Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend?
Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend? - # 3

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Jaddy
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Re: Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend?

Post 31 im Thema

Beitrag von Jaddy » Mo 12. Aug 2019, 10:06

Vicky_Rose hat geschrieben:
Mo 12. Aug 2019, 08:26
Problematischer wird das mMn an dem Punkt, an dem es um körperliche Eingriffe geht. Die sind mit sehr weitreichenden persönlichen Konsequenzen behaftet. Eine Fehlentscheidung ist praktisch kaum noch zu revidieren. Ich meine, es macht Sinn, an dieser Stelle so viel Sicherheit wie möglich für den Betroffenen zu realisieren. Aber die letzte Entscheidung muss beim Betroffenen liegen. Eine Entscheidung von Gutachtern oder sonstigen Dritten kommt einer Entmündigung gleich. Dieses Vorgehen lehne ich ab.
Ich bin da sehr bei Dir, Vicky, aber das Argument der Fehlentscheidungen kommt so häufig, dass ich es in Relation setzen möchte. Zum Beispiel zum Thema Berufswahl, also Ausbildung, Studium, etc. Oder Kinder zu bekommen. Oder alle finanziellen Resourcen in eine Immobilie zu stecken - "für's Alter". Wie häufig geht sowas richtig schief? Da gibt es meist keine körperlichen Konsequenzen, sie können aber das Leben ähnlich einschränken und sind später ziemlich schwer revidierbar. Wie groß ist das Risiko einer Fehlentscheidung bei HET oder OPs verglichen zu Sportunfällen und den erheblichen Folgen? Oder rauchen oder mit einem Motorrad an nem Baum zu landen?

Meines Erachtens werden die potenziellen Folgen beim Thema Transition überproportional überhöht diskutiert. Es betrifft nur sehr wenige Menschen. Selbst von den positiv begutachteten trans Menschen wollen nicht alle irgendwelche OPs. Heisst: Die Quote derer, die "einfach mal so" irgendwas operieren lassen würden, dürfte sehr viel kleiner sein als befürchtet.

Ich bin deshalb sehr für offene, klientxorientierter Beratung, die mal die Motivationen hinterfragt oder wenigstens anspricht. Auch Peer-Beratung. Auch Stimmen von Menschen, die später festgestellt haben, dass eine OP zwar den Körper ändert, aber weder die Stimmung im Kopf, noch das Umfeld.

Das bisherige System leistet das meiner Ansicht nach nicht. Dafür kriege ich zu viel Fehlschläge der angeblichen Fachleute mit. Therapeutxe, die nur die binäre Schiene im Kopf haben. Die längst überholte Genderklischees vertreten. Die nur ein entweder-oder im Kopf haben, also "wenn schon, dann bis zum Schluss". Die einmal gefasste Diagnosen nicht revidieren und tatsächlich Menschen in eine Transition treiben. Wir haben ein bis zwei solche Fälle ja hier im Forum.

Die vergleichsweise geringe Zahl an Fehlentscheidungen kommt nach meinem subjektiven Eindruck nicht durch das "gute" Gatekeeping oder gar "gute" Beratung zustande. Ihr steht ziemlich sicher [subjektiv] eine hohe Zahl an unglücklichen Menschen gegenüber, für die sie Hürden des Systems zu hoch sind, sich erst mal unverbindlich mit dem Thema Gendertransition zu befassen - und dann mal gut beraten über körperliche Konsequenzen nachzudenken - bzw. die während der Transition zusätzlich durch die Schwierigkeiten und die unübersichtlichen Prozesse belastet werden.

Die Gründe für diesen Zustand sind meiner Meinung nach durchweg verwerflich: 1. bloss nicht zu viel Abweichung von der cis-hetero-Norm und 2. Kosten sparen (die, siehe andere Fälle oben, in Relation minimal sind). Dieses System und diese Sichtweisen gehören grundlegend reformiert.

Aber letztlich haben wir Menschen in unserem täglichen Leben sehr viele Freiheiten, Entscheidungen zu treffen und dabei auch Fehler zu machen. Im Vergleich zu vielen anderen Bereichen sollte da um körperliche Veränderungen nicht so viel Gewese gemacht werden.

Keks-Marie
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Re: Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend?

