Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition
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Diva
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Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 1 im Thema

Beitrag von Diva » Fr 12. Jul 2019, 16:36

Ihr Lieben,

ich nehme mal folgende Zitate von Anja als Aufhänger:
Anja hat geschrieben:
Fr 12. Jul 2019, 13:31
Und ebenso die Sozialisation. Auch diese Anpassung wird nicht nach 5 Jahren zu Ende sein. Nach meinen 38 Jahren männlicher Sozialisation stellen 5 Jahre als Frau nur einen Anfang dar. Wobei ich glaube, das gerade dieser Teil völlig unterschätzt wird.
Alle reden von Hormonen und der GaOP, aber keiner über Sozialisation.
Doch, ich hatte in meinen Negativ-Beiträgen aus dem Frühjahr ständig dieses Thema erwähnt. Es ist mein größtes Problem, das mich bereits komplett hatte abstürzen lassen.
Anja hat geschrieben:
Fr 12. Jul 2019, 13:31
Die Hormone können mich optisch zu 100% in eine Frau verwandelt haben, ohne entsprechende weibliche Sozialisation werde ich immer männlich auf andere wirken.
Meinst du jetzt, dass trotz weiblichen Hormonspiegels für alle äußerlich deutlich der ehemalige Mann erkennbar ist und daraus die männliche Wirkung resultiert oder meinst du, dass eine transidente Frau, die statt im Häkelkurs bei den jungen TischlerInnen mitmacht, wegen ihrer Tätigkeit männlich wirkt? Letzteres ist m.E. durch 100 Jahre Emanzipationsarbeit in diesem Land nicht mehr problematisch. Ich sehe täglich Frauen mit bekleckerten Bauklamotten in der Bahn.
Anja hat geschrieben:
Fr 12. Jul 2019, 13:31
Deswegen genieße ich es auch, (möglichst) viel Zeit in der Gesellschaft von geborenen Frauen (zu Hause bei meiner Frau, im Büro mit den Kolleginnen und natürlich neuerdings mit meiner Freundin) zu verbringen.
Ich glaube, durch die gemeinsame Zeit mit von Geburt an sozialisierten Frauen "geht" dann auch etwas auf mich über. Aber Erfahrungswerte zu dieser Thematik tendieren ja so ziemlich gegen Null.
Zumindest ist mir, glaube ich, hier noch kein Thread dazu begegnet...
Naja, bevor ich jetzt noch ganz vom Thema abdrifte, beende ich mal den Beitrag :wink:

Grüße
die Anja
Und ich nutze deinen Gedankenanstoß und eröffne einen neuen Thread, um Lisa nicht zu übertexten bzw. zu kapern.
Doch das Thema ist einfach zu wichtig. Ein mehr oder weniger zufriedenstellendes Leben gibt es aus meinen Erfahrungen nur dann, wenn Transition und Sozialisation in der neuen äußeren Rolle erfolgreich sind. Bei mir verläuft die Transition optimal ohne Probleme und größeren Erfolgen als erwartet (Zufriedenheit: 100%), aber die Sozialisation ist zerstört (Zufriedenheit: 37%). Was dabei rauskommt, mag ich nicht wiederholen.
Für mich haben sich folgende soziale Komponenten als wesentlich herauskristallisiert, die ich zusätzlich versucht habe, gegeneinander zu wichten:

Familie incl. Kinder - 25 Punkte

Familie sollte eigentlich immer füreinander da sein. Die Praxis sieht anders aus. Jahrzehntelange Streitereien entzweien die Generationen und wenn dann noch ein Trans*Fall auftaucht, der bislang nur aus TV-Dokumentationen bekannt war, gibt es richtig Ärger. Zum Glück existieren positive Beispiele, aber auch genug, bei denen Trans*Personen vollständig und für immer verstoßen werden.

