Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit
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Anne-Mette
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Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 1 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

Ich schreibe es mal falsch und provozierend:

"Geschlechterwechsel" haben für die UserInnen dieses Forums und für viele Menschen außerhalb dieser begrenzten Räumlichkeit
ganz unterschiedliche Ausprägungen, Gründe und "Hilfebedürftigkeiten".

Während einige Menschen "in Eigenverantwortung" ganz gut mit dem Geschlechterwechsel klarkommen, benötigen andere Begleitung und Beratung; denn es können
sich die unterschiedlichsten Problemlagen ergeben, über die wir hier um Forum schon oft gesprochen haben: psychische Probleme, medizinische Probleme, Partnerschaftsfragen...

Den Satz
Ich denke jeder Mensch, der seinem Geburtsgeschlecht Ade sagt, sollte sehr gefestigt sein, für die Reise die auf ihn zukommt.
von Cybill aus dem Thema "Kleine Umfrage über das was das Forum für euch ist"
würde ich eher nicht so interpretieren, dass hier einseitig die aufgestellten Hürden in Schutz genommen werden; denn es wird nicht benannt, auf welche Art und Weise die "gefestige Persönlichkeit" erreicht werden kann/soll/muss.

Gruß
Anne-Mette

Anja
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 2 im Thema

Beitrag von Anja »

Moinsen (moin)
Anne-Mette hat geschrieben:
Di 12. Nov 2019, 16:00
Ich schreibe es mal falsch und provozierend:

"Geschlechterwechsel" haben für die UserInnen dieses Forums und für viele Menschen außerhalb dieser begrenzten Räumlichkeit
ganz unterschiedliche Ausprägungen, Gründe und "Hilfebedürftigkeiten".
Ich finde "Geschlechterwechsel" garnicht verkehrt. Für uns Betroffene selbst ist eine körperliche Angleichung, aber für alle anderen (Außenstehenden) ein Geschlechtswechsel.
Ist eben eine Frage des Standpunktes.
Ich habe das Wort in diesem Zusammenhang schon häufiger benutzt - auch hier im Forum mein ich...

Grüße
die Anja
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Hexemelina
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 3 im Thema

Beitrag von Hexemelina »

Anne-Mette hat geschrieben:
Di 12. Nov 2019, 16:00
"Geschlechterwechsel"
ein interessanter aspekt fidne ich
Anja hat geschrieben:
Di 12. Nov 2019, 16:10
Ich finde "Geschlechterwechsel" garnicht verkehrt. Für uns Betroffene selbst ist eine körperliche Angleichung, aber für alle anderen (Außenstehenden) ein Geschlechtswechsel.
Ist eben eine Frage des Standpunktes.
genau so sehe ich das auch

mit lieben gruss die Hexemelina
Glaube an Wunder, Liebe und Glück! Schaue nach vorn und niemals zurück! Tu was du willst, und steh dazu, denn dieses Leben lebst nur du

Joe95
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 4 im Thema

Beitrag von Joe95 »

Ich bin mir sicher, diese ganzen Hürden sollen die Leute vor sich selber schützen, was aber nicht funktioniert.
Aufklärung und Selbstbestimmung würden funktionieren und hätten noch den Vorteil dem ganzen den Reiz des Verbotenen zu nehmen.
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...

ExuserIn-2020-06-09
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 5 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2020-06-09 »

Moin Anne-Mette,

was für einige wohl ein "Geschlechterwechsel" ist, war bei mir die Flucht aus den gesellschaftlichen Klischees, die mit den beiden Geschlechtern verbunden sind. Ich trat diese an, als es für mich nichts mehr zu verlieren gab - außer meinem Leben, aber daran erkannte ich nichts mehr, was noch irgendwie einen Wert darstellte. Völlig orientierungslos outete ich mich zunächst als Teilzeitfrau und suchte dann eine Trans-SHG auf. Nicht-Binär war bis dahin für mich bezüglich elektronischer Geräte ein Synonym für analog.

