Queeres Selbstverständnis Geht es nicht etwas unauffälliger?
Queeres Selbstverständnis Geht es nicht etwas unauffälliger? - # 4

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Lisa-Weber
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Re: Queeres Selbstverständnis Geht es nicht etwas unauffälliger?

Post 46 im Thema

Beitrag von Lisa-Weber » Do 12. Sep 2019, 09:03

Nicole Doll hat geschrieben:
Do 12. Sep 2019, 08:41
Erfolglos angepasst habe ich mich in der Rolle als Mann mehr als genug. Und damit will und muss ich auffallen - natürlich irgendwie möglichst positiv und nicht negativ.

LG Nicole
Positiv auffallen - genauso sehe ich das auch.
Der CSD ist nicht verkehrt - nur er wird in bestimmten Bereichen falsch benutzt.

Meine eigene Meinung - vielleicht auch eine Art von Intoleranz.

Lack und Leder - Sklaven halb nackt an der Leine geführt - gerade mal die Genitalien verdeckt - Domina auf einem Wagen wie im alten Rom - gezogen von Sklavinnen im Pferde-Kostüm.

Was haben diese - gesehen in München - auf dem CSD zu suchen - das ist das was den Leuten im Kopf hängen bleibt und womit die meisten dann gleich gesetzt werden.

Das ist für mich eine Sache die woanders hin gehört.
Das hat für mich nichts mit "Queer" zu tun. Vielleicht sehe ich es auch falsch.

Es laufen Mütter und Väter mit Kindern in der Stadt und müssen schauen wie sie ihre Kinder vor diesem Anblick schützen.

Drag-Queen - ok geht gerade noch - gehört für mich aber eher auf die Bühne oder in einen Faschingszug.

Wir wollen als "Normal" genommen werden - dann sollten wir wieder zu den Wurzeln zurück und uns normal präsentieren.

PS: nehmt mein Ausdruck "Freak" nicht so ernst - den benutz ich immer um deutlich auszudrücken - ich werde anders gesehen als ich das möchte.
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Keks-Marie
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Re: Queeres Selbstverständnis Geht es nicht etwas unauffälliger?

Post 47 im Thema

Beitrag von Keks-Marie » Do 12. Sep 2019, 09:26

Ich sehe diese Trans*-Märsche wie in Stuttgart als guten Weg um als nicht bunte und schrille Masse aufzufallen, um den Vorurteilen entgegen zu wirken, die durch den CSD häufig schwer abgebaut werden. Denn das ist es was zumindest ich dem CSD vorwerfe. Das bedeutet nicht ich gebe den Bunten und Schrillen die Schuld an meiner Misere, sondern ich sage ich sehe meine Akzeptanz erschwert, weil schlechte Vorurteile dadurch teils bestärkt oder nur schwer abgebaut werden können.
Es ist keine Feindschaft zwischen EnBy, CD, TV und Trans*. Es sind lediglich Gruppierungen mit unterschiedlichen Interessen, die von der Gesellschaft selten auseinander gehalten werden können.
Die Definition eines Transvestit ist leider in meinen Augen von Haus aus negativ behaftet. "Mann, der sich zum Lustgewinn wie eine Frau kleidet" Ich persönlich habe kein Problem mit TV. Aber Gemeinsamkeiten sehe ich da keine. Das tragen weiblicher Kleidung gab mir noch nie einen Lustgewinn oder ein Kribbeln.
Und so kann ich z.B. auch gar nichts damit anfangen wenn mir im Chat jemand schreibt welche Wäsche gerade getragen wird.
Auch als EnBy hat man es nicht leicht, weil für viele ein Denken im nicht binären Bereich einfach nicht funktioniert. Die schaffen das einfach nicht! Das Bild es gibt nur Mann und Frau ist so tief verankert, dass alles was dem nicht entspricht als befremdlich angesehen wird. Dann wollen "die" auch noch die deutsche Sprache verstümmeln!
Und Crossdresser sind in der ganzen Situation wohl diejenigen die bei einem Outing die meißten Missverständnisse beseitigen müssen. "Nein, ich fühle mich als Mann." "Nein, ich möchte keine Angleichung!" "Nein, es ist nichts sexuelles" usw.
Und trotzdem kann ich mich hier mit allen Gruppierungen unterhalten und ich akzeptiere diese auch. Auch wenn mir teilweise das Verständnis fehlt.
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Michelle_Engelhardt
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Re: Queeres Selbstverständnis Geht es nicht etwas unauffälliger?