Partner- 20 Punkte

Nicht umsonst versuchen die meisten, ihre Beziehung um fast jeden Preis zu retten - sogar unter Einsatz ihrer eigenen Zufriedenheit und Gesundheit, weil sie sich selbst aufgeben / verleugnen. Denn einen Menschen zu finden, der einen um seiner Selbst Willen liebt, ist ein Lotteriespiel mit geringer Gewinnchance.
Ist der Partner erstmal fort, wird schnell klar, dass sich die gewachsene Toleranz der Gesellschaft keineswegs auf Beziehungen auswirkt. Wer im "falschen" Geschlecht geboren wurde, stößt zu 99% auf kategorische Ablehnung. Das Verschweigen des Geburtsgeschlechts bringt die Bombe eben etwas später zum Platzen. Der offene Umgang damit von Anfang an schränkt die Chancen radikal ein.

Freunde - 15 Punkte

Gerade alte Männerfreundschaften, die auf Härte basieren (große Sprüche, große Gewichte, große Biere), werden in solchen Fällen auf die Probe gestellt. Meist können nicht alle Freundinnen und Freunde von damals mit herübergenommen werden in das neue Leben. Manchmal sind auch alle weg. Je höher das Lebensalter, desto weniger Zeit bleibt und desto schwieriger wird es, einen neuen Freundeskreis zu finden.

Arbeit - 15 Punkte

Viele verbringen die Hälfte ihres Lebens auf der Arbeit. Im Extremfall beschränken sich bei Einsamkeit und Isolation die sozialen Kontakte auf die, welche nicht wegrennen können: Kolleginnen und Kollegen. Gerade Trans*Personen sind insbesondere im Arbeitsleben zahlreichen Benachteiligungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Das geht los beim Bewerbungsverfahren bis hin zu Beurteilungen, der "Bevorzugung" bei Kündigungen oder Versetzungen in die Besenkammer, um z.B. jegliche Kundenkontakte zu unterbinden.
Bedeutsam für die Zufriedenheit mit der Integration kann es sein, ob die Transition am alten Ort absolviert wird oder ob ein echter Neuanfang möglich ist.

Alltag - 10 Punkte

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein täglicher Kampf notwendig ist, die Umwelt mit seinem Anderssein zu konfrontieren, sobald man den Fuß auf die Straße setzt, oder ob ein entspanntes "Durchschwimmen" (stealth) möglich ist. Beides hat Vor- und Nachteile. Bei Ersterem sehen die Leute, dass da jemand unterwegs ist, der nicht im gelebten Geschlecht geboren wurde und stellen sich drauf ein. Bei Letzterem sehen sie es bei fehlendem Scharfblick nicht - und fühlen sich getäuscht, betrogen, hintergangen, sobald aus irgendeinem Grunde im Alltag das normale Level von Distanz und Unverbindlichkeit verlassen wird (Beispiel: Flirt).

Freizeit - 10 Punkte

Wie schwer es sein kann, als Trans*Mensch auch in der Freizeit Anschluss zu finden, kann hier in manchen Erfahrungsberichten nachgelesen werden. Da scheint es unmöglich, einen Tanzpartner zu finden, es gibt bei pre-OP Reibereien wegen Umkleide und Duschen, sodass solche schweißtreibenden Aktivitäten manche von vornherein abschrecken mögen.
Gibt es Probleme auf der Arbeit (Diskriminierung, Mobbing), wird es umso wichtiger, durch die Freizeit ein positives Gegengewicht zu schaffen.

Bürokratie - 5 Punkte

Wer keine VÄ / PÄ durch hat, muss sich ewig falschen Vornamen und falsche Anrede gefallen lassen. Das lässt nur die Härtesten wirklich kalt. Der Ergänzungsausweis hilft nur begrenzt, z.B. bei Polizeikontrollen. Ob Türsteher und Paketshops diesen anerkennen, liegt in deren Ermessen. Dazu kommt ein nicht endendes Zwangsouting, ob nun beim Abholen von Medikamenten, dem Aufsuchen neuer Ärzte jenseits der Trans*Problematik, dem Mieten von Autos oder Wohnungen, dem Abholen von Paketen.
Ich hielt es ein Jahr lang aus, nachdem ich im Identitätsgeschlecht lebte. Dann musste die gerichtliche Änderung her, koste sie, was sie wolle. Es war einfach zu erniedrigend und führte u.a. dazu, dass ich mangels Allgemeinarzt bis zur Umstellung meiner Dokumente alle Krankheiten bis zu 40°C Fieber alleine auskurierte - ohne Arzt.

