Buch: „Geschlechtliche Identität in der Psychotherapie. Psychotherapeutische Arbeit mit trans*geschlechtlichen Personen“
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Anne-Mette
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Buch: „Geschlechtliche Identität in der Psychotherapie. Psychotherapeutische Arbeit mit trans*geschlechtlichen Personen“

Post 1 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

der TAGESSPIEGEL mit einer Buchvorstellung: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaf ... 86130.html

Gruß
Anne-Mette
Jaddy
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Re: Buch: „Geschlechtliche Identität in der Psychotherapie. Psychotherapeutische Arbeit mit trans*geschlechtlichen Perso

Post 2 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Hach, das ist mir gerade quasi vor die Füsse gefallen (als ePub, also kein Schaden :) ) und alleine Einleitung, Definitionen und Historie sind schon zum dahinschmelzen. A.Korte kriegt im Nebensatz ne schallende Watsche usw.

Ich denke mal sehr empfehlenswert für Therapeutys als Nachhilfe oder um als Klienty Überblick zu gewinnen und ggf auf Probleme in der (Begleit)therapie hinzuweisen:
Manche trans* Klient_innen erleben in ihren Psychotherapien, dass therapeutischerseits eine kausale Verknüpfung von erlittener Traumatisierung mit der Entwicklung von Trans*geschlechtlichkeit vorgenommen wird. [...]

Traumabezogene Ursachentheorien von „Transsexualität“ lehnen sich an Defizittheorien zur Genese von Homosexualität an. Mediziner_innen, Psycholog_innen und auch Seelsorger_innen, die Homosexualität als gesellschaftsschädlich und krank betrachteten, suchten nach den Ursachen dieser unerwünschten Entwicklung, um Ansatzpunkte für die Verhinderung von Homosexualität zu finden. Innerhalb dieses Referenzrahmens formten sie die These, dass der Entwicklung von Homosexualität schädigende Erlebnisse zugrunde liegen müssten. Diese Thesen stützen die Wissenschaftler_innen je nach ihrer Gebundenheit an eine Therapieschule epistemologisch auf psychoanalytische (Torelli 2006) oder auf lerntheoretische Überlegungen. [...]

Vergleichbare wissenschaftliche Bemühungen zur Erhellung der Genese heterosexueller Orientierungen blieben aus. [...] Aus den beschriebenen Fokusbildungen und gezielten Auslassungen des wissenschaftlichen Interesses lässt sich also eine interessengeleitete Tendenz der Forschungen zur Genese von nicht-normativen sexuellen Orientierungen und Genderidentitäten erkennen. In diesem vorurteilsgeprägten Rahmen ist eine offene und respektvolle Diskussion der Bedeutung von Traumaerfahrungen für die Möglichkeiten einer Person, eine bestimmte Genderidentität zu entwickeln, nicht möglich.

Selbst ein Verständnis, welches nach wissenschaftlicher Evidenz fragt, würde hier antworten, dass keine kausale Verknüpfung von Erfahrungen in der sozialen Umwelt, Erziehungsfaktoren oder Traumata mit der Entwicklung von Trans*geschlechtlichkeit vorgenommen werden kann (Ettner 2015). Theorien, die trotzdem von einer Traumagenese der Trans*geschlechtlichkeit ausgehen (Korte et al. 2008), weisen für diejenigen trans* Personen, an denen sie angewendet werden, ein Schädigungspotential auf. So verwischen falsche Ursachentheorien zum Beispiel den Blick darauf, dass eine trans*idente Entwicklung der Traumatisierung oft vorgängig ist und dass Gewalt gegen trans* Personen dann oft das Ziel verfolgt, sie am Leben ihrer Trans*geschlechtlichkeit zu hindern. Diese Theorien kaschieren damit dann gleichzeitig auch die Verantwortlichkeit derjenigen, die trans* Personen Gewalt antun (Birck 2001). Damit erschweren sie es auch einer traumatisierten trans* Person, ihre Wahrnehmung für ihr Leiden zu schärfen und genau zu unterscheiden, wer ihr Gewalt angetan hat und wer auf ihrer Seite steht.

Wir möchten darauf hinweisen, dass schädigungs- und traumaorientierte Genesetheorien der Trans*geschlechtlichkeit zudem Kommunikationsbarrieren in der therapeutischen Beziehung errichten. Sie schwächen die therapeutischen Möglichkeiten, trans*geschlechtlichen Entwicklungen respektvoll zu begegnen und damit auch die Entwicklung von Selbstakzeptanz bei trans*geschlechtlichen Klient_innen zu unterstützen (American Psychiatric Association 1998). Traumagenesetheorien der Trans*geschlechtlichkeit implizieren zudem die problematische Annahme, eine wirksame Traumabehandlung könne konversionstherapeutisch in Richtung der Induzierung einer Cisidentität wirken (American Psychological Association 2009).

Insbesondere in Psychotherapien während der Transition verschweigen viele trans* Personen Traumatisierungen und auch Traumafolgestörungen aus Sorge, ihr_e Therapeut_in könne problematischen Ursachentheorien anhängen und denken, sie hätten sich ohne eine Traumatisierung nicht trans*geschlechtlich entwickelt. Durch das Verschweigen möchten sich die Klient_innen davor schützen, dass sie in der Psychotherapie in ihrer Trans*identität angezweifelt werden und die psychotherapeutischen Stellungnahmen zur Befürwortung der benötigten geschlechtsangleichenden medizinischen Maßnahmen nicht erhalten (Fuchs et al. 2012).
Nach unserem Verständnis handelt es sich auch dann, wenn eine Person mit Traumatisierungserfahrungen in Kindheit und Jugendzeit eine trans*geschlechtliche Identität in sich verspürt und zeigt, um einen selbstbestimmten Entwicklungsprozess, der gerade bei Personen mit sehr belastenden biografischen Erfahrungen als enorme Lebensleistung zu würdigen ist. Es gibt keinen fachlich zu vertretenden Grund, einer trans*geschlechtlichen Person aufgrund von Traumatisierungserfahrungen geschlechtsangleichende Maßnahmen zu versagen (Di Ceglie 2015).
(Alle Schreibweisen so im Original)

Lohnt sich auch drauf hinzuweisen, dass die Begutachtungleitlinie des MDS mit ihren Mindestzeiten und "ausschöpfen aller psychotherapeutischen Maßnahmen" quasi die Fortsetzung dieser Konversionsversuche ist.
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