Ich denke, wenn sich irgendwo jenseits des Geburtsgeschlechts - in welcher Ausprägung auch immer - ein Wohlbefinden einstellt, stärkt es das Selbstwertgefühl und eine "gefestige Persönlichkeit" kann sich langsam entwickeln. Aus dem Blickwinkel einer voll im Leben stehenden Polizistin (poli) mag sich das aber vielleicht etwas anders darstellen. (moin)

LG Nicole

Lisa-Weber
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 6 im Thema

Beitrag von Lisa-Weber »

Das mit der "gefestigten Persönlichkeit" fliegt mir gerade um die Ohren...
Es ist schon richtig diese Aussage - und ich muss schnellstens wieder dahin.
Lisa
Liebe geben und offen sein für neues..

ExuserIn-2019-12-18
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 7 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2019-12-18 »

Ich denke jeder Mensch, der seinem Geburtsgeschlecht Ade sagt, sollte sehr gefestigt sein, für die Reise die auf ihn zukommt.
Guten Abend liebes Forum,

ich weiß genau, was dieser Satz ausdrücken soll und inhaltlich wäre es schön, wenn es so sein würde. Aber viele Menschen starten Ihre Persönlichkeitsentwicklung aus einer inneren Katastrophe heraus. Jahrelange Unterdrückung und Missachtung oder sogar Misshandlung seines eigenen Ichs hinterlassen spuren, die manchmal ein Leben lang bleiben. Der Transitionsweg kann da ein Heilungsprozess sein, ohne den eine Normalisierung gar nicht möglich wäre. Ich sage bewusst "kann".
Seinem "Geburtstag"Geschlecht kann man sicher symbolisch und formal Ade sagen, aber faktisch bleibt es für immer. Da können noch so viele angleichende Maßnahmen stattfinden, der Kern bleibt eben einfach. Die Frage ist ja auch viel mehr, ob man dieses überhaupt abstreifen muss. Faktisch gleichen wir uns an eine gesellschaftliche Normierung an, um uns richtig und wohl zu fühlen. Die eine mehr, der andere weniger. Und selbst die Namens- und Personenstandsänderung kann eher als Angleichung verstanden werden.

Um des Bild der Reise abschließend noch einmal aufzugreifen: Eine Reise sollte sicherlich gut vorbereitet sein. Es gibt aber auch Situationen von Flucht, Vertreibung, Notfällen in denen nicht mehr als ein paar Habseligkeiten gepackt werden können. Die eigentliche Entwicklung erfolgt auf der Reise selbst. Da lässt sich nie wirklich planen und vorhersehen, was auf einen zukommt und welche Aufgaben auf einen warten. Wer jedoch eine Reise planen kann und sich nicht einmal über den Impfschutz informiert, der ist tatsächlich eher fahrlässig und unachtsam.
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Aria
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 8 im Thema

Beitrag von Aria »

Diese Aussage ist absolut richtig und wichtig! Denn wer das nicht ist, wird von der Transition-Achterbahn über den Haufen gefahren. Man sollte mit sich schon sehr im Reinen sein, was die seelische Verfassung ausserhalb des Identitätsproblems betrifft. Es sollte einem gut gehen, bis auf diese eine, doofe Sache mit dem falschen Geschlecht. Dass dieses Problem Ursache für andere Baustellen sein kann, ist mir durchaus bewusst. Aber dann sollte man zuerst mal jene fertig stellen, bevor man sich dieser Großbaustelle widmet. Doch das scheinen sehr viele nicht zu berücksichtigen. Da herrscht wohl vielfach der Glaube, dass die Fertigstellung dieser, die anderen schon mit erledigen wird.