So, nun zählt mal eure Punkte zusammen. Volle Punktzahl gibt es nur bei vollständiger Erfüllung / Zufriedenheit in der jeweiligen Sparte. Wer ein Ergebnis von 100 bekommt, darf uneingeschränkt beneidet werden.

LG
-Diva

PS: Mein Ergebnis 37 Punkte (0 Punkte Familie + 10 Punkte Partner + 5 Punkte Freunde + 5 Punkte Arbeit + 10 Punkte Alltag + 2 Punkte Freizeit + 5 Punkte Bürokratie)
Es gibt auch ein Leben VOR dem Tode.

Anja
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Re: Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 2 im Thema

Beitrag von Anja » Fr 12. Jul 2019, 16:55

Moinsen (moin)
Diva hat geschrieben:
Fr 12. Jul 2019, 16:36
Meinst du jetzt, dass trotz weiblichen Hormonspiegels für alle äußerlich deutlich der ehemalige Mann erkennbar ist und daraus die männliche Wirkung resultiert
Ich meine das nicht unbedingt auf das Geburtsgeschlecht bezogen, sondern ganz allgemein.
Wir alle kennen doch Männer, die sehr weiblich wirken und Frauen die sehr männlich wirken. Dabei ist es egal, in welcher (bekleckerten) Kleidung sie stecken.
Der Mensch wirkt auf uns einem Geschlecht zugehörig. Und diese Wirkung ist nicht (nur) vom Aussehen abhängig, ich meine die Körpersprache und das Verhalten ist mindestens ebenso wichtig.
Und ein 100%iges weibliches Bild kann eine männliche Körpersprache und ein männliches Verhalten eben schnell wieder zerstören.
Da legt man Wert auf perfekte Optik, trainiert über Jahre die Stimme, nimmt Hormone und GaOP in Kauf und dann lässt man die Sozialisation völlig außer acht. Zu Unrecht in meinen Augen.
Dadurch wird ja der Gesamteindruck erst unterstrichen...

Zumindest entspricht das meiner Wahrnehmung.

Grüße
die Anja
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Re: Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 3 im Thema

Beitrag von !EmmiMarie! » Fr 12. Jul 2019, 17:54

Anja hat geschrieben:
Fr 12. Jul 2019, 16:55
Wir alle kennen doch Männer, die sehr weiblich wirken und Frauen die sehr männlich wirken. Dabei ist es egal, in welcher (bekleckerten) Kleidung sie stecken.
Anja hat geschrieben:
Fr 12. Jul 2019, 16:55
Da legt man Wert auf perfekte Optik, trainiert über Jahre die Stimme, nimmt Hormone und GaOP in Kauf und dann lässt man die Sozialisation völlig außer acht. Zu Unrecht in meinen Augen.
Dadurch wird ja der Gesamteindruck erst unterstrichen...
Hi,

da habt ihr ein spannendes Thema aufgeworfen und ich kann gar nicht so viel zitieren, wie ich gerne möchte...
nein, ich hab die Zeit dazu gerade nicht und die Reha ist furchtbar anstrengend.

Deshalb werfe ich nur Kleinigkeiten ein...

ich bin die ersten 3, 4 Jahre nur unter Frauen aufgewachsen, der Bezug zu männlichen Personen war gleich null.
Nicht schlimm-ich habe dabei nichts vermisst, sondern hatte eine glückliche Kleinkindzeit...
Ich habe mit den Mädels aus der Nachbarschaft gespielt, Jungs gab es dort keine..hat mich das zu dem gemacht
was ich bin? Naja, vielleicht, vielleicht auch nicht!

Denn letztendlich habe ich nie eine Sozialisation abgeschlossen, sondern wurde meist als sehr weiblicher "Mann" gesehen.
Oder als schwul eingestuft-bin ich nicht, ich bin bi- oder eher pansexuell. Unterm Strich war ich ein Wesen
mit sehr eigenartigem Stil.
Wie mein Bruder sagte-"schön, das du jetzt auch mal in die Pubertät kommst, Marie..."