Post 32 im Thema

Beitrag von Keks-Marie » Mo 12. Aug 2019, 11:23

Ich habe Angst, das jemand mit der Macht über meine Zukunft zu entscheiden mir etwas verbaut, weil ich nicht seiner/ihrer Vorstellungen entspreche.
Was wäre, wenn ein klein wenig Mut die einzige fehlende Zutat für ein glückliches Leben ist und man es nie herausfindet?

!EmmiMarie!
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Re: Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend?

Post 33 im Thema

Beitrag von !EmmiMarie! » Mo 12. Aug 2019, 12:44

Keks-Marie hat geschrieben:
Mo 12. Aug 2019, 11:23
Ich habe Angst, das jemand mit der Macht über meine Zukunft zu entscheiden mir etwas verbaut, weil ich nicht seiner/ihrer Vorstellungen entspreche.
Huhu..

die Angst ist berechtigt, keine Frage..
aber, wer entspricht denn immer zu 100% der Vorstellung anderer? Niemand, oder?

Und das tue ich auch nicht. Und trotz allem habe ich bisher nur verständnisvolle Gegenüber gehabt,
die aus meiner Sicht tun was sie können. Sicher musste ich auch mal was mit Nachdruck klar stellen
und wenn ich was möchte, auch mal sagen warum überhaupt.
Vielleicht bin ich da jetzt auch die Ausnahme und nehme gewisse Dinge aus der Sicht anderer zu locker.

Ich habe gewisse Ressourcen und mit denen muss ich Stand jetzt arbeiten, also nutze ich diese gut überlegt aus.
Werden sie sich ändern, passe ich mich so weit an wie es für mich möglich ist um die neuen Ressourcen
optimal für mich zu nutzen-so macht es auch die Natur.
Das schliesst aber nicht aus, neue Räume zu erschliessen. Ich habe einen Ausgangspunkt vom dem will
ich irgendwo hin, dafür muss ich Energie einsetzen um irgendwo anzukommen.

Könnt ihr mir folgen?

Alles ist ein Geben und ein Nehmen. Nur die Füsse in den Boden zu stemmen und zu sagen nee das geht so
nicht ist von keiner Seite ok. Es hilft auch keiner Seite, macht es nur schlimmer.

Ich bestehe nicht darauf eine Sonderbehandlung zu bekommen, ich will nur ein halbwegs normales Leben
als Frau führen. Ich muss nicht auffallen oder besonders sein. Gut, vielleicht bin ich ein bisschen
ungewöhnlich, das wars aber auch schon. Ich möchte in der Masse untergehen wie viele andere Frauen auch.

Ist ein normales Leben als das was ich bin zu viel verlangt? Nein ist es nicht.
Muss ich was dafür tun? Sicher muss ich das..
Kann ich über mich bestimmen? Na klar, wer sagt das ich das nicht kann?
War das jetzt ein heilloses, themenfernes Durcheinander? Vielleicht...

ändert aber nichts daran, das ich eine Frau bin, andere Männer und andere sich frei dazwischen verorten.

Bitte, bitte, lebt doch was ihr seid und macht das nicht von irgendwas abhängig, aber nutzt was da ist.

So, ich geh jetzt heulen..Marie (flo)
I´ve known the wind so cold, i´ve seen the darkest days, but now the winds i feel are only winds of change

Always be yourself, unless you can be a unicorn, then always be a unicorn

Vicky_Rose
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Re: Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend?

Post 34 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose » Mo 12. Aug 2019, 14:27

Jaddy hat geschrieben:
Mo 12. Aug 2019, 10:06
Die vergleichsweise geringe Zahl an Fehlentscheidungen kommt nach meinem subjektiven Eindruck nicht durch das "gute" Gatekeeping oder gar "gute" Beratung zustande. Ihr steht ziemlich sicher [subjektiv] eine hohe Zahl an unglücklichen Menschen gegenüber, für die sie Hürden des Systems zu hoch sind,
Hi Jaddy,

grundsätzlich sehe ich das ähnlich, aber Zahlen gibt es wahrscheinlich nur für operierte Menschen und wie viele davon versuchen, den Eingriff wieder rückgängig zu machen. Es dürfte ziemlich unklar sein, wie viele Menschen nach der GaOp unglücklich sind und körperlich keine Veränderung mehr anstreben. Auch hier im Forum gibt es solche Menschen. Es gibt sicher auch eine Reihe von Menschen, die sich nicht eindeutig verorten können, sondern irgendwo dazwischen verorten. Du siehst Dich selber ja auch als Enby. Ich glaube eine gute Beratung kann helfen, aus der Falle heraus zu kommen, damit man für sich selber den richtigen Weg suchen kann.
Viele Grüße
Vicky

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Re: Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend?