Was mir auch noch aufgefallen ist, dass es immer wieder Menschen gibt, die ihre Transition bereits begonnen haben, sprich, sich in der HET befinden, da aber erst anfangen, mit ihrer männlichen Vergangenheit abzuschliessen. Da wird gegrübelt und überlegt, getrauert und gelitten. Dabei sollte das doch der Beginn eines glücklichen Lebens sein. Und wenn dann noch die Nebenwirkungen von Androcur dazu kommen, ist es ganz schnell aus. Dann befinden die sich gar nicht so weit entfernt - was die psychische Verfassung angeht - von denen im ersten Absatz.
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Cybill
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 9 im Thema

Beitrag von Cybill »

Hallo zusammen!

Ich habe meine Äußerung zum Thema "gefestigte" Persönlichkeit nicht ohne Grund hierein geschrieben. Durch meine berufliche Dichotomie bin ich in letzter Zeit öfters mit dem Problem suizidaler Schwestern konfrontiert worden. Alles Personen, die jede Menge Baustellen haben und in der Transition eine "Heilung" erhoffen.

Nach meiner Auffassung ist es kein "Gatekeeping", wenn der Beginn der Behandlung durch ein Gutachten geregelt wird. Schließlich greift bereits die HET massiv in den Hirnstoffwechsel ein. Von Operationen will ich gar nicht erst anfangen.

Des Weiteren möchte ich auf den De-Transitions-Fred verweisen.

Natürlich ist der Wille der einzelnen Person das Maßgebliche, dennoch muss akzeptiert werden, dass dieser Wille auch durch psychische Probleme verzerrt sein kann.
Ich für meinen Teil möchte es auf jeden Fall nicht erleben, in einen erfolgreichen Suizid involviert zu sein.

Schönen Abend!

Cybill
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heike65
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 10 im Thema

Beitrag von heike65 »

Und wenn ihr auch mir jetzt alle den Kopf abreisst, aus genau diesem Grunde den Cybill aufschreibt, bin ich für den Alltagstest,
Wenn's psychisch schwierig wird gern verkürzt, aber ansonsten auch gern verlängert wenn seitens des Docs Zweifel bestehen

Jaddy
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 11 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Cybill hat geschrieben:
Di 12. Nov 2019, 21:39
Ich für meinen Teil möchte es auf jeden Fall nicht erleben, in einen erfolgreichen Suizid involviert zu sein.
Dir ist auch klar, dass viele sich vor dieser Begutachtung fürchten? Nicht die TSG-Gutachten. Die sind eh für den Eimer, sondern die bange Angst, die Indikation nicht zu bekommen, keine Hilfe sondern nur Zurechtweisung und "Du bist gar nicht trans"? Ganz abgesehen von etlichen schlecht informierten, teils strikt stereotypisch orientierten Thearpeut•innen? "Wenn sie sich so anziehen (kein Hemd / kein Rock), sind sie kein Mann / keine Frau" (mehrfach so in meinem Bekanntenkreis). Viele Therapeutxe haben nicht mal eine Ahnung, dass es andere Geschlechtlichkeiten als Männchen und Weibchen gibt und nicht so wenige sind vollkommen aussen vor, wenn sich eine trans Person als nicht hetero entpuppt. Das System, das Du (und heike) gutheisst, produziert sichtbar mehr Leid, als es eurer Meinung nach verhindert. Das steht in quasi jeder Studie zur Situation von trans Personen in D. Und ich wäre sehr gespannt auf die gegenteiligen Fakten, die eure Idee unterstützen.

Es fehlt ausserdem ausreichende Peer-Beratung. Natürlich auch mit der Aufklärung, dass körperliche Maßnahmen keine anderen Probleme lösen, also keine Akzeptanz, keine Beziehung, keine Konflikte in Familie, Job, sonstwas. Aber auf der anderen Seite ist gerade eine HET noch lange reversibel und vergleichsweise unproblematisch. Fragt erfahrene Endos.

Das eigentliche Problem aber ist die Ausgrenzung des Phänomens Transgender und die betroffenen Menschen systematisch und systemisch zur Abnormität zu erklären, die diagnostiziert, begutachtet und fremdbestimmt nach festen Prozeduren behandelt werden. Leider ist das genau der Effekt, den dieses Gatekeeping und "Alltagstests" erzeugen.