Will ich denn jetzt eine Sozialisation abschliessen, wie es anscheinend erwartet wird?
Und da sage ich nein, ich mag meine spezielle Art, es ist meine Art-unabhängig von dem was ich nach aussen zeige.
Es ist meine authentische Art, die jeder sofort akzeptiert weil sie aus dem Herzen kommt.

Ich habe ja schon 45 Jahre gebraucht um für meinen Körper die Entscheidung zu treffen wo er hin soll.
Meine Nebennieren produzieren auf dem Niveau von Heranwachsenden Hormonvorstufen..werd ich nur älter,
aber vielleicht nie erwachsen?
Soll ich mich jetzt auch noch abschliessend sozialisieren?

Mach ich jetzt eine total neue und wirre Box der Pandora auf?

Da es offensichtlich so ist, das die Sozialisation zu einem grossen Teil von aussen zuerkannt wird, verzichte
ich darauf, ich bin ich und da klaue ich jetzt mal den Satz einer anderen Userin "Ich bin Marie", eine
etwas ungewöhnliche Frau.

Alles Liebe Marie (flo)
I´ve known the wind so cold, i´ve seen the darkest days, but now the winds i feel are only winds of change

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Re: Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 4 im Thema

Beitrag von Vincent » Fr 12. Jul 2019, 23:31

Hi!
Anja hat geschrieben:
Fr 12. Jul 2019, 16:55
Und ein 100%iges weibliches Bild kann eine männliche Körpersprache und ein männliches Verhalten eben schnell wieder zerstören.
Speziell das Verhalten wirkt meiner Meinung nach tief, auch wenn es noch viel schwerer greifbar und beschreibbar ist, als die Körpersprache oder erst Recht das Aussehen.

Ich mach immer wieder die Erfahrung, das Menschen die mich ein wenig kennengelernt haben, oft in einem entschuldigenden Unterton, Bemerkungen machen wie:

Du bist kein wirklicher Mann, du gehörst zu uns Frauen, eigentlich bist du ja ein Mädchen, usw.

Und das, obwohl ich nicht glaube, dass meine Körpersprache irgendwie weiblich erscheint - mein Aussehen ist eh absolut männlich, nur die Kleidung nicht.

An was Menschen den Geschlechtseindruck festmachen empfinde ich sehr spannend. Ich erinnere mich noch an die 4 jährige Tochter eines Kollegen mit der eine Weile gespielt hatte und die zu mir dann sagte: Du bist wie ein Mädchen...
LG

Vincent

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Re: Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 5 im Thema

Beitrag von Astrid_M » Sa 13. Jul 2019, 03:12

Ich würde Sozialisation nicht als einfach Nebenaufgabe einer erfolgreichen Transition bezeichnen. So wie Diva und andere ausgeführt haben, ist das wichtig, sonst scheitert man.
Man muß auch nicht 100% alles erfüllen, manche Dinge funktionieren einfach nicht gut oder nicht für jeden.
Letztendlich kann ich so viele Kurse zum Auftreten, Styling, Gestik usw. belegen wie ich will, da werden immer einige Unstimmigkeiten bleiben.
Trotzdem versuche ich es, weil es mir zum Teil auch Spaß macht. Es hilft auf jeden Fall im Alltag und vermeide jede Menge Stress.
Auf der anderen Seite habe ich keine Lust jedes billige Klischee zu bedienen oder Dinge, die mir wichtig sind aufzugeben, weil das "Frauen nicht tun" bzw. "alle" das tun.
Da bin ich froh im 21.Jh. und Westeuropa zu leben, wo man allgemein toleranter ist.