Post 48 im Thema

Beitrag von Michelle_Engelhardt » Do 12. Sep 2019, 10:56

Letztes Jahr gab es in Dortmund einen Trans-CSD. Dieser entstand aus der Not heraus, da aus organisatorischen Gründen der CSD 2018 ausfallen musste (Umzug einiger Mitglieder des Orgateams in andere Städte und kein adäquater Ersatz), sehr zum Leidwesen unseres OB. Die Stadt Dortmund hat daraufhin einen Bereich der Innenstadt für einen Trans-CSD zur Verfügung gestellt. Mit diesen Themen rennt man bei der Stadt hier wirklich offene Türen ein. Nun, dieses Jahr gab es erneut besagten Trans-CSD, obwohl jetzt am kommenden Samstag der reguläre CSD wieder stattfindet. Die Veranstaltung hat sich also instant etabliert und ist wenig bis gar nicht schrill. Zwar besteht der Trans-CSD nur aus einigen Infoständen der verschiedenen Organisationen, ich finde ihn aber trotzdem....oder gerade deshalb, sehr gelungen. Es wirkt irgendwie "seriöser", denn hier geht es um Aufklärung und Hilfeangebote, nicht um Party machen und möglichst auffallen.

Liebe Grüße
Michelle
Brauchst Du Hilfe oder einfach jemanden zum quatschen? Schick mir ´ne PN!

Mein Leben dreht sich um´s leben, nicht um trans.

twitch.tv/shellysplayground

Jaddy
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Re: Queeres Selbstverständnis Geht es nicht etwas unauffälliger?

Post 49 im Thema

Beitrag von Jaddy » Do 12. Sep 2019, 11:27

Moin Lisa,

den Anspruch, im Alltag einfach normal behandelt zu werden, kann ich auch persönlich sehr nachvollziehen. Geht mir auch so. Geht mir aber auch in all meinen Facetten so. Es ist einfach nicht anderer Leute Business, was ich so mache, wie ich es mache, ob ich das mache - solange ich ihnen nicht in ihre Privatsphäre eindringe. Genau das erwarte ich dann auch von ihnen. Ich habe meine Räume, geografisch und sozial, und da hat niemand anders drüber zu bestimmen.

Bei den gemeinsamen Räumen, draussen auf der Strasse, wo man sich im Alltag begegnet, müssen wir uns arrangieren. Da nehmen wir uns alle ein wenig zurück, respektieren uns gegenseitig und lassen uns in Ruhe. Wir verwahren uns auch dagegen, blöd angemacht zu werden, Kommentare über Erscheinung und Outfit zu bekommen.

Ich denke, bis hier her haben wir Konsens.

Die Pride Demos, also Christopher Street Day, Trans* Märsche, etc. sind eine ganz andere Sache. Sie sind immer noch politische Demos. Und der Inhalt ist seit jeher: "Ich bin anders als ihr (cis-het-Menschen) und das ist nicht nur bitte bitte irgendwie tolerabel, sondern f*ck yeah: ich bin auch stolz drauf und es ist nicht euer (cis-het) f*cking Business".

Deshalb heisst es _Pride_. Die Initiator_innen hatten nach Jahren der ständigen Repression endgültig die Nase voll. Deshalb sind sie schon damals auch schrill und bunt raus.

Drei Jahre vor den Stonewall Riots, also dem Namensgeber der CSD Demos, gab es die Comptons Cafe Riots in San Francisco. Kennt kaum jemand, leider. Aber sowohl Comptons Cafe wie auch das Stonewall Inn waren keine Treffpunkte unauffälliger LGBT-Personen, sondern zum Beispiel dieser hier:

Bild
Bild
Quelle: https://www.sfchronicle.com/bayarea/art ... 323730.php Der Artikel ist sehr lesenswert.

