neue RL auf August 2020 datiert ist, warum kommt sie aber erst jetzt raus? Haben die mit Absicht bis Ende November gewartet, damit der Protest in der Weihnachtszeit unter geht?

Jetzt kommt es darauf an, dass qualifizierter Widerstand bzw. Widerspruch erfolgt, doch viel Hoffnung habe ich nicht, dass der MDS sich davon beeindrucken lässt. Daher bleibt dann im nächsten Schritt nur der politische Druck, vermutlich an und über das Bundesgesundheitsministerum. Doch selbst da habe ich wenig Hoffnung, dass sich substantiell etwas ändern wird. Was bleibt dann noch? Ich denke das beste wird sein, Behandler_innen aufzuklären und _zusammen_ mit ihnen das Beste daraus zu machen. Das geht, wenn diese bereit sind, sich mit den MDKen etwas "anzulegen". Das bedeutet mehr Arbeit und mehr Aufwand, das werden nicht viele mitmachen.

Ein Elend...

Liebe Grüße
nicole
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