Bei Familie, Freunden, Kollegen ist das auch gar nicht entscheidend. Die wissen ohnehin Bescheid oder finden es irgendwann heraus (wenn man irgendwo komplett neu anfängt).
Da ist es wichtig, daß man ein gutes Verhältnis hat und (vielleicht gerade deshalb) akzeptiert wird. Dafür gibt es kein Patentrezept und keine Garantie.
Wieviel ein positives Umfeld wert ist, sehe ich bei meiner Transition. Bei gestrigen Treff mit meiner Clique bekam ich u.a. (mal wieder) Hinweise zu meinen Auftreten von einer Freundin.
Mein Bruder hatte da auch von sich aus eine Sache für meine VÄ / PÄ erledigt. Hätte er nicht tun müssen, ist aber gerade deshalb eine willkommende Geste, die mir viel bedeutet.
Aber ich versuche zu vermeiden, das meine TS unsere Treffen dominiert. Die haben alle ihre Anliegen und Interessen auf die ich versuche einzugehen (z.B, einfach mal zuhören).

Insgesamt scheine ich bis jetzt Glück zu haben und die Leute, auf die es mir ankommt, "spielen" bis jetzt mit.
Natürlich wird das nicht immer so bleiben - da sehe ich noch Probleme auf mich zukommen.
Ich kann nur versuchen nett und freundlich, aber auch bestimmt, zu sein und hoffen, daß es gut ausgeht.
Gute Nacht,
Astrid

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Re: Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 6 im Thema

Beitrag von VanessaL » Sa 13. Jul 2019, 12:33

Hallo Ihr Lieben,

ich möchte mal mein Veto einlegen. Nicht prinzipiell, da es mir in vielen Dingen ähnlich geht, aber doch auch mit dem Finger in Wunde der Gesellschaft.

Ich habe erste einmal den Begriff nachgelesen.
Ich habe das Wort auch schon oft benutzt, aber wollte jetzt doch mal wissen, was im Grunde darunter verstanden wird.
Der Begriff Sozialisierung kann bedeuten:

- die Überführung von privatem in gesellschaftliches beziehungsweise staatliches Eigentum, siehe Verstaatlichung;
- die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen materiellen und sozialen Umwelt, d. h. unter selbstverständlicher Annahme der gesellschaftlichen Werte und Normen und deren Identifizierung (Sozialisation). (Quelle: Wikipedia)
Ich finde die Zusammenführung von der ersten und zweiten Bedeutung sehr spannend, denn darum geht es auch in meiner Kritik.

Die Sozialisierung hat mich zu dem "gemacht" was ich bin. Ich habe meine Persönlichkeit (mein privates Eigentum) den gesellschaftlichen Werten angepasst und mein ICH in wesentlichen Teilen "aufgegeben", mich angepasst (mich verstaatlicht).

Und hier genau liegt meine Kritik an dem ungefilterten Konsum der Sozialisierung. Wenn man nicht genau aufpasst, kann sie zu Selbstaufgabe bis hin zur Selbstleugnung führen. Das ist mir wohl "als Mann" passiert. Warum sollte mir das "als Frau" nicht auch passieren. Ich stehe als Mensch im Einfluss so vieler Dinge, die mich ungewollt oder bewusst formen. Und hierin liegt genau der Unterschied.
Konsumiere ich gesellschaftliche Weiblichkeit nur oder kann ich filtern und der Mensch sein, der ich bin? NIn meinem fall eine TransFrau. Wer sagt, dass die Frau keinen Penis haben darf? Wer sagt, dass eine Frau Brüste braucht? Wer sagt, dass Männer keine Kleider tragen? Wer sagt, was die Schönheitsideale sind? Ich? Oder sagt es mir die Gesellschaft?

Auch ich spüre die Zugehörigkeit zu Frauen und suche deren Nähe, weil ich mich dort in der richtigen Gruppe fühle. Und natürlich sind es weibliche Attribute, die ich haben möchte, möglicherweise sogar brauche und die ich vielleicht auch imitiere. Aber, es ist auch immer eine Gratwanderung zur Selbstaufgabe. Und vielleicht wache ich eines Tages auch, sehe die Person im Spiegel und frage mich erst dann, wer ich eigentlich bin und ob ich dahin wollte, wo ich gerade stehe. Es ist ein Irrtum, dass mich Sozialisierung zu einer Frau macht. Natürlich brauche ich Angepasstheit, um nicht dauernd an den Grenzen und Ecken der offenen Gesellschaft anzustoßen, aber ich muss auch keinem Ideal hinterherrennen um letztendlich festzustellen, dass ich mein ICH unterwegs überholt und irgendwo verloren habe. Denn an dieser Stelle muss sich die Gesellschaft anpassen und nicht ich.