Ebenso im Stonewall Inn (Christopher Street, NY). Das hier sind Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, die die Aufstände gegen die Übergriffe der Polizei mit gestartet haben, auf einem Pride March:
Bild

Inzwischen gibt es Dokus darüber. Zum Beispiel "Screaming Queens" über Comptons Cafe. Nehmt euch die Zeit dafür. Es lohnt sich.

Also: Die Aufstände, die zu den Pride Marches führten, wurden von Transpersonen gestartet. Von nicht-weissen. Viele unter sich, in ihren Räumen, sehr auffällig und exaltiert, selbst wenn sie - sofern sie überhaupt die Möglichkeit hatten - in ihrem Alltagsleben angepasst und unauffällig waren. Die Unterscheidung zwischen CD, TV, TS, Drag Queen gab es so noch nicht, denn es gab noch keine Möglichkeit zur Transition. In den Jahren danach haben sich andere diese Ereignisse angeeignet. Namentlich die von weissen schwulen Männern dominierte Gay Liberation Front in den USA, die farbige und nicht schwule, nicht männliche Menschen aktiv raus gedrängt haben, um "normal" zu wirken. Sie wollten sich den eigenen kleinen Komfort auf Kosten anderer erkaufen, die z.B. als Trans*personen nicht die Möglichkeit zur Unauffälligkeit im Alltag hatten.

Die meisten CSDs in D sind da glücklicherweise anders. Aber die gleichen Diskussionen wie hier im Thread gibt es da auch immer wieder. "Seid doch nicht so schrill, wir verschrecken die armen Normalos und dann sind sie uns nicht mehr wohlgesonnen". Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht nicht zielführend. Was wir wollen, nämlich anständig behandelt zu werden, ist kein Gnadenakt. Es steht uns zu. Es steht, anders als noch vor Jahren, in Gesetzen. Es ist eine absolute Schande, dass eine Gruppe rückständiger Menschen im Gegensatz sogar zur Mehrheit der Bevölkerung, jahrzehntelang Menschen das Recht auf eine gleichgestellte Ehe verweigert hat. Mit so haarsträubenden Argumenten wie Mutti Merkels "Bauchgefühl". Es ist haarsträubend, was bei Gutachten zu Transitionen passiert. Adoptions- und Abstammungsrecht. Und so weiter. Von alltäglichen Diskriminierungen mal ganz zu schweigen.

Die Erfahrungen zeigen aus meiner Sicht, dass bitten und betteln verhallt. Irgendwann muss es auch mal laut und schrill und bunt werden. Wenigstens einmal im Jahr.

Damit zu den anderen Themen und hier bin ich etwas auf Krawall gebürstet:

Es geht bei den CSDs inzwischen wieder um mehr als nur schwule Männer. Es geht um grundsätzliche persönliche Freiheit der geschlechtlichten Identität und sexueller Orientierung. Das heisst: Wir wollen im Alltag anständig behandelt werden, egal ob wir uns als Männchen, Weibchen oder anders verstehen und egal wen wir lieben und was wir einvernehmlich miteinander machen.

Wenn ich privat im Pferdekostüm laufe, dann habe ich trotzdem genau das gleiche Recht, im Alltag, im Backwarenfachgeschäft, in der Tankstelle, etc mit dem gleichen Respekt behandelt zu werden wie alle anderen. Ich kommentiere ja z.B. auch keine religiösen Überzeugungen, so albern ich sie auch finde.

Genau das sagen die CSDs. Schau mal: Uns gibt es, so sehen wir auch manchmal aus. Get used to it und erweist uns ansonsten den gleichen Respekt, den ihr auch erwartet.