Post 35 im Thema

Beitrag von Mina_35 » Mo 12. Aug 2019, 15:10

Vicky_Rose hat geschrieben:
Mo 12. Aug 2019, 14:27
Ich glaube eine gute Beratung kann helfen, aus der Falle heraus zu kommen, damit man für sich selber den richtigen Weg suchen kann.
da bin ich total bei dir, aber dazu sollte man folgendes sagen:
die beratung sollte man sich dann freiwillig suchen, wie mit jeder anderen erkrankung auch.
die (ich sage jetzt mal) 5% die eine beratung brauchen, um aus der falle rauszukommen, ziehen die anderen (dann) 95% mit in eine zwangsberatung und zwangstherapierung, die viele wohl auch nicht ernsthaft brauchen. (zahlen sind willkürlich gewählt und sind keine statischen daten, nur um das verdeutlichen, was ich sagen will).
Liebe Grüße Jasmin

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Re: Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend?

Post 36 im Thema

Beitrag von Anne-Mette » Mo 12. Aug 2019, 15:14

Moin,
Mina_35 hat geschrieben:
Mo 12. Aug 2019, 15:10
die beratung sollte man sich dann freiwillig suchen, wie mit jeder anderen erkrankung auch.
Ich denke, mit dem Begriff "Erkrankung" sollten wir sparsam umgehen, wenn es um Transsexualität geht.
Ganz vermeiden sollten wir ihn, wenn es lediglich um Angelegenheiten des Personenstandes und des Namens geht.

Gruß
Anne-Mete

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Re: Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend?

Post 37 im Thema

Beitrag von Mina_35 » Mo 12. Aug 2019, 15:29

hm, hab wohl wieder etwas missverständlich und umständlich geschrieben. Das war auch nicht im allgemeinen auf trans- oder intersexualität bezogen, sondern eher darauf, das unüberlegte entscheidungen und das bereuen hinterher eine psychische erkrankung von vornherein da waren bzw sich dann entwickeln. so sollte das eigentlich eher dargestellt sein. Wenn meine (glücklicherweise fast gar nicht mehr vorhandene) asperger autismus störung mich soweit eingeschränkt hätte, wie es das andere tut, hätte ich mir auch freiwillig irgendwann hilfe gesucht, hätte mich aber schwer geärgert, das jeder mit asperger oder verdacht darauf zwangstherapiert werden muss, was bei mir letztenendes auch nicht notwendig war.
Liebe Grüße Jasmin

P.S.: Ja, die Haare sind echt :D (weil ich inzwischen dauernd überall gefragt werde ;))

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Re: Transidentität: Psychologische Gutachten für Betroffene entwürdigend?

Post 38 im Thema

Beitrag von Vicky_Rose » Di 13. Aug 2019, 06:22

Mina_35 hat geschrieben:
Mo 12. Aug 2019, 15:10
die beratung sollte man sich dann freiwillig suchen
Hallo Mina,

etwas anderes habe ich nicht geschrieben. Schau Dir meinen letzten Absatz auf Seite 2 an.

Wer sagt Dir, dass für nur 5% eine Beratung sinnvoll ist ? Vielleicht sind es ja auch 10% oder 30% ? Es gibt keine Zahlen. Man sollte also mit solchen Aussagen vorsichtig umgehen.

Bei der Beratung denke ich auch an viele Menschen, die leiden, weil sie sich in ihrem Transgenderleben nicht wohlfühlen, aber sich für Maßnahmen nicht entscheiden können. Ich denke, in der "grauen Masse" gibt es viele, die darunter fallen. Da wäre ein erleichteter Zugang zu einer Beratung eine Möglichkeit, das Leben besser in den griff zu bekommen. Über diese Menschen reden wir fast nie. Gäbe es das TSG nicht in seiner heutigen Form, wäre das für diese Menschen auch keine Erleichterung. Aber das ist wieder ein anderer Aspekt.
Viele Grüße
Vicky

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