Aber das ist meine persönliche Meinung. Letztendlich ist es eine wohl eine Frage der einzelnen Persönlichkeit, wie der Platz letztendlich in der Gesellschaft aussieht. Transition ist für mich die Übergangsphase vom Verlassen der einen und ankommen auf der anderen, jeweils eigenen Seite. Sozialisation ist für mich die Ursache der Transition und auch der Grund, warum so viele nie ankommen.

Liebe Grüße
Vanessa
Mein Geschlecht entsteht in Deinem Kopf.

Wir brauchen mehr Gelassenheit und weniger Binärität.

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Re: Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 7 im Thema

Beitrag von Anja » Mo 15. Jul 2019, 09:59

Moinsen (moin)

Ich hab mal ein paar Zeilen herausgepickt.
!EmmiMarie! hat geschrieben:
Fr 12. Jul 2019, 17:54
Will ich denn jetzt eine Sozialisation abschliessen, wie es anscheinend erwartet wird?
Und da sage ich nein, ich mag meine spezielle Art, es ist meine Art-unabhängig von dem was ich nach aussen zeige.
Astrid_M hat geschrieben:
Sa 13. Jul 2019, 03:12
Auf der anderen Seite habe ich keine Lust jedes billige Klischee zu bedienen oder Dinge, die mir wichtig sind aufzugeben, weil das "Frauen nicht tun" bzw. "alle" das tun.
VanessaL hat geschrieben:
Sa 13. Jul 2019, 12:33
Es ist ein Irrtum, dass mich Sozialisierung zu einer Frau macht. Natürlich brauche ich Angepasstheit, um nicht dauernd an den Grenzen und Ecken der offenen Gesellschaft anzustoßen, aber ich muss auch keinem Ideal hinterherrennen um letztendlich festzustellen, dass ich mein ICH unterwegs überholt und irgendwo verloren habe. Denn an dieser Stelle muss sich die Gesellschaft anpassen und nicht ich.
Ich fühle mich ein wenig missverstanden.
Jede hat selbstverständlich die Wahl, in welchem Umfang sie transistionieren möchte. Ich hab nur darauf hingewiesen, das ich die Sozialisation für einen mindest ebenso (ge)wichtigen Teil der Transistion halte, wie z.B. die Hormontherapie oder die GaOP. Und das dieser Teil hier im Forum bisher kaum zur Geltung kam. Damit ist nicht gemeint, das man bestimmte Dinge tun muss oder nicht mehr tun darf.
Mir ging es um diejenigen, denen der (weibliche) Gesamteindruck wichtig ist, die viel Wert darauf legen, das sie einen passenden Körper haben, ein weibliches Aussehen, eine passende Stimme... An die weibliche Sozialisation denkt an dieser Stelle kaum jemand. Und das wollte ich zumindest mal als Denkanstoss mitgeben.
Denn im persönlichen Kontakt mit anderen Transfrauen ist mir gerade das schon mehrmals aufgestoßen. Da ich nun auch viel Zeit mit geborenen Frauen verbringe, fallen mir dann Unterschiede auf, die quasi sämtliche Bemühungen wie Hormone, GaOP, Stimme usw. zunichte machen können. Und das finde ich persönlich sehr schade bzw. ich möchte das für mich vermeiden.
Wenn die Mehrheit keinen Wert darauf legt, hab ich kein Problem damit.
Ich empfinde diesen Punkt für mich als äußerst wertvoll.