Und es ist gut, dass diese alte Denke wenigstens zum Teil mit der neuen Leitlinie aufgebrochen wird. Ich empfehle euch, Cybil und heike, dringend, euch mal anzugucken, wo der Konsens der Fachwelt inzwischen angekommen ist.
Wenngleich die Entscheidung für ein Leben in der individuellen Geschlechtsrolle und der Beginn sowie die Ausgestaltung eines Rollenwechsels den Behandlungssuchenden überlassen werden sollte, sind Alltagserfahrungen eine wichtige Orientierung für die Planung des weiteren Entwicklungsprozess.
Allerdings führen häufig ein Bartschatten bei feminisierender Transition, ein weibliches Brustprofil bei maskulinisierender Transition zu diskriminierenden Alltagserfahrungen.
Die Entscheidung für eine Hormonbehandlung sowie für die Entfernung der Gesichtsbehaarung oder für eine Mastektomie sollten daher nicht von Alltagserfahrungen abhängig gemacht werden. Transitionsunterstützende körpermodifizierende Behandlungen können auch vor einem Wechsel in eine individuelle geschlechtliche Rolle gesundheitsfördernden Wert haben, solange keine klinischen Gründe gegen die Umsetzung der jeweiligen körpermodifizierenden Behandlung sprechen (z. B. Kontraindikation gegen eine Hormonbehandlung, u. a. Gerinnungsfaktoren).
Übergeordnete Ziele von Alltagserfahrungen können sein, sich sowohl in der angestrebten, individuellen geschlechtlichen Rolle sowie in Ausprägung und Zielrichtung der Transition zunehmend sicher zu fühlen als auch einen differenzierten und voll informierten Entscheidungsprozess der Behandlungssuchenden für oder gegen körpermodifizierende Behandlungen im Zuge der Transition zu fördern
(S3-Leitlinie, S.45f, "6 Zur Vorbereitung körpermodifizierender Behandlungen", "6.1 Alltagserfahrungen", "Empfehlungen", 138-001l_Geschlechtsdysphorie-Diagnostik-Beratung-Behandlung_20181005_01.pdf)

Und weiter:
Alltagserfahrungen mit dem Wechsel von der bisherigen Geschlechtsrolle in eine an- dere stellen keine notwendige Voraussetzung für den Beginn körpermodifizierender Be- handlungen zur Unterstützung einer Transition dar.
Konsensbasierte Empfehlung
Konsensstärke: Starker Konsens
__________________________________________________________________________
Alltagserfahrungen, bei denen sich Behandlungssuchende in der gewünschten Rolle erfahren, können aufschlussreich für die weitere Transition, für Entscheidungen für o- der gegen transitionsunterstützende Behandlungen sowie für die Wahl der geeigneten Zeitpunkte sein.
Konsensbasierte Empfehlung
Konsensstärke: Konsens
__________________________________________________________________________
Für eine voll informierte soziale und medizinische Transition sind möglichst vielfältige Alltagserfahrungen zu empfehlen. Es sollte sich um ein individualisiertes Vorgehen handeln, das bei Vorliegen einer Indikation mit Beginn bspw. einer Hormonbehandlung, einer Entfernung der Gesichtsbehaarung oder einer Mastektomie einhergehen kann. Rücksicht genommen werden sollte auf Diskriminierungspotentiale.
Evidenzbasiertes Statement (Evidenzgrad III)
Quellen: (Barker & Wylie, 2008; S. J. Ellis et al., 2014)
Konsensstärke: Konsens
Eingeleitet wird der Abschnitt übrigens mit den Worten
Im Zuge des Paradigmenwechsels in der Gesundheitsversorgung für trans Menschen, der sich schrittweise seit Beginn der 2000er Jahre vollzogen hat [...] ist der Nutzen sogenannter Alltagserfahrungen, in den deutschen „Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen“ noch Alltagstest genannt, kritisch zu bedenken. Die Entscheidung, Alltagserfahrungen durchführen zu lassen, basierte in diesen Standards auf der Überlegung, modifizierende Behandlungen körperlicher Geschlechtsmerkmale sicherer indizieren zu können, wenn Alltagserfahrungen stattgefunden haben und psychotherapeutisch begleitet wurden. Dies umso mehr, da das soziale Umfeld trans Menschen zu dieser Zeit vorwiegend kritisch bis diskriminierend gegenüberstand, was oft mit erheblichen psychischen Belastungen verbunden war.
(ebd. S.44)
Und weiter, zu Beginn der Empfehlungen:
In den letzten Jahren hat sich die gesellschaftliche Akzeptanz von geschlechtlich non-konform lebenden Menschen erhöht. Dies hat insofern Auswirkungen auf die Be- handlungspraxis, als heute ein weitaus größerer Teil der Behandlungssuchenden bereits vor Beginn einer transitionsunterstützenden Behandlung die angestrebte geschlechtliche Rolle im sozialen Umfeld lebt und Alltagserfahrungen mitbringt
(S.45)