Mein Beispiel ist durchaus nicht aus der Luft gegriffen. Ich bin seit 1997 bei CSD-Paraden dabei, und das hier ist ein Bild mit meiner Frau (mit Zylinder), unserer besten Freundin (links) und mir (rechts) von 2007
Bild

Wenn Du also das inzwischen ziemlich bekannte Grüppchen zweibeiniger Pferdchen auf einem CSD siehst und die Hundchen mit Maske an der Leine, dann sind das Freunde und Bekannte von mir, die genau wie ich dafür demonstrieren, dass Vielfalt okay ist, sich niemand wegen Identität, Körper, Vorlieben oder Partnerschaft zu schämen braucht, sondern wir trotzdem alle das gleiche Recht auf Respekt haben.

Wer auch immer irgendwo im Spektrum selbstbestimmter und einvernehmlicher sexueller Identitäten und Orientierungen eine willkürlich Grenze der OK-ness / nicht-OK-ness ziehen will, hat das ganze Konzept nicht verstanden und soll gerne zuhause bleiben und sich unsolidarisch still verhalten.

Freiheit ist immer auch die Freiheit der anders liebenden.

!EmmiMarie!
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Re: Queeres Selbstverständnis Geht es nicht etwas unauffälliger?

Post 50 im Thema

Beitrag von !EmmiMarie! » Do 12. Sep 2019, 11:33

Vicky_Rose hat geschrieben:
Mi 11. Sep 2019, 06:25
Mir ist der Satz von Marie ebenfalls sehr positiv aufgefallen. Er kommt mir so selbstverständlich vor, dabei steckt vermutlich so viel mehr dahinter.

Ich find's Klasse ...
Hallo Vicky,

auch dir vielen lieben Dank-aber ich glaube ich muss dich/euch enttäuschen, so viel mehr steckt gar nicht
hinter dem Satz. Er ist einfach nur offen und ehrlich, auch mir selbst gegenüber...

aber vielleicht sind da doch ein paar Kleinigkeiten die mir dabei helfen.

Zum einen ist es mein privates Umfeld und meine Freunde, die allesamt der Überzeugung sind, das jede
Person veränderliche weibliche und männliche Anteile in sich trägt, ohne sich gross in Klischees zu verhaften.
Es ist angenehm einfach Mensch zu sein, unabhängig von der eigenen Definition.

Klar auch da gab es mal die Situation das einem alten Freund mein männlicher Name rausgerutscht ist.
Oder vielleicht grade deshalb weil es so ist wie oben beschrieben.
Nach einem strengen Blick seiner Partnerin kam die Entschuldigung, aber sie hat es auch einfacher, sie kennt
mich nur als Frau, oder ich sage mal meiner Verlaufsform.

Just diese Partnerin nimmt sich gar nicht so fest definiert wahr-obwohl sie in einem Augen eine sehr weibliche
Frau ist. Sie arbeitet aber auch mit Trans*kindern und hat einige Erfahrung. Indikationen stellt sie aber nicht
leichtfertig aus..

Zum anderen ist es auch meine Liebste selbst, die nun auch nicht dem weiblichen Idealbild entspricht,was ihr
Verhalten angeht-sie ist eher der "männliche" Part bei uns. Pumps oder ähnliches suchst du bei ihr vergebens und lackiert
sie sich die Nägel ist das meist mein Lack...
Aber von ihr kommen Sätze wie "leb doch einfach und gucke auf dich und nicht auf andere. Dann ist das normal."
Oder "habe Mitgefühl mit dir und dann mit anderen, dann wird das normaler, aber erzwingen kannst du nichts."

Ja, und grade der letzte Satz steht für einiges. Ich kann nicht ständig bei anderen Weiterentwicklung verlangen
und auf meinem ewig gleichen alten Standpunkt stehen bleiben-ich muss, nein ich sollte mich auch entwickeln.
Nicht nur in meinem Frau-Sein, sondern auf ganz normaler menschlicher Basis.

Manchmal frage ich mich, jetzt ohne jemand zu nahe zu treten-ist enby sein nicht das normalste auf der ganzen Welt?
Würde ein Ablegen von Masken nicht allen gut stehen?

Ach naja...

Alles Liebe Marie (flo)
I´ve known the wind so cold, i´ve seen the darkest days, but now the winds i feel are only winds of change

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