Grüße
die Anja
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Re: Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 8 im Thema

Beitrag von Joe95 » Mo 15. Jul 2019, 14:53

VanessaL hat geschrieben:
Sa 13. Jul 2019, 12:33
Und hier genau liegt meine Kritik an dem ungefilterten Konsum der Sozialisierung. Wenn man nicht genau aufpasst, kann sie zu Selbstaufgabe bis hin zur Selbstleugnung führen. Das ist mir wohl "als Mann" passiert. Warum sollte mir das "als Frau" nicht auch passieren. Ich stehe als Mensch im Einfluss so vieler Dinge, die mich ungewollt oder bewusst formen. Und hierin liegt genau der Unterschied.
Konsumiere ich gesellschaftliche Weiblichkeit nur oder kann ich filtern und der Mensch sein, der ich bin? NIn meinem fall eine TransFrau. Wer sagt, dass die Frau keinen Penis haben darf? Wer sagt, dass eine Frau Brüste braucht? Wer sagt, dass Männer keine Kleider tragen? Wer sagt, was die Schönheitsideale sind? Ich? Oder sagt es mir die Gesellschaft?
Übersetzt in meine Gedankenwelt würde ich sagen das ist was ich unter "authentisch" verstehe.
Früher, als ich dachte ein Mann zu sein, lebte ich ein Leben, mit dem ich nicht zurecht kam. Ich hatte mich nicht "aufgegeben", sondern einfach noch nicht gefunden.
Der Effekt ist allerdings der selbe. Das muss so sein, also durch...
Ein Leben als Frau, so, wie ich mir das Vorstellte, wäre das gleiche nur unter anderem Vorzeichen gewesen.
Der Aufwand, eine Frau nach meinem damaligen Weltbild darzustellen, wäre weit von dem entfernt, was ich leisten konnte oder wollte.
Heute lebe ich wie ich mich fühle, weit entfernt von meinem Idealbild einer Frau, aber auch weit (genug) von dem Bild eines Mannes.
Ob ich einen Penis oder Brüste brauche, welche Kleidung ich trage und wie weit entfernt von meinem Schönheitsideal ich mich noch wohl fühlen kann bestimme ich ganz alleine.

Sozialisiert fühle ich mich dadurch, dass die Menschen um mich herum mich "Joe" sein lassen.
Meine Partnerin ist da noch ein ziemliches Stück von entfernt, aber irgendwas ist ja immer...
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...

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Re: Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 9 im Thema

Beitrag von Astrid_M » Fr 19. Jul 2019, 02:26

Anja hat geschrieben:
Mo 15. Jul 2019, 09:59
Moinsen (moin)
Astrid_M hat geschrieben:
Sa 13. Jul 2019, 03:12
Auf der anderen Seite habe ich keine Lust jedes billige Klischee zu bedienen oder Dinge, die mir wichtig sind aufzugeben, weil das "Frauen nicht tun" bzw. "alle" das tun.
Ich fühle mich ein wenig missverstanden.
Jede hat selbstverständlich die Wahl, in welchem Umfang sie transistionieren möchte. Ich hab nur darauf hingewiesen, das ich die Sozialisation für einen mindest ebenso (ge)wichtigen Teil der Transistion halte, wie z.B. die Hormontherapie oder die GaOP. Und das dieser Teil hier im Forum bisher kaum zur Geltung kam. Damit ist nicht gemeint, das man bestimmte Dinge tun muss oder nicht mehr tun darf.
Mir ging es um diejenigen, denen der (weibliche) Gesamteindruck wichtig ist, die viel Wert darauf legen, das sie einen passenden Körper haben, ein weibliches Aussehen, eine passende Stimme... An die weibliche Sozialisation denkt an dieser Stelle kaum jemand. Und das wollte ich zumindest mal als Denkanstoss mitgeben.
Denn im persönlichen Kontakt mit anderen Transfrauen ist mir gerade das schon mehrmals aufgestoßen. Da ich nun auch viel Zeit mit geborenen Frauen verbringe, fallen mir dann Unterschiede auf, die quasi sämtliche Bemühungen wie Hormone, GaOP, Stimme usw. zunichte machen können. Und das finde ich persönlich sehr schade bzw. ich möchte das für mich vermeiden.
Wenn die Mehrheit keinen Wert darauf legt, hab ich kein Problem damit.
Ich empfinde diesen Punkt für mich als äußerst wertvoll.