Das ist, wenn ich mich nicht sehr irre, genau meine Argumentation: Je präsenter und alltäglicher trans Menschen sind und je unspektakulärer die Tatsache, möglicherweise trans zu sein ist, bzw. vom Therapie/Medizinsystem gemacht wird, umso weniger Verzögerungen und Verhinderungen sind da noch sinnvoll.
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ExuserIn-2020-06-09 (Mi 13. Nov 2019, 00:32) • Tatjana_59 (Mi 13. Nov 2019, 07:23) • Mirjam (Fr 22. Nov 2019, 21:28)
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ExuserIn-2019-12-18
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 12 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2019-12-18 »

Cybill hat geschrieben:
Di 12. Nov 2019, 21:39
Hallo zusammen!

Ich habe meine Äußerung zum Thema "gefestigte" Persönlichkeit nicht ohne Grund hierein geschrieben. Durch meine berufliche Dichotomie bin ich in letzter Zeit öfters mit dem Problem suizidaler Schwestern konfrontiert worden. Alles Personen, die jede Menge Baustellen haben und in der Transition eine "Heilung" erhoffen.

Nach meiner Auffassung ist es kein "Gatekeeping", wenn der Beginn der Behandlung durch ein Gutachten geregelt wird. Schließlich greift bereits die HET massiv in den Hirnstoffwechsel ein. Von Operationen will ich gar nicht erst anfangen.

Des Weiteren möchte ich auf den De-Transitions-Fred verweisen.

Natürlich ist der Wille der einzelnen Person das Maßgebliche, dennoch muss akzeptiert werden, dass dieser Wille auch durch psychische Probleme verzerrt sein kann.
Ich für meinen Teil möchte es auf jeden Fall nicht erleben, in einen erfolgreichen Suizid involviert zu sein.

Schönen Abend!

Cybill
Liebe Cybill,

ich kann Dir gut folgen. Die Krux hierbei ist (aus meiner Sicht), dass hier Maßstäbe angesetzt werden, die bei anderen Gruppen und menschlichen Problemen deutlich geringer ausfallen. Es sind nicht nur "Schwestern" die Baustellen haben und glauben in bestimmten Dingen Erfüllung zu finden. Ich würde es daher etwas auseinander lösen wollen.
Es braucht kein Gutachten und meiner Meinung nach auch keinen wirklichen Alltagstest. Rückblickend auf meine Entwicklung und die vielen Leben, die mich dabei gestriffen haben, muss ich sagen: eine Indikation reicht völlig aus. Auch hierfür ist eine Begleitung durch einen Psychologen notwendig und auch hierbei kann abgeklopft werden, was da eigentlich los sein könnte.
Es ist weder nötig, noch sinnvoll Menschen von Pontius zu Pilatus zu schicken. Und noch etwas ist meine feste Meinung: durch ein politisches und gesellschaftliches Öffnen, würde sich auch die fixe Idee eines Alltagstestes auflösen. Wenn jeder sich so ausleben könnte, wie er wollte (ohne andere zu schädigen), wäre es auch kein Problem sich zu zeigen, wie man eben ist und wie man sich eben fühlt. Der Sinn dieses Testes ist mir bis heute nicht schlüssig erklärt worden. Auch wenn sich schon viel in den letzten Jahren getan hat, auch weil viel Transsexuelle leuchturmhaft ihren Mann oder Ihre Frau im Alltag stehen, fehlt immer noch Aufklärung und eine Abkehr von "binärer" Erziehung.

Die Palette von psychischen Problemen ist groß, sie nur aus dem Blickwinkel von Transsexualität zu betrachten wäre falsch. Genauso falsch, wie eine allgemeine Lösung in einer/seiner Transition zu suchen.

Ob eine Transition für einen psychisch instabilen Menschen gut ist oder nicht, kann keiner von uns beurteilen. Und auch ein Gutachten kann das nicht abschließend klären. Für den einen ist sie Befreiung, bei dem anderen verursacht sie vielleicht nur zusätzliche Probleme auf anderen Ebenen. Transition ist ein Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Ein Prozess bedeutet Bewegung und Auseinandersetzung mit sich selbst. Dies ist alle mal besser als Stillstand und bietet wenigstens die Chance in seinem Leben aufzuräumen. Wie viele Menschen begehen Suizidversuche, weil sie nicht in die Transition gehen? Ich kenne da einige. Übrigens ist eine Transition nicht unbedingt mit HET und/oder geschlechtsangleichenden Operationen verbunden. Es ist in erster Linie ein innerer Prozess und ein Schritt in die Gesellschaft - sich zeigen, wie man "wirklich" ist.

Keiner kann wirklich ausschließen, dass er einmal in einen erfolgreichen Suizid verwickelt wird. Weder in den eines anderen noch in den eigenen.

Namasté

Alles Liebe
Vanessa
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Tatjana_59 (Mi 13. Nov 2019, 07:28)
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Cybill
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 13 im Thema

Beitrag von Cybill »

Nur mal so zum Wegmerken.

Ich habe nicht gesagt, dass die aktuell bestehenden Richtlinien sinnvoll sind. Da ist noch jede Menge Handlungsbedarf.

Wir brauchen uns auch nicht darüber zu unterhalten, dass es so viel GESCHLECHTSERLEBEN😈 wie Betroffene gibt. Aber jede/r Mensch, der sich in diesem Kontext das Leben nimmt, ist einer zuviel. Auch wenn es für die Mehrheit der Betroffenen auch eine Zumutung erscheinen mag, für den Weg in die Wunschidentität, Gutachten und Praxistest auf sich nehmen zu müssen, so ist dies mit Sicherheit das kleinere Übel.

Vielleicht hülfe es, die bestehende Verfahrensweise als Gefahrenabwehr wahrzunehmen und nicht als Eingriff in die gefühlte Freiheit.

Gruß

Cybill
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 14 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2019-12-18 »

Cybill hat geschrieben:
Mi 13. Nov 2019, 09:05
Aber jede/r Mensch, der sich in diesem Kontext das Leben nimmt, ist einer zuviel.
Liebe Cybill,

ich verstehe Deine Einstellung sehr gut. Aber keine Begutachtung wird einem Menschen das Leben retten, der es sich nehmen will. Das ist ein Trugschluss. Und das gilt übrigens nicht nur für TransPersonen. Wie Du selber weißt, liegen die tiefen Probleme der betroffenen Menschen nicht ursächlich in der Transition.