Grüße
die Anja
Anscheinend hast du mich da mißverstanden. Ich schrieb im gleichen Text, daß ich Sozialisierung eben für sehr wichtig halte. Und natürlich gehören dazu andere Dinge als perfektes Styling, Stimmtraining usw.
Ich denke, nur wenigen ist der Gesamteindruck wirklich egal, aber ich sehe für mich da auch, daß es realistischerweise Grenzen gibt. Ansonsten würde ich mich nie auf die Straße trauen.

Die eigentliche Frage: was ist eine "gute" weibliche Sozialisierung ???
Daß ich meine Wohnung komplett umdekoriere? Ein Freundin meinte vor einiger Zeit zu mir, daß diese nicht gerade feminin aussehe. Meine Antwort war sinngemäß: Das Katana bleibt hängen, wo es ist.
Das ist auch hier sicher nicht gemeint. "Passende" Hobby? Kaffeekränzchen mit den Freundinnen? Ich mag solche Klischees nicht bedienen und halte sie nicht für hilfreich (außer man findet Freude daran).

Leider bleibst du hier sehr allgemein: Als echten Denkanstoß könntest du gerne ein, zwei konkretere Beispiele benennen, was dir persönlich negativ aufgefallen ist.
Das würde mich ehrlich interessieren, denn echtes Feadback bekommt man nach meiner Erfahrung nur selten,
Außenstehende interessiert es oft nicht wirklich, was wir treiben. Andere sind zu höflich oder bleiben sehr unkonkret, wenn es um solche Dinge geht.

Viele Grüße,
Astrid

Anja
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Re: Sozialisation als Nebenaufgabe der Transition

Post 10 im Thema

Beitrag von Anja » Fr 19. Jul 2019, 10:15

Moinsen (moin)
Astrid_M hat geschrieben:
Fr 19. Jul 2019, 02:26
Anscheinend hast du mich da mißverstanden. Ich schrieb im gleichen Text, daß ich Sozialisierung eben für sehr wichtig halte.
Ich hab deinen Beitrag gelesen. Meine Antwort bezog sich auf den zitierten Teil.
Ich sprach von Verhalten und Körpersprache, du hast geantwortet, das du keine Klischees bedienen willst. Oder Dinge aufgeben willst die dir wichtig sind. Kann ich verstehen.
Ich hab oft genug gehört "So bin ich eben". Ist von jedem sein gutes Recht.
Ich weise eben nur darauf hin, das manches Verhalten sämtliche anderen Bemühungen wieder zunichte machen kann. Da muss dann jeder so seine Linie zwischen den Dingen, die ihm wichtig sind und entsprechender Sozialisation finden.
Astrid_M hat geschrieben:
Fr 19. Jul 2019, 02:26
Leider bleibst du hier sehr allgemein: Als echten Denkanstoß könntest du gerne ein, zwei konkretere Beispiele benennen, was dir persönlich negativ aufgefallen ist.
Das würde mich ehrlich interessieren, denn echtes Feadback bekommt man nach meiner Erfahrung nur selten,
Damit möchte ich ungern dienen, denn meine persönlichen Erfahrungen mit anderen Transfrauen fanden größtenteils mit Forenmitgliedern statt. Und wenn ich bestimmte Situationen schildere, wüsste Diejenige genau, wer dann gemeint ist. Ich möchte und werde niemanden Bloßstellen.
Und, wenn derjenigen das "soziale Passing" halt nicht so wichtig ist, weil sie eben so ist wie sie ist, wäre Kritik eh fehl am Platz...
Was mir aufstößt, kann anderen ja völlig Banane sein.
Anderen ist die körperliche Anpassung, die Geschlechtsangleichung oder ein Brustaufbau wichtiger. Ich lege meinen Fokus auf die soziale Anpassung. Das ist für den Alltag wesentlich wichtiger, als das, was ich in meinem Schoß verstecke...

Ich denke wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, werden anderen ebenso wie mir Unterschiede zwischen Geborenen- und Trans-Frauen auffallen und jeder kann davon annehmen was er möchte.
Vielleicht fällt mir gerade dewegen so etwas auf, weil es mir wichtig ist...

Grüße
die Anja
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