Alles Liebe
Vanessa
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Anne-Mette
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Re: Transsexualität, "Geschlechterwechsel" und gefestigte Persönlichkeit

Post 15 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
heike65 hat geschrieben:
Di 12. Nov 2019, 22:11
Und wenn ihr auch mir jetzt alle den Kopf abreisst, aus genau diesem Grunde den Cybill aufschreibt, bin ich für den Alltagstest,
Wenn's psychisch schwierig wird gern verkürzt, aber ansonsten auch gern verlängert wenn seitens des Docs Zweifel bestehen
Den Kopf wirst Du noch brauchen; außerdem ist die Frage, ob die Gewinde untereinander kompatibel sind (smili)

Natürlich haben wir "freie Meinungsäußerung"; aber trotzdem soll Dein Beitrag nicht unwidersprochen stehen bleiben.
Über Sinn - oder vielmehr Unsinn eines "Alltagstestes" wurde schon viel geschrieben.
Um es mal ganz platt auszudrücken: wie soll denn ein Mensch, der ganz am Anfang seiner Transition steht, seinen Alltag testen - und dann dabei im Hintergrund haben, dass
er sich tunlichst am Weltbild des Behandlers orientieren sollte - und in der Gewissheit, dass BehandlerInnen immer sagen können: "das reicht mir noch nicht!"
Ich habe Menschen erlebt, die haben PsychologInnen "am langen Arm verhungern lassen".
Dabei: das ganze Leben ist doch ein "Alltagstest", den jeder für sich selbst macht und nicht für Psychologen, die sagen könnten: "nun sehe ich Dich als Frau!"
NEIN: ich habe keineswegs "allgemeinen Groll", der sich auf alle PsychologInnen bezieht; aber Erfahrungswerte der letzten 10 Jahre stellen mehreren BehandlerInnen, mit denen ich - wenn auch nicht in "eigenen Angelegenheiten" - zu tun hatte, kein besonders gutes Zeugnis aus (Ausnahmen gibt es aber auch).

Ich habe im Laufe der Jahre etliche Menschen persönlich erlebt, die den Weg durch die Transsexualität gegangen sind und ich habe Hunderte von psychologischen Bescheinigungen gelesen, die eine Transsexualität insofern bestätigen sollten, dass die AusstellerInnen z.B eine Hormongabe befürworteten.

Maßnahmen im Rahmen einer Transsexualität "heilen" allerdings keine anderen Probleme - und da gebe ich Cybill Recht.
Eher das Gegenteil ist in vielen Fällen festzustellen - nicht in allen. Für sehr viele Menschen wird das Leben durch die Transsexualität komplizierter und schwieriger, weil zu den veilleicht schon vorhandenen Problemen neue hinzukommen (Outing, Familie, Arbeit...)
Weiterhin kann durch Medikamente, die im Rahmen einer Transsexualität verordnet werden, ein (vorhandenes) Krankheitsbild (z.B Depressionen) verstärkt werden.

Ich denke, wir müssen mehrere Anliegen und Anforderungen im Blick haben: so viel Eigenständigkeit Betroffener wie möglich - aber auch fachliche Hilfe, wo es angebracht ist.
Wir sollten uns vor Augen halten, dass die Menschen und Lebenswege sehr unterschiedlich sind. Während einige dieser Menschen "ganz locker" ihren Weg durch die Transsexualität gehen und keine/kaum Hilfe benötigen, sollten andere sich auf geschulte Fachleute verlassen können.
Dabei ist natürlich auch die Frage: wohin und wie weit soll der "transsexuelle Weg" überhaupt gehen?

Gruß
Anne-Mette
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ExuserIn-2019-12-18 (Mi 13. Nov 2019, 13:24) • Bianca D. (Mi 13. Nov 2019, 18:40) • Michaela M. (Do 14. Nov 2019, 00:05) • Astrid_M (Do 14. Nov 2019, 00:20) • Diana.65 (Do 14. Nov 2019, 13:30) • Vicky_Rose (Do 14. Nov 2019, 16:01) • Ulrike-Marisa (So 17. Nov 2019, 11:14) • ExuserIn-2020-06-09 (Mo 18. Nov 2019, 01:01) • Mirjam (Fr 22. Nov 2019, 21:31)
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